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Sie will. - Band 1

Georges Ohnet: Sie will. - Band 1 - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/ohnet/siewill1/siewill1.xml
typefiction
authorGeorges Ohnet
titleSie will. ? Band 1
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeVierter Jahrgang. Band 16.
year1888
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünftes Kapitel.

Nach Verlauf von drei Tagen wurde Clement von Thauziat auf dies plötzliche Verschwinden seines Freundes aufmerksam und er vermutete sofort, daß irgend ein Geheimnis dahinter stecke. Er war zwar an unvermittelte Charaktersprünge bei Louis gewohnt, aber diese plötzliche Zurückgezogenheit nach einer heftigen Krisis deutete doch auf eine gründliche Änderung in der Geistesrichtung des jungen Mannes, und Thauziat nahm an, daß der enttäuschte Liebhaber der schönen Diana sich in irgend ein weniger gefahrvolles galantes Abenteuer verstrickt habe, und da er keineswegs neugierig war, kümmerte er sich nicht weiter um seinen Telemach. Die Prüfung des Geschäftsganges einer Aktiengesellschaft, zu deren Verwaltungsräten er und Lereboulley gehörten, nötigte ihn zu einer Reise nach Brüssel; einmal unterwegs, hielt er sich einige Tage auf und kam erst am Ende der Woche zurück. Da er dem Senator von seiner Mission Rechenschaft ablegen wollte, war sein erster Gang zu Lady Olifaunt.

Das von Diana bewohnte reizende Haus, in das man vom Faubourg St. Honoré aus gelangte, hatte seine Hauptfront nach dem hübschen Garten, durch dessen kleine Thür Lereboulley einzutreten pflegte. Diese bezaubernde Bonbonniere, deren Miete so beiläufig vierzigtausend Franken betrug, war für die schöne Miß Howard erbaut worden, als der Prinz Louis Napoleon noch im Elysée wohnte, und enthielt trotz ihrer Kleinheit den denkbar raffiniertesten Komfort. Die Empfangsräume lagen in dem sehr hohen Erdgeschoß, im ersten Stockwerke befanden sich die Privatzimmer der schönen Engländerin. In einem angebauten Flügel, der eigentlich einen Pavillon für sich bildete, wohnte Sir James. Eine elegante Steintreppe, deren Geländer mit Samt bekleidet war und die von einer vergoldeten Bronzelaterne ihr Licht erhielt, führte von dem Flur zu einer Galerie, auf welche sämtliche Salons mündeten.

Ein gewählter Geschmack hatte bei der inneren Einrichtung gewaltet. Die Möbel waren von jener ruhigen Vornehmheit, die so viel kostspieliger ist, als der schreiendste Luxus. Die altseidene Wandbekleidung des kleinen Salons, die Tapeten nach Teniers im Billardsaal, das Cordovaleder im Stile Louis' XIII., mit welchem der Speisesaal tapeziert war, brachten den Charakter jedes einzelnen Raumes trefflich zum Ausdruck. Das Schlafzimmer, vor dem ein Pompadourboudoir lag, in dem wunderbare Erzeugnisse der Rokokozeit das Auge entzückten, war mit prachtvollem heliotropfarbenen, mit Silberblumen durchwirkten Stoff ausgeschlagen, dessen zarte Farbe den Teint Dianas nur noch mehr hob. Außer dem Bett im Renaissancestil – Ebenholz mit Perlmutter eingelegt – befanden sich in dem Zimmer zwei mit Goldbronze verzierte italienische Truhen, die das Wappen der Medici trugen, und eine Kommode in Form einer venetianischen Lade, auf deren Deckel eine reiche, farbige Mosaik, die Vermählung des Dogen mit dem Adriatischen Meere darstellte. Die wertvollen Möbel waren bei dem Verkauf im Palazzo San Donato erstanden worden. Den aus schwarzem Birnbaumholz reich geschnitzten Kamin schmückte ein kostbarer Rahmen, in welchen das Bild Lady Olifaunts im Kostüm der jagenden Diana, den silbernen Halbmond in dem goldigen Haar, ein wunderbares Werk Chaplins, eingelassen war. Der Boden war mit einem Teppich aus weißem Astrachanfell bedeckt, in dem der Fuß wie in frischgefallenem Schnee versank.

Für gewöhnlich empfing die Herrin des Hauses ihre Besucher im Erdgeschoß in einem kleinen japanischen Salon, den Sir James mit allerhand, mit der Sicherheit eines Kenners gewählten kleinen Kunstwerken ausgestattet hatte. Da befanden sich die aufs prachtvollste geschnitzten Elfenbeingegenstände, die man je bewundert, vor allem eine Reihe zierlicher Statuetten, die von der Geduld und der unübertrefflichen Geschicklichkeit der Arbeiter von Yeddo Zeugnis ablegten. In diesem Raume, dessen Wände mit hellblauer, mit wunderbaren Vögeln, seltsamen Pflanzen und phantastischen Tieren bestickter Seide bekleidet waren, hielt heute Diana in einer Toilette, die ganz in Einklang stand mit dem Rahmen, in dem sie sich befand, ihren Empfang. Ein langer, goldgestickter Morgenrock von blaßrosa Damast, vorn etwas offen und mit weiten Ärmeln, die ihre bloßen Arme sehen ließen, fiel bis an ihre in grünen Pantoffeln steckenden Füßchen herab. Ihr schönes aus der Stirn gekämmtes Haar wurde von goldnen Nadeln mit Korallenköpfen zusammengehalten. Das Gewand, welches ohne irgendwie anzuschließen, ihre schlanke Gestalt in weichen Falten umfloß, ließ sie berückend schön erscheinen.

Es schlug fünf Uhr, als der Diener Herrn von Thauziat die Thür öffnete. In dem kleinen Salon befanden sich sieben Personen. Auf dem Sofa neben der schönen Diana saß der Herzog Pforza, ein sehr reicher Italiener, mit grünschwarz gefärbtem Haar; er trug einen langen Überrock, dessen Knopfloch mit einer vielfarbigen Rosette geschmückt war. In der Nähe des Flügels hatte sich Mrs. Anderson aufgepflanzt, eine alte Amerikanerin ohne Geld, aber Mutter einer entzückenden Tochter mit blondem Haar, blauen Augen und einem etwas starken Kinn, wie man es häufig bei unsern westlichen Nachbarn findet. Die junge Dame hörte mit Interesse dem hoffnungsvollen Komponisten André Wordler zu, wie er mit halber Stimme eine zu Versen von Coppée komponierte Melodie sang; in einer Fensternische stand Sir James, in der Hand ein kleines Bild, welches er im Laufe des Tages gekauft, und bemühte sich, dem wie eine gereizte Bulldogge dreinschauenden Lereboulley die wunderbaren Eigenschaften desselben auseinanderzusetzen, für die der Preis von zwanzigtausend Franken eine Lappalie sei.

Das Eintreten Thauziats entriß Lady Olifaunt den Huldigungen des aristokratischen Fremden und Lereboulley den Klauen Sir James'. Sonst hatte Diana für Clement stets ein freundliches Lächeln, als sie ihn aber heute eintreten sah, runzelte sie die Stirn. Sie ging ihm zwar entgegen, reichte ihm die Hand, sank aber sofort in die gestickten Kissen zurück. Der Neuangekommene grüßte die beiden Amerikanerinnen, nickte dem Musikus freundlich zu und wandte sich dann an Lereboulley.

»Nun, mein hoher Herr,« sagte er, »zeigt Ihnen Sir James irgend ein neues Wunderwerk?«

»Sie kommen gerade recht, lieber Clement, Sie sind ja ein Kenner, sagen Sie doch unsrem Freunde, daß er sich von dem Lumpen, dem Steiner, hat beschwindeln lassen. Tausend Napoleons für ein kleines auf Holz gemaltes Bild, zehn Zoll hoch und acht Zoll breit! Ausgeraubt, mein Lieber, ausgeraubt wie in einem Walde. ...«

»Ein authentischer und gezeichneter Carlo Dolci,« erwiderte Sir James kalt und sah dabei den Senator streng an. »Außerdem ist das Geschäft abgeschlossen. Ich habe einen Check auf Ihr Haus ausgestellt und benachrichtige Sie davon. ...«

Dieses Ausstellen des Checks schien Lereboulleys Zorn zu verdoppeln, denn er erwiderte höhnisch: »Ich bin Ihnen sehr verbunden, daß Sie mich davon benachrichtigen, aber Sie reiten schnell, Sir James, solcher Verschwendung kann kein Vermögen widerstehen.«

Der Engländer wurde dunkelrot und that sehr beleidigt.

