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Sinter Klaas

Joseph von Lauff: Sinter Klaas - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorJoseph von Lauff
titleSinter Klaas
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
year1921
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100820
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13

Bis tief in den Abend hinein brannte an diesem denkwürdigen Tage die grünlackierte Petroleumhängelampe im ›Dicken Tommes‹ über dem hintersten Stammtisch.

Wie die Glücklichen aus Märchenland saßen die drei von der Solopartie vor ihren Bouteillen und Gläsern, zufrieden in sich, zufrieden mit ihrem Bittgang nach Op gen Oort, zufrieden mit Gott und den Menschen.

Bei ihrem stundenlangen Beisammensein hatten sie sich schon wechselseitig beglückwünscht und angeprostet. Der Matador ließ Grünober, dieser den Matador und Trumpfsieben, Trumpfsieben wieder in heller Begeisterung den Matador und Grünober und der Matador zum guten Beschluß den fidelen Trumpfsieben leben, bei welchen Ovationen drei Bouteillen geleert und zwei weitere bestellt wurden, aber zwei bessere, gelbgesiegelte, langkorkige, die auf ihrem verstaubten Etikett von irgendeinem vieljährigen Schloßabzug aus dem Departement der Gironde erzählten.

Drunter taten sie's nicht.

Der Besitzer des ›Dicken Tommes‹ brachte sie an.

Er war ein kleines, munteres Kerlchen im grauen Flausrock und krapproten Plüschpantoffeln, Spinnwebhaaren und einem mit Perlen bestickten Samtkäppchen auf der linken Kopfseite, dessen Troddel wie ein lebhafter, angeseilter Wauwau stetig auf und nieder kapriolte. Dabei war er fett wie eine Weinbergschnecke, saftig und kernig und kullerte wie ein hopsender Gummiball über die blankgescheuerten und mit weißem Sand gesprenkelten Dielen.

»Ein angenehmes Pröstchen, die Herren!«

»Merci, Herr Lamers!«

Die beiden Schloßabzüge aus dem Departement der Gironde sonnten sich in ihrer ganzen angelaufenen Herrlichkeit in dem sanften Schein der gütigen Petroleumlampe, wobei die drei am Zapfenbrett befindlichen Zylinder tapfer und freudig in das lustige Treiben hineinvigilierten. Drei schöne, strammaufgebügelte Zylinder in Reihe.

Cornelis Höfkens machte den Mundschenk.

»Château Margot!« sagte er schmunzelnd, als das einladende Glucksen begann, die Gläser sich füllten und ein rubinartiger Glanz sich auf der Tischplatte kringelte.

Seine Zunge lahmte noch nicht, war noch locker und lose und hatte noch immer den Schmelz eines trunkfesten Mannes. Nur seine gutmütigen Augen schwammen in einem wonnigen Wasser.

»Herr Lamers,« sagte er förmlich und umgriff den Stengel des feinglasigen Kelches, »dem ›Dicken Tommes‹ ist Heil widerfahren.«

»Heil, um die Wahrheit zu sagen,« bestätigte Grünober.

»Immer leschär, meine Herren!« echote Trumpfsieben in einem ausgesprochenen Glückseligkeitsdusel.

»Dreifaches Heil, mein lieber Herr Lamers,« fuhr Cornelis mit getragener Stimme fort, »denn erstens« – und der linke Daumen richtete sich wie ein putziges Stehaufmännchen gerad in die Höhe – »denn erstens: wir haben die hohe Bekömmnis gefunden, Hans Harkort, den Besitzer von Op gen Oort, den Ökonomiker von größter Bedeutung, am Stammtisch im ›Dicken Tommes‹ zu wissen.«

»Wa... wa... wa... was?!« rief der rundliche Gastwirt, und seine krapproten Plüschpantoffeln klapperten vor lauter Respekt in Paradestellung zusammen.

»Es ist so, Herr Lamers, und zweitens« – und der Zeigefinger folgte dem Beispiel des Daumens – »und zweitens, Herr Lamers: durch seinen Eintritt erhalt auch die Solopartie frischen Wind in die Segel, wird spritzig und lebensfähig und kann wieder mahlen. Das kommt auch Ihnen und dem ›Dicken Tommes‹ zugute. Sie Glückspilz, Sie veritabler Glückspilz! und drittens« – und der Mittelfinger erhob sich wie ein majestätischer Spargel – »und drittens, Herr Lamers ...«

»Weiß die Ehre zu schätzen, weiß die Ehre zu schätzen,« versicherte das joviale Männchen, wobei er das Troddelmützchen ehrerbietig abnahm und in Verzückung kundgab, daß er sich genötigt sehe, die beste Bouteille, die er im Keller habe, für gratis und garnichts zu geben.

»Gottverdomie und drittens, Herr Lamers: ein Mitglied der christkatholischen Kirche, einer, den man mit dem Titel Hochwürden bezeichnet, der bräutlichste Jüngling in Christo, der Herr Kaplan Lobbers, um seinen richtigen Namen zu nennen, hat sich in höchsteigener Person bewogen gefunden, der Solopartie und dem ›Dicken Tommes‹ unter die Arme zu greifen, und damit bin ich erst auf meinen sogenannten Standpunkt gekommen.«

Vielsagend sah er sich um.

