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Sie will. - Band 2

Georges Ohnet: Sie will. - Band 2 - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefiction
authorGeorges Ohnet
titleSie will. ? Band 2
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeVierter Jahrgang. Band 17.
year1888
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correctorreuters@abc.de
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Achtes Kapitel

Mit dem Herbst wurden die großen Unternehmungen wieder aufgenommen. Enger verbunden als je, leiteten Lereboulley, Thauziat und Hérault die ersten Vorbereitungen für die Kabelgesellschaft, und häufige Konferenzen wurden in den Bureaus Lereboulleys in der Rue Le Pelletier abgehalten. Es waren gewisse Vorfragen zu lösen, ehe man sich definitiv auf dieses wichtige Unternehmen einließ. Die englischen Gesellschaften waren über den Konkurrenzversuch aufs höchste bestürzt und bereiteten sich zu einem Kampfe bis aufs Messer gegen das französische Unternehmen vor. Man mußte auf eine möglichst niedrige Taxe bedacht sein und deshalb das Kabel möglichst billig herstellen, wenn man den Kampf mit einiger Aussicht auf Sieg aufnehmen wollte. So wenigstens setzte Louis die Sache seiner Frau mit einem Aufwand an Einzelheiten und einer Weitschweifigkeit auseinander, welche Helene einen hohen Begriff von den sich vorbereitenden Arbeiten gaben. Indessen begann der Eifer, mit dem er bei jeder Gelegenheit von dieser Angelegenheit sprach und mit dem er sein immer häufiger werdendes Ausbleiben am Abend auf Rechnung dieser Beratungen setzte, der jungen Frau eine gewisse Unruhe einzuflößen, und eines Tages, als Emilie im Faubourg Poissonnière dinierte, hatte Helene sie mitten in der Unterhaltung gefragt: »Wird dein Vater des Kabels wegen nach Amerika gehen, wie er im Frühjahr wegen der Durchstechung des Isthmus nach Korinth gereist ist?«

Emilie hatte lachend erwidert: »Papa ist nach Korinth gegangen, um eine kleine Vergnügungsreise mit Lady Olifaunt zu unternehmen. Ohne die Jacht und ohne die reizende Dame auf derselben hätte er einen Vertreter geschickt. ... Uebrigens höre ich ihn nie von dem Kabel und von Amerika sprechen.«

»Aber die Herren bringen ja alle Abende zusammen zu, um den Gründungsplan festzustellen.«

Emilie warf einen raschen, prüfenden Blick auf die beiden: sie nahm an Helene eine gewisse Unruhe und bei Louis entschieden Verlegenheit wahr. Sie erkannte augenblicklich, daß ihre Freundin sie auf ein sehr gefährliches Gebiet zu leiten versuchte, und beugte deshalb schnell entschlossen jeder weiteren Frage mit der Bemerkung vor: »Das ist leicht möglich. ... Mein Vater spricht nie ein Sterbenswort von seinen Geschäften.«

»Wenn er dir erzählen wollte, was wir miteinander durchberaten haben,« sagte Louis, der seine Fassung wiedergewonnen hatte, »würde es dich auch nur gründlich langweilen. Es handelt sich ausschließlich um technische Details und unabsehbare Ziffernreihen. ... Denke dir ...«

»Gnade, mein lieber Louis,« rief Helene mit etwas erzwungener Heiterkeit. »Spare deine Auseinandersetzungen auf unser Alleinsein.«

Sie sah dabei ihren Gemahl mit einem innigen Blicke an, der befassen sollte: »Ich höre dir ja gern zu; denn das belehrt mich!«

Man ging rasch auf ein andres Thema über, allein nach Tisch entführte Emilie unter dem Vorwande, eine Cigarette rauchen zu wollen, Louis in sein Arbeitskabinett und richtete dort ohne alle Umschweife die Frage an ihn: »Du hast also Heimlichkeiten vor deiner Frau! Was sind das für Geschichten von Konferenzen, die du jeden Abend mit meinem Vater und Thauziat zu haben vorgibst? – Als ob mein Vater nach sieben Uhr, wenn er die Korrespondenz unterzeichnet, sich mit andern Dingen als mit seinen Vergnügungen beschäftigte! Solltest du etwa das Gleiche thun, mein Kleiner?«

»Du faselst! Was denkst du denn von mir?«

»O, mein Lieber, durchaus nichts, was bei deinem Charakter unwahrscheinlich wäre. Du hast das Glück gehabt, eine Frau mit dem Herzen eines Engels zu finden, und da ist die Möglichkeit groß, daß ihre Tugend dich langweilt, und du dem Laster nachläufst. Die Vorliebe für Gegensätze! ... Ihrer Liebe bist du sicher, deine Gedanken sind in dieser Richtung von keiner Sorge in Anspruch genommen, und du hast also Muße, dumme Streiche zu machen. Für dich wäre eine Frau notwendig, die dich unterm Daumen hielte und bei jedem Seitensprung ernste Maßregeln ergriffe; nur so würdest du im Zügel zu halten sein. Du würdest dann darauf bedacht sein müssen, dich zu verteidigen, und würdest keine Zeit finden, anzugreifen. Du bist zu glücklich – das ist die Moral von der Geschichte, und befindest dich auf bestem Wege, dies Glück zu untergraben.«

»Meine gute Emilie, der Vortrag, den du mir zu halten die Liebenswürdigkeit hast, ist ja wie gewöhnlich recht pikant und geistreich. Ich bin tief gerührt von der gnädigen Meinung, die du dir über meinen Charakter gebildet! Aber auch große Psychologen täuschen sich hie und da einmal. Ich bin durchaus kein solches Ungeheuer, wie du dir denkst, und wenn ich etwas häufiger ohne meine Frau ausgehe, als vielleicht am Platze, so sind doch die Zerstreuungen, die ich dabei suche, recht unschuldiger Art.«

»Es ist also doch etwas Wahres an meinen Vermutungen?« rief Fräulein Lereboulley aus.

»An deinen Vermutungen gar nichts, nur die Thatsachen sind richtig. Ich kann nicht behaupten, daß es sehr amüsant wäre, jeden Abend bei meiner Großmutter und Helene daheim zu sitzen, um so weniger, als meine Frau sich nach Tische mit dem Kinde in ihr Zimmer zurückzieht und mir nichts übrig bleibt, als mich auf einen Fauteuil auszustrecken und meine Cigarre zu rauchen. Um neun Uhr kommt sie dann allerdings wieder zum Vorschein, aber wenn ich dir auch mit Vergnügen zugebe, daß ihre Gegenwart beglückend und anziehend ist, so findet man das auf die Dauer doch ein wenig einförmig. Was siehst du also Schlimmes darin, wenn ich unter solchen Verhältnissen das Bedürfnis empfinde, mich zu zerstreuen, mir ein wenig Abwechslung zu verschaffen, um nicht ganz in dem Familienleben zu versumpfen?«

»Wohin gehst du denn gewöhnlich?«

»Meistens in den Klub!«

»Du spielst da wohl?«

»Nur wenig, sehr wenig. ...«

»Und du verlierst natürlich?«

»Das geht so auf und ab. Bald gewinne ich, bald verliere ich. Nichts Beunruhigendes, ein philisterhaftes Spiel, wie es einem Familienvater zukommt.«

»Du bist ganz sicher, daß du immer in den Klub gehst? Lüge mir nichts vor, ich erfahre doch die Wahrheit.«

»Wohin soll ich denn sonst gehen?« »Du sollst gewiß nicht, aber ich fürchte, du gehst! Wenn du nur in den Klub gehst, warum sagst du es dann nicht deiner Frau? Dabei ist ja doch nichts Schlimmes, und es wäre doch wahrhaftig besser, als ihr Unwahrheiten aufzubinden. Du wirst eines Tages schön hineinfallen oder von jemand ohne böse Absicht verraten werden, und dann ist es um Helenes Vertrauen zu dir geschehen und damit um ihr Glück.«

»Wenn ich ihr sage, daß ich in den Klub gehe, so beunruhigt sie sich – sie kennt das Leben nicht wie du und würde sich gleich vorstellen, daß ich da wieder mit einem Fuße in der Hölle stehe, der sie mich in ihrer Unschuld entrissen zu haben glaubt. ... Kurz, ich wollte Auseinandersetzungen vermeiden und habe es vorgezogen, ihre Ruhe nicht zu stören.«

»Wohl und gut! Dann laß es aber nicht dabei bewenden, diese äußerlichen Rücksichten zu nehmen, sondern laß dir ihre Ruhe in der That und Wahrheit heilig sein! Aber wir schwatzen schon eine Viertelstunde, ein noch längeres Zusammenbleiben würde Verdacht erregen; gehen wir in den Salon zurück!«

Diese Unterredung gab Emilie zu denken. Viel zu klug und erfahren, um die Auseinandersetzungen Louis' für bare Münze zu nehmen, nahm sie sich vor, herauszubekommen, was ihr Kamerad wirklich that. Sie wußte die Leute seiner Umgebung auszuforschen, und in acht Tagen hatte sie die Gewißheit, daß Louis die Abende, an welchen er sich seiner Familie entzog, bei Lady Olifaunt verbrachte. Helene ihrerseits war übrigens durch die Erklärungen ihres Gemahls ebensowenig getäuscht worden, aber, im Gegensatz zu Emilie, wollte sie ihren Argwohn keine Wurzeln schlagen lassen, und alle Bangigkeit und Angst, die sie quälten, schienen ihr leichter zu ertragen, als eine furchtbare Gewißheit. Sie fühlte, daß die Wahrheit den Verlust ihres Glückes bedeuten würde, und anstatt nachzuforschen, hielt sie sich Augen und Ohren zu. Die tapfere Frau hatte diese Schwäche!

