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Gutenberg > Franz Stelzhamer >

Sieben Erzählungen

Franz Stelzhamer: Sieben Erzählungen - Kapitel 2
Quellenangabe
authorFranz Stelzhamer
titleSieben Erzählungen
senderharald.aichmayr@netway.at
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Reisel, der Wildschütz und Geiger

I.

Im gesegneten Oberösterreich, unfern des Hausrucks, an einem lustigen Landsträßchen liegt das trauliche Bad St. Thomas mit seinen weitläufigen Gast- und Wirtschaftsgebäuden. – Ach, rücke dich mir näher, du baumgekrönter, blumengeschmückter Hügel, aus dessen geheimnisvoller Tiefe die lauterste Quelle hervorbricht, die nicht nur weithin den Wiesgrund erfrischt und die rotsprengelige Forelle ernährt, sondern selbst der leidenden Menschheit so ersprießliche Labung bietet; ja, rücke dich näher und gewähre mir Raum in deiner kühlen Laubenhalle und fröhlichen Ausblick in die vielbefreundete schöne Landschaft! – Ha, wie die Saaten wogen, dem fließenden Golde gleich, und wie das Sträßchen so saumselig sich krümmt und schlendert, um nur nicht allzu bald aus der lichten, lebensfrohen Landschaft in den großen Wald zu müssen, wo die düsteren Schatten lagern und die rätselhafte Stille herrscht. – Genug! Oder nein, ich will gütig sein und noch einen letzten lohnenden Blick erlauben auf das heitere Bild im mächtigen Waldesrahmen; denn kaum daß unsere düstere Geschichte beginnt, ist all die Lieblichkeit verschwunden: die Felder leer, die Blumen dürr, die Bäume kahl, der Himmel trüb und kalt – es ist Herbst und frostige, lichtarme Abendzeit.

Wie die Lebenswärme bei eintretender Kälte aus den Extremitäten sich gegen die Mitte des Körpers zurückzieht, so war es jetzt in der weitschichtigen Gehöftschaft und freundlichen Umfriedung von St. Thomas ebenfalls: die Zimmer, wo die verschiedenen Badegäste aus nah und fern gewohnt, die Säle, wo sie sich gemeinschaftlich unterhalten, die Laubgänge, wo sie abwechselnd kühle Rast und luftigen Wandel gepflogen – alles, alles leer und verlassen; nur in der großen Gemein- oder Gaststube ist einiges Leben, und zwar, wie es gewesen sein mochte, einzig und allstets, ehe noch die Heilkraft der Quelle entdeckt und der schlichte Bauer von Wirt im grünen Samtkäppchen seinen lieben paar Gästen das edle Braunbier oder das Branntweingläschen höchst eigenhändig mit einem stereotypen »Gottgesegns!« kredenzt und dargebracht hatte.

Damals wie heut trug die dunkelgebohnte Diele der mächtige Zylinder einer nur etwas zugehauenen Eiche, die an Härte und Dauer sich wohl mit dem Granit selbst messen könnte. Diese keineswegs verschwendete Macht gilt heute wie damals, dem Ungestüm und der meist übergroßen Lust der Tänzer auf Hochzeiten und Freigelagen wenigstens gegen untenhin ausreichenden Widerhalt zu setzen, und heute wie damals sitzen an den Tischen rund um die mächtige Säule zerstreute größere und kleinere Gruppen von Gästen, die rauchend und plaudernd ihren Nachttrunk einnehmen.

So war es sonst, so ist es heut. Eine kleine Ausnahme macht ein dem Ofen näher gerückter Tisch, wo es etwas lebhafter zugeht und ungewöhnlicher aussieht. Ursache davon ist ein eben geendetes Geldspiel, das eine Anzahl von Burschen, wie nicht selten, vielleicht bis zum Hasard getrieben und das einen und den anderen um seine kleine Barschaft gebracht hatte. Letzteres schließe ich daraus, weil einer der Burschen wie desperat mit der Faust auf den Tisch schlägt und, um wenigstens noch mit seinem Unglücke zu prahlen, ausruft:

»So ist es doch allemal, dem ohnehin großen Wasser laufen immer noch die kleineren zu.«

»Sei nicht so höflich, sag lieber«, rief ein anderer mit einem blatternarbigen Gesicht und mit Augen, aus denen Verwegenheit und Hohn um den Vorrang stritten, »sag lieber: Die großen Diebe rauben immer die kleinen aus«.

