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Sie will. - Band 2

Georges Ohnet: Sie will. - Band 2 - Kapitel 5
Quellenangabe
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typefiction
authorGeorges Ohnet
titleSie will. ? Band 2
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeVierter Jahrgang. Band 17.
year1888
translator
correctorreuters@abc.de
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Elftes Kapitel

Als Louis in jenem Zustande verzweiflungsvoller tödlicher Starrheit, der auch bedeutendere Menschen befallen und lähmend auf ihre Geisteskraft einwirken kann, von London zurückkehrte, fand er Lady Olifaunt auffallend ruhig, und das Mißgeschick mit lächelnder Philosophie tragend. Wenn ihm noch ein Funken von gesundem Menschenverstande geblieben wäre, so wäre dieser Umstand wohl geeignet gewesen, ihn über die wahren Gefühle dieser Frau aufzuklären. Auch Sir James zeigte sich ihm gegenüber von einer Freundlichkeit und Güte, die sehr seltsam erscheinen mußten, wenn man in Betracht zog, welch warmen Anteil er an jenen Maurern nahm, die in soliden Granitblöcken ein Vermögen für Diana aufbauten.

Louis, der auf Ausbrüche der Verzweiflung und heftige Vorwürfe gefaßt gewesen, fand augenblicklich seine Kaltblütigkeit wieder und begann seine Lage ruhig ins Auge zu fassen. Er hatte eine gewaltige Börsenoperation zu liquidieren. Der Ruin seines Vermögens war sicher, aber seine Ehre konnte unversehrt bleiben, und er sah die Möglichkeit vor sich, mit einer kleinen Nachhilfe und vollständiger Aenderung seiner Lebensweise sich allmählich wieder emporzuschwingen. Daß diese Änderungen und Einschränkungen sich in erster Linie auf Diana beziehen müßten, daß er vor allem den Lebemann abstreifen und ein geregeltes, häusliches Dasein aufnehmen müßte, sagte er sich freilich.

In dem Zimmer, das man ihm im Hotel Olifaunt eingeräumt hatte, am Kamin sitzend, ließ er vor seinem geistigen Auge die Vorfälle des soeben verflossenen Jahres vorbeiziehen und begann sie klaren Blickes zu prüfen. Er gab sich Rechenschaft über die Triebfedern seiner Handlungsweise und fing an einzustehen, wie erbärmlicher Art dieselben waren: ausschließlich sinnliche Leidenschaft, bis zur Tollheit gesteigerte Eitelkeit, dafür hatte er sein Vermögen verschwendet, das Glück der Seinigen aufs Spiel gesetzt.

Plötzlich traten alle die, denen gegenüber er sich so schuldig fühlte, vor sein inneres Auge – er sah sie im Salon des Faubourg Poissonnière beisammen sitzen, die Großmutter, wie sie schweigend an ihrem Strumpfe strickte, Helene, den kleinen Pierre auf ihren Knieen und ihn sprechen lehrend, die Wangen von Gram und Kummer gebleicht. Er sah das Kind, wie es den Lippen der Mutter folgte, um die Silben zu bilden, und sich bemühte, die vorgesprochenen Worte zu wiederholen; dabei lachte es und schlug seine rosigen Händchen zusammen. Es schien Louis, als ob er deutlich die Stimmen der beiden hörte: die seiner Frau traurig und ernst, die seines Kindes sanft und einschmeichelnd. Beide Stimmen wiederholten nur das eine Wort, immer wieder dasselbe, als ob sie durch ihre beständigen Bitten ihn herbeizurufen hofften: »Papa, Papa!«

Er schloß die Augen, um dieses Bild nicht zu sehen, das ihn bis ins tiefste Innere erschütterte; aber in seinem Ohr klangen die beiden Stimmen immer weiter; immer dringender, immer inniger und immer flehender wurde ihr Ruf. Hérault erhob sich und blickte um sich. Das Zimmer in dem fremden Hause flößte ihm plötzlich Entsetzen ein, mit einem Male kam ihm zu Bewußtsein, daß er zu seiner Geliebten gegangen in einem Augenblick, wo er seine Frau hätte aufsuchen müssen, und angewidert, als ob er sich in einer Lasterhöhle befände, nahm er seinen Hut und eilte die Treppe hinab.

Lady Olifaunt war in ihrem Ankleidezimmer damit beschäftigt, ihren rosigen Fingernägeln mit Hilfe zahlreicher Elfenbein- und Stahlutensilien die kunstvollste Pflege, angedeihen zu lassen. Sie wies mit der Hand nach einem Stuhle und sagte, ohne sich in ihrer wichtigen Arbeit zu unterbrechen: »Ah! ... Sind Sie nunmehr wieder vollkommen zur Besinnung gekommen? Gestern abend haben Sie mich wahrhaftig in große Unruhe versetzt! Sie waren ja ganz niedergeschmettert.«

»Ich hatte wohl auch einige Ursache dazu,« sagte er mit schwachem Lächeln.

»Haben Sie einen Entschluß gefaßt?«

»Ja!«

»Welchen?«

»Habe ich denn eine Wahl? Ich hoffe doch nicht, daß Sie auch nur einen Augenblick annehmen konnten, daß ich meinen Verpflichtungen nicht nachkommen würde! Ich werde vor allen Dingen meine Schulden bei Heller und Pfennig bezahlen: das übrige wird sich dann erst finden.«

»Ich kenne Sie zu gut, um an der Vortrefflichkeit Ihrer Absichten zu zweifeln, lieber Louis; auch dachte ich jetzt zunächst nicht an Ihre geschäftlichen Angelegenheiten; dieselben werden sich ohne Zweifel nach Wunsch gestalten lassen, besonders wenn Sie die Wahrung Ihrer Interessen einem tüchtigen Manne anvertrauen.« »Mein Notar, Herr Talamon, ist jung, thatkräftig und sehr umsichtig. Er ist mir ein wahrhafter Freund, dem ich unbeschränkte Vollmacht erteilen werde.«

»So wären wir ja darüber beruhigt. Nichtsdestoweniger wird diese Liquidation furchtbar peinlich für Sie sein und viel von sich reden machen.«

»Das wird die gerechte Strafe meiner Dummheit sein,« unterbrach Louis sie trocken.

Diana blickte auf. Der Ton, in dem er gesprochen, deutete auf ganz andre Gedanken und Gefühle hin, als ihm gewöhnlich eigen waren.

»Sir James und ich verreisen für ein paar Wochen,« sagte sie. »Wollen Sie uns begleiten?«

»Das ist unmöglich,« erwiderte er bestimmt und kühl.

»Weshalb?« fragte Diana, ihm näherrückend, um den Zauber ihrer blauen Augen auf ihn wirken zu lassen.

»Weil sich meine Lage geändert hat und ich meine Lebensweise vollkommen anders gestalten will.«

Sie legte zärtlich und mit schelmischer Anmut das blonde Haupt auf seine Schulter und sagte ihm leise ins Ohr: »Hast du mich denn nicht mehr lieb? Wenn du nur wolltest, gingen wir nach Italien und vergäßen im Sonnenglanz, am Ufer eines tiefblauen Sees, unter Rosen alles um und außer uns.«

Er wiederholte: »Es ist unmöglich.« Und da sie sich immer enger an ihn schmiegte, sagte er plötzlich: »Wir werden uns lebewohl sagen müssen, Diana!«

Sie machte eine heftige Bewegung, und ihn aufmerksam beobachtend, fragte sie: »Was soll das heißen, Louis, woher kommen diese neuen Impulse? Was hat man Ihnen gesagt? Was ist vorgegangen? Lohnen Sie meine Hingebung auf diese Weise?«

»Ich darf diese Hingebung nicht länger annehmen, Diana. Wir müssen uns notgedrungen trennen. Wenn ich Ihnen das nicht offen sagte, würde ich Sie hintergehen, wie – die andern.«

»Was gehen uns die andern an?« rief Diana heftig. »Brauchen wir uns um sie zu kümmern?«

»Ich wenigstens muß es,« erwiderte Louis fest; »in dem Augenblick, wo ich gezwungen bin, die größten Opfer von ihnen zu fordern.«

Das Gesicht Lady Olifaunts nahm einen harten, bösen Ausdruck an.

