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Sisto e Sesto

Heinrich Federer: Sisto e Sesto - Kapitel 6
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typenovelette
authorHeinrich Federer
titleSisto e Sesto
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firstpub1913
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6. Kapitel

Noch sehr spät, als die Laternen auf der mittleren Engelsbrücke schon gelöscht waren, rannte der spindelbeinige, kleine, zarte Doktor beider Rechte Vincente Mione in den Vatikan, ein Jurist, der von der Kurie wiederholt in heikeln Prozessfragen beraten worden war, und heischte dringend und um jeden Preis den Zutritt zum Papst, auch wenn Seine Heiligkeit schon zu Bette gegangen wären, was er übrigens nicht glaube, da er vom Petersplatz das Lämpchen im päpstlichen Studierzimmer noch deutlich bemerkt habe, und da männiglich wisse, dass Sixtus nie vor Mitternacht den Schlaf suche. Als es dem Dottore dennoch nicht gelingen wollte, den Durchpass zu erzwingen, zog er kurz und gut ein federleichtes Tuchpäcklein und einen dickversiegelten, mit derben Daumennägeln petschierten Brief aus dem Magistermantel und sagte: »So bringt wenigstens das noch dem Papst! Es betrifft Seiner Heiligkeit armen Bruder.«

Binnen kurzem ward der Doktor ins Schreibzimmer verlangt und vom Papst, der ohne Sandalen, barfuss am Pültlein stand, und vom Kerzenschein oder von der Aufregung oder auch vom tagüber tapfer verstellten, aber in überwachter Nacht ganz offenbaren Herzleiden ein fahlgelbes, schwerkrankes Gesicht zeigte, ganz gewaltig angefahren:

»Warum bringt Ihr mir dieses Schreiben erst jetzt, unglücklicher Mann? So redet doch.«

»Don Dia wollte es so haben,« versetzte der dürre Paragraphengreis, der eigentlich selbst nichts anderes als einen von den vielen mageren Paragraphen seines Faches vorstellte. In voller Ruhe fuhr er fort: »Erst wenn es mit den Gefangenen schlimm würde, sollte ich Euerer Heiligkeit diese Sachen bringen. Nun habe ich soeben auf dem Heimweg vom Archiv der Konsulta den Anschlag an der Kirche Santa Maria Maggiore gelesen. Da war kein Atem zu verlieren. Ich holte Brief und Säcklein des alten da Dia und da bin ich.«

»Wer ist dieser da Dia? Woher kennt Ihr ihn?«

»Er hat mit mir in Perugia Latein studiert und ...«

»Ein barbarisches Latein, fürwahr«, konnte sich Sixtus nicht versagen, mitten in einer Sache auf Tod und Leben einzuflicken. »Wie kann einer sepuluit statt sepelivit schreiben?« tadelte er mit der ganzen Gekränktheit seines klassischen Empfindens.

»Dieser Mann ist verbauert. Euere Heiligkeit mögen bedenken, dass da Dia seit vierzig Jahren in den obersten Abruzzen pastoriert. Das ist kein Garten für Cicero–Perioden.«

»Dottore! Zur Sache!«

»Vor zwei Wochen war der alte Pfarrer bei mir. Gott weiss, wie er so weit herkommen und einen Advokaten meines Namens ausfindig machen konnte. Denn weder sein Latein, noch sein Italienisch klang den Hiesigen verständlich. Und kaum dass er mir die zwei Sachen gegeben und gedankt hatte, ist er auch schon wieder verschwunden. Diese Abruzzenkinder bekommen ja alle gleich Heimweh in der Stadt. Aber das rief er mir noch ernstlich nach: Erst wenn es ans Blut ginge, möchte ich Euerer Heiligkeit diese Dinge abgeben.«

»Kennt Ihr den Brief?«

»Nicht vom Skriptum! Doch hat da Dia in seinem Kauderwelsch mir das Primo und Secundo und Tertio ordentlich klar gemacht.«

