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Sieben Erzählungen

Franz Stelzhamer: Sieben Erzählungen - Kapitel 5
Quellenangabe
authorFranz Stelzhamer
titleSieben Erzählungen
senderharald.aichmayr@netway.at
created19990604
modified20170619
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Angelus Miserigordiab

Laß deine finstern, selbstquälerischen Gedanken, demüthige dein stolzes Herz, unterwirf dein aufrührisches Wesen, geliebtester der Freunde, und sei wiederum glücklich und zufrieden im Anschauen des Ewigen!

Des Ewigen!? knirschte der Angesprochene und schoß einen verzehrenden Blick nieder auf den Mahner und schüttelte dessen Haupt weg von seiner Brust, woran es gelehnt lag wie das liebliche Mondenbild im finstern Wasserspiegel eines Bergsees – es war Adamals Haupt – des hohen, jungfräulich sanften Cherubs, welcher, nach dem ewigen Gesetz: daß das Weiche dem Harten zustreben soll, den annoch Himmelsfürsten, den stolzen und gewaltigen Engel Satan über Alles liebte.

Des Ewigen? knirschte er noch einmal, dann schwieg er und bohrte mit seinen furchtbaren Augen einen Abgrund durch die Festen des Himmels, in dessen Tiefe seine meuterischen Gedanken als häßliche Larven sich abwechselnd zusammen ballten, dann wieder auseinander stoben, daß er auf einen Augenblick vor sich selbst erschauderte, nach Adamais Hand griff und etwas sanfter fortfuhr: Sieh, Adamal, sagte Satan, wir lieben einander und wünschen Einer dem Andern die höchste Glückseligkeit – Adamal -und schon wieder verfinsterte sich Aug und Stirne -warum bin Ich nicht der Ewige, oder – dehnte er – oder – Du; oder warum erschließt Er uns hohen Geistern und Fürsten des Himmels nicht endlich einmal das Geheimnis seiner Ewigkeit? –

Weil es uns erdrücken und vernichten würde, sagte Adamal vor Ehrfurcht bebend und sich tief neigend vor dem Urgeiste, der in unereichbarer Ferne von ihnen als ruhige Flamme auf einem Flammenthron loderte, und -führ er sich wieder erhebend fort – sind wir denn nicht ebenfalls ewig, wir haben kein Ende, kein Aufhören vor uns!

Vor uns, ja, lächelte mit bitterem Hohne Satan, aber hinter uns steht mit gähnendem Rachen das unersättliche Nichts und verschlingt, wenigstens mir, Gegenwart und Zukunft, wie es mir die Vergangenheit längst vorweg verschlungen hat.

Armer, unglücklicher Freund! seufzte Adamal und wollte ihn trösten; Satan aber verschmähte seinen Trost und that den furchtbaren, vermessenen Schwur: nicht eher zu ruhen und abzulassen, er hätte denn das Geheimnis enthüllt und sich die Ewigkeit errungen. Ewig, so schloß er, ewig muß ich sein, vor- wie rückwärts ewig, oder auch kein anderer außer mir! Dann verließ er Adamal, der sich bereits von dem verlornen Freund abgewendet hatte, und anbetend vor der Flamme niedergesunken war, verließ ihn und stürmte in den Kamp£ Eine zahllose Menge verirrter Geister schloß sich dem verblendeten Oberhaupte an. Nach seinem Beispiele wandten sie Alle ihre selige Zukunft nach rückwärts und kämpften damit ein ganzes Himmelsjahr, welches aber nicht weniger mißt, als hundert Erdenalter, gegen das fürchtbare – Nichts und drängten es zurück bis zu dem Flammenschleier, hinter welchem das Geheimnis liegen sollte. – Schon faßte Satan triumphierend den Vorhang und wollte ihn mit frevler Hand zerreißen; da wich er plötzlich einige Sonnenfernen zurück und dazwischen stand Michael, der edelzürnende Cherub mit einer auserlesenen Schaar. »Quis ut Deus?« flammte von ihren Schilden und ihre Schwerter flammten ebenfalls.