»Diese Seele von Mensch!« seufzte Grünober, »dieser bräutliche Jüngling ... uns diese Freude zu machen! O Gott, o Gott!«

Der reichlich genossene Schloßabzug aus dem Departement der Gironde hatte den sonst so zugeknöpften und eigenbrödelnden Mann in das sanfte Tal der Tränen geworfen.

Reichlich tropften sie nieder, fielen auf das steife, blaugestärkte Schemisettchen und vereinigten sich hier mit den bereits vorhandenen Rotweinspuren zu einer wohlfundierten und ersprießlichen Gesellschaft mit beschränkter Haftung, während Pitt Lörksen die Gelegenheit benutzte, sein Glas hinter die Weste zu schütten und sich in Kraft eigener Machtbefugnis den Kelch aufs neue zu füllen.

»Immer leschär, meine Herren!«

»Ja, dieser Jüngling!« ließ sich Cornelis wieder vernehmen. »Bräutlich ist garnichts dagegen. Auf Parol und so wahr ich hier sitze: bräutlich ist garnichts dagegen! Wir schulden ihm Dank, wir sind ihm verpflichtet. Aber leider hat er diesen Dank noch garnicht genossen, denn vor einigen Stunden, auf Op gen Oort, bei unserer erhabenen Sitzung, aere perennius, wie der Herr Bürgermeister sich ausdrückt, ging alles in der allgemeinen Begeisterung unter. Ich konnte nicht danken, konnte ihm meine bürgerlichen Gefühle nicht an das priesterliche Herz legen. Aber das soll nunmehr geschehen. – Herr Lamers, liebe Mitglieder der Sologesellschaft! In Anbetracht dessen, daß wir uns hier im ›Dicken Tommes‹ befinden, im Anbetracht ferner, daß Hochwürden diesen ›Dicken Tommes‹ samt Stammtisch wieder kräftig verposamentiert und ihm Gelegenheit geboten hat, meinetswegen noch hundert Jahre zu leben, mit Gott für König und Vaterland, in Anbetracht schließlich, daß er ein Geistlicher ist und noch Sinnlichkeit hat für pläsierliche Stunden und ein schuldloses Spielchen nach schwitziger Arbeit – in Anbetracht dessen ernenne ich ihn hiermit zum Ehrenmitglied unserer Sologesellschaft und ersuche die Herren, sich von ihren Sitzen zu erheben, das Glas zu ergreifen und mit mir in den Ruf einzustimmen: Hochwürden, der liebe und wohlwollende Herr Kaplan Lobbers, soll leben ...!«

»Hoch und nochmals Hoch und zum drittenmal Hoch!« und alle erhoben sich und tranken und warfen sich wechselseitig an die Brust und versicherten sich ihrer immerwährenden Freundschaft auf Leben und Sterben, mit Gott für König und Vaterland, wobei Pitt Lörksen wie ein Kanarienvogel pfiff und einen so schönen und getragenen Walzer anstimmte, daß Herr Lamers erst wie angewurzelt stand, dann aber den Kopf auf die Seite neigte und schlenkerbeinig, mit fliegendem Tröddelchen und schwappendem Bäuchlein, durch sein Wirtslokal schleifte.

Alles war ein Herz und eine Seele.

Die neuzugebrachten Flaschen aus dem Departement der Gironde stellten den Gipfel der Freude ins Unermeßliche.

Erst spät nach Mitternacht trennte man sich.

Etwas angekratzt zog man den heimischen Penaten zu.

Nur Cornelis ging aufrecht, noch völlig Herr seiner Sinne.

Der Markt war lichtübersponnen.

Am Denkmal des Reitergenerals Friedrich Wilhelm von Seydlitz nahmen sie Abschied.

Cornelis schritt dem Kesseltor zu und seinem mehlüberstäubten Tempel entgegen.

Dort lag er.

Gespenstisch ruhte die gigantische Mühle unter dem blanken Mond. Friedliche Stille ringsum. Feierlich zogen die Sterne ihre ewigen Kreise unter dem Himmelszelt. Die ersten Frösche begannen mit ihrem Frühlingskonzert. Melancholisch zog ihr weiches Rufen durch die einsame Nacht hin.

Cornelis Höfkens war an Ort.

»Angtree!« sagte er lächelnd, drehte den Schlüssel um und trat in den Hausflur.

 

Mit dem ersten Frühlicht knatterten die Windmühlensegel. Eine fröhliche Brise spielte in den Ruten, die Knechte erschienen und lösten die Sperrung, und in stoischer Selbstgefälligkeit begannen sich die Flügel zu drehen. Die Mahlgänge stäubten, die Lagerpfannen ächzten und seufzten, mit Korn- und Mehlsäcken befrachtete Wagen fuhren ab und zu, und Cornelis Höfkens stand mit brennender Kalkpfeife neben der Einfahrt und sah nach dem Rechten.