»Und was meint Ihr dazu? Redet bündig, es ist Schlafenszeit!«

Durch den braungemeisselten Greisenkopf schoss ein Funke jener genialen Schlauheit, die so selten und nur in grossen, kühnen Augenblicken Feuer fängt. Seitdem Mione da Dias Auftrag besass, stand es bei ihm fest, dass er die Rettung der zwei Peretti mindestens probieren wolle. Nicht aus alter Kameradschaft zum Kumpan von Perugia, und nicht aus irgend einer Freundlichkeit für die beiden so interessanten Häftlinge, sondern allein aus einem glühenden und hochragenden Ehrgeiz heraus, seine juridische Kunst auf die höchste, menschenmögliche Wirkung emporzuschrauben. Aus dieser Gier heraus hatte er sich immer lieber den schwierigen als den leichten Rechtsfällen zugewandt und den siegreichen Sachwalter in geradezu halsbrecherischen ja, schier unmöglichen Causis gemacht. Man sagte ihm nach, er könne weiss als schwarz und schwarz als weiss beweisen, und wenn er einem Eilenden dartue, dass er stehe, statt zu laufen, glaube es dieser und fange an zu galoppieren. Dem Mione war denn auch schon Grosses gelungen. Er hatte Leibeigene aus der Fron der Massari, dieser härtesten aller römischen Herren, befreit; Landgüter den Colonna abgestritten und für die Borghesi erobert oder auch umgekehrt, als wäre die Erde sein; Gottesleugner überführt, dass sie einen Muttergottesaltar gelobt hätten, und ihr nun gar ein Kirchlein bauten; oft war er schief, oft gerade gegangen, aber immer sieghaft. Nur eines war ihm noch nie gelungen, den starren Papst Sixtus aus der Strenge zu werfen und ihm dort, wo man zwischen Schafott und Gefängnis und zwischen Gefängnis oder Geldbusse oder endlich zwischen Geldbusse und blossem Verweis füglich wählen konnte, den mildern Entscheid abzuringen.

Es kam dazu, dass Mione ein alter Römerbürger war und eigentlich jeden nichtrömischen Papst als Fremdenherrschaft betrachtete. Besonders hasste er wie übrigens seine ganze Gilde die seinem römischen Rechtsempfinden und den städtischen Privilegien so feindliche bauerngrobe Justiz des Papstes, und so hoch er das Amt ehrte, so wenig konnte er sich mit der rauhen und harten Amtsführung befreunden. Nichts hätte er daher lieber gesehen, als wenn Sixtus einmal über seinem Herzen und damit über einem festen Kanon seiner Rechtsordnung gestrauchelt wäre. Dann hätte der Papst den Ruf des Unparteiischen, auf den er wie ein Fels pochte, sogleich verscherzt. Denn dieser Fels hätte einen Sprung bekommen und damit den Glauben an seine Unüberwindlichkeit verloren. Eine Spalte reisst hundert Sprünge nach sich und lockert das ganze Gefüge. Sixtus als ein kluger Mann würde nach einem solchen Fall sich der Politik der Milde zuwenden, um mit seinem Ansehen nicht zwischen Tisch und Bänke zu fallen.

Bis heute hatte Mione schon oft Gelegenheit gehabt, einen Versuch an diesem Felsen zu machen. Aber er hatte ihn nie auch nur leise spalten können und gab die Hoffnung allmählich bei seinen hohen Jahren auf.

Aber da kam es noch einmal wie ein grosser Wink an ihn, als da Dia ihm sein so karges und so hilfeschreiendes Brieflein vorlas und den Schleier der Madonna aus dem Paket zeigte. Jetzt fing ihn dieser Fall Sisto e Sesto, unter welchem hübschen Wortspiel der Prozess in allen Sälen und Höfen Roms längst verhandelt wurde, auch zu interessieren an. Da bot sich ja nun eine letzte, gottgegebene Probe seines Genies am Genie des Papstes. Hier spielten Familienblut und Heimatliebe in die Sache, und aus aller Roheit und Verwüstung des Gewissens schimmerten die goldenen Spuren eines ungepflegten, aber wahrhaft kindlichen Glaubens und zogen einen eigentümlichen Heiligenschein um die armen Sünder. Alles aber, was noch nicht sauber war, deckte und überschimmerte dieser mystische Madonnenschleier. Hatte ja doch selten ein Papst der Himmelskönigin so viel Treue und Verehrung bewiesen wie gerade der männlich schroffe Sixtus.