»Deine Großmutter, nicht wahr – und deine Frau? An die denkst du, während du bei mir bist?«

»Können Sie mir das zum Vorwurf machen, Diana, während jene so unglücklich sind?« Seine Stimme zitterte vor Erregung. »Sie wissen es ja, was die Ärmsten schon durch mich gelitten haben; äußerer Wohlstand, ein behagliches Dasein war alles, was sie für das wahre Glück entschädigen konnte – durch meine Schuld sind sie nun auch dieser äußern Vorteile beraubt. Wenn meine Gegenwart ihnen noch Trost bringen kann, so bin ich ihnen diesen wenigstens schuldig ... Diana,« fuhr er mit festerer Stimme fort, »ich habe Ihnen meine Frau geopfert, als sie reich und unabhängig war, und habe darin unwürdig gehandelt; aber wenn ich jetzt, wo sie arm und gedemütigt ist, ihr nicht zur Seite stünde, wäre ich der elendeste Feigling. Diese Entschädigung und diesen Trost kann sie von mir verlangen.«

Die schöne Engländerin erbebte. Sie sah ein, das Louis ihr entschlüpfte und zu der zurückkehrte, die sie so sehr haßte. Der letzte Stoß, den sie ihrer Nebenbuhlerin beizubringen gehofft, war fehlgegangen; statt daß sie Helene den Gatten nahm, nahm diese ihr den Geliebten. Sie konnte diesen Gedanken nicht ertragen und sagte mit giftiger Ironie: »Wer weiß, ob diese Entschädigung ihr nicht gründlich unbequem wäre; der Trost wäre jedenfalls unnütz. ... Wenn's nur das ist, was Sie quält, können Sie getrost mit mir reisen!«

Bei diesen Worten wurde Louis totenbleich, Lady Olifaunt bei der Hand fassend, rief er: »Was wagen Sie anzudeuten?«

»Nichts, als was alle Welt weiß, Sie natürlich ausgenommen!«

»Sie lügen!«

Er drückte ihren zarten Arm so stark, daß sie einen Schmerzensruf ausstieß. Glühend vor Zorn entriß sie Hérault ihren Arm und versetzte ihm dabei mit der geballten Faust der andern freien Hand einen so derben Stoß vor die Brust, daß er zurücktaumelte.

»Wenn Sie so schwer zu überzeugen sind, so werde ich Ihnen Ihre Frau mit ihrem Geliebten zusammen zeigen.«

»Wann das?«

»Noch heute abend!«

»Wenn Sie mich täuschen, so nehmen Sie sich in acht,« sagte er mit furchtbarer Stimme.

»Und wenn ich die Wahrheit gesagt?«

»Dann hält mich nichts mehr zurück – und ich folge Ihnen!«

Er ging auf die Thür zu, er erstickte fast. Sie fragte ihn sehr sanft: »Wohin gehen Sie?«

»In den Klub!«

»Sie wollen nicht bei mir bleiben?«

»Nein, auf heute abend!«

Als die Thür sich hinter ihm geschlossen, blieb Lady Olifaunt einen Augenblick in Gedanken versunken, die Hand auf die Stirn gepreßt, auf dem nämlichen Fleck stehen; dann zuckte ein teuflisches Lächeln um ihren Mund, und ganz leise, als ob sie sich selbst eine Antwort gäbe, sagte sie: »Er muß sie beisammen sehen, mehr braucht es nicht. Wenn er wütend wird und Erklärungen fordert, so schießt ihn Thauziat nieder – er ist ja ein Meister im Taubenschießen,«

Sie trat zu ihrer niedlichen Rokokoschreibkommode, öffnete sie und schrieb zwei Billete. Darauf klingelte sie; ihre Zofe erschien: »Diese beiden Briefe müssen augenblicklich besorgt werden; ich will nachher wissen, ob sie den Adressaten persönlich übergeben wurden.« In diesem Augenblick trat Sir James ein. Diana erhob sich, warf die Schleppe herum und studierte vor dem Spiegel die zarte, durchsichtige Haut ihrer Schläfen. Das Resultat ihrer Beobachtung mußte ein erfreuliches sein, denn sie wandte sich lächelnd an ihren Gatten: »Wir haben den armen Lereboulley schon so lange nicht mehr gesehen,« sagte sie. »Ich bin vielleicht nicht sehr liebenswürdig gegen ihn gewesen. Sie müssen nach der Rue Lepelletier gehen und ihm in meinem Auftrag eine Einladung zu Tisch überbringen.«

Sir James sah außerordentlich befriedigt aus.

»Endlich werden Sie wieder vernünftig,« sagte er. »Dieser liebe Lereboulley! Wie wird er sich freuen! Ich eile zu ihm.«

Nachdem er seiner Frau die Hand geküßt, entfernte er sich diensteifrig.

Im Hotel Hérault waren Sorge und Angst erst spät, aber dafür mit um so größerer Heftigkeit eingekehrt. Vier Tage lang war das Leben der Großmutter und Helenes regelmäßig wie immer dahingeflossen; Louis war verreist, und man erwartete ihn erst Ende der Woche zurück. Diese Reise beunruhigte niemand. Für die junge Frau war die Abwesenheit ihres Gatten kein Grund mehr zur Traurigkeit, denn er war ihr in Paris oft ferner als jetzt, wo ihn viele Meilen von ihr trennten. Emilie besuchte sie jeden Tag, und mit jedem Tage wurden ihre Fragen nach Nachrichten von Louis dringender, so daß Helene endlich doch unruhig wurde.

Sie suchte ihre Freundin auszuforschen, aber diese ging auf nichts ein, und es war unmöglich, etwas von ihr zu erfahren. Daß etwas vorging, war klar, ebenso, daß Emilie davon Kenntnis hatte. Was mochte es sein? Hatte Lady Olifaunt ihn auf seiner Reise begleitet? Hatte sie Louis veranlaßt, auf dem Kanal eine ähnliche Vergnügungsfahrt mit ihr zu unternehmen, wie seiner Zeit Lereboulley auf dem Mittelländischen Meere? Sollte sich die Abwesenheit ihres Gatten, die, wie er ihr gesagt, nur einige Tage dauern sollte, noch länger hinziehen? Hatte er sich etwa verpflichtet, sie nie wiederzusehen? Was durfte man nicht von seiner Schwäche und von der Schlechtigkeit Dianas erwarten! Die bangen Zweifel, die Helene peinigten, wurden mit einem Male gehoben, aber die Wahrheit war so furchtbar, daß es vielleicht besser gewesen wäre, sie hätte sie nicht erfahren.

Eines Morgens trat die alte Frau Hérault plötzlich in das Zimmer ihrer Schwiegertochter und ließ sich in einen Fauteuil fallen. Eine furchtbare Aufregung verzerrte ihre Züge, ihre Hände zitterten, sie war mit solcher Eile die Treppe heraufgekommen, daß sie noch ganz außer Atem war.

»Mein Gott, was gibt es?« rief Helene, von namenloser Angst ergriffen.

Die Großmutter starrte die junge Frau an und sagte dann mit zitternder Stimme: »Weißt du es denn noch nicht?«

»Sprich doch, sprich doch – ich beschwöre dich – diese Ungewißheit tötet mich.«

»O, mein Kind – Louis hat uns ruiniert!« Helene seufzte erleichtert auf, sie hatte Schlimmeres befürchtet.

