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Singende Flamme

Isolde Kurz: Singende Flamme - Kapitel 2
Quellenangabe
typepoem
booktitleSingende Flamme
authorIsolde Kurz
year1948
firstpub1948
publisherRainer Wunderlich Verlag Hermann Leins
addressTübingen und Stuttgart
titleSingende Flamme
pages56
created20150404
sendergerd.bouillon@t-online.de
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»Le temps que je regrette . . .«

            Aus meiner Kindheit Ferne
    Tönt ein verwehter Klang
    Des Lieds, mit dem uns gerne
    In Schlaf die Mutter sang.

Zersprungen ist des Liedchens Kette,
Sein goldner Kehrreim blieb mir nur:
Le temps que je regrette
C'est le temps des amours.

    Es ist wie leis Gedenken
    An blauer Bänder Wehn,
    Lavendelduft aus Schränken,
    Die lang verschlossen stehn.

So sucht auf öder Freudenstätte
Ein Herz verklungner Feste Spur:
Le temps que je regrette
C'est le temps des amours.

    Wenn bei des Herbstes Säuseln
    Das Laub im Parke fliegt,
    Sich auf des Weihers Kräuseln
    Ein Schwan noch einsam wiegt.

Dann schwebt es leis durch die Boskette
Mit Reifrock, Puder, Pompadour:
Le temps que je regrette
C'est le temps des amours.

    Wie zu der Geisterklage
    Der Wind die Harfe rührt,
    Das Bild der sonnigen Tage
    Im Blätterfall entführt.

Da denkt auf feuchtem Sterbebette
Des Sommers einmal noch Natur:
Le temps que je regrette
C'est le temps des amours.

 

Kinderland

            Bleib im Kinderland,
Bleib im Engelsstand,
Seliger, verklärter Leib,
Schöner viel als Mann und Weib.
Tierlein kommt und spricht dich an,
Denn dein Sinn ist aufgetan.
Lang und glücklich ist dein Tag,
Sonne nicht zur Ruhe mag
Überm Kinderland.

Kommt die Nacht herauf,
Sternlein mit zuhauf,
Freundlich grad herunterzielen,
Wollen mit dem Kinde spielen.
In die Ecke Strumpf und Schuh,
Sandmann schließt die Läden zu,
Nur am Baum die Edelsteine
Leuchten fort mit sanftem Scheine
Überm Kinderland.

Wenn der Bauchfrost fällt,
Zucker wird die Welt:
Kriecht das Zwerglein aus dem Fels,
Bär mit braunem Zottelpelz,
Hängen all voll weißer Zäpfchen,
Schlange kommt und leert dein Näpfchen.
Alle dir verwandt,
All im Kinderland.

Schleichst du je hinaus,
Findst nicht mehr nach Haus.
Draußen weht der Wind so stark,
Weht dem Kind durch Bein und Mark,
Tierlein kommt noch zu dir her,
Aber du verstehst's nicht mehr.
Irrst im Wald nach frischem Trank,
Rote Beeren machen krank,
Immer mußt du draußen stehen,
Immer suchen, fragen, flehen,
Bist und bleibst verbannt,
Fern vom Kinderland.

 

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