Mit einem weinerlichen oder trotzigen Gefecht von Paragraphen war, wie Mione den hohen Gegner kannte, nun einmal nicht gegen das angeschlagene Urteil aufzukommen. Solch Gebaren würbe Sixtus nur verhärten. Nein, Mione wollte einmal seine gesamte Pandektenschlauheit gleichsam auf den Kopf stellen oder doch ins Simple kehren und den Papst von seiner eigenen Position aus anpacken, indem er noch viel strenger als der Gestrenge und noch viel päpstlicher als der Papst plädierte und jede mildere Auffassung oder auch nur die päpstliche Befugnis dazu hochmütig verrammelte und im übrigen das Gefühl als eine Bagatelle leichthin abfertigte. So wollte der abgefeimte Advokat den grossen, geraden Papst zum Widerspruch reizen und in die Opposition bis unter das Fähnlein der Milde treiben.

All das legte sich der Alte jetzt vor und ordnete es der Reihe und dem Werte nach mit der sichern und schnellen Logik eines erfahrenen Juristen. »Einen gütigen Augenblick, Heiliger Vater«, hatte er gebeten, und sich dann mit gespreizter Rechthaberei und gegen alle Sitte, als ware das so für seine Sprachkünste nötig, ungeladen auf das nächste niedere Samtstühlchen geworfen, wobei er den Ellbogen auf die Knie stützte und mit den Händen das unfassbar feingehobelte Gesichtlein nachdenklich deckte. Sixtus hörte fünf oder sechs schwere Atemzüge, von denen jeder einen Kodex des römischen Rechts aus dem Busen heraufpumpen mochte. Dieses Schauspielerische missfiel seinem sachlichen Sinne stark, und gleich schon zum voraus ein weniges gegen das, was nun käme, eingenommen, klopfte er mit dem Knöchel seines kurzen Zeigfingers aufs Tischlein und rief: »Nun, nun?«

»Erlauben Euere Heiligkeit,« bat jetzt mit zuversichtlicher Stimme und gar nicht scheuen Augen gegen den Papst hin der alte, helle Schläuling, »dass ich den Brief des biedern da Dia zur bessern Vergegenwärtigung des Pro und Contra lese, vielleicht laut vorlese!«

»Avanti!«

»Euerer Heiligkeit unwürdiger Knecht im Weinberge des Herrn, Donaldi da Dia, Hilfsgeistlicher von Surigno und Paritondo, hat in den schweren Unfall der beiden Signori Peretti nur drei Dinge zu sagen. Dann ist seine Seele salviert.

Primo: Am Tage der heiligen Justina, Martyrin, 1576, habe ich den alten, armen und immer verschwiegenen Gianbattista Peretti, aliis verbis: Euerer Heiligkeit väterlichen Erzeuger, in Paritondo begraben ... sepului«

»Sepelivi,« korrigierte Sixtus flink.

»Schon dieser Gianbattista ist unter die Briganti geraten, und ditto sein Sohn und Enkel, woran nicht eine böse Natur in ihnen, sondern allererst, wie ich seit fünfzig Jahren erlebt habe, die Fron und Tyrannei der Landesherren schuld ist. Im Hunger und in der Verzweiflung haben sie erst zu räubern begonnen, dixi!«

»Weiter, weiter!« forderte Sisto.