Ihr Kind war ihr Trost, in seiner Nähe vergaß sie ihre Unruhe und ihren Argwohn; in dem Verkehr mit ihm zeigte sie sich in der ganzen Fülle und Vollendung ihres Reizes und ihrer Schönheit. Wie strahlten diese ernsten, stolzen Augen von weicher, hingebender Zärtlichkeit, wie war ihr ganzes Wesen verklärt und gehoben von heiliger, unsäglich süßer Mutterliebe, wenn sie ihren Knaben schlafend in den Armen hielt, wie in einer weichen und warmen Wiege, wenn sie mit halber Stimme Liedchen sang, um ihn einzuschläfern, oder in ausgelassenem Spiel mit ihm umhertanzte, daß der kleine Gesell ein über das andre Mal mit seinem Silberstimmchen hellauf jubelte, dann bot sie ein Bild von bezaubernder Poesie. Dort hätte Louis sie aufsuchen, dies Bild voll Schönheit und Liebreiz hatte er in sich aufnehmen müssen, um sich in Geist und Herz eins mit ihr zu fühlen. Wenn er sie gesehen hätte so jung, so hingebend, so überströmend zärtlich, so hätte eine neue Liebe für sie in seinem Herzen erwachen müssen, eine Liebe, zu der ihn Rührung und Ehrfurcht gezwungen hätten. Er würde begriffen haben, daß Helene nicht nur eine ausgezeichnete Gattin, sondern auch eine bewunderungswerte Mutter war, und daß, wenn die Bande ihrer gegenseitigen Liebe für einen Augenblick etwas gelockert waren, stärkere Ketten, von der Dankbarkeit geschmiedet, ihn an dieses vollendete Geschöpf fesseln mußten.

Aber anstatt ihr ins Schlafzimmer zu folgen, blieb er in seinem Rauchkabinett, eine Cigarre zwischen den Zähnen, oder im Salon, um eine Zeitung zu lesen. Vergeblich sagte ihm die alte Frau Hérault: »Sieh doch einmal zu, wenn man den kleinen Pierre in sein Bettchen legt. Du würdest über seine Artigkeit und Schönheit entzückt sein; das ist ein Kind zum Malen.«

Louis lächelte überlegen bei diesen Ausbrüchen großmütterlicher Eitelkeit und Schwäche, wie er sich ausdrückte, und gab irgend eine abgenutzte Redensart zur Antwort, z. B. es sei notwendig, die kleinen Einzelheiten der Kindererziehung dem Auge des Gatten zu verbergen, und andres dergleichen. Er wies auf die Einrichtung der englischen »nursery« hin, die von der eigentlichen Wohnung möglichst weit entfernt liege, damit nicht all der Spektakel, den die kleinen Schreihälse vollführen, die Eltern belästige.

»Aber, mein lieber Junge,« versicherte dann gewöhnlich die Großmutter, »dieser Kleine schreit nie, man hört ihn nur lachen und jauchzen, es ist ein Wunderkind. Und dabei gehalten wie ein Prinz! Ei – dieser junge Herr hat Spitzen ...«

»Gewiß, er ist sehr niedlich! Aber – schließlich ein Kind sieht so ziemlich aus wie das andre! Spaß macht er mir erst, wenn er zu sprechen anfängt.«

Frau Hérault seufzte bei dem Gedanken, daß ihr Enkel sich durch diese Lebensanschauung so viel süßer Freuden beraube, und da sie Louis nicht bewegen konnte, mit ihr in das Zimmer des Kleinen zu kommen, ging sie selbst mindestens zweimal hin und blieb in Entzücken versunken vor der Wiege des kleinen Pierre stehen. Sie betrachtete ihn, während er schlief, wie sich die kleine Brust in regelmäßigen Atemzügen hob, und bewunderte die blonden Locken, die zwischen den feinen Spitzen seines Häubchens hervorquollen, und die rosigen Fäustchen, die sich zusammenballten, als wollte das Kind sich an seinen süßen Schlaf festklammern.

Um diese Zeit pflegte Helene am Fenster zu sitzen und kleine wollene Söckchen zu stricken. Ihre Gedanken flogen dann oft weit fort aus diesem glückdurchströmten Zimmer, wo sich ihr tröstender Engel befand. Sie fragte sich, ob sie nicht, von mütterlichem Egoismus verleitet, unrecht thäte, ihren Gatten ihrem Kinde zu opfern. Denn edelmütig wie sie war, richtete sie zunächst ihre Vorwürfe gegen sich selbst und entschuldigte Louis fast wegen seines Fernbleibens. Sie begriff, daß dieses Gebundensein, welches ihr eine Quelle reinster Freude war, ihm nicht zusagen konnte, daß dieses Leben dem jungen Weltmanne eintönig erscheinen mußte. Andrerseits mußte sie sich freilich zugestehen, daß er es mit ein wenig Selbstüberwindung doch zur Not ertragen könne. That sie denn nicht alles, was in ihren Kräften stand, um ihm sein Daheim so angenehm wie möglich zu machen, und hätte sie ihren Zweck nicht erreichen müssen, wenn er nur weniger oberflächlich und leichtsinnig gewesen wäre? Sie zeigte sich ihm gegenüber stets heiter und anmutig, ja sie trug selbst eine gewisse Koketterie zur Schau, die ihr sonst fremd gewesen, und verwendete große Sorgfalt auf ihre Toilette. Verlorene Mühe: ihr Gatte küßte sie zerstreut, richtete ein flüchtiges Kompliment an sie, ohne zu wissen, was er eigentlich sagte, lebte aber sonst vollständig von ihr getrennt. Sie hielt sich deshalb aber noch nicht für verlassen, und sagte sich immer wieder: »Ich muß ein wenig Nachsicht mit ihm haben. Sobald die Klausur, die meine Mutterpflicht mir auferlegt, zu Ende, wird alles wieder werden, wie es gewesen,« und geneigt, wie sie war, immer nur das Gute in allem zu sehen, träumte sie schon von einem neuen Honigmond. Wie fern ihr solches Glück lag, sollte sie bald erfahren.

Seit Louis fast alle Abende ausging, war es ihr eine liebe Gewohnheit geworden, in das Zimmer ihres Gatten zu gehen und dort ein bis zwei Stunden allein zu bleiben. Es wollte ihr scheinen, als wäre sie ihm dort näher als anderswo und als ließe sie in dem schweigenden und leeren Raume etwas von ihrem Wesen zurück, einen Hauch ihrer Zärtlichkeit, der Louis schließlich rühren müsse. Sie ordnete die verschiedenen Kleinigkeiten, die auf dem Kamin standen, öffnete die Schränke und parfümierte seine Wäsche und Kleidungsstücke. Sie hätte so gern dem geliebten Manne selbst ihre Zärtlichkeit durch tausend kleine Dienste an den Tag gelegt; nun ordnete und liebkoste sie wenigstens mit leiser Hand die Dinge, die ihn umgaben und ihm dienten. Wenn sie dann ihre Arbeit als aufmerksame Hausfrau vollendet, setzte sie sich auf den Fauteuil Louis' und nahm die Broschüre oder das Buch, welches sie gerade aufgeschlagen vorfand, vom Tisch, um sich in den Geist des Abwesenden hineinzudenken und sich so mit ihm in eine innerliche Verbindung zu setzen. Manchmal geschah es ihr, daß sie gar nicht gewahr wurde, wie die Stunden verflossen, und eines Abends hörte sie ihren Gemahl, eine Operettenmelodie trällernd, heimkehren. Sie hatte gerade noch Zeit, sich zu erheben und mit ihrer Lampe hinauszueilen, da sie nicht in diesem Zimmer überrascht werden wollte, in dem sie ihm vielleicht als unberechtigter Eindringling erschienen wäre.

Louis hatte keine Ahnung von der häufigen Anwesenheit seiner Frau in diesen Räumen. Das zarte und milde Parfüm, das sie dort zurückließ, wenn sie sich wie eine gute Fee, die in der Stille wacht, leicht und schweigend aus dem Zimmer zurückzog, war von ihm unbemerkt geblieben. Er fand stets alles in vollkommener Ordnung vor, aber er forschte nicht nach der Hand, die so umsichtig und leise alles für ihn zurechtlegte. Vielleicht hatte er nicht einmal bemerkt, wie unendlich viel besser alles im Hause gehalten war, seit sie darin waltete. Er war keine besonders ordnungliebende Natur und ließ Schlüssel, Geld und Papiere sich in seinen Taschen, auf dem Kamin und in allerhand Schalen und Vasen herumtreiben.

Eines Abends – es fand eine Première im Palais Royal statt – war Louis sofort nach Tische ausgegangen. Helene hatte sich, nachdem sie ihren Knaben ins Bett gebracht und ihre Partie Karten mit Frau Hérault gespielt, mit schwerem Herzen in den kleinen Salon zurückgezogen, welcher vor dem Schlafzimmer ihres Gatten lag, und sich dort eingeschlossen. In der Einsamkeit des schwach beleuchteten Raumes waren plötzlich alle Sorgen, die sie seit langer Zeit halb unbewußt in sich trug, mächtig auf sie eingestürmt, und ohne daß sie sich hätte Rechenschaft geben können, weshalb ihr Herz gerade heute von so namenloser Angst erfüllt war, sank sie in einen Fauteuil und brach in leidenschaftliches Weinen aus. Es war, als ob sie ein nahes Leid vorausfühle, oder als ob sie plötzlich zum Bewußtsein eines bereits geschehenen Unglücks erwacht wäre.

