Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Wladimir Galaktionovich Korolenko: Sibirische Novellen - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
authorW. Korolenko
titleSibirische Novellen
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorJulius Grünberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070625
projectid2982d686
Schließen

Navigation:

Aus dem Tagebuche eines sibirischen Touristen.

1. Raubvögel.

Als ich in meiner Postkutsche die Fähre erreichte, dämmerte es schon. Eine frische Brise strich über die breite Fläche des Wassers und trieb seine Wellen in gleichmäßigem Schlage an das felsige Ufer. Von weitem hörten die Fährleute die Glöckchen meines Dreigespanns erklingen und erwarteten mich mit ihrer Fähre. Endlich war ich da; die Kutsche wurde hinaufgeschoben, die Fesseln der Fähre gelöst und munter plätscherten die Wellen an den Bord unseres Fahrzeuges; der Steuermann stieß ab und immer mehr entschwand das Ufer unseren Blicken, als würde es davongetragen von den Wellen, die daran schlugen.

Außer unserem Wagen erblickte ich auf der Fähre noch zwei andere. Auf einem konnte ich einen nicht mehr jungen, kräftigen Mann unterscheiden, der dem Kaufmannsstande anzugehören schien, auf dem anderen drei junge Leute, anscheinend harmlose Kleinbürger. Der Kaufmann saß unbeweglich auf seinem Fuhrwerk, sich mit dem aufgeschlagenen Kragen vor dem Winde schützend, und nahm von seinen zufälligen Reisegefährten keine Notiz. Die jungen Leute ihrerseits waren recht lustig und mitteilsam. Einer von ihnen, der schielte und von dessen Nasenflügeln der eine aufgerissen war, spielte auf seiner Harmonika lustige Melodien und sang mit seiner groben Stimme Lieder, deren herbe Töne vom Winde erfaßt und über die breite freie Wasserfläche des Flusses gezerrt wurden. Ein anderer, mit einer Branntweinflasche und einem Glase in der Hand, schenkte meinem Kutscher ein, und nur der dritte, ein gesunder Mann von etwa dreißig Jahren, kräftig und wohlgebildet, lag ausgestreckt, sein Haupt auf dem Arm gestützt, in seinem Wagen und verfolgte mit nachdenklichem Blicke die über uns hinschwebenden grauen Wolken am Himmel.

Schon zwei Tage war ich auf dem Wege aus der Gouvernementstadt N., und immer wieder begegneten mir diese Gestalten. Ich hatte es eilig und reiste in Geschäften, und stets traf ich diesen Kaufmann in seinem zweirädrigen Wagen mit dem wohlgepflegten Pferde bespannt, stets diese harmlosen Kleinbürger in ihrem von kräftigen Gäulen gezogenen Fuhrwerk; unablässig folgten sie mir, nach jeder meiner kurzen Ruhepausen traf ich sie entweder auf meinem Wege oder mich erwartend an einer Fähre.

»Wer sind sie?« fragte ich meinen Fuhrmann, als er an den Wagen trat.

»Kostjuschka mit seinen Genossen,« sagte er zurückhaltend.

»Wer?« fragte ich nochmals, da der genannte Name mir völlig unbekannt war. Der Fuhrmann wollte mir augenscheinlich das Nähere nicht mitteilen, da unser Gespräch von den Leuten gehört werden konnte. Er wandte sich um und zeigte in die Richtung zum Flusse.

Ich blickte in die gewiesene Richtung. Die breite Wasserfläche war von dunklen hohen Wogen durchschnitten, über denen große weiße Wasservögel, den Möven ähnlich, breite Kreise zogen, sich plötzlich zum Wasser senkten und schnell wieder die Höhe aufsuchten, die Luft mit ihrem kläglich-wilden Geschrei erfüllend.

»Raubvögel!« erklärte er, als die Fähre am Ufer gelandet war und unser Dreigespann uns auf die Straße hinausgetragen hatte.

