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Siebzehnte Sammlung der Novellen

Paul Heyse: Siebzehnte Sammlung der Novellen - Kapitel 4
Quellenangabe
authorPaul Heyse
titleSiebzehnte Sammlung der Novellen
publisherVerlag von Wilhelm Hertz
year1884
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20180626
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Gute Kameraden.

(1883.)

 

Es war gegen Ende April. Ein starker Gewitterregen rauschte und braus'te in die Gassen Roms herab und verwandelte die lange Straße, die unter wechselnden Namen vom Corso nach St. Peter führt, in einen reißenden Bach, den Niemand ohne Noth durchwaten mochte. Endlich ließ die Gewalt des Unwetters nach, der Himmel lichtete sich ein wenig, das Sausen des Orkans verklang über der Campagna. Doch prasselte und klatschte die Flut noch immer so beharrlich in die gelben, schmutzigen Rinnsale nieder, daß nur wenige alte Weiber, die Röcke hoch über die Köpfe gezogen, sich zu den Hausthüren hinauswagten und nur hie und da ein halbnacktes Knäbchen, die Hosen bis über die Kniee hinaufgestreift, sich des lauen Bades in der rieselnden Strömung erfreuen mochte.

Auch ein einsamer Wanderer, den das plötzlich ausbrechende Element unter ein offenes Palastthor gescheucht hatte, fand es gerathener, noch eine Weile das alte Sprüchlein zu beherzigen:

Duck dich und laß vorübergah'n;
Das Wetter will seinen Willen ha'n.

Sein grauer leinener Schirm war im Nu so durchtränkt worden, daß das Wasser aus den schlaffen Falten noch jetzt beständig herabtroff, und sein heller Sommeranzug zeigte große feuchte Flecken. Doch hatte ihm dieser jähe himmlische Ueberfall durchaus nicht die Laune verdorben, vielmehr spähte er mit klugen, munteren Augen umher. Die Häuser gegenüber, deren hölzerne Läden zum großen Theil verschlossen waren, zeigten ihm nichts Merkwürdiges. Desto malerischer däuchte ihn der Ausblick durch den Hof des alten Gebäudes und eine hohe gewölbte Durchfahrt des Hinterhauses auf das Tiberufer, über dessen Rand hie und da der Bord eines schwerfällig dahinrudernden Kahnes auftauchte. Dann betrachtete er mit der Neugier eines Fremden, dem Alles und Jedes wichtig ist, das uralte Eisengitter seines Portone, das ihm so gastfreundlich offen gestanden hatte, und als auch hieran nichts Sonderliches mehr zu studiren war, heftete er seinen Blick auf die rasche Welle zu seinen Füßen, die in der ewigen Stadt so vielfach ganz allein des Dienstes walten muß, den Kehricht zusammenzuwirbeln und vom Straßenpflaster hinwegzuspülen.

In diese Betrachtung war er noch ganz fröhlich versunken, als das plätschernde Geräusch einer herannahenden Droschke ihn aufblicken machte. Es war ein offenes Gefährt, durch das aufgeschlagene halbe Verdeck, von dem ein rothes Schirmdächlein zwei Handbreit herabhing, nur nothdürftig gegen den Regen geschützt. Ueber den Kutschersitz spannte sich ein riesiger Schirm von nicht mehr erkennbarer Farbe, dessen Stock an dem Geländer des Bocks mit derbem Strick festgeschnürt war, so daß der Wagenlenker darunter fast sicherer im Trockenen saß, als der Insasse des Wagens selbst. Auch schien es dem Kutscher durchaus nicht zu eilen. Er schwang nur zuweilen schläfrig seine kurze Peitsche über den Rücken des geduldigen Thiers, dem das lange triefende Stirnhaar um die Augen schlug, und ließ einen schnalzenden Zuruf erschallen, der auf den gleichmüthigen Takt, in welchem die Fahrt von Statten ging, offenbar keinen Einfluß hatte.

Beim ersten Erblicken dieses Wägelchens hatte den Fremden ein Gefühl beschlichen, wie etwa einen Mann, der, vor der Sintfluth auf eine Bergspitze geflüchtet, aus der Ferne langsam die majestätische Arche heranschwimmen sah. Als aber das rettende Fahrzeug sich näherte, sagte er sich mit einem ähnlichen Seufzer wie Jener, daß für ihn keine Stätte darin sein werde. Er erkannte deutlich den Saum eines Frauenkleides, der ein paar Zoll weit über den Wagentritt herabhing, und ergab sich eben in das Schicksal, noch eine gute Weile unter seinem luftigen Thorbogen auszuharren, als er plötzlich sah, wie eine kleine Hand unter dem rothen Schirmdach sich hervorstreckte und den Kutscher am Mantelkragen zupfte.

Sogleich hielt dieser die Zügel an, das Pferd stand dampfend und keuchend mitten auf der Straße still, und ein Frauenkopf in einem leichten schwarzen Hütchen bog sich aus der dunklen Höhle vor, gerade nach dem Fremden hinspähend und mit einem freundlichen Nicken ihm andeutend, daß man geneigt sei, ein Wort mit ihm zu reden, wenn er den feuchten Weg bis an den Wagenschlag nicht scheuen möchte.

Das Gesicht war ihm völlig unbekannt; daher begnügte er sich, einen Irrthum vermuthend, den Gruß nur mit einer leichten Verbeugung zu erwidern und an den Rand seines breiten Filzhutes zu fassen. Die Dame aber ließ sich durch diese Zurückhaltung nicht irre machen. Vielmehr winkte sie ihm jetzt ganz unzweideutig mit der Hand, und als er über diese Zutraulichkeit immer tiefer erstaunte, ohne sich vom Fleck zu rühren, rief sie mit einer sehr wohlklingenden Stimme, während sie sich eines schalkhaften Lächelns nicht enthalten konnte: Wollen Sie mir nicht erlauben, Herr Doctor, Sie in mein Rettungsboot aufzunehmen? Ich vermuthe, wir haben denselben Weg, und Sie sind mit den Launen des römischen Himmels noch nicht so bekannt, daß Sie wüßten, wie lange Sie hier noch warten können, bis er sich entwölkt.

Auch die Stimme hatte er nie vorher vernommen. Doch klang sie selbst und der Inhalt ihrer Rede allzu freundlich, um ferner fremd zu thun. Er wagte also, über den Strom zwischen ihnen mit einigen Sprüngen hinwegzusetzen, und wollte, da er am Wagen angelangt war, den Hut höflich abnehmend, um nähere Erklärung bitten, als die Dame lachend sagte: Vor allen Dingen schlüpfen Sie erst unter das sichere Dach. Wenn Sie dann im Trockenen sind, kann die gegenseitige Vorstellung in aller Form nachgeholt werden.

Sie rückte in die Ecke des Wagens zurück und ließ ihm den Platz an ihrer Seite frei, den er nun ohne Zögern einnahm. Erst als sie sich wieder in Bewegung gesetzt hatten, sagte er lachend: Es geschehen doch noch Wunder in unserer nüchternen, glaubenslosen Zeit. Ich bin kaum vierundzwanzig Stunden in Rom und habe schon einen mir völlig unbekannten Schutzengel gefunden, der sich großmüthig mein erbarmt, und noch dazu einen, der Equipage hat.

Es thut mir leid, Ihren schönen Glauben zerstören zu müssen, erwiderte sie lächelnd. Das Wunder besteht nur darin, daß Sie heute eine Stunde lang an demselben Tische mit mir gesessen haben und mich nun doch wie eine ganz Fremde betrachten, und auch dies ist wieder nicht zu verwundern, da Ihre Tischnachbarin, die gute dicke Mistreß Robinson, Sie so ganz bezaubert hat, daß Sie für die anderen Gäste weder Ohr noch Auge übrig hatten. Zudem saß ich am anderen Ende des Tisches. Sie aber mußten mir natürlich interessant sein als der einzige Mann unter dem Dutzend weiblicher Wesen, die sich in dieser englischen Pension zusammengefunden haben. Ich vermuthe, Sie werden es trotz der Stirnlöckchen und der feierlichen Minervenaugen Ihrer Nachbarin nicht lange aushalten, der Hahn im Korbe zu sein.

Ist es wahr? rief er. Wir sind Hausgenossen? So hat mir meine Kurzsichtigkeit wieder einmal einen Streich gespielt. Aber ist es nicht ein um so größeres Wunder, daß ich trotzdem eine barmherzige Samariterin in Ihnen fand? Wenn statt Ihrer eine der anderen Damen vorbeigekommen wäre, -- schwerlich hätte sie sich meiner hülflosen Lage erbarmt, da ich ihr noch nicht vorgestellt war, und Mistreß Robinson, bei der diese Rücksicht wegfiel, wäre mit dem besten Willen nicht im Stande gewesen, mir so viel Platz zu machen, daß ich meine schmächtige Person neben ihr hätte unterbringen können.

Sie erröthete leicht, doch konnte er es nicht erkennen, da das rothe Dächlein die Gesichter ohnehin mit einem warmen Schimmer überhauchte.

Sie haben Recht, versetzte sie, es ist gegen allen Anstand, seiner ersten Empfindung zu folgen, und ich glaube fast, in meiner deutschen Vaterstadt würde ich mich eben so wohlerzogen aufgeführt und Sie ruhig in Ihrem windigen Thorwege haben frieren lassen. Das aber ist der Segen Roms, daß man sich hier in Ausnahmszuständen befindet und alles Natürliche und Menschliche unbedenklich findet. Es ist ordentlich, als überkäme uns hier etwas von dem Geist jener alten, längst entschwundenen Geschlechter, die der Welt Gesetze gaben und Alles, was ihnen selbst nützlich oder angenehm war, sich erlauben zu dürfen glaubten. Wer von Haus aus feige ist und nicht den Muth seines Naturells hat, der wird hier allerlei schöne Dinge sehen, aber wenn er heimkehrt, das Beste nicht erlebt haben, was Rom zu geben und aus uns zu machen vermag.

Mir ahnt, daß Sie da sehr weise Worte sagen, erwiderte er. Wenigstens hat mir etwas Aehnliches vorgeschwebt als der eigentliche tiefste Grund der Sehnsucht, die mich seit vielen Jahren nicht verlassen wollte. Sie müssen nämlich wissen, daß ich im Uebrigen einer der seltenen Menschen bin, denen Nichts zu ihrem Glücke fehlt.

Sie sah ihn groß an, indem sie jetzt zuerst ihr Gesicht ihm voll zuwendete.

Haben Sie den Muth, das auszusprechen? fragte sie ernst.

Wenn es Sie beruhigt, fuhr er lächelnd fort, will ich »Unberufen!« hinzusetzen. Obwohl wir doch wohl frommer sind, wenn wir die Gaben der Götter freudig anerkennen, als immer an ihren Unbestand denken. Aber wo sind wir hier?

Wir fahren über die Engelsbrücke. Nun kommen wir in den Borgo, der freilich ein wenig anders aussah, als Rafael ihn in seinem Brande malte. Dies Alles müssen Sie jetzt nicht betrachten. Es sieht im Regen fast so kleinstädtisch-nüchtern aus, wie jedes Stück einer anderen Stadt. Erst die Sonne bringt es an den Tag, warum dies Rom die Königin aller Städte ist.

Er wandte sich wieder zu ihr. So will ich die Zeit benutzen, die vorhin versäumte Vorstellung nachzuholen. Ich bin Dr. Eberhard, Director einer großen Farbenfabrik in Thüringen, habe eine gute, sanfte, vortreffliche Frau und zwei kleine Töchter, bin evangelischer Confession, noch nie bestraft, erfreue mich einer untadelhaften Gesundheit und in diesem Augenblick der unschätzbaren Gunst des Glückes, in wenigen Minuten zum ersten Mal die Peterskirche mit Augen sehen zu sollen.

Sie schwieg eine Weile. Der Ton seines Scherzes schien ihr mißzubehagen. Um doch etwas zu sagen, warf sie gleichgültig hin: Ich habe Sie für einen Arzt gehalten, als ich Ihren Namen in unserm Fremdenbuche las.

Auch habe ich in der That zwei Jahre lang Medicin studirt, erwiderte er, hernach aber nur den philosophischen Doctorhut erlangt. Ich war ein sehr armer Neffe eines sehr reichen Fabrikbesitzers, der mir großmüthig die Mittel gab, die Universität zu beziehen. Im Grunde wäre ich am liebsten Musiker geworden; davon aber wollte der gute Oheim nichts wissen. Er hat mich wohl vor einer großen Enttäuschung bewahrt. Nun warf ich mich mit Eifer auf die Naturwissenschaften und zumal auf die Chemie, während ich meine Fachcollegien nur pflichtmäßig absolvirte. Da starb der einzige Sohn meines Onkels, der einmal die Fabrik hätte übernehmen sollen, und nun erschien meine chemische Liebhaberei als eine providentielle Fügung. Ich gab der Anatomie und Klinik Valet und widmete mich ganz meinen geliebten Retorten. Denn es war nun ausgemacht, daß ich für meinen armen Vetter eintreten und den Glanz der alten Firma Eberhard und Sohn erhalten und mehren sollte. Und da meine kleine Cousine immer größer und immer schöner wurde, kam es endlich zu dem, was allen Theilen als das Natürlichste erschien, daß sie meine liebe Frau wurde. Sie sehen, dies ist ein so glatter und sanft anschwellender Lebenslauf, wie wenn alle Mächte des Himmels und der Erde sich verbündet hätten, einen Sterblichen »ohne alle Ereignisse und Leidenschaften«, wie einer meiner Freunde sich ausdrückt, durch diese unsichere Welt hindurch zu escortiren. Daß ich in meinem häuslichen Behagen nicht verbauerte, dafür sorgten sie gleichfalls. Zunächst, indem sie mich neben den wissenschaftlichen Problemen, zu denen mein Geschäft mich immer neu anregte, meiner Jugendliebe, der Musik, nie ganz untreu werden ließen. Dann habe ich, als nunmehriger Chef der Fabrik, da meine guten Pflege- und Schwiegereltern gestorben sind, fast alljährlich eine große Geschäftsreise machen müssen, nach England, Frankreich, Rußland. Nur in den Süden konnte ich noch keinen Blick thun; wir haben leider keine Geschäftsverbindungen mit Italien. Aber der alte Zug, der jedem richtigen Deutschen im Blute liegt, über die Alpen zu schauen und seine Rosse in den Wellen des Tiber zu tränken, ließ mir endlich keine Ruhe. Ich hätte so sehr gern meine kleine Frau mitgenommen; es wäre ihr heilsam gewesen, da sie nachgerade zu sehr in Haus- und Kindersorgen aufgeht. Leider war es nicht durchzusetzen. Unsere Aelteste soll zu Ostern eingesegnet werden, und in dieser Zeit wollte die Mama sie um keinen Preis verlassen. Wir sind ein wenig streng kirchlich zu Hause, setzte er mit einem leichten Seufzer hinzu.

Seine Begleiterin erwiderte keine Silbe. Sie saß ruhig unter dem rothen Schirmdach in den Regen hineinschauend, und ihrer feinen, schlanken Nase war nicht anzusehen, was sie zu dieser kurzgefaßten Selbstbiographie im Stillen für Anmerkungen machte. Da lachte er endlich und sagte:

Ich darf nun wohl hoffen, Signora, daß unsere Bekanntschaft nicht eine ganz einseitige bleibe. Nicht daß ich einen so ausführlichen Bericht über Ihre Privatverhältnisse erwartete, wie ich Ihnen gegeben. Doch darf ich zum wenigsten um Ihren Namen bitten, und um eine Aufklärung darüber, ob ich Sie Frau oder Fräulein zu nennen habe.

Wir könnten es füglich bei der »Signora« bewenden lassen, sagte sie heiter. Denn ich bin allerdings ein Fräulein, doch auch so gut wie verheirathet, wenn auch nur mit einer Schwester, die einige Jahre älter ist, als ich, und von Kind auf unzertrennlich mit mir verbunden war. Wenn ich an dieses Glück denke, das mir alles sonst vom Leben Versagte aufwiegt, könnte auch ich, gleich Ihnen, mich zu den Auserwählten zählen, denen Nichts, was zu wünschen wäre, fehlt. Ich bin aber nicht immer so stolz bescheiden gewesen, habe in jüngeren Jahren die Götter herausgefordert durch das Pochen auf ein Glück, das dann jählings zerstört wurde, und zittere auch jetzt, so oft ich an meinen kostbaren Besitz denke, vor tausend Gefahren. Meine geliebte Schwester ist seit ihrer Geburt mit unheilbaren Gebrechen behaftet, lebt nur von ihrem Rollstuhl aus das Leben der Anderen mit und genießt selten eine schmerzenfreie Stunde. Aber Sie sollten sie kennen! Ihr Herz ist golden und ihr Geist ein klarer, strahlender Diamant. Daß ich sie habe verlassen können, um ohne sie all das Herrliche hier zu schauen, kommt mir, je länger es dauert, desto unbegreiflicher, unmenschlicher, unverzeihlicher vor. Aber sie wollte es, und ich habe auch sonst immer nur ihren Willen. Meine Gesundheit fing an ihr Sorge zu machen, die Aerzte wurden nicht klug aus mir, sie selbst nahm endlich meine Cur in die Hand und verordnete mir Italien. Und ich habe eingesehen, daß ihr Schwesterauge tiefer geblickt hat, als alle Weisheit der ganzen Facultät. Ich bin erst hier völlig zu mir selbst gekommen und habe das Gleichgewicht meines Wesens wiedergewonnen, das mir in unserm stillen Hause zu schwinden drohte. Es ist sonderbar --

Sie stockte plötzlich. Es schien, als besinne sie sich, daß Nichts sonderbarer sein könnte, als einem Manne, den sie erst seit einer Viertelstunde kannte, von ihren inneren Zuständen zu reden. In diesem Augenblick hatten sie den gewaltigen Platz vor St. Peter erreicht und hörten das Geräusch der Springbrunnen, das den eintönig herabrieselnden Regen überbraus'te.

Hier wollen wir uns trennen, sagte das Fräulein. Ich gehe durch die Colonnade nach dem Vatican, wo ich heut noch eine stille Stunde der Andacht feiern will, da der Regen die Engländer fern hält. Sie aber fahren nach der Kirche. Der Kutscher ist schon bezahlt. Auf Wiedersehen unter hellerem Himmel!

Er sprang aus dem Wägelchen und wollte ihr beim Aussteigen behülflich sein. Zufällig kam gerade einer der päpstlichen Schweizer vorbei, der das Fräulein erkannte. Ein früherer silberner Händedruck, mit dem sie nicht zu kargen pflegte, mochte sein Gedächtniß gestärkt haben. Höflich trat er herzu, grüßte die Fremden und that ihnen zu wissen, daß sie den Weg nach den Stanzen und Loggien sparen könnten. Es sei heut kein Eintritt.

Die Beiden sahen sich mit sehr verschiedenem Ausdruck an. Ihm war es offenbar höchst erwünscht, daß er nun darauf rechnen durfte, ihre Gesellschaft länger zu genießen, während ihr die getäuschte Hoffnung deutlich auf dem Gesichte stand. Im nächsten Augenblick hatte sie sich schon besonnen.