Tapfer und vernünftig, wie sie war, raffte sie sich nach einer halben Stunde wieder auf: sie fragte sich, was eigentlich der Grund dieser plötzlichen Schwäche sei, und da sie keinen anzugeben fand, schob sie dieselbe einer nervösen Aufregung zu. Verstimmt darüber, daß sie ihr körperliches Befinden in so ungewohnter Weise über sich hatte Herr werden lassen, richtete sie sich auf und nahm ihre ganze Fassung wieder zusammen. Sie wollte sich durch mechanische Beschäftigung zerstreuen und trat in das Schlafzimmer ihres Mannes. Mit einem Lächeln auf den Lippen sah sie es in derselben Unordnung, in der er es verlassen. Die Dienstboten befanden sich noch in der Küche, wo sie sich bei einem etwas lang ausgedehnten Mahle von des Tages Last und Mühe zu erholen pflegten, und waren noch nicht dazu gekommen, das Zimmer in Ordnung zu bringen. Sie hob die auf dem Teppich verstreuten Kleidungsstücke auf, und als sie auf einem Leuchter eine Menge durcheinander geworfener Papiere erblickte, raffte sie dieselben zusammen, um sie in eine Schublade zu legen. Dabei fiel ihr eine Karte aus Pergamentpapier, die in der Ecke in stahlblauen gotischen Lettern eine lateinische Devise trug, in die Augen. »Amo et odi« lautete die Devise, und auf der Karte standen in einer steifen und großen Handschrift geschrieben die Worte: »Morgen um drei Uhr, Rue de Moscou.« Keine Unterschrift.

Helene ließ die Papiere auf den Tisch zurückfallen und behielt nur das kleine Stück Pergamentpapier in der Hand. Sie vermochte ihre Augen nicht von demselben zu wenden. Die Devise, die sie nicht ganz verstand, schien sich mit ihren metallischen Lettern von changierendem Blau wie eine Viper zu ringeln, und dumpf fühlte sie im Herzen den Biß dieser vergifteten Buchstaben. Unwillkürlich brachte sie die Karte an ihr Gesicht, und das schwache Parfüm, das diese ausströmte, stieg ihr betäubend zu Kopf. Helene hatte die Gewißheit, daß diese Karte von einer Nebenbuhlerin kam. Ein Blutstrom färbte ihre Wangen purpurn, ihre Hände wurden zu Eis, und alles schien sich um sie zu drehen. Eine schreckliche Angst erfaßte sie und im bangen Vorgefühl einer Ohnmacht streckte sie die Hand nach einer Karaffe aus, die auf einer Platte in der Nähe stand, benetzte ihr Taschentuch und preßte es an ihre Stirn.

Allmählich wurde sie ihrer Sinne wieder mächtig und studierte aufs neue die Karte, welche in der Rätselschrift ihrer Lettern das für ihr ganzes künftiges Dasein verhängnisvolle Wort barg. Morgen um drei Uhr. ... Warum mußte denn die Verabredung eine verbrecherische sein ? Inwiefern war sie berechtigt ohne weiteres anzunehmen, daß die Frau – da nun einmal kein Zweifel darüber bestehen konnte, daß eine Frau die Karte geschrieben – eine Geliebte war? Der Duft, der dem geheimnisvollen Blatte entströmte, bekämpfte all ihre Zweifel und schien ihr unwiderleglich zu beweisen, daß nur eins jener Geschöpfe, die durch sinnlichen Reiz den Mann zu bestricken und zu fesseln wissen, diese Zeilen geschrieben haben könne, deren giftiger Hauch wohl darauf berechnet war, sündige Erinnerungen zu wecken. Ja, es war eine Geliebte! Aber aus welcher Zeit datierte diese Karte?

Hatte er sie heute morgen oder heute abend empfangen? War er, als er heute heimgekehrt, von seinem Rendezvous gekommen, aus den Armen jener Frau, noch berauscht von ihren Küssen? Oder wollten sie sich erst morgen um drei Uhr in der Rue de Moscou treffen? Rue de Moscou! Wo? In welchem Hause? Er mußte dasselbe schon kennen, da sie ihm die Nummer nicht besonders angab! Da man ihm den Ort bezeichnete, wo er sie an jenem Tage treffen sollte, mußte er sie auch anderwärts sehen können. Alle diese Gedanken kamen Helene nacheinander in logischer Folge; sie sah klar in dem sorgsam um sie gebreiteten Dunkel und wollte noch klarer sehen. Sie eilte zu dem Bücherschrank und suchte nach einem lateinischen Lexikon. Das Wort »odi« war für sie der dunkle Punkt des Rätsels, und es schien ihr, daß sich, sobald sie dasselbe verstünde, das Dunkel lichten würde. Sie fand das gesuchte Buch, und indem sie es bei dem Scheine der Wachskerze eifrigst durchblätterte, murmelte sie das geheimnisvolle Wort vor sich hin, als fürchtete sie, es aus dem Gedächtnis zu verlieren.

»Odi – odi – odi! Ah da! Odi – ich hasse!«

Sie sah auf die Karte und las: »Amo et odi!« Dann übersetzte sie: »Ich liebe und hasse.« Sie stellte das Lexikon auf seinen Platz zurück, schloß den Bücherschrank und kehrte totenbleich in das Zimmer ihres Gatten zurück und plötzlich erschien das Bild der blonden Frau, welcher sie mit Emilie zum erstenmal in der Ausstellung begegnet war, vor ihren geistigen Augen, und sie erinnerte sich, welch einen haßerfüllten Blick dieselbe auf sie geworfen hatte. Alle Ungewißheit war für sie vorüber, kein Zweifel mehr möglich: sie war es, und nur sie konnte es sein: Diana Olifaunt. Die Liebe und der Haß, die sie so vermessen vor aller Welt kundzuthun wagte, hatten Louis und sie zum Gegenstand; ihm galt die Liebe, ihr der Haß.

Jetzt litt die klar und hellsehende junge Frau nicht mehr unter bangen Vorgefühlen, sondern ein wirklicher, wohlberechtigter Schmerz preßte ihr das Herz zusammen, nun wußte sie, was jene ahnungsvolle Traurigkeit zu bedeuten gehabt, und ein heiliger Zorn loderte in ihr auf gegen das Weib, das zum Räuber ihres Glückes geworden. Alles, was sie seit achtzehn Monaten erlebt, stieg wieder vor ihr auf; mit der festen Entschlossenheit eines überlegenen Geistes maß sie die Wirkungen und beurteilte die Ursachen. In dieser Stunde erkannte sie die Richtigkeit der Ratschläge, die ihr gegeben worden, und denen sie nicht gefolgt war. Sie erinnerte sich, daß Emilie ihr vor der Heirat das, was kommen mußte, vorhergesagt, Sie holte sie noch sagen: »Louis ist ein Kind ... heiraten Sie Thauziat!«

Thauziat! Sie sah sein schönes Gesicht vor sich, wie ein düsteres und trauriges Phantom, das sich immer wieder in ihre Erinnerung drängte. Auch er litt, auch er war unglücklich. Wie er den kleinen Pierre betrachtet hatte, an dem Tag, als er in die Kirche gekommen war, und mit welchem Tone er, auf das Kind deutend, gesagt hatte: »Ich wünsche, er möge ganz seiner Mutter gleichen,« Wäre sie an seiner Seite glücklicher geworden? Ja, ganz sicher; das gestand sie sich jetzt selbst ein. Sie allein wäre der Mittelpunkt seines Denkens und Handelns geworden, er hätte sie als seine einzige Gottheit verehrt und ihr sein ganzes Sein zu Füßen gelegt.

Die Thränen traten ihr in die Augen bei diesem Gedanken. Zornig und beschämt trocknete sie dieselben, schon dieser unfreiwillige Rückblick auf die Vergangenheit schien ihr ein Verrat an ihrem Gatten, Wenn er auch schuldig war, so hatte sie doch noch keinesfalls das Recht, ihre Gedanken abschweifen und irre gehen zu lassen, wie er es seinem Herzen gestattete. Das Gefühl ihres grenzenlosen Unglücks lastete centnerschwer auf ihr, wie wenn all das, was sie hinter dieser Entdeckung an Feigheit, Schande und Treulosigkeit ahnte, zu einer ungeheuren Last zusammengehäuft, mit einem Male auf sie herniedergestürzt wäre, um sie zu zerschmettern. Sie stieß einen tiefen Seufzer aus; dann ward sie sich plötzlich wieder bewußt, wo sie sich befand und daß sie hier am wenigsten in ihrer Verstörung überrascht werden möchte, und festen Schrittes ging sie in den von ihr mit dem Kinde bewohnten Flügel hinüber.