»Secundo: Am Tage der heiligen Rosalia von Palermo anno Domini 1586, zur Zeit der grossen Teuerung, hat Sesto Peretti, aliis et expressis verbis: Euerer Heiligkeit Bruder, den Schleier der Madonna, den ich hier im Paketchen beilege und worauf Paritondo stolzer als auf seine Berge ist, mir, Donaldi da Dia, zuhanden der Gräfin Maria di Montasio übergeben. Dafür musste die hohe Frau zahlen: vier Fass Fett, zwölf gemästete Schafe, fünfzehn Ballen Leinen und eine Tonne Olivenöl, sowie vier Fuhren Gerste. Das wurde, ohne ein Schlecklein wegzunehmen, in Bausch und Bogen der von der Pest verseuchten und völlig ausgehungerten Nachbarpfarre Surigno überlassen, nebst achtzehn Wagen Holz und Streue von der eignen Paritonder Armut und mit zwei Krankenwärtern und einem Totengräber aus der eigenen Familie. Die Paritonder hungerten und froren in diesem Winter für ihre noch ärmeren Brüder. Den überköstlichen Schleier hat mir die Gräfin mitsamt ihren eingestickten Wappen geliehen, damit ich ihn als Zeugen meiner Worte Euerer Heiligkeit unterbreite. Ist er nicht schön, Heiliger Vater? ... Seitdem ist die Madonna von Paritondo freilich ohne Schleier. Aber sie lächelt immer noch wie früher. Wenn einer leidet im Ort, so trägt man ihm die Madonna ans Bett, dass er mit diesem Lächeln leicht stirbt oder gesundet. Dieses Lächeln der Madonna sende ich Euch, Heiliger Vater, mit dem Schleier und bitte, gebet es weiter Euerem Bruder und seinem armen Kind, damit sie gesunden und damit Maria auch Dich, strenger, heiliger Herr, anlächelt, ... ut tibi arridet!«

Mione hielt an, aber Sixtus korrigierte den groben Fehler nicht. Es schien, er habe nunmehr viel schwerere Dinge als lateinische Modi auszubessern.

»Das ist alles, was ich zu sagen habe ... oder doch: Tertio ...

Tertio: dass Sesto Peretti, Euer Bruder, seit zweiundzwanzig Jahren Sakristan von Paritondo war, der geschickteste Kerzenanzünder und sauberste Messdiener im Land, der auch alle Samstage den Rosenkranz und die Muttergotteslitanei vorgebetet hat wie ein Cherubim. Und bei solchem Werk haben sie ihn überrumpelt und nach Rom geschleift ... Geschrieben von Don da Dia, Donaldi, sacerdos.«

Es ist nicht zu sagen, mit welcher Gaunerei der geriebene Alte dieses rührende Schriftstück las, die Worte der Verwandtschaft zog er respektvoll in die Länge, aber schnatterte dafür den Bericht vom Schleier wie einen dummen Schwatz herunter. Ja dort, wo vom Totengräber die Rede war, schlug er mit dem dürren Finger ein Schnippchen und giftelte drein: »Was ist das Besonderes? Die Toten muss man doch begraben.« Die naiven Zeilen vom Madonnenschleier las er mit Spott und lächelnder Stimme. Mit einem gefühllosen Tone haspelte er die Unterschrift herunter und sagte dann mit essigscharfer Miene: »Mir scheint, hier ist nichts mehr zu sagen als: fiat iustitia! Mord ist Mord! Daran ändert kein Madonnenschleier etwas. Man möchte ja wohl schier weich werden bei dieser kindlichen Briefschreiberei. Aber spricht da nicht eher Dummheit als Einfalt aus dem Papier, so entzückend ... Pastorale con flauto ... es etwa auch klingt?«

Der Papst war noch ganz erfüllt und warm vom Briefe. Er hörte ihn völlig anders als Mione ihn las. Aber er merkte die Ungezogenheiten des Lesers gut genug und spürte in ihm mehr und mehr einen Feind des Briefes heraus. Immer unangenehmer ward ihm Mione und immer mehr entfernte er sich im Geiste vom schlimmen Leser weg und zum guten Schreiber hinüber. Doch als Mione von Dummheit sprach, zitterte das feine Furchengewebe in der päpstlichen Stirne auf und nieder. Der Zorn, wie eine grosse Spinne irgendwo in der tiefsten Falte versteckt, brachte das Netz so in Erregung. Mit innerlichster Freude beobachteten die grünen Äuglein des Advokaten diese Wandlungen. Da aber Sixtus sich zum Schweigen zwang, fuhr Mione mit gutgespieltem Pathos fort.