Ich will die Fahrt nicht umsonst gemacht haben, sagte sie. Aber fürchten Sie nicht, daß ich Ihnen meine Cicerone-Dienste in St. Peter aufdränge. Was wir zum ersten Male sehen, wirkt nur mit halber Macht, wenn wir ihm nicht allein gegenüber bleiben; auch ist unsere Stimmung allzuverschieden: ich nehme schon überall Abschied, und Ihnen ist Alles neu. Es bleibt also bei der Abrede, daß wir uns nicht um einander bekümmern, sobald wir über die Schwelle dieses Wunderbaues getreten sind. Und nun steigen Sie wieder ein, der Weg über den Platz ist gerade lang genug, um bis auf die Haut naß zu werden, wenn man ihn im Regen durchschreitet.

*

So thaten sie denn auch und schüttelten sich, sobald sie die breite Treppe hinaufgestiegen waren, freundschaftlich die Hand, damit Jedes seiner eigenen Wege gehe. Doch erging es ihm, als er durch die prächtige Vorhalle in das Innere der Kirche trat, so wunderlich, wie manch einem seiner Landsleute, der die lange Fahrt von der Heimath bis zu dem Felsen, auf welchem die Kirche Petri gegründet steht, unaufhaltsam in Einem Zuge zurückgelegt hat und, da er nun das Ziel seiner Sehnsucht erreicht, eine schwere Enttäuschung erfahren muß. Statt eines Tempels, dessen himmelhohe, mystisch helldunkle Wölbungen Alles überbieten, was seine mit der Milch der Gothik genährte Phantasie sich von dem berühmtesten Gotteshause der Welt je hatte träumen lassen, umfängt ihn ein unabsehlicher, doch mit heiterer Klarheit im reinsten Gleichgewicht schwebender Raum, der auf den ersten Blick durch die glückliche Harmonie aller Glieder und Formen seine Größe eher zu verleugnen als aufzudrängen sucht. Von den ehrfürchtigen Schauern, gegen die er sich als ein kühler Protestant wappnen zu müssen geglaubt, verspürt er keinen Hauch, vielmehr jenes durchaus weltliche, auf allerlei Sinnenfreuden gespannte Gefühl, mit dem man einen glänzenden Festsaal betritt, ehe noch die Gäste sich versammelt haben.

In dieser Empfindung bestärkte ihn die Leere des ungeheuren Mosaikbodens, auf welchem keinerlei Kirchenstühle mit abgeschliffenen Sitzen und von langem Knieen blankgescheuerten Betschemeln die heilige Bestimmung dieses Baues ankündigen. Erst als er bis zur Mitte vorgeschritten war, wo das Grab des Apostels unter dem hochgipfligen Baldachin mit vielen magisch flimmernden goldenen Lampen seinen Blick fesselte, kam eine feierlichere Stimmung über ihn; doch vermochte er noch immer den Unmuth nicht zu bezwingen, daß all diese Herrlichkeit ihm nicht tiefer an die Seele ging. Er hatte sich zu Hause für einen leidlichen Kunstfreund gehalten, dem nur die hohe Schule Italiens fehle, um sogar auf einige Kennerschaft Anspruch machen zu können. Nun ließ ihn dieses achte Wunder der Welt so völlig kalt, daß er auf einmal an der guten Meinung von sich selbst irre wurde und wie ein Schüler, der im Examen die erste Frage nicht zu beantworten vermag, am liebsten ganz von jeder weiteren Prüfung zurückgetreten wäre.

In dieser hülflosen Verfassung tauchte plötzlich das Bild seiner neuen Bekanntin vor ihm auf, und zu seiner Verwunderung empfand er etwas wie Trost in dem Gedanken, daß sie irgendwo in seiner Nähe sei. Indem er sich jetzt ihr Gesicht wieder vorzustellen suchte, mußte er sich bekennen, daß er jeden einzelnen Zug darin vergessen hatte. Und doch war ihm der Eindruck des Ganzen lebhaft gegenwärtig. Er wußte nur so viel, daß sie für keine Schönheit gelten konnte, aber daß es ihm außerordentlich wohl dabei geworden war, sie anzusehen, besonders, wenn sie lächelte und sprach, wobei sie die schönsten Zähne von der Welt zu zeigen pflegte. Er entsann sich, daß ihm bei ihrem ersten Lachen eingefallen war, wie gescheidt diese Zähne aussahen. Von ihren Augen hatte er die Farbe nicht beachtet, nur die ungewöhnliche, blitzartige Helligkeit, die von ihnen ausging, wenn sie sich plötzlich scharf auf einen Gegenstand hefteten. Ein interessantes Frauenzimmer! sagte er bei sich selbst. Warum sie nur ledig geblieben ist? Denn das mit der Schwester will doch nur sagen, daß sie aus der Noth eine Tugend gemacht hat. Vielleicht war sie nicht immer so anziehend. Daß oft gerade die Liebenswürdigsten sitzen bleiben, erklärt sich wohl daher, daß sie erst so liebenswürdig werden, wenn sie mit ihrem Schicksal gekämpft und es endlich überwunden haben. Dann kommt eine Art Siegerstimmung über sie, in der sie sehr großmüthig, einfach, gut und weich werden. Ob es ihr auch so ergangen ist?

Das Alles war nicht nur sein stummes Gedankenspiel, sondern der Inhalt eines wirklichen, halblauten Monologs, den er in die mystische Tiefe des Apostelgrabes hinabmurmelte. Es war eine seiner Schwächen, einsam vor sich hinzureden, und zuweilen ertappte er sich darauf, dies laute Denken mitten in einer lebhaften Gesellschaft sich zu erlauben oder eine Melodie zu summen, die sich in seinem Innern zu bilden begann. Ein vorbeiwandelnder Sacristan störte ihn auf, er schritt durch das Querschiff weiter, ohne die Pfeiler, Bögen und Ornamente, an denen seine Augen vorüberglitten, mit bewußter Aufmerksamkeit zu betrachten. Sein Verlangen war einzig darauf gerichtet, der Landsmännin wieder zu begegnen. Sie soll mir erklären, sagte er zuversichtlich vor sich hin, was an dieser kalten Pracht so Wunderwürdiges ist, was sie selbst daran findet. Ein außerordentlich gescheidtes Frauenzimmer! Klug wie der Tag! Ich wette, sie ist ein kleiner Blaustrumpf. Doch auch in dieser Nation giebt es ja einzelne angenehme Exemplare.

Nun irrte er eine gute Weile durch das weitläufige Gebäude hin und her, an allen Statuen, Mosaikbildern, Nischen und Kapellen gleichgültig vorbeisehend, ja sogar den Gesang überhörend, der aus einem der Seitenschiffe bald gedämpft, bald hellstimmig zu ihm herüberscholl. Zuletzt aber, als er sich der Kapelle näherte, in der, einer feierlichen Function zu Ehren, diese Töne erklangen, entdeckte er, die er so lange gesucht, nur wenige Schritte entfernt, dem Kapellengitter gegenüber, wie sie auf dem hohen Rande eines Säulensockels saß, so daß ihre Füße kaum mit der äußersten Spitze den Marmorboden berührten. Sie hatte das Kinn auf die Brust gesenkt und war ganz in Lauschen vertieft, so daß er alle Muße hatte, ihr Profil zu studiren. Die Gestalt nahm sich vortheilhaft aus in der leichten, halb schwebenden Haltung an die Säule geschmiegt. Auch erschien sie ihm jetzt jugendlicher als vorher, und er hütete sich wohl, seine Nähe zu verrathen, um sie ungestörter betrachten zu können.

Drinnen in der Kapelle sah er einige Cardinäle und Bischöfe in ihrem hohen Gestühl sitzen, und die feierliche Buntheit dieses Anblicks gefiel ihm, wie auch der Gesang von Knabenstimmen und den mächtigen Bässen der Päpstlichen Kapelle in seiner fremdartigen Schärfe und schneidenden Reinheit ihn ergötzte. Auch dies aber trug zu der allgemeinen Enttäuschung, die er hier erleiden sollte, bei, da er statt mystisch einlullender, sinnbethörender Harmonieen, die er in Rom zu hören erwartet hatte, zum ersten Mal die schmetternde Wildheit und den streitbaren, weltlichen Schlachtruf der päpstlichen Kirche vernahm, die den Triumphgesang ihrer Macht über die Seelen auf Erden wie im Himmel energisch anzustimmen liebt.

Auf einmal war's zu Ende; die Kirchenfürsten mit ihrem Hofstaat erhoben sich und schritten mit gravitätischer oder nachlässiger Geberde aus der Kapelle, an den wenigen Andächtigen vorbei, die knieend dem Amte beigewohnt hatten. Auch die Fremde glitt nun von ihrem unbequemen Sitz herab und schickte sich ohne umzublicken an, die Kirche zu verlassen; da stand ihr Gefährte plötzlich vor ihr und fragte, ob sie ihm jetzt erlauben wolle, sich ihr wieder anzuschließen. Er beichtete ihr treuherzig, wie es ihm bisher ergangen, daß er nicht fähig gewesen sei, die überschwängliche Erhabenheit dieses Heiligthums, die er von Allen rühmen gehört, recht von Herzen nachzufühlen. Er werde in ihren Augen nun freilich als ein Barbar erscheinen. Aber hier stehe er und könne nicht anders, Gott helfe ihm -- wenn nicht etwa sie selbst sich entschließen wolle, seiner armen Seele zu Hülfe zu kommen.

Sie hatte ihn ohne jedes Zeichen der Befremdung ausreden lassen, während sie langsam durch das Seitenschiff hinabschritten. Nein, sagte sie dann, ohne zu lächeln, ich kann Ihnen am wenigsten helfen, da es mir das erste Mal genau so wie Ihnen ergangen ist. Aber warten Sie nur ab, St. Peter wird Ihnen und sich selbst schon zu helfen wissen, wenn Sie ihm nur Zeit dazu lassen. Es ist mit allem Römischen nicht viel anders. Man muß sich hier erst einleben, um den Zauber dieser Stadt zu empfinden. Denn Jeder bringt seine überspannten, durch ausgeschmückte Abbildungen und Theaterdecorationen gefälschten Vorstellungen mit und erkennt erst nach und nach, daß hier Alles jenen echt aristokratischen Grundsatz befolgt, seine Größe und Vornehmheit durch unscheinbares Auftreten vor dem großen Haufen zu verbergen. Ich könnte Ihnen jetzt einen kleinen Vortrag halten über die Kunst, womit der Meister dieses Baues seine Riesenhaftigkeit selbst zu verleugnen vorgezogen. Aber Sie kommen selbst dahinter, wenn Sie oft wiederkehren, und was Ihnen jetzt leer und kalt erscheint, zieht Sie dann wie der Abgrund aller Weisheit und Milde in seine Tiefen. Sehen Sie, das Unwetter hat sich ausgetobt. Wenn es Ihnen recht ist, gehen wir ein wenig ins Freie. Ich zeige Ihnen meinen Lieblingsspaziergang durch Porta Angelica hinaus, am Tiberufer entlang bis nach Ponte Molle. Es reicht gerade, um pünktlich zum Essen nach Hause zu kommen, was Sie ja nie versäumen dürfen, wenn Sie die Gunst Ihrer Freundin, der Mrs. Robinson, nicht verscherzen wollen.

Sie traten auf die breite Freitreppe hinaus und weideten sich ein paar Minuten lang an dem Bilde des herrlichen Platzes, über dem jetzt der sonnigste Frühlingshimmel in völlig wolkenlosem Blau erglänzte.

Sehen die riesenhaften Colonnaden Bernini's nicht aus, wie allumfassende Arme, in welche die alte Mutter Kirche alle ihre verirrten Kinder wieder einschließen möchte? sagte sie.

Mir scheinen sie vielmehr wie die Scheeren eines Riesenkrebses, der auf seinem rückwärts gewendeten Gange Alles, was ihm entrinnen will, festhalten möchte, versetzte er scherzend. Verzeihen Sie meine ketzerische Ansicht. Ich bin noch nicht lange genug im Schatten der dreifachen Krone gewandelt, um mit gebührendem Respect von ihr zu reden.

Ich habe Ihnen Nichts zu verzeihen, versetzte sie, aber ich rede nicht gern über Religion und den Unterschied der Kirchen. So viel ich die Dinge beurtheilen kann, sind sie an Streitsucht und Eroberungslust sich alle gleich. Im Grunde ist es nur eine Frage der Macht, über welche schließlich die Zeit entscheidet.

Als sie zum Thore hinaus waren und nun die zartgeschwungene Linie des Monte Mario mit seinen von Pinien überragten Villen sich gegen den lichten Aether abschattete, blieb sie einen Augenblick stehen und sagte: Dies war mein Lieblingsanblick vom ersten Tage an. Sie wissen, daß das kleine weiße Gebäude auf der halben Höhe des Hügels die Villa Madama ist, die Rafael gebaut hat. Es ist mir immer, als schritte der Geist dieses feinfühligsten aller Menschenkinder unsichtbar neben mir her, sobald ich diese Straße wandle.

Er hütete sich wohl, etwas zu erwidern. Denn er hätte gestehen müssen, daß ihm an dieser öden Uferlandschaft und dem dunklen Hügelrücken, der sie begrenzte, nichts lieblich oder bedeutsam genug erschien, um den Schatten eines der unsterblichen Malergenien heraufzubeschwören. Dennoch gefiel ihm, was sie sagte, mehr noch, wie sie es sagte. Sie hatte eine eigene Art, ihre Worte fast tonlos an einander zu reihen oder vielmehr hinrollen zu lassen, wie Perlen von einer zerrissenen Schnur. Doch war kein Hauch von Müdigkeit oder Resignation darin, nur eine große Stille der Seele, eine ruhige Sicherheit, der es völlig gleichgültig war, ob das, was sie empfand, von irgend wem getheilt oder bestritten wurde. Auch war ihm der Wohlklang ihrer Stimme gleich bei ihren ersten Worten aufgefallen. So war er einzig darauf bedacht, sie sprechen zu hören, und that eine Menge kurzer Fragen, an deren Beantwortung ihm nicht das Mindeste lag. Als sie aber einmal eine Strecke schweigend neben einander hingegangen waren, fing er auf seine Weise laut zu denken an.

Ist es nicht seltsam? Heute Mittag wußte ich noch nicht, daß Jemand mit einer solchen Stimme auf der Welt ist, und jetzt kommt es mir vor, als hätte ich Sie seit vielen Jahren gekannt. Das ist das Schöne und Bezaubernde am Reisen, daß man plötzlich in wildfremden Menschen gute Bekannte findet.

Eine leichte Röthe überflog ihr Gesicht. Sie wandte sich, da sie offenbar um eine Erwiderung verlegen war, zu einer alten Frau, die mit stummer, bittender Geberde am Wege stehen geblieben war, und fing an, sie nach ihren Verhältnissen, nach Herkunft und Namen auszufragen. Das reine fließende Italienisch, das sie sprach, erschien ihm wie der schönste Gesang, und als sie jetzt die Alte beschenkte und die Hand, die diese ihr küssen wollte, in hastiger Verwirrung zurückzog, versank er in eine so andächtige Betrachtung der Gruppe, daß er erst selbst in die Tasche griff, als das Mütterchen sich schon mit lauten Segenswünschen entfernen wollte.

Sie blieben dann einsilbig, bis sie die Tiberbrücke erreichten. Er fragte nur, wie lange sie noch in Rom zu bleiben gedenke, und da sie sagte, kaum noch eine Woche sei ihr gegönnt, beklagte er eifrig, daß er so spät gekommen. Er hätte sonst hoffen dürfen, ihr öfter unter den Denkmälern und Ruinen zu begegnen und sich die Augen von ihr öffnen zu lassen. Auch hierzu sagte sie nichts. Sie schien es ihn fühlen lassen zu wollen, daß er kein Recht habe, sie so kurzweg für eine gute Bekannte zu halten, da sie sich nicht so leichten Kaufs zu erkennen gebe.

Hiervon aber merkte er nicht das Mindeste, da er überhaupt trotz seiner reifen Jahre und sicheren Weltläufigkeit eine kindliche Harmlosigkeit besaß, wie alle vom Glück Verwöhnten, die sich nicht lange darum bekümmern, welchen Eindruck sie auf Andere machen, sondern es vor Allem damit wichtig nehmen, was die Menschen und Dinge, die ihnen begegnen, zu ihrem eigenen Wohlsein beizutragen im Stande seien. Also saß er in dem buntgefüllten Wagen der Pferdebahn, der sie von Ponte Molle nach der Porta del Popolo zurückführte, sehr guter Dinge dem Fräulein gegenüber und warf dann und wann eine Bemerkung über eine der ländlichen Gestalten hin, die ihm unter den Fahrtgenossen auffiel. Sie nickte nur dazu mit einem zerstreuten Lächeln. Auch als sie dann in die Stadt gelangt waren und ihrer Pension wieder zuschritten, blieb sie sehr einsilbig. Nur danach fragte sie ihn, ob er sich wirklich getraue, als der einzige Mann unter dieser Schaar von Damen täglich seine Mahlzeiten zu halten. Er lachte und versicherte, seine Nachbarin komme ihm fast wie eine Mannsperson vor, an der er einen Schutz habe gegen die gefährliche Gesellschaft des übrigen Amazonentrupps. Er sei durch die Hoffnung auf ein gutes und reinliches Bett, das englische Wirthe stets zu bieten pflegten, in das unscheinbare Haus gelockt worden, da er ganz zufällig gestern Abend durch die stille Gasse geschlendert, die überdies zwischen dem Corso und dem spanischen Platz so günstig gelegen sei. Nun habe er die Nacht in der That vortrefflich geschlafen und auch die Küche nach seinem Geschmack gefunden, so weit er nach der Colazione urtheilen könne. Also gedenke er furchtlos zu bleiben und für alle Fälle an Mrs. Robinson sich eine Verbündete zu werben.

Sie lächelte und hob drohend den Finger. Hüten Sie sich vor dieser verführerischen Freundschaft, sagte sie. Wenn es auch eine boshafte Verleumdung ihrer abgesagten Feindin, der dünnen Miß Wedgewood, ist, daß sie sieben Männer unter die Erde gebracht habe.-- sie nennt sie darum nicht anders, als den Blaubart im Unterrock -- so hat es mit drei Gatten, die sie überlebt, allerdings seine Richtigkeit. Sie selbst gesteht es ein, indem sie sich auf ihren Karten Mrs. Robinson-Shirley-Fawkes nennt, und da sie eine wohlconservirte und lebensfrohe Dame ist, auch auf ihrer Visitenkarte noch etwas Raum hat, -- wer weiß, ob sie nicht im Stillen damit umgeht, jenen drei Namen einen vierten hinzuzufügen. Sie thäten gut, ihr beizeiten mitzutheilen, daß Sie schon versorgt und aufgehoben sind.

*

Unter solchen Scherzreden waren sie nach Hause gekommen, gerade da die Glocke zum Pranzo rief, das pünktlich um sechs Uhr stattfand. Er hatte nur noch Zeit, sich seiner immer noch etwas feuchten Kleidung zu entledigen, dann aber, ehe er in den Speisesaal trat, bat er die Wirthin um das Fremdenbuch, da es ihm plötzlich zum Bewußtsein gekommen war, daß er trotz der ausführlichen Vorstellung von beiden Seiten noch immer nicht ihren Namen erfahren hatte. Unter den vielen gutenglischen, welche diese Blätter füllten, fiel ihm sogleich der einzige deutsche in die Augen. »Gabriele von Berg« stand da in festen, charaktervollen Zügen geschrieben. Er wiederholte den Vornamen einige Male mit halblauter Stimme. Es ist wahr, setzte er hinzu, ich hätte es denken können, sie kann nur Gabriele heißen. -- Warum ihm dies als eine unanfechtbare Naturnotwendigkeit erschien, darüber grübelte er nicht weiter nach.