»Unser Notar, Herr Talamon, ist soeben bei mir gewesen,« fuhr die alte Frau fort, »er kam, um mich in aller Eile von Verkäufen in Kenntnis zu setzen, die mein Enkel in letzter Zeit abgeschlossen hat, und mich über neue Aufträge zu benachrichtigen, die er ihm telegraphisch erteilt hat. Er hält Geistesstörung bei Louis für wahrscheinlich und rät mir, ihm meine Prokura zu entziehen. Was soll das alles heißen? Wie sehr ich auch grüble, ich vermag es nicht zu enträtseln. Was hat er mit dem Gelde angefangen? Talamon, der uns sehr ergeben ist, hat Erkundigungen eingezogen. Er behauptet, Louis habe ungeheure Bauten unternommen. Wenn das richtig ist, wie kommt es, daß wir davon nichts wissen? Auf keinen Fall konnten ihn die Bauten ruinieren. Häuser können doch nicht fortfliegen, müßten also aufzufinden sein. Es steckt wahrscheinlich etwas andres dahinter.«

Die alte Frau sprach mit scharfer Stimme und fieberhafter Hast. Ihr graues Haar sah wirr unter ihrer Haube hervor; sie, die sonst mit peinlicher Sorgfalt gekleidet war, hatte ihren Notar in dieser Unordnung empfangen und erschien, in ihrer Aufregung alles vergessend, auch so bei Helene.

»Wenn er früher, als Junggeselle, solch tolle Ausgaben gemacht hätte, würde ich mir vorstellen können, wo das Geld geblieben. Aber heute, da er verheiratet und Familienvater ist ... Hast du denn nichts bemerkt?«

»Nein – nichts!«

»Dein Mann hat also Heimlichkeiten vor dir?«

»Vielleicht wollte er es hauptsächlich vor dir geheim halten!«

»Allerdings. Du siehst, mein Kind, daß ich nicht mehr weiß, was ich sage; ich verliere den Kopf.«

Die alte Frau erhob sich und ging aufgeregt hin und her. Sie sah sich plötzlich in einem Spiegel und erschrak. »Mein Gott, in welchem Aufzuge bin ich hier!« Mit einer schnellen Handbewegung rückte sie ihre Haube gerade und strich sich die Haare glatt, dann eilte sie in ihr Zimmer.

Nachmittags kam Emilie. Sie hatte am Morgen ihren Vater beschworen, Louis aus seiner verzweifelten Lage zu retten, statt der gehofften Zusage aber nur Aufklärungen erhalten, die ihr weiteres Forschen ersparten, sie aber völlig niederschmetterten.

Der alten Frau Hérault mit ihrer scharfen Beobachtungsgabe fiel sofort die Veränderung im Benehmen des jungen Mädchens auf. Sie sagte deshalb ohne weiteres: »Wie kommt es denn, daß du gar nicht nach Louis fragst?«

Ohne ihre Kaltblütigkeit zu verlieren, erwiderte Fräulein Lereboulley: »Richtig, das hatt' ich ganz vergessen! Es geht ihm doch gut?«

»Es geht ihm so gut,« erwiderte Frau Hérault, »daß er alles, was sein Großvater und sein Vater erworben, verschleudert hat! Wußtest du das nicht?«

»Ich weiß es seit gestern ... vorausgesehen habe ich es schon lange.«

»Dann weißt du wohl auch, wie und weshalb er sich in solch tolle Spekulationen gestürzt hat?«

Emilie nickte bejahend mit dem Kopfe.

»Sei so gut und setze mir die Geschichte auseinander, mein Kind; mein alter Kopf findet sich nicht mehr zurecht. Welche Narrheit oder welches Laster hat ihn so weit gebracht? Sprich, ich will alles wissen.«

Helene schnellte empor, als ob sie sich zwischen das junge Mädchen und Frau Hérault werfen wollte. Bei dem Gedanken, daß die Großmutter die Fehltritte ihres Enkels erfahren, ihn tadeln und verachten könnte, empörte sich ihr Stolz. Er war ihr Gatte, ihr andres Ich, und es war ihr, als ob etwas von dem Tadel und der Verachtung, die ihn träfen, auf sie selbst zurückfallen würde. Durch eine flehende Gebärde bat sie Emilie um Schweigen. Der Großmutter war dies nicht entgangen, und sie wandte sich mit ungewohnter Härte im Tone an die junge Frau: »Du willst also, daß ich noch länger in Unwissenheit über das Geschehene erhalten werde? Warum? Solltest du etwa auch einen Teil der Verantwortlichkeit an unserm Unglück tragen? Hast du mich hintergangen, wie dein Mann? Bist du seine Mitschuldige? Hast du dir ebenfalls Vorwürfe zu machen?« Bei diesen ungerechten, harten Worten drang ein unwillkürlicher Schmerzensschrei aus Helenes Munde, und die Freundin gleichsam zum Zeugen nehmend, stöhnte sie: »Ich – ich.«

Die vom Alter gebeugte, gebrechliche Gestalt Frau Héraults richtete sich hoch auf, ihre Züge nahmen plötzlich einen energischen Ausdruck an, und fest den Blick auf die Frau ihres Enkels heftend, sagte sie: »Wenn meine Anklage gegen dich falsch ist, so rechtfertige dich! Ich bin eure Mutter und habe das Recht, die ganze Wahrheit zu erfahren; es ist deine Pflicht, mir alles zu sagen.«

»Nein, liebe Frau Hérault! Was Sie da von ihr verlangen, geht über ihre Kräfte,« warf Emilie ein, »aber aus meinem Munde sollen Sie erfahren, was sie Ihnen so stolz, so großherzig verborgen hat.«

Trotz der flehentlichen Bitte Helenes schilderte Fräulein Lereboulley die Qualen, welche die junge Frau seit einem Jahre ohne Klage getragen, immer nur von der kindlich frommen Sorge erfüllt, der Großmutter die schlechten Streiche ihres geliebten Enkels zu verbergen. Sie enthüllte alles: den elenden Verrat, den offnen Treubruch, die Demütigung vor seiner Geliebten, die er der Gattin auferlegt; sie gab Rechenschaft von Helenes schweigend getragenen Schmerzen, von allen Beleidigungen, die ihr geworden, sie zeichnete mit raschen, klaren Zügen auf der einen Seite Niedrigkeit und Cynismus, auf der andern Geduld, Engelsgüte und edlen Stolz. Mit einem Schlage rächte Emilie ihre Freundin für alles, was sie erduldet.

Starr vor Entsetzen und ohne ein Wort hervorbringen zu können, hatte die Großmutter diese furchtbare Enthüllung mit angehört. Seit sechzig Jahren war sie gewohnt, alle die, welche nacheinander den Namen der Hérault getragen hatten, ihren Gatten, ihren Sohn und ihren Enkel, die Häupter der Familie als höhere Wesen zu betrachten, denen Gehorsam und Achtung von Rechts wegen zukam. Alles, woran sie glaubte, alles, was ihrem Herzen teuer war, schien vernichtet, nichts Festes und Beständiges mehr konnte sie auf dieser Welt entdecken. Das Vermögen war dahin, die Ehre bedroht, das Glück zerstört. Wie ein Schiffbrüchiger, der auf hoher See, ein Spiel der Wellen, dahintreibt, warf sie einen schreckerfüllten Blick um sich und sah nichts als Helene, zwar traurig, aber gefaßt und entschlossen. Da ging die alte Mutter auf die junge Frau zu und beugte ihr weißes Haupt vor ihr. »Mein Kind, ich habe dich verkannt!« sagte sie. »Ich habe dich angeklagt und doch ward dir all das Leid, das du so mutig erträgst, durch mich. Ich habe dir Reichtum und Glück spenden wollen, und nun bist du arm und unglücklich. Ich bitte dich um Vergebung.«

Sie breitete die Arme aus. Helene umschlang sie mit einem halberstickten Ruf der Zärtlichkeit.

»Ich habe gehofft, dir Gutes thun zu können,« fuhr Frau Hérault fort, »und nun muß ich dir alles schulden, Zuneigung und Mitleid, denn ich weiß, daß du mir helfen wirst, den schweren Kummer zu tragen, der meinen Lebensabend verdüstert. Ich habe nichts mehr auf der Welt als dich, und du wirst mich nicht verlassen ... zu zweien werden wir mehr Kraft haben, dem Elend, das uns dieses unglückliche Kind bereitet, standzuhalten.«

Sie konnte nicht weiter reden, Helene hatte ihr sanft die Hand auf den Mund gelegt.

