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Singende Flamme

Isolde Kurz: Singende Flamme - Kapitel 17
Quellenangabe
typepoem
booktitleSingende Flamme
authorIsolde Kurz
year1948
firstpub1948
publisherRainer Wunderlich Verlag Hermann Leins
addressTübingen und Stuttgart
titleSingende Flamme
pages56
created20150404
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Wie die Jugend liebt

Kleinstadtidylle aus der guten alten Zeit
 

            Vor des Kanzleirats Haus ist Sand gestreut,
Kein Karren rasselt und kein Fuhrmann flucht,
Und wer vorbeigeht, dämpft die Stimme dort:
Wißt ihr's? Mit Weilens Jenny geht's zu End'.
– Ja, ja, das arme Ding, so jung und sterben!
Den langen Winter hat sie sich gefristet,
Der Frühling gibt ihr jetzt den Gnadenstoß.

Und drin im Hause beim gedämpften Schein
Der kleinen Scheiben sitzt die Basenschaft,
Die Kaffeelöffel klappern so diskret,
Sie sprechen leis und führen ehrbarlich
Bei jedem Wort das Schnupftuch an die Nase.
Die Tante geht geräuschlos ab und zu
Und nötigt zum Kaffee die Dankenden.
Und junge Mädchen klopfen zaghaft an,
Die nur durch ihre scheuen Blicke fragen,
Ob's wahr ist, daß die Jenny sterben muß.
Sie wußten's lang, doch sie begreifen's nicht,
Wie man den Mai verlassen kann, die Veilchen,
Die lauen Nächte mit den Sternen allen,
Das Flüßchen, das am Haus vorüberzieht,
In dem man bald schon wieder baden kann,
Und eine Welt, in der man tanzt und liebt.
Dann gingen sie, die blonden Köpfchen senkend,
Doch als sie heimgekommen, sangen sie.

Im Zimmer, wo ein Fenster offen steht
Nach Blütenbäumen, Lenz und Amselschlag
Und einem Streifen goldgefärbten Himmels,
In weißen Kissen liegt die Sterbende,
Die bleichen Finger in der Hand der Mutter,
Die sich's in achtzehn Jahren nicht vergönnt,
So zärtlich ihres Lieblings Hand zu halten,
Belastet, wie sie war, mit Wirtschaftssorgen
Und der Verwandtschaft, die geehrt sein will.
Zuweilen irrt ein häuslicher Gedanke
Um ihre Stirn und hält die Tränen auf,
Dann tauscht sie mit der Magd ein flüsternd Wort.
Gottlob, daß noch der Haushalt weitergeht
Und diese Tische, diese Stühle bleiben,
Denn wenn die Jugend stirbt, dann wankt die Welt.

Nur Jenny lächelt. Heiter wie ein Freund,
Der zarte Jugend nicht verletzen mag,
Naht ihr der Tod; die Veilchen hier im Glase,
Sie weiß es, welken später noch als sie.
Und dennoch kann sie lächeln, holde Bilder
Begleiten sie bis vor das Tor der Nacht.

An einem Sonntag war's, in Bucheneck,
Vom Kurhaus scholl Musik, es ward getanzt,
Studenten kamen und darunter Er.
Sie sah ihn an und liebte. Ja, warum?
Befragt die Jugend nur. Er trug sein Haar
Ein wenig anders als die Kameraden,
Und seitwärts hielt er leicht den Kopf geneigt,
Wie's die Geschichte weiß von Alexander,
Auch lag ein Zug von Trotz um seinen Mund,
Und seine Sprache klang vom schönen Rhein.
Sie tanzten lange, lange. Wie ein Cherub
Trug er sie hin, der Erdenschwere bar,
Dann führt er sie zurück zu ihrem Sitz
Mit flücht'gem Dank und leichtem Händedruck,
Sah eine Weile lächelnd ihr ins Auge,
Und einen Kranz von Moos und Enzian,
Noch frisch vom Wald, streift er an ihren Arm.

Von jenem Tag war er ihr Held, und wo
Sie ging und stand, in Straßen, Wald und Wiesen,
Sah jeglich Ding sie an mit seinem Lächeln,
Im Moose jeder Enzianenkelch,
Bis auf den Grund erglühend, schwieg von ihm.
Aus den sechs Worten, die er selbst gesprochen,
Und was der Zufall ihr an Lob und Tadel
Zutrug von ihm, aus Wahrem und Erträumtem
Fügt' sie sich Zug um Zug sein Bild zusammen
Und machte heimlich ihren Gott daraus.