Als er in den Dining-Room trat, der nichts Anderes als ein mäßig großes, an den vier Ecken abgerundetes Zimmer war, von einer Tafel für zwölf Personen vollständig ausgefüllt, saßen die elf mehr oder minder blonden Damen bereits an ihren Plätzen, die einzige schwarzhaarige, seine Nachbarin, am oberen Ende, am unteren ihr eifersüchtiger Gegenpol, dessen röthliche Locken fast bis auf das weiße Tischtuch hernieder pendelten. Er suchte mit den Augen seine Begleiterin, die aber von einer großen, in schwarze Seide gekleideten Schottin gänzlich verdeckt wurde. Sie saß neben Miß Wedgewood, und da diese lebhaft das Wort führte, wurde ihre Stimme während der ganzen Essensstunde nicht vernommen. Dennoch horchte Eberhard so beständig zu ihr hinüber, daß er einige Male die Antwort auf eine Frage seiner Nachbarin schuldig blieb. Er verlor dadurch sichtlich in der Achtung, die sie ihm beim Frühstück schon seines trefflichen Englisch wegen unverhohlen bezeigt hatte. Es wurde überhaupt keine andere Sprache gesprochen, bis auf eine Governeß, die mit ihrem jungen Zögling sich beharrlich eines höchst sonderbaren Italienisch befliß, um die Lectionen auch bei Tische fortzusetzen. Die gute dicke Präsidentin warf ihr zuweilen einen mitleidigen Blick zu. Sie hasse alle Affectation, sagte sie zu ihrem Nachbarn, ohne ihre Stimme zu dämpfen. Und freilich trieb sie diesen Hang zur Natürlichkeit so weit, daß ihre Frisur und ihr ganzer Aufzug der Gegenstand einer beständigen kichernden Kritik der ganzen Pension wurde. Man sah sie nie anders als in einer eng anschließenden Jacke von Sealskin, welches Pelzwerk damals eben in die Mode gekommen war. Eine goldene Kette war schief um ihr Haar geschlungen und diente dazu, einen großen Zopf auf dem Hinterhaupt zu befestigen, dessen Farbe dunkler war, als der schon etwas gelichtete Scheitel. Am Ringfinger der linken, sehr breiten und weißen Hand trug sie nicht weniger als sechs Goldreife neben einander, ihre eigenen Trauringe und die ihrer drei verstorbenen Gatten, und die schwere braune Pelzjacke war am Halse mit einer großen Broche geschlossen, einer Muschelcamee, die den Raub des Ganymed vorstellte. Dennoch war die abenteuerliche dicke Person kein unerfreulicher Anblick, da das runde, röthliche Gesicht durch den Ausdruck eines hellen Verstandes und großer Güte belebt wurde.

Sie gab dem Neuling, der ihr mit ritterlicher Aufmerksamkeit begegnete, Anweisung, wie er seine Zeit in Rom am besten verwerthen könne. Auch für den Rest dieses Abends hatte sie ein ausführliches Programm in Bereitschaft, das er sich sorgfältig notirte. Als aber das Mahl zu Ende war und die meisten der Damen sich in das Conversationszimmer zurückzogen, warf er nur einen Blick hinein, um zu sehen, ob Fräulein Gabriele darunter sei, und als er um den Tisch mit den üblichen zerlesenen Heften des Punch und den illustrirten Zeitungen nur englische Gesichter sah und zum Ueberfluß die Governeß sich an das Pianino setzte, um eine Arie aus dem Messias zu singen, nahm er eilig seinen Hut, zündete sich eine Cigarre an und ging in die laue Frühlingsnacht hinaus, die mit tausend Sternen in den menschenwimmelnden Corso hereinfunkelte.

Er war mit seinem ersten Tage in Rom überaus zufrieden, obwohl er Alles anders gefunden, als er sich's vorgestellt hatte. Dies gestand er sich in einem längeren Selbstgespräch ein, während er die Vorübergehenden musterte, in die hellen Schaufenster der Antiquitäten- und Juwelierläden blickte und dazwischen immer wieder zu den schönen Sternen emporsah, an denen er einen ganz eigenen südlichen Glanz zu bemerken glaubte. Auf Piazza Colonna ließ er sich vor einem sehr lauten und lichterhellen Café nieder, dessen strohgeflochtene Stühle das halbe Trottoir einnahmen, hörte dem Gesang eines Blinden zu, den ein halbwüchsiges Mädchen mit müden schwarzen Augen auf einer schlechten Geige begleitete, aß Granito und übte sein noch sehr stammelndes Italienisch in der Unterhaltung mit einem zerlumpten Buben, der ihn um den Rest seiner Cigarre bat. Alles erschien ihm höchst merkwürdig und von einer gütigen Vorsehung gerade so eingerichtet, um ihm Vergnügen zu machen.

Als er endlich gegen zehn Uhr sein Zimmer in der Straße Mario de' Fiori wieder erreichte, schrieb er als treuer Ehemann an seine Frau einen lustigen Reisebericht, der mit den folgenden Sätzen schloß:

»Mein altes Glück ist mir auch darin treu geblieben, daß es mich hier sogleich eine mir zusagende Gesellschaft finden ließ. Es ist eine junge Dame -- das heißt, nicht mehr ganz jung -- die sehr viel Verstand hat und sehr scharfe Augen. Mit denen hat sie mich heut entdeckt, da ich mich gerade in einer mitleidswürdigen Lage befand, und ist mir großmüthig zu Hülfe gekommen, obwohl wir uns noch nicht vorgestellt waren. Das Nähere im nächsten Brief, denn mir fallen die Augen zu. Wenn diese geheimnißvollen Andeutungen dich eifersüchtig machen, um so besser; es ist dein einziger Fehler, daß du deiner Macht über deinen flatterhaften Gemahl stets so sicher warst, um nie an eine Gefahr zu glauben. Gute Nacht!

»N. S. Leider ist überhaupt -- denn ich bin zu edel, um dich auf die Folter zu spannen -- diesmal so wenig Gefahr wie je. Sie ist nicht schön, auch nicht im Geringsten kokett. Zu einer recht angenehmen und zuverlässigen Freundschaft wäre dagegen eher Aussicht, wenn sie nicht schon in einer Woche abreis'te.

»Nochmals gute Nacht, liebes Herz! Küsse die kleinen Mamsellen. Leb wohl!«

*

Zu derselben Stunde saß in einem anderen Zimmer desselben Hauses das Fräulein, von dem hier die Rede war, vor ihrem mit Mappen, Skizzenbüchern und Malgeräth beladenen Tische und schrieb einen tagebuchartigen Bericht über ihre letzten vierundzwanzig Stunden an ihre Schwester. Sie war am Vormittag in einigen Kirchen gewesen, in denen sie mancherlei Merkwürdiges gesehen hatte.

»Am Nachmittag«, schloß sie ihren Brief, »verschlug mich ein Gewitter und der unerforschliche Wille des heil. Vaters statt in den Vatican nach St. Peter. Ich machte unterwegs auf eine drollige Weise, die ich dir mündlich erzählen werde, die Bekanntschaft des einzigen männlichen Bewohners unserer Pension und blieb ein paar Stunden mit ihm zusammen, lange genug, bei meiner berühmten Menschenkenntniß, um zu sehen, daß er zu den sogenannten ›besseren Menschen‹ gehört, die keine Prätentionen, keinen Standes- oder Zunftdünkel haben, sondern sich harmlos daran freuen, ihr Leben täglich als etwas Neues und Wundersames in Empfang zu nehmen, wie kluge Kinder in der Schule ihre Aufgaben. Er ist nicht schön, was, wie du weißt, in meinen Augen bei Männern eine Empfehlung ist, und, wie es scheint, noch immer verliebt in seine schöne Frau. Es wäre mir recht lieb gewesen, ihm früher hier zu begegnen; ich war doch zuweilen gar zu sehr verstummt, da ich schlecht und ungern englisch spreche und nach den ersten Erfahrungen mit der hiesigen deutschen Gesellschaft ihr beharrlich aus dem Wege ging. Mit diesem Doctor Eberhard hätte sich auf dem Fuß einer guten Kameradschaft angenehm verkehren lassen. Doch war das erste wohl auch das letzte Mal, da man sich im Hause nur bei Tische sieht und halb England zwischen mir und ihm liegt.

»Addio, Schwesterherz! In zehn Tagen verbrenne ich diese verhaßte Feder an dem Spiritusflämmchen unter unserer gemeinsamen Kaffeemaschine. Das heißt, wenn die Farnesina bis dahin mir ihre Pforten erschließt, wie der liebenswürdige Attaché unserer Gesandtschaft mir fest versprochen hat. Denn ohne Amor und Psyche gesehen zu haben, kann ich den römischen Staub nicht von meinen Schuhen schütteln.«

*

Am nächsten Vormittag wandelte die Schreiberin dieser Zeilen langsam durch die Säle des Palazzo Borghese, in der Abschiedsstimmung, die sie jetzt auf Schritt und Tritt nicht mehr verließ. Als sie eine Weile eines ihrer Lieblingsbilder betrachtet hatte und sich endlich umwandte, stand ihr gestriger Begleiter in bescheidener Entfernung hinter ihr.

Ich habe Sie erschreckt, mein Fräulein, sagte er, da er ihr leichtes Erröthen gewahrte. Ich bitte um Verzeihung.

Ich bin in der That überrascht, erwiderte sie; es ist ein seltsamer Zufall, daß wir uns gleich heute wieder treffen müssen, und hier, wohin ein neuer Ankömmling sich sonst nicht sogleich verirrt.

Nein, sagte er mit treuherzigem Lächeln, ein Zufall war es nicht, und eben dafür muß ich um Verzeihung bitten. Ich habe Ihnen förmlich aufgelauert, als Sie heut Morgen aus dem Hause gingen, ganz wie ein römischer Bravo, -- Sie sehen, wie rasch ich mich acclimatisire. Sie machten erst Einkäufe in ein paar Läden, während deren ich draußen wartete. Dann wandten Sie sich nach diesem Palast, und ich stieg zwanzig Stufen hinter Ihnen die Treppe hinauf. Es ist höchst indiscret, ich weiß es, aber ich rechnete auf Ihre Güte, die sich ja schon gestern an mir bewährt hat. Ich komme mir hier in dem ungeheuren Rom so verlesen und verloren vor, wie ein kleiner Junge auf dem Weihnachtsmarkt, der mit zwei Groschen in der Tasche sich unter die Buden gewagt hat und all die Herrlichkeiten anstaunt, ohne zu wissen, was er sich davon aneignen dürfte. Nun dachte ich mir, da Sie Alles kennen und überall das Beste herausgefunden haben, würde ich am sichersten gehen, wenn ich mit Ihren Augen sehen lernte. Ich bin nicht so unbescheiden, Sie in Ihrem stillen Genuß stören und mit Fragen behelligen zu wollen. Aber wenn Sie mir erlauben, ganz stumm und andächtig hinter Ihnen her zu gehen und das zu betrachten, was Ihnen besonders sehenswerth scheint, so hab' ich einen Leitfaden in der Hand, der mich durch dies unabsehliche Kunstlabyrinth ganz sacht und sicher hindurchführen wird. Nehmen Sie an; die Sonne schiene durch jene hohen Fenster und Sie würfen einen länglichen Schatten, dessen Umriß etwa meiner Silhouette ähnlich sähe. Sie würden nicht im Mindesten dadurch incommodirt werden.

Sie hatte ihn während seiner langen Supplik ernsthaft und fast unwillig angesehen. Da er nun schwieg und wie ein Schalk und Armersünder zugleich auf ihren Ausspruch wartete, mußte sie lächeln.

Was soll ich machen? erwiderte sie. Mit einem Schatten ist nicht zu streiten, man muß ihn sich gefallen lassen, wie er nun einmal ist. Zwar begreife ich nicht, wie man nicht lieber mit seinen eigenen Augen, als mit fremden, sich heraussuchen mag, was einem a genio ist, wie die Italiener sagen. Aber das ist Ihre Sache. Zum Glück habe ich nicht den schlechtesten Geschmack; ich pfusche selbst ein wenig in Wasserfarben und gelte in meiner Vaterstadt für eine Angelica Kaufmann. Also werde ich Sie nicht in allzu schlechte Gesellschaft bringen. Nur machen Sie sich darauf gefaßt, daß Sie an vielen berühmten Namen bei diesem Schattenspiel ohne Aufenthalt vorbeigleiten werden. Ich habe meine besonderen Antipathien gegen ganze Schulen und Epochen, und Ihre Bildung wird höchst lückenhaft bleiben, wenn Sie sie immer nur hinter meinem Rücken zu erwerben suchen.

Darauf hin wolle er es wagen, versetzte er lächelnd und bot ihr nun erst die Hand, in die sie freundlich einschlug. Dann setzte sie ihren Weg fort, in der That, ohne sich um ihn zu bekümmern, und erst als sie die lange Flucht der hohen Gemächer bis zu Ende durchschritten hatte und nun, durch das breite Fenster auf die Ripetta hinausblickend, still stand, wandte sie sich nach ihm um und sagte: Lassen Sie hören, was Sie heute profitirt haben. Welche Bilder haben Ihnen den tiefsten Eindruck gemacht und vor welchen haben Sie den Kopf geschüttelt, daß sie mich so lange beschäftigen konnten?

Nun begann zwischen ihnen ein munteres Kunstgespräch, das sie zwischen Scherz und Ernst wohl eine halbe Stunde fortsetzten. Zuletzt sagte sie: Sie sollen eine gute Note erhalten. Für einen Menschen, der selbst gesteht, mehr durch das Ohr, als durchs Auge zu genießen, haben Sie Ihr Examen wacker bestanden. Und nun sei es für diesmal genug. Wir dürfen zur Colazione nicht zu spät kommen.

Unten auf der Straße blieb er plötzlich stehen und fragte: Wollen Sie nun so gut und menschenfreundlich sein, mir zu vertrauen, was Sie für den Nachmittag sich vorgenommen haben? Oder soll der Schatten sich erst wieder in den Hinterhalt legen?

Nein, erwiderte sie lächelnd, ich ergebe mich lieber gutwillig, da ich sehe, daß ich mit aller List und Gewalt Sie doch nicht loswerden kann. Ich dachte meine Abschiedsrunde heut nach dem Frühstück über das Forum, die Kaiserpaläste und das Colosseum zu machen. Sie können da wirklich sich ganz auf Ihre eigene Kunstweisheit verlassen und jedes Vorschauers entbehren. Denn trotz meines winterlangen Aufenthalts in der ewigen Stadt habe ich nicht die geringsten topographischen Kenntnisse erworben, sondern mich mit dem ganz bornirten landschaftlichen Genuß begnügt. Indessen, wenn Sie nichts Besseres vorhaben --

Fräulein Gabriele, sagte er, -- erlauben Sie mir, da wir in Italien sind, diese vertrauliche Anrede mit dem Vornamen -- ich würde selbst eine Audienz beim Papst opfern, um in diesen kurzen letzten Tagen möglichst oft Ihre Gesellschaft zu genießen. Sie haben gesehen, daß ich kein unbequemer Gefährte bin. Ich fürchtete auch nur Eins: daß Sie vielleicht Bedenken tragen möchten, zu häufig an meiner Seite gesehen zu werden, da Rom, wie ich gehört habe, trotz seines feierlich grauen Alterthums ein Klatschnest der modernsten und ärgsten Art sein soll. und Niemand weiß, wie sehr Ihr Schatten in jeder Beziehung ein homme sans conséquence ist, fast so ungefährlich und unzweideutig, wie ein Lohnbedienter.

Sie zuckte nur leicht die Achseln. An meinem guten Ruf in Rom ist nichts mehr zu verderben, sagte sie. Ich kam mit einer Menge der schönsten und respectabelsten Empfehlungen hierher, denen allen ich Schande gemacht habe, da ich bald merkte, ich würde hier nicht zu mir selbst und nicht zu Rom kommen, wenn ich mich mit meinen lieben Landsleuten einließe. Sie meinen, nichts zu genießen, ehe sie es formulirt haben, und den größten Geistern und Uebermenschen ebenbürtig zu werden, sobald sie von ihren Menschlichkeiten etwas wissen. Da hielt ich mich zurück, und nichts verdenken sie einem mehr, als wenn man es nicht verhehlt, daß man sie entbehren kann. Gott weiß, was mir alles nachgeredet worden sein mag. Nun geht es in Einem hin, wenn man etwa sagt, ich mache Spaziergänge mit einem unbekannten Herrn, der mir nicht einmal Grüße von einer entfernten Cousine gebracht hat.

Als sie aber in ihr Sträßchen einbogen, blieb sie doch stehen und sagte mit einem lieblich schalkhaften Blick:

Gehen Sie doch lieber voran bis an unser Haus. Alles will ich über mich ergehen lassen, nur nicht die strafenden Blicke der Miß Wedgewood, die mich schon gestern vor Ihnen gewarnt: es sei höchst auffallend, wie Sie Mrs. Robinson den Hof machten, und Sie schienen überhaupt ein Mann ohne Grundsätze zu sein, da Sie in einer bunten Cravatte zu Tisch gekommen seien. Ich wünsche nicht, noch während meiner letzten acht Tage es mit sämmtlichen Hausgenossinnen zu verderben und von der Governeß ihrem Zögling als abschreckendes Exempel hingestellt zu werden. Vermeiden wir es also, zusammen fortzugehen und heimzukommen. Ich werde um drei Uhr im Colosseum sein. Wenn ich Ihnen zufällig dort wieder begegne, ist es des Himmels Wille, in den sich auch unsere frommen Albionstöchter ergeben müssen.

*

Hiermit trennten sie sich und sahen auch, als sie sich später an der Frühstückstafel begegneten, mit höflicher Fremdheit an einander vorbei. Ein paar Stunden später aber konnte man den Doctor vor dem Eingang des Colosseums erblicken, seinen Operngucker standhaft vor den Augen, durch den er die breite unebene Straße, die über das Forum führt, ungeduldig überschaute. Er erkannte seine Freundin schon ganz in der Ferne, und da er alle Muße dazu hatte, studirte er zum ersten Male mit künstlerischer Aufmerksamkeit ihre schlanke Gestalt, die sich, den Kopf ein wenig nach der rechten Seite geneigt, mit den raschen Schritten eines Vogels über die breiten Platten des alten Pflasters hin bewegte. Sie trug ein einfaches graues Kleid und ein loses Tuch darüber, dessen einer Zipfel leicht über die linke Schulter geworfen war, dazu wehte ihr silbergrauer Schleier in dem lauen Frühlingswinde, und er glaubte schon von Weitem die klaren Augen unter dem dunklen Hutrande leuchten zu sehen.

Sie war vom hastigen Gange leicht erhitzt und athmete tief auf, als sie ihm zum Gruß die Hand reichte. Ich habe Sie warten lassen, sagte sie.

Es geziemt einem guten Christen, erwiderte er mit lustiger Feierlichkeit, dem Willen des Himmels in Ergebung entgegenzuharren.

Ich bekam einen Brief von meiner Schwester, auf den ich rasch eine Zeile erwidern mußte. Nun aber lassen Sie uns unsern Rundgang antreten. Schade, daß wir um zehn Jahre zu spät kommen. Die Archäologen, diese modernen Vandalen, haben nicht geruht, bis sie auch hier ihr gelehrtes Unheil angerichtet und die herrliche Wildniß, die hier so lange unberührt gewuchert hat, um ihren Zauber gebracht haben. Nun sieht man die häßlichen nackten Fundamente und Substructionen zu Tage liegen und ist ein wenig klüger, aber gewiß nicht glücklicher.