Sie durchschritt rasch ihr von einer Nachtlampe erleuchtetes Schlafzimmer und trat in das des kleinen Pierre. Mit einer Handbewegung hieß sie die Wärterin gehen. Dann setzte sie sich neben die Wiege nieder, lehnte ihr Haupt an das Eisengestell, an welchem die Vorhänge befestigt waren, in deren Schatten das Kind ruhig schlummerte, und hier endlich ließ sie den Klagen ihres tiefverwundeten Herzens freien Lauf. Sie litt fürchterlich, und doch regte sich kein Gedanke des Grolles gegen Louis in ihrer Seele. Sie hatte ihre Hände zum Gebete gefaltet, das in einfachen, rührenden, hingebungsvollen Worten zum Himmel stieg. »Mein Gott,« flüsterte sie, »du siehst mein Leid; ich bitte dich nur um einen Trost in dieser Welt, erhalte mir mein teures Kind. Solange ich ihn mir zulächeln sehe, solange seine kleinen Arme sich mir entgegenstrecken, habe ich kein Recht zu verzweifeln und will alles mit Ergebung tragen. Mein Sohn wird mein Trost sein, und vielleicht gelingt es mir, durch ihn seinen Vater zu mir zurückzuführen.«

Ihre Thränen rollten auf das Kopfkissen, und einer dieser heißen Tropfen fiel auf die Stirn des Kindes. Es ward unruhig, drehte das Köpfchen und schlug einen Augenblick die Augen auf. Als es seine Mutter erkannte, lächelte sein kleiner Mund, und sein Auge strahlte in sonniger Bläue. Darauf schlief es ruhig wieder ein und kehrte zu seinem Traume zurück. Plötzlich fielen der Mutter die rosigen Kügelchen des Korallenkolliers an dem weißen Hälschen in die Augen, desselben Kolliers, das Lady Olifaunt ihm am Tage nach ihrem Zusammentreffen in der Kirche geschickt hatte. Es war ihr, als ob dieses Geschenk vergiftet sei, wie alles, was von dieser Frau kam. Sie löste behutsam das Kettchen von dem Halse des schlafenden Kindes, näherte sich dem Herde, wo noch ein helles Feuer brannte, und warf es heftig in die Flammen. Dann setzte sie sich wieder neben die Wiege und fuhr fort, den Schlaf des Kindes zu überwachen.

Am nächsten Tage zeigte sich Louis beim Dejeuner sehr heiter und mitteilsam. Er trug eine überschäumende Freude im Herzen und wußte sie nicht zu verbergen. Die Blässe seiner Frau fiel ihm natürlich nicht auf, gehörte er doch jenen liebenswürdigen Egoisten an, die ohne weiteres annehmen, die ganze Welt müsse vergnügt sein, wenn sie es sind. Er scherzte mit seiner Großmutter und setzte Helene seine Finanzprojekte auseinander; kurz, er zeigte sich äußerst gnädig und erhob sich von der Tafel mit dem Bewußtsein, seiner Umgebung gegenüber ein großes Wohlwollen an den Tag gelegt zu haben.

Ein weniger oberflächlicher Beobachter als Louis hätte Helenes kaum beherrschte Aufregung bemerken müssen. Sie hatte kein Wort gesprochen und das Frühstück kaum berührt, ein brennendes Fieber verzehrte sie, und jeden Augenblick setzte sie ihr mit Wasser gefülltes Glas an die Lippen, um das Feuer, das in ihrer Brust tobte, zu löschen. Sie hörte mit bitterm Lächeln das liebenswürdige Geplauder ihres Gatten an und sagte sich, daß nur die Freude, seine Geliebte am vorhergegangenen Tage gesehen zu haben, oder das Entzücken, sie heute noch zu treffen, ihn so anrege. Seine Heuchelei empörte sie. Sie hätte rohe und brutale Szenen diesen Lügen vorgezogen. Wenn er sich plötzlich vor sie hingestellt, ihr gerade ins Gesicht gesehen und gerufen hätte: »Genug der Täuschungen! Ich liebe eine andre Frau und gehe jetzt zu ihr!« so würde sie gesagt haben: »Recht so! Das ist grausam, das ist schlecht! Aber es ist wenigstens nicht feige. Du brichst mir das Herz, aber du stiehlst mir nicht mein Vertrauen, du besudelst mich nicht mit Küssen, die eine andre mit mir teilt.«

Louis war kein solcher Held. Er setzte die Komödie fort, und während er heiter und unbefangen zu plaudern schien, waren seine Gedanken weit von hier. Als er von Tisch aufgestanden, ging er zu seinem Sohne, was er sonst nicht alle Tage zu thun pflegte. Helene folgte ihm in das Zimmer des Kindes, gespannt, zu sehen, ob der Verrat so vollkommen den Schein der Ehrenhaftigkeit annehmen könnte. Louis scherzte mit seinem kleinen Knaben, lächelte ihm zu, küßte ihn, schwenkte ihn auf seinen Armen mit aller Zärtlichkeit und herzlichen Freude eines ausgezeichneten Familienvaters. Die Ruhe und Sicherheit ihres Gemahls ließen fast in dem Geiste der jungen Frau Zweifel aufkommen, und sie fragte sich, ob sie nicht etwa geträumt habe. Um sich Gewißheit zu schaffen, wendete sie sich mit der raschen Frage: »Was hast du heute vor?« an ihn. Louis blickte nicht ohne eine gewisse Unruhe zu ihr auf, als ob er aus dem Tone ihrer Worte eine Drohung herausgehört hätte, und sagte: »Weshalb fragst du mich das?«

»Weil ich mit Emilie verabredet habe, heute nachmittag die Stoffe für die Tapezierung meines kleinen Salons auszuwählen, und gern deine Meinung über dieselben gehört hätte.«

»Um welche Zeit geschieht das?«

»Um halb drei Uhr!«

Er gab sich Mühe, verstimmt und ärgerlich dreinzusehen, als er erwiderte: »Oh – wie leid mir das thut, daß ich euch nicht begleiten kann – ich wäre sehr, sehr gern mit dir gegangen ... wir gehen so wie so viel zu selten miteinander aus ... aber das Geschäft geht allem vor. ... Man erwartet mich in Saint Denis.« »Kannst du nicht Nachricht geben lassen, daß du abgehalten seiest, zu kommen? Es ist erst ein Uhr, also noch hinreichend Zeit, und ich wäre so glücklich!«

Helene hatte diese letzten Worte in einem Tone rührender Bitte ausgesprochen. Dieses Mal sah er sie nicht an; auf seinen Zügen spiegelte sich ein heftiger Kampf; er schien zu zögern, aber nach wenigen Sekunden antwortete er mit unsicherer, heiserer Stimme: »Entschuldige mich, es geht wirklich nicht. Es stehen ernste Interessen auf dem Spiel!«

»Gut,« sagte Helene ruhig, während ihr Herz zum Zerspringen klopfte.

Er näherte sich ihr, als ob er sie um Verzeihung bitten wollte, und sie an sich ziehend, küßte er sie inniger als sonst auf die Stirn. Sie wand sich heftig los, die Thränen stiegen ihr in die Augen, aber sie drängte sie mit Aufwendung ihrer ganzen Willenskraft zurück und hatte Selbstbeherrschung genug, ihm mit ruhiger Miene zu sagen: »Also auf Wiedersehen heute abend!« Darauf ging sie rasch in ihr Zimmer.

Jetzt war für sie der letzte Zweifel beseitigt, allein sie wollte vollkommene Gewißheit haben und ihre Rivalin kennen lernen. Sie kleidete sich in aller Eile an, setzte ihren Hut auf, band einen Schleier vor, der dicht genug war, ihre Züge unkenntlich zu machen, und fuhr nach dem Hotel Lereboulley. Ihr war der Gedanke gekommen, Emilie alles zu enthüllen. Als sie Louis gesagt, daß sie mit Fräulein Lereboulley ein Rendezvous habe, war der Entschluß, dieselbe um Rat und Beistand zu bitten, schon gefaßt. Ihr Vertrauen zu Emilie war ein unbegrenztes, und sie bewunderte die Klugheit und Weltkenntnis ihrer Freundin. Keiner andern hätte sie die blutende Wunde ihres verletzten Herzens zeigen mögen, aber Emilie war ja eingeweiht in alle Bedenken, die sie vor ihrer Verheiratung empfunden. Für sie gab es kein Geheimnis in dem Leben des jungen Paares, Vielleicht hatte Fräulein Lereboulley mit ihrem Scharfsinn und ihrem Beobachtungsgeist die Lösung des Rätsels, nach der Helene suchte, bereits in Händen. Vielleicht konnte sie durch die Freundin alles erfahren und so jedem erniedrigenden Nachforschen, dem ihrer unwürdigen Spionieren enthoben sein! Ja, sie mußte sie befragen, sie anflehen, ihr alles zu gestehen, was sie wußte! Und in ihrer Hast, ihr ganzes Unglück klar kennen zu lernen, hätte sie den Lauf des Pferdes beflügeln, den Raum durchfliegen mögen, um diese selbstquälerische Neugierde befriedigt zu sehen.

Der Wagen hielt: Helene sprang heraus, entließ den Kutscher und fragte voller Ungeduld, ob Fräulein Lereboulley zu Hause wäre. Der Portier antwortete bejahend und drückte an die elektrische Klingel. Ein Diener erschien auf der Rampe des Hauses.

»Das gnädige Fräulein ist in ihrem Atelier,« sagte der Bediente, und Frau Hérault voranschreitend, führte er sie zum zweiten Stockwerk hinauf, öffnete eine Thür und zog sich ehrerbietig zurück.