Ein wohliges Gefühl durchrieselte ihn, das Gefühl des sonnigen Behagens, ebenso bekömmlich, wie es ein alter Kater empfindet, wenn er vor der Haustür spinnt und ihm ein warmer Strahl über das seidenfadige Haar gleitet.

Cornelis blinzelte in das junge Frühlicht hinein, das die Welt vergoldete: die kleine Stadt, den Paternosterdeich und die Schleusenwerke, die aus den braunen Schleiern der Pappeln hervorschimmerten. Wie mit einer duftigen Gaze war alles umsponnen.

Er dachte an den gestrigen Tag, an den Besuch auf Op gen Oort, an das prächtige Eingreifen des geistlichen Herrn, an den würdigen Abschluß, den die heikle Angelegenheit in den traulichen Räumen des ›Dicken Tommes‹ gefunden hatte, und unwillkürlich drängte sich ihm die Genugtuung auf: die Zeit wird besser, die dunkeln Schatten zerteilen sich, Gottes Finger dringt durch die Wolken, weist den Menschen freundliche Geschicke zu, und auch für die Wassermühlen werden jetzt heitere Tage kommen, denn Gott ist gerecht, und er will nicht, daß die einen sich stetig zermartern, die anderen durch ewigen Sonnenschein gehen.

So dachte Cornelis, und in seinem Glücksgefühl hätte er die Arme breiten können, um die ganze Schöpfung an seine mehlübersprenkelte Weste zu ziehen.

Doch so wie er, dachten nicht viele. Besonders nicht Jan van den Birgel. Der war verzwickter geartet, verzwickter und frettchenhafter, und so ein Frettchen gehört zu den Tieren, die sich langsam anschleichen, sich winden und drehen, heimlich und nach der Weise der Beutelkatzen, um dem harmlosen Opfer unversehens an die Kehle zu fahren.

So ein geschmeidiges, gieriges, bösartiges Frettchen war nun auch Jan van den Birgel, nichts mehr und nichts weniger; aber er war es, denn sprungfertig wartete er, holte ein schäbiges, beschriebenes, abgelebtes Papier aus dem Eckschab, versenkte es in die Falten eines abgegriffenen Portefeuilles, stülpte sich die Mütze auf und rief über die Schulter: »Lena, ich habe noch so 'nen kleinen Pläsiergang zu machen.«

»Gute Verrichtung und kachele ordentlich ein! Aber mit Kienholz! Sonst bläst es aus, gibt keine Hitze, und wir haben das Nachsehen.«

»Man keine Sorge, du Goldkind!« gab er zurück.

»Ich halte dir den Daumen,« rief sie ihm nach. »Dann trudelt's besser. Immer man feste! Von nichts kommt nichts, und wer's Maul zuhält, den fressen die Hühner.«

»Mich nicht,« lachte der Alte, und mit einem kräftigen Fußtritt stieß er die Tür auf. »Hupla!«

Aber noch einmal blieb er stehen.

»Lena,« sagte er mit kantigem Schmunzeln, »Schnurr Schnapp von der Waterkant fängt immer mehr Feuer. Gestern sagte er noch: Ihre Hinterbacken sind schwerer als zwei Hügel aus Sand. Das hat er aus dem türkischen Geschichtenbuche genommen, worin er immer drin liest. Ich glaube, er will dich zu seiner Sultansfrau machen, will dich erheben über alle Mamsells, und wenn er in Wirklichkeit diese Absicht bekundet, dann tu's nur!«

»Wollen's überlegen. Aber jetzt geh' man!«

Es war am späten Nachmittage, als sich Jan van den Birgel aus dem ockergelben Häuschen in der Straße ›Achter de Mur‹ hinausdrehte und den Weg zu den Wassermühlen einschlug. Sein Gang hatte das Lurksige verloren; er trat fest auf und mit der Sicherheit eines gediegenen Mannes. Der schäbige Papierfetzen in dem schmuddeligen Portefeuille heizte ihm ein und gab seinem inneren Menschen einen fröhlichen Auftrieb.

Es war ein Tag wie im Sommer, laulich und warm und von den sanften Schwingungen eines werdenden Abends durchzittert. Auf den Hausfirsten lärmten die Stare, und dunkle Geschwader von Krähenvögeln flogen den westlichen Himmel an. Am Kesseltor hatten die Schatten schon breite Schultern. Die Wassermühlen jedoch lagen in voller Beleuchtung und in traulichem Behagen. Sie machten bereits Feierabend.

Kosman Kraneboom stand an der Einfahrt und war gerade dabei, die Tore zu schließen. Die Knechte trotteten ab. Der letzte Wagen rumpelte über den Paternosterdeich hin. Die Gegend begann still und einsam zu werden, und Kosman dachte daran, sich ein Pfeifchen zu stopfen und nach getaner Arbeit die Beine unter den Gesindetisch zu strecken, in aller Muße und in aller Beschaulichkeit. Bequemen Schrittes ging er dem Herrenhause zu.

