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Sieben Erzählungen

Franz Stelzhamer: Sieben Erzählungen - Kapitel 8
Quellenangabe
authorFranz Stelzhamer
titleSieben Erzählungen
senderharald.aichmayr@netway.at
created19990604
modified20170619
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Eine Mondscheingeschichte

Es kann ja nicht immer so bleiben
Hier unter dem wechselnden Mond!
Alt.
Lied

 

Wir trafen uns zu Wien auf dem »Stock im Eisen-Platze« – mein schwärmerischer Freund, Cölestin und ich.

Freund Cölestin, dem sich verrätherischer Weise seit kurzem unter den Schläfen, wo sich der etwas vermodernte Lockenschnörkel mit dem ebenfalls veralteten sturmbandähnlichen Barte zusammenschließt, Etwas Grauliches ereignet, ist trotz diesem Grauen eine von jenen heitern semperfloreszenten Naturen, jene allmorgentlich, beim Aufgang der neuen – oder alten, wie man will – Morgensonne hell erklingenden Memnonssäule, wie man sie in der ausgebreiteten Garconschaft jeder Hauptstadt häufig zu finden pflegt; – wir standen also, er und ich, wie schon gesagt zu Wien »am Stock im Eisen« und begannen eben das bedeutende Zweigespräch:

Er: Wie gehts?

Ich: Gut. Und dir?

Er: Auch gut.

Beide: Schön! – Und würden vielleicht noch Wichtigeres zweigesprochen haben; da fuhr über die Ecke hart an uns vorüber eine schöne Equipage mit einer noch schöneren Dame darin, und einem allerliebsten, engelholden Knäblein an ihrer Seite – Cölestin bekam einen jähen Ruck, als hätte ihn einer jener privilegierten Grobheitsausüber von Sesselträger oder Karrenschieber härtestens touchiert und inkommodiert, aber – Ehre, dem Ehre gebührt! – es war nicht so. Sie hatten ihm nichts gethan weder die Schieber noch die Träger; denn es war eben Keiner an uns vorübergegangen. Es klärte sich auch das Bewandtnis gleich auf mit Cölestins aus Mund und Augen zugleich hervorbrechender Frage:

Hast du sie gesehen?

Eine schöne Mutter in schöner Equipage? ja!

Ah, pah Mutter – ein Mädchen ist sie, ein völliges Kind!

Verzeihe, das Kind, glaub ich, war ein Knabe.

Ah, was Kind, was Knabe – die Mutter ist ein Kind, ein kleines kindliches Mädchen ist diese Mutter, glaub es mir!

Cölestin, du faselst, oder –Lautere Wahrheit, Freund, schmerzhaft süße Wahrheit!

Da blicke her, oder gleichviel – hieher! unterbrach er mich, seine Hand jongleurhaft schnell gegen Stirne und Herz werfend.

Ach ja, ich verstehe, rief ich, Du trägst eine Erinnerung, ein holdes Gedächtnis schöner Vergangenheit, wo diese Dame –

Nur der »Stock im Eisen« d.h. die Öffentlichkeit jenes Platzes rettete mich vor einer jähen Umarmung meines über meine Findigkeit hochentzückten Freundes; dafür mußte ich mich, weil er nun einmal sein volles Herz ausschütten mußte, in das nächstbeste Caffeehaus ziehen lassen, wohin ich den Leser – warum hat er uns so emsig belauscht und behorcht! – mitziehe, um ihn zum unmittelbaren Theilnehmer an Cölestins Eröffnung zu machen, und mich der verhaßten, abgeblaßten Wiedererzählung zu entschlagen.

Was ist dir gefällig, Freund? Caffee, weiß oder schwarz, Punsch, Limonade, Liqueur, Maraskino, Cirasso, Vanille? Sprich, was? – Marqueur, der Herr wünscht – mir bring ein Glas Wasser, zwei, drei Gläser bring – ich habe den Vesuv im Leibe!

So hastete Cölestin.

Dagegen einzuwenden war nichts, so wenig, als gegen das Traktement eines schlechten Schauspieldichters, während welchem er einen Kreis unglückseliger Freunde mit der Vorlesung seiner neuesten Misere nothzüchtigt.