Emilie saß vor ihrer Staffelei und legte eben die letzte Hand an ein reizendes Blumenstück. Auf dem Tische vor ihr lagen in wirrem Durcheinander Rosen, Orchideen, Hyazinthen . und Farnkräuter, die ihr als Modell dienten. Als sie beim Aufgehen der Thür den Kopf wendete und Helene erkannte, ließ sie einen Ruf freudiger Ueberraschung aus. Die Palette am Daumen der linken Hand, eilte sie der jungen Frau entgegen, küßte sie, zog sie mit sich vor ihr Gemälde und hieß sie sich setzen. Und als Frau Hérault ihren Schleier hob und ihr vor Angst und Aufregung bleiches Gesicht zeigte, fragte sie besorgt: »Was ist vorgefallen? Weshalb siehst du so verstört aus?«

Helene senkte das Haupt und war so bewegt, daß sie keine Worte fand. Daß das Geständnis ihres Unglücks und des Verrates ihres Gatten ihr so schwer fallen würde, hatte sie nicht gedacht, als sie hilfesuchend hierher geeilt war. Aber Emilie ahnte ja bereits, was Helene ihr mitzuteilen zögerte, und erleichterte ihr das traurige Bekenntnis, indem sie selbst zu fragen anfing: »Bist du wegen deines Mannes in Sorge?«

»Ja,« antwortete Helene, und nachdem sie dieses Ja ausgesprochen, floß der Strom der Worte leichter von ihren Lippen, und sie legte der Freundin alle Beweisgründe für ihren Argwohn vor. Vergeblich suchte Fräulein Lereboulley Einwendungen gegen dieselben geltend zu machen und die Ueberzeugung der jungen Frau zu erschüttern. Konnte schließlich das verräterische Billet und Louis' Weigerung, Helene die für ihre Besorgungen bezeichnete Stunde zu widmen, nicht in einem rein zufälligen Zusammenhange stehen?

Die Karte war nicht datiert. Vielleicht war sie für den vorhergehenden Tag bestimmt gewesen. Was bewies dann, daß Louis der Einladung wirklich gefolgt war? Und wer konnte schließlich wissen, ob Louis, selbst wenn das Rendezvous für heute gegeben war, dasselbe wirklich einhalten würde?

»Das werde ich erfahren,« sagte Frau Hérault.

»Und auf welche Weise?«

»Ich werde ihm auflauern,«

»Meine Liebe, das wirst du nicht thun!«

»Ich werde es thun, zweifle nicht daran, es müßte denn sein, daß du mir die Frau nennen könntest, mit der Louis mich auf so unwürdige Weise betrügt!«

»Woran sollte ich sie erkennen?«

»An ihrem frechen Wahlspruch, der ein sehr passendes Motto für eine Dirne ist!« rief Helene.

Sie zog ihr Visitenkartentäschchen hervor, entnahm demselben ein kleines Stück Papier, auf welches sie die lateinische Devise geschrieben, und reichte es ihrer Freundin.

Diese wurde sehr ernst: sie hatte den Wahlspruch Lady Olifaunts erkannt. Lange betrachtete sie das Papier, als ob sie jeden Buchstaben einzeln studierte. So wäre denn also die Stunde bittrer Prüfungen für die arme Helene gekommen, dachte sie. Alle Qualen der Eifersucht hat sie bereits kennen gelernt, und nun wird sie alle Erniedrigung des Verlassenseins erfahren. Und diese furchtbare Diana ist es, die ihr mit kalter Grausamkeit das Gift tropfenweise einflößen wird.

Ein Zittern überlief sie, wenn sie bedachte, vor welchem Abgrund die arme junge Frau stand und wie ein einziger Schritt genügte, sie in die grauenvolle Tiefe zu stürzen. Diana war, um zu ihrem Ziele zu gelangen, zu allem fähig; sie schreckte auch nicht vor dem entsetzlichsten Verbrechen zurück. Wenn ein Kampf sich zwischen den beiden Frauen entspinnen würde – und Helene war fähig und bereit, einen solchen aufzunehmen – so war das Aeußerste zu befürchten. Emilie hielt es für geraten, so lange wie möglich den Argwohn der Gattin zu beschwichtigen und die Entdeckung der Maitresse zu verhindern. Zu diesem Zweck durfte sie Helene nicht sich selbst überlassen; sie mußte sie begleiten und ihre Pläne zu vereiteln suchen.

»Mir ist dieser Wahlspruch nicht bekannt,« sagte Emilie, indem sie den Kopf wieder erhob, »Aber er kann ebensogut der eines Mannes, als der einer Frau sein.«

»Die Handschrift, das Parfüm, alles deutet auf eine Frau,« fiel Helene erregt ein, verletzt von dem unvorhergesehenen Widerstand, welchen ihr Fräulein Lereboulley entgegensetzte.

»Nehmen wir also an, es sei eine Frau! Sie gibt heute um drei Uhr deinem Manne ein Rendezvous in der Rue de Moscou. Ich gebe auch das zu. Was aber willst du dort thun? In der Rue de Moscou warten – aber was denn erwarten?«

»Das Erscheinen meines Mannes mit dieser Frau!«

»Aber wenn die Frau in dem betreffenden Hause wohnt und nicht herauskommt?«

»Das ist nicht der Fall! Wenn sie dort wohnte, würde sie auf der Karte die Rue de Moscou nicht besonders bezeichnet haben. Es kann nur ein Rendezvous am dritten Orte sein.«

Emilie konnte ein Lächeln nicht zurückhalten.

»Das ist logisch,« sagte sie, »der Gram hat deinen Verstand wenigstens nicht getrübt.«

»O, er bringt mich außer mir,« rief Helene heftig, »er verzehnfacht meine Kräfte. ... Glaube ja nicht, daß ich zu den Frauen gehöre, die zu ihrer Verteidigung nur Thränen haben und keine andern Waffen kennen. Ich werde kämpfen für mich, für mein Kind und für die Ehre meines Gatten. Nicht vom Gesetze werde ich Schutz verlangen: ich will weder Trennung noch Scheidung! ... Ich will meinen Gatten, der mir gehört, den ich liebe trotz seiner Thorheiten und den ich zu mir zurückführen will. Mein Herz leidet grausam darunter, ihn von mir entfernt zu sehen, aber es würde noch viel schrecklicher leiden, wenn ich ihn für immer verlieren sollte. Nur deshalb wünsche ich alles zu wissen. Nicht um nach gerichtlichen Beweismitteln zu suchen, nicht um Gründe zu Beschuldigungen und Anklagen zu finden, sondern um die kennen zu lernen, die ich zu bekämpfen habe, und um zu lernen, wie ich sie besiegen kann.«

Fräulein Lereboulley blickte mit dem Ausdruck inniger Rührung und Bewunderung auf die junge Frau, deren Augen von Mut und Entschlossenheit blitzten und von deren geistvoller Sinn die Thatkraft leuchtete. Ihre Hände zuckten kampfbegierig, in ihrem ganzen Wesen drückte sich so viel Kühnheit aus, daß Emilie aufs neue Hoffnung schöpfte. Warum sollte Helene, schön, jung, stark und mutig, nicht über diese schändliche Diana triumphieren können! Aber ach, bleibt das Laster nicht immer Sieger auf dieser schnöden Welt? Wußte sie das nicht zu gut, sie, die seit ihrer Kindheit um ihren Vater so viele Frauen sich hatte bemühen sehen, die von ihrer Schönheit lebten und dank ihrem Luxus und ihrer Eleganz überall empfangen wurden und die von der Welt, statt verworfen zu werden, gefeiert wurden? Ein Gatte, dessen Name ihr niedriges Treiben deckte, ein wenig Rücksicht auf die äußeren Formen des Anstands, und es ließ sich mitten in der Gesellschaft ein sauberes Handwerk treiben, und die verlassene Gattin, die tiefbekümmerte Mutter hatte nicht das Recht, die Frau von ihrer Schwelle zu weisen, die ihr mit schamloser Frechheit begegnete und überall Schmerz, Trauer und Elend verbreiten konnte.

Und war von allen diesen verkommenen Frauen Diana nicht die furchtbarste, raubgierigste, ruchloseste? Mit ihr wollte Helene den Kampf aufnehmen, ohne einen andern Bundesgenossen, als ihren Stolz, ihre Tapferkeit und ihre Intelligenz! Verlassen von dem, der ihr Beschützer hätte sein sollen, und der selbst ihrer Feindin die Stelle verriet, wo die tödliche Wunde sein Weib treffen konnte! War aber ihre Sache nicht gerecht und groß? War der Mut, mit dem sie diesen Kampf aufnahm, anstatt sich feige in ihr Schicksal zu ergeben, nicht so edel und hoch, daß die Freundin ihr mit aller Kraft und aller Treue zur Seite stehen mußte?

Emilie beschloß, vor allem einen Zusammenstoß zwischen Louis, Diana und Helene zu vermeiden. Wenn das Rendezvous wirklich für diesen Tag angesetzt war, so mußte sie um jeden Preis verhindern, daß die drei Gegner unvorbereitet zusammentrafen, vielleicht auf einer Treppe, wo sie der Neugierde der Vorübergehenden oder der Schwatzhaftigkeit der Bedienten ausgesetzt wären. Sie entschloß sich deshalb, Frau Hérault zu begleiten, um durch alle Mittel, die ihr zu Gebote standen, einem Skandal vorzubeugen.

