Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Joseph von Lauff >

Sinter Klaas

Joseph von Lauff: Sinter Klaas - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorJoseph von Lauff
titleSinter Klaas
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
year1921
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100820
projectid3ce496a7
status1
Schließen

Navigation:

3

Bald nachher tat sich der Wind auf. Er kam von Wisselward und Emmerich her, zog schmeichelnd und allbelebend über die Niederung und legte sich mit breitem Odem über das weitverzweigte Bauerngehöft, das mit seinen Ställen, Brennereien, Scheunen und Wirtschaftsgebäulichkeiten, seinen Ackerländereien und Wiesen einen Teil der Hügellehne einnahm, die fast unvermittelt jenseits der großen Deiche aus der Ebene aufstieg.

Schon von weither fiel es ins Auge. In selbstgefälliger Eigenart, in dem blendenden Weiß seiner gekalkten Mauern und dem frischen Grün seiner Tore und Läden, schluckte es begierig das helle Sonnenlicht ein, um es nur widerwillig und zögernd wieder von sich zu geben, und legte sich der Mond um seine Giebel und Dächer, dann schien es so, als wäre Op gen Oort in einer unendlichen Reinheit und einem ewigen Frieden gebettet.

Seit undenklichen Zeiten war das stattliche Anwesen in der Familie Harkort geblieben, hatte sich folgerichtig und nach alter Satzung vom Vater immer auf den ältesten Sohn vererbt, bis es anders gekommen war.

Als der letzte Besitzer, Adam Harkort, unter den Landwirten, seines behäbigen und großspurigen Wesens halber, auch der ›Marquis‹ geheißen, mit dem Tode abging, sich schwerfällig hingestreckt und ein elendes Sterben gefunden hatte, sprang der Gutshof mit all seinen Gerechtsamen und Liegenschaften unter Übergehung der Erstgeburt auf die Frau des Erblassers über, und zwar aus folgenden Gründen.

Aus dumpfer Seelennot und einem heiligen Gelöbnis heraus, das er wie eine klirrende Kette mit sich herumschleppte, hatte der Alte seinen zweiten Sohn Hans zum Geistlichen bestimmt, und dieser, gleichfalls unter tiefer Qual und Bedrängnis stehend, besuchte bereits das Priesterseminar in Münster, als er sich gegen Vater, Gelöbnis und Satzung auflehnte, noch vor den großen Weihen die Soutane ablegte und nichts einheimste als das Pflichtteil und den Fluch seines Erzeugers.

Mit diesem Fluch auf den Lippen, hart wie ein Kiesel, selbst unerbittlich unter der letzten Wegzehrung, wurde der starkknochige Mann zu den Vätern versammelt. Fast gleichzeitig mit ihm sah sich der Erstgeborene zu den Freuden der himmlischen Tafel berufen. Ein grausames Geschick hatte ihn unversehens und wie mit blanker Sense in die Stoppeln geworfen.

Die Mutter blieb; allein seit jenen verhängnisvollen Tagen wühlte sich das Unglück in die fetten Ackerschollen hinein, hauchte den Pflug an, daß er verrostete, drängte sich mit breitem Rücken unter die Sparren, daß sie in allen Fugen und Gelenken ächzten und krachten, rief es die Maul- und Klauenseuche ins Haus, ließ es durch einen mächtigen Dammbruch die besten Wiesenparzellen versanden ... und das stolze Erbe wäre zweifellos zugrunde gegangen und unter den Hammer gekommen, hätte nicht Hans Harkort, allgemein der ›Kalviner‹ genannt, auf dringliches Zureden der Mutter mit energischer Faust, wenn auch wehen Sinnes, Op gen Dort über Wasser gehalten. Von seinen Schriften und Büchern fort, noch unter dem Fluche seines Vaters seufzend, eine große und heilige Sehnsucht im Herzen tragend, riß sich der ehemalige Seminarist ins Leben zurück und brachte die Speichen des gewaltigen und jetzt müden Rades aufs neue in Bewegung. Als Enterbter war nichts von dem Grund und Boden, auf dem er schaffte, sein eigen, und dennoch mühte er sich wie der letzte der ihm unterstellten Knechte. Was ihn belastete und ihm Furche bei Furche in die Schläfen hämmerte, schluckte er wie ein Starker, ein Sichwiedergefundener hinunter, glaubenskräftig und nur von dem Drange beseelt, die grauen Schatten, die das Haupt seiner Mutter umlagerten, weniger grau zu gestalten. Sein Wille regierte, und unter diesem Willen dampften die Schollen, zog der Pflug seine Gassen, senkte sich das goldene Korn aus dem Sämannstuch, füllten sich Scheunen und Ställe, tat der Gutshof einen langen und gesunden Atemzug und wurde wieder zu dem, was er gewesen war: der stolzeste Besitz in der Klever Gemarkung.

