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Sisto e Sesto

Heinrich Federer: Sisto e Sesto - Kapitel 7
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typenovelette
authorHeinrich Federer
titleSisto e Sesto
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firstpub1913
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7. Kapitel

Dicht nebeneinander im Verliess liegen Vater und Sohn Peretti und schlafen seelenruhig, obwohl der Mond sich voll und dreist durchs Gitter hinein auf ihre Gesichter legt, als fände er in ganz Rom nichts, wo er seine kalte Seele besser wärmen könnte. Sie haben ihre Matten aus der Nische in den Estrich hinausgezerrt, um noch bis zur letzten Minute beisammen bleiben zu können. Der eine hält dem andern seinen Arm zum Kopfkissen unter und in so enger, herzklopfender Einigkeit haben sie auch den gleichen Traum.

Sie träumen, dass die Madonna daheim wieder ihren Schleier trage und nun vom Altar steige und den langen Weg aus dem Gebirge zu ihnen herunter nach Rom nehme. Durch die unendliche Nacht, die zwischen den Sibyllengipfeln und den Stadttürmen liegt, kommt sie fern, fern, auf einem dünnen, goldgrünen Strässchen daher, das wie ein Mondstrahl glänzt. Sie sehen nur, wie ihre Silberfüsse flink unter dem blauen Rocksaum vorwärtsschnäbeln, so flink, dass man es nicht zählen kann, und wie der Schleier gleich einem weissen feinen Nebel hinter ihr nachwallt, und wie sie gar gütig nach ihnen blickt. Sonst ist nichts als lautlose, glanzvolle Ruhe in diesem Bild.

Über Schluchten und Pinienwipfel wandelt sie so auf dem feinen Strahl, eilt siebenmal über den siebenmal geschweiften Tiber und sein urweltlich summendes Wasser, fährt nun schon ans gregorische Kastell und schiesst wie ein Blitz durch die Stadtmauer, weicht keinem Turm und Tempel aus, spaziert mitten durch die gefüllten Palazzi wie eine Sonne und gelangt jetzt schon an die Engelsbrücke. Wer kann ihr Gitter vorschieben und Schlösser vorriegeln? Sie lächelt so spöttisch als ihr Unschuldsgesicht kann und tänzelt dann mitten durch die dreimal gesperrte Brücke. Keiner der zwölf Musketiere sieht sie. Aber die Marmorengel auf den Strompfeilern klappen respektvoll, wie bei der grossen Parade an Allerheiligen, ihre Fittiche in einem Tempo zusammen und salutieren famos. Nur der älteste von ihnen kommt ein wenig zu spät, weil ihm eine der vielen Wasserschnaken gerade im feierlichen Moment in die himmlische Nase fuhr und sich fast nicht mehr herausschneuzen liess. Auch die heiligen Bischöfe und Äbte auf einigen Sockeln machten den Salut nicht mit. Sie waren mit den Armeeordres des Himmels noch nicht so vertraut wie die ewigen Engel und beugten dafür ihre bärtigen Häupter bis zum Gürtel. Aber der Erzengel oben auf der Burg senkte schweigend Speer und Waage, als wäre er einstweilen ausser Kommando gestellt.

Nun fährt sie unten durchs Burgtor, so viele Gurten und Ketten auch daran sind, in den Hof hinein. Der Torwächter schreit auf, die Schliesser laufen daher und die Schildwache marschiert klirrend auf, um die Erscheinung in Handschellen zu legen. Torheit! Die Madonna lächelt sie nur ein wenig an und da fallen Pike und Pistole wie dürres Laub von ihnen. Sie müssen niederknien und die Hände falten. Sie können nicht anders.

Nun weht sie die Gänge und Wendeltreppen herauf. Jetzt steht sie vor ihrem Kerker. Das funkelt durchs Schlüsselloch herein wie ein Stern. Die Türe springt auf. Sie wallt herein. Sie lächelt. O Gott, sie lächelt das alte, heimatliche Lächeln.