Es ist immer die alte Geschichte vom Baum der Erkenntniß, dessen Früchte um das Paradies bringen, versetzte er. Aber wollen Sie nicht meinen Arm nehmen? Die hohen Stufen sind noch schlüpfrig von dem gestrigen Wolkenbruch.

Sie lehnte seine Hülfe mit einem leichten Kopfschütteln ab, und er sah bald, daß sie in der That keiner Führung bedurfte. Nur auf den festen Stock ihres Sonnenschirms gestützt, stieg sie mühelos bis zu der obersten Galerie hinauf, daß er sich sputen mußte, um ihr auf den Fersen zu bleiben. Sie sprachen kaum zehn Worte auf dem ganzen Gang. Irgend ein Gedanke schien in ihr zu leben, der ihr zu schaffen machte und ihre Lippen verschloß. Erst als sie nach einer guten Stunde wieder vor den Eingang hinaustraten, fragte sie, ihren Gefährten anblickend:

Wohin wollen wir nun zuerst? Zu den Triumphbogen und Tempelresten des Forum, oder gleich auf den Palatin?

Ein Schatten hat keine Stimme im Rath, erwiderte er, indem er sich leicht verbeugte.

Sie sind mir böse, sagte sie rasch, weil ich so zerstreut und stumm geblieben bin. Vergeben Sie mir meine Unart. Ich war hundert Meilen weit weg, bei einer einsamen Seele, die vom Schicksal dazu verurtheilt ist, die Welt nur von ihrem Rollstuhl aus zu betrachten, und Alles, was uns hier entzückt, nie genießen wird. Es ist nun wieder für eine Weile abgethan, dies Unabänderliche. Sie sollen einen Cicerone an mir haben, so redselig, wie der wißbegierigste Tourist ihn sich nur wünschen mag.

Nun zeigte sie ihm, an den alten Monumenten vorüberwandelnd, Alles, was zwei Jahrtausende auf diesem engen Raume an Zeugen ihres Schaffens und Zerstörens zurückgelassen haben, nannte ihm alle Namen und machte ihn auf jeden Trümmerwinkel aufmerksam, wo ihrem Malerauge sich irgend ein Farbeneffect oder ein reizendes Spiel von Lichtern und Schatten offenbarte. Er, nun wieder in der heitersten Laune, warf dann und wann eine seiner drolligen Bemerkungen dazwischen und hing dann wieder mit so ehrlichem Respect an ihren Lippen, wie ein gutartiger Schüler auf seinen Meister blickt. Als sie das Forum abgeschritten hatten, wandten sie sich wieder zum Palatin zurück, dessen Ruinenlabyrinth sie in allen Höhen und Tiefen durchkletterten. Dies währte so lange, daß die Sonne sich schon zum Horizont gesenkt hatte, als Eberhard sich auf einen Rasenabhang niederwarf und betheuerte, nicht weiter zu gehen, ehe er fünf Minuten gerastet habe.

Sogleich ließ auch sie sich auf einen am Boden liegenden Marmor-Architrav nieder, und nun saßen sie wohl eine Viertelstunde lang schweigend beisammen und sahen unverwandt in das Meer von Gold und Purpur, in das der große Feuerball langsam hinabtauchte. Als der letzte funkelnde Streifen erblaßt war, richtete Eberhard sich plötzlich auf, zog ein ledernes Täschchen hervor und hielt es geöffnet seiner Nachbarin hin.

Sie müssen doch endlich auch die Bekanntschaft der Meinigen machen, sagte er; das Bild meiner Frau ist schon etliche Jahre alt. Die beiden Kindsköpfe hab' ich erst kurz vor der Abreise photographiren lassen.

Sie nahm das Etui und betrachtete die drei Bilder aufmerksam.

Die Kinder haben gute, liebliche Gesichter, sagte sie endlich, indem sie das Täschchen zurückgab. Sie müssen Ihnen nie eine böse Stunde gemacht haben.

Dasselbe kann ich auch meiner lieben Frau nachrühmen, versetzte er. Wie gefällt sie Ihnen?

Sie hat sehr feine und regelmäßige Züge. Sie wird allgemein sehr schön gefunden werden.

Und Sie? Ist Ihnen das Gesicht nicht angenehm?

Es ist mir ein wenig zu hübsch; mich zieht in jedem Gesicht zunächst das Charakteristische an, der Mensch, der hinter der Maske steht. Aus diesen Zügen aber empfange ich so wenig einen bestimmten persönlichen Eindruck, wie ein Handschriftenkundiger aus einer ganz kalligraphischen Hand. Nehmen Sie mir meine Offenherzigkeit nicht übel.

Behüte! sagte er und zwang sich zu lachen. Ich kann mich ganz in Ihre Lage versetzen, um so mehr, da es mir in meiner Jugend mit meinem schönen Mühmchen nicht viel anders ging. Erst seit sie meine Frau geworden, hab' ich gesehen, wie viel verborgene Tugenden und stille Kraft hinter diesen weichen Zügen verborgen sind. Auch Sie würden es bald erkennen, wenn Sie mit uns lebten. Und warum sollte es nicht früher oder später einmal dazu kommen? Unsere Wohnorte sind ja kaum vier Stunden Eisenbahnfahrt von einander entfernt, und da wir Zwei so bald gute Freunde geworden sind, bin ich überzeugt, daß Sie sich auch mit meiner Frau, rascher als Sie glauben, befreunden würden.

Er hatte von ihr weggesehen, während er von ihrer guten Freundschaft gesprochen, und wandte sich nun wieder zu ihr hin. Da stutzte er über den herben, fast feindseligen Ausdruck ihrer Züge.

Nein, sagte sie tonlos, Sie täuschen sich. Ich würde mich schwerlich je zu Ihrer Frau hingezogen fühlen, so sehr ich begreife, daß sie einen Mann, wie Sie, glücklich machen kann. Mich vermag kein Verhältniß wahrhaft zu fesseln, auf dessen Grunde nicht ein Element von Leidenschaftlichkeit ruht. Einem Menschen -- Mann oder Weib -- der mir nie eine böse Stunde gemacht hätte, würde ich auch keine wahrhaft gute Stunde zu danken haben. Glauben Sie etwa, daß ich mit meiner eigenen Schwester immer in einem ganz wolkenlosen Frieden lebe? Wahrlich nicht! Wir sind sehr verschiedene Naturen, und wenn wir unserer Eigensinne uns in irgend einem entscheidenden Punkte bewußt werden, wo Keiner nachgeben zu können meint, ohne sich selbst aufzuopfern, überkommt uns ein so heftiges Weh, ja eine förmliche Verzweiflung, da wir einen Augenblick an die Möglichkeit denken, uns tödtlich zu verletzen oder zu trennen, daß wir Stürme zu bestehen haben, wie kaum je ein Liebespaar. Zum Glück bricht immer der Trotz in beiden Starrköpfen zur rechten Zeit und gewöhnlich in demselben Augenblick, und wie das dann ist, wenn wir uns wieder finden und nun um so hingerissener ans Herz drücken, das spottet jedes Wortes. Aber Sie sehen wohl, wer an solches Liebhaben gewöhnt ist, der taugt nicht zu einer behaglichen Hausfreundschaft.

Sie saßen hierauf wieder eine Weile stumm nebeneinander. Es wurde rasch dunkel, und die Fledermäuse schwirrten aus ihren Schlupflöchern hervor. Nur die Himmelsgegend über dem Aventin schimmerte noch von stillem, leise zuckendem Glanz. Die letzten Besucher dieser Trümmerstätten kamen an ihnen vorbei, um den Heimweg anzutreten, ehe das Thor geschlossen wurde.

Ein wahres Glück! hörte sie ihn plötzlich vor sich hin sagen, offenbar wieder in einer monologischen Anwandlung.

Was ist ein wahres Glück?

Er sah ruhig zu ihr auf und sagte ganz ernsthaft: Daß ich Ihnen nicht begegnet bin, als ich ein junger Mensch und von eigenem Glück noch nicht zahm gemacht war. Sie hätten es mir damals angethan; denn wie Sie sich eben geschildert, so war mein Ideal von einem Weibe beschaffen. Ich selbst war ein hitziger Strudelkopf, der Alles immer auf Tod und Leben angriff -- damals, als ich noch ein großer Musiker zu sein glaubte. Auch mit der Chemie trieb ich es wie mit einer geheimnißvollen Liebschaft, fast wie ein Alchymist, der der spröden Natur ihren Schleier abreißen möchte, und wenn ich mich im Laboratorium bis zum Tollwerden abgemüht hatte, spielte ich bis Mitternacht die dunkeldeutigsten Schumann'schen Sachen. Damals hätte ein Mädchen wie Sie -- -- und es wäre mein Unglück gewesen. Denn natürlich hätten Sie mich, als den grünen Jüngling, der ich war, durchaus nicht liebenswürdig gefunden. Mein guter Stern hat mir dann in die glatte und friedliche Bahn hineingeleuchtet, und nun bin ich zu Ihrem ganz gehorsamen Schatten vortrefflich qualificirt.

Sie antwortete nicht. Er glaubte, sie habe nicht einmal aufmerksam zugehört, und in dem leichten Aerger darüber fuhr es ihm heraus:

Es sollte mich überhaupt wundern, wenn Sie je einen Mann gefunden hätten, den Sie der Mühe werth hielten, ihn zu lieben. Sie haben so scharfe Augen, und eben nur der Beste ist gerade gut genug für Sie.

Meinen Sie? erwiderte sie mit scharfem Ton, durch den aber eine verhaltene Erregung hindurchklang. Und doch, Sie haben ganz Recht: der Beste war mir in der That gut genug, das heißt, ich fand alles Gute und Beste in ihm, was ich nur je von einem Menschen geträumt hatte. Und das Allerbeste war, daß er mit mir vorlieb nahm, ganz so, wie ich war, obwohl ich selbst nichts Besonderes an mir fand. Erst weil er mich über alle Anderen stellte, erhielt ich in meinen eigenen Augen einigen Werth. Und wenn ich seitdem kleinmüthig werden und mich für überflüssig halten wollte, half mir immer der Gedanke, daß ich mich nicht wegwerfen dürfe, da er mich so hoch gehalten.

Und warum -- wollte er fragen, stockte aber wieder, da er sich an ein Geheimniß zu rühren scheute, das ein ganzes schmerzliches Lebensschicksal umschloß. Sie aber kam ihm auf halbem Wege entgegen.

Warum ich nun doch als ein einsamer Mensch durch die Welt fahre? Das ist sehr einfach: die ewigen Mächte -- die Sie nicht kennen, da Sie nie Ihr Brod mit Thränen aßen, -- haben anders über uns verfügt und nach ihrer Art keine Gründe dafür angegeben. Vielleicht war es für sie Grund genug, daß ich sehr glücklich war, glücklicher als Menschen sein dürfen, die ja keine Götter sind. Und das Glück war nicht ohne Kampf errungen. Er stand durch seine Geburt in einem anderen Kreise als ich, er war nichts Geringeres als der dritte Bruder unseres Landesherrn, und ich nur ein armes, aber unbescholtenes adliges Fräulein. Sie glauben nicht, was Alles in Bewegung gesetzt wurde, ihn von mir zu trennen. Aber Alles verachtete er, die schroffsten Hindernisse räumte er mit unerschütterlicher Treue und Geduld aus dem Wege, und endlich hatte er es erreicht, sein eigener Bruder hatte seine Einwilligung gegeben, der Tag unserer Verbindung war schon festgesetzt, da brach der französische Krieg aus, von heut auf morgen mußte er, da er Offizier war, seine Zurüstungen machen, um zu seiner Truppe zu eilen, -- bei Vionville erreichte ihn sein Schicksal.

Sie stand plötzlich auf und zog ihr Tuch fester um die Schultern. Kommen Sie, sagte sie, wir verspäten uns zu sehr. Wir müssen einen Wagen nehmen, wenn wir noch zur rechten Zeit nach Hause kommen wollen.

Er sah nach seiner Uhr. Wir haben die Eßstunde schon versäumt. Lassen Sie uns langsam aufs Forum hinuntergehen. Geben Sie mir Ihren Arm; Sie gehen unsicher.

Sie legte mechanisch ihren Arm in den seinen, ohne sich auf ihn zu stützen. Indem er sie sorgsam die dunklen Treppen hinuntergeleitete, fragte er, wieder wie zu sich selbst sprechend:

Und in den zehn Jahren, die seitdem verflossen, sind Sie da nie einem Menschen begegnet, dem Sie sich von Herzen hätten hingeben mögen? -- Ich weiß, setzte er hinzu, daß es eine indiscrete Frage ist. Aber ich fühle mich in der That wie einen alten zuverlässigen Freund Ihnen gegenüber. Und habe ich Ihnen nicht von mir gebeichtet, was man nur einer leiblichen Schwester anvertrauen möchte?

Ich wüßte nicht, versetzte sie nach einem kurzem Sinnen, warum ich Ihnen nicht ehrlich antworten sollte, daß ich wirklich zuweilen eine Leere in mir fühlte, die durch die Trauer um das Verlorene nicht ganz ausgefüllt wurde. Auch sah ich mir Alle, die sich mir mit stillen oder ausgesprochenen Hoffnungen und Wünschen näherten, genau darauf an, ob Einer darunter sei, mit dem ich's wagen könnte. Ich fand keinen. Die Männer sind alle eitel.

Und er -- ich meine, der Verlorene -- er allein war es nicht?

Nein. Er stand so hoch, daß er alle seine Vorzüge, auch die er sich selbst errungen hatte, als unverdienten und ungerechten Besitz ansah und durch die größte Anspruchslosigkeit gleichsam Verzeihung dafür zu erlangen suchte. So glaubte er auch mir gegenüber immer Mehr zu empfangen, als er gab. Ich habe seitdem keinen Mann gefunden, auch wenn er noch so verliebt war, der nicht doch im Stillen dem Mädchen, das er erwählte, einen besonderen Gefallen damit zu thun sich bewußt war. Und ein Bund fürs Leben hat für mich nur Sinn, wenn er von Macht zu Macht zwischen zwei Ebenbürtigen geschlossen wird.

Nein, sagte er eifrig, darin sind Sie ungerecht. Sie kennen unser Geschlecht doch nicht genug. Nicht Alle sind eitel. Ich wenigstens, obwohl ich eine Menge Schwächen habe -- eitel bin ich nicht. Früher konnte ich es nicht sein, weil ich Nichts geleistet, Nichts erreicht hatte und die höchsten Ansprüche an mich selbst machte. Hernach hatte ich wahrhaftig keine Zeit dazu. Sie haben keinen Begriff, wie mein Tag ausgefüllt ist. An mich selbst zu denken und in müßigem Wohlgefallen mir vorzusagen, daß ich ein höchst vortrefflicher, angenehmer und seltener Mensch sei, dazu komme ich nie. Und wenn ich auf Reisen gehe, ist mir alles Fremde viel interessanter, als meine eigene Person. Worauf sollte ich auch eitel sein?

Auf Ihr Glück, erwiderte sie tonlos.

Er sann eine Weile nach, dann sagte er: Sie haben vielleicht Recht. Sie aber sind eitel auf Ihr Unglück. So haben wir einander nichts vorzuwerfen.

Am Thor des Palatin trennten sie sich. Sie stieg in einen Fiaker, den er herangewinkt hatte, und fuhr nach der Straße Mario de' Fiori. Er ging langsam, seiner Neigung zu Selbstgesprächen nach Herzenslust fröhnend, über das Capitol in die Stadt zurück und trat in die nächste beste Trattorie, da er es nicht über sich gewinnen konnte, nach Allem, was er soeben erlebt, der Tischnachbar der Mrs. Robinson zu sein und ihrem jovialen Geplauder vom Hundertsten ins Tausendste zu lauschen.

*

Diesen Abend, obwohl er ihn auf seinem stillen Zimmer zubrachte, konnte er sich nicht entschließen, wie er sonst pflegte, den Brief nach Hause zu schreiben. Sie hat so wenig Sinn für Bilder und Bauwerke, sagte er zu seiner Entschuldigung. Wie sollte sie auch? Von Jugend auf ist sie nur mit Geschäftsmännern umgegangen und dann mit ihren Kindern. Was soll ich ihr vom Palazzo Borghese schreiben, oder von den Kaiserpalästen?

Er nahm das Täschchen mit der Photographie heraus und legte es vor sich hin auf den kleinen Tisch, den er ans offene Fenster gerückt hatte. Lange betrachtete er das schöne, sanfte Gesicht mit dem schlicht gescheitelten weichen Haar und den ehrlichen, ein wenig müden Augen. Was ihm alles dabei durch den Sinn ging, sprach er nicht aus.

Er fühlte ein lebhaftes Verlangen, einmal wieder Musik zu genießen. Das Instrument aber unten im Conversationszimmer war beständig von den englischen Damen in Beschlag genommen, die erbarmungslos ihre Etüden darauf klimperten und zum Ueberfluß heute mit schrillen Sopranen gewisse beliebte heimathliche Volkslieder sangen, daß ihm alle Nerven davon erdröhnten. Er warf endlich ungestüm das Fenster zu und versuchte, die Ohren mit den Händen verstopfend, in Goethe's römischen Elegieen zu lesen, die er seit seinen Studentenjahren nicht wieder in die Hand genommen. Der Zauber dieser aus dem tiefsten Quell eines starken und freudigen Lebensgefühls geschöpften Worte gewann mehr und mehr Gewalt über ihn. Als er die letzte Zeile gelesen hatte, standen Thränen in seinen Augen; er hörte es Mitternacht schlagen, ehe er sich entschließen konnte, sein Lager aufzusuchen.

*

Sie hatten nichts verabredet für den folgenden Tag. Doch eine halbe Stunde früher, als gestern, verließ Gabriele das Haus und ging, ruhig vor sich hin blickend, die Straße hinunter, mit so raschen Schritten, als ob sie Jemand entfliehen wollte. Als sie die Via Condotti erreichte, wandte sich an der Ecke drüben ein Mann, der vor einem Kunstladen gestanden, wie zufällig nach ihr um und lüftete grüßend den Hut. Sie erkannte ihn sogleich, und ihre erste Regung war, nachdem sie den Gruß leicht erwidert, um die Ecke zu biegen und von ihrem geraden Wege abzulenken. Dann schämte sie sich ihres Fluchtversuchs und ging gerade auf den unbeweglich Harrenden zu.

Guten Morgen Herr Doctor, sagte sie mit heiterem Ton. Ich sehe, man kann Ihnen nicht entgehen.

Warum nicht? erwiderte er mit der Miene drolliger Resignation. Warum sollten Sie nicht einmal ohne Ihren Schatten herumspazieren? Es wird Sie nicht so unglücklich machen wie Peter Schlemihl, und wer allein den Nachtheil davon hat, ist der Schatten. Der aber verdient's. Er hat sich gestern schlecht betragen.

Sie sah ihn fragend an.

