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Sie will. - Band 1

Georges Ohnet: Sie will. - Band 1 - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefiction
authorGeorges Ohnet
titleSie will. ? Band 1
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeVierter Jahrgang. Band 16.
year1888
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zweites Kapitel.

Zwischen Longueville und Saint Aubin auf der Straße von Rouen nach Dieppe liegt das kleine Dorf Graville, Es besteht aus etwa hundert weißen, mit Ziegeln oder Stroh gedeckten Häusern, die in Gruppen aus dem Grün der von der lieblichen Scie durchflossenen Obstgärten hervorlugen. Auf dem Gipfel eines mit dunkellaubigen Buchen bestandenen Hügels erhebt sich das Schloß mit seinen Türmen aus rotem Backstein, die eine schöne Fassade im Renaissancestil mit monumentaler Freitreppe einschließen, von der man auf eine mit uralten Fliederbäumen umrahmte Terrasse mit großen Blumenbeeten hinabsteigt. Eine auf einer Marmortafel angebrachte Inschrift meldet, daß Heinrich IV. die Nacht vor der Schlacht von Arques in Graville zugebracht. Hier, in einem Parterresalon, auf einem sorgfältig aufbewahrten, mit kostbarer italienischer Marquetteriearbeit geschmückten Tische soll der siegreiche König das berühmte Billet geschrieben haben: »Hänge dich auf, tapferer Crillon, wir haben in Arques gesiegt, und du warst nicht dabei!«

Einige hundert Schritte von der Parkmauer entfernt, am Ufer des Baches hinter einer Wand von Pappeln steht die Fabrik von Le Glandier, mit ihren von der Feuchtigkeit verwitterten, vom Rauch geschwärzten Mauern; dort wird das zum Schiffsbeschlag verwendete Kupfer gewalzt, werden die Kessel für die Dampfschiffe gehämmert und die Maschinenrohre gegossen. Le Glandier gehört zu der Gemeinde Graville. Als der Graf Bernard im Jahre 1814 den dänischen Marinedienst verlassen, in dem er während der Dauer der Revolution und des Kaiserreiches gestanden, hatte er das Walzwerk gegründet, um den braven Dienern, die seine Verbannung geteilt hatten, Arbeit zu geben. Herr von Graville, der über alle wissenschaftlichen Entdeckungen stets gründlich unterrichtet war und die Umwandlung, welche die Anwendung des Dampfes auf das Schiffahrtsmaterial notwendigerweise hervorrufen mußte, voraussah, richtete im Jahre 1826 neben seinem Walzwerke die Fabrikation gehämmerter Dampfkessel ein und war so in der Lage, den Schiffbauern von Havre alle nötigen Bestandteile zu liefern.

Der Leiter des Werkes war damals ein dreißig Jahre alter großer starker Bursche Namens Hérault, der sehr intelligent, aber vollständig ungebildet war. Er besaß ungewöhnliche Anlagen für die Mechanik; obwohl er nicht für notwendig erachtet, lesen zu lernen, hatte er doch ganz allein zeichnen gelernt. Er war der Erfinder eines selbstthätigen Ventiles von außerordentlicher Einfachheit, auf das hin seinem Herrn bedeutende Aufträge zugegangen waren. Da er sich durch Körperkraft und guten Wuchs auszeichnete, war er der Löwe von Graville. Zu seinen Eroberungen hatte er auch die Ehre, die »Fräulein Tochter« Vater Gandons, des Wirtes von Graville, zu zählen, bei welchem er freilich nur des Sonntags seinen Ciderschnaps zu trinken pflegte. In der Woche betrank er sich nie und galt daher für einen ordentlichen Menschen. Fifine, wie man vertraulich Fräulein Josephine nannte, hatte sich in Hérault verliebt, und dieser machte ihr den Hof. Des Abends konnte man ihnen häufig auf der Straße von Offranville an den Schleusen der Scie Arm in Arm begegnen, wie sie in die laue Nacht hinauswanderten. Dieses intime Verhältnis hatte zu einem kleinen Unglück geführt, welches Vater Gandon um so mehr in Aufregung versetzte, als Hérault, ein selbstsüchtiger, berechnender Sohn der Normandie, nicht im geringsten geneigt schien, dasselbe wieder gut zu machen. Er wollte sich keine Frau aufladen, die er als hindernde Last hinter sich herschleppen müßte. In seinen ehrgeizigen Träumen sah er sich in Havre oder wohl gar schon in Paris, dem fruchtbaren Boden, auf welchem originelle Ideen gedeihen und große Erträge liefern. Seit zehn Jahren sparte er an einem kleinen Kapital, welches es ihm ermöglichen sollte, Geschäfte auf eigne Hand zu machen und sich vom Arbeiter zum Herrn emporzuschwingen. Ruhig ließ er Fifine sich die Augen rot weinen und ging, um das Gezeter des Vaters nicht zu hören, einfach nicht mehr ins Wirtshaus.

Die Burschen im Orte meinten zwar: Ist dieser Hérault dumm, daß er nicht Gandons Tochter und Wirtschaft heiratet! Wer könnte es besser haben: Wohnung, gutes Essen und Trinken, dabei gehätschelt bis ans Lebensende! Sie wußten natürlich nichts von den Plänen ihres Kameraden, die viel zu hoch flogen, als daß sie ihnen hätten folgen können. Im Interesse seiner Zukunft hatte Hérault ernstlich mit allen Freuden der Gegenwart gebrochen und er kannte nun keine freie Liebe und kein Sichbetrinken mehr. Er schloß sich allein in sein Zimmer ein und zeichnete mit geschickter Hand allerhand Linien aufs Papier; er war einer neuen Entdeckung auf der Spur. Der Zufall jedoch, auf den er sein ganzes Vertrauen gesetzt, zwang ihm eine Änderung in seinem Leben auf, gegen welche er sich so hartnäckig gestemmt, und machte seine Verheiratung mit der kleinen Gandon zur Grundlage seines Glückes.

Frau von Graville, eine junge Frau von fünfundzwanzig Jahren, hatte aus ihrer Ehe mit dem Grafen Bernard einen zarten, schwächlichen Sohn, mit dem die sanfte und freundliche Fifine, wenn sie aufs Schloß kam, stundenlang spielte. Voller Scham und Verzweiflung hatte das von Hérault verstoßene arme Mädchen ihre Arbeit bei Frau von Graville eingestellt, und der kleine Knabe, dem die Genossin seiner Spiele fehlte, beklagte sich bitter über ihre Abwesenheit. Die Gräfin zog Erkundigungen ein, hörte von dem Vorgefallenen und beschloß, Hérault, von dem sie wußte, daß er auf dem Werke arbeitete, zur Erfüllung seiner Pflicht anzuhalten. Frau von Graville war beredt, sie war aber vor allem reich, und eine im richtigen Augenblicke angebotene Mitgift von dreitausend Franken stellte bei dem Werkführer so vollständig das Gleichgewicht zwischen Liebe und Ehrgeiz her, daß er im folgenden Monat mit Fräulein Gandon vor den Maire von Saint Aubin trat.

Nach Ablauf eines Jahres verließ Herault, im Besitz von sechstausend Franken, einer thätigen und hingebenden Frau, als Vater eines dicken Jungen, den man Pierre genannt hatte, Graville und etablierte sich in Havre, um die Erfindung eines Dampferzeugungsapparates auszubeuten, der die Dampfkessel in gewinnbringender Weise umgestalten sollte. Der arbeitsame und auf Gewinn erpichte Normanne war bei seiner Geburt schon als einer der wenigen ausersehen, denen alle Unternehmungen glücken.

Zehn Jahre später war er in Paris und besaß in Saint Denis ein ausgedehntes metallurgisches Etablissement. Die 1848er Revolution, die den Sturz so vieler Häuser im Gefolge hatte, wurde für ihn ein Anlaß des Glückes. Er benutzte den niedrigen Stand der Rente und kaufte mit seinem ganzen flüssigen Vermögen Staatspapiere. Im Jahre 1852, nach dem Staatsstreich, realisierte er sein Kapital und erwarb damit Grund und Boden in den Champs Elysées. Dieser ehemalige Arbeiter hatte mit einem wahrhaft genialen Scharfblick das Luxusbedürfnis der Pariser Bürgerschaft erkannt und vorausgesehen, daß das neue Regime das Entstehen von Prachtbauten begünstigen und daß der Wert des Grund und Bodens infolge der Spekulation sich verzehnfachen würde. Zu der Zeit, als er das von ihm am Triumphbogen angekaufte Gebiet in Lose teilen ließ, von denen der Meter zu tausend Franken wieder verkauft werden sollte, erstand er das Haus im Faubourg Poissonnière und bezog es mit seiner Frau und seinem schon sechsundzwanzig Jahre alten Sohne.