»Misericordia!« betet Sesto im Traum.

Sie aber tritt ganz nahe an die Schläfer heran. Jetzt löst sie den Schleier vom Haupt, unglaublich! und lässt ihn wie weiche, kühle Schneeflocken auf ihre fieberigen Leiber fallen. Wie das kühlt! Werdet gesund! spricht sie wie je und je am Bett der todkranken Paritonder. Wahrhaft, das hat sie gesagt: werdet gesund!

Und sehnsüchtig wie wirklich ein sieches Büblein streckt Poz'do die Hand nach ihr aus und flüstert: O Madonna Mamma mia!

Da lächelt sie schöner als zehntausend junge rosige Mütter zusammen und spricht. Gratia, figliuoli miei, gratia! ... Aber schon ist das keine Madonnenstimme mehr. Das ist wie von der Zunge des Herrgotts gedonnert.

Davon erwachen die Träumer sogleich völlig und erblicken ... den Papst!

Er steht vor ihnen im weissen Talar, in den sein aschgrauer Bart niederrieselt. Sonst ist alles weiss an ihm, das Cingulum, das Schultermäntelchen und das Tonsurkäpplein. Sogar das Brustkreuz, das er nicht an einer goldenen, sondern an einer eisernen Kette trägt, blitzt glashell von Diamanten. Aber das Weisseste von allem ist der Schleier der Madonna, der ihm vom Arm auf die Schläfer niederhängt, etwa so wie ein lichtes Kirchenfähnlein tröstlich aufs Volk herabschaut. Zwei Fackelträger stehen recht und links vom Papst, dahinter der Kommandant der Festung mit vielen Schlüsseln und Don Zaccaria und einige Nobelgardisten.

Poz'do sperrt die wasserdunkeln Augen gewaltig auf, kann dies grosse, weisse Bild nicht auf einmal fassen und schreit wirren Sinnes: »Ist's schon Zeit zum Sterben? ... Vater, sieh auf!«

»Misericordia!« ruft Sesto zum zweitenmal und jetzt weiss er klar, was und wem er es sagt.

Schon lange hatte der Papst vor ihnen gestanden und ihre Gesichter studiert. Ja, das ist sein Bruder mit der zweimal gebogenen Perettinase, der überhohen Stirne, von der so buschig, fast in die Augen hinein, die Brauen wachsen, und mit dem harten, starken, steinigen Hinterkopf. Und das ist sein Nepot, dieser lange, magere Knabe, mit noch tiefern Brauen, noch kühnerer Nase, noch wilderem Hinterkopf und mit dem wölfischen Gebiss, dessen obere Reihe er hart ins Kinn hackt. Das sind sie, das sind sie! Nur die gespaltene volle Lippe und das rötliche Strupphaar ist ihm fremd. Das und auch ihren Riesenwuchs müssen sie von einer stürmischeren und wuchtigeren Mutter her haben. Aber alles andere ist Familiengut. Es sind Peretti. Er fühlt es deutlich am eigenen Leib, das ist sein Fleisch und Blut.

So wie dieser Mann sah vor fünfzig Jahren unser Vater aus, sagte sich der Papst, als er von mir Novizlein unterm Kreuzgang in Montalto Abschied nahm. Ich sah ihn nie wieder. Und so wie dieser Jüngling habe ich damals selber ausgesehen, kleiner zwar, aber auch mit meinen frischen fünfzehn Jahren schon so mager vom Hungern und schon so verzehrt vom Drang und Eifer nach etwas Besonderem. Auch die Zähne biss ich so ins Kinn, weil ich nicht wusste, wohin mit aller Kraft. Und so ein mutiger Tag und so eine sichere und tiefschlafende Nacht blitzten damals auch noch aus meinen von Welt und Weisheit unbestaubten Knabenaugen.