Denn ist er nicht aus der Rolle gefallen, fuhr er fort, und hat seine Befugnisse unverantwortlich überschritten? Sie wollen es mir nicht eingestehen, Fräulein Gabriele, aber Ihr Versuch, den unbequemen Wegelagerer sich heut vom Halse zu schaffen, bestätigt meine Selbstanklage. Ich habe Sie gestern zu Gesprächen veranlaßt, denen Sie lieber ausgewichen wären, mich in Ihr Vertrauen gedrängt, ohne ein Recht darauf zu haben. Denn daß es mir wohlthut, Ihnen wie einer alten Freundin von all meinen Schicksalen und Empfindungen zu sprechen, giebt mir noch keinen Anspruch, auch Ihnen Ihre innersten Gedanken abzulocken. Dies hat mich über Nacht sehr gepeinigt, und nur um von Ihnen Verzeihung zu erlangen, habe ich Ihnen den Weg verlegt. Wenn Sie mich also trotzdem ein bischen freundlich angesehen haben, entferne ich mich sogleich und verurtheile mich zur Einzelhaft in dem weitläufigen Kerker dieser Stadt -- auf unbestimmte Zeit, bis ich wieder begnadigt werde.

Darauf sollen Sie nicht lange warten, versetzte sie lächelnd. Denn Sie haben sich ganz umsonst Ihre Nachtruhe gestört mit dem Gedanken, mich verletzt zu haben. Gerade hier in Rom ist mir mein ganzes Leben mit all seinen bitteren und süßen Erfahrungen mehr als einmal vorübergegangen, und ich habe es an dem Maßstabe der Eindrücke, die ich hier empfing, durchgeprüft, Vieles was mir bedeutend schien, als falsche Größe erkannt und viel scheinbar Geringes hoch halten gelernt. Warum soll ich es scheuen, einem freundlich gesinnten Menschen einmal mitzutheilen, wie mir zu Muth ist? auch wenn er mich nicht ganz versteht? auch wenn er mich eitel nennt, wo ich fühle, daß ich nur stolz bin?

Auch das, fiel er eifrig ein, habe ich mir bitter übel genommen, das vielleicht am meisten. Wie konnte ich mir eine so schnöde Aeußerung entschlüpfen lassen, zumal da ich im Stillen fühlte, wie falsch sie war? Man hat nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, auf ein Unglück stolz zu sein, das man mit starker Seele trägt. Ich dagegen -- mit meinem sogenannten Glück, das mich nur entnervt, mich um alle Schwungkraft des Geistes gebracht hat --

Kommen Sie, unterbrach sie ihn, Sie sind im besten Zuge, unsere gestrige Generalbeichte fortzusetzen und uns am Ende wieder um den Genuß der Gegenwart zu bringen durch fruchtlose Rückblicke. Ich will nun auch ehrlich bekennen, daß ich dies fürchtete und darum mich so früh aus dem Hause stahl. Nun aber hilft es nichts, ich bring' es nicht übers Herz, Sie in dieser selbstquälerischen Verfassung sich allein zu überlassen. Ich bin auf dem Wege nach San Pietro in Vinculis, mich von dem Moses Michelangelo's zu verabschieden. Wenn Sie fein artig sein und Ihren Cicerone allein reden lassen wollen, sollen Sie etwas Herrliches und Einziges sehen, und hoffentlich, weil es noch so früh am Tage ist, ganz still unter unsern vier Augen.

Sie wartete seine Zustimmung nicht erst ab, sondern setzte ihren Weg fort, und er blieb schweigsam an ihrer Seite. Nur um so gesprächiger schien sie aufgelegt, nannte ihm alles Merkwürdige, woran sie vorbeikamen, bei Namen und führte ihn manchen Umweg, um ihm noch irgend eine Kirche, einen Palast, einen malerischen Prospect zu zeigen, an denen sie selbst ihre Freude hatte. Als sie aber endlich das entlegene, von außen sehr unbedeutende Kirchlein erreicht hatten, wo die sagenhaften Ketten des Apostelfürsten bewahrt werden und jenes wundersame Bildwerk steht, das statt am Grabmal des gewaltigen Papstes, für den es vorbildlich gedacht war, hier in kümmerlichem Raum, wie nur vorläufig bei Seite gestellt, die nüchterne Kirchenwand mit seinem Glanz erfüllt, wurde sie stumm, und er glaubte ein leises Zittern an ihrer Hand zu gewahren, mit der sie den Vorhang der Kirche bei Seite schob.

Sie setzte sich, die ganze Breite des Schiffes dazwischen lassend, in einen Chorstuhl, der Statue gegenüber, und er blieb an einen Pfeiler gelehnt in ihrer Nähe. Durch einen rothen Fenstervorhang zur Linken fiel ein warmer Schein über den vergilbten Marmor, daß der Rand der Wange und das krause Haar um die Schläfe in seltsamem Schimmer leuchteten. Desto dunkler lag das starr geöffnete Auge in seiner Höhle, und der Löwengrimm der unter dem Barte vorschwellenden Lippen, erschien majestätischer. Es war so still in dem dämmerkühlen Raum, daß man das Schwirren eines Nachtschmetterlings hören zu können glaubte, der um die Hörner des steinernen Riesen taumelte. Der Sacristan kam aus einem Seitenpförtchen, warf einen mißtrauischen Blick auf das schweigsame Paar und fragte dann mürrisch, ob sie die Ketten zu sehen verlangten. Gabriele stand auf. Sie legte ein Geldstück auf die Lehne des Stuhls und ging dann rasch, den Schleier über das Gesicht ziehend zum Portal hinaus, ohne sich nach Eberhard umzusehen, der ihr auf den Fersen folgte.

Erst als sie draußen waren auf dem öden, sonnenlosen Platz, blieb sie stehen und athmete hörbar auf. Er sah durch ihren Schleier, daß sie sehr blaß geworden war.

Es ist seltsam, wie stark es noch immer auf mich wirkt, sagte sie, das letzte Mal genau wie das erste. Es bringt mich aus aller Fassung, und ich habe erst jetzt verstanden, daß es Naturen geben konnte, die sich unwiderstehlich alle Geister unterwarfen: die großen Eroberer, Völkerhirten, Religionsstreiter. Diesem wäre ich selbst, obwohl ich sonst mir meine Selbstständigkeit zu wahren weiß, unweigerlich vierzig Jahre durch jede Wüste nachgezogen.

Und als er immer noch schwieg: Ich danke Ihnen, daß Ihnen die Worte versagt haben. Das geschieht hier nur Denen, die, mag der Abstand noch so groß sein, dennoch von seinem Geschlechte sind, ich meine wahre, menschliche Menschen, die in einen Abgrund von Andacht versinken, wenn sie das Gesicht Dessen sehen, der Gott im feurigen Busch erblickt hat. O es ist schön, es ist himmlisch! -- und sie bewegte unwillkürlich die Arme, als ob es Flügel wären, die sie in ihrer Entzückung von der Erde wegtragen sollten. Ihr Gesicht war jetzt über und über geröthet, ihre Augen leuchteten. Kennen Sie das Sonett Alfieri's? fragte sie. Ich fand neulich eine Uebersetzung davon, die ich gleich auswendig behalten habe. Ich will es Ihnen hersagen.

Und nun recitirte sie, indem sie die Straße rasch dahinschritt, die folgenden Strophen:

Ha, wer bist du, der dort so stolz erhaben
Im Marmor sitzt, geprägt in seine Mienen
Drei Würden, die noch nie vereint erschienen:
Des Völkerlenkers, Kriegers, Priesters Gaben?

Du ließest wieder sich an Freiheit laben
Das Volk des Herrn nach langem, bittrem Dienen,
Die Götzen stürztest du und hast mit ihnen
Aegyptens Zwingherrn tief im Meer begraben.

Was in dir lebte, athmet hier im Stein,
Denn Nichts hat Michelangelo verhehlt
Von deines hohen Sinns gewalt'gen Gluten.

Der Meister, ebenbürtig dir allein,
Der, hätt' auch ihn in Wüsten Durst gequält,
Wohl auch dem Fels entsprühn ließ Labefluten.

Ist es nicht schön? fuhr sie dann fort; nicht beneidenswerth, so Einer zu sein, der ein bescheiden brüderliches Gefühl gegen diese Großen empfindet, so daß er sich ein Herz fassen darf, sie anzureden? Und er weiß freilich die Worte zu finden, die ihrer würdig sind. Das ist noch besserer Dank, als ehrfürchtiges Verstummen. Und Sie, sind Sie nicht auch glücklich in diesem Augenblick? Ist dies nicht ein noch höheres, stolzeres Glück, als aller irdische Besitz, und wären die liebsten Menschen darin einbegriffen?

Sie stand still, da sie sich im Eifer ganz außer Athem geredet hatte. Er trat dicht vor sie hin.

Ich werde Ihnen nie genug danken können, sagte er mit leise bebender Stimme, nie, bis ans Ende meines Lebens nicht, Fräulein Gabriele. Sie wissen nicht, was Sie mir in diesen Tagen geworden sind, Sie können es nicht ahnen. Ich habe nie eine Schwester besessen, nie eine Freundin. Mögen Sie selbst von mir denken, wie Sie wollen, mir werden Sie immer Schwester und Freundin sein, und wenn ich Augenblicke erlebe, in denen ich über mein armseliges Tagewerk mich erhoben fühle, Sie -- Ihr Bild --

Er suchte umsonst nach Worten. Da begegnete er, in der Verwirrung sie anblickend, ihren klaren, leuchtenden Augen.

Mein Freund, sagte sie, ihm ihre Hand entgegenstreckend, ich weiß, was ich von Ihnen zu denken habe, wenn ich es auch nicht in eine sinnreiche Formel kleiden kann. Sei es Ihnen genug, daß ich mich freue, wie gut wir uns verstehen. Wir werden, wenn wir aus Rom fortgegangen, uns schwerlich je wieder begegnen. Aber auch ich werde Sie nicht vergessen. Lassen Sie uns nah oder fern gute Kameraden bleiben!

Er erwiderte kein Wort. Er drückte nur ihre Hand so fest, wie wenn er sie nie wieder loslassen wollte. Dann, als sie weiter gingen, schlug sie einen leichten, fast übermüthigen Ton an, in den er nach einigem Befremden harmlos einstimmte. Wir können heut unmöglich zwischen Mrs. Robinson und Miß Wedgewood zu Tische sitzen, sagte sie. Wissen Sie was, lieber Doctor? Wir wollen unser Frühstück unterwegs einkaufen und wie zwei rechte Vagabunden an der freien Landstraße zu uns nehmen. Ich weiß einen herrlichen Platz vor dem Thore draußen hinter dem Lateran. Da hab' ich schon einmal einen ganzen Nachmittag gesessen und einen Kranz aus Frühlingsblumen gewunden. Heute wollen wir dort unsere Colazione halten und hernach weiterschlendern. Wer weiß, ob nicht morgen die Frühlingsregenzeit beginnt, mit der man mich schon seit Wochen geängstigt hat.

Sie traten zu einem Pizzicarol in seinen düsteren, mit allerlei scharfen Gerüchen erfüllten Laden und kauften ein wenig Schinken und Brod. Dicht daneben hielt eine Obsthändlerin die schönsten Orangen, getrocknete Feigen und Johannisbrod feil. Auch von denen nahmen sie, soviel sie tragen konnten. Auf Wein werden wir verzichten müssen, sagte sie. Aber eine köstliche Quelle weiß ich in der Nähe unseres Lagerplatzes, und ein kleines flaches Glas im Etui trag' ich immer bei mir. Kommen Sie, Doctor. Wir werden offene Tafel halten, wie die unsterblichen Götter.

*

Am Abend dieses Tages schrieb Gabriele an ihre Schwester:

»Ich war heute noch länger als sonst mit dem Doctor zusammen. Ein Dritter würde lachen, wenn er uns beobachtete. Wir sprechen fast nie mit einander, er hat eine wunderliche Art, seine Gedanken laut werden zu lassen, fast wie den Text zu einer stillen Musik, die in seinem Innern klingt, in Dur oder Moll, je nach den Eindrücken des Augenblicks. Auch mir hast du ja immer nachgesagt, daß ich mich am liebsten und gründlichsten in Naturlauten expectorirte. Ehe wir uns genauer kannten, versuchten wir noch, eine regelmäßige Unterhaltung zu führen, was uns Beiden unbequem war und allerlei Dissonanzen mit sich brachte. Jetzt redet Jeder nur für sich allein, und da klingt es viel harmonischer.

Ich kann ihn dir nicht recht schildern, es sind lauter Gegensätze in ihm, und doch vertragen sie sich ganz gut. Ich habe nie eine so große Bildung und zugleich so viel Naivität gesehen, so viel männliche Festigkeit -- er leitet eine große Fabrik und beschäftigt und regiert über hundert Arbeiter -- und so viel harmlose Ungebundenheit. Es ist, als ob die Quelle seiner Jugendgefühle vor Jahren, eben da er ins praktische Leben eintreten mußte, in ein unterirdisches Bette versunken wäre und jetzt hier wieder hervorsprudelte. Auch sein Gesicht stimmt dazu: er hat die energischen, fast ironisch geschärften Züge eines Mannes und die Augen eines Jünglings.

Schönes, nach dem landläufigen Begriffe, ist Nichts an ihm, außer seinen Händen, die von der feinsten Zeichnung und warmer, heller Farbe sind. -- Ich möchte ihn wohl zu malen versuchen, nur für dich, aber es würde jedenfalls mißglücken.

Schade, daß allerlei Umstände es undenkbar machen, daß wir uns auch in Deutschland wieder begegnen. Oder auch gut! Wenn er dir nicht so einleuchtete, wie mir, würde er nur stören.

Er bleibt noch einige Wochen nach mir in Rom. Ich freue mich, ihm in diesen letzten Tagen noch Alles zeigen zu können, woran ich mein Herz gehängt habe.

Von der Farnesina noch kein Bescheid. Doch kann er, muß er nun täglich eintreffen. Ich bin schon ganz gefaßt darauf, irgend einen abenteuerlichen Streich zu wagen, um mir den Eintritt zu erobern.

O Schwesterherz, das Leben ist doch schön!«

*

Dieses schöne Leben genossen von nun an die beiden befreundeten Seelen in der heitersten Weise, ohne daß sich ein Mißklang in ihr reingestimmtes Duett drängte. Sie wanderten die halben Tage lang mit so ernsthaftem Eifer, als ob sie die tiefsten Studien zu machen hätten, unter den Denkmälern der antiken und mittelalterlichen Welt umher, steckten aber die Nase in kein Handbuch und machten keine Notizen, sondern hielten es damit wie die Hummeln, die von Kelch zu Kelch schwärmen, ohne sich um eine wissenschaftliche Botanik zu kümmern, ja nicht einmal von dem Pflichtgefühl angefeuert, Wachs und Honig in ihre Zellen tragen zu müssen. Auch konnte man sie in mancher Galerie oder von denkwürdigen Inschriften strotzenden Kirche eine Stunde lang auf derselben Stelle vor einem Bilde oder Grabmale sitzen sehen, in leiser Unterhaltung, bei der es in ihren Mienen von verhaltener Munterkeit wetterleuchtete, als ob sie der Würde des Ortes völlig vergessen hätten. Manchmal fuhren sie auch in einem Wägelchen auf die Campagna hinaus und waren zuletzt so in ihr eigenes Wohlgefühl eingesponnen, daß sie es gar nicht sahen, noch weniger achteten, wenn sie zur Tischzeit vor ihrer Pension ausstiegen und fünf bis sechs englische Gesichter mit hochgezogenen Brauen und sittlich empörten Nasenflügeln über den Fensterrand herabschielten und bedenkliche Glossen machten.

Das hatte nun freilich die längste Zeit gedauert, und das Aergerniß war seinem Ende nahe, da die Woche verstrichen und eben heute die ersehnte Botschaft wegen der Farnesina eingetroffen war. Gabriele hatte sie auf ihrem Zimmer gefunden, als sie mit dem Doctor von ihren, Morgenrundgange heimgekehrt war und nur noch eben zum Frühstück ein wenig Toilette machen konnte. Bei Tische hatte sie mit ihrem Freunde nach ihrer alten, jetzt freilich längst durchschauten Taktik weder Wort noch Blick gewechselt; doch war sie stiller als sonst und ließ die Speisen fast unberührt.

Eine Stunde nach der Colazione wollten sie eine letzte Fahrt in die Campagna hinaus unternehmen. Als aber der Doctor zur festgesetzten Zeit -- zehn Minuten vor ihr, um sich auf dem spanischen Platz eines Wagens zu versichern -- die Treppe von seinem Zimmer herunterkam und den kleinen Flur des ersten Stockwerks durchschreiten wollte, warf er zufällig einen Blick durch die nur angelehnte Thür in das Conversationszimmer -- den Drawingroom, wie es im Hause genannt wurde -- und blieb plötzlich stehen. Er sah nämlich seine Freundin am Fenster sitzen vor einem Tischchen, auf das sie ihre Mappe gelegt, und eifrig an einem Bilde malen, zu dem das Modell in Gestalt der dicken Mrs. Robinson ihr gegenüber saß. Daß ein solches Portrait im Werke sei, wußte er nicht, da Gabriele von ihren Malereien nie eine Silbe gegen ihn verlauten ließ. Nun trat er behutsam mit einem Scherz über die verrathene Heimlichkeit ins Zimmer und erbat sich die Erlaubniß, das Bild zu betrachten.

Gabriele nickte nur, ohne sich stören zu lassen; ihr Modell vollends wagte nicht den Mund zu öffnen, da sie wußte, daß er nicht eben klein war, und durch Sprechen ihn um seine Anmuth zu bringen fürchtete. So trat Eberhard hinter den Stuhl der Künstlerin und betrachtete lange, ohne ein Wort zu sagen, das Bild.

Lassen Sie nur dreist hören, was Ihnen nicht zusagt, warf Gabriele endlich hin. Ich bin eben bei der letzten Hand, und die ist ja immer wieder eine erste.

Er sagte, daß er nicht das Geringste geändert wünsche. Wenn er stumm geblieben, sei es nur, um das unartige Compliment hinunterzuschlucken, daß er ihr einen solchen Grad von Meisterschaft nicht zugetraut habe. Es sei nicht nur ihre verehrte Freundin, wie sie leibe und lebe, sondern ein wahres Kunstwerk, mit einer unglaublichen Freiheit und Einfachheit hingeworfen, und wenn sie dies Blatt unter die besten Niederländer hinge --

Sie unterbrach ihn, indem sie ihn bat, nicht zu sehr zu loben, was sie immer confus mache. Da habe sie richtig schon ein falsches Licht auf die Sealskin-Jacke gesetzt. Noch fünf Minuten sollt er sich gedulden, dann wolle sie's genug sein lassen.

Das unbewegliche Gesicht der Dame fing plötzlich an zu strahlen. Ja, sie ist ein exemplarisches Mädchen! rief sie, und steckt voller Talente bis in die Fingerspitzen. Hab' ich es Ihnen nicht oft genug gesagt, Doctor, und Sie wollten es mir nicht glauben? Aber man kennt solche Kriegslisten. Man weiß --

Husch! machte Gabriele, die nun in der That befangen wurde. Wenn Sie noch ein Wort sagen, liebe Mrs. Robinson, nehme ich einen Pinsel voll Zinnober und gebe Ihnen so echauffirte Wangen, wie Sie in Ihrer Bosheit jetzt eben bekommen haben.

Sie wußte, daß diese Drohung eine unfehlbar wirksame war, weil die gute Dame sich im Uebrigen gar nicht garstig dünkte, bis auf ihre leicht zu entflammende Farbe, die man auf heimlichen Genuß starker Getränke schieben konnte, da sie doch eine leidenschaftliche Temperenzlerin war. Nun schwiegen wieder alle Drei. Eberhard hatte, am Tische stehend, in den illustrirten Zeitungen geblättert. Auf einmal warf er sie hin, setzte sich an das offene Pianino und griff leise einige Accorde.