Darüber waren viele Jahre vergangen.

 

Der Wind war stärker geworden, die Dämmerung nahm zu, und die weite Umgebung florte sich ein.

Ein einsamer Mann stand um diese Zeit an einem Fenster des Herrenhauses und drückte die Stirn gegen die Scheiben, gleichsam um wachen Auges noch einmal Umschau über den großen Hof zu halten, auf dem das Leben allmählich einschlafen wollte. Nur vereinzelte Knechte und Mägde gingen vorüber oder verließen die Ställe, aus denen das Stampfen der Pferde, das sanfte Muhen der Kühe und das gedämpfte Klirren der Halfterketten herübertönte.

Es war Hans Harkort.

Er rückte und regte sich nicht; um so emsiger arbeitete seine geschäftige Seele. Soeben war er von den Feldern zurückgekehrt, körperlich abgemattet, mit heißem Gesicht, werkeltägig gekleidet und in Ledergamaschen, an denen noch der Kleiboden der feuchten Äcker klebte. Wer den jungen Menschen einmal gesehen hatte, vergaß ihn nie mehr im Leben. Wesen und Haltung imponierten. Er war ein Mann im Beginn der dreißiger Jahre, hochgewachsen, mit glattrasiertem, ausdrucksvollem Gesicht, wie aus Bronze gegossen, gedankenschweren, grüblerischen Augen und kurz geschorenem Haar, das an den Schläfen schon merklich ergraut schien.

Hans Harkort fuhr sich über die Augen. Draußen begann sich der Frühling zu regen. Er zupfte Himmelschlüssel, Lerchensporn und die jungen Ährenspitzen aus der erwachenden Erde. Die Tage waren wie Maientage und die warmen Nächte voller Sterne und Seligkeit. Aber in seinem eigenen Herzen wollte es noch immer nicht maien und lenzen. Von Zeit zu Zeit ging sein Blick nach den Wassermühlen hinüber, die wie schwarze Klumpen am Boden lagen und immer mehr eindunkelten. Dort waren die Sterbelaken auf die Dächer gefallen, war Trauer und Elend, zogen die Stunden wie unheimliche Mahner ihres Weges. Bei ihm, in seinem Inneren, war es nicht anders, da wohnte die Hoffnungslosigkeit, spannen trübe Gedanken ihre eintönigen Fäden. In dieser Öde mußte alle Freude trostlos versanden.

Der rote Sonnenball versank in der Niederung. Die Welt schlummerte ein. Auf dem Hof war es still und einsam geworden. Nur eine Schleiereule wankte wie ein Federspiel um die Dächer, um dann und wann ihren traurigen Ruf durch die Feier des Abends zu senden. Dazwischen rauschten die Bäume, die oberhalb der Schwarzen Koppel standen, mit Geisterstimmen herüber.

Hinter ihm klinkte die Tür auf.

Ein dralles Mädchen, im schlichten Waschkleid und ein schmuckes Häubchen auf den straffgescheitelten Haaren, brachte die Lampe, stellte sie auf den Tisch und wollte sich wieder entfernen.

»Wie spät schon, Johanna?«

»Es geht auf sieben, Herr Harkort.«

»Mutter noch immer nicht da?«

»Nein, Herr Harkort.«

»Wann ist sie ausgefahren, Johanna?«

»Gegen drei, kurz nach dem Kaffee.«

»Nach der Stadt?«

»Ja, nach der Stadt.«

»Und hat nichts hinterlassen?«

»Gar nichts, Herr Harkort.«

»Ich danke, Johanna.«

Auf lautlosen Lammfellsocken drückte sich das hübsche Mädchen aus dem erhellten Zimmer, die Tür behutsam hinter sich zuziehend, während der junge Mann sich in einen Sessel warf, den Kopf auf die Rechte stützte, seinen Gedanken nachhing und die Heimkehr der Mutter erwartete.