Während der ganzen Dauer des Kaiserreiches arbeiteten die beiden Männer unaufhörlich. Der alte Hérault lebte nur für seine Industrie und brachte sie auf den höchsten Gipfel der Vervollkommnung. Seine gewaltigen Werkstätten, in welchen in einem wahren Höllenlärm achtzehnhundert Arbeiter wimmelten, waren eine der Sehenswürdigkeiten von Saint Denis, und im Jahre 1867 erhielt der ehemalige Werkführer als Präsident der Maschinensektion das Offizierskreuz der Ehrenlegion. Allerhand hochfliegende Pläne begannen damals in seinem Kopfe zu wirtschaften. Als Hérault sich dank seiner Intelligenz und Thätigkeit so hoch gestiegen sah, hatte er den Ehrgeiz, an der Regierung seines Landes teilzunehmen. Es mußte für den ehemaligen Arbeiter, der zu seinen vom Eisenfeilstaube roten einstigen Gefährten in ihrer Sprache zu reden verstand, ein Kinderspiel sein, sich zum Deputierten von Saint Denis wählen zu lassen. Es genügte, daß er den Wunsch aussprach, um des Erfolges sicher zu sein. Und später – wer weiß? Vielleicht ein Ministerium der öffentlichen Arbeiten. Und dann, was für schöne Reformen, was für praktische Reglements: ein gesunder Sozialismus, für den er im Geiste des kaiserlichen Herrn Verständnis ahnte und der dem Volke eine Zeit fruchtbarer Arbeit in Sicherheit und Glück bringen mußte.

Da brach plötzlich der Krieg aus und vereitelte alle diese gewaltigen Pläne. Der alte Hérault, der an den Triumph Frankreichs glaubte, starb vor Kummer über die deutsche Invasion. Obwohl er ein starker Charakter war, konnte er doch den Anblick seiner in Artillerieparks verwandelten Werkstätten und seiner zu Lazaretten benutzten Bureaus nicht ertragen. Die hohen Schlote ohne den schwarzen Kohlenrauch und das in weißen Pulverdampf gehüllte Fort Briche waren für ihn ein zu ungewohntes Schauspiel. Noch vor der Kapitulation starb der brave Mann und hinterließ sein Vermögen seiner Witwe und sein Geschäft seinem Sohne.

Pierre war vierzig Jahre alt, als ihm die Leitung der Hüttenwerke zufiel. Seine Erziehung war eine harte gewesen, und unter der schweren Hand des »Herrn«, wie er seinen Vater zu nennen pflegte, hatte er wie jeder andre Angestellte gearbeitet. Das Haus verfügte schon über Millionen, und noch hatte der alte Hérault nichts in seinen kleinbürgerlichen Gewohnheiten geändert. Er hielt das nicht für notwendig, denn er war persönlich der bedürfnisloseste Mensch und gehorchte mit seinem Trachten nach Reichtum nur einem angeborenen Triebe. Er wie seine Frau Josephine standen im Sommer um fünf Uhr, im Winter um sechs Uhr auf und gingen mit Sonnenuntergang zu Bett. Zweimal im Jahre, am Namenstage Héraults und zu Ostern, nahm die Familie eine Theaterloge und sah sich das Stück an, von welchem gerade am meisten die Rede war.

Als sich Pierre Herault im Jahre 1860 mit der Tochter eines reichen Nudelfabrikanten verheiratete, stellte ihn der Vater in keiner Weise selbständig und verlangte, daß er den zweiten Stock seines Hauses bewohnen sollte. Das Leben dieser Familie in dem ungeheuren Hotel des Faubourg Poissonnière mit nur vier Dienstboten war ein verhältnismäßig armseliges. Die beiden Damen Hérault hatten jede ihr Hausmädchen; eine Köchin bereitete für beide Wirtschaften die Mahlzeiten, die gemeinsam eingenommen wurden, aber natürlich nicht in dem glänzenden Speisesaal, dessen Wände mit reizenden Darstellungen mythologischer Szenen geschmückt waren, sondern in einem kleinen Stübchen neben der Küche, das zur Zeit der früheren Herrschaft dem Haushofmeister als Büreau gedient hatte, in welchem er die Lieferanten empfing. Der einzige männliche Dienstbote war der Kutscher, der, wenn er Herrn Hérault von Saint Denis abgeholt, bei Tisch aufzuwarten hatte, ehe er sein Pferd putzte und den Wagen wusch.

Dieses Leben, welches Pierre Hérault von Jugend auf gewöhnt war, behagte seiner jungen Frau gar nicht. Im Kloster aufgewachsen, hatte sie eine sehr sorgfältige Erziehung und eine Lebens- und Weltanschauung erhalten, die nicht mit denen ihrer Schwiegereltern übereinstimmte; auch fand sie bei ihrem Manne bald Verständnis für ihre Klagen. Pierre, der, unterrichteter als sein Vater, für alle Fortschritte auf dem Gebiete des sozialen Lebens einen offnen Sinn hatte, litt unter der ihm aufgezwungenen, ihn wenig ansprechenden Lebensweise. Er kannte die Größe ihres Vermögens, da er selbst jedes Jahr die Abschlüsse aufstellte, tadelte daher die Knauserei seines Vaters, wagte jedoch nicht, dagegen zu protestieren. Die freie Verfügung über sein Gehalt und die Zinsen aus der Mitgift seiner Frau gestatteten ihm immerhin den Genuß einiger Vergnügungen. Aber er fürchtete bei jeder Ausgabe die Vorwürfe des »Herrn«, und die Jahre flossen eintönig, ohne Zwischenfälle oder Aufregungen in der täglich sich erneuernden Arbeit und ohne Lebensfreude dahin, da ihm der Genuß dieses sich täglich vermehrenden Vermögens versagt war.

Die alte Frau Hérault hatte ein sinnreiches und wenig kostspieliges Vergnügen gefunden, ihre Tage auszufüllen: sie hatte eine Leidenschaft für Blumen. Ihr Mann hatte ihr im Garten ein gegen Mittag gelegenes Treibhaus errichten lassen, in welchem sie mit der Sorgfalt und Ausdauer eines holländischen Blumenzüchters die schönsten und seltensten Orchideen zog. Das ehemalige Landmädchen hatte aber bei dieser Liebhaberei auch das Nützliche nicht außer Augen gelassen, sondern an der Hinterwand des Treibhauses Weinreben gezogen, die im Juli die wunderbarsten Trauben gaben. Diese Trauben, die am Schluß der Mahlzeit im Triumph vor Herrn Hérault hingesetzt wurden, entschuldigten ihm gegenüber die mäßigen Ausgaben seiner Frau. Die praktische Seite machte in den Augen des Arbeiters das Überflüssige dieses Zeitvertreibs wieder gut.

Die junge Frau Hérault, die keinen Gefallen an der Blumenzucht fand, tröstete sich mit ihrem Kinde, welches sie leidenschaftlich liebte und wie einen Prinzen herausputzte. Für den kleinen Louis, den Erben des Hauses Hérault-Gandon, dessen Unterschrift an der Bank von Frankreich für hochfein galt und das keine fünfzigtausend Franken das Jahr über für sein Leben in einem Hause ausgab, welches der Schauplatz rauschender Feste unter der Regentschaft gewesen, konnte kein Kleid reich gestickt, kein Spitzenbesatz kostbar genug sein. Die junge Frau nahm die wenig erfreuliche Gegenwart geduldig hin, in der Hoffnung auf den Glanz der Zukunft. Sie war zu gutmütig, den Tod ihres tyrannischen Schwiegervaters zu wünschen, aber sie konnte sich doch des Gedankens nicht entschlagen, daß er nicht ewig leben würde, und hatte die feste Zuversicht, daß dann nach Ablauf des Trauerjahres alles in der Familie einen neuen Anstrich erhalten würde. Das Schicksal hatte ihr diesen Genuß nicht bestimmt; sie starb achtzehn Monate vor dem alten Hérault und hinterließ ihren Gatten als Witwer mit einem sechsjährigen unerzogenen Sohne.