Jan van den Birgel kam näher.

Als Kosman seiner ansichtig wurde, kroch ihm ein widerwärtiges Gefühl über den Rücken, und er beeilte sich, aus dem Bereich des unheimlichen Menschen zu kommen.

Allein dieser war flinker als er. Er rief ihn an und fragte: »Ist die Madam jetzt zu sprechen?«

»Pressiert's so?«

»Ja, es pressiert. Schnurr Schnapp von der Waterkant ist der nämlichen Ansicht.«

»Ach der!« sagte Kosman.

Verächtlich zuckte er mit den klobigen Schultern.

»So'n infamer Balbierer!« setzte er grimmig hinzu, »so'n glitschiger Weisheitsapostel und Dreckspatz! Beruft Euch auf 'nen andern, Jan van den Birgel!«

»Kosman, man Ruhe! Er steht in der Freundschaft von mir und ist mal Wisseler Schulmagister gewesen.«

»War er. Aber wie lange? Keine drei Jahre. So 'ne fatale Ferkelgeschichte machte ihm Beine. Und noch heute ... man sollte 'nen Zölligen schneiden, um ihm das Fell zu versohlen.«

»Kosman, ich ersuche Euch, Kosman ...!«

Jan van den Birgel pulverte los: »Verflucht und vernagelt! Wie kommt Ihr darauf? Nur ein pures Malörchen! Jedereins kann sich doch mal im Leben besaufen.

Das tat er. Nichts weiter. Und dann ist er Balbierer geworden. Kreuzkuckuck noch mal! – aber was die Hauptsache ist: er hat auf Schulmagister studiert, und ist Schulmeister gewesen... und was so'n preußischer Schulmagister bedeutet... Kosman, ich bitte mir aus... und Ihr als Preußen-Kosman ...«

»Da wollt Ihr wohl sagen,« versetzte der Alte mit unerschütterlicher Ruhe, »genau so sagen, wie so viele es sagen: Der preußische Schulmagister hat die Schlacht von Königgrätz oder die von Sadowa gewonnen, und wer so was vollbrachte...?«

Jan van den Birgel legte den Kopf auf die Seite und nickte.

»Dazu rechnet Ihr auch Schnurr Schnapp von der Waterkant?«

»Jawoll!« kam es patzig zurück.

»Unsinn, verfluchter! Denkt nicht dran! Der preußische Kuckuck tat's und das preußische Reglement und die preußische Faust, die den Schulmagister erst schaffte und auf die richtige Stelle placierte... und Ihr wollt mir mit Schnurr Schnapp von der Waterkant kommen?«

»Ich sagte Euch schon: er steht in der Freundschaft von mir und kennt meine Sache.«

»Und er hat Euch geraten, die Madam zu belästigen?«

»Mein Recht will ich haben.«

Kosman trat näher heran. Seine Augen suchten in dem Blick des Eindringlings.

»Ihr habt doch nichts vor, Jan van den Birgel?« fragte er eisig. »Ihr müßt nämlich wissen: ich stehe für alles, gleichviel, was es ist: Mühlen und Wasser, Madam und Mägde, und wer dem einzelnen nur ein Härchen krümmt, der kommt nicht lebendig von diesem Grund und Boden herunter. Das müßt Ihr in Eurer Überlegung besitzen, sonst, Jan van den Birgel ...«

Langsam hoben sich die geballten Fäuste.

»Sonst, Jan van den Birgel ...«

»Herr, macht keine Geschichten! Jeder ist sich selber der nächste. Was ich mit der Madam zu besprechen habe, sind keine konträrigen Dinge. Ich habe noch alte Felle zu gerben und kann sie nicht fortschwimmen lassen.«

»Wenn diese Felle Euer Eigentum sind ...«

»Kosman, das sind sie.«

»Und sie sind rechtmäßig in Eure Hände gelangt?«

»Rechtmäßig,« sagte der Alte und hob wie zum Schwure die leichenfarbigen Finger. »Ich schwöre.«

»So kommt! Ich werde Euch melden,« und damit gingen sie der nahen Tür zu, die ins Herrenhaus führte.

Franziska Simonis saß wieder an der Schreibkommode ihres verstorbenen Vaters. Die Sichtung der hinterlassenen Papiere, der Rechnungen, Hypotheken, Forderungen und Darlehen ging ihrem Ende entgegen, aber was sie eigentlich suchte, den letzten Willen des Heimgegangenen, hingeworfene Schnitzel und Anhaltspunkte, geeignet, einiges Licht in das geheimnisvolle Dunkel der letzten Jahre zu tragen, ließ sich nicht finden. Müde und angegriffen hielt sie mit ihrer Arbeit inne, verschloß die Dokumente und legte die Hände zusammen. Ihre Erwägungen verfolgten die endlose Straße, die sich durch ein unwirtliches, ödes und trockenes Heideland hinzog, durch ein Land voller Zweifel und Ängste, voller Widersprüche und Gegensätze, eine endlose Straße, die ins Wesenlose hineinging, ohne ein Ziel zu erreichen. Immer dieselben Versuche! aber sie führten nicht weiter. Selbst das vielsagende Protokoll der Deichschöffensitzung mit dem seltsamen Vermerk ihres Vaters, das sie immer und immer wieder vorgenommen hatte, um wenigstens hier irgendeinen Anhalt zu finden, gab keinen Aufschluß und bot ihr nicht die geringste Handhabe, wissend zu werden und durch die ersehnte Pforte der Erkenntnis zu treten. So beschloß sie denn, die wirren Dinge von sich zu tun und nur der Stunde zu leben.