»Sei nicht so unbarmherzig,« sagte sie mit bittender Stimme, »nein! Glaube es nicht, daß Louis so ganz gesunken ist. Wir werden ihn wieder zur Vernunft bringen, wir werden ihm Ruhe und Besonnenheit zurückgeben. Selbst in den schwersten Stunden habe ich meinen Glauben an ihn bewahrt, er hat mir unsägliches Herzeleid bereitet, aber ich habe ihn lieb – und die Liebe hofft. Er hat Fehler begangen, er hat sich unbesonnener Handlungen schuldig gemacht, aber wenn wir diese Fehler vergessen, so sind ihre Spuren für alle Zeit verwischt ... und die unbesonnenen Streiche, die werden wir ihm gutmachen helfen. Niemand darf uns der Schwäche anklagen, wenn wir nachsichtig sind; er ist dein Enkel und er ist mein Gatte, und siehst du, Großmütterchen, die Frauen sind ja von Gott den Männern nur zugesellt worden, um sie zu lieben, sie zu beklagen und zu trösten.«

»O, meine Tochter, du bist ein Engel von Güte,« rief Frau Hérault, die ihre Thränen nicht mehr zurückzuhalten vermochte. »Du gibst mir neues Vertrauen. Aber wo ist er? Was thut er? Er müßte bereits zurückgekehrt sein.«

»Vielleicht wagt er nicht, sich hier zu zeigen, weil er vermutet, daß wir von dem Vorgefallenen unterrichtet sind! Aber beruhige dich ... wir werden bald Nachricht von ihm haben.«

»Und wie werden wir ihn aus den Geldverlegenheiten retten, in denen er sich befindet?« »Du wirst alles opfern, was du besitzest, und ich alles, was er bei unsrer Verheiratung mir gesichert hat. Damit werden wir den Versuch machen, die Fabrik zu retten, die einst die Quelle eures Reichtums gewesen ist, und die, so Gott will, auch unsre Zukunft wieder gründen wird.«

»Was für eine prächtige Frau du bist!« rief die Großmutter bewundernd. »Aber sage mir nur, auf welche Weise du das alles zu erreichen hoffst?«

Helene lächelte ruhig und antwortete mit fester und zuversichtlicher Stimme: »Durch Willenskraft.«

Und mit leiser Stimme begann sie ihre Pläne darzulegen, wie sie auf den Trümmern des von Louis zerstörten Gebäudes ein festeres und glänzenderes neu aufrichten wollten. Mitten unter den Schrecken des eben hereingebrochenen Unglücks träumte sie bereits von kühnen, neuen Unternehmungen. Diese kampfesmutige Seele zeigte sich jetzt in der ganzen Fülle ihrer Kraft und wußte damit die Befürchtungen der Großmutter einzuschläfern, Emilies regem Geist Staunen und Bewunderung abzugewinnen und durch Träume von einer schöneren Zukunft die eignen Gedanken von der trostlosen Wirklichkeit abzulenken.

Gegen vier Uhr verabschiedete sich Emilie und versprach, am Abend wiederzukommen. Helene blieb allein. Der Abend brach an und mit der wachsenden Dunkelheit nahm die Stimmung der jungen Frau wieder eine düsterere Färbung an. Die Gründe, die sie zu finden gewußt, um Frau Héraults Sorgen zu verscheuchen, kamen ihr selbst nicht mehr stichhaltig vor; sie sagte sich, daß sie bisher eigensinnig die Augen vor der Gefahr verschlossen habe, und was ihre Lage Besorgniserregendes und Beunruhigendes hatte, zeigte sich ihr plötzlich in den schwärzesten Farben.

Die unerklärliche Verzögerung der Rückkehr ihres Mannes, das Ausbleiben aller Nachrichten erfüllte sie plötzlich mit namenloser Angst. Was that er? Wo war er? Zu welchen Thorheiten, welcher Verzweiflungsthat hatte sich Louis in seiner Entmutigung – denn daß diese schwache Seele einer solchen anheimgefallen war, wußte Helene mit Sicherheit – hinreißen lassen? Die entschlossene und tapfere Frau fühlte urplötzlich Kraft und Mut schwinden, es durchrieselte sie kalt, eine furchtbare Aufregung bemächtigte sich ihrer, ihr Herz klopfte heftig und sie war nahe daran, um Hilfe zu rufen vor einer unbekannten Gefahr. Sie erhob sich und schritt hastig auf das Nebenzimmer zu, sie mochte nicht mehr in diesem Gemache, das ihr finster wie das Grab erschien, allein bleiben.

Sofort wurde sie wieder sie selbst. Die Thür öffnete sich und das Zimmermädchen trat mit einer Lampe herein. Das Licht durchströmte das Zimmer und brach den traurigen Einfluß der Finsternis. Helene stand einige Augenblicke wie geblendet da. Dann fielen ihre Augen auf das kleine Silbertablett vor ihr, auf welchem ein Brief lag. Sie nahm ihn lebhaft auf und betrachtete die Handschrift der Adresse. Es war nicht die ihres Mannes. Enttäuscht ließ sie den Brief auf den Tisch zurückfallen. Dann setzte sie sich, trauriger noch in der Helle, die sie jetzt umgab, als vorher in dem Dunkel der Nacht. Mit gleichgültiger Hand riß sie das Couvert auf und begann zu lesen.

Plötzlich belebte sich ihr finsterer Blick, eine heftige Glut überzog ihre Wangen, und sie stieß einen Schrei aus.

Wie geblendet fuhr sie mit der Hand über die Augen, nahm den Brief und las: »Ihr Gatte, den Sie in London wähnen, ist seit gestern in Paris. Er hat im Sinn, morgen mit der Ihnen bekannten Dame nach Italien zu reisen. Wenn Sie ihn sehen wollen, so finden Sie ihn bei Herrn von Thauziat, wo er sich verbirgt.« Das Papier entglitt ihren Händen, und unbeweglich, betäubt durch den Aufruhr der in ihrem Hirn entfesselten Gedanken, blieb sie in der Mitte des Gemaches stehen, im tiefsten Innern getroffen, aber von Minute zu Minute Klarheit und Fassung gewinnend.

Ihr erster Eindruck war der, daß jetzt alles verloren sei, jetzt, wo das so mühsam auf den Trümmern ihrer Existenz von ihr aufgerichtete Gebäude unter dem Todesstoß, den der Haß gegen sie geführt, zusammenstürzte, und wo Louis sie verließ, um sich im Triumph von ihrer Feindin entführen zu lassen. Aber die Tapferkeit kam ihr nie auf lange abhanden. Kaum hatte ihr Geist das schreckliche Bild erfaßt, ihr Gatte, der Vater ihres Sohnes, sie verlassend in dem Augenblick, wo die Ehre seine Gegenwart in dem zusammenbrechenden Hause erforderte, als sie auch schon nach Mitteln suchte, den Flüchtling zurückzuhalten. Eine Wut, die sie nicht zu bändigen vermochte, ließ sie in der Stille ihres einstigen Brautgemaches einen milden, herzzerreißenden Schrei ausstoßen. Es flimmerte ihr dunkel vor den Augen, und der Gedanke durchzuckte sie, die Nebenbuhlerin ums Leben zu bringen. War denn der Kelch ihres Unglückes noch nicht bis zur Neige geleert? Sollte sie wirklich für alle Zeit einsam und allein im Leben stehen – sollte ihr Kind des Vaters entbehren, den ein schamloses Weib von Stadt zu Stadt führte, diesen Gatten, den sie dem häuslichen Herde, diesen Vater, den sie den Seinen geraubt hatte?

Mit lauter Stimme sprach sie: »Lieber wollte ich ihn tot sehen.« Aber die entsetzlichen Worte jagten einen Schauer durch ihren Körper, und sie fügte hinzu: »Nein – ich werde ihn ihr zu entreißen wissen.« Das Blut, das in ihren Adern gestockt hatte, begann ihr glühend heiß in den Schläfen zu hämmern, Leben und Thatkraft kehrten ihr zurück. Sie fühlte sich fähig, alles zu wagen und alles durchzusetzen. Ein brennendes Fieber verzehrte sie, und es war ihr unmöglich, auf einer Stelle stehen zu bleiben. Sie begann auf und ab zu schreiten, von Zeit zu Zeit entrangen sich ihren Lippen abgerissene, scheinbar zusammenhangslose Sätze.