»Ich bitte um Verzeihung, lieber Lereboulley; hat vielleicht meine Frau keine Gelder mehr bei Ihnen stehen?«

»Wie empfindlich Sie gleich sind,« unterbrach ihn der Senator, »wenn ich diesen Ankauf kritisiere, so geschieht das in Ihrem Interesse. ... Kaufen Sie, was Sie wollen, ich habe damit nichts zu thun, als zu zahlen, aber das hindert nicht, daß Ihr Bild ein Geschmiere ist!«

Er nahm Thauziats Arm, führte ihn abseits und wiederholte wütend: »Ein Geschmiere, das reinste Geschmiere!«

Der Komponist, der die hübsche Miß Anderson begleitete, die jetzt sein Lied sang, schlug die Augen begeisterungsvoll zur Decke empor, als er ihr die Worte soufflierte: »O die ersten Küsse ... durch den Schleier ... halten Sie Küsse mehr aus, das ist das Wort, auf welchem der Ton zu halten ist. Sehen Sie so: Kü–ü–üsse und dann lassen Sie die Stimme ersterben auf Schleier ... sterben Sie ... sterben Sie. ... So ist's recht!«

Die alte Amerikanerin, die sich bis dahin mit Butterbroten und Portwein vollgepfropft, applaudierte mit mütterlichem Enthusiasmus und murmelte zwischen den Zähnen: » Delightful, very charming!«

Der italienische Prinz, der sich für einen großen Musikkenner ausgab, hatte sich erhoben, stimmte lebhaft in den Beifall ein und drückte der jungen Fremden verständnisinnig die Hand. Diana war von ihrem Sofa aufgestanden, hatte eine Portiere zur Seite geschoben und war mit Thauziat in ein anstoßendes Zimmer getreten, welches Sir James als Bureau diente.

»Hier sind wir wenigstens ungestört,« sagte sie und warf sich in einen Armsessel.

»Was hat das zu bedeuten?« fragte Clement lächelnd, »Sie führen mich abseits, Diana? Ich glaubte, das sei eine Spezialität, die sich Sir James vorbehalten.«

»Scherzen Sie jetzt nicht,« sagte die schöne Engländerin, deren Augen hell und hart wie Stahl dreinschauten, »der Augenblick ist nicht dazu angethan!«

»Haben Sie Verdruß gehabt?«

»Mehr als das!«

»Und bin ich irgendwie daran beteiligt?«

»Ich glaube, daß Sie die alleinige Ursache sind!«

Thauziat warf einen Blick auf Diana, sah, daß sie ruhig schien, und da sie ihrer Natur nach zu leeren Klagen nicht neigte, wurde er sehr ernst.

»Was haben Sie Ihrem Freunde Hérault über mich gesagt?« fragte Lady Olifaunt. »Er blieb mit Ihnen allein, als ich vom Grafen Woroseff aufbrach. Wie ich von Lereboulley erfahren habe, sind Sie fast zur selben Zeit fortgegangen, wie ich. Herr Hérault sollte mich am nächsten Morgen besuchen. Nicht nur, daß er nicht gekommen, hat er sich mir gegenüber vor Zeugen in der schroffsten, ungezogensten Weise benommen. Was ist vorgegangen? Weshalb hat er, der am Abend vorher die Liebenswürdigkeit und Zuvorkommenheit selbst gewesen, mich am nächsten Tage von oben herab behandelt? Offenbar haben Sie und kein andrer diese Wandlung in ihm hervorgebracht – weshalb und auf welche Weise? Ich will es wissen!«

»Aber, meine Liebe, ich finde es sehr sonderbar, daß Sie mich für das Thun und Treiben Louis Héraults verantwortlich machen ... er weiß selbst, was er zu thun hat, und ist alt genug, um seine Handlungen allein zu überlegen, ohne daß ich nötig habe, ihm sein Verhalten vorzuschreiben. ... Übrigens bin ich erstaunt, Sie wegen eines unterlassenen Besuches so aufgeregt zu sehen. ... Sind Sie deswegen hilflos, verlassen, weil ein einziger Mann sich Ihrer Allmacht entzieht?«

»Und wenn ich gerade diesen einen mir unterthan sehen will?« unterbrach ihn Diana mit Härte.

»O, o,« sagte Thauziat, »so viel Ehre für Louis! Er ist also der vorgezogene, fast unentbehrliche Freund. Und so heftig und bitter verlangen Sie nach ihm?«

»Wonach ich verlange, ist nur ein wenig Offenheit Ihrerseits. Was haben Sie Hérault gesagt, um ihn von mir fern zu halten?«

»Nichts!«

Diana richtete sich hoch auf, trat zornig auf Thauziat zu und fragte: »Warum lügen Sie?«

»Die Mühe gebe ich mir mit niemand,« sagte Clement, »warum soll ich sie mir mit Ihnen geben? Ich habe Louis nichts gesagt. ... Er weiß von alledem, was Sie so sorgsam zu verbergen wünschen, kein Wort. ... Als ich aber sah, daß der Junge bis über die Ohren in Sie verliebt war und allerhand tolle Pläne im Kopf hatte ... er sprach davon, Sie zu entführen, Sie nach einer regelrechten Scheidung zu heiraten ... Tollheiten, wie Sie sehen. ... Ich versuchte, ihm Vernunft zu predigen. ... Da mir das nicht gelang, habe ich ihn einfach an die frische Luft geführt. ... Zufällig gingen wir hinter Lereboulley her, und dieser Glückliche war es, der uns ahnungslos vor Ihre Thür führte. ...«

»Und Louis hat ihn eintreten sehen?«

»Ja, er hat ihn eintreten sehen!«

Diana schwieg, ihre nervös zitternden Hände spielten mit den seidenen Quasten ihres Gürtels; ihr rosiger Mund krampfte sich unter einem boshaften Lächeln zusammen und ihre Augen blickten finster drein.

»Welches Interesse haben Sie, ihn von mir loszureißen?« unterbrach sie das Schweigen. »Ohne triftigen Grund spielen Sie mir diesen Streich nicht – Sie haben nie zu den Tölpeln und Feiglingen gehört, die Böses thun, um zu ihrem Vergnügen andre leiden zu sehen.«

»Sie wissen, Diana, daß ich eine große Schwäche für Sie habe, aber ich bitte Sie, geben Sie Louis auf. Ich habe mich verpflichtet, ihn Ihren weißen Händen nicht zu überlassen, das ist das ganze Geheimnis. ... Rupfen Sie Lereboulley, er hat ein dickes Fell und eignet sich hierfür ausgezeichnet. ... Aber für diesen armen Jungen, der sich für einen großen Lebemann hält und im Grunde die Unschuld selbst ist, bitte ich um Gnade!«

Die schöne Engländerin schlug plötzlich die bis dahin gesenkten Augen auf und richtete den strahlenden Blick fest auf Clement.

»Und wenn ich ihn nun liebte? ...« fuhr sie auf.

»Behaupten Sie keine Unwahrscheinlichkeiten,« erwiderte Thauziat kalt. »Sie haben in der Welt nie jemand geliebt, als Diana, und Sie haben sehr weise daran gethan, denn das ist eine Person, die Sie niemals verraten wird und zu der Sie stets die besten Beziehungen haben werden. Die Männer sind dumm, glauben Sie mir! Es lohnt nicht der Mühe, sich mit ihnen zu beschäftigen.«

»Aber dieser gefiel mir nun einmal.«

»Das wird vorübergehen.«

»Thauziat! Ich zerbreche mir vergebens den Kopf, weshalb Sie so handeln – es ist nicht anders möglich, eine Frau muß die Hand im Spiele haben,«

»Vielleicht!«

»Eines Tages werden Sie dieselbe Frau lieben, wie Louis Hérault, das kann nicht ausbleiben, und dann werden Sie sich entzweien.«

Clement lachte.

»An dem Tage, Diana, werde ich ihn Ihnen zurückführen, das soll meine Rache sein.«

»Den Handel nehme ich an,« sagte sie und schlug in seine Hand ein.

»Sie sind doch entzückend,« erwiderte er und hielt die weiße Hand fest, die sie ihm gereicht.

Er küßte ihre Fingerspitzen und fragte mit einem Blick auf ihren bloßen Arm: »Sie tragen jetzt gar keine Armbänder mehr, und doch weiß ich, daß Sie deren prächtige besitzen?«

»Ich liebe nur noch schöne schwarze Perlen, und die sind mir zu teuer.

»Erlauben Sie mir, Ihnen welche zu senden ...«

»Da Sie nun einmal beim Perlenspenden sind, Thauziat,« sagte die schöne Engländerin spöttisch, »so schicken Sie mir auch die, welche Ihr Freund entdeckt hat und der er bei seiner Großmutter den Hof macht.«

»Bei seiner Großmutter trifft er niemand als Emilie Lereboulley,«

»Nein, nein, für die Bucklige mit dem Safranteint hat er sich nie interessiert,« sagte Diana bitter. »Es handelt sich um eine andre, um eine Neue. ... Haben Sie ihn vielleicht abgehalten, hierher zu kommen, um dieser Liebe Ihren Schutz angedeihen zu lassen?«

»Das ist das erste Wort, welches ich davon höre, ich habe Louis seit acht Tagen nicht gesehen!«

»Nun, dann sehen Sie sich einmal die Komödie an ... das muß amüsant sein ... und berichten Sie uns nachher ...«

»Das soll geschehen!«

Sie kehrten in den Salon zurück, wo Sir James mit Lereboulley eine Partie Pikett begonnen hatte. Der Italiener machte Miß Anderson den Hof, indes ihre Mutter, von dem erstaunten Komponisten beobachtet, zahllose Kuchen vertilgte.