Ein wohliger Lampenschein umspielte die geräumige Stube, die mit ihrer taubenblauen Tapete, den schweren Stollenschränken, den Zinngeschirren und Steinkrügen den Eindruck des Behaglichen und Wohnlichen machte. Stiche nach Landseer und solche aus dem Kunstverein von Rheinland und Westfalen hingen an den Wänden, unterbrochen von Rehstangen und Hirschgeweihen, die aus dem benachbarten Reichswald stammten. Eine große Glasservante beherbergte den Porzellanschatz der Harkortschen Familie, darunter seltene Stücke aus Meißen und Delft. Eine große Fläche der linksseitigen Wand nahm die Flurkarte ein, worauf der gesamte Besitz, bestehend aus Ackerländereien, Wiesen, Hutungen und Brachland, Privatwegen, Wehren und Schleusenanlagen, in buntilluminierten Rissen sich verfolgen ließ. Daneben grüßte eine altmodische Kaffeekanne, aus blankem Messing getrieben und mit verschiedenen Kränchen versehen, von einer kirschbaumhölzernen Anrichte herunter. Eine hohe Standuhr, auf deren Zifferblatt sich zierliche Rheinschiffe je nach dem taktmäßigen Gang des Perpendikels auf und nieder bewegten, plauderte ihre monotone Weise in den Frieden des stillen Zimmers hinein, ruhig und sachlich und von einem sanften Rucksen begleitet, das sich von Zeit zu Zeit in verstärktem Maße wiederholte. Und dennoch: es war so schweigsam zwischen den vier Wänden, daß man den seinen Klang einer Stecknadel gehört hätte, wäre sie von der Decke auf den hellgescheuerten Boden gefallen. Und die Stille hielt an, bis sich plötzlich auf dem Vizinalweg, der quer durch das Weideland hindurch und an einem stehenden Wasser vorbei nach der kleinen Stadt führte, ein mattes Pferdetrappeln erhob, das immer lauter und deutlicher wurde.

Bald darauf ratterte ein leichtes Gefährt in den Gutshof, nahm die große Schleife um den Brunnen und hielt vor der Haustür.

Ehe Hans Harkort noch aufmerksam wurde, war bereits eine betagte Frau, die draußen abgelegt hatte, ernst und feierlich ins Zimmer getreten, einen verhaltenen Schmerz um die Mundecken, das erhobene Haupt wie mit Schnee überglitzert – eine ehrfurchtgebietende Frau, die sicher ihres Weges daherkam, mit großen, wundersamen, leuchtenden Augen, und dennoch die Hände wie tastend vor sich hinstreckte, als müsse sie diesen wundersamen Augen noch eine gewisse Richtung und Stütze verleihen.

Jetzt sprang er auf.

»Mutter!« sagte er freundlich, legte den Arm um sie her und führte sie, als sei sie des Geleites bedürftig, zum nächsten Sessel, der von der Lampe wohlig umschienen war.

Hier ließ sie sich nieder, hob schweigend den Kopf und sah lange mit aufgerissenen Lidern in den grellen Lichtschein, ohne davon geblendet zu werden.

Dann strich sie mit ihrer schmalen, feingegliederten Hand etliche Male über das Tischtuch, als gäbe es dort etwas wegzuwischen, und sagte: »Ich war beim Notar.«

»Du?« fragte er mit einem gewissen Erstaunen und legte ihr die Hand auf die Schulter. »Mutter, warum das?«

Ein Seufzer entstieg ihrer Brust, dann sagte sie heimlich: »Hans, weil ich mußte. Und nun setze dich zu mir, dicht an meine Seite, ganz nahe! Ich muß leise sprechen, denn die verflossenen Stunden sind mir schwer angekommen. Schwerer als ich wohl dachte. Nun ist ja alles vorbei und mir wohler geworden. Ohne das, was ich getan habe, wäre mir das Leben eine endlose Kette von Nichtigkeiten gewesen. Das wollte ich nicht, und deshalb mußte ich handeln, um diese Nichtigkeiten aus dem Wege zu räumen. Nein, du, unterbrich mich nicht! Du wirst mich verstehen, wenn ich dir alles folgerichtig auseinandergelegt und dargetan habe. Bisher sah ich nichts, worauf ich hätte stolz sein können. In den letzten Jahren jedoch ist mir dieses ersehnte stolze Bewußtsein gekommen, und kein anderer als du ...«