»Diese Bürger sind dasselbe,« fuhr er fort, »nicht Haus, nicht Hof haben sie. Land sollen sie zwar gehabt haben, aber auch das haben sie neulich verkauft. Jetzt treiben sie sich auf den Landstraßen herum und machen sie unsicher.«

»Sie rauben wohl?«

»Jawohl, sie rauben. Dem einen Reisenden trennen sie den Koffer vom Wagen, dem anderen stehlen sie Geld und Proviant – das ist ihre Beschäftigung ... Und geht's ihnen schlecht, so rauben sie auch uns, den Fuhrleuten, das letzte Pferd vom Wagen. Man ist ja auch nur ein Mensch, schlummert ein – da sind sie denn da. Dem Kostjuschka hat einer von uns Fuhrleuten den Nasenflügel mit seiner Peitsche aufgerissen. Ja, das ist wahr ... Dieser Kostja – das ist der gräßlichste Mensch. Er hat jetzt keinen Genossen; einen hatte er, der wurde getötet« ...

»So?«

»Ja, er wurde auf der That ertappt. Es war ihm nicht geglückt. Da bekam er seinen Teil.«

Der Erzähler lachte in seinen Bart.

»Zuerst hieb man ihm die Finger einzeln ab, dann brannte man ihn mit glühendem Eisen, pfählte ihn und ließ ihn dann liegen. Er krepierte, der Hund!«

»Bist du denn mit ihnen bekannt? Warum boten sie dir denn Branntwein an –?«

»Man wird schon bekannt,« sagte er mürrisch, »auch ich bot ihnen manchmal Branntwein, denn mit ihnen läuft man stets Gefahr. Und merke dir's: Kostjuschka wird wohl auch heute Nacht nicht umsonst gefahren sein ... Zwecklos wird er seine Pferde nicht laufen lassen. – Er hat eine Beute im Auge, der Teufel! Ein Kaufmann war auch dort,« setzte er nachdenklich hinzu, »sollte er es etwa sein, den sie ... ? Doch nein, der sieht mir nicht danach aus. Und dann ist bei ihnen auch ein Neuer, den ich bis jetzt noch nie gesehen habe.«

»Der da im Wagen lag?«

»Ja, ja, ... es wird wohl auch einer von ihrer Sorte sein. Ein prächtiger Kerl!« ...

»Weißt du, Herr, fahre nicht des Nachts!« sagte er plötzlich, sich an mich wendend, »folgen sie nicht gar dir, die Hunde?«

»Kennst du mich etwa?« fragte ich.

»Woher sollte ich,« sagte er ablenkend. »Man spricht, ein Kudinowscher Beamter werde aus der Stadt hier durchfahren; mich kümmert es ja auch nicht.«

Man kannte mich augenscheinlich. Ich führte für die Brüder Kudinow einen Prozeß mit der Krone und hatte ihn vor einigen Tagen gewonnen. Meine Klienten waren recht bekannt in dieser Gegend, ja im ganzen westlichen Sibirien und der Prozeß hatte Aufsehen erregt. Jetzt, nachdem ich eine bedeutende Geldsumme von der Rentei einkassiert hatte, eilte ich nach NN., um die Terminzahlungen zu leisten. Zeit hatte ich nicht viel, die Post nach NN. ging selten; daher führte ich das Geld bei mir. Ich fuhr Tag und Nacht ohne Aufenthalt, zuweilen sogar lenkte ich von der großen Landstraße ab, um nur Zeit zu gewinnen, daher war mir das mir vorauseilende Gerücht meiner Reise, das ganze Scharen dieser Raubvögel aufscheuchen konnte, nicht gerade tröstlich.

Ich schaute mich um. Ungeachtet der schon anbrechenden Dunkelheit erblickte ich doch auf dem Wege ein schnelles Dreigespann, und in einiger Entfernung von ihm – den Wagen des Kaufmanns ...