Du und wieder Du mir im Wege! knirschte Satan und schleuderte seine Waffe, eine große eherne Schlange gegen Michael, die aber an seinem Schilde zu tausend Stücken zerschellte. Darüber ergrimmten die Streiter des Ewigen und ein einziger Gesammtstreich zischte nieder auf die Rebellen und schlug sie zu Boden, der Boden aber brach in demselben Augenblicke ein und gähnte als grauenvolle Kluft, durch die sie niederhagelten in den Abgrund der Hölle.

Der Abgrund hatte sich schon lange wieder zusammen gethan, die Streiter des Ewigen waren abgezogen vom Kampfplatz und nur leise erbebten und widerhallten noch die Himmel von ihrem triumphierenden: Quis ut Deus? Da stand noch Einer mit gesenktem Haupte und einer Thräne in dem tiefhimmelblauen Auge – Adamal war es, der nun wieder sanfte, jungfräuliche Cherub, dem auf immer verlornen Freunde die letzte Mitleidszähre nachsendend, nachdem er soeben als einer der Tapfersten gegen den Feind des Ewigen gefochten hatte. Obwohl er dann getröstet und zufrieden zu seiner Heerschaar eilte und der ewigen Flamme Lob und Preis sang; so blieb ihm doch fortan das Andenken jener Erschütterung und eine Neigung zum Mitleid gewann die Grundfarbe in seinem Wesen.

Da aber das Geheimnis für ewige Zeiten gerettet und der Freund dieses edlen Gefühles unwürdig geworden war, so lenkte er seine Blicke hinaus in die eben beginnende Schöpfung, wies und hob die abschweifend irrenden Sterne in ihre Bahnen, zeichnete die flüchtig geschriebenen schärfer, markte die Kreuzungen u.a.m. und als die Schöpfungen allgemach zu grünen, blühen und brüten begannen, ach da hatte der Engel Tag und Nacht zu thun, Keimen den Grund zu lockern, Knospen auszuhülsen, Küchlein aus den Eiern zu helfen u. dgl.; allein der Engel sollte ein würdigeres, wenn auch schwierigeres Geschäft bekommen.

Auf einem jungen schönen Stern lagen unweit der Schwelle eines wunderbaren Gartens zwei geknickte Blumen von so seltener Form und Schönheit, dergleichen er auf keinem Sterne noch gefunden hatte. Mitleidig, wie er war, wollte er sie aufrichten, doch kaum hatte er sie berührt, als sie zuckten, in die Höhe sprangen und davonliefen – das gefallene, in betrübter Ohnmacht liegende Menschenpaar wars. Da sie ihm nicht entlaufen konnten, erzählten sie ihm endlich ihr Unglück und weinten bitterlich. Und der Engel ward gerührt und weinte mit ihnen, dann aber tröstete er sie und versprach, sie und ihre Kinder nirgends und niemals zu verlassen. Darauf führte er sie aus der Wildnis, deckte, als sie erschöpft hingesunken, seine Flügel über sie, lehrte sie dann eine wohnliche Hütte bauen, wies sie an, Kleider zu verfertigen und dem unwirthlichen Boden ihren Unterhalt abzugewinnen, rettete sie dann vor Verzweiflung nach dem ersten gräßlichen Brudermord, verließ sogar den unglücklichen Mörder nicht ganz und gar, und hielt sein Versprechen und erwies sich thätig durch all die Aeren der Menschengeschichte, bis auf unsere Tage.

Seine letzte Thätigkeit aber wird sein, der Noth des letzten Unglücklichen zu steuern. Dann nimmt er dessen Seele und kehrt mit ihr zurück in den Himmel, wo lauter Herrlichkeit und Glückseligkeit ist, jetzt und allwegs und zu ewigen Zeiten. Amen.

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