Das Instrument, das in den letzten Monaten so viel hatte erdulden müssen, schien plötzlich in Wonne aufzuathmen, da es von der Hand eines Meisters berührt wurde. Es besann sich seines längst verschollenen Wohlklanges, und nur der Baß, den die Governeß mit besonderer Härte zu mißhandeln pflegte, blieb unheilbar verstimmt. Aus den ersten leicht auf- und niederperlenden Passagen entwickelte sich die Melodie eines Volksliedes, das damals gerade von Neapel herüber seinen Weg nach Rom gefunden hatte. In manchem träumerischen Augenblick hatte Eberhard es vor sich hin gesummt. Nun nahm er es zum Thema, das er durch die mannichfaltigsten Tonarten hindurch variirte. Plötzlich ließ er es verklingen, und eine deutsche Volksmelodie tauchte ganz verstohlen wie aus weiter Ferne in den dunkelsten Tiefen auf, schwang sich immer höher und zuversichtlicher ins Helle und erklang endlich in einer mehrstimmigen Harmonie so siegesgewiß, daß jene südliche Cantilene, die nun schüchtern sich wieder hervorwagte, zuletzt den Wettstreit aufgeben und aufs Neue verstummen mußte. Dann schloß das Spiel mit einer einstimmigen Wiederholung des deutschen Liedes, das nun erst in seiner rührenden Schlichtheit seine volle Kraft und Lieblichkeit entfaltete.

Als er geendet hatte, sprang seine englische Gönnerin, Alles um sich her vergessend, von ihrem Sitze auf und lief, beide Hände ihm entgegenstreckend, auf ihn zu. Tausend, tausend Dank, lieber Doctor! rief sie mit hochgeröthetem Gesicht, und die goldene Kette in ihren Haaren zitterte vor Erregung. Wissen Sie, daß Sie ein Meister sind? Nein, in der That, ein vollständiger Virtuose? Und Sie böser Mensch haben so heimtückisch Ihr Licht eine ganze Woche lang unter den Scheffel gestellt! Kommen Sie mir nur nicht mit falscher Bescheidenheit! Sie wissen so gut wie ich, was an Ihnen ist!

Vielleicht besser als irgend Jemand, erwiderte er lächelnd, aber mit einem Seufzer. Ich weiß, daß ich mich zu einem wirklichen ausgewachsenen Musiker so verhalte, wie ein Schmetterling, der mit verkrüppelten Flügeln aus der Puppe gekrochen ist, zu der ersten besten Motte, die vielleicht nicht von so edler Familie ist, aber ihre richtigen Flügel entfalten und ohne jedes Gefühl des Mangels herumschwirren kann.

Stuff and nonsense! unterbrach ihn die lebhafte dicke Dame und schüttelte so unwillig ihr Haupt, daß die Kette schief auf das linke Ohr hinabrutschte. Sie sind kein Mozart oder Beethoven geworden, das versteht sich, aber das ist auch gleichgültig, und jedenfalls wäre mir's lange nicht so lieb; denn ein solches Weltwunder von Genie würde für meine Zwecke so unbrauchbar sein, als wenn man mir die Decke der Sistina für den Plafond meines Schlafzimmers schenken wollte. Nein dieser Verräther, nicht einen Ton hat er von sich gegeben, während hier die grausamste Miß-Musik ungestraft verübt wurde! Was sagen nur Sie zu einer solchen Heuchelei, beste Miß Gabriele?

Ehe sie aber noch eine Antwort erhielt, hatte sie Eberhard bei der Hand gefaßt und ihn zu einem Sessel geführt, den sie neben den ihren gerückt hatte. Kommen Sie her, sagte sie, und hören Sie nun zur Strafe für Ihre Heimtücke geduldig an, was ich Ihnen Beiden zu sagen habe. Auch ich habe meine stillen Hinterhalte, die ich erst zur rechten Zeit aufdecke. Bisher hatte ich es dabei nur auf Ihre Freundin abgesehen, und Sie waren mir eigentlich im Wege. Nun aber ist es wahrhaftig, wie wenn der Finger Gottes auf Sie hindeutete; man braucht nicht besonders erleuchtet zu sein, um zu erkennen, was die Vorsehung damit im Sinne hatte, als sie Sie Beide unter diesem Dache zusammenführte.

Eberhard warf einen raschen Blick auf Gabriele, die scheinbar ganz in ihre Arbeit vertieft auf das Blatt schaute und dabei den Pinsel mechanisch wohl fünf Minuten lang in dem Wassergläschen ausschwenkte.

Ich gestehe, sagte er mit dem trockensten Ton, daß ich dennoch nicht erleuchtet genug bin, um die verhüllten Absichten der Vorsehung zu durchschauen.

Der Schleier wird sogleich gelüftet werden, fuhr die dicke Dame eifrig fort. Sie müssen nämlich wissen, daß ich seit fünf Jahren, seit Mr. Robinson's Tode, hier in Rom lebe und durch meine Vergangenheit wie durch meinen Charakter mir den Vorzug verdient habe, immer in den besten Kreisen und respectabelsten Familien Zutritt zu finden. Da habe ich bald eingesehen, daß es hier an Einem fehlt, worauf gewissenhafte Eltern nicht so leicht verzichten können: an einer leichten und zuverlässigen Gelegenheit, ihren halberwachsenen Töchtern den noch fehlenden Schatz von Kenntnissen und Fertigkeiten beizubringen, die letzte Hand an ihren Unterricht in Künsten und Wissenschaft zu legen. Ich habe nun schon vor einem Jahre den Plan gefaßt, diese Lücke auszufüllen, hier in Rom ein englisches College für junge Mädchen zu gründen, wo sie Geschichte, Italienisch, Französisch, Kunstgeschichte, Aquarellmalerei und Musik lernen, ich meine, in alle dem sich fortbilden könnten. Well, ein Institut ist, was seine Lehrer und Lehrerinnen aus ihm machen. Für einige Fächer habe ich schon im Stillen vorzügliche Kräfte angeworben. Mit den schönen Künsten aber war es eine schwierigere Sache. Man übernimmt eine zu große Verantwortung, wenn man den Unterricht talentvollen jungen Leuten anvertraut, deren Moralität sich so schwer durch Zeugnisse constatiren läßt. Seit ich die große Begabung unserer Freundin hier kennen gelernt, war ich überzeugt, daß sie für das Aquarell die rechte Person sein würde. Ich mochte aber nicht daran denken, da ich nicht wußte, was Sie, Doctor, dazu sagen würden. Nun habe ich zu meiner freudigen Ueberraschung soeben gesehen, was für einen Musiker wir an Ihnen besitzen, und nun ist es mir völlig klar und wird hoffentlich auch Ihnen einleuchten, daß ich Sie Beide nicht wieder loslasse, daß Sie in mein Institut eintreten müssen, und zwar, wenn der Himmel seinen Segen giebt, schon in kürzester Frist, zu Anfang der nächsten Saison. Nun? Sind Ihnen die Wege der Vorsehung noch nicht klar geworden?

Wenn sich die Vorsehung in Ihrer verehrten Person verkörpert haben sollte, bleibt mir allerdings kein Zweifel über ihre weisen Rathschlüsse, erwiderte er, mit Mühe seine ernsthafte Miene bewahrend. In der That, das wäre eine Versorgung auf meine alten Tage, wie ich sie in meinen kühnsten Träumen nicht besser hätte wünschen können -- Musiklehrer in Rom an einer höheren Töchterschule. Sie geben natürlich einen angemessenen Gehalt und freie Wohnung und Station, und zu meinem Geburtstage schenken mir meine Schülerinnen ein Album mit Photographien nach römischen Statuen oder Ruinen. Was halten Sie von dem Vorschlage, Fräulein Gabriele? Sie bekämen ein schönes, geräumiges Atelier und Pinsel und Farben à discrétion. Wollen wir einschlagen, oder uns doch noch erst eine kleine Bedenkzeit ausbitten?

O, der Zustimmung unserer Malerin bin ich sicher! fiel Mrs. Robinson hastig ein, als Gabriele eben ihr tief erglühtes Gesicht von der Mappe aufgehoben hatte und sich zaudernd zu einer Antwort anschickte. Sie ist eine begeisterte Romfreundin, und dann -- eine Frau hat keinen Willen, als den ihres Mannes. Denn das versteht sich natürlich und wird Ihnen hoffentlich nicht als ein erschwerender Umstand erscheinen, daß Sie sich erst heirathen müssen. Sie haben alle Zeit dazu während des Sommers, können den Honigmond im Gebirge oder auf Capri zubringen und Anfang October finden wir uns dann hier wieder zusammen. Mit Ihren Collegen und Colleginnen sollen Sie zufrieden sein, mit der Haushaltung auch, die übernehme ich selbst, da das meine Specialität ist. Wie? Sie sind Beide verstummt? Ich will nicht hoffen, daß diese meine einzige Bedingung --

Sie hielt inne und ließ einen halb erstaunten, halb strengen Blick ihrer großen runden Augen zwischen den Beiden hin und her gehen, die sich in der ersten Betroffenheit abgewendet hatten, Jedes vom Andern hoffend, daß er ein Wort der Aufklärung finden werde. Da kam Gabriele endlich dem wunderlich befangenen Freunde, den doch sonst seine Harmlosigkeit nicht so leicht verließ, mit ihrer sicheren Heiterkeit zu Hülfe.

Beste Mrs. Robinson, sagte sie, Ihr Vorschlag ist eben so ehrenvoll als verlockend. Hier in Rom mein Leben hinzubringen, nach Herzenslust zu schauen, zu genießen, zu malen -- Sie haben mit diesem Gedanken eine solche Revolution in mir aufgeregt, daß ich im ersten Moment ganz stumm wurde. Ich danke Ihnen für das freundschaftliche Bemühen, mir eine Wohlthat fürs ganze Leben zu erweisen, aber -- ich kann sie leider nicht annehmen. Ich darf meine kranke Schwester, unser Haus in Deutschland, hundert Pflichten und Verhältnisse nicht verlassen. Und so viel ich den Herrn Doctor kenne, -- obwohl er ganz wie ich sich im ersten Augenblick von Ihrem Vorschlage blenden ließ --

Nein, nein nein! unterbrach sie die eifrige alte Dame, das sind alles Ausflüchte und Winkelzüge. Ihr letztes Wort sagen Sie mir nicht, weil Sie sich vor meinen ehrlichen alten Augen fürchten, die auf Ihr Betragen sehr mißbilligend blicken. Fy! For shame! Eine sonst so gescheidte und wohlerzogene junge Dame und ein so wackerer und genteeler junger Mann! Und Sie scheuen sich nicht, Ihr Verhältniß, das vor Gott und Menschen ein Aergerniß ist, lieber in der bisherigen Weise fortzusetzen und sogar mit nach Deutschland hinüberzutragen, statt es durch einen heiligen Bund sanctioniren und gegen jedes abfällige Urtheil der Menschen sichern zu lassen? O Doctor, ich habe mich schwer in Ihnen getäuscht. Ich nahm Sie immer in Schutz, wenn die anderen Damen, denen Sie zu wenig den Hof machten, an Ihrem Charakter etwas auszusetzen hatten. Und nun, nun handeln Sie so leichtsinnig -- so frivol -- so Lovelace-mäßig --

Der Schweiß trat ihr in großen Tropfen auf ihre geröthete Stirn, sie lief mit heftigem Kopfschütteln im Zimmer umher und gesticulirte heftig vor sich hin, in ihrem breiten Englisch allerlei unverständliche Worte murmelnd.

Da haben wir was Schönes angerichtet! sagte Eberhard auf Deutsch zu Gabriele. Sie schien es nicht zu hören. Sie war aufgestanden und beschäftigte sich damit, ihr Malgeräth zusammenzukramen. Er aber trat der herumtrippelnden zornigen Dame in den Weg und sagte mit ruhigem Tone:

Wenn Sie sich eine zu günstige Vorstellung von mir gemacht haben, meine verehrte Freundin, so bin ich unschuldig daran. Ich muß Sie aber bitten, mir nun auch nichts Unrechtes und Unehrenhaftes zuzutrauen und mein Betragen für völlig tadellos zu halten, soweit es Fräulein Gabriele betrifft. Ich bin stolz darauf, ihrer Freundschaft gewürdigt worden zu sein. Ich verdanke ihr unvergeßlich schöne Stunden und wäre sehr unglücklich, wenn sie zum Dank für ihre Güte Verdächtigungen und Mißdeutungen erführe. Was Ihren Vorschlag betrifft, so kann auch ich im Ernst nicht darauf eingehen. Ich habe Frau und Kinder zu Hause und mein Geschäft, das ich nicht leichtsinnig aufgeben kann, um mich hier einer Kunst zu widmen, die zum Lebensberuf zu machen ich leider schon zu alt bin. Und nun sagen Sie uns, liebe Mistreß, daß Sie uns nicht böse sind, daß Sie auch ferner freundlich unser gedenken und es nicht shocking finden wollen, wenn wir uns herausgenommen haben, ein paar Tage in Rom als gute Kameraden herumzuschlendern.

Die großen runden Augen blitzten ihn niederschmetternd an.

Gute Kameraden? rief die aufs Aeußerste Gebrachte. Ein verheiratheter Mann der gute Kamerad einer alleinstehenden jungen Dame? Und ich soll an ein loyales Betragen glauben, wenn dieser bedenkliche Ehemann in fremdem Lande herumreis't und nicht einmal seinen Trauring am Finger trägt, damit jedes arglose Mädchen schon von Weitem gewarnt und daran erinnert werde, was sie von der flirtation eines solchen Mannes zu erwarten hat?

Verzeihen Sie, unterbrach er den hastig dahinstrudelnden Redestrom, ich habe meinen Ehering -- diesen hier -- allerdings beständig getragen, wie Sie mir selbst bezeugen werden. Wenn er nicht die gewöhnliche Form hat, so kann ich nichts dafür. In der Familie meiner Frau, die streng lutherisch ist, tauscht man bei der Vermählung zwei uralte Ringe, historisch beglaubigte Erbstücke aus Urväterzeiten, die von Verwandten der Katharina von Bora abstammen. Wenn Sie aber das Wort flirtation gebrauchen, so rufe ich hier das Zeugniß meiner Freundin Fräulein Gabriele an, ob dieses Wort zwischen uns irgend einen Sinn hat, ob eine Freundschaft, wie sie zwischen uns besteht -- aber nein, unterbrach er sich selbst, wir haben uns in diesen schönen Tagen viel zu hoch über die Alltagswelt erhoben gefühlt, um nur im Geringsten uns um das Urtheil zu kümmern, das Der und Jener, und wenn er im Uebrigen noch so respectabel wäre, über unser Verhältnis fällen möchte!

Dies hatte er in wachsender Erregung mehr für sich, als gegen Mrs. Robinson, hingesagt und wandte sich nun ab, um seinen Hut zu nehmen und das Zimmer zu verlassen. Da hörte er die alte Dame mit einer gänzlich veränderten Stimme, die einen fast wehmüthigen Klang hatte, seinen Namen aussprechen.

Lieber Doctor Eberhard, sagte sie -- sie hatte sich auf einen Stuhl sinken lassen und knöpfte, nach Athem ringend, ihre Pelzjacke auf -- gehen Sie nicht fort. Ich muß Ihnen noch etwas sagen -- Ihnen und Ihrer »Freundin«. Ich schäme mich ein wenig meiner Aufregung und Hitze, aber auch das kam von meiner aufrichtigen Freundschaft für Sie. Ich bitte es Ihnen nun förmlich und feierlich ab, daß ich nur einen Augenblick Sie einer Handlungsweise fähig glauben konnte, die -- sagen wir zum Mindesten incorrect gewesen wäre. In Ihrem Sinne haben Sie gewiß sich nichts Unrechtes zu Schulden kommen lassen. Aber glauben Sie einer alten Freundin, die in diesem Punkte Erfahrungen gemacht hat: Freundschaft zwischen zwei Personen beiderlei Geschlechts, die noch nicht mit dem Kopfe wackeln, oder Beide anderweitig durch ganz feste Bande gefesselt sind, ist ein Unding. Sehr viele Menschen, zu denen auch ich gehört habe, reden sich in jungen Jahren ein, so etwas sei möglich, und machen hernach, entweder Einer von Beiden, oder auch alle Zwei, die Erfahrung, daß -- wie soll ich mich ausdrücken? -- nun, daß die Natur sich nicht spotten läßt. Wir sind keine Engel, meine liebe Miß, und unsere schönen Seelen sind es nicht allein, die in einem solchen Falle ein Wort mitzureden haben. Sehen Sie, lieber Doctor, als mein erster Mann, Mr. Fawkes, starb -- er war Marineoffizier und starb einen Seemannstod auf dem Schiff, das uns von Bombay nach Liverpool brachte, -- in seiner letzten Stunde, da er spürte, das gelbe Fieber werde keinen Pardon geben, schrieb er noch einen Brief an einen Freund auf dem Festlande, worin er ihm seine Wittwe empfahl: ich war damals noch recht jung und unerfahren und ganz geschäftsunkundig. Well, dieser Freund war ein reicher Kaufmann, Mr. Shirley, und noch ein Hagestolz. Ich liebte ihn nicht, aber er erwies sich mir so hülfreich, that so viel für mich, zeigte mir auf jede Art, wie theuer ihm das Vermächtniß seines Freundes war, daß ich glaubte, ich könne keinen zuverlässigeren Freund besitzen. Was war das Ende vom Liede? Eh ich's mich versah und ohne eine sonderliche Lust zu einem zweiten Ehestande war ich eines schönen Tages Mrs. Shirley-Fawkes. Nun, ich hatte es nicht zu bereuen, Mr. Shirley trug mich auf Händen, und als er nach sechs Jahren starb, beweinte ich ihn ganz so trostlos, wie ich sieben Jahre früher Mr. Fawkes beweint hatte. Dann kam Mr. Robinson, der Pfarrer, der Mr. Shirley die Grabrede gehalten hatte. Er sah, wie traurig ich war, und hielt es für seine Pflicht mich zu trösten, und da er zum dritten Male ins Haus kam, bat er um meine Freundschaft. Mr. Robinson, sagte ich, ich glaube nicht an Freundschaft zwischen einem liebenswürdigen ledigen jungen Mann und einer noch ganz wohlconservirten jungen Wittwe. Entweder wir trennen uns gleich, oder wir heirathen uns. Er wählte das Letztere, und wieder gab der Himmel seinen Segen, so daß ich, als ich endlich wieder Wittwe wurde, in der That nicht wußte, welcher meiner drei Seligen mich am glücklichsten gemacht hatte. Solch eine Macht liegt in der von Gott eingesetzten Ehe; aber eben darum ist es ein unnatürliches Bemühen, irgend einen Zustand auf die Länge durchzuführen, der nicht Fisch und nicht Fleisch ist. Und weil ich Ihnen alles Gute gönne, habe ich Ihnen das sagen müssen. Halten Sie nun davon, was Sie wollen und können. Gute Kameraden werden wir hoffentlich einmal alle werden, droben im Paradiese, wo nicht geflirtet und nicht gefreit wird. Hier unten gilt: entweder, oder! Und nun -- good bye!