2. Der Teufelsfinger.

Auf der *** Poststation, die ich abends erreichte, waren keine Pferde zu haben.

»Ach, lieber Iwan Ssemenowitsch,« sagte mir der Stationsvorsteher, ein korpulenter, alter Herr, den ich bei meinen häufigen Reisen kennen gelernt und mit dem ich Freundschaft geschlossen hatte, »hören Sie auf meinen Rat, fahren Sie nicht in der Nacht weiter, lassen Sie das Geld noch warten! Das eigene Leben ist doch mehr wert, als fremdes Geld. Hier in hundert Werst Umkreis ist Ihr Prozeß Tagesgespräch; ebenso ist die große Geldsumme, die Sie mit sich führen, in aller Welt Munde. Die Raubvögel werden wohl auch ihre Nester verlassen haben ... Sie wären ihnen eine willkommene Beute ... Bleiben Sie hier zur Nacht.«

Ich war nun zwar vollkommen mit der Zweckmäßigkeit dieses Rates einverstanden, konnte ihm aber leider nicht folgen.

»Ich muß fahren ... Lassen Sie, bitte, Pferde holen.«

»Ach, Sie Eigensinn! Da will ich Ihnen denn wenigstens einen Fuhrmann besorgen, auf den Sie sich verlassen können. Er wird Sie nach B. führen, dort müssen Sie aber nächtigen. Der Weg führt ja dort am ›Teufelsfinger‹ vorbei. Es ist eine düstere, wilde Gegend und das Volk ist's nicht minder ... Warten Sie wenigstens ab, bis es hell wird!«

Nach einer halben Stunde saß ich im Wagen und fuhr fort, begleitet von den Segenswünschen und Ratschlägen des Freundes. Die frischen Pferde griffen aus und der Fuhrmann, willig gemacht durch die Aussicht auf ein gutes Trinkgeld, jagte den ganzen Weg so schnell er konnte. B. erreichten wir schnell.

»Wohin fährst du mich? fragte ich meinen Fuhrmann, als wir in B. eingefahren waren.

»Zu meinem Freunde, einen Fuhrmannswirt; er ist ein guter Bauer.« Wir fuhren bei mehreren halbzerfallenen Waldhütten vorbei und hielten endlich an dem Thor eines offenbar einem wohlhabenden Bauer gehörigen Hauses. Uns trat mit der Laterne in der Hand ein alter, graubärtiger Mann entgegen, der recht ehrwürdig aussah. Er hob die Laterne in die Höhe, musterte mich mit seinen schwachen Augen und sagte dann ruhig: »Ah, Iwan Ssemenowitsch. So haben denn die Leute, die unlängst hier vorbeifuhren, richtig gesagt: ›da wird der Bevollmächtigte der Kudinows aus der Stadt vorbeifahren. Besorge ihm Pferde!‹ – ›Was geht's denn euch an?‹ fragte ich sie. ›Vielleicht wird er nächtigen wollen. Zur Nacht fährt man nicht gern.‹«

»Was waren das für Leute,« unterbrach ihn mein Fuhrmann. »Wer kennt sie? Wohl Raubvögel! Sie sahen mir darnach aus. Städter schienen sie mir zu sein, wer sie aber waren, weiß ich nicht. Wer kennt sie auch alle. Du, Herr, bleibst doch wohl zur Nacht, nicht?«

»Nein! Besorge mir, bitte, Pferde, und zwar so schnell wie möglich!« sagte ich, ganz und gar nicht zufrieden mit dem mir vorauseilenden Gerücht.

Der Alte überlegte.