Cölestin – nachdem er zwei Gläser Wasser, schnell, fast schauerlich gäh hinuntergestürzt hatte, begann: Es sind nunmehr – aber Freund, ich bitte dich, sieh mich an, bin ich denn wirklich so alt, so abscheulich alt und überlebt!? es sind – denke dir und erbebe mit mir im tiefsten Innersten deines Herzens! – es sind volle zwanzig Jahre, ich war ein jugendliches Studentlein, trug über dem hellblonden Haar ein hochrothes lärmöses Käppchen, keck schiefgedrückt, und in der Hand meine einzige Lebensbürde, den schweren Ziegenhainer; mein einziges Studium – denn es war Ferialzeit – war die Erlernung des edlen Tabackrauchens; die ersten Dämmerungen des Herzens begannen; die erste Fata Morgana der Gefühle erflammte: – da geschah es, daß in tiefabgeschiedener Ländlichkeit eine aus der Stadt gekommene, schöne Dame mit ihrer Familie in der holden Gottesfreie des Gasthofgartens, weil in dem ihrigen statt gebratener nur lebendige Hühner gackten, ein abendliches Gedächtnisfest beging. Dasselbe galt – ich werde mich irren – gewiß dem abwesenden Gatten und Vater, weil die Dame gar so schmerzhaft-wonniglich blickte und mit dem Musikmeister ihres größten Töchterleins so bewegt und rührungsvoll wortwechselte.

Solchen frommen Muthmaßungen hingegeben stand ich eben unter dem weiten Portale des Gasthofes – der letzte Sonnenstrahl wiegte sich ergötzlich auf meiner rothen Kappe – da ward ich plötzlich in meinen Betrachtungen durch den Antritt eines bordierten Burschen unterbrochen, der sich mit der demüthigen Frage an mich wandte: ob ich die Einladung seiner Herrschaft annehmen wolle – der Musikmeister kenne mich als einen ausgezeichneten Flötenspieler! – in ihrem Kreise den Abend zuzubringen?

Über solche Anmuthung freudig betroffen, und in meiner Jungfräulichkeit hoch über das Roth meiner Kappe erröthend, stammelte ich etwas von – größtem Vergnügen – von unverdienter Ehre und – daß ich meine Flöte, worauf ich übrigens nur ein schlechter Stümper wäre, auch nicht bei mir hätte; und – der Bursche aber ließ mich nicht ausreden, sprang eilig zurück nach dem Garten, woraus mir in dem nämlichen Augenblick eine überaus schöne, freundliche Stimme einen Willkommsgruß entgegenrief, und der Musikmeister mit selbstgefälligem, gönnerhaftem Lächeln durch das Gitter entgegentrat.

Kommen Sie, Herr Cölestin, sprach er, kommen Sie nur; ich kenne Sie, und das ist bei meiner gnädigsten Herrschaft die vollkommenste Rekommendation!

Mit vielen verbindlichen Bücklingen näherte ich mich, erst dem gütigen Meister und dann mit noch viel mehreren der Dame und ihrem reichen Ehesegen.

Derselbe Sonnenstrahl, der eben noch auf meiner Kappe sich gewiegt, glitt jetzt mit nur leiser, zufälliger Berührung über die Dame und der emporstrebenden Nase des Maestro weg mit dem totalen Glanz und der vollen Innigkeit eines Abschiednehmenden auf das Gesicht und die Gestalt des ältesten Kindes, eines etwa dreizehnjährigen Mädchens, und malte es so überaus schön und in seinem waagrechten Einfall so ungewöhnlich groß – Bruder erlaß mir die unstatthafte Beschreibung meines Gefühls – Marqueur, noch Wasser, bei Gott, ich habe einen Vesuv im Leibe!

Während Freund Cölestin wieder, wie früher gäh und schauerlich zwei Gläser Wasser leerte, that ich schnell die Frage: Nun, und was war und geschah denn?

Ach, was geschah, sagte er tiefaufathmend, nichts geschah, d.h. allerlei geschah, kluge Dinge bis zur Albernheit wurden getrieben, und Albernes bis zur Klugheit vollführt; aber als das allerlei Nichts vorüber war, geschah ein Etwas und das war Alles, Alles, Alles! –

Guter Mond, du gehst so stille
In den Abendwolken hin,
Bist so ruhig und ich fühle,
Daß ich ohne Ruhe bin!

summte er plötzlich vor sich hin, und ich merkte, daß er die ganze Zwischengeschichte übersprungen hatte; darum fragte ich ihn noch einmal: so sag nur, was geschah?