Aber nein, so schmal war ich doch nicht, selbst als Bettelschüler in Ancona nicht wie der Bub da. Auch so zerworfen trug ich nie mein Haar und Habit und so vergrübelt nie meine Stirne, wie diese armen Genossen. Schau, schau, nicht der Alte, auch der Junge hat schon Narben ins Gesicht gekerbt. Das kommt von der Wildheit ihres Lebens. Aber warum kamen sie denn auch nicht aus ihrer Verwahrlosung heraus zu mir und holten sich Geld und schöne Kleider und ein fettes Amt oder ein Futterplätzchen und dazu den Hut der Cavalieri? ... Diese Rauhen, diese Stolzen!

Was krampfen sie denn da in den Fingern? Zünde näher, Diego! Gott Italiens, ist es nicht ein Brocken Erde und ein grünes Laub von daheim? Wahrhaft, einen Fetzen Heimat und Freiheit haben sie im Gefängnis behalten und lassen ihn nicht aus der Faust. O Jugend, o Vaterland, o Liebe, wie geschieht mir!

Dem alten Papst wird immer seltsamer. Diener und Schmeichler und Künstler und Kämpen kann er genug haben. Aber bei diesem Pack ist alles nur Ehrfurcht, Pflicht, Gewohnheit und alles ist darum kalt wie der Marmor des Vatikans. Und das macht unsereinen wohl so hart, so streng, so herrisch. Wenn ich doch nur immer so etwas um mich gehabt hätte wie hier, etwas so Freies und Strammes in aller römischen Weichlichkeit, und etwas so Zutrauliches und Herzliches in aller Heimatlosigkeit des Hofes, etwas, was so Hände voll Jugend entgegenstreckt wie dieser erwachende Jüngling und so in süssester Verwechslung von Erde und Himmel schreit: Madonna Mamma mia! ... und wieder etwas, was so sehnsüchtig ruft: Misericordia! mit einer Stimme und einem Blick, die mir warm machen, die von mir fordern dürfen, wie Bruder vom Bruder alles fordern darf, ... etwas, das ich duzen könnte von Seele zu Seele, ach, bis heute fand ich's nicht. Nun ist es da, hier zu meinen Füssen. O Liebe, späte Liebe, was machst du aus mir?

Sixtus kann nicht anders, er muss in die vier wunderlich offenen Augen, die zu ihm aufstarren, zweimal und dreimal rufen: »Gratia, figliuoli miei, Gratia!«

»Der Onkel, Vater,« jubelt jetzt Poz'do, »der Onkel Papst!«

»Ich bin's, ja, ich bin's,« beschwört Sisto, ... »aber die Madonna ist's, die euch rettet. Ich allein könnte es nicht. Ich bin nur ein Mensch wie ihr; dein Bruder, Sesto, ... dein Onkel, Poz'do, wirklich und wahrhaft!«

Und damit sie es sicher glauben, kniete der heilige Vater nieder zu den zweien und küsste Bruder und Bruderssohn innig auf Mund und Wangen, wie Christus einst den Petrus und Johannes geküsst hatte.

»Habt keine Angst«, fuhr Sisto kniend fort. »Hier bring ich euch den Schleier der Madonna, weil ihr am Sterben waret. Sie schickt mich, dass ich euch ihr Lächeln und damit die Gesundheit bringe. Wohlan, das Leben ist euch geschenkt, ihr seid frei! Nehmt den Schleier und traget ihn euerer Madonna zurück!«

Nach diesem Augenblick wehrlosen Herzens erhob sich der Papst langsam, sah seine Umgebung wieder und gewann allmählich seine knochenfeste Haltung und die gewohnte pontifikale Würde zurück. Doch schien sein ganzes souveränes Gehaben wie durch so einen Madonnenschleier gemildert zu sein. Seine imposante Stimme, die auf den jungen Poz'do mehr als alle übrige Majestät des Onkels Eindruck gemacht hatte, rollte jetzt wie ein ferner, aber keineswegs unwirksamer Donner über ihre Köpfe:

»Die Madonna hat euch gerettet, ich allein konnte es nicht. Lasset mich das wiederholen! Aber auch sie kann es vor ihrem Sohn, dem Jüngsttagrichter, nur verantworten, wenn ihr nun eine würdige Sühne leistet.«

»Che si, o che si!« tönte es hoch wie Trompete und tief wie Posaune mit beschwörender, unüberwindlicher Gläubigkeit zu ihm empor.