Thauziat blieb noch einen Augenblick, empfahl sich dann und ging in den Klub, wo er in Gedanken versunken ankam. Dianas Worte waren nicht ohne Eindruck auf ihn geblieben. Unter andern glücklichen Gaben besaß er ein ausgezeichnetes Gedächtnis, welches die geringsten Umstände festhielt. Lady Olifaunts boshafte Andeutung hatte sofort bei ihm die Erinnerung an das von ihm verfolgte junge Mädchen wachgerufen und an den Eindruck, welchen der Name Graville auf die alte Frau Hérault gemacht. Plötzlich stand in scharfen Umrissen wieder das anmutige Bild derjenigen vor ihm, die eine halbe Stunde lang seine Neugierde erregt und in ganz unerwarteter Weise sein sonst so ruhiges Gehirn in Aufregung gebracht hatte. War sie es etwa, die nun bei Frau Hérault wohnte? Wie kam es aber, daß Louis es unterlassen hatte, ihm von der merkwürdigen Lösung des Abenteuers Kenntnis zu geben? Lag darin nicht eine gewisse Absichtlichkeit? War das nicht unehrlich? Er war es doch eigentlich gewesen, der die bescheiden an ihnen vorübergehende Unbekannte entdeckt, die nichts besaß, um die Augen auf sich zu lenken, als eine angeborene Eleganz und eine natürliche Grazie. Er war es gewesen, der Louis dazu veranlaßt, dem Mädchen zu folgen; selbstredend ohne jeden Hintergedanken an eine alltägliche Eroberung, nur um des Vergnügens willen, sie vor sich hergehen zu sehen; er hatte ihn doch darum gebeten, den Vater Anselm auszufragen. Kurz, er war es gewesen, der alles für die zufällige Entdeckung Helenes gethan. ... Helene, richtig, das war ihr Name, er erinnerte sich jetzt ... und er sah ihr ernstes Profil unter dem dichten Schleier, ihr energisches Kinn, den stolzen Mund und die schmiegsamen Bewegungen, als sie den Schritt beschleunigte, um ihren Verfolgern zu entgehen. Hätte Louis in seiner Gleichgültigkeit je ein Auge gehabt für diese Frauengestalt? Und würde er, wenn er sie bemerkt, sich zu dem Entschluß aufgerafft haben, ihr zu folgen? Nein! Der Urheber der ganzen Episode war Clement, alles war sein Werk. Er fühlte, daß er eine Art Recht auf das junge Mädchen habe; sie war so zu sagen seine Entdeckung.

Seine Einbildungskraft war merkwürdig erregt und er war im schönsten Zuge, sich in eine ungeheure Entrüstung hineinzusteigern, als ihm plötzlich in den Sinn kam, wie vorschnell denn doch seine Entrüstung sei, und wie unbestimmt die Erzählung Dianas gewesen war. Er lachte zwar über seine Kopflosigkeit, ward sich aber dieses tollen Aufbrausens, das ihn aller Besonnenheit beraubt hatte, nicht ohne eine gewisse Genugthuung bewußt. Sah er doch darin einen Beweis, daß die Jugend ihn noch nicht verlassen. Mit Befriedigung zergliederte er seine Empfindungen und bemerkte, daß die Angelegenheit ihn lebhafter beschäftigte, als er dies je für möglich gehalten. Er fühlte sich seltsam erregt, und obgleich er keinerlei Absichten auf die Unbekannte gehabt, deren Gesicht er nur ganz flüchtig hatte sehen können, so wähnte er sich doch von einem andern in den Hintergrund gedrängt.

Daran gewöhnt, Louis stets zu leiten und seine Ueberlegenheit allezeit fraglos anerkannt zu sehen, glaubte er bei seinem getreuen Knappen den Beginn einer Auflehnung zu entdecken, und dieser Emanzipierungsversuch ärgerte ihn. Gefiel das Mädchen seinem jungen Freunde, so war es ja selbstverständlich, daß er sie ihm überließ – man wußte ja, wie er über diesen Punkt dachte – wollte man ihn aber hintansetzen, einen Sieg über ihn davontragen, dann kam seine Eigenliebe ins Spiel und dann wehe dem, der ihm dabei in den Weg trat!

Er machte eine drohende Bewegung, und als er dieses Mal sich auf seinem Gedankengange ertappte, lachte er nicht. Nein, im Gegenteil, er war eisig ruhig und beschloß, sich sofort über die ganze Intrigue Klarheit zu verschaffen. Nachdem er im Klub diniert, schlenderte er durch die Salons, sah einen Augenblick einer eben beginnenden Partie Billard zu, fand, daß die beiden Gegner schlecht spielten, und ging dann, einer inneren Unruhe nachgebend, nach dem Faubourg Poissonnière. Als er dort ankam, öffnete ihm der Diener, anstatt ihn wie gewöhnlich in die erste Etage hinaufzuweisen, eine kleine Thür, die nach dem Garten führte.

Der Tag war glühend heiß gewesen, und Frau Hérault hatte nach dem Diner die Temperatur im Salon unerträglich gefunden. Sie hatte den Arm ihres Enkels genommen, und nachdem Emilie, die zu Tisch gekommen war, mit Fräulein von Graville in den Garten vorangegangen, hatte sie sich auf einen bequemen Stuhl in einem kleinen Boskett in der Nähe des Hauses niedergelassen. Es war neun Uhr, Die Nacht war vollständig hereingebrochen, aber der Himmel war so hell, daß man noch alles unterscheiden konnte. Eine wohlthuende Frische erhob sich aus dem sorgfältig gesprengten Rasen, und die von einem leichten Winde bewegten Blüten der Blumenbeete verbreiteten einen köstlichen Duft. Tiefe Stille lagerte über dem schönen Garten; das Murmeln ferner Stimmen, das dumpfe Rollen der Wagen erinnerten allein daran, daß man sich im Herzen der Stadt befand. Die kleine Gesellschaft saß eine Weile schweigend und atmete die würzige Luft und den tiefen Frieden der sie umgebenden Natur. Louis wollte sich eine Cigarre anstecken, aber Frau Hérault, die ihren Enkel überall im Hause rauchen ließ, that Einsprache: »Du verdirbst uns ja die herrliche Luft mit deinem Tabak.«

»Das ist neu,« sagte Louis, »Du verbietest mir die Cigarre im Freien, und in deinem Salon duldest du sie?«

»Hier, rings um uns sind Pflanzen, die diesen Abend mit balsamischer Luft erfüllen, und du willst das alles verderben.«

»O, Großmutter, da packt dich die Passion für deine Gärtnerei wieder. Liebt Fräulein von Graville auch die Blumen? Haben Sie, mein Fräulein, auch diese unschuldige, aber zum Sklaven machende Leidenschaft?«

»Fräulein von Graville liebt die Blumen und versteht mehr davon als ich. Sie hat mich sogar auf eine andre Anordnung der Treibhausdecken aufmerksam gemacht, die sehr geschickt erdacht und sehr einfach ist.«

»Bei meinem Vater in Graville wurde es so gemacht,« warf Helene ein.

»Nun, Großmutter, wenn du eine Helfershelferin gefunden hast, so stellen wir im nächsten Jahre aus. Es wird sich nicht schlecht machen: Frau Hérault, goldne Medaille, Sektion für Orchideen. Da dir aber meine Cigarre unangenehm ist, so werde ich einen Gang durch den Garten machen. ... Kommst du mit, Emilie?«

Fräulein Lereboulley war aufgestanden. Langsam verschwanden sie hinter einer Pflanzengruppe. Einen Augenblick darauf hörte man das Geräusch von Schritten auf dem Kies, Frau Hérault drehte sich um und sagte: »Sieh, da kommt Thauziat.«

Bei diesen Worten erbebte Helene. Oft hatte sie in der letzten Woche diesen Namen aussprechen hören. Sie wußte, daß Thauziat der intimste Freund Louis' war. Von einer plötzlichen Angst wie beim Nahen einer Gefahr ergriffen, wagte sie nicht die Augen aufzuschlagen. Sie hörte, wie eine klangvolle Stimme sagte: »Guten Abend, gnädige Frau. Geht es Ihnen gut? Aber ich sehe, Louis hat Sie heute allein gelassen.«

»Er geht mit Emilie Lereboulley im Garten spazieren. Ich bin aber nicht allein, wie Sie sehen ... ich bin es jetzt niemals mehr, ich habe eine Adoptivtochter und möchte Sie ihr vorstellen ... mein liebes Kind ... einer unsrer besten Freunde, Herr von Thauziat.«