Helene ging in fieberhafter Aufregung in dem Atelier auf und ab. Fräulein Lereboulley erhob sich und sagte lächelnd: »Du willst also durchaus nach der Rue de Moscou fahren? Gut denn! Aber allein lasse ich dich nicht gehen: ich begleite dich, obwohl ich von vornherein überzeugt bin, daß du an dem bezeichneten Orte niemand treffen wirst. Auf alle Fälle will ich in deiner Nähe bleiben, um dich abzuhalten, irgend eine Thorheit zu begehen.«

Helene antwortete nicht, aber sie umarmte ihre Freundin innig. Die Jungfer brachte Emilie Hut und Mantel. Sie stiegen die Treppe hinab.

»Du hast deinen Wagen nicht warten lassen? Das ist eine kluge Vorsichtsmaßregel. Wir nehmen eine Droschke – es ist erst halb zwei Uhr, wir haben also noch genügend Zeit!«

Bald saßen sie in einem Mietswagen und rollten in dem bekannten Droschkengaultempo der Place de l'Europe zu. Helene, welche einst mit ihrer Mutter am Boulevard de Batignolles gewohnt hatte, kannte dieses Stadtviertel sehr genau. Um ihren Ueberfall möglichst geschickt ins Werk zu setzen, wollte sie den Wagen in der Mitte der Straße halten lassen, so daß sie dieselbe nach beiden Richtungen hin vollständig überblicken konnte. Da sie gute Augen hatte, konnte sie jede Person erkennen, die entweder von der Place de l'Europe oder von dem Boulevard herkam. Wußte sie dann, in welches Haus ihr Gatte getreten war, so hatte es keine großen Schwierigkeiten mehr, Louis und seine Genossin beim Herauskommen zu überraschen. Emilie wußte keinerlei Einwände gegen diesen Schlachtplan zu erheben. Der Wagen hielt also an der von Helene bezeichneten Stelle, und beide warteten in lebhafter Spannung.

Frau Hérault hielt ihre Augen unausgesetzt nach der Seite des Boulevard gerichtet, von wo, wie ein Vorgefühl ihr sagte, Louis kommen würde, Fräulein Lereboulley beobachtete durch das kleine Fensterchen im Hintergrunde des Wagens den Eingang der Straße von dem Platze her. Sie wechselten kein Wort, aber ihre hastigen Atemzüge verrieten die Aufregung, in der sie sich beide befanden. Von Zeit zu Zeit zog Helene ihre Uhr heraus, es schien ihr, als schlichen die Stunden heute in einem wahren Schneckengange. Es war gegen dreiviertel auf drei Uhr geworden, als Emilies scharfes Auge Diana erblickte, die, in einem sehr einfachen grauen Kleide, dicht verschleiert, aber an ihrem Gange leicht erkennbar, auf dem Trottoir daherkam, neben dem ihr Fiaker hielt. Sie ging gelassenen Schrittes zu dem Rendezvous, ohne jede Ueberstürzung, wie eine Person, der so etwas nichts Neues ist. Etwa zwanzig Meter von dem Wagen trat sie in einen Thorweg und verschwand in dem Hause.

Emilie zuckte nicht mit einer Wimper. Sie hatte Helene das Versprechen gegeben, sie in Kenntnis zu setzen, wenn sie irgend jemand oder irgend etwas Verdächtiges erblicken würde; aber sie kam demselben absichtlich nicht nach. Wenn Louis von derselben Seite kommt, sagte sie sich, so ist für heute alle Gefahr vorüber. Heute abend habe ich dann Zeit, ihn von dem, was vorgeht, zu benachrichtigen, damit er sich nicht verrät, wenn seine Frau ihn ausfragt, und kann versuchen, ihn mit guten Worten auf den rechten Weg zurückzuführen. Ein Ausruf Helenes unterbrach sie in ihren Betrachtungen: sie wandte sich um. Ihre Freundin hatte sich in den Wagen zurückgeworfen und wies mit der Hand nach dem Boulevard. Emilie warf einen Blick nach der ihr angezeigten Richtung und bemerkte Louis, der ruhig, mit einem Lächeln auf den Lippen, die Hände in den Taschen seines Paletots, daherkam. Er ging an dem Fuhrwerk vorüber, und sein Blick schweifte achtlos über die zwei dichtverschleierten Frauen hin, die in demselben halb im Dunkeln saßen, er erkannte sie nicht und schritt gemütlich weiter. Hinter ihm beugte sich Helene zitternd aus dem Wagenfenster und sah ihn in das Haus eintreten, in dem Diana verschwunden war. Sie wollte aus dem Wagen steigen, aber Emilie faßte sie am Arm und fragte sie: »Was willst du thun?«

»Ich will mich erkundigen, ich will nachforschen, erfahren. ...«

»Bei wem willst du dich erkundigen? Bei den Dienstboten, bei dem Portier? Bei Leuten, die natürlich deine Aufregung bemerken, sich verwundern, erschrecken und deinen Mann in Kenntnis setzen? ... Nein! Das geht nicht! ... Laß mich für dich handeln: ich bin kaltblütig und werde alles besser und leichter erfahren, als du, ... Erwarte mich hier, ich werde nicht lange ausbleiben.«

»Gut, ich werde dich hier erwarten!«

Emilie stieg aus der Droschke und trat in das Haus, in welchem sie Louis und Diana hatte verschwinden sehen. Auf dem Hofe sah sie einen Stallknecht, der einen Viktoriawagen wusch; der Portier saß, den Besen zwischen den Knieen, auf einer umgestülpten Wanne daneben und schwatzte. Das junge Mädchen trat in die Portierloge, wo sie eine kleine, magere Frau mit verschlagenem Gesichtsausdruck, dem richtigen Typus der Portiersfrau eines verrufenen Hauses, sitzen sah. Als sie Emilies Eintreten bemerkte, erhob sich dieselbe. »Ich möchte Sie um eine Auskunft bitten,« sagte Emilie. Sie öffnete bei diesen Worten ihre goldmaschige Börse, nahm zwei Louisdor heraus und legte sie auf den Tisch. Die Portierfrau erhob abwehrend die Hand, ließ sie aber beim Anblick der vierzig Franken sofort wieder fallen, und ihre Augen hafteten gierig auf den Goldstücken. »Wenn es nichts Kompromittierendes ist,« sagte sie, »stehe ich Ihnen gern zu Diensten,«

»Beruhigen Sie sich,« sagte Emilie, »es handelt sich um keine der alltäglichen Affairen mit Revolver oder Vitriol. ... Ein Herr ist im Augenblick hier eingetreten. ... Er hat hier eine Junggesellenwohnung, wo er eine Dame empfängt oder auch mehrere, ich weiß das nicht: es ist mir auch vollkommen gleichgültig. ... Es handelt sich einfach darum, ihm unverzüglich eine Karte zukommen zu lassen, die ich hier schreiben werde. ... Seien Sie unbesorgt ... er wird Ihnen dafür Dank wissen ...«

»Soll ich auf Antwort warten?« sagte die Portierfrau.

»Durchaus nicht! Ich gebe Ihnen die Karte und entferne mich dann augenblicklich.«

Sie nahm eine ihrer Visitenkarten und schrieb mit flüchtiger Hand:

»Deine Frau ist in einem Wagen vor der Thür dieses Hauses und wartet auf Dich. – Sorge, daß Diana dies Haus keinesfalls vor Ablauf einer Stunde verläßt. Du dagegen mußt augenblicklich aufbrechen – entferne Dich in der Richtung nach der Place de l'Europe. Bevor Du nach Hause gehst, sprich bei mir. Emilie«

»Haben Sie vielleicht ein Couvert?« fragte sie die Portierfrau. Diese suchte in einer schmutzigen Schublade umher und entdeckte endlich zwischen Quittungsformularen und alten Zeitungen ein Couvert. Emilie adressierte: »An Herrn Louis«, legte die Karte hinein und reichte sie der Frau mit den Worten: »Da ist der Brief. Meinen Dank im voraus!«

»Ich werde ihn augenblicklich abgeben,« sagte die Frau, durch die Haltung Emilies vollkommen von der Harmlosigkeit ihres Auftrags überzeugt.

Emilie verließ das Haus und kehrte zu dem Fiaker zurück.

»Nun?« fragte Helene.

»Man kennt ihn in dem Hause nicht. Er kommt zum erstenmal hierher. Es wohnen nur ehrbare Bürgerfamilien in demselben. Der Wirt leidet nicht, daß in seinem ›Eigentum‹ Wohnungen an alleinstehende Damen vermietet werden so sagte mir wenigstens der Portier, ein durchaus anständiger Mann. Wir müssen uns also fragen, ob deine Befürchtungen nicht gänzlich aus der Luft gegriffen sind?«

Helene beobachtete ihre Freundin scharf; dieselbe schien entschieden beruhigt – ach wie gern hätte die junge Frau sich von ihr überzeugen lassen! Aber der Brief ohne Unterschrift, der Wahlspruch, das Parfüm und die Anwesenheit Louis' an diesem Orte und zur angegebenen Stunde! Zwar eine Frau hatte sie nicht kommen sehen. Aber was konnte denn diese Verabredung andres zu bedeuten haben? Wozu diese geheimnisvolle Bestellung?

»Bleiben wir noch eine Weile,« sagte sie.

»Solange du willst,« antwortete Emilie, die jetzt sicher war, daß das Abenteuer den von ihr vorgezeichneten Verlauf nehmen würde.