Sie stand rasch auf, nickte Gabriele zu, schüttelte im Vorbeigehen Eberhard die Hand und verließ eilig das Zimmer.

*

Zwei Minuten lang war es so still zwischen den Beiden, die zurückgeblieben waren, daß sie das Blut in ihren Schläfen pochen hörten. Dann setzte Eberhard den Hut auf, den er während der ganzen langen Rede beständig leise hin und her geschwungen hatte, nahm ihn aber sofort wieder ab und sagte, ohne Gabriele anzusehen:

Eine vortreffliche Frau, unsere vielerfahrene Freundin, und für einen weiblichen Blaubart recht human! Auch hat sie ein nicht gewöhnliches Talent zu Predigten über schwierige Texte. Nur muß man eben von ihrer Confession sein, um davon erbaut, oder gar bekehrt zu werden. Finden Sie nicht auch, liebe Freundin?

Gewiß! versetzte sie. -- Ihr Gesicht war ganz unbeweglich, nur ein wenig bleicher als vorher.

Er trat an ihr Maltischchen heran und nahm die Mappe auf, die sie eben aus der Hand gelegt hatte. Langsam wendete er Blatt nach Blatt darin um, betrachtete die bunte Galerie von italienischen Charakterköpfen mit einem zerstreuten, beifälligen Lächeln und schloß dann die Mappe wieder, indem er mit großer Sorgfalt die seidenen Bänder zu zierlichen Schleifen verknüpfte. Dann sah er nach der Uhr und sagte: Wollen wir nun fahren?

Sie nickte und stand ohne Zögern auf. Dann gingen sie schweigend neben einander die schmale Treppe hinunter und traten auf die Gasse hinaus. Ohne nach den Fenstern umzuschauen, wußten sie doch Beide, daß ein halbes Dutzend blonder englischer Gesichter ihnen aus den zwei Stockwerken des Hauses nachspähte.

Auf dem spanischen Platz stiegen sie in einen leichten offenen Wagen, und er breitete sorgfältig, wie er gewohnt war, das Plaid über die Kniee seiner Nachbarin. Nach Acqua acetosa! sagte Gabriele, und fort saus'ten sie die Via del Babuino hinunter der Porta del Popolo zu.

Als sie auf die Flaminische Straße hinauskamen, fiel es Beiden zu gleicher Zeit ein, daß sie am ersten Tage ihrer Bekanntschaft durch diese Straße in die Stadt zurückgekehrt waren. Doch nur Eberhard wagte davon zu reden. Er saß leicht zurückgelehnt neben ihr und hatte die Augen halb geschlossen. Es war, wie wenn er aus dem Traum spräche.

Ist es möglich, daß es nur acht Tage sind? In einem ganzen Jahre hab' ich sonst nicht so viel erlebt. Ich fange an, jene Geschichte von Mohamed zu glauben, der das Gesicht in ein Becken voll Wasser steckte und, bis er es wieder herauszog, mit seiner vom Körper befreiten Seele die sieben Himmel durchflogen hatte.

Als sie nichts erwiderte, sagte er nach einer Weile: Ihnen ist nicht wohl, liebe Freundin. Sie haben nach dem Essen zu eifrig gemalt.

Nein, versetzte sie, während sie es zu verbergen suchte, daß ein leichter Schauer durch ihre Glieder ging, es fehlt mir nicht das Geringste. Auch ist der Tag so heiter, und wir haben eine leichte Tramontane im Gesicht, die sehr erfrischend ist. Es fehlt mir wirklich Nichts.

Und nach einer Pause: Dies ist nun unsere letzte Fahrt. Ich habe ein Billet des Attaché's erhalten, der mir anzeigt, daß er mir endlich die Erlaubniß ausgewirkt, morgen Vormittag um 11 Uhr die Farnesina zu sehen, leider nur mir allein. Sie müssen schon auf eine andere Gelegenheit warten. Am Nachmittag habe ich zu packen und zwei oder drei unumgängliche Besuche zu machen. Uebermorgen früh --

Sie stockte, denn sie spürte ein heftige Erschütterung an ihrer Seite, so jählings war er zusammengefahren. Scusi! stammelte er und rückte ein wenig von ihr weg. Dann saß er stumm vor sich hinstarrend in seiner Ecke.

Sie waren oft in so tiefem Schweigen halbe Stunden lang bei einander gewesen, doch hatte es ihnen früher wohlgethan. Heute beklemmte diese Stille Beiden die Brust. Sie hätte viel darum gegeben, wenn sie eine ganz alltägliche Unterhaltung zu führen vermocht hätte. Doch erst als sie jene einsame Stätte in der Campagna erreicht hatten, wo das berühmte Sauerbrünnlein sprudelt und der Blick über die Tibergestade hinweg nach dem zartumgrenzten Soracte immer von Neuem die Seele still und groß macht, fand Gabriele ein heiteres Wort, ihn und sich selbst über die gar zu gedämpfte Abschiedsstimmung anzuklagen. Kommen Sie den Hügel dort hinauf, sagte sie. Von da oben hat schon Horaz, wie ich neulich gelesen habe, ins Land hinausgeblickt und jenes schöne Gedicht gemacht, worin er sich seinen Freund zum Weine einladet. Das war ein Lebenskünstler; vielleicht geht dort sein Schatten um, und wir verspüren einen Hauch seines Geistes, der uns hilft, das Leben, das ohnehin nicht leicht ist, nicht allzu schwer zu nehmen.

Sie stieg mit raschen Schritten ihm voran den Abhang hinauf, und er folgte ihr, seine Augen weidend an ihrer schmiegsamen Gestalt und der freien Haltung ihres Kopfes auf den schlanken Schultern. Oben setzte sie sich auf einen Stein, und er streckte sich neben ihr auf den von einer Ziegenheerde kurz abgeweideten Rasen. Die lieblichste Luft spielte um ihre Stirnen, geräuschlos zogen die gelben Wellen des Stromes in ihrem gewundenen Bette dahin, und zwischen zwei steilen Vorsprüngen der Ufer, die wie befestigte Brückenköpfe einander gegenüberragten, sah in seinem duftigen Blau der Soracte herüber, während das wolkenlose Firmament über ihnen von durchsichtigem Glanz erzitterte. Ganz in ihrer Nähe übte ein frühes Grillchen seinen Sommergesang ein, und der Esel, mit welchem ein malender Engländer herausgekommen war, stieß dann und wann ein elegisches Gestöhn aus, auf welches das Pferd an ihrem Wagen mit Schnauben und Stampfen antwortete.

Eberhard lag auf dem Rücken, die Augen starr gegen den Himmel gekehrt. Seine Züge hatten alles Jugendliche verloren, um den Mund, der halb geöffnet war, zuckte von Zeit zu Zeit ein bitteres Lächeln, während die Brauen finster zusammengezogen blieben. Der linke Arm lag unter dem Kopf, der rechte war über den Rasen gestreckt, und die geballte Faust erschien bleich wie eine Todtenhand. Als Gabriele's Augen, die lange in der weitesten Ferne geschweift, zu dieser unheimlichen Gestalt zurückkehrten, erschrak sie und betrachtete den still neben ihr Lagernden mit leisem Grauen. Dann erhob sie sich von ihrem Sitz.

Wir dürfen heute nicht wieder zu spät zu Tisch kommen, sagte sie. Da wir durch Porta Pia zurückwollen, ist's hohe Zeit.

Ohne auf ihn zu warten, eilte sie den Abhang hinab und rief ihren Kutscher herbei, der sich inzwischen eine kleine Siesta gegönnt hatte. Bald darauf rollten sie auf der holprigen freien Landstraße dahin, die um die Stadt herum nach dem nächstgelegenen Thore führt.

Sie waren aber noch nicht lange gefahren, als der Kutscher anhielt, vom Bock herabsprang und sich an seinem Pferde zu schaffen machte. Er kam dann mit einem verdrossenen Gesicht an den Wagentritt und erklärte, zwei Eisen seien losgegangen, er müsse an der nächsten Schmiede den Schaden ausbessern lassen, was in einer Viertelstunde geschehen sei. Doch wolle er die Herrschaften zuerst zu einer Vigna hier außen fahren, wo sie einen guten Wein finden würden. Es gehe dann um so flinker vorwärts.

Die Beiden im Wagen sprachen kein Wort. Als das Wägelchen ein paar hundert Schritte im langsamsten Tempo weitergeschlichen war, hielten sie vor einem niederen einstöckigen Häuschen, über dessen Thür ein Kranz hing, darunter in großen schiefen Buchstaben Vino buono geschrieben stand. Der Besitzer der Vigna, ein munterer, untersetzter Mann mit hochgesträubtem, leicht angegrautem Haar, kam dienstfertig herausgelaufen, half Gabriele aussteigen und führte seine unerwarteten Gäste ein steiles Treppchen hinauf in ein kahles, zweifenstriges Gemach, das die ganze Tiefe des Hauses einnahm. Durch das vordere Fenster sah man über die Campagna weg nach den Sabinerbergen, das Fenster in der Hinterwand ging auf den Rebengarten hinaus. Dieses letztere stand offen, und zwei uralte Sessel lehnten dort ihre gebrechlichen Glieder an die weißgetünchte Wand. Ein paar andere Stühle standen um den braunen Tisch in der Mitte des Zimmers, an dessen Wänden außer den Lithographieen Victor Emanuel's und Garibaldi's mancherlei Kohlenskizzen und Inschriften in verschiedenen Sprachen zu erkennen gaben, daß hin und wieder eine lustige Künstlerrotte den Wein dieser Vigna zu kosten pflegte.

Alle Herrschaften lobten diesen Wein, versicherte der Wirth, indem er auch das Fenster nach der Campagna aufriß und jene regelrechte Zugluft herstellte, die in italienischen Schenken gebräuchlich ist. Er sei feuriger als alle Weine aus den Castelli romani, und ein vornehmer fremder Herr habe erst vor einer Woche gesagt, er ziehe ihn dem Chianti vor. Checco! rief er ins Haus hinab und wiederholte den Ruf noch etliche Male, ohne daß ein Echo zurückkam. Dann, mit Achselzucken und zugleich einem stillen Schmunzeln seines ehrlichen breiten Gesichts: Ich muß nur selbst in den Keller hinunter; mein langer Schlingel von Sohn ist zu Nichts zu brauchen, seitdem er geheirathet hat, als immer nur am Schürzenbande seiner jungen Frau zu hängen. Vor sechs Jahren starb seine Mutter -- ihre Seele sei im Paradiese! -- eine brave Frau, wie nur irgend eine, eine echte Romana di Roma, aber doch eine wackere Haushälterin und hatte ihre Augen in jedem Topf und jeder Pfanne. Wie ich sie nun begraben hatte und mit dem Jungen, dem Checco, allein wirthschaften sollte, merkt' ich erst, daß eine Frau im Hause wie der Dotter im Ei ist, und: Checco! sagt' ich, es geht nicht mit uns Beiden allein, eine Frau muß wieder ins Haus, sagt' ich; entweder also ich muß auf meine alten Tage mir noch einmal die Last aufladen, oder du -- obwohl du kaum zwanzig bist -- schaust dich nach einem braven Mädchen um, sagt' ich -- wenn dir's auch unbequem sein sollte -- und damit hatte ich's nur im Spaß gemeint, denn ich wußte, daß er seit Jahr und Tag so einem jungen Ding nachlief, die Nichts hatte als ihre hübschen Augen. Vater, sagte er, es ist wohl besser, ich mache den Ehemann, und umzuschauen brauche ich mich nicht erst, ich hab' es bereits gethan, und die Caterina, obschon sie erst sechzehn ist, wird ganz für uns passen, sagt' er, und that so gesetzt und gleichgültig, wie wenn er von einem Pferdehandel spräche. Nun, sie paßt denn auch so leidlich, aber mehr zu ihm, als zu mir, obwohl sie sich alle Mühe giebt, und wenn er nur nicht wie ein verliebter Spatz immer um sie herumhüpfte und noch an irgend etwas Anderes dächte als an seine Frau Liebste -- selbst jetzt noch, da schon ein kleiner Checco unterwegs ist -- aber wie es des Himmels Wille ist! Auch das wird vorübergehen, wie jedes Ungewitter, und jetzt will ich den Herrschaften ihren Wein holen, mit Erlaubniß!

Er machte einen Kratzfuß und lief flink wie ein junger Mensch die Treppe hinunter, um nach fünf Minuten mit einer vollen Flasche, zwei Gläschen und einem halben Laib Brod auf einem Teller zurückzukehren. Nachdem er Alles auf den Tisch gestellt und mit dem Aermel seiner verschossenen Sammetjacke von zwei Stühlen den Staub abgewischt hatte, ließ er das schweigsame Paar allein.

*

Sie hatte sich an das Fenster gesetzt, das auf die Vigne hinausging. Der Wind wehte lebhaft über den Garten herein und kühlte ihre heiße Stirn und die Augenlider, die sie, wie um Ruhe für ihre unstäten Gedanken zu finden, fest geschlossen hatte. Er sah flüchtig zu ihr hin, ging dann an das Fenster auf der Campagnaseite und lehnte es wieder an. Dann kehrte er zum Tische zurück, schenkte langsam die beiden Gläschen voll, hob das eine auf und betrachtete tiefsinnig den blutrothen Ring, den der Wein auf dem Teller gelassen hatte. Nach einer Weile setzte er das Glas auf den Tisch, ohne daran genippt zu haben.

Es schien ein Entschluß in ihm zu gähren, mit dem er nicht ins Klare kommen konnte. Zwei, drei Mal öffnete er die Lippen und preßte sie immer wieder zusammen. Endlich ging er langsam nach dem Fenster hin, wo Gabriele saß, nahm spielend den zweiten Stuhl in die Hand und sagte so verloren: Ist es Ihr Ernst, Gabriele?

Was, lieber Freund?

Daß Sie übermorgen fortgehen?

Gewiß. Hab' ich je etwas Anderes im Sinne gehabt? Es ist die höchste Zeit.

Er schwieg wieder. Dann warf er sich, von ihr abgewendet, auf den Stuhl, streckte die Füße über die rothen Fliesen des Estrichs aus und starrte so unverwandt in die Fugen hinein, als ob er einen Schatz darunter vergraben wüßte.

So hatten sie eine kleine Weile in beklommenem Brüten bei einander gesessen, da fing plötzlich eine Männerstimme unten an zu reden, mit gedämpftem Ton, aber in der großen Stille so deutlich, daß an dem Fenster des niedrigen oberen Stockwerks kein Wort verloren ging. Zumal da eine gewisse leidenschaftliche Rhetorik, wie sie selbst Menschen geringeren Standes in diesem Lande natürlich ist, den Redenden mitfortriß, so daß er den Klang seiner eigenen Worte mit einer Art von künstlerischem Wohlgefallen an sich vorüberrauschen ließ. Gabriele hatte sich erhoben und vorsichtig über das Gesims gespäht. Zwischen dem Hause und dem Rebengarten war ein kleiner Hofraum frei gelassen, mit Fässern, Leitern, Schaufeln und anderem Arbeitsgeräth in großer Unordnung angefüllt. Nur in der Mitte, einige Ellen im Geviert, sah man ein Blumengärtchen, das jetzt noch keine Blüten hatte und über den Winter gänzlich vernachlässigt worden war. Aber ein braungestrichener viereckiger Tisch stand darin und ein Bänkchen daneben, und auf diesem saß eine junge Frau von fast kindlicher Zierlichkeit des Kopfes und der Arme, während ihre unbehülfliche Gestalt, um die sie ein leichtes rothes Tuch gewickelt hatte, deutlich genug verrieth, daß sie schon auf den Frauennamen Anspruch hatte und bald noch einen ehrenvolleren erwarten durfte. Sie hatte eine flache Schüssel auf den Knieen stehen, in welche sie die zarten gelblich-grünen Lattichblätter that, nachdem sie die äußeren härteren oder angewelkten mit ihren schönen bräunlichen Fingerchen entfernt hatte. Ein Korb, der die Salathäupter enthielt, stand auf dem Tische neben ihr, und quer über die Tischplatte hingestreckt lag ein junger Mensch in Hemdärmeln und mit einer gestreiften Hose und Weste bekleidet, die Füße in gelben Lederschuhen, den Ellenbogen aufgestützt und den schwarzlockigen Kopf, dicht genug am Ohre der kleinen Frau, in die sonnengebräunte Hand geschmiegt.

Er war so vertieft in den Anblick seiner Gefährtin, daß er nicht ein einziges Mal die Augen erhob und auch das leise Geräusch droben am Fenster, in welchem auf einen Moment auch Eberhard's Gesicht erschien, überhörte. Als ob diese bedächtigen Fingerchen, die Blatt für Blatt mit größter Sorgfalt ablös'ten, an einem wundersamen Kunstwerke arbeiteten, so andächtig verfolgten seine dunklen, feurigen Augen all ihre Bewegungen. Nur zuweilen wanderte sein Blick zu dem zarten Profil und dem feinen Ohr, das von einer schweren dunklen Flechte halb verschattet war, und zu dem schlanken Hälschen, um das sich eine dreifache goldene Kette wand. Von Zeit zu Zeit warf er eines der zartgrünen Blättchen ihr in den Busen, was sie jedesmal mit einem leisen Rümpfen der vollen Lippe bestrafte. Doch sah er bei diesem Getändel so ernsthaft aus, als ob er eine mystische Handlung vollzöge, und ebenso feierlich klang seine Rede, ganz ohne Modulation, aber in einem unaufhaltsamen Strome, der etwas Einlullendes, traumhaft Bestrickendes hatte. Zwischen seinen Worten klangen seltsame dichterische Laute, wie sie in den Volksliedern jener Gegend, den Rispetti und Ritornellen, von Mund zu Mund gehen. Es war zuweilen, als stehe er noch in der schmachtenden Zeit der Werbung vor dem Fenster seines Mädchens und ströme seine Herzensgedanken beim Ton einer Guitarre in die Nacht hinaus. Weißt du noch, Caterina, sagte er, wie ich dich zuerst gesehen, zehn Schritt vom Hause deiner Mutter? Du trugst einen Krug in der Hand, in dem solltest du Wein holen aus der nächsten Schenke. Und wie ich dich sah, war mir's, als spränge plötzlich eine heiße Quelle in meiner Brust auf und ergösse Feuer durch all meine Adern, obwohl du erst vierzehn Jahr alt warst, und du sahst nicht einmal nach mir hin. Du gingst so finster wie eine Wetterwolke deines Weges und tratst in die Schenke, und ich wartete draußen, bis du wieder herauskämst, und sagte zu mir selbst: Diese Augen sind die Sterne deines Lebens, Checco! -- Das sagt' ich, ohne noch zu wissen, wie Alles in Erfüllung gehen sollte. Und dann kamst du wieder heraus und trugst den schweren Krug auf der Schulter, weißt du's noch? und ich trat zu dir und fragte, ob ich ihn dir nicht tragen dürfe, und da wurdest du roth -- so roth wie die Blüte der Granate; aber du sahst mich fast feindlich an und schütteltest nur den Kopf und liefst so eilig, daß der Wein über den Rand tropfte -- weißt du noch? und ich sagte zu dir: Wie heißest du? und du --

Warum sprichst du immer wieder von den alten Possen? fragte sie ohne aufzublicken.