Feines Stramin spann der Abend durch die blanken Scheiben. Nur in ihrem Oberlicht wohnte noch ein feuriges Leuchten und vergoldete die Schildereien, die verstreut an den Wänden hingen.

Und sie saß still und einsam und beobachtete den hellen Lichtglanz, der langsam auf der Tapete weiterrückte, vereinzelte Kringel malte und friedlich eindämmerte, als Kosman anklopfte, den Kopf durch den Spalt steckte und sagte: »Madam, nu sind die acht Tage vorüber, und jemand ist draußen.«

Mit einem Ruck stand sie auf.

»Er soll kommen!« sagte sie hart und ohne jede Bewegung. Die Tür öffnete sich vollends und schloß sich dann wieder.

Jan van den Birgel stand vor ihr.

Draußen aber gingen derbe Schritte, kurz und nachhaltig, und dazwischen knirschte es zwischen den Zähnen: »Ich, Kosman Kraneboom, stehe für alles, gleichviel, was es ist: Mühlen und Wasser, Madam und Mägde, und wer dem einzelnen nur ein Härchen krümmt, der kommt nicht lebendig von diesem Grund und Boden herunter. Da stehe ich vor« und am äußersten Ende des Flures hielt er den Fuß an und pflanzte sich in einer Fensternische auf, gewillt, Leben und Gut seiner Herrin mit der Umsicht eines Getreuen zu sichern, und mochten darüber Stunden vergehen, lange und qualvolle Stunden.

»Madam, ich bin doch nicht ungelegen gekommen?«

»Ungelegen oder nicht ungelegen, ich stehe zu Eurer Verfügung, Jan van den Birgel, und bin nur begierig zu wissen, was Euch so dringlich in dieses Haus führte.«

»Dringlich, Madam? Dringlich kann man eigentlich nicht sagen.«

»Wie nennt Ihr es denn?«

»Gott, wie soll ich es nennen? Eilig vielleicht.«

»Also eilig, obgleich ich nicht ahne, welche Interessen uns gegenseitig verbunden hätten.«

»Ich dächte doch,« sagte er lauernd. »Man muß nur so'n bißchen seine Gedanken auffrischen. Bei gutem Willen läßt sich das machen, etwa so, wie der Bäcker es tut, wenn er seine überständigen Semmeln aufmunteriert. Aber keine Frage, Madam« – und über sein dürres Gesicht lief ein demütiges Grinsen – »ich weiß: die letzten Tage und Wochen ... ich möchte nur bescheiden erwähnen... bei all der Not kann man leicht das Nächste in den Schornstein schreiben. Malthus ist tot; na, und Simonis ...«

Mit einem erheuchelten Bedauern streckte er ihr die grausige Hand entgegen.

»Meine innigste Teilnahme,« meinte er trostlos, »mein herzlichstes Beileid ... indessen jedoch ... meine Privatangelegenheiten ...«

»Die auch mich berühren?« fragte sie ruhig, ohne auf die schofel ausgestreckte Hand zu achten.

»Jawoll,« gab der Alte zurück und ließ die Rechte wieder in seine Hosentasche verschwinden. »Privatangelegenheiten, nicht groß von Belang, aber für mich von 'ner gewissen Bedeutung.«

»Und die wären?«

»Wie man so sagt: geschäftliche Kleinigkeiten, alte Beziehungen ...«

»Ich wüßte mich nicht zu erinnern ...«

»Schon möglich. Vornehme Frauen können sich niemals erinnern. Besonders bei all dem Malör, da kann man vergessen. Aber wohl gemerkt: das Gesetz vergißt nichts. Kein Titelchen, nicht das Schwarze unterm Nagel. Das ist wie ein Flußadvokat, wie wir die Hechte benennen. Das denkt an alles und sagt ganz akkurat, wenn einer geerbt hat ..«

»Was hat das mit Eurem Hiersein zu schaffen?« fragte sie heftig.