Glücklicherweise war die Großmutter da, die ohne Zögern nunmehr ihre Sorge zwischen ihren Blumen und ihrem Enkelkinde, der zartesten und gebrechlichsten aller Blumen, die sie bisher gepflegt hatte, teilte. Dieser Sproß eines Arbeitergeschlechtes war ein kümmerlicher, und fast schien es, als ob mit der Verfeinerung der Nachkommen auch ihr Lebenssaft an Gehalt verloren habe. Pierre war schon weniger stark und weniger rüstig bei der Arbeit gewesen, als der alte Hérault, und der kleine Louis war noch schwächlicher als sein Vater. Die Großmütter haben gewöhnlich für ihre Enkel eine leidenschaftlichere und nachsichtsvollere Liebe als für die eignen Kinder. Es scheint, daß das Herz des Menschen wie ein edler Wein mit den Jahren milder wird, vielleicht auch daß das Gefühl, nicht mehr allzu lang Liebe spenden zu können, ihre Zärtlichkeit wärmer und inniger macht. Die alte Frau Hérault hegte denn auch für ihren Enkel eine opferfreudige, grenzenlose Liebe; sie hatte diesem blauäugigen und blondlockigen Kinde, wenn sie es vermocht, die Welt zu Füßen gelegt. Den eignen Sohn hingegen behandelte sie mit auffallender Gleichgültigkeit; sie war mit ihm über alles einig, sagte »Ja und Amen« zu allem, was er vorschlug, denn der ehemalige Sklave hatte sich sehr schnell in einen Gebieter verwandelt. Alle ihre Mühen, alle ihre Sorgen, alle ihre Gedanken und Träume galten nur dem Kinde. Der große fünfundvierzigjährige Junge bedurfte der Mutter nicht mehr; er war über Nacht Hérault-Gandon geworden und in Rang und Stellung seines Vaters eingerückt; als Herr und Gebieter durfte er befehlen und er ließ sich nicht lange darum bitten.

In kurzer Zeit war das Haus vollkommen umgewandelt. Der sparsame Vater war noch nicht sechs Monate unter der Erde, als sich ein Schwarm Arbeiter auf das Haus stürzte, um dasselbe in den Stand zu setzen, in welchem La Grimonière es zu jener Zeit hinterlassen, als die leichtfüßigen Nymphen der Oper unter den Blattbaldachinen umherschwärmten und in den Grotten des Gartens mit den Canillacs und La Fares Versteckens spielten. Die wunderbaren Vergoldungen des Salons, die durch hundertjährige Vernachlässigung schwarz geworden, kamen unter dem Schwamme des Malers wieder zum Vorschein, Die gesäuberten und neu gefirnißten Hirten und Hirtinnen über den Thüren gewannen in ihren Rahmen wieder Leben. Als man die Tapete in einem Billardsaal abriß, entdeckte man prachtvolle Beauvais-Tapisserien, welche man barbarischerweise mit diesem modernen Papierfabrikat überklebt hatte. Von den Böden wurden die alten Holzgestelle der Sofas und Lehnstühle hervorgeholt, die dorthin verbannt worden waren, um dem berühmten, mit vergoldeter Bronze geschmückten Mahagoni des ersten Kaiserreiches Platz zu machen. Hérault hatte das seltene Glück gehabt, einen Tapezier, zu finden, der Geschmack besaß und der sich bemühte, ein des Hauses würdiges Mobiliar zusammenzustellen. Man begegnete infolgedessen in den Salons keinen geschmacklosen und schreienden Farben oder Stoffen, wie sie zu den Eigentümlichkeiten des zweiten Kaiserreiches gehörten. Die Möbel wurden mit denselben alten geblümten Seidenstoffen überzogen, mit denen auch die Fenster drapiert waren; das Treppenhaus wurde mit vier wundervollen Gobelins, die Schlachten Alexanders nach Lebrun darstellend, behangen, das schmiedeeiserne, von der Zeit geschwärzte Treppengeländer geschickt neu vergoldet. Nach wenigen Monaten entsprach der Luxus des alten Palastes aufs neue dem Reichtum seiner Besitzer, die Zahl der Dienerschaft verdoppelte sich, vier Pferde brachten wieder Leben in die Stallungen, elegante Wagen standen in der Remise und schon im ersten Jahre der neuen Herrschaft betrugen die Ausgaben das Dreifache von früher, ohne daß damit der vierte Teil der Jahreseinkünfte überstiegen worden wäre.

Hérault, der die Reparaturen nur mit Zittern und Zagen begonnen und sich bei der Umgestaltung seines Hauses zweifelnd gefragt: »Wie wird die Sache nur gehen?« bemerkte mit Vergnügen, daß das, was er selbst seine Tollheiten zu nennen pflegte, im Grunde nicht so unvernünftig war, und daß er, anstatt innezuhalten, ruhig damit fortfahren könnte. Dem bis dahin aller Luxusfreuden entwöhnten Manne gewährte nichts größere Befriedigung, als sich nunmehr die raffiniertesten derselben zu eigen zu machen. Immer mehr und mehr gab er sich einem süßen Nichtsthun hin; er stand nicht mehr, wie ihn der alte Hérault gewöhnt hatte, mit Tagesanbruch auf, gehörte jetzt einem Klub an und gestattete sich, wenn er des Nachts spät ausgeblieben, natürlich auch einen behaglichen, langen Morgenschlaf. Ein Unterdirektor und drei Ingenieure wurden mit der Verwaltung der Werke, die sein Vater und er lange Jahre hindurch allein geführt hatten, beauftragt; somit hatte er volle Zeit, sein Leben zu genießen.

Nach Ablauf seines Trauerjahres war er an der See einer jungen, sehr eleganten, sehr umworbenen Witwe begegnet, die ihn in ihre Kreise gezogen und es übernommen hatte, seine Erziehung für die große Welt zu vervollständigen. In ihrem Salon hatte er eine Anzahl von Herren und Damen getroffen, deren einzige Lebensaufgabe die Jagd nach Vergnügungen zu sein schien. Mit etwas mehr Lebenserfahrung würde er auf den ersten Blick erkannt haben, daß, wenn die Herren auch unstreitig Ehrenmänner, die meisten der Damen von zweifelhafter Tugend und nicht unzweideutiger Herkunft waren. Er sah jedoch nur die Annehmlichkeiten, die ihm in dieser Gesellschaft zu teil wurden, und bestritt mit Vergnügen den kostspieligen Luxus derjenigen, die ihm diesen Kreis eröffnet hatte. Mit seinen größeren Ausgaben verminderten sich aber seine Einkünfte, weil der Fabrik nichts das Auge des Herrn zu ersetzen vermochte. Nichtsdestoweniger befolgte er getreulich die Lehre jener Weltphilosophen, die da sagen: Man weiß nicht, was nach dem Tode kommt; wenn man vernünftig ist, macht man sich das Leben so angenehm wie möglich. Der alte Hérault, der jede unnütze Ausgabe als Verschwendung bezeichnet hatte, würde über diesen Materialismus des eleganten Klubmannes geschaudert haben, glücklicherweise aber schlummerte der Schöpfer des Vermögens in der Familiengruft, während sein Sohn sich den Verbrauch desselben angelegen sein ließ.

Pierre Hérault war übrigens nur ein halber Lebemann, der, wenn er auch das Werk des Vaters nicht in seinem ganzen Umfange fortführte, das Bestehen desselben doch nicht gefährdete. Er vermehrte sein Vermögen nicht, aber er ruinierte sich auch nicht, und bei all dem Verschwenderspielen war und blieb er im Grunde doch ein leidlich vernünftiger Mensch, der nicht mehr that, als daß er seine Jahreseinkünfte verzehrte. Das Geld wirklich zum Fenster hinauszuwerfen, war dem Sohne vorbehalten, der, von klein auf an Luxus gewöhnt, es in all den edlen Künsten, in denen sein Vater ein Stümper geblieben, zur Meisterschaft bringen sollte.

Sobald von einer geistigen Entwickelung bei dem Knaben die Rede sein konnte, machte sich eine entschiedene Vorliebe für alles, was Geld kostet, und ein ausgesprochenes Vorurteil gegen alles, was Geld einträgt, bei ihm geltend.