»Wo käme die Gerechtigkeit hin, wenn ein tüchtiger Kerzenanzünder dafür ebenso viele Menschenkerzen auslöschen dürfte? Oder wann eine hübschgesungene Litanei jedesmal einen greulichen Mord überschriee? Nein, erhabener Herr, hier gibt es kein Ecklein für die kleinste Gnade.«

Sixtus winkte hastig, weiter zu fahren.

»Es ist wohl wahr, diese Unerbittlichkeit trifft Euerer Heiligkeit nächstes Fleisch. Aber was ist Halbbruder? Ist das noch Bruder? Ich sage nein. Ein Bröcklein vom gleichen Vater und eine ganze Blutschwemme von der neuen Mutter, so dass jenes Inselchen Ähnlichkeit von diesem Meer der Fremde und Kälte im Nu verschluckt ist. Nun gar erst, wenn so ein Mensch ...«

»Dottore!«

»Wenn der wilde Vagabund sich ein Menschenalter hindurch nie um seinen erlauchten Verwandten bekümmert hat und stolz für sich hinlebte, bis jetzt, gerade jetzt, wo er ihn fein profitieren kann, ah, da gibt es kein ius fraternum mehr. Überhaupt: kann ein Papst Verwandte, kann er Vater, Mutter, Bruder oder Schwester haben? Ich sage nochmals nein. Ein Papst ist einsam. Entweder er hat keinen oder die ganze Welt zum Bruder. Das ist sein Los. Wir andern Menschen,« plauderte Mione hier mit boshafter Herzlichkeit weiter, »ja, wir nisten uns in die Liebe von Vater und Mutter wie junge Vögel und wir küssen den teuern Bruder und umarmen die unvergessliche Schwester und wir bleiben bis zum Tode ins gleiche innige Fleisch und Blut verliebt. Und wir sind selig und stolz darin. Aber«, fiel er plötzlich in einen eiskalten Ton, »solche Gefühle sind dem Statthalter Christi nicht erlaubt. Ich bestreite sein Recht auf jegliche Freude des Familienblutes.«

Die zornige Spinne zappelt immer heftiger im hundertfältigen Netz auf und nieder. Wann wird sie sich auf das übermütige Insekt stürzen?

»Ich weiss wohl,« trägt Mione grossartig vor, »Mensch ist Mensch. Auch Euere Heiligkeit bleiben auf dem obersten Stuhl der Welt Mensch. Dennoch, wie sollte es in unserem Fall eine Überwindung kosten, die Menschlichkeit für einen Augenblick zu vergessen, hier, einem elenden und gemeinen Strauchritter gegenüber, der ...«

»Dottore!«

»Verzeiht, Heiligkeit, aber ich sehe nichts Übermenschliches darin. Wie oft muss ein Vater sein Kind im Stich lassen! Wie oft sogar ein Bruder den Bruder dem Gericht überliefern! Was ist da Grosses? Und nun erst so einen Stiefbruder! ... Dazu, Euere Heiligkeit haben nicht bloss die besondere Gnade der Gerechtigkeit von oben, auch die Naturanlage macht es Euch leichter als sonst wem, streng zu sein sogar da, wo man lieber mild wäre. Die ganze Stadt hat darum das Urteil über die zwei Peretti schon genau gekannt, lange bevor es angeschlagen wurde. Der junge Ubaldi Colonna hat eine schwindelige Summe gewettet, dass das Paar hingerichtet würde, und kein einziger Orsini, nicht einmal der Waghals Arrigo die Fanciolla, hat auch nur ein kupfernes Gegengebot gemacht. Das Beil für Sesto und Poz'do war eben für Rom seit Wochen eine ausgemachte und wohlgeschliffene Sache. Euere Heiligkeit haben die Hände gebunden. Ihr könnt nicht mehr anders, auch wenn Ihr wolltet, auch wenn Ihr dürftet ... jetzt müsst Ihr, müsst Ihr so!«

»Dottore!« Das Spinnetz drohte zu zerreissen.