»Aber Mutter!«

»Keine Einrede, mein Junge,« sagte sie lächelnd. »Ich komme später darauf zurück, und dann wirst du auch dieses begreifen. Du weißt ja selber: heute jährt sich der Sterbetag deines Vaters. Das bringt Erinnerung und Einsicht. Auch das plötzliche Ableben des alten Malthus läßt mich an die Ewigkeit denken. Man muß sein Haus bestellen, bevor es zu spät ist. Wer es nicht tut, der ist wie ein Mensch, der mit offenem Licht seine volle Scheuer betritt und zusehen muß, wie das Eingebrachte dem Verderben anheimfällt. Alles hat seine Zeit, auch das Testieren, mein Sohn, und so bin ich denn beim Notar gewesen und habe meinen letzten Willen festlegen lassen, so wie es die Gesetze zuließen und ich es vor Gott und meinem Gewissen verantworten konnte.«

»Und du hast im Sinne des Vaters gehandelt?« fragte er mit einem wehen Ton in der Stimme.

»Wie meinst du das?«

»Ich meine, man hat den Willen eines Verstorbenen zu ehren, ohne jede Klausel, unter jeder Bedingung, so hart er auch war, so sehr er auch geeignet schien, mir den Strick um den Hals zu legen.«

»Dein Vater ist tot,« versetzte sie schartig, »und sein Dasein und Sterben in Ehren. So sagst du ja selber. Sein Lebensbuch wies keine schwarzen Stellen auf, wohl aber solche, die ihn der Starrheit und des Übereifers beschuldigten. Er sorgte um mich, wie selten ein Sterblicher um sein Weib Sorge trug, und dieses ewige Sorgen ist sein eigenes Verhängnis geworden. War es Sünde, sich diese Sorge um mich zu machen? Ich weiß es nicht, aber das weiß ich: ist es Sünde gewesen, so hat ihm der Himmel diese Sünde verziehen. Aus diesem Bangen um mich wuchs auch das Recht oder Unrecht heraus, das er in schwerer Seelenstimmung dir gegenüber betätigte. Und wieder frage ich mich: War es Sünde, sich dieses Rechts oder Unrechts zu bedienen? Ich weiß es nicht, aber das weiß ich: ist es Sünde gewesen, so hat ihm der Himmel auch diese Sünde verziehen, wenn auch ... ja wenn auch ... mir wollte das Herz drüber brechen, und du ... du wurdest durch diesen eisernen Willen, durch dieses Bangen um mich um dein Glück und deine Jugend betrogen.«

Er machte eine abwehrende Handbewegung.

»Ich bitte dich, Mutter!«

»So ist es,« sagte sie heftig, fast zürnend, und ihre leuchtenden Augen begehrten auf wie ein fernes Gewitter. »Du willst ihn entschuldigen, das weiß ich, denn trotz aller Unbill ist deine Kindesliebe siegreich geblieben. Sie beugte den Nacken unter das ihr aufgezwungene Joch, weil Gott es also gewollt hat. Aber deine Freudigkeit ist darüber zugrunde gegangen. Mache keine Einwendungen deshalb; sie würden bei mir doch nur auf unfruchtbares Erdreich fallen. Ich weiß, was ich weiß, und lasse mich nicht irre führen, selbst durch Gründe nicht, die dem lautersten Wesen entspringen. Dein Vater war der beste Mann von der Welt, arbeitsam, geradeaus, starr wie ein Feldstein an der Wegscheide, nur darauf bedacht, das Wohl seines Hauses zu fördern, und dennoch ... Ein ganzes Leben lang suchte ich an seiner Seite das Licht – und fand nur die Finsternis. Ein ganzes Leben lang mühte ich mich an seiner Seite, heitere Blumen in das Alltägliche unseres Daseins zu tragen – und habe nur dürre Kränze gewunden, die jetzt an meiner Bettlade rascheln.« Ihre Stimme wurde spröde und hart, als wäre ein heißer Strom über ihre Lippen gegangen. »Das wäre alles zu ertragen gewesen. Aber das andere. Um meinetwegen wurde er frostig und abweisend wider Willen – dir gegenüber. Mit Berufung auf Gott zerbrach er dein junges Leben wie man ein trockenes Holzscheit zerbricht, um es ins Feuer zu werfen, damit es einen wärme. Ich konnt' es nicht ändern – damals. Und hätte mein Wort Tote auferwecken können, ihm gegenüber wäre ich machtlos geblieben. Ich hatte die Einsicht und die Seelenstärke nicht, die hierzu gehörten. Aber jetzt hab' ich beide, und weil ich sie habe, bin ich heute am Todestag deines seligen Vaters zum Notar gegangen und tat, was ich mußte. Ich habe vieles geändert.«