Obgleich er nicht unbegabt war, bestand er doch mit achtzehn Jahren keinerlei Examen, und es bedurfte allerhand Protektionen, damit er nur zum einjährigen Dienste zugelassen wurde. Als Großmutter Hérault ihren rosigen, schlanken, blonden Jungen, der etwas Mädchenhaftes hatte und innerhalb vierundzwanzig Stunden in einen Husaren verwandelt werden sollte, fortziehen sah, weinte sie bitterlicher, als sie es beim Verluste ihres Mannes gethan. Wie eine Seele im Fegefeuer, ohne Ruhe und Rast, durchwanderte sie die weiten Räume ihres Hauses, die ihr, seitdem der geliebte Enkel fort war, öde und leer erschienen. Sie vernachlässigte sogar die Pflege ihrer Blumen, und die kostbarsten Orchideen wurden von ihr keines Blickes gewürdigt. Nach einer Woche hielt sie es nicht mehr aus, reiste nach Evreux, wo das Regiment ihres Enkels in Garnison stand, und mietete sich dort im Gasthause ein.

Trotzdem sie nicht anspruchsvoll war, so behagte ihr der Aufenthalt dort so wenig, daß sie sich nach einem Hause in der Umgegend umsah, wo sie während der zwölf Monate des Martyriums ihres teuren Enkels, wie sie sich ausdrückte, bequem leben konnte. Leider war die Anwesenheit der guten Großmutter »dem lieben Kinde« keineswegs so vonnöten, wie die treue Seele angenommen hatte. Louis hatte lustige Kameraden gefunden und entdeckt, daß das Dienstjahr durchaus nichts Melancholisches hatte, um so weniger, als zehn oder zwölf verwöhnte junge Herrchen im Regiment waren, die sich in einem kleinen Bauernhaus einen regelrechten Klub eingerichtet hatten, in dem sich rauchen, trinken, spielen ließ, so gut wie irgendwo. Einige vielversprechende Jünglinge hatten auch ein paar hübsche Mädchen entdeckt, die gutherzig genug waren, ihnen das Leben zu verschönern, und so war wirklich die Anwesenheit einer Großmutter kein dringendes Bedürfnis.

Louis' erster Gedanke war, sie nach Paris zurückzuschicken; es ist jedoch nicht so leicht, sich derer zu entledigen, die einen vergöttern; alle seine Bemühungen, der Großmutter klar zu machen, daß er sich sehr wohl befände, daß alles gut ginge, daß er ihrer nicht bedürfe, vermochten die alte Frau Hérault nicht zur Abreise zu bewegen. Es blieb ihm also nichts übrig, als eine Wohnung für die gute alte Frau zu suchen, wobei es ihm natürlich darum zu thun war, eine solche nicht in unmittelbarer Nähe der Stadt zu entdecken. Er fand denn auch an den Ufern der Eure, zwischen den Waldungen Pacy und Breteuil ein sehr hübsches Schloß in Boissise-le-Roy, dessen Besitzer geneigt war, ihm sein Gut auf ein Jahr zu vermieten oder zu verkaufen, falls es ihm nach Ablauf dieses Jahres gefiele. Verschmitzt bemerkte der schlaue Husar, der eigentlich nur nötig gehabt hätte, seiner Großmutter den Aufenthalt daselbst zu empfehlen, um sie zum Mieten desselben zu bewegen, daß das Gut prachtvolle Treibhäuser besitze, und entlockte dadurch Frau Herault Freudenthränen über diese zarte Rücksicht auf ihr einziges Vergnügen, während im Grunde genommen dieser Egoist nur an das seinige gedacht.

Boissise lag auf einer hübschen Anhöhe etwa zwei Stunden von Evreux, und von den Fenstern des Schlosses konnte man die Stadt sehen. Louis zeigte seiner Großmutter den Kirchturm und sagte ihr dabei: »Mit einem Fernglas kannst du das Dach der Kaserne sehen. Auf diese Weise werden wir uns nahe sein, und du lebst dabei in reiner Luft. Mit guten Pferden erreichst du in drei viertel Stunden die Stadt, und des Sonntags komme ich mit meinen Freunden heraus.«

Frau Hérault mietete Boissise, ließ Wagen, Kutscher, Dienerschaft und was an Möbeln zur Vervollständigung des etwas dürftigen Schloßmobiliars dienen konnte, aus Paris kommen, und es gefiel ihr, nachdem alles eingerichtet, in ihrer neuen Behausung ganz ausgezeichnet. Die Treibhäuser machten ihr teils aus alter Passion, teils deswegen Freude, weil ihr kleiner Louis an diesen Zeitvertreib für sie gedacht hatte. Dieser drückte sich inzwischen mit Hilfe von Unteroffizieren, deren Herzen er durch Cigarren und Geld zu erobern wußte, soviel wie möglich vom Dienst und verbrachte seine Zeit mit animierten Poker- und Baccarat-Partieen und hübschen kleinen Festen im Café de Paris.

Als der Monat August herankam, entschloß sich Pierre Hérault, der seit sechs Monaten allen Bitten seiner Mutter, sie zu besuchen, ausgewichen war, nach Boissise zu kommen. Er fand die Gegend reizend, faßte eine Leidenschaft für Wald und Feld und entschloß sich, den Herbst dort zuzubringen, Evreux lag nur zwei Stunden von Paris entfernt, ein Aufenthalt daselbst glich demnach nicht gerade einer Verbannung in die Wüste. Pierre trat sehr großartig auf und versetzte dadurch diesen sonst so friedlichen Winkel der Provinz in nicht geringe Aufregung. Aus seinem Klubverkehr kannte er einige Offiziere, die ihm das ganze Corps zuführten, und bald hallte Boissise von Sporengeklirr wider: leider war das weibliche Element aber nur durch Frau Hérault vertreten, was allgemein als unzureichend bezeichnet wurde.

Einige vorsichtig erlassene Einladungen zogen nach und nach die Frauen und Töchter der Schloßbewohner der Umgegend heran, und die Empfangsabende in Boissise gestalteten sich allmählich auch nach dieser Hinsicht ganz befriedigend. Die Großmutter gefiel allen durch ihre liebenswürdige Gutmütigkeit, der Sohn durch seine Schlichtheit. Der Enkel befand sich von nun an mehr im Schloß als in der Kaserne, obwohl er sich unter den Offizieren stets etwas beengt fühlte, wenn sie schon die Gäste seines Vaters waren. Der in langen Monaten des Gehorsams erreichte militärische Respekt verliert sich eben nicht in wenigen Stunden vertraulichen Zusammenseins.

Pierre Hérault hatte, seit er Weltmann geworden, unter anderm auch reiten gelernt und hätte mit Vergnügen einige Parforcejagden abgehalten, aber obwohl der Wald reich an Hochwild war und der sandige Boden ein vortreffliches Reitterrain abgab, war einerseits die Jahreszeit nicht günstig, andrerseits fehlte es, und das war der Hauptmangel, an einer Meute. Man mußte sich daher mit ein paar Schnitzeljagden begnügen, die unter der Leitung von Husarenoffizieren recht schneidig zu werden versprachen.

Louis war ein ungewöhnlich guter Reiter und hätte mit den Vollblutpferden, die sein Vater ihm hielt, mit Leichtigkeit der Held des Tages werden können. Allein er fand es taktvoller, sich in möglichster Entfernung von seinen Vorgesetzten zu halten, und hielt es für geraten, die Herren, die in Boissise so liebenswürdig waren, in Evreux aber so leicht unangenehm werden konnten, in keiner Weise zu reizen und ihnen keinen Sieg zu entreißen. Um auch nicht den kleinsten Lieutenant durch eleganten Anzug in den Schatten zu stellen, erschien er auf dem Sammelplatz stets in seiner Kommiß-Uniform, ritt zwar mit den andern ab, schlug dann aber eine Nebenallee ein, verlor sich im Walde und ließ das Gros der Reiter sich auf der Papierfährte entwickeln. Unter den grünen Wölbungen des Waldes ritt er im Schritt dahin und lauschte zerstreut auf den schrillen Schrei des Hähers, der vor ihm her von Buche zu Buche floh, oder auf den fernen melancholischen Ruf des Kuckucks.