»Tritt in die Stube, was stehst du denn im Flur! ... Das ist's eben, es sind sogleich keine Pferde zu haben. Vor drei Tagen fuhren die letzten zur Stadt. Was thun? Höre, Herr, bleibe zur Nacht!«

Dieses neue Mißlingen war mir recht peinlich. Die Nacht war indes angebrochen, und zwar eine so düstere und dunkle, wie sie es nur in Sibirien nach einem unfreundlichen Herbsttag sein kann. Der Himmel war ganz von dunkeln Wolken überzogen, so daß man kaum unterscheiden konnte, wie oben im dunkeln Raume mächtige, drohende, gestaltlose Massen dahinschwebten, während unten undurchdringliche Finsternis herrschte; man konnte die Hand fast vor den Augen nicht sehen. Ein kühler Staubregen fiel zur Erde und bewegte mit eigentümlichem Geräusche das spärliche Laub der Bäume. Im dichten Walde entstand ein unheimliches leises Geflüster und geheimnisvolles Rauschen.

Und dennoch mußte ich fahren. Ich trat in die Stube und bat den Wirt, sofort Pferde und einen tüchtigen Fuhrmann suchen zu lassen.

»Herr,« schüttelte dieser sein greises Haupt, »du eilst zum Unglück und dazu noch bei solch einer Nacht! Eine rein ägyptische Finsternis!«

In die Stube trat mein Fuhrmann und unterhielt sich flüsternd mit dem Hauswirt. Noch einmal wandten sich beide an mich mit der Bitte, zu bleiben. Doch ich blieb fest. Sie flüsterten, nannten verschiedene Namen, stritten.

»Gut,« sagte der Fuhrmann, nur widerwillig den Worten des Wirtes folgend, »ich werde dir Pferde besorgen im nächsten Dorf.«

»Kann man nicht welche näher bekommen? ... Es wird lange dauern.«

»Nein,« sagte der Fuhrmann, und der Wirt fügte mürrisch hinzu: »Was eilst du so? Du kennst das Sprichwort: Eile mit Weile. Habe Geduld!«

Der Fuhrmann ging hinter den Verschlag, der das Zimmer in zwei Teile teilte, und kleidete sich an. Der Hausherr trat zu ihm und begann ihm etwas mit seiner leisen, greisenhaften Stimme zu erklären. Ich verfiel in einen Halbschlummer.

»Nun,« hörte ich die Stimme schon an der Thür, »sage dem ›Totschläger‹, er solle sich beeilen ... Er hat ja keine Geduld!«

Gleich darauf hörte ich den Hufschlag eines fortsprengenden Pferdes.

Die letzten Worte des Alten verscheuchten meinen Schlummer. Ich setzte mich ans Feuer und überlegte. In dunkler Nacht an fremdem Orte unter fremden Leuten, diese undeutlichen Reden, endlich dieses geheimnisvolle Wort – meine Nerven waren erregt.

Nach einer Stunde erklangen in der Nähe die Glöckchen eines Dreigespanns, das bald darauf vor der Thür hielt. Ich nahm mein weniges Gepäck und trat hinaus.

Am Himmel war es ein wenig heller geworden. Die Wolken eilten, als wollten sie sich schneller in Sicherheit bringen. Der Regen hatte aufgehört; nur von Zeit zu Zeit fielen schräg große Tropfen – der Wald rauschte. Dem anbrechenden Morgen entgegen erhob sich ein kühler Luftzug.

Der Alte begleitete mich mit der Laterne und dank diesem Umstande konnte ich meinen Fuhrmann mustern. Es war ein Bauer von ungeheurem Wuchse, kräftig, breitschultrig, ein ganzer Riese. Sein Gesicht war ruhig, ernst, und jener Ausdruck war ihm aufgeprägt, wie ihn ein tiefes Gefühl, und schweres, düsteres Nachdenken manchem Gesichte verleiht. Die Augen blickten ruhig, fest und ernst.

Aufrichtig gestanden, kam mir jetzt der Gedanke, meinen gewaltigen Fuhrmann nach Hause zu entlassen und bei dem Alten zur Nacht zu bleiben – doch nur für einen Augenblick. Ich betastete meinen Revolver und setzte mich in den Wagen. Mein Fuhrmann ordnete die Decke und stieg langsam auf seinen Bock.