Der Gedanke, den jener teuflische Brief ihr nahelegen wollte, fing an sich ihres Geistes zu bemächtigen: sie wollte ihren Gatten aufsuchen. Er durfte nicht abreisen; sie wußte, welche Herrschaft sie über ihn besaß, sobald sie sich entschloß, dieselbe rücksichtslos zur Geltung zu bringen. Sie rief sich zurück, wie sie ihn schwach und zitternd zu ihren Füßen gesehen, als er sie weinend wie ein Kind, das sich an seine Mutter wendet, angefleht. Sie wollte vor ihn hintreten, und er würde ihr folgen, wenn sie ihm nur erst von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand – ja er mußte ihr folgen, sollte sie auch die schärfsten Mittel anwenden, um seinen Widerstand zu brechen. In ihrem Schmerz fühlte sie Riesenkräfte in sich; sie wollte ihn fortschleppen, wenn es sein müßte, in ihren Armen, nur fort, fort von diesem schlechten Weibe. Aber die Vernunft brachte ihren Zorn zum Schweigen und hielt sie von gewaltsamen Entschlüssen zurück. Wohin mußte sie ihre Schritte lenken, um den Gatten zu suchen? Der Brief sagte es: Er war in Thauziats Haus. ... Thauziat! Ein furchtbarer Verdacht stieg in ihr auf. Wenn man ihr da eine Falle stellte? Wenn der, welcher sie noch immer liebte, im Einverständnis mit dieser erbärmlichen Diana zu diesem Mittel gegriffen hatte, um sie in seine Wohnung zu locken?

Sie nahm den Brief wieder auf und prüfte sorgfältig die Handschrift; die Züge waren ihr völlig unbekannt. Mit einer außerordentlichen Geschicklichkeit hatte Lady Olifaunt die Feder so zu führen gewußt, daß sie selbst das klare Auge Helenes täuschte. Welcher Freund oder welcher Feind hatte diesen Brief geschrieben? fragte sich Helene. Einen Augenblick kam ihr der Gedanke, Emilie um Rat zu fragen, allein sie erinnerte sich sofort, daß diese sie schon einmal getäuscht und Louis geholfen hatte, zu entschlüpfen. Weshalb sollte sie denn schließlich nicht ohne jede Begleitung zu Thauziat gehen können? Wenn Louis sich wirklich bei ihm befand, so war ja von keiner Gefahr die Rede, und wenn dies nicht der Fall, brauchte sie etwa Thauziat zu fürchten? Ein Lächeln der Verachtung glitt über ihre Züge. Konnten derartige Bedenken überhaupt in Betracht kommen, wo ihre ganze Zukunft auf dem Spiele stand? War es nicht feige, so sorgfältig alle Möglichkeiten auf die Wagschale zu legen? Sie war noch nie besiegt worden, außer durch die, welche sie liebte, und dann war ihr eignes Herz der Verbündete derselben gewesen; wenn sie aber für das Recht dieses Herzens, für ihre Liebe kämpfte, wer sollte dann stark genug sein, ihr den Sieg streitig zu machen?

Sie zögerte nicht länger und gab Befehl, anzuspannen. Sie wollte nicht heimlich zu Thauziat gehen. Mit hocherhobener Stirn, ohne Maske wollte sie vor ihn treten und offen mit lauter Stimme reden. Sie warf ihren Mantel um, ordnete ihr Haar und machte sich auf den Weg.

Diana hatte, als sie die Briefe abgesandt, alles genau berechnet: Clement verließ fast nie vor zwei Uhr seine Wohnung; Helene ging seit Louis' Abreise überhaupt nicht mehr aus. Beide mußten also zur rechten Stunde die Briefe erhalten, die sie ihnen zuschickte.

In einem weitarmigen Fauteuil zurückgelehnt saß Thauziat in seinem Arbeitszimmer. Alter Genuesersamt – grüne Blumen auf silberdurchwirktem Grund – bekleidete die Wände des höchst ansprechenden Raumes, ein Tisch und wertvolle Truhen aus der Renaissancezeit bildeten das Mobiliar, das Tageslicht fiel durch schönbemalte Fensterscheiben gedämpft herein. Clement war in Nachdenken versunken; tiefe Trauer lagerte auf seiner Stirn; seine Lider waren gesenkt, und man hätte glauben können, er schliefe. Diana hatte ihn gebeten, das Haus nicht zu verlassen und zu warten. Und er wartete! Auf was? Er wußte es selbst nicht! Aber eine geheime Ahnung sagte ihm, daß es sich um Helene und Louis handle.

Allmählich hatten ihn seine Gedanken in eine Traumwelt fortgetragen. Was ihn umgab, verschwamm vor seinen Augen, das ernste, ein wenig düstere Zimmer, wo er so viele traurige Abende verbracht, verwandelte sich in ein lachendes und helles Gemach, in das eine anmutige Frauengestalt leicht und ätherisch, Freude bringend und alles mit dem Glanz ihrer Schönheit verklärend sich bewegte. Sie trat ihm näher, und deutlich erkannte Clement ihre Züge: es war Helene. Klopfenden Herzens folgte er ihr mit den Blicken: sie zeigte ihm kein strenges Gesicht, sie war jetzt sanft, vertrauend und hingebend. Das Herz der jungen Frau war so grausam gemartert worden, daß ihre Liebe zu Louis unter unerhörten Qualen gestorben war, sie hatte erkennen müssen, daß sie auf falschem Wege war, und sich entschlossen zurückgewandt, und hatte den wiedergefunden, der sie so treu liebte, und der nun mit ihr und für sie ein neues Leben begann, ein unendlich friedevolles, ruhiges und glückseliges Dasein. Von diesem verführerischen Traumbild gefesselt, verharrte Clement unbeweglich und suchte leidenschaftlich eine Täuschung festzuhalten, die ihm so heiß begehrte Seligkeit gewährte.

Der tiefe Glockenschlag einer nahen Turmuhr, der in dem schweigenden Räume widerhallte, entriß ihn diesem trügerischen Glück.

Angstvoll zählte er die vier Schläge und erhob sich dann seufzend.

Es war allmählich dunkel geworden in dem Gemache.

Draußen herrschte noch die Dämmerung, in welcher die bereits angezündeten Gasflammen ein bleiches Licht verbreiteten. An dem Fenster stehend, betrachtete er die eilig Vorübergehenden.

Eine große Aufregung hatte sich seiner bemächtigt, und er wartete in einer ihm unerklärlichen unruhigen Spannung auf etwas, das ihm nur in nebelhaften Umrissen vorschwebte, das aber seiner inneren Ueberzeugung nach dennoch eintreffen mußte.

Als es fünf Uhr schlug, hielt plötzlich ein Wagen vor dem Thor seines Hauses, und ein Frauenkopf, dessen Züge sich in der schwachen Beleuchtung nicht unterscheiden ließen, beugte sich heraus. Ein Diener öffnete den Schlag und entfernte sich dann. Thauziat wollte fast der Atem vergehen. Eine innere Stimme rief ihm zu: »Sie ist es; dein Traum soll zur Wirklichkeit werden.« Siedend heiß stieg ihm das Blut in die Schläfen. Er lauschte. Die Hausglocke ertönte, und ihr Klang zitterte im Herzen Clements wieder. Ein leichter Schritt ließ sich hören, die Thür öffnete sich und ein Bedienter trat herein. Thauziat war dermaßen aufgeregt, daß er nicht zu sprechen wagte. Das Blut erstarrte in seinen Adern und die Beine versagten ihm den Dienst. Er war ungeduldig, zu erfahren, wer da sei, und dennoch scheute er sich, zu fragen. In gleichgültigem, dienstlichem Ton meldete der Diener: »Frau Hérault läßt fragen, ob Herr von Thauziat zu Hause ist und sie empfangen kann?«