Zuweilen stieg er am Waldrande ab, setzte sich auf den Rand des Grenzgrabens und ließ bei der brennenden Sommerhitze den Blick über die goldigen Wogen der Getreidefelder schweifen. Das Echo führte ihm gedämpfte Hornfanfaren zu, und in diesem tiefen Frieden ruhte er von den lärmenden Vergnügungen seines gewöhnlichen Lebens aus. Er träumte und überraschte sich oft, erstaunt über der Stunden Flucht, bei dem Gedanken, daß es in dieser Welt doch am Ende noch andre Genüsse als feine Diners, Liebschaften oder das Aufdecken der Neun im Baccarat gebe. Seine sanfte, ein wenig weiche Natur hätte leicht dem Guten zugeführt werden können; es hätte nur eines festen, ständig ausgeübten Einflusses bedurft, um aus dem zwanzigjährigen jungen Mann, trotz dem, was schlechter Umgang ihm schon geschadet, einen liebenswerten, tüchtigen Menschen zu machen. Aber seine Großmutter besaß nicht die nötige geistige Ueberlegenheit zur Ausübung dieses Einflusses, und sein Vater war viel zu sehr bemüht, sich für die vierzig verlorenen strengen Lebensjahre zu entschädigen, als daß er das Leben eines andern hätte leiten können.

Eines Tages hatte man im Walde, in der Nähe der Ruine einer sehr alten Abtei, die bei den Archäologen unter dem Namen »Saint Wulfrand« bekannt ist, gefrühstückt. Es war vier Uhr geworden, und Louis ritt im Schritt nach Boissise zurück. Den ganzen Tag über hatte ihm die Bitte um eine ziemlich starke Geldsumme, deren er zur Ausgleichung von Spielschulden bedurfte, auf der Seele gelegen. Nachdem er mehrfach um seinen Vater herumgeschlichen, hatte er sich entschlossen, seine mißliche Lage Frau Hérault anzuvertrauen.

Mit dieser Absicht kehrte er heim. Er kaute an seiner Cigarre und überließ sich dem angenehmen Gedanken, daß er in zwei Monaten seinen Dienst hinter sich haben und dann in Paris ein lustiges Leben würde führen können. Plötzlich drangen, als er bei einem Holzabfuhrwege vorbeikam, zwei rasch nacheinander mit heller Stimme ausgestoßene Rufe an sein Ohr. Er hielt sein Pferd an und bemerkte etwa zweihundert Meter entfernt einen Wagen und daneben jemand, der ihm Zeichen machte, näher zu kommen. Er setzte sein Pferd in Galopp und war in wenigen Sekunden trotz des schlechten, von den Holzwagen ausgefahrenen Weges dort, wo man seine Hilfe verlangt hatte.

Der, der ihn gerufen, war ein ungefähr vierzehnjähriger, schwächlicher, blonder Knabe mit etwas schiefen Schultern: er war mit einer Tuchbluse und Kniehosen bekleidet, die in Ledergamaschen steckten; auf dem Kopfe trug er einen kleinen grauen Filzhut. Der englische, zweirädrige, mit einem Pony bespannte Wagen, mit dem er sich unvorsichtigerweise in den ausgefahrenen, morastigen Weg gewagt, hatte eins seiner Räder verloren und lag auf der Seite im Schmutz. Der Knabe war von den Versuchen, ihn wieder aufzurichten, vollständig erschöpft. Als er eingesehen, daß er nicht damit zu stande kam, hatte er sich eben daran gemacht, den Pony auszuspannen, als plötzlich Louis an dem Orte der Katastrophe erschien.

»He, Soldat! 'mal hier angefaßt!« rief der kleine Mann befehlshaberisch, »ich kann weder meinen Wagen in Ordnung bringen, noch mein Pferd loskriegen.«

»Sie fangen das auch ganz verkehrt an, junger Herr,« sagte Louis und schwang sich aus dem Sattel.

Der Knabe sah den Husaren spöttisch an und zuckte die Achseln.

»Erst wollen wir 'mal sehen, ob Sie geschickter sind, mein Herr Kritikus!«

»Das Kunststück wird nicht allzu schwierig sein,« sagte Louis ruhig, nahm das Rad, welches in dem aufgeweichten Boden steckte, untersuchte es genau und fand, daß es nicht gebrochen war; dann ergriff er mit beiden Händen das Ende der Achse und hob es aus der Wagenspur, ohne daß der ruhige und müde Pony sich auch nur gerührt hätte.

»Jetzt muß etwas unter die Achse gelegt werden,« sagte Louis, sich nach einem brauchbaren Gegenstand umsehend, und rief, als er einen Haufen Reisigbündel entdeckte, rasch: »Holen Sie mir doch schnell ein paar von diesen Bündeln her!«

Der Knabe griff mit beiden Armen in das schwere Reisig und trug es, unter seiner Last gebeugt, herbei. Hierbei entfiel ihm sein Hut, und Louis bemerkte mit Ueberraschung, daß die blonden Haare an den Seiten hochgenommen und mit einem Frauenkamm gehalten waren. Er hob den Filzhut, der ihm vor die Füße gerollt war, auf, verneigte sich leicht und sagte lächelnd: »Ich bitte um Vergebung, mein Fräulein: wenn ich gewußt hätte, mit wem ich zu thun habe, würde ich mir nicht erlaubt haben, in solch vertraulichem Tone zu sprechen,«

»Schadet nichts, lassen Sie nur: ohne diesen dummen Hut, der nicht festsitzen will, würden Sie es kaum bemerkt haben, daß ich ein Mädchen bin. Nehmen wir an, er sei nicht heruntergefallen, und fahren wir in unsrer Arbeit fort.«

Louis schob die Achse in die Nabe des Rades, befestigte dieselbe mit der Hälfte des zerbrochenen Bolzens und sagte, nachdem er das Rad ein paarmal rasch gedreht, um sich zu versichern, daß es festhielt: »So, das wäre im Blei; wenn Sie jetzt aufsteigen wollen, will ich Sie bis zur nächsten Straße begleiten.«

»Ich möchte Sie aber nicht weiter von Ihrem Wege ablenken. ...«

»Ich wohne in Boissise.«

»Oho, dann sind Sie ja wohl der kleine Hérault?«

Louis blickte die Unbekannte, die ihn so wenig ceremoniös behandelte, etwas verwundert an. Sie war mager, bleich, unansehnlich: aus einem kränklichen Gesicht sprühten schalkhaft zwei graue Augen: sie konnte kaum viel älter als fünfzehn Jahre sein. Ihre mageren, durchsichtigen Hände hatten die Zügel ergriffen, sie pfiff und versuchte ihren Pony zum Weitergehen zu ermuntern. Da derselbe aber nach dem unfreiwilligen Halt hierzu gar nicht geneigt schien, reichte sie Louis ihre Peitsche und rief: »Husar, prügeln Sie doch diesen Faulpelz ein wenig.«

»Ich werde etwas Vernünftigeres thun,« erwiderte der junge Mann, nahm den Zügel seines Pferdes unter den linken Arm und stieß mit allen Kräften die leichte englische Charrette vor sich her, wobei der Pony sich wohl oder übel in Bewegung setzen mußte. Sie hatten nur noch wenige Schritte auf dem schlechten Weg zurückzulegen, dann mündete derselbe auf die Landstraße, und das junge Mädchen rief vergnügt: »Jetzt bin ich in Sicherheit, und es bleibt mir nur noch übrig, Ihnen zu danken, Sie edler Retter in der Not.«

»Es war wirklich nicht der Rede wert.«

»Doch, doch, Sie sind schmutzig geworden wie ein Pudel. Aber was thut man nicht einer Schönheit zuliebe!« setzte sie mit bittrer Ironie hinzu. »Sie haben mich aber noch nicht einmal gefragt, wer ich bin. Sie sind wirklich nicht sehr höflich!«

»Nur bescheiden.«

»Oder vielmehr, es liegt Ihnen herzlich wenig daran, mir noch einmal zu begegnen, was ich begreiflich finde,« sagte sie mit einem eigenartigen, unkindlichen Lächeln, »aber Ihre weise Zurückhaltung kann Ihnen nichts nützen! Ich wohne nur eine Stunde weit von Ihnen entfernt, heiße Emilie. ... Mein Vater ist der Senator Lereboulley, ein dicker, sehr liebenswürdiger Herr, den man nie ohne eine hübsche Frau sieht.«

Louis blickte das junge Mädchen befremdet an.

»Vermutlich Ihre Frau Mutter?« sagte er.