Helene blickte auf, und erkannte das ernste und stolze Gesicht desjenigen, der Louis am Tage ihres ersten Begegnens begleitet hatte. Ehe sie ihn noch gesehen, hatte sie es erraten, daß er es war, denn nur er konnte bei ihr eine solche Bestürzung hervorrufen. Der herrische Klang seiner Stimme, die Festigkeit seines imponierenden Blickes, die Bestimmtheit in seiner etwas herablassenden Haltung, alles verriet einen Mann in der ganzen Bedeutung des Wortes. Im Guten und im Schlechten mußte er bedeutend sein, und überall, wo er hinkam, mußte er Eindruck machen. Frau Hérault zeigte auf das junge Mädchen und fuhr fort: »Mein lieber Clement, Fräulein Helene von Graville.«

Er verneigte sich so tief und ehrfurchtsvoll, als ob er vor einer Prinzessin aus königlichem Geblüt stünde, und sprach mit einschmeichelnder Stimme: »Mein Gewissen wird in Zukunft weniger belastet sein, wenn ich Ihnen Louis entführe, gnädige Frau. In dieser Gesellschaft werden Sie ihn kaum vermissen.«

Helene neigte kühl den Kopf. In dem Benehmen des ritterlichen Mannes lag nichts, was die Grenzen der strengsten Umgangsform überschritten hätte; und doch fühlte sie sich erregt, als wenn er ihr Liebesworte ins Ohr geflüstert. Der Klang der Stimme, die Betonung, die ganze Haltung, alles war eigenartig und machte Eindruck. Es war unmöglich, daß er etwas thun konnte, was gleichgültig ließ. Es gab nur zweierlei, ihn lieben oder ihn hassen, unmöglich aber war es, sich seinem Einflusse zu entziehen. Von dem Augenblick an wußte Helene das und unterlag in Bezug auf Clement keiner Täuschung. Sie hatte die feste Ueberzeugung, daß er ihr entweder sehr viel Gutes oder sehr viel Böses zufügen konnte, aber sie wußte nicht, ob es das eine oder das andre sein würde, und es wäre ihr unmöglich gewesen, das vorauszusagen. Während er mit Frau Hérault sprach, wagte sie es, ihn anzublicken. Sie konnte keinen Zug von Bosheit, nichts Unheimliches in seinem Gesicht entdecken, er hatte eine breite und intelligente Stirn, schwarze, leuchtende Augen, schöne Zähne und blickte froh und mutvoll ins Leben. Nur die gebogene Nase hatte etwas Spitzes und Hartes, was man aber ebensogut Stolz nennen konnte; seine Stimme war unwiderstehlich verführerisch. Unwillkürlich verglich sie den langaufgeschossenen, schmächtigen Louis mit seinem blonden Haar und den blauen Augen, mit seiner hohen Stimme und seinem unentschiedenen Charakter mit dieser energischen und siegesgewissen Erscheinung und verstand vollkommen, daß seine Kraft niemals ausreichen konnte, sich dem Einfluß dieser Herrschernatur zu entziehen, daß er nichts als ein Spielzeug in der Hand des Gewaltigen werden mußte. In demselben Augenblick kam Louis mit Emilie zurück. Er erkannte schon von weitem seinen Freund und rief: »Sieh da, Clement!« beschleunigte aber durchaus nicht seinen Schritt, ja fast schien es, als zögere er absichtlich. Fräulein Lereboulley hingegen ging strahlenden Auges, mit ausgestreckter Hand auf Thauziat zu: »Sie haben Ihr Wort gehalten,« sagte sie lächelnd, »ich danke Ihnen!«

»Wofür dankst du ihm?« fragte Louis.

»Für einen kleinen Dienst, den er mir erwiesen.«

»Ah, also Thauziat erweist dir Dienste? Nimm dich in acht, er thut nichts umsonst.«

»Seine Forderungen mögen noch so hoch und kühn sein, sie werden nie den Preis übersteigen, den ich ihm freiwillig geboten,« sprach Emilie ernst, indem sie zwischen Frau Hérault und Helene Platz nahm.

Louis und Thauziat blieben bei einander stehen.

»Was ist denn mit dir los? Man hat dich ja wer weiß wie lange nicht gesehen,« fragte Clement. »Bist du Einsiedler geworden?«

»Dazu bin ich noch nicht alt genug,«

»Dann halten dich wohl die schönen Augen dieser jungen Dame hier fest?« Und mit ironischer Kopfbewegung bezeichnete Thauziat Fräulein von Graville.

Das Herz Louis' schlug schneller, er fühlte, daß der Freund seine Frage in weit ernsterem Sinn gestellt hatte, als der Ton seiner Worte erraten ließ, und daß dieselbe eine freimütige Antwort erfordere. Einen Augenblick war es ihm, als müsse er sagen: Ja, ich habe sie gern und würde glücklich sein, von ihr geliebt zu werden; aber sein Stolz empörte sich dagegen. Der Gedanke an die bescheidene Lebensstellung des jungen Mädchens hielt ihn ab, ein Gefühl zu verraten, das schon große Macht über ihn gewonnen. Er fürchtete den Spott und war wohl auch nicht frei von Eifersucht, denn er erinnerte sich nur zu wohl der lebhaften Bewunderung Thauziats, als dieser Helene zum erstenmal gesehen, dachte an seine stürmische Verfolgung und hielt es für klüger, die Aufmerksamkeit des Verführers nicht zu erregen und sich nicht auszusprechen.

»Dieses Gesellschaftsfräulein!« sagte er in wegwerfendem Tone, der indes etwas erzwungen klang. »Liebschaften im eignen Hause sind entsetzlich unbequem. Wenn man sich gezankt hat, wagt man sich nicht wieder nach Hause, oder man muß die Betreffende an die Luft setzen, und das sind doch Büttelmanieren. ... Dazu ist mein Herz zu weich, ich thue nicht gern andern Leuten 'was zuleide. Findest du sie übrigens nett?«

»Sehr nett, und da die Festung nicht belagert wird ...«

»Aber Clement, sie ist bei meiner Großmutter!«

»Sei ruhig, ich werde dein Haus achten ...«

»Sie ist ein Mädchen aus guter Familie ...«

»O, so kann man sie ja heiraten,« sagte Thauziat lachend. Dann fuhr er ernster fort, indem er seinen Freund durchbohrend anblickte: »Du bist ja heute ausnehmend tugendhaft, hast du einen Hintergedanken? Heraus damit!«

»Keinen.«

Zweimal hatte Thauziat hiermit seinem jungen Freunde Gelegenheit gegeben, offen und ehrlich zu sprechen, und zweimal war dieser vor einem Geständnis zurückgeschreckt, ohne zu ahnen, daß er mit diesem Schweigen viel Herzeleid für sich und andre heraufbeschwor.

Sie näherten sich nun der von den drei Damen gebildeten Gruppe und begannen bei der jetzt rasch zunehmenden Dunkelheit zu plaudern. Emilie, die anfangs still gewesen, taute nach und nach auf und geriet mit Thauziat in ein Gespräch, fesselnd und geistsprühend, wie nur zwei Virtuosen der Konversation es zu führen vermögen, und was in dem stillen Garten an Geist und Witz verschwendet wurde, wäre wert gewesen, von Hunderten bewundert zu werden. Es schien, als ob Clement sich in seinem ganzen Glanze zeigen wollte, und Emilie, glücklich über die Gedankengemeinsamkeit zwischen ihm und ihr, bemühte sich, ihm stets ein neues Thema für seine Variationen zu liefern.

Frau Hérault, Helene und Louis hörten ihnen bis elf Uhr zu, ohne zu bemerken, daß die Nachtluft kühler und daß es in der Stadt immer stiller wurde. Erst der Ruf Louis': »Es ist bald Mitternacht«, unterbrach den Zauber des Abends. Etwas ermattet erhob sich Frau Hérault; alle traten ins Haus und verweilten einen Augenblick im Flur, während Emilie mit Hilfe der sie erwartenden Kammerfrau ihren Mantel umnahm.

»Das war ja ein reizender Abend,« sagte die Großmutter. »Den man leicht wiederholen könnte,« fiel Emilie ein, »wenn Herr von Thauziat wieder einmal Neigung zu solch kleinen Excessen fühlt.«

Dieser lächelte, ohne zu antworten. Er wollte keine allzu große Beflissenheit zeigen, verneigte sich vor Frau Hérault und Fräulein von Graville, drückte Louis die Hand und sagte dann zu Fräulein Lereboulley gewendet: »Ich begleite Sie an Ihren Wagen.«

Sie gingen, und die drei Hausbewohner sahen ihnen nach.