Schweigend, die Blicke unverwandt auf den Hauseingang gerichtet, blieben sie in ihrem Wagen sitzen. Nach einer Viertelstunde trat Louis ganz ruhig heraus und schritt langsam und gemächlich nach der Seite der Place de l'Europe die Straße herunter. Emilie dachte bei sich: Recht weit gebracht hat er's schon im Heucheln! Wie ein kleiner Heiliger wandelt er dahin mit seiner Unschuldsmiene! Die arme Helene wird Mühe genug haben, ihn wieder ins Geleise zu bringen.

»Nun, meine Liebe,« sagte sie dann laut, »da wäre unser Mann ja gegangen! Jetzt ist es, meine ich, klar, daß hier kein zärtliches Stelldichein stattgefunden hat.«

»Vorausgesetzt, daß du ihm keine Warnung hast zukommen lassen!« unterbrach Helene sie mit einem argwöhnischen Blick.

»Und wie hätte ich das bewerkstelligen sollen? Wenn er in diesem Hause insgeheim eine Wohnung gemietet hätte, so würde er dies doch sicher unter einem falschen Namen gethan haben. Wie hätte ich mich in so kurzer Zeit hierüber unterrichten und ihm Botschaft zukommen lassen können? Und endlich, weshalb in aller Welt sollte ich dich zu täuschen suchen?«

»Vielleicht aus Freundschaft,« sagte Helene, den Kopf schüttelnd. »Es wäre ein schlechter Beweis deiner Liebe! Nichts wäre mir entsetzlicher, als der Gedanke, vertrauensvoll mit einem Manne zusammen zu leben, der mich verrät. Er hätte das Recht, meiner zu spotten, und meine Lage wäre nicht nur schmählich, sondern auch lächerlich; eine solche Demütigung könnte ich nicht überwinden!«

»Beruhige dich, mein Herz. Heute abend, wenn dein Mann heimkommt, fragst du ihn geschickt aus, vielleicht erfährst du aus seinem Munde die Lösung des Rätsels. Ich werde dich nach Hause geleiten.«

Sie fuhr mit Helene nach dem Faubourg Poissonnière und blieb bis halb sechs Uhr bei ihr. Um sieben Uhr kam Louis wie gewöhnlich zum Diner und trat sofort, ohne in sein Zimmer zu gehen, in den Salon. Er küßte seine Großmutter und seine Frau, setzte sich und fragte lächelnd: »Was habt ihr denn heute angefangen?«

»Ich bin im Bon Marché gewesen,« sagte die alte Frau Hérault, »und habe dort Wolle zu Armenstrümpfen gekauft, darauf habe ich eine kleine Spazierfahrt in den Champs Elysées gemacht, und da habt ihr mich.«

»Und du?« fragte Helene ihren Gatten, »was hast denn du gethan?«

»Mein Gott, ich bin auch wohlthätig gewesen, nur auf etwas kostspieligere Weise. Ich habe einem alten Kameraden aus der Zeit, wo ich noch ein leichtsinniger Strick war, zehntausend Franken geliehen – sehr unbesonnen natürlich. ... Er hat mir zweimal geschrieben, und ich habe mich anfangs taub gestellt ... Heute bin ich dann schließlich zu ihm gegangen und habe ihm die Summe eingehändigt.«

»Wo wohnt er denn?«

»In der Rue de Moscou,« antwortete Louis in gleichgültigem Tone. »Von dort bin ich nach St. Denis gefahren.«

»Per Wagen?«

»Nein! Ich bin von der Rue d'Amsterdam aus in einer Droschke nach dem Nordbahnhof gefahren ... Und da habt ihr mich, wie Großmutter sagt.«

Die außerordentliche Genauigkeit der Antworten ihres Gatten überraschte Helene; alles stimmte so genau, daß sie gerade aus diesem Umstand Argwohn schöpfte. Sie fühlte aus ihnen eine Absichtlichkeit heraus, in der ein Schuldbewußtsein lag, und sie war überzeugt, daß sie betrogen war, und daß Louis nur hersagte, was ihm Emilie beigebracht. Ihr großmütiges Herz war weit entfernt, der Freundin, deren Beweggründe jedenfalls die besten waren, deshalb zu grollen. Sie verzieh ihr die Täuschung, nahm sich aber vor, ihre Wachsamkeit zu verdoppeln, um Gewißheit zu erlangen.

Louis war in der That bei diesen seiner Frau gemachten Angaben pünktlich den Anweisungen gefolgt, die Fräulein Lereboulley ihm gegeben hatte. Nachdem er das Haus in der Rue de Moscou verlassen, war er direkt in deren Wohnung gegangen und hatte dort zwei Stunden, die ihm tödlich lang schienen, auf sie gewartet. Er war gespannt, zu erfahren, wieviel seine Frau entdeckt haben mochte, und sehr verdrießlich darüber, überrascht worden zu sein; überdies war ihm bei dem Gedanken an die Vorwürfe, die Emilie ihm machen würde, nicht sehr behaglich zu Mute. Sie fuhr wie der Blitz ins Zimmer, reichte ihm die Hand und sagte, den Salon durchschreitend, in trockenem Tone: »Komm in mein Atelier hinauf, wir können da ungestörter miteinander sprechen.«

Er folgte ihr. Als sie in dem geräumigen Atelier angekommen, nahm sie ihren Hut ab, warf ihren Mantel auf den Diwan, und indem sie sich vor ihren Freund stellte, fing sie an: »Das ist ja eine recht niedliche Aufführung!«

»Liebe Emilie, du kannst mich später nach Herzenslust schelten,« unterbrach er sie, »aber erst sage mir, was eigentlich vorgefallen.«

»Reicht dein Scharfsinn nicht so weit, um das zu erraten? Du läßt ja deine Briefschaften überall herumfahren. Deine Frau hat ein Billet gefunden, es gelesen und – ohne mich – hätte sie dich mit Diana abgefaßt!«

»Wie soll ich dir danken?«

»Dazu hast du ganz und gar keinen Grund, Teuerster. Für dich hätte ich nicht einen Finger gerührt ... denn dein Betragen empört mich. Es gibt keinen solchen Narren mehr wie du. Du hast eine reizende Frau, die dich vergöttert, ein entzückendes Kind, mit einem Worte, dir ist ein Glück zu teil geworden, dessen du durchaus nicht wert bist, und das alles setzest du aufs Spiel, einer Dirne zu Gefallen, die sich über dich lustig macht.«

»Emilie,« rief Louis zornig.

»Ich glaube gar, du machst dir über Dianas Tugend noch Illusionen!«

»Sprich nicht von ihr. ... Mach mich so schlecht, als du willst ... ich verdiene es reichlich ... aber achte die Frau, die ich liebe.«

»Das ist ein bißchen viel verlangt, sie ist so gar wenig achtungswert!« Louis nahm mit einer wütenden Gebärde seinen Hut und stürmte auf die Thür zu. Emilie faßte ihn am Arme und sagte: »Wirst du wohl stand halten, Schwachkopf! Ich werde dein Zartgefühl in Bezug auf Lady Olifaunt schonen. Aber mit dir bin ich noch lange nicht zu Ende. ... Ich habe deiner Frau vorgeredet, daß man dich in dem Hause, wo du dein kleines Versteck hast, nicht kenne. Sie wird dich darüber ausfragen. Sei so gut und lüge dich geschickt heraus – Uebung hast du ja – und dies eine Mal ist der Zweck wenigstens ein guter.«

»Emilie,« protestierte Louis dumpf, indem er sich niedersetzte, die Stirn in finstere Falten gezogen.

»Ich will dir noch sagen, daß Helene sich bei dem Gedanken, du könntest sie täuschen, keineswegs als sanftmütig duldender Engel gezeigt hat, und daß dir von jetzt an einige Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden dürften, wenn du deine Beziehungen zu Diana aufrecht zu erhalten gedenkst. Deine Frau wird sich zu verteidigen wissen, sie hat Kraft und Mut. Nimm dich in acht! Ein Moment des Zornes kann sie fortreißen ... bedenke, sie ist sehr hübsch! Wenn sie dir Gleiches mit Gleichem vergälte, was dann?«

»Sie ist dessen unfähig, sie ist eine tugendhafte Frau.«

»Und deshalb beruhigt sich natürlich der edle Gatte vollständig,« rief Emilie mit bittrer Ironie. »Du und deinesgleichen, ihr seid eine nette Gesellschaft! O – wie viel mehr Rücksicht würdet ihr auf die Frauen nehmen, wenn sie weniger treu wären. ›Sie ist anständig‹ sagst du. ›Ich darf sie also ungestraft quälen; sie wird leiden, weinen, aber sie wird sich nicht rächen, sie ist ja tugendhaft!‹ Und deshalb kann mein Freund Louis treiben, was er mag! Inzwischen sitzt die arme Frau verlassen und einsam zu Hause, stillt ihr Kind, pflegt und bewacht es. Die Entdeckung ihres Unglücks kann ihr das Leben kosten – und gleichzeitig ihrem Kinde. Aber was thut das? Der Herr muß sich doch amüsieren. Pfui, das ist feig und erbärmlich!«

»Das ist doch etwas stark aufgetragen, und ein bißchen theatralisch auf die Spitze getrieben,« antwortete Louis mit einem gezwungenen Lächeln. »Ich will mich durchaus nicht weiß waschen, aber wenn meine Frau ein wenig mehr meine Frau, und etwas weniger die Mutter ihres Sohnes wäre, so würde vielleicht das alles nicht vorgekommen sein.«