»Ihr habt eine schwere Schuld zu büssen. Wohlan, ich weiss jetzt wie. Da habt ihr ja eine Erdscholle und eine Pflanze in der Hand. Gut, das sei euer Wappen, Cavalieri di Terrapianta! ... Ihr wisset, die Heimat, woher diese Scholle stammt, liegt von Krieg und Teuerung und von der Faulheit vieler, aber auch von eueren wilden Sünden wie eine Wüste darnieder. So gehet denn und sammelt eure Spiessgesellen und reutet und bebaut den armen Boden, leget Äcker an und pflanzet Förste und säet Korn und Klee und Hirse und dämmt die Bäche und haltet eine schöne Zucht von Vieh und wehrt dem Raubtier sowohl oben im Gebirge, als auch, wenn es sich wieder rühren will, in euerem rauhen Herzen! Das gibt ein schweres Leben und ihr müsst schwitzen und bluten, wo ihr früher Schweiss und Blut von anderen abgefordert habt. Aber es ist ein tapferes Leben, ein rechter Ritterberuf der Cavalieri die Terrapianta und macht euch froh und euere Kinder und Kindeskinder lachen. Im Namen der hochheiligen Madonna! wollt ihr?«

»Ja, heiliger Vater, ja, Onkel Papst, wir wollen, wir wollen, ... sogleich ans Werk und immerfort dabei!«

Sie sprangen empor, als ginge es mit zwei Schritten in die sibyllinischen Täler hinauf. Aber sogleich fielen sie in die Knie zurück. Denn die Fussketten von Knöchel zu Knöchel hemmten sie noch.

»Nicht zu hitzig, Brüder,« mahnte Sixtus mit einem leisen Anflug von Spass. »Da wollt ihr ja ungesegnet vom Statthalter Christi rennen und habt doch den Segen nötiger als irgend eine arme Seele. Empfanget ihn jetzt wie brave Christen, das übrige«, er wies auf die Fesseln, »wird sich dann leicht machen.«

Darnach empfingen sie unter Fackelschein und Kettengeklirr demütig den apostolischen Segen. Die sozusagen mitgesegneten Fusseisen legten sie der Madonna daheim zu Füssen, und wenn man später in den Abruzzen »Maria von den Ketten« sagte, wusste der hinterste Mensch, was da für ein Gnadenbild gemeint sei.

Und nun ward landauf, landab eine grosse Sühne mit Gertel und Axt geleistet. Das nötige Geld und Geschirr, Gesäm und Zugtier schenkte der Papst, und droben von Spoleto und Foligno weg bis unter die erstaunten Steingesichter der Sibyllen ging ein Geschaufel und Gehämmer los, als müsste man in unseres Herrgotts Taglohn ein zweites Paradies für ein neues Menschentum einrichten.