Eine Wolke glitt über Emilies Stirn, ihr Gesicht nahm plötzlich einen harten Ausdruck an, und mit rauher und leicht zitternder Stimme sagte sie: »Meine Mutter ist tot!«

Sie neigte den Kopf zum Zeichen des Abschiedes, hieb mit aller Kraft auf ihren Pony ein und fuhr davon. Louis, dessen Interesse durch das seltsame, aus Spott und Empfindsamkeit zusammengesetzte Wesen des jungen Mädchens erregt war, folgte ihr eine Weile mit den Augen. Lange hielt er sich aber nicht damit auf, sich über seine Eindrücke Rechenschaft zu geben, sondern trieb sein Pferd an und ritt nach Hause.

Von der Liebenswürdigkeit Herrn Lereboulleys sich zu überzeugen hatten die Bewohner von Boissise schon am folgenden Tage Gelegenheit. Er erschien, um für die seiner Tochter geleistete Hilfe zu danken, und er und Pierre Herault verstanden sich vom ersten Moment an; sie hatten sich wie durch ein Freimaurerzeichen sofort als Lebemänner erkannt, und nach wenigen Wochen waren sie ein Herz und eine Seele.

Lereboulley war ein großer, starker Mann von fünfzig Jahren, mit einem feisten, glattrasierten Pfaffengesicht. Er sprach fließend, hatte aber einen stark normannischen Accent. Seit mehreren Generationen besaß seine Familie bedeutenden Einfluß im Eure-Departement, und bekannt war der unter dem Kaiserreich zwischen dem Vater des heutigen Senators, einem ausgesprochenen Orleanisten, und dem Präfekten, einem keine Rücksichten kennenden Beamten, ausgefochtene Kampf, in welchem die Lereboulleys nur mit großer Mühe geschlagen worden waren. Das mit allerhand Vergünstigungen überschüttete Departement hatte sich gewinnen lassen, und der Regierungskandidat triumphierte. Unter der Republik hatte Lereboulley indes seinen vollen Einfluß wieder gewonnen, und ganz Evreux stand zu ihm. Er war zum Senator ernannt worden, einer seiner Neffen war Deputierter, und infolge des Listenskrutiniums waren sie fast die Herren des Departements zu nennen.

Unter einem leichtlebigen Äußern verbarg sich bei Lereboulley eine ernste Geschäftsnatur mit weitem Blick und bedeutendem Unternehmungsgeist, und sein Einfluß an der Börse war unbestritten. Als früherer Vorstand der Bodenkreditanstalt, als Mitdirektor der französischen Bank und Administrator der Südbahn nahm er sowohl in politischen Kreisen als in der Finanzwelt eine ungewöhnliche Stellung ein.

Er war Witwer und besaß eine Tochter, die er um so zärtlicher liebte, als es ihn Mühe gekostet hatte, sie groß zu ziehen. Obwohl es nicht an Angriffen auf sein Herz und seine Hand fehlte, hatte er sich doch nie entschließen können, sich wieder zu verheiraten; er hatte den Gedanken nicht zu ertragen vermocht, seiner kleinen leidenden und kränklichen Emilie eine Stiefmutter zu geben. Wenn ich andre Kinder habe, dachte er, welche kräftig und gesund sind, wird meine arme unglückliche Kleine vernachlässigt und vielleicht verachtet werden, sie soll keine Rivalin haben und Herrscherin in meinem Hause sein. Dieser Abneigung gegen die Ehe galt aber durchaus nicht der Liebe überhaupt, die so sehr zu seinem Dasein gehörte, daß man ihn, wie seine Tochter sehr richtig bemerkt hatte, immer in Begleitung einer hübschen Frau sah. Der Salon der Witwe, welche das Leben Pierre Héraults verschönerte, bot hierfür in seinen Elementen dem flatterhaften Senator die schönste Auswahl. Infolge des durch diesen Berührungspunkt immer enger werdenden Freundschaftsverhältnisses traten Hérault und Lereboulley auch in Geschäftsverbindung. Ersterer beteiligte sich an verschiedenen von dem Senator ausgearbeiteten Finanzoperationen; dieser verwandelte die Werke Héraults in ein Aktienunternehmen und wurde einer der stärksten Aktionäre.

Die Kinder folgten dem Beispiele ihrer Eltern, und es entstand zwischen Louis und Emilie eine innige Freundschaft, die um so aufrichtiger und fester war, als zwischen dem hübschen jungen Manne und dem von der Natur vernachlässigten Mädchen keinerlei Heiratsgedanken aufkommen konnten. Sie hatten sich zu einander hingezogen gefühlt, sie, durch das hübsche Aeußere und den jugendlichen Frohsinn Louis', er, gerade durch die Gebrechlichkeit und herbe Weltanschauung Emilies. Sie waren vollständige Gegensätze, und das gerade bildete die felsenfeste Grundlage ihrer Freundschaft. Was aber der mutterlosen jungen Waise das Haus Hérault besonders lieb machte, war die alte Großmutter, an die sie sich kindlich anschloß, der zuliebe sie sogar ihr burschikoses Wesen milderte und in deren Nähe sie zum erstenmal wirklich zum jungen Mädchen wurde. Es war aber auch höchste Zeit, daß jemand kam, das gemütliche Plätzchen am Herdfeuer der guten alten Frau einzunehmen, denn der Sohn war dem Vater nun in den tollen Strudel des Lebens gefolgt, hatte sich ihm aber darin unendlich überlegen gezeigt und in allen Thorheiten und Tollheiten den schwerfälligen Papa überholt, wie der Courierzug, der feuerschnaubend an der behaglich in ihrer Staubwolke dahin kriechenden Postkutsche vorübersaust! In drei Jahren war Louis mit der Erbschaft seiner Mutter fertig; er stand eben im Begriff, sämtliche Wucherer mit seiner Unterschrift zu beglücken, als in wenigen Minuten ein Schlaganfall, der seinen Vater traf, ihn in den Besitz des ganzen ungeheuren Vermögens setzte.

Von einem Feste bei Lereboulley zurückgekehrt, hatte Hérault eine gewisse Schwere im Kopfe empfunden. Er hatte sich bei seinem Diener über Kopfschmerzen und Schwindel beklagt, und am andern Morgen fand man ihn tot in seinem Bette. Um fünfzehn Jahre war sein Leben kürzer als das seines Vaters gewesen, ohne Zweifel, weil er weniger gearbeitet und sich mehr dem Vergnügen hingegeben hatte.

Am Morgen des Begräbnistages, als der Haupteingang des Hotels Hérault-Gandon mit schwarzen Draperieen behangen wurde, zwei Stunden, ehe der mit Silberstickereien und Federbüschen geschmückte Leichenwagen den Sohn des Werkmeisters der Graviller Hüttenwerke zur letzten Ruhe bringen sollte, hatte ein kleiner Handkarren vor dem Thore gehalten, von welchem zwei Packträger ein dürftiges Mobiliar abluden. Der Portier hatte den Männern mit verdrossener Miene hingeworfen: »Wie ungeschickt, daß ihr gerade heute kommt!«

»Wir haben doch heute den Fünfzehnten; Euer Toter hat unrecht gehabt. Euer Toter hat den Fehler gemacht,« erwiderte der Dienstmann.

»Es ist der Hausherr,« unterbrach ihn streng der Portier.

»Um so schlimmer,« erwiderte der Arbeitsmann achselzuckend, »ein Wirt, der am Quartalstage ausrückt, da liegt doch kein Sinn drin.«

»Vorwärts, macht, daß ihr die Treppe hinaufkommt, ehe man den Sarg herunterbringt!«

Mit drei Gängen war der Einzug besorgt.

Als gegen zehn Uhr die Menge der Verwandten und der zum Begräbnis Geladenen, sowie der Fabrikarbeiter sich im Faubourg sammelte, drängte sich ein junges Mädchen durch die dichten Reihen. Sie warf einen fragenden Blick auf die Häuserreihe, offenbar machte der traurige schwarze Schmuck ihr das gesuchte Haus fast unkenntlich; als sie aber erkannt, daß ihr künftiges Heim sie so düster empfing, erfaßte sie ein leiser Schrecken, dann trat sie in den Hausgang, kniete neben dem mit Blumen und Kränzen geschmückten Katafalk nieder, von dem der durch die Kerzenwärme sich entwickelnde Duft der Blumen betäubend aufstieg, sprach ein kurzes Gebet und eilte die Treppe hinauf.

Das junge Mädchen war Helene von Graville, die in dem Augenblick, als Pierre Hérault sein Haus verließ, dasselbe betrat.