»Clement ist doch ein prächtiger Mensch,« sagte Frau Hérault noch ganz begeistert. »Wenn man ihn so hört und sieht, käme doch kein Mensch darauf, daß er ein solcher Bösewicht ist – und doch ist er das, meine liebe Helene! Wie einfach und liebenswürdig war er doch während dieser beiden Stunden. ... Ich mag ihn trotz alledem gar zu gern leiden! ... Ich hoffe sehr, daß er bald wiederkommt ...«

»Mach dir keine Illusionen, Großmutter,« sagte Louis. »Thauziat versteht wie keiner die Kunst, sich vermissen zu lassen. Er hat heute abend ein Uebriges in Liebenswürdigkeit geleistet, und vor vierzehn Tagen wirst du ihn kaum wiedersehen.«

Im stillen wünschte Louis, daß es so sein möchte, aber er hatte sich getäuscht. Am übernächsten Tage kam Thauziat wieder, und als wäre eine ebenso tiefe Wandlung mit ihm vorgegangen, wie mit seinem Freunde, schien er plötzlich das größte Vergnügen am Familienleben zu finden. Von Frau Hérault war er ja stets wie ein Kind des Hauses behandelt worden, übrigens gab auch seine Freundschaft zu Louis eine genügende Erklärung für die Häufigkeit seiner Besuche ab. Clement stellte sich stets ein, wenn er sicher war, Helene bei Frau Hérault zu finden. Mit erstaunlichem Takt und großer Geschicklichkeit gab er sich den Anschein der Harmlosigkeit und schläferte so die Befangenheit Helenes ein, erweckte keinen Verdacht bei Frau Hérault und hätte fast sogar Louis getäuscht. Dieser sagte sich: »Clement hat mich wirklich gern, er hat es ja so oft bewiesen, warum sollte er nicht meinetwegen hierherkommen?«

Emilie war scharfsichtiger; vom ersten Augenblick an hatte sie Thauziat durchschaut. Der Blick für das, was ihr Qualen schafft, ist bei einer Frau, die unerwidert liebt, nur allzu durchdringend!

Am ersten Tage hatte sich Clement Fräulein von Graville aus Neugierde genähert. Dann wollte er wissen, was an dem jungen Mädchen sei. Durch das unwahre Schweigen Louis' verletzt, hatte er sich vorgenommen, sich an ihm zu rächen und seinem Freunde etwas bange zu machen. Er hatte mit dem Feuer spielen wollen, war aber selbst dabei warm geworden, und der Zauber Helenes hatte schließlich die Niederlage des Unbesiegbaren herbeigeführt.

Sie hatte ihn erobert, das war nicht in Abrede zu stellen. Er war glücklich, bei ihr zu sein, selbst wenn sie nicht mit ihm sprach; ganze Abende spielte er mit der Großmutter Bezigue, nur um das Recht zu haben, das junge Mädchen anzusehen, die mit einer Handarbeit neben dem Schreibtisch saß. In ihrer Nähe zu sein, dieselbe Luft mit ihr zu atmen, war ihm ein beseligendes Glück, wie er es noch nie gekannt; er fragte nicht, wohin der Weg führe, auf dem er mit Riesenschritten voranschritt, er wußte nur, daß es beglückend war, diesen Weg zu wandeln, beglückender als alles, was ihm das Leben bisher geboten. Auf jede Weise suchte er das Vertrauen Helenes zu erwerben und sprach bei sich bietender Gelegenheit sehr ernsthaft von ihrer Heimat, ihrer Familie, wie auch von den harten Lebenskämpfen, die sie so mutig bestanden. Er fand hierbei Worte von unendlicher Zartheit, mit denen er ihr seine Bewunderung für sie anzudeuten suchte, und es war ein seltsames Schauspiel, den im Kampf der Leidenschaften hart gewordenen Mann, solch weiches und reines Empfinden offenbaren zu sehen.

Nicht ohne Wehmut verfolgte Emilie das Thun und Treiben Clements und gab sich mit großer Klarheit über die verschiedenen Stadien der Leidenschaft, die er nacheinander durchlief, Rechenschaft, und als sie sich gleichzeitig überzeugte, daß Fräulein von Graville unempfindlich gegen die für sie doch so schmeichelhaften Huldigungen des gefährlichen Mannes blieb, trug dies nur dazu bei, die Achtung zu erhöhen, die sie vom ersten Tage an für das junge Mädchen empfunden. Weil sie selbst die Huldigungen dieses verführerischen Werbers mit Jubel begrüßt hätte, erschien ihr die feste und würdige Ruhe Helenes, ihre kühle Zurückhaltung, die nie über die einfache Höflichkeit hinausging, doppelt bewundernswert. Zuweilen schien es, als ob Helene überhaupt nichts von den Aufmerksamkeiten wahrnähme, deren Gegenstand sie war, und Emilie beschloß, dieses Herz, welches sein Empfinden so scheu zu bergen wußte, auf geschickte Weise zu ergründen.

Helene wurde wie eine Tochter Frau Héraults behandelt. Sie hatte ein Zimmer in der nächsten Nähe der Großmutter, und ein besondres Kammermädchen versah den Dienst bei ihr, außerdem war sie mit Geschenken aller Art überhäuft worden. Als sie, Frau Héraults Bitten nachgebend, zu ihr übergesiedelt war, hatte sich herausgestellt, daß ihre Garderobe für die neuen Verhältnisse vollkommen unzureichend war, und Emilie war die Aufgabe zugefallen, mit Fräulein von Graville die notwendigen Einkäufe zu besorgen, wodurch sie vom ersten Augenblick an miteinander vertraut geworden waren. Lereboulley seinerseits hatte die neue Freundin seiner Tochter freundlich aufgenommen und sie in sein Haus geladen, und Helene hatte sich von diesem liebenswürdigen Entgegenkommen sehr angenehm berührt gefühlt. Das excentrische Wesen Emilies befremdete sie wohl, aber sie begriff sofort, was für ein edler Charakter sich unter der sarkastischen Hülle barg, und erkannte, daß die Bitterkeit, die viele an dem armen Mädchen abstoßend fanden, ihr innerstes Wesen nicht zu vergiften im stande gewesen war. Sie wußte die Schätze zärtlichster Liebe zu entdecken, die im Grunde dieses einsamen Herzens wie Perlen unter dem Wogengewühl schlummerten. Sie sah, wie sie litt und unglücklich war, und schloß sich mit ihrer ganzen Natürlichkeit, in ihrer vollen naiven und selbstlosen Unbefangenheit, ohne irgend welches Mißtrauen an Emilie an.

So kam es, daß sie sich in wenig Wochen sehr nahe gekommen waren. Helene brachte manche Stunde in dem Atelier Emilies zu, denn sie hatte angefangen, mit vielem Geschmack auf Porzellan zu malen, und während sie, mit einer großen Malschürze angethan, über den Tisch gebeugt den Pinsel führte, malte Fräulein Lereboulley ihr Porträt. Eines Nachmittags, als Emilie, eine Cigarette im Munde, Helene, die einen von der Wand des Ateliers herabgenommenen persischen Teller kopierte, Ratschläge erteilte, sagte sie zu ihrer Schülerin: »Ich bin nicht unzufrieden mit Ihrem Porträt, es wird gut. ... Wenn Sie nichts dagegen haben, schicke ich es auf die internationale Ausstellung zu Petit.«

Helene sah auf, legte ihren Pinsel beiseite und sagte: »Wie Sie wollen, nur meine ich, Sie könnten etwas Anziehenderes dorthin schicken, als mein Gesicht.«

»Ist das aufrichtig gemeint? Wissen Sie wirklich nicht, daß Sie außerordentlich hübsch sind? Thauziat, der Kenner ist, könnte Sie über den Punkt aufklären; er läßt Sie ja keinen Moment aus den Augen.«

Eine leichte Röte bedeckte die Stirn Helenes, aber sie antwortete nicht. Emilie wollte sie aufs Aeußerste treiben. »Haben Sie nicht bemerkt, daß er Sie liebt?«

»Glauben Sie, daß Herr von Thauziat es der Mühe wert findet, sich mit mir zu beschäftigen?«

»Für ›verlorene Liebesmüh‹ hält er dies keinesfalls – da können Sie ruhig sein!«

»In diesem Falle irrt er sich vollständig,« sagte Fräulein von Graville ernst.

Emilie atmete erleichtert auf. Daß Thauziat Helene liebte, darüber hatte sie Gewißheit und ach! sie konnte ja den Mann, den sie hoffnungslos anbetete, nicht abhalten, ein Auge für andre zu haben. Sie wußte, daß er bisher noch keiner Frau begegnet war und schwerlich je einer begegnen würde, die dem Zauber seiner Persönlichkeit nicht erlegen, und doch wäre es ein tiefer Schmerz für sie gewesen, wenn Helene seine Liebe erwidert hätte. Sie als ihre beglücktere Nebenbuhlerin zu sehen, wäre ihr fast unerträglich gewesen, denn damit wäre zugleich einer Freundschaft der Todesstoß gegeben, die ihrem Herzen fast ebenso teuer war wie ihre Liebe. Jetzt war sie beruhigt, Helene war dem Zauber nicht verfallen und war siegreich aus dieser furchtbaren Probe hervorgangen. Ein so stolzer Mund log nicht.

Als sie erfahren, was sie wissen wollte, ließ Emilie das Thema fallen, und es war zwischen den beiden Mädchen nicht mehr von Clement die Rede.

