Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Franz Stelzhamer >

Sieben Erzählungen

Franz Stelzhamer: Sieben Erzählungen - Kapitel 3
Quellenangabe
authorFranz Stelzhamer
titleSieben Erzählungen
senderharald.aichmayr@netway.at
created19990604
modified20170619
Schließen

Navigation:

Das Märlein vom Rausche

 

Wer niemals einen Rausch gehabt,
Das ist kein braver Mann,
Der seinen Durst mit Seideln löscht,
Fang lieber gar nicht an!

 

Ich wanderte gegen das heitere Städtchen Abensberg, welches bekanntlich auf dem Wege zwischen Regensburg und Ingolstadt liegt, und erwartete wohl, wie ich seine üppigen Hopfengärten sah, daß man gutes Märzenbier und ein Räuschchen bekommen könne; daß mir aber die Offenbarung eines so wichtigen, bis jetzt unenthüllten Geheimnisse gewahr werden sollte, das erwartete ich nicht.

Auf meine gewöhnliche Frage, in welchem Gasthause ich etwa nebst dem besten Bier und Nachtlager die fröhlichste Gesellschaft fände, ward mir in der Tiefe eines engen Gässchens ein ziemlich großes Haus gewiesen, dessen Zeichen ich unseligerweise vergessen habe. Beim Eintritt fiel mir gleich nach einem unvergeßlich freundlichen Mädchengesichte, das mich lächelnd grüßte, ein Kränzchen junger Leute in die Augen, welches in lauter Sonntagsfröhlichkeit beisammensaß und in gutem Bierbaßtone den obigen Vers sang.

Die Fröhlichkeit ist von jeher mein Seelenelement, ich plazierte mich daher in möglichster Nähe neben den munteren Gesellen, bestellte und verzehrte mein Nachtmahl und wollte eben nach einem Stündchen seligen Lauschens und Erinnerns das Glas ausneigen und mein Tagewerk beschließen, als plötzlich einer der Becher sich und sein Glas erhob und mit mächtiger Stimme das alte klassische »Mihi est propositum« anstimmte; gleich losgelassenen Bergwässern brausten auch die andern darein und mir, ohne daß ich es merkte, riß sich das seit langen, seligen Studentenzeiten im dumpfen Marstalle der Brust angeheftete Stimmrößlein los und galoppierte hinein in die lustige Gesangsweide der Gesellen.

Gleich nach den ersten Tönen neigte sich der Grundbaß nach mir mit freundlichem Lächeln, und als der Langstrom abgedonnert war, rief er: »Bravo, du fremder Geselle! Du führst ganz die Stimme unseres abgestorbenen Freundes Katzbacher. Der Katzbacher ist ein braver, tüchtiger Bursche gewesen, so lang er mit uns trank und kommersierte, da ist er aber einmal nach einem obligaten Baletdusel plötzlich ein Narr geworden, hat sich eingebildet, daß er die stille Insel der Magenkönigin überschwemmt hat und die neun Männlein, ihre Trabanten, die glücklicherweise noch ins Gebirg seines Kopfes sich geflüchtet und gerettet hätten, nun in beständiger Angst und Unruhe darin herumliefen, bis die stille Insel mit dem Palaste der Königin wieder emportauche. In dieser fixen Idee glaubte er, sich alles Trunkes, sogar des Wassers enthalten zu müssen, und ist natürlich kurz darauf elendiglich wie eine unerquickte Blume verschmachtet und gestorben. Doch, wie gesagt, Du führst ganz des Katzbachers Stimme und bist hoffentlich kein Narr wie er, darum setze Dich, wenn Dir unsere Gesellschaft ansteht, ad loca und stimme ein Lied an!«

»Zu des unglücklichen Katzbachers Gedächtnis!« rief ich und intonierte hell wie zu gut=olims Zeiten:

»Ist einer unserer Brüder dann geschieden,
Vom blassen Tod gefordert ab,
So weinen wir und wünschen Ruh' und Frieden
In unsers Bruders stilles Grab.«

Als wir auf diese Weise des unglücklichen Katzbacher gedacht hatten, wurden wir wieder froh und froher, die ganze akademische Liedertafel wurde abgesungen und ich unterhielt mich unter diesen neuen Brüdern wie kaum jemals mit und unter meinen alten.

Daß dazwischen dem Glase tüchtig zugesprochen wurde, brauche ich wohl nicht zu sagen und das einfältigste Kind weiß den Zustand eines Menschen, der über den Durst getrunken hat, zu nennen; und so sage ich nur, daß wir in diesem unnatürlich=natürlichen Zustande uns ungefäht um Mitternacht unter zärtlichem Druck und Kuß trennten und verließen.