»Oder«, rief der erste wieder, »wo Tauben sind, fliegen Tauben zu.« »A pah!« rief der Narbige, »mit deinen feinen Exempeln, wenn das Geld beim Teufel ist, sag lieber auf gut bäurisch: Der Hund –-»Bst! und schäm dich, Reisel!« gebot die vorbeihuschende Kellnerin, und dann lauter: »Guten Abend, Herr von Schwarzmann!«

Gruß und Aufmerksamkeit galt einer eben hereintretenden seltsamen Erscheinung, einer von Haut und Haar, von Aug und Anzug dunklen Gestalt, kurz – Herrn von Schwarzmann.

»Sie schaffen?« fragte sie alleruntertänigst und gehorsamst ergeben.

»Von der Küche ein Stück Schwarzwild und vom Keller eine Flasche schwarzen Dalmatiner«, sagte der Dunkle mit einer höchst widerlich fistulierenden Stimme, »versteht sich, wenn beides vorrätig«, fügte er herablassend bei und fistulierte dabei womöglich noch widerlicher; zugleich ließ er sich in einer Ecke dem Spieltische gegenüber nieder; und in demselben Augenblicke, weiß der Himmel, durch welchen Mechanismus angesteckt, brannte auch die Kerze auf seinem Tisch und zwar so hell, daß alles andere Licht nur ein ärmliches Flimmern gewährte. Die Gäste aber schienen das gewohnt zu sein und ließen sich in ihrem Gebaren nicht das mindeste stören, nur der, dem die Kellnerin »Reisel« und »schäm dich« zugerufen hatte, der blatternarbige Bursche mit den verwegenen Augen, wurde nach Anwesenheit des Dunklen, wie es schien, heiterer und in kurzem bis zum Mutwillen aufgeweckt. Die paar Sechser, die ihm das Spiel noch in der Tasche gelassen, waren schnell durch die Gurgel getrieben, und wie ihm endlich das schwere Kruggeschäft freie Hand ließ, griff er rasch nach seiner Geige, die im kalbledernen Ränzel neben ihm an der Wand hing, und nach einigen lustigen Weisen begann er auf das trefflichste, seine Neigung und seine Not persiflierend, in landesüblichem Tone:

»Ih bin a' Spielmannskind,
Kann's net verschweign,
Kann Kümmernis blasen
Und Traurigkeit geign.

Ih bin á Spielmannskind,
Auweh, die Schand,
War liaber a' Jagerjung
Wohl in' grean Gwand!

Ih bin á Spielmannskind
Mit der Figlin (Violine)
War liaber mit'n Büchserl
In Tannawald drin!

Aber iabl steckt 's Büchsen
Statt der Geign in Ranzen
Und aft spiel ih a Stück,
Dáß d' Rehbeck tanzen.«

Den letzten Vers wiederholend, machte er mit der Geige die Pantomime des Schießens, der großen Saite entlockte er einen knallähnlichen Ton, den er mit einem scharfen »Paff!« begleitete; zum Zeichen aber, daß der Schuß getroffen, machte er gleich darauf das Zappeln und Zucken eines verendenden Tieres und zwar so charakteristisch und drastisch nach, daß man nicht zweifeln konnte, der verwegene Bursche hätte das an guten Originalen bereits genügend gesehen und einstudiert.

Seine Kameraden lachten laut auf und machten weidlich Gesichter, als wenn sie mit und bei wären; der Dunkle in der Ecke aber tat einen so maliziösen Seitenblick und zugleich so einen hastigen Trunk, als wenn er des Burschen Grimasse oder lieber ihn selbst mit hinunterschlucken möchte; Justine, die Kellnerin, die überhaupt auf den verwegenen Reisel ein wachsameres Aug' zu haben schien, wiederholte nur wieder ihr kurzes »Bst!« und warf ihm einen abmahnenden Blick zu. Der Bursche jedoch griff wieder nach Fiedel und Bogen, und »Justin! « rief er, »wie singt doch der schwarze Doktor so gern! Nicht wahr?« Er intonierte:

»Mich quält der Dämon, Durst genannt.«

»Ach! Dieser leidige Dämon quält nicht nur den lustigen Doktor und der hat –« er schlägt auf die Tasche – »hier noch überdies ein wirksames Rezept dafür-, er quält leider auch andere, minder gelehrte, sowie noch weit geleertere Leute-«, er schlägt wieder auf seine Tasche und macht mit der Hand die Pantomime des Leerseins – »als der Doktor ist, und da ist dann guter Rat teuer!