Ein Leuchten flog über Thauziats Stirn; sie war es! Er machte ein bejahendes Zeichen, und schritt, eine schwere Samtportière zur Seite schiebend, in den Nebensalon, wo zwei brennende Lampen auf dem Kamine standen. Dort blieb er, zitternd vor Ungeduld, Aufregung und Freude stehen. Ein Seidenkleid rauschte, ein leichter, aber energischer Schritt und das Geräusch einer leise geöffneten und sofort wieder geschlossenen Thür wurde vernehmbar, und einen Augenblick nachher standen sie sich gegenüber, Helene ein wenig bleich, Clement ernst und erwartungsvoll. Er bot ihr einen Stuhl, sie lehnte es indes ab, sich zu setzen und sagte stehend in festem Tone: »Ich habe die Nachricht erhalten, daß mein Mann sich bei Ihnen befindet. Wollen Sie ihm sagen, daß ich hier bin?«

Thauziat machte eine Gebärde des Erstaunens, und ohne sich von seinem Platze zu rühren, erwiderte er möglichst ruhig und gleichmütig, um die junge Frau nicht zu erschrecken: »Ihr Gemahl, gnädige Frau? Es ist gerade acht Tage her, seitdem ich ihn zum letztenmal gesehen. Ich weiß nicht, ob er überhaupt in Paris ist, aber jedenfalls kann ich Sie versichern, daß er sich nicht in meinem Hause befindet.«

Sie sah ihn mit hochmütiger Miene an.

»Wer täuscht mich dann? Sie oder mein unbekannter Korrespondent?«

»Ich?« rief er in einem so aufrichtigen Tone, daß Helene ihm glauben mußte. »Ich Sie täuschen, zu welchem Zwecke, in welcher Absicht?«

Und da sie nicht antwortete, fuhr er in ehrfurchtsvollster Weise fort: »Befehlen Sie in diesem Hause, wie in Ihrem eignen, gnädige Frau! Klingeln Sie, lassen Sie alle meine Leute kommen, und fragen Sie sie aus! Vielleicht schenken Sie der Aussage meiner Dienerschaft mehr Glauben, als der meinigen.« Sie ließ sich auf den Sessel niederfallen, den er ihr angeboten, und sagte mit tiefer Stimme: »Verzeihen Sie mir! Ich bin tief unglücklich!«

Er machte eine Bewegung, als ob er sich ihr zu Füßen werfen wollte; sie wehrte ihm aber mit der Hand und fuhr heftig atmend fort: »Sagen Sie mir die ganze Wahrheit! Ich weiß nicht, was um mich her vorgeht, aber ich fühle, daß ich trotz all meiner Gegenwehr einem Abgrunde zugedrängt werde. Vielleicht, daß ein aufrichtiger Rat, ein ehrlicher Wink hinreichen würden, mich die Gefahr vermeiden zu lassen. Ich bitte Sie, klären Sie mich auf, helfen Sie mir!«

Thauziat zuckte die Achseln und erwiderte bitter: »Ist es meine Sache, Ihnen beizustehen gegen den, der von Gott und Rechts wegen Ihr Beschützer sein müßte? Welch eine Rolle muten Sie mir zu?«

»Eine Rolle, deren ich Sie für fähig gehalten, die eines Mannes, der hochherzig genug ist, um selbst erlittene Kränkungen vergessen zu können!«

»Glauben Sie ja nicht, daß ich so edel bin,« sagte er. »Ich habe viel gelitten und viel nachgedacht, und bin dabei um viele schöne Illusionen ärmer geworden, unter andern auch um die über mich selbst. Wenn Sie darauf gerechnet haben, daß ich ein Beispiel romantischer Selbstverleugnung geben würde – so irren Sie! Ich bin unglücklich auf eigne Rechnung gewesen, ich will es nicht auch noch auf die andrer sein.«

Sie empfand eine gewisse Unruhe, bezwang sich aber und sagte mit einem nicht ganz natürlichen Lächeln: »Verleumden Sie sich doch nicht selbst! Ich bin sicher, daß Sie zu großen Opfern bereit sind, um mir einen Kummer zu ersparen.«

Er sah ihr tief in die Augen und sagte mit leidenschaftlicher Betonung: »O – wie gut kennen Sie Ihre Macht über mich! Es ist wahr, ich liebe Sie so unsäglich, daß ich mein Leben dahingeben könnte, um Sie lächeln zu sehen.«

Als sie fühlte, wie erregt er war, wollte sie sich erheben, allein sie mußte ja ihren Zweck erreichen, mußte alles von ihm erfahren, was er ihr mitzuteilen haben konnte, und begnügte sich deshalb mit dem Versuch, durch ihre Ruhe sein Ungestüm zu dämpfen und ihn zu einer kühleren Haltung zu veranlassen.

»Ihr Leben verlange ich nun vorderhand gerade nicht,« sagte sie lächelnd, »ich wünsche nur zu wissen, wo mein Mann sich aufhält!« »Wo anders, als bei Lady Olifaunt!«

Sie erbleichte, und ein nervöses Zittern irrte um ihre Lippen, aber sie verlor den Mut nicht.

»Gut denn! So lassen Sie ihn holen!«

»Wozu würde das wohl dienen?«

»Jedenfalls zum Beweise, daß Sie mir gefällig sein wollen.«

Sie hatte diese Worte mit einschmeichelnder Anmut gesprochen. Sie wollte ihn durch Liebenswürdigkeit dazu bewegen, Louis holen zu lassen. Da er stumm und schweigend stehen blieb, lächelte sie ihm zu, legte die Hände bittend ineinander und sagte: »Sollte ich mich wirklich vergebens an Sie gewendet haben?«

Er entfernte sich vom Kamin, auf dessen Sims er sich gelehnt hatte, trat auf die junge Frau zu und sagte in eisigem Tone: »Genug, gnädige Frau! Bemühen Sie sich nicht weiter! Ich lasse mich von Ihnen nicht täuschen! Sie bedienen sich mir gegenüber einer Koketterie, die Ihnen widerstrebt und mich verletzt. Sie wollen sich meiner als Bindeglied zwischen sich und Ihrem Gatten bedienen. ... Aber ich durchschaue Ihr Spiel und halte es Ihrer und meiner für unwürdig.«

Helenes Herz krampfte sich zusammen; sie schämte sich ihrer selbst. Wie entlarvt fühlte sie sich von diesem einen Worte. Hatte sie nicht die sündige Leidenschaft, die dieser Mann für sie im Herzen trug, anerkannt, gutgeheißen, indem sie versucht, sich dieselbe zu nutze zu machen? Sie stieß einen Seufzer aus und murmelte mit schwacher Stimme: »O – mein Gott – was habe ich noch zu hoffen?«

»Daß ich Ihnen die Wahrheit sage, so schrecklich sie auch sein mag. O bleiben Sie« – sagte er, als er sie erschreckt aufstehen sah. »Sie haben Wahrheit von mir gefordert und jetzt gebricht es Ihnen an Mut, dieselbe zu hören!«

Sie warf stolz den Kopf zurück.

»Nein,« sagte sie. »Sprechen Sie – ich höre!«

»Auf welchem Wege hat man Ihnen Mitteilung gemacht, daß Sie Louis Hérault in meiner Wohnung finden würden?«

»Durch ein Billet ohne Unterschrift. Es wurde mir in demselben außerdem gesagt: Er wird heute noch mit der Ihnen bekannten Dame abreisen.«

»Gut! Zur selben Stunde, als Sie diese Nachricht erhielten, wurde mir ein Brief zugestellt, in dem ich dringend gebeten wurde, meine Wohnung nicht zu verlassen.« »Es war also eine Schlinge?« sagte Helene, indem sie einen argwöhnischen Blick auf Thauziat warf.