»Aber wir kennen Euere Heiligkeit. Ihr wollt auch nicht anders wollen oder dürfen. Die Gerechtigkeit schimmert Euch von der Stirne so unbestechlich, so rein und kalt wie die Mosestafeln ...«

»Ja, und so unzerbrechlich!« gewitterte es jetzt von dem Pültlein her unwiderstehlich los, »Dottore, meint Ihr nicht auch so? Ihr seid heute in der Bibel so übel belesen wie in der Menschenseele, scheint mir. Diesmal habt Ihr zu grob geschnitzt. Ich erkenne Euch und lasse mich nicht nach Euerem Kopf beschwatzen. Versteht, ein Papst kann binden und lösen ..., auch wieder lösen, was er selbst gebunden hat. Fiat iustitia, ja! Aber die Gerechtigkeit kann man stillen, auch ohne dass man ihr immer Blut zu trinken gibt. Ich will ihr einmal Milch für den Durst geben. Das darf ich. Geht, Dottore, ich danke Euch für das Wahre, was Ihr sagtet. Das Falsche habe ich schon in den Wind geschlagen.«

Dreimal bog der alte Jurist mit respektvoller Kälte das Knie und jedesmal jubelte seine graue, aber zähe Römerseele hellauf: und ich hab' dich noch ganz anders gebogen, deine Seele gebogen, für immer gebogen!

So schien es. Alle Festigkeit des Papstes, so wie er sich allein wusste, war dahin. Er drückte die breiten, kurzen Hände aufs Herz – jetzt sah es ja niemand – und zählte das Klopfen. Wie ungeregelt, einmal übereinander schlagend, einmal fast einschlafend! Nicht einmal da innen kann ich Ordnung halten, dachte er bitter, und da wollte ich den Puls der Welt regeln! Aber das klopfte ja da innen schon längst unordentlich. Das ist eben nur ein Mechanismus, basta! Da hapert es immer bald. Aber nein, auch mein Wollen ist anders geworden. Ich zaudere. Geht mein Leben am Ende doch schon zur Neige? Die Ärzte sagen, ich lebe noch lang, übers Jubeljahr hinaus, wenn ich nur das Herz schone. Das Herz sei schwächer als der Kopf in meinem Organismus. Ich fühl's, ich fühl's! Oder ist es heute auf einmal so stark geworden, dass ihm mein Kopf nicht mehr folgen kann? Was red' ich da unsinnig? Ich fiebere wohl schon ...

Unschlüssig lief er hin und her und stand endlich vor dem Päcklein still. Da setzte er sich und sollte die Schnürung aufreissen, aber das ging nicht. Ein Messer! Nein, entschied er, nun will ich doch sehen, ob ich mich nicht meistern kann. Und er begann mit erzwungener Geduld die Verknüpfung zu lösen. Es ging nicht leicht mit so kurzen, klobigen Händen und in einem Augenblick, wo ihm das Blut durch den ganzen Leib bis in die Fingerspitzen hinaus quecksilberte. Aber zusehends ward er ruhiger. Mit jedem Knoten, den er mühsam löste, ging auch etwas wie ein Knoten an seinem Herzen auf. Immer leichter ward ihm. So leicht wie bei keinem Aderlass der Ärzte. Als der letzte Knopf aufsprang, war es Sixtus, als sei auch der letzte Druck von seiner Seele gewichen.