»Bitte, Madam, keine Mouvements. Das bringt nicht weiter, und ich bin doch hier, um mit Euch in 'ner netten Weise die alte Freundschaft zwischen mir und den Wassermühlen aufrecht zu halten. Drum sage ich nochmals: Wenn einer geerbt hat, so übernimmt er nicht nur das Pläsierliche und die Monetens des Erblassers, sondern auch dessen Verpflichtungen und Schulden.«

»Weshalb diese Belehrung?«

»Weil ich sie für richtig und angemessen finde, denn Schnurr Schnapp von der Waterkant sagt: Jan van den Birgel, jedem das Seine. Alles muß im Leben seine destillierte Ebenmäßigkeit haben, sonst gehen die feinsten Urzustände zum Teufel. Und was Schnurr Schnapp von der Waterkant aufstellt, dem kann man nachpfeifen. Ich bin der nämlichen Ansicht und möchte alles so geregelt wissen, wie man es eben nobel erledigt.«

Die junge Frau war um einige Töne blasser geworden.

Langsam hob sie die weiße Hand.

»Nehmt Platz, Jan van den Birgel!«

»Merci, Madam!« und während er sich ihr gegenüber niederließ, seine knochigen Hände auf die spitzen Knie legte und an ihnen herumrieb, begann er zu sprechen: »Nur der Ordnung wegen hab' ich mich auf die Lappen gemacht. Das muß vorher festgelegt werden, um keinen schlechten Docht auf die Funzel zu stecken. Selbstverständlich, Madam: verschiedene Wege führen nach Rom. Der Gerichtsweg zum Beispiel. Aber warum das? Der privatrechtliche ist immer der beste, und je schneller man auf ihm vorwärts kommt, um so kommoder für beide Parteien.«

»Ich verstehe noch immer nicht.«

»Man keine Sorge. Das kommt noch, denn ich habe von jeher den Standpunkt vertreten: immer langsam, aber sicher gefahren. Hitzige Kutscher machen Wagen und Gaul zuschanden und verbiestern die Sache. Ich meine: das ist doch 'ne vernünftige Ansicht, und Ihr, Madam, werdet das auch begreiflich finden.«

»Vollkommen,« sagte sie ruhig.

»Das freut mich,« fuhr er sachlich und geschäftsmäßig fort, indem er mit der Rechten sein dürres Kinn schabte und langsam den Blick an sein stilles Opfer herankriechen ließ, »denn auf diese Art können wir unsre Kartoffeln zusammenschmeißen und gemeinsam verzehren. Mit meinen Kartoffeln ist das allerdings man power bestellt. Das buttert so recht nicht. Da müssen andere helfen und haben geholfen, denn offen gestanden: ich bin nie ein Glückspilz gewesen und meine Lena erst recht nicht ... und bei ihr sollen ja nu wohl Veränderungen kommen ... Aber Schnurr Schnapp von der Waterkant hat's auch nicht, denn ich habe niemals gehört, daß ein ehemaliger Schulmagister und nunmehriger Balbierer berufen wäre, preußische Speziestaler auf die hohe Kante zu legen. Gott ja! und die Leutchen wollen doch leben, und ich desgleichen dito, und da wäre es mir 'ne bekömmliche Freude, wenn die Mitbürger sagen würden: Bei Jan van den Birgel schreit wieder 'ne gehörige Portion Speck in der Pfanne. Das wäre doch 'ne prächtige Sache! Na also, wie denkt Ihr darüber?«

»Warum richtet Ihr das alles an meine Adresse?«

»Weil es Euch angeht.«

»Da bin ich entgegengesetzter Ansicht,« sagte sie frostig, »und möchte Euch bitten, der Unterredung ein Ende zu machen. Unter den obwaltenden Umständen ist meine Zeit sehr kurz bemessen und verträgt es so recht nicht, sich mit andermanns Geschick zu befassen.«

»Nicht?!« fragte er trocken und begann wieder damit, nachdenklich an seinem Kinn herumzufühlen.

»Nein,« sagte sie kurz abgebrochen und verfolgte das letzte Rot, das bei den Schildereien langsam zerfaserte.

»Aber meine erlaubt's,« fuhr er auf und tupfte etliche Male gegen seine schäbige Weste, »und ich bin sicher: Eine wird's auch noch erlauben, denn von Amts wegen wird irgendwo bestimmt, daß der Erbe für die Nachlaßverbindlichkeiten des Verstorbenen haftet, und soviel mir bekannt ist, befindet Ihr Euch in der nämlichen Lage.«

»Was kümmert das Euch?«

»So'n bißchen, Madam, und ich möchte Euch raten, alles beim alten zu lassen.«

»Was heißt das: ›alles beim alten zu lassen‹?«

»Ganz einfach: so wie es war zwischen mir und Malthus, zwischen mir und Simonis.«