– Zwar Meister ›Scherein‹, der vertrunkene Totengräber, meint, solang er nur Schaufel und Spaten nicht vertrinke, sei er noch immer ein ganz reputierlicher Mensch; allein es gibt wunderliche Leute, die das nicht glauben wollen; ja, die eines schon für etwas lämpisch erachten, das nur seine Schuh' oder seinen Hut vertrunken hat, während es doch heilige Barfüßer gibt und die frommen Väter Kapuziner und Franziskaner auch nur barhaupt gehen. Aber halt, mir fällt etwas ein, ich habe ja etwas viel Besseres und Wertvolleres als Stiefel und Hut und was mir am Ende noch viel weniger abgeht als Hut und Stiefel – ich habe ja doch mein sauberes Plätzchen dereinst im Himmel, das will ich jetzt losschlagen! Ja, ja, ja!« – Er geigt einen lustigen frivolen Ton und singt:

»Mein Platzl im Himmel –
Ih sag ‘s und ih wag ’s! –
Is már feil, wer ‘s will habn,
Braucht nár zsagn: ih mag ,s!

Nár zsagn – ih mag's!
Und á paar Sechserl drauf
Und der Handel is gschlossen
Und gschegn is der Kauf. «

Die Burschen, seine Kameraden, lachten zwar, diesmal aher nicht so weidlich wie das vorige Mal; sein Plätzchen im Himmel, d. i. seine Seligkeit, verkaufen wollen, das ging denn doch ein wenig gegen ihre Einfalt und angelernte Christlichkeit; dagegen der Dunkle in der Ecke tat wieder jenen Seitenblick und diesmal womöglich noch maliziöser und auch wieder den Trunk, den hastigen, daß es schien, als möchte er des Burschen Himmelsplätzchen mit hinunterschlucken oder lieber gar ihn selbst. Justine, die emsige Kellnerin, aber konnte es für diesmal nicht mehr bewenden lassen bei dem bloßen »Bst!« und dem drohenden Augenwinke, jetzt mußte sie sprechen und laut mit Ernst verweisen; – sie sprach: »Gott verzeih mir meine Sünden, aber, Reisel, du bist ein ehrvergessener, abscheulicher Mensch! Ohnehin nichts haben, nichts an sich, nichts um sich, nichts als das bißchen Platz im Himmel nach Christen-Hoffnung und Glauben und das möchte der Nimmersatt auch noch verlümpern und versaufen. Aber nicht ein Tropfen wird eingeschenkt ferner; wären Herr und Frau zu Hause, so geschähe vielleicht noch ganz etwas anderes!

Die ehrliche Kellnerin hatte sich tüchtig ereifert, Reisel aber, statt sich nur im mindesten von der Keiferin beirren zu lassen, geigte wieder lustig und sang mit heller Stimme:

»Mein Pla'tzl im Himmel
Ih sag's und ihwag's..

»Sieh, und gerade dir Justin«, fuhr der Bursche in leichtfertig höhnendem Tone fort, »ließ ich mein gewiß sauberes Plätzchen am liebsten zukommen, warum? Weil (wie es heißt'.) immer für fünf Kellnerinnen erst ein Platz im Himmel bestimmt ist, vonwegen –« er machte die Pantomime des Betrügens und Unterschlagens – »vonwegen ihrer übergroßen Gewissenhaftigkeit und Treue nämlich; darum

Schenk ein, schenk ein
Zwei Koaser-Maß
Vom großen Faß
Und dein soll mein Plátzel sein!«

schloß er wieder singend und geigend.

»Nicht um ein Stengelgläslein voll!« rief Justine, »ich möchte mich der Sünden fürchten! Aber dein Lästermaul will ich dir stopfen und sagen, daß du dich packen mögest oder ich rufe den Knechten.«

Justine war im Ernst böse; denn eine Kellnerin läßt lieber alles als ihre Treu und Ehrlichkeit antasten und bezweifeIn. Reisel aber lachte ihr entgegen: »Tu's nur, tu's, rufe die Knechte, rufe meinetwegen auch die Leute von der Straße, je mehr Käufer, desto höher steigt die Ware. Zwei Maß mein Plätzchen im Himmel, wer gibt mehr?« rief er im Lizitantentone und drehte den Kopf wie suchend nach rechts und links.

Justine posselte wirklich aus der Stube, die Knechte aber fühlten sich viel zu verdrossen und müd, als daß sie eines bloßen »Gespaßes« halber (wie sie es nannten) sich an dem Spielmanne, der ihnen überdies manchen Gratistanz aufmachen mußte, vergreifen sollten; und als die Klägerin vor Ärger darüber wieder in die Stube zurückkam, war alles anders; Herr von Schwarzmann fort – das rätselhaft helle Licht wieder bis zur Bescheidenheit klein. – An Reisels Tisch war ‘s ruhig, die Burschen, seine lockeren Spielgenossen und eifrigen Späßebelacher, auf und davon – die übrigen Gäste in sichtbarer Aufregung; dagegen Reisel selbst völlig still und nachdenklich, aber den vollen Maßkrug am Henkel haltend.