Ein Paradies erblühte nun gerade nicht. Auch blieb es beim Adam und der Eva der alten Weltordnung. Doch ward die finstere Wildnis zu einem gedeihlichen Milch– und Obstland umgeschaffen und auch die dunkle Seele dieses Menschenschlages nahm ein zahmeres und helleres Wesen an. Die Männer wurden weiblicher, was reichlich not tat, das heisst, sie lernten nach dem herzlosen Hammerschlag des Werktages abends mehr und mehr die Süsse des Feierabends, die Erquickung des Weibes und den Segen ihres stillen, guten Herdes lieben. Und die Frauen wurden männlicher, was ebenso dringend geboten schien, das heisst, sie zogen keine Hosen an, sondern klopften vielmehr die Hosen ihrer vier– und sechzehnjährigen, schon flaumbärtigen Buben nach jedem Übermut noch weidlich durch. Diese Frauen merkten, je grösser der Garten, je schwerer der Kellerschlüssel und je appetitlicher die Küche wurde, auch immer greifbarer, was sie in Wahrheit zu bedeuten hätten, und die wackere und kettensprengende Tat der Madonna, die doch auch eine ihres Geschlechtes war und alles Mannesvermögen nur mit einem Lüftlein ihres Schleiers übertrumpft hatte, gab den Abruzzinnen noch den letzten und besten Stoss aus dem ehemaligen Mägdetum heraus in ein achtbares und kräftiges, wenn auch immer noch durch Rock und Zopf und andere Vorsicht der Natur im Tempo geregeltes Mitregententum.

Kaum was Sesto wieder im Land, so stellten sich auch gleich die alten Rauf– und Raubgesellen unter ihren geliebten, alle überragenden Häuptling, um Segen zu säen, wie sie früher gefrevelt hatten. Dolch und Degen wurden jetzt buchstäblich in friedliches Feldgerät umgegossen, wie es in der Bibel steht. Wo man mit einem wilden Baron oder Bergtyrannen seine Abenteuer ausgefochten hatte, da focht man jetzt mit einem herrischen Wildwasser auf Tod und Leben. Und wo man eine geizige Krämerbande bis auf die Nähte ausgeplündert hatte, da raubte man jetzt die noch viel geizigere Erde bis auf den Grund aus. Und was man so oft aus verriegelten Palästen gestohlen, das holte man jetzt an Metallen und Kristallen aus kostbaren Steinbrüchen. So geschah es, dass, wo einst viel gehungert worden, man guten eigenen Wein und selbstgebackenen Fruchtkuchen genoss und am Sonntag von geräucherten Hammelkeulen seine nicht zu sorglich bemessene Portion schnitt oder zum Vespertanz der hübsch gekleideten Töchter und Söhne Romanzen sang vom Jüngling di Lossa, vom treuen Paar Rufa und Brigone aus Nursia und andere Sagen, und dass einer die Gitarre dazu zupfte oder den göttlichen Dudelsack blies. Und man durfte wohl so festlich tun. Denn wenn einer vom hohen, heimatlichen Bergfenster in die Täler hinabschaute, da sah er das liebe Land blau von Wald und gelb von Korn und grün von Gärten und selig vom Lachen der Menschen.

Auch der alte da Dia nahm auf seine Weise an den Fortschritten der Kultur teil. Er ward nämlich Kanonikus von Spoleto und fuhr von Zeit zu Zeit in einem sehr langen und sehr violetten Prälatenmäntelchen nach Surigno hinauf zu seinem ehemaligen Pfarrer, der ihn früher immer ein bisschen als seinen Untergebenen geplagt und beim gemeinsamen Mittagessen mit einem geringern Wein hatte bedienen lassen, aber ihm jetzt als einem viel Höhern unter die Haustüre entgegen gehen und jedesmal einen Ehrenwein kredenzen musste. Diese Bosheit hätte man da Dia nicht zugetraut. Es war auch seine einzige.

Paritondo blieb wohl ein kleines Dorf. Wie könnte man sich so hoch am Fels oben zu einer Grosstadt ausbreiten? Und ist das nötig? Genug, dass seine Wohnungen schmucker wurden, und seine einzige Gasse ein Pflaster bekam, worauf die sechzig Holzschuhe der Kinder und die sechsmal sechzig Ziegenhufe wundersam in der Morgenfrühe durcheinander dorfaus klapperten. Auch wuchs hinter jedem Haus ein Garten mit Kürbissen und wilden Trauben und Kirschen. Und die Buben brauchten am Samstag – denn früher taten sie es auch nach dem grossen Wandel der Dinge nicht! – ihren Strubelkopf nicht mehr im Paritonder Bach zu waschen, sondern sie tauchten ihn mitsamt seiner blitzäugigen Schlingelhaftigkeit von nun an bis tief zum Halszäpfchen in einen grossen siebenröhrigen Brunnen vor dem Kirchlein. Aber das feinste von allem war doch, dass die Madonna wieder ihren Lilienschleier trug.