Mein Gott, athmete er wieder auf, was geschah! außerordentliche Ordinaritäten, ordinäre Außerordentlichkeiten, wie ich schon gesagt habe – nichts: ich aß, wie ein hoffnungsvoller Jüngling, der ein stattlicher Mann zu werden verspricht, und trank, gierig wie das durstige Erdreich den ersten Frühlingsregen und wenigstens halb so viel, als die fünfvierteljahrlange Säugezeit aus der Mutterbrust, weil ich auch denselben Abend auf meiner Flöte mehr blies und heftiger als der große Sturm von anno Elf und dabei doch so schön und herzgewinnend, daß rundum nicht nur meine Zuhörer sondern auch die Vöglein schwiegen und lauschten, und nur einige gefühlvollere Hunde aus naher und ferner Nachbarschaft laut ihre Rührung und Bewunderung kundgaben.

Das schöne Mädchen, bereits der Guitarre etwas mächtig, und abwechslungsweise auch der Maestro begleitete mich äußerst wohlthuend bei meinen empfindsamen Weisen und Liedern, und als ich das vorberührte »Guter Mond« blies, war es deutlich zu sehen, wie der gute Mond vor süßer Scham und Betroffenheit selbst ein feines Wolkentüchlein vor sein Angesicht hüllte und weinte. Und wie ich gleich darauf das schöne Lied:

»Ich hab' ein kleines Hüttchen nur«

spielte, ärgerten sich die großen Häuser ringsherum fast zu Tode, und ließen spöttisch ihre Wetterhähne krächzen; aber ich scherte mich den Plunder um ihr Gekrächz,denn das schöne Mädchen lächelte überaus holdselig, und ihr Gesichtchen färbte das erste Morgenroth des nahen Liebesmorgens, als ich mit ganzer Seele die Zeilen blies:

»Vor diesem Hüttchen fließt ein Bach Und diesem Bach fließt Liebe nach.«

Die Stunden vergingen uns, wie den Seligen im Himmel, schnell und unvermerkt.

Die Dame war die lautere Freundlichkeit, und die Kinder, wenn ich einmal einen Augenblick die Flöte vom Munde absetzte, fragten mich und erzählten mir, als wäre ich ihr ältester Bekannter; das schöne Töchterchen wünschte nur ein Knabe zu sein, um von mir das schöne Flötenspiel zu erlernen, die Guitarre dünkte sie auf einmal so hölzern und langhälsig – Mutter, rief sie, liebe Mama! – und hätte gewiß etwas recht Liebenswürdiges und Erfreuliches vorgebracht da taumelte ein ungeheures, wüstes Nachtinsekt an die Glasglocke des Leuchters und kreiselte vom harten Anstoß wirblig und schmerzhaft mit seltsam widerlichem Gesäuse so unheimlich und unmanierlich auf dem Tische herum, daß wir Alle erschraken, und die weichliche Stadtdame an allen Gliedern zitterte und bebte.

Das abscheuliche Thier, wenn wir uns auch in seinem Reviere befanden, brauchte doch nicht gar so roh und unhöflich zu sein!

Wenn du wieder in unsere Gesellschaft kommst, so sei gesitteter! rief ich, es mit kecker Hand fassend und über den Mauerring schleudernd – ho, da quiekte Sämtlich laut auf und erschauderte ob meiner Verwegenheit, nur zwei Augen hafteten auf mir, groß vor Verwunderung und weich vor Dank und Ergebenheit für meine rasche, ungeheure That – die des Mädchens; aber um unsere Lust und Harmlosigkeit war's gethan – die nächste Minute sah uns schon auf dem Heimweg begriffen; ich sage uns, denn ich hatte mir durch mein mehrfaches Verdienst, durch meine Bravour und Heldenmüthigkeit die Erlaubnis erworben, die Familie nach Hause zu begleiten, noch mehr, es ward mir nicht verwehrt, mit und neben dem schönen Mädchen zu wandeln, da die kleineren Geschwister auf der einen, und der denn doch dem Ansehen nach mannhafte Meister auf der andern Seite der bebenden Dame schritten.

Weil die Dame bebte, mußte ihr der Maestro seinen starken Arm bieten, und weil das Mädchen auch beben mochte, bot ich ihr auch den meinen, und sieh, das Mädchen bebte wirklich – armes Kind! ja die Ungethüme und Unholde der Nacht! – Sie möchten wohl keinen solchen Abend mehr im Freien zubringen? fragte ich mild und mitleidig; und – was glaubst du, daß sie antwortete?

Ach, du erräthst es nicht, kein Mensch erräth es, ich selbst würde es auch nicht errathen, wenn ich es nicht gehört hätte, und wie ich es auch gehört habe, ich würde es dennoch nicht glauben, wenn ich nicht den Mond zum Zeugen hätte, der gerade in seinem hellmöglichsten Glanze am Himmel stand, und dem Mädchen schalkhaft einen ganzen Strahlenguß ins Angesicht schüttete, als es das Köpfchen zu mir erhob, und mit einer Stimme, die zum Silberschein des Mondes den harmonierenden Klang gab, in ihrer Unschuld naiv und treuherzig sprach:

Mit der Mutter und dem Meister nicht, weil sie mich durch ihre Furchtsamkeit auch furchtsam und zaghaft machen; aber wenn Sie, Herr Cölestin, dabei wären – Sie spielen die Flöte so schön und sind unerschrockenen Muthes – 0 wie gerne, gleich morgen wieder!