Justine dies sehend, rief: »Wer hat sich unterstanden, dir – – – ?« einzuschenken, wollte sie beifügen, konnte es aber nicht, es wurde ihr das Wort im Munde verschreckt durch den mit einem mächtigen Faustschlag in den Tisch begleiteten Ausruf eines der Gäste. – »Reisel!« rief er, »das hättest du nicht tun sollen! Sacker, ich bin doch auch keine Letfeigen und kein Heiliger auch nicht –« fügte er bei »aber das-!«

»Ist schon geschehen«, sagte Reisel, ohne seine Stellung zu verändern.

»Was denn? Was denn?« brach Justine in weiblicher Neugier los. Reisel aber, ohne ihrer Frage zu achten, rief über sie weg gegen den Pocher und Sprecher: »Konnt' ich denn anders und –«, er tat einen tiefen Trunk aus dem Kruge – »und glaubt' ich denn, daß eins meinen Spaß für Ernst nehmen würde? Der Herr Schwarzmann –«, knirschte er. –»Hat dir für deine schlechte Geige und für dein loses Singen schon manchen Krug Bier unverdienterweise bezahlt«, fiel ihm Justine verteidigend in die Rede.

»Ei, laßt mich mit eurem Herrn Schwarzmann«, warf der Pocher herüber, »der tut am Ende auch so wenig was umsonst als unsereins und vielleicht noch weniger! Die ganze Kaufgeschichte gef'ällt mir nicht!«

»Nein, nein, gar nicht! Und – du hättest es nicht tun sollen, Reisel!« erscholl es von allen Gästen.

Justine stand auf glühenden Kohlen. Wie ein Drehmännchen wandte sie sich und nickte nach jedem der Sprechenden und konnte nicht klug werden; da obsiegte die Neugier über ihre Geduld und »So sage mir ums Himmelswillen, und weil du schon nichts umsonst tun willst, so versprech' ich dir eine Maß frisch – , eiferte sie gegen Reisel – »was ist denn den Augenblick, wo ich draußen war, so groß Wichtiges geschehen?«

»Hättest du mir früher eingeschenkt, so brauchtest du jetzt nicht zu fragen, aber weil ich jetzt dein Bier nicht mehr brauche, so mag dir's auch ein anderer sagen!« schnippte Reisel.

Aber es war nicht so arg gemeint, mein Gott, die Kellnerin und der Hausspielmann geben sich manche Stichrede, die darum doch nicht schmerzt. Denn kaum gesprochen, faßte er Justine beim Arm, und sie neben sich niederziehend, sagte der Schelm melancholisch spaßhaft:

»Und wer anders als du ist dran schuld, wenn dann meine Seel' über kurz oder lang zwischen Himmel und Erde wird hangen müssen: denn mein Plätzchen im Himmel ist – pfutsch!

»Gerechter Gott!« rief Justine und schlug die Hände zusammen – »aber wie denn, wie? – Ach Gott, deine arme alte Mutter –»Die darf nichts davon inne werden!« rief Reisel wieder völlig ernst, ja fast flehend, »aber –«, setzte er schnell, gleichsam zu seiner Entschuldigung, bei – »aber konnt' ich denn anders? Ein Schuft, wer sein Wort zurücknimmt! – Und ihr hättet nur empfinden sollen, wie das tut, wenn Herr Schwarzmann einem die Augen gefangennimmt. Ich hatte nun einmal mein Himmelsplätzchen ausgefeilscht und mich nach einem Käufer umgesehen, und – da tat er's, und gleich darauf – ach, ihr habt es ja gesehen! – ohne mich loszulassen trat er an unsern Tisch und sagte – ach, ihr habt es ja gehört! – wie sagte er nur gleich? Es war bitter, boshaft und beleidigend zugleich, das weiß ich noch –«

»Nu, er sagte, wenn ich dir's schon wiederholen soll«, warf der Pocher herüber, »und wenn er mir's gesagt hätte, ich wollt' ihm schon geantwortet haben! – er sagte: Dein Platz im Himmel ist wohl keinen roten Heller wert, aber du glaubst daran und darum will ich dir dafür die paar lumpigen Sechser geben ja, hier ist sogar noch ein Sechser, dafür mußt du mir aber deinen Handschlag leisten, daß unser Handel gültig ist. So sagte er«, rief der Pocher, »kein Wort anders, keines schöner, keines höflicher, aber mir, wenn –»Ja – und dabei –«, nahm Reisel wieder das Wort –»hielt er noch immer meine Augen gefangen, daß ich nicht anders als einschlagen und ja sagen konnte.« Reisel erhob, wie den Handschlag wiederholend, seine Rechte und –»Herr Jesus!« kreischte die Kellnerin, »Reisel, du blutest ja an der Hand?«

Reisel blutete wirklich und die Ursache war ein kleiner Ritz an der linienvollen Fläche, den er nur beim Handschlag konnte erhalten haben; denn er war seither völlig regungslos gesessen.