Sixtus V. aber kränkelte drunten im heissen Rom ganz insgeheim immer etwas ernstlicher und starb dann etliche Monate später eines ziemlich raschen und für die meisten Römer unerwarteten Todes, nachdem er noch bis in die letzten Tage gehofft hatte, doch noch das grosse, aber immer noch so ferne Jubeljahr 1600 ankündigen zu dürfen, wo es weder Rad noch Galgen, aber viel Verzeihung geben sollte. Er hatte kaum sechs Jahre, aber freilich gewaltig mit den Petrischlüsseln geklirrt. Da kränkte es ihn denn doppelt, dass dennoch in den letzten Zeiten in Rom herumgemunkelt und von den Höfen hin– und hergeschrieben wurde, auch dieser Papst übe das Ansehen der Person und drücke zur Sünde seiner Lieblinge geduldig ein Auge zu. Aber er tat nichts dagegen, vielleicht weil er es als Strafe für frühere Überstrenge hinnahm, vielleicht auch ahnte er doch wie alle grossen Menschen manchmal, wie nahe ihm schon der allmächtige Schnitter sei, ob er auch immer noch wie drei Gesunde im Weltacker säte und pflanzte und reutete.

In seinen letzten Stunden umnebelten ihn die Fieber zum erstenmal in seinem so kühlen Verstandesleben und da meinte er zwischen dem Stempel der Kanzlisten und dem Kutschenrollen der Ambassadoren und dem Geknister der Kardinalschleppen etwas zu hören, was ihm jetzt tausendmal schöner klang: das Korn der Abruzzentäler wogen, den Ölbaum bis zu den Gräten der Apenninen rauschen und die Kelter der spoletanischen Dörfer an allen Enden klappern.

Er lag am gewohnten Fenster seines Schreibzimmers, und durch die Wirrnis der letzten Züge, wo es wie vielerlei Wolken vor seinen Augen auf– und niederflatterte, meinte er immer etwas Hohes, Gipfliges, Schimmerndes zu sehen.

War es denn dieser ewige, nachgerade langweilige Obelisk vor den Fenstern?

Oder war es eine Zinke der Abruzzen? So oft er näher zusehen wollte, schossen neue Nebel ins Bild und überbordeten alles. Aber jetzt, blick' schnell hin, öffnete sich das Gebräue ein wenig. Wirklich, er stand auf einem wolkenumbrandeten Berg und sah bald da, bald dort durch einen tiefen Schlitz wohlbekannte und doch schon so ferne Stätten. Eja, das war ja die Vergangenheit. Sie wollte sich noch einmal in der grossen Seele dieses Mannes abspiegeln, ehe sie sich wieder für lange mit tausend kleinen Scherbenbildchen begnügen musste. Aber durch jede Aussicht schimmerte dem sterbenden Papst immer geheimnisvoll dieses Hohe, Helle, Spitze wie ein gewaltiger Finger entgegen.