»Was?!« fuhr er auf. »Das Testament des Vaters doch nicht?!«

»Ja, den letzten Willen des Vaters; denn kraft der Gewalt, die mir zusteht, in Kraft meiner Besitztitel, die mir als alleinige Erbin von Op gen Oort gewährleistet wurden ...«

»Doch nicht zu meinen Gunsten geändert?« fiel er mit rauher Stimme dazwischen.

»Warum diese Frage?«

»Weil sie mich quält.«

»Du!« sagte sie heftig.

Sie riß den Kopf herum. Mit einer jähen Bewegung war sie in die Höhe gefahren. Regungslos stand sie vor ihm, wie aus Stein gehauen. Nur das leise Zittern, das um ihre Mundwinkel spielte, verriet, was in ihrem Innern vorging.

»Was heißt das?« sagte sie schmerzlich, die Knöchel ihrer Rechten auf die Tischplatte stemmend. Eine steile Falte stand über ihrer Nasenwurzel. »Ich tat, was ich tun mußte,« wiederholte sie tonlos, »und was eine Mutter tut, daran haftet der Segen des Herrn. Das merk' dir, ohne darüber ins Grübeln zu fallen. Ich tat es aus langer Erwägung heraus, aus der Überzeugung heraus: ich bin nicht gekommen, um zu zerstören, sondern um aufzubauen. Und wo da Bedenken waren, habe ich diese Bedenken weggewischt wie nichtige Dinge, nahm Mörtel und Steine und ging an die Arbeit. Nun habe ich den neuen Bau aufgeführt, wie ich ihn mir vorstellte, und hoffe zu Gott, er werde die Zeit überdauern. Du aber ... wie ich dazu kam, also zu handeln ...«

Sie unterbrach sich jählings. Die hagere, schmale Frau wuchs über sich hinaus. In ihrem grauen Gewand, dem weißen Haar, das wie Rauhreif ihren Scheitel bedeckte, schien sie einer Seherin ähnlich. Ihr Blick ging nach innen. Langsam und feierlich begann sie, den Schleier von den vergangenen Tagen zu heben, meistens von solchen, die nicht wußten, was sie mit ihren Tränen anfangen sollten. Das Gesicht, auf dem noch Spuren einstiger Schönheit ruhten, hob sich schroff in die Höhe, während die Augen, in denen ein heiliges Feuer brannte, groß und traurig ins Leere gingen. Und diese Augen ... es war so, als wenn sie die Welt umfaßten mit all ihrem sinnigen Grün, dem spiegelnden Wasser, dem Blau ihres ewigen Himmels, dem tiefen Samtschwarz ihrer Nächte und dem Glanz ihrer Myriaden von Sternen.

Jetzt tat sie den Mund auf.

»Hans, wie spät ist es mittlerweile geworden?« fragte sie mit seltsamer Betonung eines jeden Wortes.

»Ein Viertel nach sieben,« sagte er mit einem gewissen Unbehagen, denn er wußte nicht recht, wo die Mutter hinauswollte.

»So spät schon!« gab sie leise zurück. »Dann ist auch schon Licht in der Stube?«

»Ja, Mutter, es ist Licht in der Stube.«

»Welche Lampe brachte Johanna?«

»Die mit dem grünen Schirm.«

»Ah! Das ist gut! Die brennt hell und vernünftig, ohne zu kohlen. Wenigstens tat sie es früher, als ich noch schaffen und zugreifen konnte. Da brachte sie immer das schönste Leuchten ins Zimmer.«

»Das tut sie noch heute.«

»Dann siehst du auch jeden einzelnen Gegenstand, der sich in der Stube befindet?«