»Ei, wenn eins seinen Glauben schmälert oder etwas Heiliges losschlägt, ist immer der Teufel mit im Spiele!« warf wieder der Pocher herüber, »Reisel, die drei Sechser magst du nur gleich in die Armenseelenbüchse dort neben dem Weihbrunnkessel werfen und für heut deine Zeche lieber schuldig bleiben«.

»Ja, ja, Reisel, tu's! Tu's!« ermahnten die andern Gäste und selbst Justine, die erst noch so ärgerliche Kellnerin, ermahnte ihn dazu und versprach, lieber und gern noch die paar Maß für seinen Durst zu borgen bis seine Geige ihm wieder etwas Rechtschaffenes eintragen würde.

Reisel tat es auch, aber am Morgen, als er sein Räuschchen ausgeschlafen hatte, fand er zu seiner Verwunderung die Sechser wieder in seiner Tasche. Sieh, und der fatale Ritz in der Handfläche blutete auch wieder.

II.

Es mochte etwa acht Tage nach dem Vorfall sein – Reisel saß wieder, wie jetzt gewöhnlich, in der weiten Wirtsstube zu St.Thomas und ließ sich gut geschehen; denn drei Mäßchen Abendtrunk, das war nun schon seine Tagesordnung! – Da trat ein junger Bauer, ein früherer Kamerad vom Wald und Wildern her, ein verschmitzter, arglistiger Gesell, an seinen Tisch und sagte, indem er sich mit jener widerlichen Freundlichkeit, aus der Neid und Bosheit grinsen, hart an seiner Seite niedergelassen hatte: »Reisel«, sagte er, »du hast wohl einen guten Handel gemacht, denn drei Sechser täglich für eine solche Kleinigkeit sind wahrlich nicht zu verachten, aber –«, Reisel fuhr unwillkürlich in die Tasche, zuckte aber, als hätte er sich an etwas Spitzem gestochen, ebenso schnell wieder zurück, »aber, siehst du, gerad wollt' ich es sagen, das Ganze geht doch nur auf ein langsames Verbluten hinaus –

– Reisel blickte verstohlen und nicht ohne Verlegenheit nach seiner Hand und wirklich, sie blutete wieder. – »O der Schwarzmann!« fuhr er wie teilnehmend fort, »und dann, drei Sechser sind am Ende nicht einmal hinreichend, die Grillen im Kopf wenn sie erst recht überhandgenommen haben, zu ersättigen und zu stillen, geschweige für deinen eigenen Durst.«

Reisel war in steigender Verlegenheit und es kam ihm vor, als wenn er die Grillen im Kopfe bereits zu spüren anfinge; der Schelm aber machte ein gar einfältiges Gesicht und fuhr weiter: »Darum meine ich, auf daß du nicht bloß auf die drei Sechser und – auf die Launen des Herrn Schwarzmann –«, fügte er mit maliziöser Betonung bei, »angewiesen seiest –«

»Was soll ich tun?« unterbrach ihn Reisel in wahrer Herzensangst. »Ei, was du stets und immer getan, solange du ein ehrlicher Kerls gewesen«, grinste der Schelm.

»Sage was, was, was?«, hastete der Gefolterte.

»Du, mit deinen Luchsaugen, hinaus in den Wald auf Lauer, statt hier im Wirtshaus faul vor dem Bierkrug!« war die Antwort des Listigen.

Reisel atmete laut auf und seine Augen glänzten in unheimlichem Feuer. »Verführer!« rief er gegen den früheren Waldgenossen, ergriff den Krug zu einem großen Trunk und – »bring dir's!« schwenkte er, er konnte seiner nicht Herr werden, so sehr er sich auch vorgenommen hatte künftig den Wald und seine Waldbrüder zu meiden.

Als der Schelm getrunken hatte, sagte er, fast flüsternd leise vor Traulichkeit und Treue, und seine falsche Lippe berührte beinahe Reisels Ohr.

»Reisel!«, flüsterte er, »du hast deiner Tage manch schönes Stück Wild umgelegt, aber schöneren Bock, als den ich eben stehen weiß, keinen!«

»Warum läßt du ihn aber auch stehen?« fragte Reisel ungläubig lächelnd. »Hm, für mich will sich das Ding nicht mehr gut schicken, seit ich >der Bauer< bin und geheiratet habe.

»Wohl wahr«, sagte Reisel, »aber da wird wohl auch der Jäger den Bock wissen.