Sie kannte nicht einmal den Namen dieses Mannes, den ihre Großmutter durch die Verheiratung Fifines zu einem legitimen Kinde gemacht hatte. Die Gräfin hatte ihre gute That, wie diejenigen, denen dieselbe zu teil geworden, rasch vergessen. Als ihr Sohn herangewachsen, war er seinem Vater in der Bewirtschaftung des Gutes und der Leitung des Hüttenwerkes gefolgt. Er hatte sich verheiratet, und dieser Ehe war als einzige Tochter Helene entsprossen. Wie es so häufig in diesem Jahrhundert fieberhafter Thätigkeit und unerbittlichen Kampfes vorkommt, schwand das Vermögen Gravilles immer mehr und mehr, während das seines früheren Arbeiters, dessen Meister und Herr er gewesen, ständig wuchs. Das von einem unfähigen Geschäftsführer geleitete Hammerwerk Le Glandier hatte Geld verschlungen, anstatt solches einzubringen, und mußte, da es nicht mehr zu halten war, verkauft werden. Um sich wieder flott zu machen, hatte Herr von Graville einige Spekulationen unternommen, deren Gelingen aber der ausbrechende Krieg vereitelte. Im Jahre 1875 mußte das mit Hypotheken überlastete Gut Graville verkauft werden und fiel für ein Geringes einem Bankier in Dieppe zu.

Unter der Regierung des Marschalls Mac Mahon war es einflußreichen Freunden gelungen, Graville eine einträgliche Steuerpächterstelle zu verschaffen. Er wurde jedoch in den Sturz des Marschalls vom 16. Mai hineingerissen und befand sich plötzlich auf dem Pflaster von Paris ohne Hilfsmittel und ohne Gönner. Wütend über sein Mißgeschick und unfähig, sich an ein bescheidenes Leben zu gewöhnen, hatte er das wenige Geld, welches ihm geblieben, zusammengerafft und sich nach Texas eingeschifft, um in diesem an Schätzen wie an Gefahren reichen Lande den Tod oder schnellen Wohlstand zu suchen. Der Tod war leichter zu finden gewesen als der Wohlstand. Der Abenteurer war nicht wiedergekehrt, und seine Witwe hatte sich nach Arbeit umsehen müssen, um ihr Leben zu fristen.

In dieser schwierigen Lage entwickelte die damals sechzehnjährige Helene eine seltene Tapferkeit und Charakterstärke. Als sie ihre Mutter unter der Last der unaufhörlich sich folgenden Unglücksschläge erliegen sah, führte sie allein mit fester Hand alle die Veränderungen durch, welche ihre jetzigen Verhältnisse erheischten. Das einzige Dienstmädchen, das sie noch hatten, wurde verabschiedet und die große Wohnung, die sie bis dahin innegehabt, gegen eine kleinere aus zwei Zimmern bestehende in der Rue de Clery vertauscht. Ein Konfektionsgeschäft hatte ihr Arbeit anvertraut, und vom Morgen bis Abend hefteten und nähten die flinken Finger des jungen Mädchens mit überraschender Geschicklichkeit und Schnelligkeit. Das für den Reichtum geborene Kind ward eine unermüdliche, vor nichts zurückschreckende Arbeiterin, und es war, als ob der Zauberstab einer gütigen Fee ihr Werk fördern helfe. Die Mutter that nichts, als ihr verlorenes Glück beweinen und ihre traurige Zukunft bejammern. Helene aber tröstete sie dann wohl mit entsagungsvollem Lächeln: »Es ist wahr, Mütterchen, unser Schicksal ist nicht glänzend, aber es scheint vielen noch beneidenswert. Wenn es einem schlecht ergeht, muß man sich immer mit denen vergleichen, die noch übler dran sind, dann findet man das eigne Los wieder ganz erträglich.«

»Du hast gut reden,« entgegnete die arme Frau jammernd, »du hast noch keine festgewurzelten Gewohnheiten abzulegen; wie soll ich aber, die ich bessre Tage gesehen, mich in dies Leben finden? Was für eine Zukunft liegt vor mir! Wenn du krank wirst, sind wir verloren, denn ich bin dir ja nur zur Last.«

»Das gerade freut mich. Ich bin stolz, dir ein wenig die Sorgen und Mühen zu vergelten, die du meinetwegen gehabt hast. Ängstige dich nicht! Ich bin stark und gesund. Nichts erhält die Gesundheit so sehr, als Mäßigkeit und Arbeit.«

Sie lachte, schüttelte dann ernst den kleinen Kopf und fuhr fort: »Übrigens will ich nicht krank werden!«

»Du willst nicht,« wiederholte die Mutter mutlos, »ja wenn das Wollen allein genügte, dann wäre es schön.«

»Das Wollen thut viel,« versicherte Helene mit einem leichten Stirnrunzeln, das dem jungen Gesicht einen ungemein energischen Ausdruck verlieh. »Der Mensch kann viel, wenn er will. Freilich mit so einem Fünfminutenwillen ist's nicht gethan, wie die Leute oft meinen, es muß schon ein fester, beharrlicher sein, der Wind und Wetter aushält.«

»Woher hast du nur diese Zuversicht?« fragte Frau von Graville, über diesen entschiedenen Optimismus etwas gereizt.

»Ich weiß es nicht,« erwiderte Helene. »Es liegt in mir. Ich kann nicht anders denken und ich will danach handeln.«

»Ich will! ... Ich will! ...« wiederholte melancholisch die Mutter. ... »Der König sogar sagt: Wir wollen.«

»O! er hat seine Minister,« rief Helene lustig und küßte ihre Mama. »Ich aber habe keinen und bin daher freier als er.«

Sie setzte sich wieder an ihre Arbeit und begann eifrig zu nähen. Frau von Graville pflegte ihre Tochter »Fräulein ich will« zu nennen. Sie neckte sie zuweilen, aber im Grunde machte doch diese Festigkeit einen tiefen Eindruck auf sie; sie fühlte, daß das Kind ihr an Herz und Geist weit überlegen war, und mit jener vertrauenden Hingabe, die allen schwachen Wesen eigen ist, überließ sie der Tochter ihre ganze Lebensführung, Sie brauchte das nicht zu bereuen, denn schon nach zwei Jahren hatte sich ihre Lage dergestalt verbessert, daß wieder ein gewisser Wohlstand in dem Haushalt eintrat. Die Geschicklichkeit und Pünktlichkeit Helenes wurden geschätzt, und die Konfektionsgeschäfte, für welche sie einmal gearbeitet, suchten in dauernde Verbindung mit ihr zu treten. Man hatte ihr oft vorgeschlagen, als Direktrice in ein Geschäft einzutreten, aber dieses halb dienende Verhältnis sagte ihr um so weniger zu, als sie sich dann auch von ihrer Mutter hätte trennen und sie vom Morgen bis zum Abend allein lassen müssen, was die kränkelnde Frau in keiner Hinsicht ertragen hätte.

So blieb Helene »Stückarbeiterin«, wie sie sich selbst gern nannte, und den lieben langen Tag flog ihre Nadel in dem stillen Stübchen, in das der Lärm der Geschäftsstraße nur wie ein fernes Summen herausdrang. War der Abend gekommen, so zündete sie die Lampe an und setzte ihre Arbeit in dem kleinen Raum, der als Eßzimmer diente, fort, während die Mutter nach und nach über ihrer Zeitung einnickte und sich um elf Uhr seufzend ausziehen und zu Bette bringen ließ. Helene setzte sich dann zu ihr und las ihr vor, bis sie vollständig eingeschlafen war. Hatte Frau von Graville einmal einen Augenblick guter Laune, dann sagte sie wohl: »Wir haben die Rollen getauscht. Du bist die Mutter, und ich bin ein altes, thörichtes Kind.«

Sie war in der That ein Kind, dem Gegenwart und Zukunft geopfert werden mußte. Wenn Helene volle Freiheit zu handeln gehabt hatte, wenn sie, anstatt behindert, unterstützt worden wäre, so würde sie wahrscheinlich ihr Glück im Geschäft gemacht haben. Ihre geräuschlose Thätigkeit, das fröhliche Vertrauen, welches sie stets zeigte, erwarben ihr aller Herzen; man fühlte ihr gegenüber sofort, daß man es mit einer tüchtigen, bedeutenden Natur zu thun hatte. Sie war hübsch und gefiel, und unter den verschiedenartigen Anträgen, denen sie sich zu ihrem Schmerz ausgesetzt sah, war auch ein ernst gemeinter und höchst ehrenwerter. Der Besitzer des großen Magazins für Trauergegenstände »Zur Immortelle« hatte sie heiraten wollen. Derselbe war vierzig Jahre alt, ziemlich häßlich, aber sehr intelligent und sehr reich. Trotz des Zuredens der Mutter, die in dieser Verbindung eine glückliche und sorgenlose Zukunft für ihre Tochter sah, hatte dieselbe den Antrag ausgeschlagen. Sie wollte lieber einer einsamen Zukunft entgegengehen, als einen Mann heiraten, den sie nicht liebte. Ihre Mutter hatte sich über diesen Entschluß wirklich gegrämt; der Besitzer der »Immortelle« hatte ihr gefallen: »Bei dem hättest du deinen berühmten Willen in allen Stücken durchsetzen können, der Mann wäre dein Sklave geworden,« sagte die Mutter.