Nachdem sie bei Helene so rasch zum Ziele gelangt, beschloß sie, Thauziat über seine Zukunftspläne auszuforschen. Sie wußte, daß diese Aufgabe weniger leicht und daß dieses ein andrer Gegner war, als das unbefangen vertrauensvolle junge Mädchen. Clement selbst bot Fräulein Lereboulley die gesuchte Gelegenheit. Eines Abends, nach einem größeren Diner bei Lereboulley, saß er im Salon und hörte geduldig zu, wie Lady Olifaunt mit weit mehr Selbstbewußtsein als Gesangskunst die herrliche Klage des Cid sang: ›Pleurez mes yeux...‹ Als die schöne Engländerin unter Beifallssalven geendet, setzte sich Emilie neben Clement und sagte, auf Diana zeigend: »Man hat ihr so oft gesagt, daß sie hunderttausend Franken in ihrer Kehle habe, daß sie wirklich die schrecklichsten Anstrengungen macht, um sie aus derselben herauszufördern.«

»Es muß ihr furchtbar weh thun,« sagte Thauziat kalt, »denn sie stößt klägliche Schmerzenslaute aus.«

»Louis scheint für den Dienst, den Sie ihm erwiesen, indem Sie ihn mit dieser Schönen entzweiten, kein rechtes Verständnis zu haben ...«

»Doch; er ist hübsch zu Hause geblieben ...«

»Wenn Fräulein von Graville unsre Einladung angenommen hätte, wäre er wohl gekommen.«

»Glauben Sie, daß er nicht mehr ohne sie leben kann?«

»Ich glaube, daß er eine entschiedene Neigung für sie hat, die von Frau Hérault außerordentlich begünstigt wird.«

»Sie möchte ihn also mit Fräulein Helene verheiraten?«

»Von etwas andrem kann doch wohl bei Helene von Graville nicht die Rede sein?«

Thauziat antwortete nicht; er versank in tiefes Nachdenken und schien Emilies Gegenwart vollkommen vergessen zu haben.

Sie wagte nicht, ihn aus seinem Sinnen zu reißen, hätte aber viel darum gegeben, wenn sie die Gedanken hätte ergründen können, die diesen selbstherrlichen Geist bewegten. Nach einigen Minuten des Schweigens blickte er auf und sagte, das Gespräch fortsetzend, als ob es keine Unterbrechung erlitten hätte: »Vielleicht ist sie in der That die Frau, die er braucht. Wenn sie Einfluß auf ihn zu gewinnen versteht, kann alles gut gehen.«

»Ich glaube, er hat sie sehr lieb,« fügte Emilie hinzu.

Die Augen Clements leuchteten unheimlich, um seine Lippen zuckte es heftig, gleich darauf faßte er sich aber und sagte gleichgültig: »Wohl bekomm's ihnen! ... Mögen sie beide glücklich werden und viele Kinder haben.«

Er erhob sich, und Emilie konnte nichts mehr aus ihm herausbringen.

Die alte Frau Hérault machte durchaus kein Hehl aus ihren Gefühlen, sie schwärmte geradezu für Helene; nie im Leben war ihr so viel Liebe und Aufmerksamkeit zu teil geworden, nie war sie so gepflegt und verwöhnt worden, wie jetzt. Die von jeher an stillschweigende Unterwerfung gewöhnte Frau hatte nur mit äußerstem Widerstreben die Zügel der Regierung übernommen und die Verwaltung ihres Vermögens und die Führung des Haushaltes stets als eine Last empfunden, die sie nun freudig auf die Schultern des Fräuleins von Graville ablud, die es merkwürdig verstand, sich Gehorsam zu verschaffen. Sie hatte eine sanfte und milde Art zu befehlen und war bei all ihren Untergebenen in kurzer Zeit höchst beliebt. Der Haushofmeister, der eine Macht im Hause darstellte, sagte eines Tages zu Frau Hérault: »Ein Befehl von Fräulein Helene ist mir lieber, als eine Bitte von hundert andern.«

Die Großmutter konnte mit Freuden konstatieren, daß ihre Pflegetochter alle Welt bezauberte und nach und nach, scheinbar ohne ihr Zuthun, eine unbestreitbare Autorität gewonnen hatte. Sie pflegte zu sagen: »Was sollte wohl aus mir werden, wenn Helene mich jetzt verließe?« Es war außer allem Zweifel, daß ihr Enkel ihr mit nichts auf der Welt eine so große Freude gemacht haben würde, als wenn er sie eines schönen Morgens um ihre Erlaubnis gebeten hätte, Helene zu heiraten. Aber Louis begnügte sich damit, das Glück zu genießen, welches ihm die Gegenwart des Fräulein von Graville bereitete, und dachte nicht daran, eine Aenderung dieses für ihn höchst erfreulichen Zustandes herbeizuführen. Er gehörte zu den Leuten, die sehr schwer einen Entschluß fassen, die aber, wenn dies geschehen, daran festhalten, selbst wenn sie erkennen, daß er nicht zu ihrem Heile gereicht. Nach der Unterredung mit Emilie ließ sich Clement zum großen Erstaunen des kleinen Kreises mehrere Tage nicht im Faubourg Poissonnière sehen. Louis traf ihn bei Lereboulley und in St. Denis, denn das französisch-amerikanische Kabelunternehmen war in eine ernste Phase getreten. Nach reiflicher Ueberlegung hatte der Senator auf den Rat Thauziats beschlossen, eine anonyme Gesellschaft zu gründen und mit Louis und dem reichen Yankee J. Arthur Smithson fast sämtliche Aktien zu erwerben. Die beiden Kabelenden sollten in Brest und Panama liegen, und es mußte die Durchstechung der Landenge das Unternehmen später zu einem ganz bedeutenden machen. Lereboulley war bei dem Gedanken, der englischen transatlantischen Kabelgesellschaft einen Streich zu spielen, sehr vergnügt; war es ihm doch, als ob er in seinen englischen Landsleuten den ihm so verhaßten Sir James träfe. Er veranstaltete Konferenzen, in denen er seine Ideen entwickelte, fragte Thauziat um Rat, verlangte von ihm seine Zustimmung, die sein Associé ihm nur widerstrebend und sichtlich zerstreut erteilte. Dieser sonst so klare und hellblickende Kopf war augenscheinlich abgespannt und verstört. Louis, dem diese Schwäche und Apathie keineswegs entging, gewann dadurch an Selbstvertrauen und fing an, sich zu sagen, daß er Clement bisher überschätzt habe. Unfähig, die Stürme, deren Folge die Abgespanntheit Thauziats war, auch nur zu ahnen, lächelte er und sagte sich: Ich kann ruhig mit ihm in die Schranken treten und werde schon siegen. Er hatte sogar die Kühnheit, seinen Freund zu fragen, warum man ihn nicht mehr im Faubourg Poissonnière sähe. Thauziat warf ihm einen Blick zu, in welchem Louis die volle spöttische Schärfe früherer Tage wiedererkannte, und sagte ruhig: »Wenn dir daran liegt, daß ich komme, so kann ich dir ja den Gefallen thun.«

Hérault blickte gereizt auf und sagte mit einer gewissen Ueberlegenheit: »Meine Großmutter wird sich über deinen Besuch freuen, um so mehr, als wir bald nach Boissise überzusiedeln gedenken.«

»Dort kann ich euch ebenso leicht besuchen, wie in Paris ... wenn ich erst wieder von Innsbruck zurück bin.«

»Du gehst nach Oesterreich?«

»Ja, ich gedenke den Fürsten von Windischgrätz, die mich schon seit Jahren dazu auffordern, einen Besuch zu machen und mit ihnen Gemsen zu jagen.«

Louis folgerte aus diesem Reiseplane ohne weiteres, daß Thauziat keineswegs mehr an Helene denke, und ein großes Sicherheitsgefühl trat an Stelle seiner lebhaften Unruhe.

Und doch dachte Clement jetzt mehr denn je an das junge Mädchen. Dieser feste, stolze Charakter ergab sich nicht ohne Kampf, und ehe er sich von der Leidenschaft besiegen ließ, die ihn erfaßt und die so ganz anders war, als alles, was er bisher unter diesem Namen verstanden, kämpfte er mit aller Kraft dagegen an. Er zergliederte seine Empfindungen, er erwog die Eigenschaften derjenigen, die ihm diese einflößte, und versuchte sich selbst zu beweisen, daß sie des Kummers, den er sich um ihretwillen machte, ja gar nicht wert sei. Er spielte seinem eignen Herzen gegenüber die Rolle des weisen Ratgebers und hielt sich alle Gefahren vor, die mit einer solchen Liebe verknüpft waren. Der Ausgangspunkt aller seiner Schlußfolgerungen war stets der Satz Emilie Lereboulleys: »Von etwas andrem als einer Heirat kann doch wohl bei Helene von Graville nicht die Rede sein!«

Heiraten war für ihn ein schwerer Entschluß, und Clement vermochte ihn vorläufig nicht zu fassen. Wenn es sich darum gehandelt hätte, Helene zu verführen oder sie Frau Hérault zu entführen, ihr zeitweilig einen Teil seiner Freiheit zu widmen, so würde er keinen Augenblick gezaudert haben. Weder Louis' Klagen noch die Entrüstung der Großmutter hätten Eindruck auf ihn gemacht, er würde, wie er es gewohnt war, sein eignes Verlangen über alles gestellt haben. Welches auch die Folgen seiner Handlungen gewesen wären, er wäre vor nichts zurückgeschreckt. Aber seinem ganzen Leben eine andre Richtung, seiner gesellschaftlichen Stellung ein andres Gepräge geben, von heute auf morgen seine ganze Zukunft umgestalten, und alles das einer Frau wegen? Er lachte – es klang wohl etwas krampfhaft – aber er lachte und schwur dabei, daß er seine ganze Vergangenheit so nicht Lügen strafen werde.