»Nichts entgeht mir; es ist alles klar wie am Tage.«

»Dann siehst du auch mich.«

»Ja, ich sehe dich deutlich.«

»Wenn es denn so ist, daß du das Kleinste und Geringfügigste unterscheiden kannst, dann sieh mir ins Auge!«

Sie war dicht vor ihn getreten und hatte ihm beide Hände auf die Schulter gelegt. »Aber siehe genau zu; denn um dieser Augen wegen ist das ganze Unglück gekommen.«

»Mutter,« sagte er mit heimlichem Frösteln, »laß die alten Zeiten doch ruhen!«

Ihre Stimme wurde hart und brüchig, als sie jetzt sagte: »Es ist schlimm genug, daß sie so lange schon ruhten, daß ich den Mut nicht hatte, sie schon früher zu wecken. Manches wäre anders gekommen, denn um dieser Augen wegen tat der Vater das unheilvolle Gelöbnis – wurdest du aus deiner Bahn geworfen – solltest du für immer in die Soutane hinein – wurdest du auf den Pflichtteil gesetzt – drängte sich der Haß auf den Hof – taten Knechte und Mägde, was sie wollten – verdarben die Schollen – gerieten die Sparren ins Wanken – kam das Grauen.«

Sie suchte nach Atem.

»Mein Gott und mein Heiland! wenn ich so alles bedenke ...«

Jahre des Irregehens, des Leidens und der Entsagung türmten sich vor ihren geistigen Blicken auf, drohten zu stürzen und sie mit ihrem Schutt zu begraben. Aber nicht dieses allein ... noch schlimmer als all diese Qualen und Nöte ... unsichtbare, aber straffe Fäden zogen sich von den Wassermühlen nach Op gen Oort herüber, verstrickten sich immer mehr und verhüllten schließlich die Sonne, das Licht des Lebens, wie mit einer dunkeln Gardine, die das letzte Fünkchen der Hoffnung mit grauen Nebeln erstickte. Auch daran mußte sie denken. Ein schmerzliches Aufleuchten ging durch die hellen und doch abgestorbenen Augen, und mit traurigem Lächeln fuhr sie mit ihren weißen Händen darüber hin, als müsse sie auch diese tote Helle verwischen.

»Hans, und du selber ...« meinte sie schließlich.

»Ich weiß, was du sagen willst,« unterbrach er sie heftig. »Du denkst an Franziska.«

»Ja, ich denke an sie, und weil ich es tue ... Leib und Seele gehören zusammen, sind untrennliche Dinge, wenigstens dann, wenn heißes Begehren sie umzittert. Du hattest die Seele des Weibes. Das genügte dir nicht und konnte dir auch allein nicht genügen. Auch den Leib wolltest du haben; aber dieser Leib ist nicht dein eigen geworden, trotzdem du die Soutane um seinetwillen ablegtest und hierdurch den Zorn deines Vaters erregtest. Das zehrte an dir und quält dich noch heute. O du, du ...« und sie erhob sich, legte die Arme um seinen Nacken und preßte ihm einen heißen Kuß auf die Stirne. »Ich habe Mitleid mit dir, Erbarmen mit dir. Du konntest Franziska nicht retten. Auch mich nicht. Und hättest du die Tonsur zeit deines Lebens getragen, und hättest du tagtäglich Wein und Brot gesegnet, um es in den Leib des Herrn zu wandeln, nein, du ... das Licht der Augen hättest du mir nicht wiedergegeben. Du konntest mir nicht helfen und Franziska nicht helfen ... und das ist unser aller Unglück gewesen ... Aber eins hast du getan« – und ihre Worte nahmen einen jubelnden Ton an, waren voller Glanz und Freudigkeit – »du hast dich selber gerettet, weil du dich wiederfandest, weil du erkanntest: hier auf diesem Grund und Boden wurzelt meine ureigene Kraft, kann ich das Vergessen finden, habe ich mir ein neues Leben gezimmert. Hans, du mein Letzter! – hier diesen sinkenden Hof – du hieltest ihn über Wasser, richtetest wieder, was einstürzen wollte, bautest auf, was in Trümmern lag, hast Acker und Wiesen befruchtet und Knechte und Mägde wieder schaffig und emsig gemacht ... Man braucht nicht in der Soutane zu sein, um dem Herrn zu dienen. Und wenn dein Vater es sähe, wenn es ihm vergönnt wäre, durch die Felder zu schreiten, durch Scheunen und Ställe, wenn er die gebändigten Stauwasser sähe und den Segen wahrnähme, der wieder auf Op gen Oort ruht – er zöge seinen letzten Willen zurück, seinen Fluch, die Verfügung von wegen des Pflichtteils; er würde deine Hand nehmen und sagen: Hans, wir wollen Freunde sein; es ist alles vergessen. Und weil ich das weiß, weil ich die heilige Überzeugung besitze, daß es so ist, so und nicht anders, habe ich auch in seinem Namen und in Kraft seiner Vollmacht gehandelt. Hans, nicht ich mehr, nicht die tote Hand, sondern du bist von nun an Herr auf Op gen Oort, du ganz allein, und das bist du heute geworden.«