Es grüsste jener junge Tag zu ihm herauf, wo ihn die Brüder zum Prior von Montalto erkoren. Ach ja! Das ist nun wohl das spitze Klostertürmchen ... Oder ist es noch die spitzere Zypresse, die Sesto jetzt wie einen König unter das Krüppelgehölz der Abruzzen pflanzt? ... Und nun kommt der Tag, da Sixtus Bischof von Sant' Agatha wird. Ecco, das ist ja das Spitze: eine doppelgehörnte silberdurchwirkte Inful, die ihm der Kardinal von Bologna damals aufs gesalbte Haupt setzte ... Oder, oder? Ist es am Ende nicht eher die Zipfelmütze des übermütigen Poz'do oben bei den Sibyllen ... Riverenza, da naht als prachtvolles Finale der Tag, wo ihm die Tiara aufgelegt wurde, diese Kronenkrone mit ihren Triumphen über die drei Heinriche Frankreichs, aber auch mit ihren nutzlosen Winken an die blonde, treulose Tochter Englands; mit ihren Eroberungen im Osten der Welt, aber auch mit ihren Verlusten im Norden Europas; diese Krone voll Sieg und Niederlage, voll Schimpf und Ehrenmal, dieses Ärgernis und diese Glorie der Welt. Ist es wohl diese Kronenkrone, die so licht über sein Fieberbett emporragt, oder ist es nicht vielmehr ein schlanker, zarter Madonnenkopf mit einem wehenden Schleier und dem Willkommen: Ave, Papa, ave figlio mio!?

Nein, das ist nicht mehr Fieber, er hört das wirkliche römische Aveläuten. Hundert Glocken singen es über- und untereinander. Ave hier, Ave dort, Ave von allen Winden. Das zwitschert durch die dunkelnde Luft wie von unzähligen Engelchen, alles kleinen liliengrüssenden Gabrielenengelchen, die das Gutnacht der Himmelskönigin und ihres Kindes der Menschheit in die Finsternis hinabspedieren müssen. Ein süsses, federleichtes, seliges Ave! Und die Menschen geben es zurück, hängen es jedem der Geisterchen an die Schwinge. Aber es ist ein anderes, von Erde beschwertes, dunkles, flehendes Ave, so dass die Gabrielchen es viel langsamer hinauf– als hinuntertragen. Ave Maria, gratia plena! ... Voll der Gnaden! O Gott, wie ist der eiserne Mann, dem selbst der Tod kaum ein Tröpflein Schweiss aus dem Stirnhaar treibt, wie ist er doch jetzt um jedes einzelne Fünklein Gnade froh, das er im Leben entzündet hat, zehntausendmal froher, als wenn er alle Obelisken Ägyptens nach Rom geschleppt oder sogar das heilige Land erobert hätte! Gratia plena! Ahi, wenn er jetzt nochmals von vorne anfangen könnte, dann wollte er Sixtus der Gnädige heissen. Das bleibt ja nun doch von allem Getöse allein übrig und gilt allein noch: die Gnade.

Immer höher sieht er das Madonnenantlitz, immer weisser den Schleier. Es geht in die obersten Wolken und saust und braust ihm ins Ohr wie Wind der Ewigkeit. Er hört nichts mehr von Welt, verliert Halt und Stand und jedes Gefühl, schliesst schwindelnd die Augen und schaudernd die Seele und versucht nur noch ein letztes Mal mit den halbstarren Lippen zu betteln. Gratia!

Ein Kanonenschuss von der Petersburg, schwarze Fahnen von allen Giebeln. In der Sixtinischen Kapelle ruft der Kardinal Camerlengo: »Betet für unsern verstorbenen Papst Sixtus den Fünften!...« »Der Herr gebe ihm die ewige Ruhe!« antwortet der purpurne Chor und murmelt es weiter endlos durch die grosse hirtenlose Herde der Welt.

Das ist die Geschichte von Sisto und Sesto, und ich habe weiter nichts beizufügen, als dass Sesto nicht bloss Sisto, sondern noch drei Päpste überlebte, so gut und gesund haushaltete er. Poz'do aber überlebte sieben Päpste und drei tüchtige Ehefrauen und war als Witwer unter den siebzig Kindeskindern immer noch derjenige Peretti, der am schnellsten bergauf sprang, am sichersten auf den fliegenden Häher schoss, allein von allen, ohne auf die Zehen zu stehen, ans Kirchendach langte, aber auch am Sonnabend mit dem tiefsten und frömmsten Bass aller Abruzzenbässe der Jungfrau im Schleier die Litanei vorsang.

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