»Ja, die man Ihnen und mir gelegt hat!«

»Aber wer ...«

»Wer? Doch niemand, als die Frau, die ein Interesse daran hat und eine Genugthuung darin finden würde, Sie ins Verderben zu stürzen.«

»Lady Olifaunt?«

»Ja, Lady Olifaunt!«

Und er fügte mit halblauter Stimme hinzu: »Und wer weiß, vielleicht noch ein andrer!«

Die Augen Helenes blickten starr, und sie fragte zitternd vor Angst: »Gegen wen kehrt sich Ihr Verdacht? Wer ist der, den Sie nicht zu nennen wagen? Ist die Anklage so furchtbarer Art? Wer noch? frage ich Sie!«

Er senkte den Kopf, als ob er sich über das schämte, was er zu sagen hatte, und flüsterte: »Ihr Mann!«

Das Blut erstarrte ihr vor Entsetzen. Dieser furchtbare Verdacht war auch in ihr aufgestiegen. Auch sie hatte eine Minute lang an den gedacht, an den sie unlösbar durch ihre Liebe und Treue gefesselt war. Ihre traurige Erfahrung hatte ihr gesagt: »Er hat alles verleugnet und alles für diese hassenswerte Frau geopfert. Warum sollte er in seiner Schlechtigkeit nicht so weit gehen, zu versuchen, sich von dir zu befreien, indem er dich in einem vom Verrate gesponnenen Netze fängt.« Schaudernd vor Abscheu suchte sie sich dieses Argwohns zu erwehren. In ihrem Innern ertönte eine Stimme, die ihr sagte: »Verzage nicht! Glaube nur an das Gute, und verliere nie die Hoffnung, dann wirst du aller Schwierigkeiten Herr. Wenn du ihn nicht aufgibst, wird Louis nicht feige, nicht ehrlos werden. Nein! – Er wird wieder ehrenhaft und gut sein. Aber du mußt wollen!«

Sie erwiderte, gleichsam als Antwort auf ihre eignen Gedanken: »Diese Anklage ist unsinnig!«

Thauziat fuhr mit wachsender Erregung fort: »Unseligerweise ist sie nur zu wohl begründet. Wenn Ihr Mann sich von Lady Olifaunt wirklich bestimmen läßt, mit ihr zu reisen, so ist es denkbar, daß er diesen Schritt in den Augen der Welt weniger frevlerisch erscheinen lassen wollte, indem er Ihnen ein Unrecht aufbürdete, welches ihm zur Rechtfertigung dienen könnte. ... Sie können sich nicht vorstellen, was ein Mann, wie er, in den Händen einer solchen Frau werden kann. Um den Verstand hat sie ihn längst gebracht, um sein Vermögen ebenfalls, weshalb denn nicht um seine Ehre? Er hat Sie verlassen um Dianas willen, er wird Sie auch ihrem Hasse preisgeben! Ein verworfenes Geschöpf, wie sie ist, hat kein andres Verlangen, als Sie zu sich herabzuziehen ... zeigen zu können, daß Sie nicht besser sind, als sie selbst, danach steht ihr Verlangen – Sie mit dem Schlamm zu besudeln, in dem sie ihr Dasein hinschleppt, ist ihr sehnlicher Wunsch! Und in diesem Bestreben, für das ich keinen Namen finde, hat sich Ihr Mann zum Mitschuldigen dieses Weibes machen lassen. ... Die Gattin, die Mutter seines Sohnes, gibt er der tierischen Grausamkeit dieser Gefallenen preis! Sie wissen sehr wohl, daß jedes Wort, das ich Ihnen gesagt, wahr ist. Sie haben die Krallen dieser Elenden Ihr Herz zerfleischen gefühlt ... Sie haben die Besudelung ihrer Hand von sich abzuwehren, ihre Spur zu verwischen gehabt. Ich stelle keine leeren Behauptungen auf, dies alles ist handgreiflich erwiesen, zweifellos wahr ... und die schmähliche Vergangenheit bürgt Ihnen für eine schimpfliche Zukunft.«

Er war dicht vor sie hingetreten, seine Gestalt richtete sich hoch empor, wahrend sein Antlitz in furchtbarer Schönheit strahlte.

Seine Reden hatte Helene überwältigt, wie gebannt haftete ihr Blick auf ihm, sie konnte seinen Einfluß nicht von sich abschütteln, es war ihr, als ob sie, über einen Abgrund gebeugt, vom Schwindel erfaßt wäre. Wie sollte sie wissen, was im Innern dieses düsteren Mannes vorging? Was bezweckte er? Welche Hoffnungen hatte er auf ihr Unglück gebaut? Er war zu sehr Herr seiner selbst geblieben, um sich dazu herabzulassen, Louis anzuklagen, einzig um sich die Genugtuung zu verschaffen, seinen Nebenbuhler zu erniedrigen, – Welch einen verwegenen Plan hatte er gefaßt und welche Rache gedachte er für seine ehemalige Niederlage zu nehmen?

Sie wollte nicht länger im unklaren bleiben. Es schien ihr, als müßten die Worte, die er auszusprechen im Begriffe stand, entscheidend für sie sein.

Sie wollte die Lösung des Rätsels kennen, mit welcher diese furchtbare Sphynx noch zurückhielt, und kühn sagte sie: »Was sollen Ihre Worte besagen?«

Er antwortete ernst: »Sie sollen Ihnen den Beweis geben, daß das Schicksal mich nicht zwecklos auf Ihren Lebensweg geworfen, und daß ich vielleicht um meiner Liebe willen so viel leiden mußte, nur damit Sie meine unerschütterliche Treue besser würdigen können. Die Ehrlosigkeit Ihrer Feinde hat uns in schändlicher Absicht zusammengeführt. Man hat Ihrer Ehre wie der meinigen den Fehdehandschuh hingeworfen: ich hebe ihn auf und nehme den Kampf an. ... Man hat mich in meiner Liebe herausgefordert – nun gut, ich nehme das Recht dieser Liebe offen in Anspruch! Wenn Ihr Gatte Sie jetzt, nachdem er Sie schmählich beleidigt, verläßt, so sind Sie wieder frei. Streichen Sie ihn aus Ihrem Dasein, wie er Sie aus dem seinigen gestrichen hat. Kehren Sie um auf Ihrem Lebensweg und löschen Sie die verflossenen zwei Jahre aus Ihrem Gedächtnisse aus. Ich biete Ihnen diese Hand, legen Sie getrost die Ihrige in dieselbe! Nicht eine Frau auf Erden wird je so geliebt sein, wie Sie von mir. Mein Leben wird nur einen Zweck haben, den, Sie die Leiden vergessen zu machen, die Sie erduldet.«

Sie sah ihn einen Augenblick an, dann sagte sie sehr ruhig: »Mit andern Worten gesagt, Sie bieten mir an, mein Leben von neuem zu beginnen und Ihre Frau zu werden, nachdem ich durch eine Scheidung wieder freie Herrin über mich geworden?«

»Ja!«

»Wenn auch mein Gatte mich verläßt, so werde ich darum doch nicht frei,« sagte sie sanft. »Mein Kind wird mir bleiben, mein Kind, das die Liebe, die ich ihm geweiht, nicht verraten und das mein Leben ausfüllen wird.«

»Er wird mein Sohn sein,« fagte Thauziat, »ich werde ihn lieben, als ob mein Blut in seinen Adern rollte, und ich schwöre Ihnen, ich werde einen Mann aus ihm machen.«

»Er wird keinen andern Namen führen, als den ihm bei seiner Geburt zu teil gewordenen, und wenn sein Vater unseligerweise diesen bis dahin mit Ehren getragenen Namen in den Staub zieht, so wird mein Sohn sich eines Tages dies beste Familienerbe zurückerobern. Wenn ich mein ganzes Sein und Können ihm widme, werden Treue und Mut ihm wenigstens nicht fremd bleiben, und wenn er eine gute Mutter und eine ehrbare Frau vor Augen hat, werde ich keiner andern Hilfe bedürfen, um ihn zum Manne zu erziehen.«