Dann hieß es also auf Helene verzichten? Ja, erwiderte seine Vernunft, aber sein ganzes Wesen empörte sich bei dem Gedanken, daß sie einem andern angehören, daß eines andern Arm sie einst umschließen möchte, und daß diese ernst dreinschauenden Augen eines Tages von einer Seligkeit strahlen könnten, die nicht er ihr gegeben. Sobald diese Vorstellung über ihn kam, wußte er nicht, wie er sie verjagen sollte. Die Einsamkeit, in der er so viele kühne Pläne ausgearbeitet, so viele glückliche Träume geträumt, war ihm jetzt verhaßt. Er fühlte das Bedürfnis, auszugehen und sich Bewegung zu verschaffen, aber wohin er sich auch wandte, überall verfolgte ihn ihre Gestalt, und immer schienen ihre Augen ihn zu fragen: Warum fliehst du mich, würde ich dir nicht eine treue Lebensgefährtin sein, würdest du mich nicht stets an deiner Seite finden, immer bereit, dich zu ermutigen und zu bewundern? Dein Ehrgeiz hätte wenigstens einen Zweck, dein Streben würde kein egoistisches mehr sein, und wie würden deine Siege erst schön werden, wenn wir beide uns gemeinschaftlich ihrer freuten!

Vergeblich versuchte er sich diese quälenden Gedanken aus dem Sinn zu schlagen. Er gewöhnte sich, wieder täglich zu Lady Olifaunt zu gehen, denn dort war er noch am sichersten gegen sich selbst. Das Haus der schönen Engländerin war eine Art Laterna magika, in welcher die mannigfaltigsten und verschiedenartigsten Persönlichkeiten vorbeizogen. Dort blieb ihm keine Muße zum Denken und Träumen, dort fand er die Zerstreuung, die für ihn das einzige Heil war.

Diana hatte ihn gleich am ersten Tage über seine Entdeckungen im Héraultschen Hause ausforschen wollen. Clement hatte ihr aber so widerstrebend Antwort gegeben, daß sie nicht weiter in ihn gedrungen war, so lebhaft ihre Neugierde auch gewesen sein mochte. Sie wußte zu genau und seit zu langer Zeit, mit wem sie es zu thun hatte, um sich ihm gegenüber irgend eine Freiheit zu nehmen, wenn er nicht in der Stimmung war, es ihr zu gestatten. Einen Augenblick hatte sie ihn in Verdacht gehabt, verliebt zu sein, aber daß er in diesem Falle nicht Gegenliebe finden sollte, schien ihr so unwahrscheinlich, daß sie sich gar nicht die Mühe genommen hatte, Näheres zu erfahren, und die schlechte Laune ihres Freundes ernsten geschäftlichen Sorgen zuschrieb. Sie wußte, daß er in große Unternehmungen verwickelt war, die vielleicht durch die allgemeine schlechte Lage und Geschäftsstockung gefährdet waren. Bei dem hohen Grade von Eigennutz, den sie selbst besaß, war ihr eine solche Unruhe mehr als verständlich, obwohl Lereboulley versicherte, daß Thauziat vollständig gedeckt, und daß seine Sorgen keinesfalls finanzieller Art sein könnten.

Diana versuchte ihn auf jede Weise aufzuheitern, aber zum erstenmal fand sie ihn kalt und unzugänglich für ihre Koketterien, ja er schien ihr Entgegenkommen nicht einmal zu bemerken. Er behielt stets den kameradschaftlichen Ton ihr gegenüber bei und ging viel mit ihr aus, ohne sich darum zu kümmern, wohin sie ihn führte. Sie pflegten sich dann irgendwo mit Sir James, der stets mit einem neuen, im Hotel Drouot oder bei einem Antiquitätenhändler erstandenen Kunstgegenstand in der Tasche erschien, zu treffen und den Abend in einem fashionablen Restaurant oder einem kleinen Theater in Gesellschaft Lereboulleys zu enden.

Als Clement und Diana eines Tages gegen fünf Uhr durch die Rue de Sèze fuhren, fielen ihnen die Plakate einer Gemäldeausstellung auf, und die schöne Engländerin kam auf den Einfall, dieselbe zu besuchen; sie ließ halten und trat ein. Es war eine jener vom »Salon« unabhängigen kleineren Ausstellungen, deren in den letzten Jahren so viele entstanden sind, Kunsttempel, in denen jedem Künstler eine besondre Kapelle eingeräumt wird. Vornehme Dilettanten geben sich in denselben ein Stelldichein mit den berufsmäßigen Malern, und ihr zuweilen großes Talent bildet einen nicht zu unterschätzenden Anziehungspunkt für diese Unternehmungen.

Es war der Eröffnungstag, und das Publikum drängte sich in den großen Salons. Diana und Clement betrachteten zerstreut die an der Wand hängenden Bilder und hatten mehr Auge für die sie umgebenden Besucher als für die Kunstwerke.

Sie waren schon mehreren Bekannten begegnet, hatten mehr oder minder verbindliche Grüße ausgetauscht, als der Ausruf: »Das ist von Fräulein Lereboulley,« der in einer benachbarten Gruppe laut wurde, ihre Aufmerksamkeit erregte. Sie traten näher, und plötzlich blieb Clement unbeweglich, starren Auges stehen. Auf einem in schwarzem Rahmen befindlichen Bilde erkannte er sie, mit ihrem ernsten Lächeln und den stolzen Augen, sie, an die er ohne Unterlaß zu denken gezwungen war. Diana sah ihn erstaunt an und fragte, als sie ihn vor dem Porträt finster stehen bleiben sah: »Nun Thauziat, was gibt es denn?«

Er antwortete nicht. Das Bild schien ihn festzubannen, seine Augen konnten sich nicht davon losreißen.

Lady Olifaunt fragte sich: Wer ist die Frau, die auf diesen starken Geist eine so mächtige Wirkung auszuüben vermag, daß er alles um sich her vergißt und sich seinem Entzücken so vollständig überläßt? Ist sie die Ursache seines veränderten, unnatürlichen Wesens, für das wir nirgends eine Erklärung finden konnten? Wer mag sie sein? Emilie Lereboulley kennt sie; und doch bin ich ihr nie begegnet, ihre Züge sind mir völlig fremd.

Sie dachte nach, überließ Clement seiner Bewunderung und betrachtete die Menge, die langsam, sich mit gedämpfter Stimme unterhaltend, hin und her wogte, als ein Ausruf ihres Begleiters sie veranlaßte, sich umzudrehen: vor ihr stand das Original zu dem Bilde, von Emilie Lereboulley und Louis Hérault begleitet.

Clement war sehr blaß geworden. Diana lächelte und murmelte zwischen den Zähnen: »Jetzt verstehe ich alles!« Nur wenige Schritte trennten die beiden Gruppen. Unwillkürlich war Helene stehen geblieben, als sie Thauziat mit der schönen Engländerin erblickte. Emilie war erbleicht und Louis hatte seinem Freunde einen Blick voller Seelenangst zugeworfen. Clement, der von allen Anwesenden am meisten erregt war, hatte sich dennoch zuerst gefaßt, war auf Helene zugetreten und hatte sie in jener respektvollen Weise begrüßt, die sofort anzeigt, daß man eine Dame von Rang vor sich hat.

»Wir bewunderten soeben Ihr Porträt, gnädiges Fräulein,« sagte er, »zuerst Ihretwegen, deren Züge es so treu wiedergibt ... dann aber auch jetzt, wo wir es mit dem Modell vergleichen können, des Malers wegen, dessen Kunst durch diese Vergleichung erst in das rechte Licht tritt.«

»Strengen Sie sich nicht allzusehr an, Herr von Thauziat,« sagte Emilie, »wir lassen uns die erste Hälfte Ihres Komplimentes gefallen ; Sie können die Schönheit des Modells loben, was aber die Arbeit betrifft ...«

Sie hielt inne und gab sich den Anschein, als ob sie jetzt erst Diana bemerke.