Sie hob den Kopf. Wo führte das hin? Begannen sich hier die vergangenen Tage zu regen? Streckte sich bereits jetzt die entsetzliche Hand aus, die sie schon lange gefürchtet hatte? Sie wußte: Jan van den Birgel war öfters auf den Wassermühlen gewesen, hatte mit ihrem Vater verhandelt und heimliche Geschäfte betrieben. Auch auf dem Aukamp war er erschienen, so um Martini herum, wenn das Korn längst eingebracht war und die Dreschflegel über das weite und stille Land riefen. Dann hatte ihr Mann stets einige Flaschen Wein auftischen lassen und ihm zugetrunken, bis die Sterne am Himmel flinzelten, ein Tilbury vorfuhr und den Besuch wieder nach Hause brachte. Dessen erinnerte sie sich, ganz genau und mit allen Einzelheiten, obgleich sie diesen Zusammenkünften keinen besonderen Wert beigelegt hatte. Jetzt kam Licht in die Sache. So schien es. Garne entwirrten sich, enggeschürzte Knoten lösten sich auf, nur war sie sich noch nicht im klaren darüber, was der Alte bezweckte und was die eigentlichen Triebfedern waren, die ihn hergebracht hatten. Handelte er auf Grund von Vorgängen, die eine gewisse Berechtigung aufweisen konnten, oder aber sollte hier ein Spiel ausgetrumpft werden, scheußlich wie die Sünde und verlogen bis in die innersten Knochen, nur darauf berechnet, auf Kosten der Verstorbenen irgendeinen unlauteren Gewinn zu erzielen? Jedenfalls – sie hatte auf der Hut zu sein und mit der jetzigen Stunde zu rechnen. Scharfumrissen stand die Gegenwart vor ihr.

Ihre Hände verflochten sich.

Es durchzuckte sie bis in die Fingerspitzen hinein.

Schwer hob sich ihre Brust, und ihre heißen Blicke umfaßten den Gegner.

»Ihr da,« fragte sie nach kurzem Besinnen, »was hattet Ihr mit meinem Vater und Simonis zu schaffen?«

»Vieles, Madam. Wir waren uns gegenseitig verbunden: Malthus und ich, ich und Simonis. Pure geschäftliche Interessen, auf Treu und Glauben niedergelegt und eigenhändig unterfertigt, und so was verpflichtet. Und außerdem noch, Madam: ich für meine Person nicht allein, auch meine Tochter, die Lena, ist Partei in der Sache und kann sich nicht an die Wand drücken lassen. Jedem das Seine, wie schon Schnurr Schnapp von der Waterkant sagt. Keine langen Fisimatenten. Die haben Dreck an den Schuhen, und ich will reinliche Arbeit. Gebt Hals her und laßt es beim alten verbleiben.«

»Ich weiß von keiner Verpflichtung,« sprach sie verächtlich.

»Ihr vielleicht nicht, aber Malthus und dito Simonis, und was Mann und Vater als richtig und gesetzmäßig erkannten, dem wird sich auch die Tochter nicht entziehen wollen.«

»Das heißt also ...?«

»Daß ich auf meinem Schein bestehe und ausbezahlt werden will auf Heller und Pfennig.«

»Ihr wollt hier wohl den Blutegel spielen?«

»Was?! Den Blutegel spielen? Wo das hier verbrieft steht?«

Er fuhr auf wie von einer Tarantel gestochen.

»Schwerebrett und noch eins! mir so unter die Augen zu kommen, mir, Jan van den Birgel von ›Achter de Mur‹ her! Das ist ja nächst dem leibhaftigen Satan ...!«

»Herr, wollt Ihr Ruhe bewahren? Ja oder nein?«

Hoheitsvoll hatte sich Franziska erhoben.

»Ich tu's schon, ich tu's schon! aber Himmelsakrament noch einmal ...!«

Mit gierigen Fingern griff er in seine Rocktasche und brachte das abgegriffene Portefeuille zum Vorschein, blätterte emsig herum und suchte das zusammengelegte, sich darin befindliche Papier zu entfalten, als sich draußen energische Schritte bemerkbar machten, die plötzlich Halt machten, in stummer Ruhe verharrten, um dann wieder mit dem taktmäßigen Gang eines Grenadiers auf und nieder zu hämmern.

Jan merkte auf.

»Kosman!« sagte er mit eingeschrumpftem, aber verbissenem Grunzen, trat hastig an die junge Frau heran und hielt ihr das zerknüllte Schriftstück entgegen.

Mit dem scheußlichen Zeigefinger der Rechten deutete er auf eine beschmuddelte Stelle.

»Kennt Ihr das?« fragte er mit niederträchtigem Behagen, ohne mit der Wimper zu zucken.

»Das ist die Unterschrift meines Vaters.«

»Und das hier?« und der Zeigefinger betupfte eine weitere Stelle.

»Die meines verstorbenen Mannes.«

Die Buchstaben tanzten vor ihren Augen. Sie vermochte sich kaum auf den Füßen zu halten.