»Was kann mir das nützen, wenn er mir gleichgültig ist? Mir macht es nur Vergnügen, zu wollen, wenn es für diejenigen geschieht, die ich liebe,« erwiderte Helene.

Das Leben der beiden Frauen floß so drei Jahre lang ohne besondre Ereignisse dahin, ein Tag glich dem andern, und jeder derselben war mit Arbeit und Liebe ausgefüllt, bis eine Katastrophe diese glückliche Einförmigkeit unterbrach.

Frau von Graville starb plötzlich an einem Aderbruch, und Helene stand nun, ohne irgendwie ein solches Unglück geahnt zu haben, mutterseelenallein auf der Welt. Eine Woche lang war das sonst so mutige Mädchen wie gebrochen, ihr klarer Verstand wie aus den Fugen gegangen. Der Vater war fern von ihr gestorben, und wie schwer sie auch seinen Verlust empfunden, so hatte der Schlag doch nicht so unmittelbar in ihr Leben eingegriffen, wie der, der sie jetzt niederschmetterte. Die arme Frau, neben der sie seit ihrer Geburt, ohne eine Minute der Trennung, im vollsten gegenseitigen Verständnis und Vertrauen gelebt, war ihr jäh genommen. Alle Bande des Blutes, die die zärtliche Tochter mit ihrer Mutter verknüpften, waren zerrissen, und diese Trennung verursachte ihr einen furchtbaren Schmerz. Einen Augenblick sah Helene in ihre Zukunft wie in einen düsteren und leeren Abgrund; ein Schwindelgefühl überkam sie und dann brach sie in dem vereinsamten Zimmer in bittre Thränen aus.

Aber es lag nicht in Helenes Natur, sich allzu lange thatenloser Verzweiflung zu überlassen: kaum war sie wieder Herr ihrer Vernunft geworden, so erkannte sie, daß der Aufenthalt in den Räumen, wo alles und jedes sie an die Mutter erinnerte, für sie unmöglich war; sie sah sich nach einer andern Wohnung um und siedelte in ihrem ernsten Trauergewande gerade an dem Tage in das Faubourg Poissonnière über, wo Louis seinen Vater zum Friedhof geleitete. Geheime Sympathieen entstehen oft, wenn wir uns rein zufällig mit einem andern in frohen oder traurigen Gedanken begegnen. Das Fenster Helenes ging auf den Hof des Hotels hinaus, und so sah sie jeden Tag den gleich ihr in tiefe Trauer gekleideten jungen Mann vorbeikommen. Diese Ähnlichkeit ihres Geschickes, das gleiches Unglück über den Sohn des reichen Hauses, wie über die arme junge Arbeiterin verhängt hatte, zog die sympathische Aufmerksamkeit Fräulein von Gravilles auf Louis. Zum erstenmal in ihrem Leben ruhten ihre Augen so lange auf einem Manne.

Nach dem Tode des Herrn Hérault führte Louis sechs Monate lang das regelmäßigste Leben. Es schien, als ob ein bessrer Geist über ihn gekommen wäre. Er lebte ganz mit seiner Großmutter, frühstückte mit ihr, ging nach Saint Denis in das Arbeitszimmer seines Vaters, überwachte daselbst die Arbeiten des Werkes, kam zum Diner nach Hause und brachte meist die Abende bei Frau Hérault mit Emilie Lereboulley zu, die nun doppelt aufmerksam für ihre alte Freundin sorgte. Helene, die am Fenster saß, sah Louis morgens und abends. Sie kannte nicht einmal seinen Namen, da sie wegen des Mietkontraktes nur mit dem Intendanten der Familie Hérault verhandelt hatte. Rein zufällig erfuhr sie den Namen von Vater Anselm, der denn auch gleich hinzufügte, daß der junge Mann sehr reich, aber etwas locker sei.

Der Abstand zwischen der kleinen Näherin und dem Erben des Hauses Hérault war so groß, daß Helene sich ganz ruhig und unbefangen gestattete, an den hübschen Menschen zu denken, der nach der Versicherung des alten Portiers ein so lockerer Zeisig war. Dieser mußte übrigens stark übertrieben hauen, denn Louis führte ein exemplarisches Leben, ging jeden Abend zu derselben Stunde aus, kehrte zu derselben Stunde heim, kurz, war regelmäßig wie eine Uhr. Dabei trug sein Gesicht immer den Ausdruck sanfter Traurigkeit und zeigte stets jene angeborene Liebenswürdigkeit, die ihm bei all seinen Thorheiten und Missethaten doch überall die Herzen gewann.

Während der ersten Monate des Schmerzes und der Trauer hatte Louis allen Ernstes den Entschluß gefaßt, seine Gewohnheiten zu ändern und ebenso vernünftig zu werden, wie er bis dahin leichtfertig gewesen war. Er war jetzt sechsundzwanzig Jahre alt; hatte er sich denn nicht genug amüsiert, und konnte er sich nicht jetzt ebenso ernstlich mit Geschäften befassen, wie er früher dem Vergnügen nachgejagt hatte? War es vielleicht keine fesselnde, den ganzen Menschen erheischende Thätigkeit, dieses mächtige Hüttenwerk von Saint Denis zu leiten, in dessen gewaltigem Getöse zweitausend Menschen alltäglich ihre Kraft einsetzten, ihm zum Nutzen? War er nicht überdies in einer Menge Lereboulleyscher großartiger Unternehmungen mitbeteiligt? Es war ein weites Arbeitsfeld, das vor ihm lag, und seine geistige Kraft reichte aus, es zu bewältigen, sobald er nur ernstlich wollte. Mit rührender Freude hatten die Werkführer der Fabrik sein erwachendes Interesse am Geschäft begrüßt, die Leute atmeten auf im Gedanken, wieder einen wirklichen Herrn und Meister gefunden zu haben. Ihr Entgegenkommen ermunterte Louis und machte, daß er etwas länger bei seinen guten Vorsätzen verharrte, als dies vielleicht geschehen, wenn er sich selbst überlassen gewesen wäre. Nach sechs Monaten aber war er des zurückgezogenen Lebens und der Arbeit gründlich überdrüssig. Er erschien wieder im Klub, wo man ihn mit einer Herzlichkeit willkommen hieß, die ihn natürlich sofort gefangen nahm und in diesem Kampf zwischen Pflicht und Vergnügen den seiner Natur gemäßen Ausschlag gab.

Von da ab speiste Frau Hérault wieder fast jeden Abend mit Emilie Lereboulley allein, und die kleine Nähterin hatte nicht mehr häufig Gelegenheit, dem jungen Manne mit ihren Augen zu regelmäßigen Tagesstunden zu folgen. Als er zum erstenmal nicht zum Diner heimkehrte, vergaß sie ihre eigne bescheidene Mahlzeit. Das Gesicht gegen die Fensterscheibe gedrückt, die thätige Nadel auf dem Schoße ruhen lassend, erwartete sie den volltönenden Schritt, den sie schon von weitem unter der Hausthür erkannte, und der ihr die Rückkehr Louis' anzeigte. Langsam brach die Nacht herein, die Fenster des Hotels wurden hell, der Wagen Emilies rollte in den Hof, dann begann das Hin- und Hergehen der das Diner servierenden Diener auf den Flurgängen. Es schlug acht Uhr auf der Kirche Saint Eugène, als Helene sich beklommenen Herzens sagte: Er kommt heute nicht heim. Sie seufzte, und traurig, als ob sie einen Freund verloren, trat sie in ihr Schlafzimmer. Von dem Tage an dachte sie nicht mehr an Louis.

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