»Darum ist Gefahr im Verzug«, sagte der Schelm »und wäre für dich jedenfalls gescheiter, du ließest jetzt hier den Krug, als dort länger den Bock stehen!« »Ah pah! Lieber keins von beiden!« lachte Reisel, stürzte das Bier hinunter und sich zur Tür hinaus. Der Verlocker folgte. Er konnte aber dem bis zum Ungestüm Erhitzten nicht lange Schritt halten, vielleicht auch, daß er es nicht wollte. Denn gleich über der St.-Thomas-Höhe blieb er wie keuchend zurück und rief: »Also merk' dir's wohl, unweit der >Kapeller-Schlucht< im jungen Buschwerk-Stand, hinter dem Holzstoß links!«

»Weiß schon, weiß schon!« antwortete Reisel und verschwand in der Dämmerung...

Als Reisel in das kleine Stübchen seiner hochbetagten Mutter eingetreten kam, wollte derselben wohl seine unmäßige Hast und Eilfahrt nicht ganz recht vorkommen, aber sie sprach voll Milde und sichtbar hocherfreut: »Nun, Josef, so ist doch einmal dein guter Vorsatz Meister geworden, wirst sehen, wie gut du schläfst und wie frisch und stark du morgen aufstehen wirst. – Willst du Suppe?.« fuhr sie gutmütig fort, »die kocht allbereits im Ofen, willst du aber zum Abendbrot einen Trunk Most, so geh ich dir einen holen zum Nachbar.«

»Danke, Mutter, habe weder Hunger noch Durst, aber –«, setzte er völlig scheu und kleinlaut bei – »aber ganz zu Hause bleiben kann ich noch nicht; der im Schacher –«

»So bist du schon wieder mit diesem unguten Menschen zusammengewesen? «

»Mutter, ich weiß, du magst ihn nicht leiden, ich auch nicht sonderl ich, aber heut hat er's gut mit mir gemeint. «

Noch sprechend, langte er seine Büchse aus einer unter dem Fußboden verborgenen Lade hervor, prüfte sie mit der Genauigkeit eines Scharfschützen und lud sie dann mit derselben Vorsicht.

Eine Weile hatte die Mutter stillschweigend seinem Beginnen zugesehen, dann sprach sie, mehr bekümmert als verweisend: »Also alles wieder vergessen, Josef, oder leichtsinnig in den Wind geschlagen!«

»Weiß alles, Mutter, alles.«

»Wie hast du's nicht nach deiner letzten Abstrafung erst voriges Frühjahr so feierlich versprochen, erst dem Pfleger, der dir um unserer Not willen sogar die halbe Strafzeit schenkte, dann mir und dir selbst, du wolltest das sündhafte Büchsengeschäft und nächtliche Lauern und Schlendern ernstlich an den Nagel hängen und lassen.«

»Tu's auch, Mutter, aber diesen Bock stehen lassen, wäre ebenso sündhaft; morgen, Mutter

»Ach morgen und immer morgen! Wann wird dieses Morgen endlich kommen? Wohl überholt noch dieses Morgen das Unglück selbst, daß du, einen Flügel am Leibe gelähmt, dich heimschleppst oder –«, die Alte schwieg und kaute mit ihren paar Zähnen an einer heimlichen Träne, die das verknöcherte Haus nicht mehr gern verlassen wollte.

»Ich weiß wohl, worauf du anspielst, Mutter, der bitzlige Jäger-Fritz, die ellbogenlahme, winddürre Heugeige, eh der einmal zum Anschlagen kommt, derweil hab' ich längst meine zwei Läufe abgefeuert und – getroffen hab' ich freilich nur die Hälfte von dem, was er gefehlt hat, das weiß die Heugeige!« spaßte und prahlte der übermütige Wilddieb.

»Josef, Josef, Stolz und Vermessenheit geht vor dem Falle. Der beste Schwimmer ist ertrunken, der gewagteste Springer hat Hals und Bein gebrochen und denk nur an deinen unglücklichen Bruder Kaspar, der (Gott habe ihn selig! murmelte die Alte und schlug ein großes Kreuz) vornehme kaiserliche Dragoner und ausgesuchte Reitmeister, mußte er nicht durchs Roß ein schauerliches Ende nehmen?«

»Wohl, Mutter, wohl! Aber jeder Verunglückte wird auch ein Schutzengel für die Seinigen in Not und Gefahr.«

»Glaubst du und deinesgleichen, weil ihr in eurer Verwegenheit stets einen Schutzengel brauchtet. Josef, sei lieber du dein Schutzengel, meide den Wald und laß die Büchse, bist ein kunstreicher, weit berufener Spielmann und kannst außerdem ein und den andern nützlichen Handgriff – Josef –«