»Und Ihr nehmt sie als richtig an?«

»Als richtig.«

»Das wäre geordnet. Tausend Taler alljährlich ... zahlbar in der ersten Woche nach Ostern ... tausend Taler preußisch Kurant ... gleichviel, ob in Kassenscheinen oder in bar ... ohne Abzug und Spesen ... hier steht das ... schwarz auf weiß und von Malthus und Simonis eigenhändig unterfertigt ... beide solidarisch verpflichtet ... He, wie gefällt Euch die Sache?!« und wieder deutete der niederträchtige Zeigefinger auf den knitterigen Bogen: »Tausend Taler alljährlich ... kein Titelchen fehlt dran ... zahlbar an Jan van den Birgel, also an mich, und die Frage besteht nur: wollt Ihr die mir gegenüber festgelegte Verpflichtung anerkennen und freiwillig zahlen, oder sollen die Gerichte in Kleve ...? Madam, es liegt in Eurem Befinden. Mir soll's egal sein, gebe aber zu bedenken: besser ein magerer Vergleich als der fetteste Advokatenprozeß. Ich nicht, aber Ihr würdet den kürzeren ziehen.«

So der Alte, und in umständlicher Selbstgefälligkeit schob er das zusammengefaltete Dokument wieder in die Seitentasche zurück.

»Bitte, Eure Ansicht, Madam!«

Sie stand wie ein Steinbild; nur um ihre schmalen Lippen spielte ein verächtliches Lächeln.

»Mit anderen Worten heißt das,« sagte sie schließlich, »diese von meinem seligen Vater und Simonis übernommene Verpflichtung wollt Ihr auf mich übertragen?«

»Allerdings! Warum lange Umstände machen? Glatte Bahn wäre die beste. Ich müßte sonst so'n kleines Skandälchen entrieren, und das tut man nicht gerne.«

Sie lachte kurz auf.

»Eine Frage zuvor, Herr Jan van den Birgel.«

»Bitte.«

»Worauf gründet sich eigentlich diese Verpflichtung?«

»Madam,« sagte der Alte, und seine scheußliche Hand legte sich flach auf die Weste, »ich bin ein Ehrenmann und vertrete eine reputierliche Sache, und wer mich dieserhalb anrempelt, dem kann's passieren, seine Knochen im Schnupftuch nach Hause tragen zu müssen. Und weil ich so denke ... Was Malthus anbetrifft: auf ihn will ich mich direkt nicht beziehen. Wenigstens jetzt nicht, zurzeit nicht. Ich möchte ihm das Elend nicht antun. Da muß Gras drüber wachsen, denn er ist mir immer ein lieber Freund und Genosse gewesen.«

»Herr ...!« fuhr sie auf.

Ihre Hände ballten sich.

»Laßt meinen Vater ruhen!« sagte sie bebend.

»Das soll er, das soll er! Simonis hingegen« – und er suchte seinen zusammengekniffenen Mund ihrem Ohre zu nähern – »Simonis hingegen ... er und die Lena ... sie hat ihm ihr Bestes gegeben ... aber auch alles ... und dann noch das übrige ... die Umstände, die Kosten ... und wenn eine einem so die Bettposen anwärmt ... und das Jahre um Jahre ...«

Sie unterbrach ihn.

»Auch während meiner Ehe?« fragte sie bitter.

»Aber natürlich!«

Totenbleich streckte sie sich. Eine purpurblaue Nacht fiel über sie her. Ekel und verhaltene Genugtuung stiegen in ihr auf. Sie hatte eben noch die Kraft, eine herrische Bewegung zu machen.

»Geht! Laßt mich allein! Ich kann Euch nicht sehen.«

»Das sollte Euch passen? Nicht um's Verrecken. Erst die Antwort, sonst klebe ich Euch wie'n Fleckfieber am Leibe. Das ist so 'ne Gewohnheit von mir. Ich will leben, und die Lena will's auch. Also wie denkt Ihr darüber? Ostern steht vor der Tür. Gebt 'ne runde und beglaubigte Antwort. Kutt ki kutt! Das Weitere wird sich dann finden.«

»Geht jetzt! Ich bin mir noch nicht schlüssig geworden. Man muß das erwägen. Erst hat das Nachlaßgericht zu sprechen, bevor ich zu entscheiden vermag, was zu tun ist. Drum geht jetzt! Es ist schon das Beste,« und wieder streckte sie herrisch die Hand aus.

»Ich verstehe. Und wie lang kann's dauern, das mit dem Nachlaßgericht und Eurer Besinnung?«

»Monate werden darüber vergehen.«

»Gut, ich kann warten. Ostern wird geschlabbert. Euch zuliebe und der Hochachtung wegen, denn ich bin ein Mann der Ruhe und Ordnung. Um Martini jedoch –« und seine Äugelchen leuchteten auf wie Holzmulm – »alles auf Heller und Pfennig, sonst schreit die Geschichte, denn ich bin ein prompter Geschäftsmensch.«

Damit ging er.

Mit toten Augen sah sie ihm nach.

Draußen waren erregte Stimmen, die sich langsam entfernten.

Sie hörte darauf, bis sie verstummten; dann trat sie ans Fenster.

Ihre Pulse jagten. Sie sah Funken und Blitze.

Mittlerweile war es dunkel geworden. Vereinzelte lichtschwache Pünktchen standen am Himmel.

Sie sah in die Niederung.

Drüben die finstere Häusermasse zwischen den Baumkronen – das war Op gen Oort.

Ein erhelltes Fenster winkte herüber.

Da schlug sie die Hände vor das entsetzte Gesicht und brach lautlos zusammen.

 

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