»Hör auf!« rief Emilie, bleich vor Entrüstung, »Was du da sagst, macht dein Sündenmaß voll. Du wagst es, Helene aus ihrer Tugend ein Verbrechen zu machen! Du machst ihr zum Vorwurf, was sie in deinen Augen zu einer Heiligen stempeln müßte. Sag mir kein Wort mehr! Entferne dich! Ich war dir vordem sehr zugethan, von heute ab bin ich deine Freundin nicht mehr! Bevor du jedoch gehst, höre ein letztes Wort, einen letzten Rat von mir: Wenn dir deine Frau, wenn dir Sir James gleichgültig sind – letzteres ist allerdings vollkommen berechtigt – so nimm dich vor Herrn Lereboulley in acht! ... Er hält große Stücke auf seine Diana! ... Er hat sie nicht einmal mir opfern wollen. ... Er wird sie sich von dir nicht ohne Kampf nehmen lassen. ... Nimm dich in acht!«

Und als sie Louis wegwerfend lächeln sah, fuhr sie fort: »Gewiß, er wird keinen Streit mit dir suchen! Er wird dir nicht mit der Pistole oder dem Degen in der Hand auflauern! Er hat bessre Waffen zur Verfügung – er wird dich finanziell zu Grunde richten. Hoffentlich hast du mich verstanden. So, nun kannst du gehen!«

Sie drehte ihrem Freunde den Rücken, Er näherte sich ihr, aufgeregter, als er es zeigen wollte, und sagte, ihr die Hand entgegenstreckend: »Ich danke dir nochmals für das, was du für mich und Helene gethan hast. ... Aber laß mich so nicht gehen! Wir waren ja so lange Zeit gute Freunde! ... Du bist neben meiner Großmutter, meiner Frau und meinem Kinde das einzige Wesen, das ich wahrhaft liebe. Du hast mich soeben tief gekränkt; ich zürne dir nicht. Ich weiß, ich bin schuldig. Aber was kann es dir nützen, mich mit Vorwürfen zu überhäufen? ... Beklage mich, das ist besser und dürfte vielleicht auch erfolgreicher sein.«

Sie sah ihn an – in seinen Augen standen helle Thränen. »Welch ein Gift flößt euch denn diese Kreatur eigentlich ein,« rief sie, mit dem Fuße auf den Boden stampfend, »um euch einem nach dem andern so alle Besinnung zu rauben? Wahrhaftig, du bist wie ein Kind, das sich nicht zu verteidigen weiß! Versuche wenigstens, etwas vernünftiger zu werden!«

»Ich verspreche es dir!«

»Das Versprechen eines Trunkenen,« sagte sie mit traurigem Lächeln. »Aber geh jetzt, man würde sonst besorgt sein, wenn du heute zu spät nach Hause kämst.«

Er zog sie fast mit Gewalt an sich und küßte sie. Dann rief er, als ob seine Traurigkeit mit einem Schlage verschwunden wäre: »Du bist doch wahrhaftig ein treuer Kamerad!«

»Und du ein richtiger Tollkopf! Adieu!«

Er stieg die Treppe hinab, während Emilie ihm gedankenvoll nachschaute. Die Warnung, die sie Louis erteilt, war ernsthaft gemeint. Sie wußte, daß sobald ihr Vater erführe, daß man ihn hintergangen, sein Zorn furchtbar sein würde. Da er bei allen Geschäften des Hauses Hérault die Hand im Spiele hatte, während Louis seinerseits bei all den Kombinationen beteiligt war, mit denen Lereboulley sich befaßte, war es dem Senator leicht, Hérault mit einem Schlage ins Verderben zu stürzen. Er konnte, da er über ungeheure Mittel verfügte, ein Unternehmen nach Belieben glücken und mißglücken lassen. In seinem Groll würde er sofort auf den Gedanken kommen, seinen Gegner in seinem Vermögen zu schädigen, da er wußte, daß dies das sicherste Mittel wäre, um ihm Diana wieder abzunehmen. Emilie kannte die unheilbare Leidenschaft Lereboulleys für seine Geliebte. Lady Olifaunt hatte es verstanden, sich dem alten Manne unentbehrlich zu machen. Zu der Gefahr, die Louis von dieser Seite her drohte, gesellte sich noch eine andre, welche das junge Mädchen nur angedeutet hatte, nämlich die, welche in Thauziats Liebe zu Helene lag. Wenn er sah, wie der Gatte die Frau verriet und verließ, hätte Clement einen übermenschlichen Edelmut besitzen müssen, um sich nicht diese Verstimmung zwischen beiden zu nutze zu machen. Gewiß, Helene war eine streng moralische Frau – aber Thauziat war ein gefährlicher Mann. So sah Emilie durch Louis' Schuld die Ruhe ihrer Freunde von allen Seiten bedroht, und sie war entschlossen, alles zu thun, was in ihren Kräften stand, um ihnen über diese Klippen wegzuhelfen, an denen ihnen ihr Lebensglück zu scheitern in Gefahr stand.

Wenn Frau Hérault ganz zu Hause geblieben wäre, wie sie es zu Anfang des Winters gethan, so wäre die Gefahr einer eigentlichen Katastrophe nicht sehr groß gewesen; nun aber änderte die junge Frau plötzlich ihre Taktik und erklärte, daß sie von jetzt an mit ihrem Gatten wieder in Gesellschaft gehen wolle. Ein Zusammentreffen zwischen ihr und Lady Olifaunt war unvermeidlich und damit der offne Kampf vorauszusehen. Daß die zunächst Beteiligten, vor allem Lereboulley das Zischen der herüber und hinüber fliegenden Pfeile nicht hören würden, war nicht anzunehmen, sie hätten sich denn blind und taub stellen müssen, was sie wahrscheinlich nicht im Sinn hatten. Es war also alles zu befürchten, und Louis hatte deshalb den Entschluß seiner Frau nicht gerade freudig begrüßt. Sein erneutes Junggesellendasein hatte ihm zu sehr besagt, als daß er es leichten Herzens hätte aufgeben können, allein die Einwendungen, die er nur sehr bescheiden zu erheben wagte, wurden von Helene unerschütterlich zurückgewiesen.

»Mein kleiner Pierre kann mich jetzt den Abend über schon entbehren,« sagte sie, »ich will mich nicht mein ganzes Lebenlang in meine vier Wände einschließen. Es ist höchste Zeit, meine Klausur aufzuheben und es wird mir gut thun, mich ein wenig zu amüsieren.«

Sie fing an, Soiréen, Bälle und Theater zu besuchen und Gesellschaft bei sich zu sehen. Das gesellige Leben der ersten Zeit ihrer Ehe wurde wieder aufgenommen, dabei aber ein größerer Luxus entfaltet, als früher. Man fühlte, daß sie gefallen wollte, und der Erfolg blieb keineswegs aus. Ihre etwas strenge Schönheit war milder geworden, ein Kreis von Verehrern bildete sich um sie und sie nahm die ihr entgegengebrachte Bewunderung und Huldigung mit einem Geist und einer Anmut hin, die fast noch mehr entzückten als ihre Schönheit. Thauziat in seinem Stolze hielt sich fern von den Schmeichlern und Hofmachern, die Helene umschwärmten, allein die Art und Weise, wie er Helene begrüßte, mit ihr sprach und sie zum Singen begleitete, sicherte der jungen Frau vollends ihre gesellschaftliche Herrscherrolle, und dabei war weder in der Haltung, noch in den Worten Clements etwas zu entdecken, was sie auch nur aufs leiseste hätte kompromittieren können. Er bezeugte ihr eine Hochachtung, wie er sie für keine andre Frau empfand. Daß er sie geliebt hatte, war für jedermann unzweifelhaft, aber er verstand es so gut, seinen vollkommenen Verzicht auf ihre Gunst zum Ausdruck zu bringen, daß die Tugend Frau Héraults allseitig als unerschütterlich betrachtet wurde.

Aeußerlich ruhig bewegte sie sich in dem Getriebe, hörte die galanten Bemerkungen scheinbar gütig an, beantwortete sie mit einem offnen, heiteren Lächeln, ließ aber nicht einen Augenblick in ihrer Wachsamkeit nach. Nie verlor sie ihren Gatten aus dem Auge: keine seiner Bewegungen entging ihr, und diese rastlose Jagd nach dem Treubruch mitten durch die Pariser Salons hatte für einen scharfsichtigen Beobachter, wie Emilie, einen unsäglich schmerzlichen, und doch fesselnden Reiz. Auffallend war, daß man, seit Helene wieder Gesellschaften besuchte, Diana nie in denselben Häusern traf. Man war versucht anzunehmen, daß die schöne Engländerin von einem unbekannten Freunde stets von dem in Kenntnis gesetzt wurde, was Frau Hérault für den Abend vorhatte. Louis war nachgiebig und liebenswürdig, führte seine Frau überall hin, wohin sie wollte, und zeigte sich als musterhafter Ehemann, so daß Helene trotz ihrer Hartnäckigkeit in ihrer Aufmerksamkeit etwas nachzulassen anfing und ihre Ueberzeugung erschüttert fühlte, als plötzlich ein unvorhergesehener Zwischenfall ihr die leidenschaftlich begehrte Aufklärung zu teil werden ließ.

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