»Höre, Totschläger,« sagte noch der Alte, »paß auf! Du weißt selbst.« ...

»Ich weiß,« erwiderte er, und wir waren im Dunkel der Nacht verschwunden.

Noch flimmerten einige Lichter auf durch das Dunkel aus den zerstreuten Hütten, an denen wir vorbeisausten; es ließen sich dunkle Massen des düsteren Waldes unterscheiden, die sich selbst aus dem uns umgebenden Dunkel hervorhoben; endlich blieb auch das letzte bewohnte Gebäude hinter uns, und uns umgab nichts als die schwärzlichen Konturen des finsteren Waldes, als die schwarze, unfreundliche Nacht.

Die Pferde liefen gleichmäßig und schnell und brachten uns mit jedem Augenblicke jenem verhängnisvollen Felsen näher; doch blieben noch bis dahin etwa fünf Werst Weges und ich hatte Zeit genug, meine Lage zu überdenken. Wie es in solchen Augenblicken zu geschehen pflegt, erkannte ich meine ernste Lage mit vollkommener Klarheit. Ich erinnerte mich der Gestalten der Männer, jener »Raubvögel«, die meinen Spuren schon seit einiger Zeit so verdächtig folgten, des geheimnisvollen Kaufmannes, der sie begleitete, und ich kam zur Überzeugung, daß mich dort am Felsen zweifellos eine Gefahr erwarte. Die Rolle, die in dieser Gefahr mein Fuhrmann spielen würde, war allein mir noch ein Rätsel.

Dieses Rätsel sollte sich indessen bald lösen. Auf dem etwas helleren, aber doch immerhin recht dunklen Horizonte konnte ich einen Höhenzug erblicken, auf dessen Gipfel der Wald rauschte und an dessen Fuß ein Fluß plätscherte. An einer Stelle starrte ein großer schwärzlicher Felsen in die Luft – das war der »Teufelsfinger«.

Der Weg führte am hohen Ufer des Flusses vorbei in die Berge. Beim »Teufelsfinger« trat der Fahrweg vom Höhenzuge etwas zurück, da hier eine Schlucht vorgelagert war, und führte in freieres Terrain. Das war der gefährlichste Ort, berüchtigt durch mehrfache Übelthaten der Ritter sibirischer Nächte. Der enge, felsige Weg gestattete keine schnelle Fahrt und das dichte Gestrüpp am Wege ließ einen Überfall nicht vorhersehen. Wir näherten uns nun dieser Schlucht.

Der »Teufelsfinger« wies näher und näher auf uns, in die Höhe stets wachsend, in den dunklen Raum starrend. Wolken flogen über ihn hin und schienen seine Spitze zu berühren.

Die Pferde gingen langsamer. Das Deichselpferd trat vorsichtig auf und blickte aufmerksam auf den Pfad. Die Seitenpferde drängten sich an die Deichsel heran und schnoben furchtsam. Die Glöckchen erklangen unregelmäßig und ihr leises Geklingel, über der Wasserfläche des Flusses widerhallend, ergoß sich traurig dahin und erstarb im weiten Raume.

Plötzlich blieben die Pferde stehen. Die Glocken erklangen in schrillem Mißton und verstummten. Ich erhob mich. Auf dem Wege zwischen dem dunklen Gesträuch bewegte sich etwas Schwarzes. Das Gebüsch schien lebendig geworden zu sein.

Der Fuhrmann hielt die Pferde gerade zur rechten Zeit an; wir waren einem Überfall von der Seite entgangen, doch auch jetzt noch war unsere Lage eine kritische. Umzukehren und zur Seite abzulenken, war bei der Enge der Fahrstraße unmöglich. Ich wollte schon aufs Geratewohl einen Schuß abfeuern, doch plötzlich hielt ich inne.