So sprach sie – ach, verzeih' das plumpe Wort – »sprach,« ich sollte vielleicht sagen: – so duftete es mir aus der Rose ihres Mundes entgegen, und die frischen Veilchen ihrer Augen dufteten es mit – Mond, du seliger Lauscher am Nachthimmel, sage, was that ich? Aber du Guter weißt es nicht, weißt es so wenig, als ich, du warst ja selbst betäubt, berauscht vom Duft der Rose, vom Duft der Veilchen! – Mechtildis, rief eine Stimme, Mechtildis! – Mond, du hörtest der besorgten Mutter Ruf – läugn' es nicht, Alter! – so gut, wie ich; aber du warst glücklicher, kecker, du bliebst, auf deine Unkörperlichkeit pochend und auf deinem alten Rechte bestehend, noch lange – als ich schon abgerissen bei Seite getaumelt war – haften eng und innig auf den Veilchen, auf der Rose, bis eine mächtige Eiche, fast so alt wie du, ihren Schattenmantel um sie warf, und auch dich verdrängte und abhielt, weil unter dir keine Seligkeit von Dauer ist.

Gleich hinter der Eiche stand das ländliche Wohnhaus. Die Dame sagte mir den verbindlichsten Dank, und lud mich ein, sie morgen, wenn ich noch im Orte verweilte, zu besuchen; ja besuchen, Herr Cölestin! gewiß besuchen! baten die Kinder an meinem Rocke zerrend. – Der Maestro wünschte mir besonders ruhsame Nacht – Mechtildis schwieg. – Ich machte mehrere tiefe, stumme Complimente. – Die Thüre knarrte auf und knarrte zu und – Alles war aus.

Den Rest der Nacht verbrachte ich im lieblich kühlen Grase unter der Eiche, wach, still und empfindsam; ich mochte mich vom Monde, meinem einzigen, sanften Nebenbuhler, nicht beschämen, nicht übertreffen lassen.

Als aber allmälig des Mondes Antlitz bleicher und bleicher wurde, ward plötzlich das meine mit hoher Röthe übergossen; aber nicht vom Abglanz des Morgenrothes wie du glauben möchtest, – ach das Morgenroth mag die Häupter der Berge und die Knäufe der Thürme färben, der Mensch habe seinen eigenen Färbestoff im Herzen ! – nein! ein Fenster klirrte und ein rosiges Köpfchen, schöner und rosiger, als alle Morgenröthen am Himmel, leuchtete mich an, und entzündete mein ganzes Wesen zu rother Glut; zuckte aber ebenso schnell wieder zurück, um vielleicht nicht selbst entzunden zu werden.

Das holdeste Gemisch von Befriedigung und Scham trieb mich noch in derselben Stunde aus dem süßesten Himmel meiner ersten Liebe. –Cölestin schwieg in tiefe Empfindung versunken, aus der ich ihn nicht wecken mochte. Nach einer Weile aber erhob er sich selbst, und sagte, kaum erkennbar, kalt und trocken:

Ich wünschte sie nicht gesehen zu haben! – Ist es doch, als hätte ein jäher Schauer die schönste Blume meines Gedächtnisses niedergehagelt!

Kennt sie dich noch? fragte ich.

Schwerlich – gleichviel; doch sieh, das ist doch derselbe Wagen? – Weil ich so viel verloren – wir können uns überzeugen! – Marqueur! hier liegt –Wir standen auf dem Platze hart am Fahrwege. – Cölestin grüßte höflich, freundlich, doch chevaleresk; die Dame dankte, wie eine fremde Königin, obenhin, gnädigstolz – der schwerbedreßte Kutscher that einen Hieb auf die Pferde – sie schnoben und stiegen; Cölestin aber faßte mit zitternder Hand die meine – war todtenbleich und mit krampfhaft gepreßter Stimme sagte er:

Das sind die traurigen Zeichen des Herbstes: die Lüfte wehen frostig und kalt und die Blumen sterben!

Dann ging er ohne weiteres seine Wege, und als ich ihn nach einigen Wochen wieder sah, war er viel grauer und um einige Jahre älter geworden.

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