Er wickelte den Umschlag auf. Per Dio, da wallte wie eine weisse, durchsichtige Wolke der Lilienschleier der Madonna von Paritondo auseinander. Das schimmerte und duftete über den grauen Büchertisch wie ein niedergegangener Mai. Und es lispelte und betete und lächelte daraus wie von tausend federknisternden Engelchen, die wohl hinter so einem Morgengewölk ihre himmlischen Spässe treiben mochten. Der Papst musste die Armlehnen fassen, so wonnig schwindelig wurde ihm von dieser geschickten und heiligen Zierlichkeit da. Aber durch all das geheimnisvolle Geflüster meinte er einen kurzen gewaltigen Krach zu hören, wirklich wie von zu Boden geschleuderten und verscherbten Steinen. Die Mosestafeln! War es nicht dort niedergegangen, wo Heli mit gebrochenem Hals unter dem eigenen Richterstuhl lag? War das eine Drohung oder hiess es vielmehr: das alttestamentliche Gesetz der Härte sei nun auch für Sixtus gebrochen und das neue der Milde hebe an?

Noch einmal sträubte sich die Gewaltnatur des Papstes und stand seine ganze eiserne Vergangenheit mit ihrem glorreichen Nimbus gegen die Gnade dieses Augenblickes auf. Sixtus Quintus, dein Ruhm ist auf dem Spiel, mehr noch, dein Ruf, deine Macht, die ganze Herrlichkeit deiner Autorität. Du wirst wie alle andern gezeichnet: nepotenliebend, zuzeiten wohl erhaben und streng, aber zuzeiten, wenn der laue Wind der Rücksichten weht, parteilich und weichmütig.

Jedoch aus dem Schleier der Madonna lächelt es immer himmlischer, als wäre die holdselige Gottesmutter selbst dahinter, so süss und heilig wird die Musik dieses Lächelns. Wie kann sie nur so lächeln? Müsste sie denn eigentlich nicht auch verhärtet dreinblicken, stumm, richtend? Man hat ihr den Schleier genommen, ach was, den eigenen Sohn hat man ihr genommen. Müsste sie nicht die ganze Erdenschaft darum mit Zorn heimsuchen? Nein doch, sie lächelt. Sie hat trotzdem nicht Mutter der Härte, sondern Frau der Barmherzigkeit heissen wollen. Sie will uns nicht erschrecken, sondern erfreuen, nicht töten, sondern lebendig machen. Und keineswegs das Schwert von ihrem Diener Michael, sondern die Lilie vom Erzengel Gabriel will sie tragen. Niemals hat sie: Schuldig! immer nur: Gnade! gesprochen. Gratia plena heisst sie ja.

O mein Gott, Grazia ist wohl mehr als Justitia. Durch Gerechtigkeit geht die Welt wie im Schnee unter, aber durch Gnade blüht sie auf und wird schön und heilig wie im Maien. Und die ganze Weltregierung von Adam bis heute war doch die reinste Gnade immer. Da sollte denn ich, der kleine Winzerbub, den Globus zurückdrehen und sagen: jetzt hört das auf mit der Gnade, jetzt beginnt wieder die graue Ordnung der Gerechtigkeit.

Ei, ei, wie der Schleier webt und lebt, wahrhaft wie von einer herrlichen Gestalt getragen, hin und her, her und hin, und musiziert sich am Ende gar in ein allerschönstes Finale aus:

Mein Lächeln, hörst du's, schattiger Mensch, mein Lächeln bringe du sogleich dem Bruder und seinem Kind, dass auch sie wieder lächeln, und dass dann auch du vielleicht, unfröhlicher Diener meines Sohnes, ein Glütlein dieses Lächelns bekommst. Ich bin das grosse Lächeln des Himmelreichs. Ohne mein Lächeln ein wenig mitzulächeln, geht da niemand ein.

Der Papst raffte sich vom Stuhle auf und schüttelte kräftig die Klingel. »Mögen denn die Menschen sagen, was sie wollen, mir sogar Heli, Heli! schreien, heute will ich lächeln,« murmelte er mit einem prachtvollen Trotz.

Wie ein Taufglöcklein begleitete das muntere Geschelle dieses Gebrummel. In der Tat, da war auch ein neuer Mensch geboren, wenn schon mit grauem Haar und einem alten, tiefen Bass.

»Di Zucco, bringt Fackeln und Diener, wir gehen zur Engelsburg!«

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