Weil mein Leben mit ihnen anfing, und es waren sehr ernsthafte Possen, Caterina, und es ist süß, daran zu denken, wie Alles kam, was unser Glück werden sollte. Jetzt -- wenn der Fürst Torlonia mir seine Paläste und Gärten und alle Schätze böte für ein Haar von deinem Haupte -- ich lachte nur und sagte: Ihr seid ein Narr, Herr Fürst, daß Ihr so etwas kaufen wollt, was keinen Preis hat. Und wenn ich könnte, wie ich wollte, Caterina, ich baute ein Zauberschloß auf einer Insel mitten im Meere, und die Wände wären lauter Spiegel von reinem Krystall, und du trügst ein Kleid wie die Madonna im Hauptaltar von Araceli, ganz von Gold mit Perlen und Rubinen, und wo du gingest und ständest, sähest du deine Schönheit gespiegelt tausend und tausend Mal, und die Thiere und Vögel kämen herbei und riefen: Caterina ist die Schönste! und die Wellen am Ufer sängen: Caterina ist die Beste! und ich schlänge die Arme um dich und sagte: Caterina ist mein!

Sie lachte kurz auf. Geh, sagte sie, du redest Unsinn; du bist ein Poet!

Ich weiß nicht, was ich bin, fuhr er immer leidenschaftlicher fort. Ich weiß nur, daß ich dich alle Tage mehr liebe, daß diese Liebe der Athem ist, der mein Herz schlagen macht, der letzte Gedanke, der mich in den Schlaf wiegt, und der erste, der mich aufweckt. Und wenn ich erwache, Caterina, und sehe dich an meiner Seite, und dein Mund schimmert wie eine Korallenblume und dein Hauch umfächelt mich so duftig wie Rebenblüte, und ich sage mir dann: Dies einzige Wunder der Schöpfung gehört dir allein! und du wirst dann plötzlich wach, weil meine Blicke durch deine geschlossenen Wimpern wie Feuerstrahlen dringen, und lächelst mich an und hebst deine Aermchen auf, sie mir um den Hals zu schlingen -- --

Am Fenster droben hörte man plötzlich ein Geräusch, wie wenn ein Stuhl gerückt würde. Der schwärmende junge Gatte sah argwöhnisch hinauf und horchte eine Weile. Da er aber nichts Bedrohliches entdeckte, senkte er den Kopf wieder zu seinem jungen Weibe und fuhr mit leiserer Stimme in seinem hohen Liede fort.

Gabriele war plötzlich aufgestanden. Wir wollen fort, sagte sie. Der Kutscher wird längst zurück sein. Die Luft wird abendlich. Es ist so dumpf hier im Zimmer.

Sie sah ihn nicht an, aber sie fühlte, daß sein Auge unverwandt an ihrem Gesichte hing. Als sie die Thür erreicht hatte, war er an ihrer Seite.

Die Treppe ist steil, sagte er hastig. Wollen Sie nicht meinen Arm nehmen?

Sie schüttelte den Kopf und betrat die oberste Stufe, die ganz dunkel war. In der Eile, mit der sie hinwegstrebte, that sie einen unsichern Schritt, verfehlte die Stufe und hielt sich strauchelnd an dem Strick, der statt des Geländers diente. In demselben Augenblick fühlte sie sich von seinen Armen umschlungen, seinen Mund an ihrer Wange, ein jäher Schwindel umfing sie, sie hatte nur noch die Kraft, ihn sanft zurückzudrängen, aber nicht die, dem jähen Gefühl eines unsäglichen Glückes zu wehren, das bei der Berührung seiner Lippen ihre Seele erschauern machte. Dies währte nur einen flüchtigen Augenblick, dann kehrte all ihre Besonnenheit zurück. Sie richtete sich hoch auf, zog den Schleier über ihr glühendes Gesicht und ging mit festen, nicht allzu hastigen Schritten die dunkle Treppe hinab. Leben Sie wohl! rief sie zurück, als sie unten angelangt war. Wie betäubt sah er ihr nach, sah, wie sie unten im Hausflur verschwand, hörte, wie sie mit dem Wirth einige gleichgültige Worte wechselte und von ihm vor das Haus begleitet wurde. Gleich darauf verkündete ihm das Knallen der Peitsche und das Klappern von vier Hufen auf der steinigen Straße, daß sein Verschulden nicht wieder gut zu machen und das kurze Glück, dem er sich wehrlos hingegeben, unwiederbringlich von ihm geschieden sei.

*

Es war völlig Nacht geworden, als er in der Straße Mario de' Fiori wieder anlangte. Er konnte sich lange nicht entschließen, das Haus zu betreten; in seiner tiefen Verstörung hatte er nicht den Muth, einem der bekannten Gesichter zu begegnen und in seiner gewohnten heiteren Art einen Gruß auszutauschen. So stieg er auf den Zehen die Treppe hinauf und fuhr zusammen, als ihm droben im Flur, den eine kleine Hängelampe schwach erleuchtete, eine weibliche Gestalt vorüberging. Es war nur die italienische Magd, die ihn, als den einzigen Mann im Hause, mit besonderer Zuthulichkeit behandelte. Sie vertraute ihm beflissen an, daß sie ihm sein Mahl aufgehoben und einstweilen warm gestellt habe. Die Damen seien alle gleich nach dem Essen fort, die bengalische Beleuchtung anzusehen, die heute im Coliseo angesagt sei. Nur das deutsche Fräulein sei nicht mitgegangen; sie packe ihren Koffer, sie wolle morgen früh reisen.

Morgen? fragte er bestürzt.

So habe sie es den Damen angekündigt. Sie habe einen Brief von Hause vorgefunden, der ihr nicht länger zu bleiben gestatte. Der Zug gehe um sechs Uhr. Sie habe schon von Allen Abschied genommen. Es sei schade! Das Fräulein sei tanto simpatica!

Morgen! wiederholte er für sich. Und die Farnesina, zu der sie sich endlich den Zugang erkämpft! Und läßt sie nun im Stich -- Natürlich! sie kann mit mir nicht länger unter Einem Dache hausen --

Er trug dem Mädchen auf, das Fräulein zu fragen, ob sie seinen Besuch noch annehmen wolle. Er wartete mit einer Unruhe, wie wenn es sich um Tod und Leben handelte, auf den Bescheid, auf dem engen Vorplatz mit gesenktem Kopf hin und her schreitend, vergebens bemüht, seine Gedanken zu sammeln. Was er für Worte brauchen wollte, wußte er nicht. Aber zu denken, daß er sie verscheuchte, war ihm unerträglich. Das durfte er nicht zugeben, um keinen Preis: er mußte weichen, er war es, der das Glück, hier zu sein, so unerhört kopflos und gewissenlos verscherzt hatte.

Das Mädchen kam lange nicht zurück. Endlich brachte sie die Antwort: das Fräulein habe noch zu viel zu thun, zu packen und zu schreiben, sie bedaure, den Herrn Doctor nicht mehr sehen zu können, sie lasse ihm Lebewohl sagen und noch viel gute Tage in Rom wünschen.

Er senkte den Kopf noch tiefer auf die Brust und stieg langsam, wie ein Verurtheilter, der erfahren hat, daß sein Gnadengesuch abgewiesen, die Treppe zu seinem Zimmer hinauf.

Doch hatte er sich eben auf sein Canapé geworfen, ohne Licht anzuzünden, und grübelte darüber nach, was er nun thun, ob er ihr schreiben, ob er morgen früh noch einen Versuch machen sollte, sie zu sprechen, als es an seine Thür klopfte und das Mädchen mit der Botschaft hereintrat: das Fräulein lasse den Herrn Doctor bitten, in den Salon hinunterzukommen. Sie wünsche ihn doch noch zu sprechen.

Sofort sprang er von dem Ruhebett auf, doch zitterte er so stark am ganzen Leibe, daß er einige Minuten brauchte, um sich zu ermannen. Dann ging er mit taumelnden Sinnen zögernd die Stufen hinab und trat in das wohlbekannte Gemach.

Sie stand am Tische, so daß der Schein der Hängelampe warm auf ihre Stirn und Augen fiel und die langen Wimpern ihre zitternden Schatten auf den Rand der Wangen warfen. Er glaubte sie nie so anmuthig jugendlich gesehen zu haben, obwohl ihr Gesicht nur einen Moment geröthet erschien und gleich darauf wieder erblaßte. Aber ihre Augen leuchteten freundlich, und ihr Mund lächelte, als sie ihm jetzt die beiden Hände entgegenstreckte und, während er nahe der Schwelle stehen blieb, einen Schritt auf ihn zu trat.

Verzeihen Sie, lieber Freund, daß ich Sie zuerst abgewiesen, sagte sie lebhaft und, wie es schien, ohne inneren Kampf. Es war eine kleinliche Regung, Sie nicht wiedersehen zu wollen. Dürfen gute Freunde so auseinandergehen? Sollen gute Kameraden einander nie eine kleine Schwäche nachsehen? Wie würde ich morgen auf der langen einsamen Fahrt von dem Gedanken gepeinigt worden sein: ich hätte Sie zurückgelassen mit dem Bewußtsein, mich schwer und unverzeihlich beleidigt zu haben! Sie hätten am Ende selbst geglaubt, eine Todsünde begangen zu haben, wenn ich die Sache so übertrieben schwer genommen hätte. Und darum bin ich froh, daß ich mich noch bei Zeiten besonnen habe, und nun wollen wir uns die Hand geben und als gute Freunde von einander gehen.

Warum zaudern Sie, einzuschlagen? fuhr sie mit etwas unsichrerem Tone fort, als er unbeweglich vor ihr stehen blieb, die Augen auf den Teppich geheftet, mit der Miene eines Menschen, der in einer fremden Sprache angeredet wird. Wollen wir wirklich unserer gestrengen Sittenpredigerin den Triumph gönnen, daß sie mit ihrer wohlfeilen Weisheit Recht behält, daß von einer guten ehrlichen Freundschaft zweier Menschen, wie wir sind, nicht die Rede sein könne? Ueberlegen Sie es doch nur ruhig und gründlich: Sie sind gar nicht im Ernst in mich verliebt. Es ist, wie ich Ihnen ja schon einmal gesagt und Sie es eingestanden haben, ein Rest unverbrauchter Jugend in Ihnen, der auch einmal in einer Thorheit sich Luft macht. Ein Vorfall wie der, den Sie sich selbst so übel nehmen, ist nicht viel Anderes, als ein Studentenstreich, so eine Ferienlaune Ihres Herzens. Ich bin mit Schuld daran, daß es dahin kam. Ich habe Sie mit ganz ungebundener Vertraulichkeit behandelt und den jungen Menschen in Ihnen so lange verwöhnt, bis er in einem unbewachten Augenblick ein wenig über die Schnur gehauen. Die Hauptschuld aber trägt die römische Luft. Man wird von dem Uebermuth angesteckt, der die Welteroberer dazu verlockte, Alles sich anzueignen, was ihnen irgend in die Augen stach; erlaubt scheint, was gefällt, man bedenkt sich nicht lange, auch etwas Bedenkliches zu thun oder zu sagen, und da wir doch nicht für immer aus unserer Haut herauskönnen, sondern nur etwa zu einem Ferienausflug, nehmen wir's uns hernach auf gut Deutsch übel, was wir auf gut Römisch, ohne uns lange zu besinnen, verbrochen haben. Ist es nicht so, wie ich sage, lieber Freund?

Nicht ganz, erwiderte er dumpf. Für Sie mag es so sein, für mich ist es anders, viel schlimmer, viel hoffnungsloser. Wenn Sie wüßten, wie es in mir aussieht --

Ich will es nicht wissen, unterbrach sie ihn rasch, und eine dunkle Röthe schoß ihr ins Gesicht. Sie wissen es selbst nicht recht, weil Sie -- weil Sie ein Mann sind; verzeihen Sie mir, aber Sie betragen sich nicht klüger, als die Männer im Allgemeinen. Weil bei euch der Verstand gewöhnlich das große Wort führt und das letzte Wort behält, benehmt ihr euch um so rath- und sinnloser, wenn ihr einmal ein bischen um euren Verstand gekommen seid. Dann gebt ihr Alles verloren und erlaubt dem sogenannten Gefühl die größten Ausschweifungen, die es dann, wie der Sklave, wenn er die Kette bricht, recht con amore begeht, um sich nach der langen Unterdrückung gütlich zu thun und an dem beschämten und gedemüthigten Verstande zu rächen. Wir Frauen, die wir uns von vornherein drein ergeben müssen, uns nur auf unser Herz zu verlassen, haben ein viel intimeres Verhältniß mit ihm, kennen es besser und lernen es schonen und in schwachen Stunden mit unserm Charakter ihm beistehen, daß es weder zu trotzig noch zu verzagt wird. Glauben Sie mir, von Ihrem Herzen weiß ich in diesem Augenblicke besser Bescheid, als Sie selbst, das war bei der ganzen Thorheit gar nicht betheiligt, das haben Sie überhaupt nicht mit auf die Reise genommen, sondern hübsch zu Hause gelassen bei Frau und Kindern, wo es auch hingehört. Und das werden Sie dort wohlaufgehoben wiederfinden, wenn Sie heimkehren, und dann wird es Ihnen klar werden, daß Ihr Reiseherz nichts Anderes war, als die alte Künstlerphantasie, die Ihnen allerlei Träume vorgespiegelt hat, und der Sie zu viel Ehre anthaten, wenn Sie ihre Grillen und Einbildungen als Herzensangelegenheiten betrachteten.

Er wollte etwas erwidern, aber sie ließ ihn nicht zu Worte kommen. Ich sehe, daß Sie ein verstockter Ungläubiger sind, sagte sie lächelnd, während ihre Augen doch einen feuchten Schimmer hatten. So will ich Ihnen eine kleine Buße auferlegen: daß Sie nämlich auch nach meiner Abreise dieses Haus nicht sogleich verlassen, sondern wenigstens noch drei Tage die Tischnachbarschaft unserer alten Freundin sich gefallen lassen. Das versprechen Sie mir, nicht wahr? und daß Sie sehr liebenswürdig und heiter sein wollen und ja nicht sich's merken lassen, wenn Sie etwa doch Ihren Cicerone und seine gute Kameradschaft vermissen. Geben Sie mir die Hand darauf und dann -- felice notte! Sie werden folgsam sein, nicht wahr? und ja nicht morgen früh mir einen letzten Eisenbahnabschied auferlegen, der mir selbst mit ganz gleichgültigen Menschen peinlich ist. Und grüßen Sie mir Ihre liebe Frau, deren große Liebe und Güte Sie wahrlich nicht verdienen, wenn Sie ihr nur einen Augenblick abtrünnig werden, um einem Wolkenbilde nachzustarren. Wir sehen uns hoffentlich einmal wieder, nicht in dieser, sondern in deutscher Luft, da werden Sie sich wundern, wie grau das Wölkchen ist, das hier von südlicher Sonne ein wenig vergoldet wurde. Schreiben werden wir uns natürlich nicht. Schwarz auf weiß betrügt man sich so leicht und läßt wieder die Phantasie dictiren statt des Herzens. Und somit leben Sie wohl, lieber Freund! Ich danke Ihnen gute Tage; sie sind zu Ende, aber lassen Sie mich glauben, daß es mit der guten Freundschaft nicht auch vorbei sei. Die wollen wir uns aufheben -- für später, nicht wahr? Adieu!

Sie hatte seine Hand ergriffen und schüttelte sie herzlich. Er neigte sich auf ihre Hand herab und drückte seine Augen gegen ihre schlanken, weichen Finger. Sie sind ein Engel, hauchte er, -- und ich -- ich bin es nicht werth -- aber ich will versuchen -- Sie sollen ohne Erröthen daran denken, daß Sie mich Ihren Freund genannt.

Dann richtete er sich auf und ging mit gesenktem Blick aus dem Zimmer.

*

Am Abend des nächsten Tages saß Gabriele in ihrem unwirthlichen Gasthofszimmerchen in Perugia und schrieb beim Schein einer trüben Kerze folgende Zeilen:

»Verdenke es mir nicht, Schwesterherz, wenn ich nicht, wie ich im Sinne hatte, unaufhaltsam zu dir eile. In dem Zustande, in dem ich mich befinde, schäme ich mich, irgend einem Menschen, und wäre es meine geliebteste, Alles verstehende und Alles verzeihende Freundin, vor die Augen zu treten. Ich bin so innerlich zertrümmert und wie in einem Mörser zerstampft, daß ich einige Zeit brauche, die Stücke wieder zusammenzulesen, daß so etwas wie ein menschliches Herz daraus wird, mit dem man sich sehen lassen kann. Ich habe wieder erlebt, wie wenig man sich kennt. Daß mir das begegnen könnte -- nie hätte ich's geglaubt. Nun hab' ich ja wohl meine Schuldigkeit gethan, aber man kann, gerade wenn man ein honetter Mensch ist, bei dem Bemühen, alle Schulden abzutragen und keinen Flecken auf seiner Ehre und seinem Gewissen zu lassen, im Handumdrehen bankerott werden. -- -- O Schwesterherz, was ich ihm für weise Dinge gesagt habe, an die ich selbst nicht glaubte, was für rechtschaffene Gemeinplätze, während das arme gequälte Herz in mir schrie und stöhnte und alle diese tapferen Sprüche Lügen strafte! Von dieser moralischen Strapaze bin ich so todmüde, ich schleppe kaum noch meine Glieder von Ort zu Ort und finde keinen, wo ich mein Haupt niederlegen könnte, um zu ruhen. Er war so liebenswerth, warum darf ich ihn nicht lieben? So unglücklich, -- warum darf ich ihn nicht glücklich machen? Wenn ich könnte, wie ich wollte, ich baute ein Zauberschloß auf einer Insel mitten im Meer, die Wände lauter krystallene Spiegel, die überall sein liebes Gesicht zurückstrahlten, und alle Vögel des Himmels riefen: Er ist der Holdeste! und das Meer rauschte: Er ist der Beste! und ich -- nein, da hört es auf. Dies hohe Lied der Leidenschaft, das wir aus ganz unschuldigem Munde hörten war Schuld daran, daß uns die Augen aufgingen. Es summt mir immer noch im Ohr. Ist es Sünde, Schwesterherz, zu lieben, was liebenswürdig ist?

Ich weiß es, zuletzt werde ich es überwinden; ich flicke mich schon hier, im Süden, wenn ich in kurzen Tagereisen nordwärts gehe, nothdürftig zurecht. Genesen, so weit ich kann und muß, werde ich erst in deiner Pflege. Halte mir dein Herz und deine Arme offen, meine einzige Freundin! Diese Schmerzen, die ich jetzt tragen muß, sind vielleicht die Buße dafür, daß ich der einzigen guten Kameradschaft, die über allem Irren und Trügen erhaben war, nur einen Augenblick untreu werden konnte.

Gabriele.

N. S. Er war doch heut in aller Frühe am Bahnhof; er stand aber ganz in der Ferne, daß ich ihn erst sah, als der Zug sich schon in Bewegung setzte. Ich konnte ihm noch mit der Hand einen Gruß zuwinken. Als der Schaffner aber zu mir eintrat, gab er mir einen Strauß von Anemonen und Cypressen und nannte meinen Namen; ein Herr habe ihn beauftragt, einer Signora Gabriele die Blumen zu bringen. Ich habe dann meine heißgeweinten Augen an den Blumen gekühlt. Die sind nun Alles, was ich von ihm bewahren darf.

Oder ist es Sünde, Schwesterherz, einen Abgeschiedenen zu lieben, dem man auf Erden nie mehr begegnen wird?«

* * *

 

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Buchdruckerei von Gustav Schade (Otto Francke) in Berlin N.

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