»Mutter, Mutter ...!«

Eine hohe, erblindete Frau, die endlich ihren Frieden gefunden hatte, und ein junger Mann, der ihn immer noch suchte, standen engumschlungen in der heiligen Stille des weißen Hauses, und ihre Seelen wurden warm und sinnig wie das eingedunkelte Land da draußen, darüber jetzt ein laulicher Frühlingsabend zog, winddurchspielt und wie mit einem Spitzenschleier von blanken Sternen überzittert.

Die beiden hielten sich noch immer umfangen. Jetzt nahm er ihre Hände und küßte sie. Dann legte er seinen Mund auf ihre geschlossenen Augen.

»Du Lieber, du Guter!« sagte sie glücklich. Alle Härte, die bis auf den heutigen Tag ihr Antlitz versteinert hatte, war von ihr genommen. Statt ihrer breitete sich eine sonnige Wärme über die verhärmten Züge. Mit kaum wahrnehmbarem Lächeln entwand sie sich seiner Umarmung.

»Hans,« sagte sie leise, »eine Hoffnung, auf Gräber gepflanzt, zählt zu den besten. Sie geht in Erfüllung. Und das mit Franziska ... lasse die Vergangenheit schlafen!«

Sie blickte ihn mit großen, fragenden Augen an, als wenn sie ihn sähe.

»Willst du?« meinte sie nach einigem Zögern.

»Wenn es in meiner Macht stünde, sie schlafen zu lassen, wie gerne. Aber ich kann nicht.«

»Du mußt.«

»Ich will es versuchen.«

»Hans, nur versuchen?! Wo ein Wille ist, da wird auch ein Weg gefunden. Es gibt zweierlei Wege. Einer führt dem Untergang, einer der Auferstehung entgegen. Wähle den richtigen! Gott gebe dir eine glückliche Stunde!«

Zaghaft wurde angepocht.

»Wer klopft da?« fragte die Alte.

»Es wird Johanna sein.«

»Immer diese Störung,« sagte die Mutter. »Herein!« und als das Mädchen erschien, das vor einer kleinen Stunde die Lampe gebracht hatte, fragte sie hastig: »Was gibt es, Johanna?«

»Kosman Kraneboom ist draußen.«

»Der von den Wassermühlen?«

»Ja, der von den Wassermühlen.«

»Was will er denn?«

»Er möchte den jungen Herrn sprechen. Sein Auftrag sei eilig.«

»Ich habe mit der Mühle keine Gemeinschaft mehr,« entgegnete Hans Harkort in sichtlicher Unruhe.

»Empfang' ihn!« gebot die Mutter. »Du kannst doch nicht alle nachbarlichen Beziehungen abbrechen, vornehmlich jetzt nicht, wo die da drüben mit verweinten Augen umhergehen. Man kann nicht wissen, worum es sich handelt. Möglich: sie haben Hilfe und Beistand nötig, oder aber der Verstorbene hat eine Botschaft an dich. Du sagst ja selber: man soll den Willen der Toten in Ehren halten.«

»Ja, das sagte ich, Mutter.«

»Dann empfange; vielleicht wird hierdurch die Vergangenheit schlafen.«

Langsam schritt sie der Türe zu, aufrecht, ohne Hilfe und Unterstützung; nur wie tastend hielt sie die Hände vor sich ausgebreitet.

Noch einmal wandte sie sich.

»Wann kann ich dich zum Abendessen erwarten?« fragte sie herzlich.

»Wenn es dir recht ist, um neune.«

Sie nickte.

Erhobenen Hauptes verließ sie mit Johanna das Zimmer.

 

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.