Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Franz Stelzhamer >

Sieben Erzählungen

Franz Stelzhamer: Sieben Erzählungen - Kapitel 6
Quellenangabe
authorFranz Stelzhamer
titleSieben Erzählungen
senderharald.aichmayr@netway.at
created19990604
modified20170619
Schließen

Navigation:

Der Heimkehrende

Die späte Wiederkehr in das heimatliche Jugendland ist ein betrübendes, schweres Geschäft. Die Tempel der Freundschaft sind meist verödet und verfallen, die soll man wieder errichten und einweihen; die traulichen Stätten der Liebe verwüstet oder vom Unkraut überwuchert, die soll man reuten und neu bauen; die gastlichen Herbergen des jungen Herzens meist von fremden Insassen bewohnt, die soll man jure vindicationis bekriegen und herausfordern, aber es geht oft schwer oder gar nicht: am Portale klafft und fletschet dem Eintretenden schon der alte Hund – Schmerz entgegen, und übergeht man auch diesen muthig, so kneippen dich beim weiteren Fortgang die tückischen Schooßhündchen – Argwohn und Eifersucht in die Wade.

– Oder – dieselbe Herberge ist leer und ausgestorben, und statt den blühenden Menschen, die du darin verlassen, magst du nun morsche Todtenkreuze im Friedhofr besuchen, dort magst du auch den Rest deiner Freudenthränen in bittere Wehmuthzähren umsetzen und verweinen.

Wieder wandelst du mit schwerem Schritt und Herzen weiter. Ei sieh! da steht der Baum noch, in dessen junge Rinde du einst neben deinem einen theuren Namen eingegraben hast. Auseinander gezerrt und verschoben starren die Züge und Linien am raudigen Stamm und in den Vertiefungen nisten Spinnen und anderes eckles Gezücht. Mit schmerzlichem Abscheu wendet sich das Aug ab und senkt sich auf den Brettersitz, der auch vom Regen und Wurmstich fast vermorscht ist; eine zitternde Gestalt sitzt für Euch, oder für meine Geißen und Kälber, he, ihr Rangen?. – Kinder, spielt zu! spielt fort, Kinder! sag' ich, spielt ruhig zu in Gottes und des Teufels Namen! ich will ihm morgen den Schaden ersetzen nebst einer Tracht Prügel dazu, daß er euch gewiß nicht mehr drohen soll!

Ach seid gut, guter Mann und thut das nicht! das Recht zu prügeln hat bloß er und dann prügelt er uns auch Alle bis aufs Mark! – Und mit weinenden Augen umknäueln dich die flehenden Kinder, bis der finstere Unhold verschwunden ist.

Wehmüthig blicken die Kinder nach, dann zu dem fremden, guten Mann empor, und der kleinste von den Knaben spricht ganz scheu und leise: Ach, wenn Du unser Schulmeister wärst! und auch unser Richter – und Gerichtsherr – und Pastor! seufzen eben so scheu und leise die drei Größten; dann gehen Alle weit auseinandergedehnt mit gesenkten Häuptern nach Hause.

August, mein Freund und Begleiter! ruft der fremde Mann nach einer kurzen dumpfen Pause – August! und herangesprengt kommt ein jugendlicher Reiter, der in kleiner Entfernung mit den Rossen angehalten hatte. Rasch hebt er sich aus Bügel und Sattel und erwartet mit entblößtem Haupte seines Herrn Befehl.

August, mein Freund und Begleiter! mir ist im Kopfe so schwindlich, im Herzen so schmerzlich. August, sieh die armen Kinder! – Ich kann nicht ihr Schulmeister, noch Pfarrer, nicht ihr Richter noch Gerichtsherr sein – ich möchte spielen mit ihnen, wo ich einst gespielt hab', aber – denk dir, das ist jetzt verboten! – August, steig' hurtig wieder zu Roß und jage dem dunklen Walde zu, suche in dichtester Wildnis eine Felsenkluft, wo ein Mensch sterben kann, und wo dem Lebenden kein menschliches Zerrbild erscheint, noch jemals fremdmenschliche Klage sein Ohr vernimmt. – Schaudre nicht, August, und laß dir dein Aug von heimlicher Thräne nicht netzen! – Was ich habe, vertheile zweckmäßig den gebeugten Alten – der Alten am Buchbaum dort drüben gib mit beiden Händen, es ist meine Amme! – und den schuldlosen Kindern, nachdem Du dir selbst ein Erkleckliches wirst zurück behalten haben, und nun August thue, was ich dich geheißen! Wenn Du das Gesuchte gefunden, stoß' ins Horn; ich bin nicht weit hinter Dir. – Noch Eins, August, wenn – im Abendwinde spielte ein Mückenschwarm vorüber – des Sprechers heftiger Athemstrom erfaßte Eins der leichten Thierlein, das ihn zu erschütterndem Nießen reizte – durch die überheftige, jähe Erschütterung entquoll Blut, häufig Blut seinem Angesicht, sengendheiß, daß es von den kühlen Gräsern und Blümchen auftauchte.

Ha, das war wohlthätig! Das war milde Fügung des Himmels!

Mit jedem Tropfen wurde ihm wohler, leichter, heller – eine ungewöhnliche Kläre ging in seinem Kopfe auf- eine weiche, mütterliche Hand wiegte sein aufgereiztes, wundes Herz in sanfte Ruh. – August! sprach er und sein Ruf war mild, wie ein Dankgebet, – August, mein Freund und treuer Begleiter! wir jagen nicht in den Wald – gelt ich wollte? – wir bleiben hier, und bauen uns zwei Wohnungen, eine kleine und eine größere, wovon wir die Eine behausen in christlicher Nächstenliebe, so lang es dem Herrn wohlgefällt, und alsdann wird uns dieselbe Liebe in die andere kleine, stille Behausung einführen! – Ja, mein August, wir bleiben hier; denn es steht: Du sollst kein Schelm sein, aber – auch kein – Narr!

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.