Die ungeheuere Gestalt des Fuhrmanns, der sich auf seinem Bock erhoben hatte, versperrte die Aussicht aufs Gebüsch und den Weg. Der »Totschläger« hatte sich erhoben, übergab mir die Zügel und stieg vom Bock zur Erde nieder.

»Halt,« sagte er, »schieß nicht!«

Er sprach ruhig und in einem Tone, dem man unbedingt Folge leisten mußte.

Ich dachte nicht daran, ihm nicht zu gehorchen – mein Verdacht gegen ihn war verschwunden. Ich ergriff die Zügel, während der Riese sich dem Gebüsch näherte. Die Pferde folgten klug von selbst ihrem vorangehenden Herrn.

Das Geräusch der Räder hinderte mich, darauf zu lauschen, was im Gebüsch vorging. Als wir jene Stelle erreicht hatten, wo früher die sich bewegenden Gestalten sichtbar waren, blieb der »Totschläger« stehen.

Alles war still, nur fern vom Wege, in der Richtung zum Gipfel, rauschte das Laub und hörte man das Knacken brechender Äste. Offenbar bahnten sich dort Menschen den Weg. Der Vorderste schien zu eilen.

»Kostjuschka, der Schuft, läuft allen voran,« sagte der ›Totschläger‹ auf den Lärm hinhorchend. »He, einer ist doch noch zurückgeblieben.«

In diesem Augenblicke hob sich im Gebüsch, in der nächsten Nähe von uns, eine hohe Gestalt ab und verschwand, gleichsam sich schämend, im Dickicht des Waldes, den Vorausgegangenen folgend. Jetzt hörte man deutlich an vier Orten das Geräusch sich vom Wege entfernender Leute.

Der »Totschläger« trat ruhig zu seinen Pferden, ordnete das Geschirr und trat zum Bock.

Plötzlich flammte unter dem »Teufelsfinger« auf einem Felsvorsprunge ein Flämmchen auf, und ein Schuß fiel, mit seinem Echo die Luft erfüllend. Er hatte nicht getroffen.

Der »Totschläger« eilte erst, wie ein rasend gemachtes wütendes Tier dem Felsen zu, blieb plötzlich aber auf halbem Wege stehen. »Höre, Kostjka,« rief er mit lauter, erregter Stimme, »treibe keinen Unfug, ich rate es dir. Wenn du mir jetzt ein unschuldiges Tier verkrüppelt hast, dann hüte dich! Geh, wohin du willst, ich werde dich finden!« ... »Schieß nicht, Herr!« – sagte er mürrisch, sich an mich wendend.

»Hüte auch du dich, ›Totschläger‹!« hörte ich vom Felsen eine eigentümlich gedämpfte Stimme, gewissermaßen die gefälschte Stimme Kostjuschkas rufen. »Was mengst du dich in fremde Angelegenheiten?«

Der Sprechende schien zu fürchten, von dem erkannt zu werden, an den er sich wandte.

»Drohet doch nicht, Euer Wohlgeboren,« erwiderte verächtlich der Fuhrmann. »Ihr seid wahrlich nicht zu fürchten; feige Raubvögel seid Ihr!« ...

Nach wenigen Minuten lag der Hohlweg unter dem »Teufelsfinger« hinter uns. Wir hatten glücklich das freie Terrain erreicht.

3. Der »Totschläger«.

Wir hatten ungefähr vier Werst in tiefem Schweigen zurückgelegt.