Die letzten Worte hatte die gute Alte schon in den Wind gesprochen. Josef war ebenso leise als schnell aus dem Stübchen entwischt. – Wieder, wie kurz vorher, traurige Stille, nur zuweilen vom schwer und müde schleifenden Gange oder vom betenden Gemurmel der Alten unterbrochen. Draußen wechselte kühler Regenschauer mit flüchtigen Mondesblicken, so daß Reisel recht gut an den bezeichneten Platz gelangen konnte. Nur einige Male, und das so flüchtig und leise, wie die Eule vorüberflattert, erinnerte sich Josef der Reden und Ermahnungen seiner Mutter, die Eile und Begierde nach der Beute war zu groß. Eh er noch ganz im Walde angelangt war, glaubte er, an dessen Saume etwas noch Dunkleres als der Wald selbst huschen und im Dickicht verschwinden zu sehen, und unwillkürlich durchschauerte ihn ein Gedanke an Schwarzmann und seinen verwünschten Handel mit ihm, darum nur schnell vorwärts, um bald wieder von anderem Gelde zehren und zechen zu können! – Jetzt war er in den Waldbereich eingetreten und angehaucht von dessen eigentümlichem Odem, umfangen von der ihm allein eigenen Dunkelheit! Aber dem wilden Jäger war das nichts Neues, nichts Befremdliches und Unheimliches; im Gegenteile, jetzt empfand er sich in seinem Element und bestens geborgen! Waren ihrer doch drei: sein Zwilling und er selbst! – Aber klang es nicht jetzt wie Flüstern von Menschenstimmen an sein Ohr? – Er stand einen Augenblick und horchte. – Nichts! Ach, der Wald hat tausenderlei Stimmen! Nur vorwärts, es ist beste, aber auch höchste Zeit! – Und jetzt mocht es flüstern um ihn und rauschen und knistern, ihn durfte nichts mehr stehen und stutzen machen. –

– So kam er an die bezeichnete »Schlucht« unfern des schönen Buschwerkes und schon stand er »links hinter dem Holzstoß«. – Als Reisel ein wenig ausgeschnauft hatte, sah er sich, soviel es der jedesmal flüchtige Mondblick erlaubte, erst auf seinem Stand einfach der Bequemlichkeit wegen zurecht, dann aber des Bockes halber in seiner Umgebung mit praktisch prüfenden Augen und klug abwägendem Sinne um. Hatte ihn anders »Der im Schacher« nicht angelogen und zum besten gehabt – und das hatte er nicht! – Nein, nein! – So muß der Bock dort gerade, wo jetzt der Mondstrahl durchbricht, erscheinen, und zwar bald, jeden Augenblick. – So kalkulierte der Schütz und spannte den Hahn. – Sieh, wie da das Echo schön lautet: den ganzen Schall vom Spannen wirft es wiederholend zurück! Oder sollte – horch, es rauscht und knisternde Tritte werden hörbar – er ist ‘s, der Bock!

– Just streckt er witternd das schön gekrönte Haupt aus dem Buschwerk – armes Tier, der Mensch ist klüger, er stiehlt dir den Wind und mit ihm deine Waffe! – Da steht er arglos und stolz im Gefühle seiner Lebenskraft; doch was lebt, hat den Beruf zu sterben. – Ein Knall, ein Fall! – Aber horch, wie da das Echo schön lautet: den ganzen Schall vom Schuß wirft es wiederholend zurück; noch mehr, auch die Wirkung – o du tückisches Echo! – Sieh, ein Knall, ein Fall! – Dort liegt der Bock, hier – Reisel, der Schütz', in seinem Blute. Beide ächzen gleich hilflos im Todeskampf; auf beide blickt gleich teilnahmslos der Mond; über beide weht gleich schonungslos kalt der Regenschauer, und im nächsten Augenblick liegen beider Leiber gleich regungslos – tot.

Ehe noch der Tag recht graute, pochte es an Mutter Brigittens Fenster. Leise, leise pochte es, aber Brigitte hörte es doch; denn sie hatte noch kein Auge zugemacht. Der plötzliche Rückfall ihres Sohnes nach so langer Bezähmung in sein altes verbrecherisches Übel, sein gestriges verstohlenes Abdrehen und Enteilen, vorzüglich aber, daß wieder »der vom Schacher«, auf den sie nun einmal nichts hielt, mit im Spiele sei, das alles ließ ihr Herz und ihren alten Kopf zu keiner Ruhe gelangen. Eine Weile hatte sie gebetet, aber das Gebet wollte heut auch keine rechte Kraft und Beruhigung geben. Dann hatte sie sich die Ermahnungs und Strafrede, die sie dem Heimkehrenden halten wolle, zurechtgemacht; das nahm ihr eine gute Weile und die Hoffnung, daß es doch wohl fruchten könne, erhob sich wie ein schöner grüner Baum, in dessen Schatten die kum-mervolle Alte nun so recht und schlecht dahinlag, bis es jählings am Fenster pochte.