»Auf diese Weise werden Sie allerdings in bewundernswerter Weise Ihre Pflicht erfüllen, aber Ihr eignes Leben wird nur ein langsamer Opfertod sein. Nie, auch nicht einen Tag wird Ihnen ein vollkommenes Glück zu teil geworden sein noch werden. Sie haben dann geliebt, ohne je den beseligenden Einklang zweier Herzen, die nur füreinander schlagen, kennen gelernt zu haben, ohne zu erfahren, wie zweier Menschen Hoffen und Wollen, Streben und Freuen Eins werden kann. Und Sie sind noch so jung! Jahre um Jahre müssen noch vergehen, ehe die Zeit kommt, wo die Leidenschaften erstorben sind. Und wie können Sie wissen, ob Ihr Herz, das jetzt todwund ist, nicht gesunden, sich nicht wieder nach Liebe sehnen wird? Sind Sie so gewiß, daß Sie nie Reue empfinden werden? O, wenn Sie sich mir anvertrauen, mich über Ihre Zukunft wachen lassen wollten – ich schwöre Ihnen, ich würde Sie das Dasein wieder lieben lehren. Ich würde nur eins kennen: Ihr Glück zu sichern. Ich habe nur Sie geliebt, und seit zwei Jahren zehre ich von der Erinnerung an Sie, leide unter Ihren Schmerzen und kenne von Freuden nur noch die, Sie zu sehen, in Ihrer Nähe zu atmen, Ihre Stimme zu hören, die mir ach! so viel harte, grausame Worte gesagt. O wie habe ich dem Schicksal geflucht und diesen Glücklichen beneidet, diesen Unwürdigen, der es verstanden hat, den Schatz zu erringen, aber nicht ihn zu würdigen. Ich habe ihn beneidet, und jetzt, wo ich sehe, wie Sie trotz alledem an ihm hängen, jetzt hasse ich ihn. Ja, ich hasse ihn mit allen Fibern meines empörten Herzens! Helene, verharren Sie nicht bei dieser Thorheit! Wenn Sie für sich selbst kein Erbarmen kennen, o so seien Sie wenigstens nicht so mitleidlos gegen den, der nur für Sie lebt und der ohne Zögern alles opfern würde, um aus Ihren Augen einen weniger strengen Blick, aus Ihrem Munde ein mitleidigeres Wort zu erhaschen!«

Mit ausgestreckten Händen, die Züge von glühender Leidenschaft verzerrt, ging er auf sie zu. Er wollte sie besitzen, was es auch koste, das verriet die Glut, die in seinen Augen sprühte und auf seinen Lippen brannte und welche die junge Frau mit einer heißen, verzehrenden Flamme einzuhüllen schien. Als sie ihn so bis zur Wut aufgeregt sah, überkam sie zum erstenmal ein Gefühl der Furcht. Sie erhob sich, aber er faßte den Saum ihres Gewandes, kniete vor ihr nieder und sagte, die Stirn in die Falten ihres Kleides drückend: »Ich flehe Sie an, bringen Sie mich nicht zur Verzweiflung! Sie haben mir ja schon so wehe gethan, und ich habe keine Waffe Ihnen gegenüber, nichts als eine unerschütterliche Liebe. Denken Sie daran, daß der, dem Sie mich so erbarmungslos opferten, Sie verläßt, daß er sich bei dieser Frau befindet, vielleicht in diesem Augenblick in ihren Armen ruht.«

»Schweigen Sie!« schrie sie auf. »Das, was Sie da sagen, ist ehrlos!«

»Ehrlos ist, was er Sie erdulden läßt! Er wird mit ihr, die durch seinen, durch Ihren Ruin bereichert ist, sich vor Ihnen flüchten!«

»Sie lügen!«

Mit einer heftigen Gebärde befreite sie ihr Kleid aus den Händen Thauziats und sagte, indem sie auf die Thür zuschritt: »Ich werde Sie nicht länger anhören!«

Er sprang auf und rief, sich vor sie stellend: »Ach – Sie treiben mich zum Aeußersten! Ich will, daß Sie bleiben!«

»Werden Sie es wagen, mich gegen meinen Willen hier zurückzuhalten?«

»Ich wage alles!«

Sein Gesicht hatte einen düsteren und drohenden Ausdruck angenommen. Sie trat einen Schritt zurück und sagte mit beleidigender Ironie: »Denken Sie auch daran, daß, wenn Sie mich nicht gehen lassen, ich berechtigt bin, anzunehmen, daß die Schlinge, in die man mich gelockt, von Ihnen gestellt wurde?«

»Glauben Sie, was Sie wollen!«

»Sie flehten mich vorhin um meine Liebe an. Wünschen Sie etwa, daß ich Sie verachte?«

»Meine Ehre liegt in Ihrer Hand. Bei Ihnen stand es, mich zu einem guten oder einem schlechten Menschen zu machen. Sie haben mich auf den Weg des Bösen getrieben. Wenn man Verbrecher sein muß, um Rechte in Ihrem Herzen zu erlangen, so will ich einer sein!«

»Nehmen Sie sich in acht! Wenn Sie sich mir nähern, rufe ich um Hilfe!«

»Sie würden dann nur um so sicherer verloren sein. ... Und wenn verloren, so sind Sie mein. ... Uebrigens kann niemand eintreten!«

Er schob hastig den Riegel vor. Helene stürzte nach dem Fenster, aber Clement war zur selben Zeit dort wie sie und faßte sie in seine Arme und preßte sie an sich, daß sie den Schlag seines wild pochenden Herzens fühlte. Sie wollte sich losreißen, stemmte beide Hände gegen seine Schultern, ihn um Armeslänge von sich entfernt haltend, kämpfte sie mit wahnsinniger Wut, um sich seiner Umarmung zu entziehen. Zu schreien wagte sie nicht, aber sie stöhnte heiser, wie eine verwundete Löwin. Schon fühlte sie ihre Kraft erlahmen, schon näherte sich das entflammte Gesicht Clements dem ihren, als sich, das dumpfe Geräusch ihres Ringens übertönend, Stimmen im Nebenzimmer hören ließen.

»Man kommt,« sagte die junge Frau, »noch ist's Zeit, lassen Sie mich ... und ich schwöre Ihnen, ich will vergessen.« Thauziat antwortete nicht, sondern versuchte Helene wie eine Beute in seinen Armen fortzuschleppen. In der Stille des Zimmers hörte man eine ungeduldige Hand heftig an die Thür pochen. Die junge Frau machte eine letzte verzweifelte Anstrengung und entwand sich den Armen Clements. Sie war frei und lief nach der Thür, die sie mit einem Schrei des Triumphes aufriß. Aber der Ton erstarrte auf ihren Lippen, und sie wich erschreckt zurück: ihr Gatte stand vor ihr.

Bleich und zitternd stand sie zwischen den beiden Männern, die sich mit den Blicken maßen. Alles über ihre beleidigte Ehre vergessend und mehr an den Beweis ihrer Schuldlosigkeit denkend, als an ein Mittel, den Zorn zu besänftigen der in beider Männer Augen loderte, rief sie: »Louis – nur dies eine: hältst du mich für schuldig?«

Louis trat auf sie zu, und als er sie so stolz und wild in ihrer beleidigten Frauenwürde vor sich stehen sah, reichte er ihr die Hand und sagte mit fester Stimme: »Nein!«

Sie stieß einen Schrei der Erlösung aus, umschlang ihn jubelnd und preßte ihn an sich, als hätte er ihr ein neues Leben geschenkt. Dann aber mit Schrecken erregendem Ausdruck zu dem unbeweglich dastehenden Thauziat gewandt, rief sie: »Herr von Thauziat, Sie haben sich einer Frau gegenüber wie ein Feigling benommen; Sie sind nicht würdig, von der Hand eines Mannes einen Schlag zu empfangen.«

Blitzschnell entriß sie Louis einen seiner Handschuhe und schlug damit ihrem Beleidiger ins Gesicht. Er stieß einen dumpfen Schrei aus und schien sich auf die beiden Gatten stürzen zu wollen. Mit einer gewaltigen Kraftanstrengung zwang er sich aber plötzlich zur Ruhe. Totenbleich neigte er sein Haupt vor Helene und sagte mit einem Lächeln voll tiefster Verzweiflung: »Das war gerecht!«

»Auf morgen!« sagte Louis.

»Auf morgen!« wiederholte Thauziat, wie ein unheilkündendes Echo.

Helene faßte schaudernd den Arm ihres Gatten, und ohne einen Blick hinter sich zu werfen, zog sie ihn mit sich fort.

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