Als ich bereits eine Weile im Bette lag und wahrscheinlich schon schlief und träumte, kam mir auf einmal vor, ich sei nicht ich, sondern Katzbacher. Ich fühlte eine quälende Unruhe im Kopfe. Ich lauschte mit meinen inneren Sinnen

Welch befremdliches Wunder! Ganz vorn an der Stirnwand lag ein wunderholdes Frauenbild, auf dem Haupte hatte sie ein goldenes Krönlein mit funkelnden, kunstreich eingelegten Steinen und ein breiter, kostbarer Reif schmückte ihren bloßen, lilienweißen linken Arm, der auf dem Herzen ruhte, das schöne Angesicht der Dame aber war blaß und ihre Augen geschlossen – sie lag in ohnmächtigem Schlafe.

Kleine Männlein, neun an der Zahl, liefen eins ab, eins zu, flüsterten untereinander, schüttelten die Häupter, schluchzten weinten und rangen die Hände. Je zwei entfernten sich und stiegen – der eine durch das labyrinthische Gewinde des kleinen Gehirns – der andere durch die eustachianische Röhre nieder gegen den Mund und Schlund und guckten hinunter ins Tal ihrer Heimat.

»Was sieht dein Auge, Ybal?« fragte der eine.

»Ein unabsehbares Meer und die Spitzen der neun Türme unseres Palastes.

Schrecklich, daß unser Gott, dem unsere fromme Königin so treu dienet, solches Jammersal einbrechen läßt über uns! Ist nicht ihr ganzes Trachten die Vermehrung seiner Seligkeit und arbeiten wir nicht Tag und Nacht in ihrem weisen, frommen Sinn?«

»Läuten,« fuhr der andere fort, »an den Nervensträngen das Glöcklein »Empfindung«, daß die trägen Gesellen Hunger und Durst erwachen, um uns die leeren Magazine wieder zu füllen, schaffen aus den rohen ausländischen Stoffen, genommen aus allen Reichen der großen Natur – künstlichen Milchbrei, den die Königin kraft ihres ausschließlichen Geheimnisses läutert, seihet, purpurrot färbt und dann auf den hydraulischen Kunststraßen ausführt bis an die äußersten Grenzen des Reiches, während wir die Becken säubern und die Abfälle aller Art durch die größeren Kanäle schaffen. – Aber was siehst du, Ybal?«

»Dasselbe traurige Bild, mein Ugu! Schrecklich!«

»Jawohl, schrecklich,« fuhr Ugu fort, »und unsere arme Königin, die holde Anima-Degestio und die wackern Sprößlinge aus dem uralten Geschlechte der Vapores mit Ihr werden noch das Opfer Ihrer jungfräulichen Strenge.«

»Ich verstehe dich,« sprach Ybal, »du meinst, Sie hätte die Hand des schmeichlerischen Prinzen Gaum vom elfenbeinernen Vorgebirge nicht ausschlagen sollen.«

»Das meine ich, Ugu; denn ich erinnere mich mit Vergnügen auf die Zeit, wo er Ihr freiend huldigte; damals war unsere Arbeit nur ein ergötzliches Spiel.«

»Auch später, obwohl er Ihr schon im geheim grollte,« ergänzte Ybal, »war's noch erträglich; allein seit er von seinen Reisen durch die gallische Küche und iberischen Keller zurückkehrte und sich mit der buhlerischen Kordelia, der Fee von der Purpurinsel, verband, ist er förmlich auf unsern Untergang – horch!« brach der Sprecher plötzlich ab, »mich däucht, man hat uns gerufen«; und flink, wie sie gekommen waren, eilten sie wieder zurück in die Hochlande des Kopfes.

Die Königin war aus ihrer Ohnmacht erwacht und die Männlein, die edlen Sprosse aus dem uralten Geschlechte der Vapores, jauchzten und taumelten freudetrunken durcheinander, daß Bett und Zimmer zu wirbeln und zu wanken schienen; allein es war nur Täuschung und es ging mir wie einem, der nach langer Seefahrt ans Land gestiegen glaubt, daß unter ihm der Boden schwanke.