»Ah, meine liebe Lady Olifaunt. Verzeihen Sie, ich hatte Sie gar nicht gesehen ... Louis, Lady Olifaunt ...«

Louis verneigte sich, die Engländerin wendete aber nicht einmal den Kopf nach ihm. Sie verschlang mit den Augen die, in der sie die lange geahnte Rivalin zu erkennen glaubte. Sie biß sich auf die Lippen und ihre blauen Augen wurden stahlfarben. Dann trat sie einen Schritt vor und wendete sich an Emilie! »Meine Liebe, wollen Sie uns nicht miteinander bekannt machen? Ich würde glücklich sein, eine so reizende junge Dame kennen zu lernen, die Ihnen offenbar nahe steht ...«

»Und das sehr,« erwiderte Emilie in fast drohendem Tone. »Da Sie es jedoch wünschen. ... Liebe Helene, Lady Olifaunt, eine unsrer hübschesten Frauen ... gnädige Frau, Fräulein von Graville ...«

Diana bemerkte anscheinend weder die große Ungezogenheit, mit der Emilie die Vorstellung in verkehrter Reihenfolge vorgenommen hatte, noch den verächtlichen Ton, mit dem sie als ›eine unsrer hübschesten Frauen‹ bezeichnet worden war. Sie trat auf Helene zu und reichte ihr die Hand.

»Ich bin sehr glücklich, mein Fräulein, in der That sehr glücklich, Ihre Bekanntschaft zu machen. ... Sie sind eine Freundin von Fräulein Lereboulley, wir werden daher sicher Gelegenheit haben, uns öfter zu sehen. ... Es wird das für mich ein besondres Vergnügen sein ... glauben Sie mir.«

Sie neigte leicht den Kopf gegen Louis und sagte, zwischen ihm und Fräulein von Graville weiterschreitend, leise mit einer Ironie, die ihn erzittern machte: »Ich gratuliere Ihnen!«

Einen Augenblick noch heftete sie, ohne zu sprechen, den Blick starr und höhnisch auf Helene und Louis, dann sagte sie halblaut vor sich hin: »Entschieden sehr hübsch.«

Darauf nahm sie den Arm Thauziats, grüßte die beiden Damen flüchtig, rief laut: »Auf Wiedersehen!« und verschwand.

Helene folgte ihr einen Augenblick mit den Augen, bewunderte die Grazie ihres Ganges, die Schönheit ihrer Figur, die ruhige Anmut ihrer Bewegungen und wendete sich dann an Emilie mit den Worten: »Das ist also die berühmte Lady Olifaunt, von der ich euch so oft habe sprechen hören?«

»Ja, mein Herz, die göttliche Diana in Person, die Gattin des Barons Sir James Olifaunt.«

»Warum hat sie denn Herrn Hérault und mich so starr angesehen?«

»Weil sie deine Geschichte kennt und weiß, daß Frau Hérault dich wie eine Tochter liebt.«

Helene wurde plötzlich rot. Sie schüttelte den Kopf und sagte: »In ihren Augen lag etwas wie Haß. Ich bin arm und bescheiden, sie reich und stolz, weshalb mag sie mich hassen?«

»Weil es Naturen gibt,« erwiderte Emilie, »denen ihr eignes Glück nichts ist, und die nur das der andern in Berechnung ziehen. Der Neid verdirbt ihnen jeglichen Genuß. Sie sind nur dann wahrhaft glücklich, wenn sie alle andern bekümmert und trübselig wissen oder glauben. Diana gehört zu diesen. Sie hat dich glücklich und froh, von Freunden umgeben gesehen, sofort vergißt sie ihr eignes Glück, das Heer ihrer Bewundrer. Ein Augenblick hat hingereicht, dich ihr hassenswert zu machen – sie hat gefühlt, daß du glücklich bist!«

»Wenn dem so ist, hat sie Grund zum Haß,« sagte Helene mit dem Ausdruck tiefen Ernstes. »Ich bin glücklich.«

Einen Augenblick war es Louis, als ob er auf das junge Mädchen zueilen müßte, ihre Hand ergreifen und ihr seine Freude über dieses Wort ausdrücken. Ein Blick Emilies verhinderte ihn daran, und so folgte er, von stiller Seligkeit erfüllt, der, die ihn wie sein guter Engel, einer sonnigen Zukunft entgegenzuführen schien.

Inzwischen setzte Lady Olifaunt am Arme Clements ihren Rundgang fort. Allerdings sah sie weder die Bilder an, noch suchte sie in der Menge nach bekannten Gesichtern. Sie war ganz in Gedanken versunken und bemerkte kaum, daß sie die Steintreppe herabgestiegen waren und sich im Vorraum vor dem Tourniquet befanden. Kaum waren sie aber in den Wagen gestiegen, als sie sich an ihren Begleiter wendete und ihm pikiert sagte: »Das ist also das Gesellschaftsfräulein, dem dieser kleine Einfaltspinsel von Louis zu Hause den Hof macht? Sie ist gar nicht übel, ich verstehe schon, daß die alte Frau Hérault von ihr entzückt ist. Eine Geliebte im Hause, das ist ja der Traum aller Mütter. ... Auf diese Weise geht der süße Knabe nicht mehr aus, und die Liebe, die sonst so viel Unheil anrichtet, bringt ihn ins Geleise.«

Sie hätte ihrer Wut vermutlich weiter in Worten Luft gemacht, wenn Thauziat ihr nicht die Hand auf den Arm gelegt und gesagt hätte: »Fräulein von Graville ist ein tadellos anständiges Mädchen. Ich würde Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie in meiner Gegenwart ihren Namen nicht mehr nennen wollten.«

Bei diesen Worten ging Diana ein Licht auf. Sie stieß einen kleinen Schrei aus, schlug mit dem Sonnenschirm in die Hand und rief: »Gott, was bin ich dumm! Das nicht zu begreifen, aber jetzt habe ich alles verstanden. Sie lieben Fräulein von Graville und sind der Rivale Louis Héraults! Sie, Clement, Sie!«

Er antwortete nicht, sein Gesicht blieb unbeweglich; aber seine Finger spielten krampfhaft mit den Handschuhen, die er ausgezogen.

»Wissen Sie, daß das ein großer Triumph für das junge Mädchen ist? Den schönen, unbesieglichen Thauziat so in Aufregung zu versetzen. Und sie widersteht diesem Herzenbesieger?«

»Ich habe ihr niemals ein Wort gesagt, welches sie auch nur ahnen läßt, daß ich sie liebe.«

»Daß ich sie liebe,« wiederholte Diana. ... »Das Wort macht mir ehrlich gestanden, in Ihrem Mund einen sonderbaren Eindruck, wenn es einer andern, als mir gilt.«

»Dann sind Sie also gleichzeitig auf mich und auf Louis eifersüchtig« erwiderte Thauziat, um dessen Lippen ein flüchtiges Lächeln spielte.

»Wenn ich die Wahrheit sagen soll, so mißfällt mir euer Fräulein gründlich! In Ihrem Inneren glüht also heimlich ein heiliges Feuer für dieselbe. Das ist für einen so praktischen Menschen ein bißchen sehr romantisch, mein Lieber. Darum gehen Sie seit vierzehn Tagen umher wie eine Seele im Fegfeuer. ... Was kann man thun, um Ihnen zu helfen? Soll ich bei der Schönen um ihre Hand anhalten für Sie? Ich will für diesen Fall Mutterstelle an Ihnen vertreten. Wissen sie was? Lereboulley und Sir James als Zeugen, das wäre nicht übel.«

»Scherzen Sie nicht, Diana, es handelt sich um ernste Dinge.«

»Mein Gott, gibt es denn noch ernstere Dinge als Heiraten? Oder wollen Sie das Fräulein nicht heiraten? Also braucht es das bei ihr nicht?«

»Ich will vergessen. Zum erstenmal in meinem Leben bin ich nicht Herr meiner selbst. Sie kennen mich hinreichend, um zu wissen, daß ich darunter leide. Was ist der Mensch aber, wenn sein Herz spricht? Bisher hat das meine sich den Anforderungen meines Verstandes unterordnen müssen, auch diesmal will ich es zwingen, zu gehorchen ... ich werde abreisen.«

»Lieber Freund,« sagte Diana, »Trennung ist ein ganz wirksames Mittel gegen Capricen, eine wirkliche Leidenschaft wird dadurch nur angefacht!«

»Wenn ich allzu sehr darunter leide, werde ich wiederkommen, und dann ist mein Entschluß gefaßt, ich werde alles thun, damit sie mein werde.«

»Und wenn sie einen andern liebt?«

»Dann wehe ihr, ihm und mir selbst.«

»So laß ich mir's gefallen, jetzt erkenne ich Sie wieder.«

Clement antwortete nicht. Diana lag in die Kissen ihres Wagens geschmiegt und überließ sich ihren Träumen. Sie sah im Geiste Louis vor sich, wie sie ihn wiedererobert, wie er zu ihren Füßen lag, wie sie ihn mit grausamer Freude durch geschickt geschürzte Bande an sich fesselte und dann sich an dem von ihrem Liebeszaubertrank berauschten Sklaven für die Demütigung rächte, die er ihr zugefügt.

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