»Gleich, Josef; gleich, ei sieh! Hab' ich dir die Schnalle zu legen vergessen! Gleich, gleich!« Also gegen das Pochende rufend, stand sie, so schnell es ihr Alter erlaubte, auf und trippelte gegen die Tür, um zu öffnen; da pochte es wieder und »Brigitte, macht nur das Fenster ein wenig auf!« rief dringend eine – fremde Stimme.

»Um Gott, um Gott!« seufzte voll Schrecken die Alte und öffnete.

»Ist der Josef schon heim?«

»Noch nicht!«

»Dann lauf nur schell, Brigitte, und nimm dir Leute mit; dann liegt dein Sohn angeschossen im Holz in der Nähe von der Kapellen-Schlucht. Lauft, was ihr mögt, und schickt auch gleich einen Eilboten um den Geistlichen, aber lauft, lauft!« – Und noch sprechend, lief der Unglücksbote selbst gleichfalls wieder von dannen, woher? wohin? Brigitte wußt es nicht, braucht es auch nicht zu wissen, ach, die Arme wußte nun sonst genug, genug! – Die ausersonnene Mahn- und Strafpredigt verwandelte sich in lauter Leid und Wehklage und der Wehklagenden folgten die Leute ungebeten bis hin zur schaudervollen Stätte. Da lag der Unglückssohn, tot, Blut und Leben im Nachtfrost erstarrt und gestockt. – Nach seinem liegenden Gewehre, dessen einer Lauf noch geladen war, wie auch aus den zerstreuten Blutspuren zu schließen, hatte Reisel noch mit dem Tode gerungen und mußte endlich nur der gänzlichen Hilflosigkeit erlegen sein. –

Im Stübchen der Mutter, der plötzlich vor innerer Erstarrung auch die Träne versiegt war, überzeugte sich darauf; mit kaltem, gemessenem Ernste den Leichnam untersuchend, die gerichtsärztliche Kommission vom Tatbestande, dann durfte der Tote auch begraben werden. Nebst der gebrochenen alten Mutter ging hinter der Bahre noch eine Person, die tiefes, aufrichtiges Leid trug – Justine, die emsige Kellnerin, die es nun nicht genug beklagen konnte, daß sie die etwelchen Tage zuvor Reisel sein Plätzchen im Himmel nicht abgelöst hatte, ach! damit sie es ihm jetzt wieder hätte schenken können. Denn Herr von Schwarzmann hatte gleich nach dem Vorfalle verreisen müssen, nach Paris oder noch weiter, man wußte nicht, wohin.

Und nun möchten meine Leser und Zuhörer wohl auch gerne wissen, was denn die gerichtliche Untersuchung für ein Ergebnis geliefert hatte?

Ja, ein sehr interessantes: »Der« – gleich nach der Aussage der Mutter dringend verdächtige, spitzbübische – »vom Schacher« war richtig mit im Spiel. Aus Neid und Bosheit, vorzüglich aber aus Wohldienerei gegen den Jäger hart er den leicht entzündbaren Spielmann, der in letzter Zeit, wie wir gesehen haben, wieder ganz besonders schwach in seinen Grundsätzen geworden war, dagegen aber stark durstig und spielsüchtig, hinausgelockt in den Wald, wo dann der saubere Jäger, noch ein ähnlicher und er selbst das Bravourstück an einem elenden Menschenleben vollführt haben. – Wer von den drei erbärmlichen Meuchelmördern der eigentliche buchstäbliche Täter gewesen, nicht wahr, liebe Leser und Zuhörer, das kümmert uns gar nicht, uns ist einer so schmählich als der andere; das Gericht aber, hier wie in allem streng und genau, machte einen Unterschied und verurteilte den einen zu zwei Jahren, den andern zu einem und den dritten zu noch weniger Zeit Zuchthausstrafe; denn die verbrecherische Untat an Reisel war nicht etwa Mord oder Totschlag, sondern nur »eine schwere Körperverletzung mit nacherfolgtem Tode!« –

Ein junger Bauer, der natürlich kein Jurist war, hat den »Mördern« zu Straf und Schande das »Reisel-Lied« gedichtet, das lang im Munde des Volkes ging. Weil aber das Lied im letzten Umschwunge der Zeit nebst vielen andern verstummt oder gar verlorengegangen ist, so hab' ich es zu Nutz und Frommen des Lesers treu nach den Hauptsachen in ein Geschichtchen verwandelt und ein für allemal aufgeschrieben.

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