Halb aufgerichtet blickte die Königin schwermütig, aber doch mit einem Strahl von Freude um sich und sprach mit unbeschreiblich süsser Stimme: »So seid ihr doch alle glücklich dem Verderben entronnen!«

Die Männlein, die sich während ihrer Rede eilig wie ein diszipliniertes Regiment in Reihe und Glied gestellt hatten, nickten tief mit ihren Häuptern, daß mir davon das Kinn an die Brust schlug.

»Aber ich schmachte vor Durst,« sprach sie kläglich, »späht, ob nicht irgendwo eine süsse Quelle zu finden sei!« Da rannten die Männlein wie Spreu im Winde auseinander und fanden sich nach langem Suchen endlich sämtlich an der großen Tränendrüse zusammen und schöpften jeder ein Hütchen voll, um es der schmachtenden Königin zu bringen.

Das schmeckte! Als sie aber alle neun Hütchen ausgetrunken hatte, sprach sie mit unverkennbarer Erkräftigung: »Kinder!« sprach sie, »hier ist nicht unser Bleiben, darum legt Hand ans Werk, unsere Heimat wieder zu gewinnen! Du, starker Iddi, mit deinen arbeitrauhen Fingern, steige schnell hinab zum Schlangenkopf (was die Weisen fälschlich nur das Zäpfchen nennen) und jucke und reize ihn so lange, bis sein ganzer schleimhäutiger Schlangenleib sich im wohllüstigen Krampfe windet, nur gereizt und ergrimmt wird er unser unfreiwilliger Diener: wirbelt und pumpt den See auf und fördert ihn zum unschädlichen Abfluß! Ihr drei starken Brüder, Hagil, Standur und Alk, schleichet euch behutsam an Prinz Gaum ‘s Palaste vorüber und öffnet die elfenbeinernen Pforten, laßt euch aber von der Neugier nicht übermannen, hinauszublicken in die wundervolle Welt; den Säumenden wird der anbrausende Strom erfassen und ich kann sein klägliches Ende nicht verhindern.«

»Noch eins! Wenn alles, wie ich hoffe, glücklich vorüber ist, bestellt bei Saum ‘s Leuten unverzüglich eine Doppelfracht Wasser! Ihr dürft nicht bitten, es gehört zu seinen Lehenspflichten. Habt ihr mich verstanden? Doch nein! Bittet und meldet ihm meinen freundlichen Morgengruß – zu einer glücklichen, sorgenlosen Regierung gehört auch Politik.«

Die vier Bedeuteten eilten, der weisen Königin Befehl auf das pünklichste auszurichten. Ich mußte unaufhörlich gähnen – in der Kehle fühlte ich einen unwiderstehlichen Kitzel – dann – – o sancte Ulrice! –Morgens, ehe ich noch recht erwacht war, ja, es war vielleicht die Ursache meines Erwachens, fühlte ich einen unbezwinglichen Durst mit dem unzweideutigsten Verlangen nach frischem, klarem Wasser. Ich klingelte. Auf mein Zeichen guckte ein spitznasiges Gesicht zur Tür herein – »Wasser!« rief ich. »Ein ganzes Maß, frisch und klar vom Brunnen!«

Die frühaufstehende Hausmagd, der die spitzige Nase angehörte, erfüllte meinen Wunsch, aber warum sie den Kopf schüttelte und warum sie ein so verdrießliches Gesicht machte, konnte ich mir erst erklären, als mich das Wasser recht zu mir selbst gebracht hatte. Ich erschrak über eine Menge Vorfindlichkeiten, die in ephemerer ungeschwächter Jugendlichkeit vor mir lagen – ich sann nach und überlegte, da fielen mir endlich der gestrige Jubel und der unglückselige Katzbacher und mein nächtlicher Traum ein.

Erschreckt bis ins Innerste sprang ich aus dem Bette schnurgerade zum Spiegel. – Gottlob! Ich war bis auf einige Verwischungen und Kleckse – ich, nicht Katzbacher. Mein Kopf war wohl etwas wüst und zertreten, aber weder die schöne Königin, noch ihre Dienerschaft fühlte ich mehr darin; sie mußten doch wieder glücklich in ihre Niederlande gelangt sein.

Ich klingelte wieder, erzählte der spitznasigen Hausmagd meinen wunderbaren Traum und fügte ein erkleckliches Trinkgeld dazu, wofür sie mir versprach, die schauderhafte Geschichte weiter niemandem mitzuteilen. Damit die Edle aber ihres peinlichen Schweigens endlich entbunden werde, ingleichen zu Nutz und Frommen für leichtsinnige Zecher, habe ich es aufgeschrieben und in Druck gegeben.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.