Nun ward das Leben reich, unschätzbar reich,
Denn neue Zeichen brachte jeder Tag:
Bald war's ein Freund, der von ihm sprach, ein Hund,
Der ihm gehörte, bald ein Kamerad,
Der seine Farben trug, ein andermal
Sah sie ihn selbst zu Roß vorüberfliegen
Und ward beglückt durch einen Gruß. Und einst,
Als sich ihr Held auf blanke Waffen schlug,
War's Vetter Karl, der ihm die Wunde nähte.
– Nur zweimal noch in all den Jahren sprach er
Mit ihr, und flücht'ge Worte stets, doch die
Stehn unauslöschlich in ihr Herz geprägt.
Er ahnte nie, was er ihr war, nur öfter,
Wenn sie vorüberging, sah er ihr nach
Und dachte, wie sie schlank und zierlich sei,
Ein holdes Kind, ein wandelndes Erröten!
Doch mehr nicht, denn sein Herz trug andre Bande.

Sie aber, wie von Wolkenflaum gehoben
Ging sie durchs Leben, dessen Stern er war;
Dann, als sie siechte, blaß und blässer wurde,
Schien auch das Leiden nur ein sanft Verglühen
Und ohne Schreck der frühe Tod. Sie wußte,
Daß ihrem Lenz kein Sommer mehr beschieden,
Und fand sich drein. Ans Haus ward sie gebannt,
Nicht Tänze gab es mehr, kein lustiges Wandern
Durch Wald und Feld mit lachenden Gespielen,
Nie kam sie mehr, den frischen Kranz im Haar,
Beim Flimmer der Johanniswürmchen heim.
Im Herbst, als noch die Sonne golden schien,
Saß sie am Flüßchen auf der Gartenbank,
Das Buch im Schoß und träumte, dachte sein,
Und wie das Leben doch so schön gewesen.
Dann kamen Winterstürme, Schneegeriesel,
Und kleiner stets ward ihre Welt. Sie saß
Im Zimmer bei der Lampe frühem Schein
Und malte Blumen, – blauen Enzian.
In den drei Farben, die ihm teuer waren,
Zog sie am Fenster Hyazinthen auf,
Die sollten, hoffte sie, das Grab ihr schmücken,
Daß ihm einmal der Anblick lieblich sei.
Sie wußte nicht, daß er die Stadt verlassen,
Und als sie schied, war noch die Welt so reich,
Verklärt von seines Lächelns Widerschein.
Und endlich ward es Lenz, die Blüten flockten,
Die Amsel sang, da kam der letzte Tag.

Im Sterbezimmer schlichen leis die Stunden,
Die Mutter schluchzte, Vater kam und ging,
Und durch die Spalte sahn die kleinen Brüder.
Der Abend sank, und fern und ferner wich
Vorm Blick der Sterbenden das irdisch Nahe.
Ihr Schmuck war schon verteilt, Erinnrungszeichen
Für alle Lieben ausgesucht, und still
Nahm sie mit Blicken Abschied von der Erde,
Von Blütenbäumen und vom Himmelslicht
Und den Geräten ihres Kämmerleins,
Den schweigsamen Vertrauten ihrer Träume.
Doch überm Spiegel blieb ihr Auge haften,
Dort hing bei Tand und andern Balltrophäen
Ein Mooskranz mit verwelkten Enzianen.
Der Kranz, o wenn ihr der zur Erde folgte,
Dann wär's auch drunten warm und hell! Doch nie
Käm' das Geheimnis über ihre Lippen,
Nur ihre Hand erbebte leis. Da frug
Die Mutter: ›Hast du einen Wunsch?‹ und Jenny:
›Grüß mir die Käthe und den Vetter Karl –
Grüß Bucheneck‹ – das war ihr letztes Wort.
Doch wen sie grüßte, sie errieten's nicht.

Man gab den jungen Leib der alten Erde.
Ein Blumengärtlein ist ihr Grab, drin ruht
Auch ihr Geheimnis, ewig unentweiht;
Die Lilien, die aus ihrem Herzen sprossen,
Die wissen's wohl und hüten's jungfräulich.
Doch wenn der Eine je den Platz beträte
Und spräche: Armes, schönes Kind, schlaf wohl!
Erröten würden sie im tiefsten Kelche
Und trügen flüsternd ihr den Gruß hinunter,
Den Gruß, um den die Sel'gen sie beneiden,
Der ihr das frühe Sterben reich vergütet,
Den Gruß des Einen: Armes Kind, schlaf wohl.

 

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