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Silberne Saiten

Stefan Zweig: Silberne Saiten - Kapitel 4
Quellenangabe
authorStefan Zweig
titleSilberne Saiten
publisherSchuster & Loeffler
year1901
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20171117
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Das Lebenslied.

. . . Und jedes Lebensmal, das ich gefühlt,
Hat in mir dunkle Klänge aufgewühlt.

Und doch, das eine will mir nie gelingen,
Mein Schicksal in ein Lebenslied zu zwingen,

Was mir die Welt in Tag und Nacht gegeben,
In einen reinen Einklang zu verweben.

Ein irres Schiff, allein auf fremden Meer,
Schwankt meine Seele steuerlos einher

Und sucht und sucht und findet dennoch nie
Den eig'nen Wiederklang der Weltenharmonie.

Und langsam wird sie ihrer Irrfahrt müd.
Sie weiß: Nur einer ist's, der löst ihr Lied,

Der fügt die Trauer, Glück und jeden Drang
In einen tiefen, ewig gleichen Sang.

Nur durch den Tod, der jede Wunde stillt,
wird meiner Seele Wunschgebet erfüllt.

[11]

Denn einst, wenn müd mein Lebensstern versinkt,
Mit matten Lichtern nur der Tag noch winkt,

Da werd' ich sein Erlösungswort verspüren,
Er wird mir segnend an die Seele rühren,

Und in mir atmet plötzlich heil'ge Ruh . . .
Mein Herz verstummt. . . Er lächelt mild mir zu . . .

Und hebt den Bogen . . . Und die Saiten zittern
Wie Erntepracht vor drohenden Gewittern,

Und beben, beugen sich – und singen schon
Den ersten, sehnsuchtsweichen Silberton.

Wie eine scheue Knospe, die erblüht,
Reift aus dem ersten Klang ein süßes Lied.

Da wird mein tiefstes Sehnen plötzlich Wort,
Mein Lebenslied ein einziger Accord,

Und Leid und Freude, Nacht und Sonnenglanz
Umfassen sich in reiner Consonanz.

Und in die Tiefen, die noch keiner fand,
Greift seine wunderstarke Meisterhand.

Und was nur dumpfer Wesenstrieb gewesen,
Weiß er zu lichter Klarheit zu erlösen.

Und wilder wird sein Lied . . . Wie heißes Blut
So rot und voll strömt seiner Töne Flut

[12]

Und braust dahin, wie schaumgekrönte Wellen,
die trotzig an der eig'nen Kraft zerschellen,

Ein toller Sang lustlechzender Mänaden
Ertost es laut in jauchzenden Kascaden.

Und wilder wird der Töne Bacchanal
Und wächst zur ungeahnten Sinnesqual

Und wird ein Schrei, der schrill zum Himmel gellt –
– Dann wirrt der wilde Strom und stirbt und fällt . . .

Ein Schluchzen noch, das müde sich entringt . . .
. . . Das Lied verstummt . . . Der matte Bogen sinkt . . .

Und meine Seele zittert von den Saiten
Zu sphärenklangdurchbebten Ewigkeiten . . .

[13]

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