Ich überdachte alles, was vorgefallen war, während der Fuhrmann bald die Zügel anzog, bald sie schlaffer losließ, je nachdem er die Gangart seiner Pferde haben wollte. Endlich begann ich:

»Danke, Freund! Wärst du nicht da gewesen, so stände es jetzt schlimm um mich. Danke, Freund!«

»Nicht Dankes wert!«

»Wie, nicht Dankes wert? Du hast mich aus den Händen solch einer wilden Rotte gerettet.«

»Ja, eine wilde, gottlose Rotte ist es wohl.«

»Kennst du sie?«

»Kostjuschka kenne ich – ihn kennt ja jeder. Auch den Kaufmann habe ich früher schon gesehen. Dem aber, der mir entgegentrat, bin ich noch nie begegnet. Sieh mal an, er schien dem Kostjuschka zu vertrauen und hielt Stand. O nein, Kostjuschka ist nicht von der Sorte! – Immer der erste, wenn's weglaufen gilt, dieser aber war kühn!« ...

Er schwieg.

»Nein, dieser war früher nicht bei ihnen,« sagte er leise und schüttelte den Kopf. »Kostjuschka muß ihn irgendwo angeworben haben. Das Raubtier roch Beute – die Verfluchten!« ...

»Weshalb fürchten sie dich denn?«

Der Fuhrmann lächelte.

»Weshalb sie mich fürchten? Ich habe einmal einen ihrer Genossen ins Gras beißen lassen.«

Er hielt die Pferde an und sich auf dem Bocke umwendend, sagte er: »Schau mal dort den Hohlweg – von hier sieht man ihn noch ... Sieh, sieh! Da, auf demselben Platze, in der Ausbuchtung, dort habe ich einen Menschen erschlagen.«

Mir schien es, als zittere seine Stimme, als er das sagte; auch schien es mir, als lese ich in seinen Augen, die nur schwach beim Lichte der anbrechenden Morgendämmerung glänzten, den Ausdruck tiefer Trauer.

Der Wagen stand auf dem Gipfel eines Hügels. Mein Weg führte gen Westen. Hinter uns, auf dem helleren Hintergrunde des Ostens, trat die felsige, mit Wald bedeckte Bergmasse hervor; der gewaltige Felsen starrte nach oben, wie ein erhobener Finger – er schien ganz nah.

Hier auf der Höhe des Hügels umwehte uns ein frischer Morgenwind. Die frierenden Pferde schnoben und stampften mit ihren Hufen die Erde. Das Deichselpferd wollte ausgreifen, doch mit einem Ruck hielt der Fuhrmann das Gespann an; er selbst blickte aufmerksam in die Richtung zum Hohlwege.

Dann wandte er sich plötzlich um, griff fester die Zügel, richtete sich auf dem Bock auf und pfiff – die Pferde streckten sich und trugen uns wie ein Sturmwind vom Berge ins Thal hinab.

Das war eine rasende Fahrt. Die Pferde spitzten die Ohren und flogen wie tödlich erschreckt und der Fuhrmann trieb sie zu immer schnellerem, rasendem Laufe an. Die Erde flog unter den Rädern dahin; Bäume, Sträucher und Felder schienen uns entgegenzueilen und wie niedergemäht hinter uns niederzufallen.

Auf ebener Bahn fuhren wir wieder langsamer. Die Pferde dampften, das Deichselpferd atmete schwer, die Seitenpferde zitterten, schnoben und bewegten ihre Ohren. Allmählich wurden sie indessen ruhiger ... Der Fuhrmann ließ die Zügel schlaff herabhängen und munterte sie durch Zuruf auf ...

»Ruhig, meine Wackern, ruhig, langsam! ... Fürchte dich nicht ... Da, das Pferd,« sagte er, sich an mich wendend – »ein sprachloses Tier nur ist es, und begreift doch auch. Wie nur die Pferde auf diesen Hügel hinaufkommen und sich umblicken, kann man sie nicht mehr zurückhalten – sie ahnen die Sünde!« ...

»Vielleicht ist es wirklich so,« sagte ich, »doch dieses Mal hast du selbst sie ja angetrieben.«

»Ich? Ist's möglich? Nun, kann sein, daß ich es that! Ach, Herr, wüßtest du, was mir auf der Seele lastet!«

»Nun erzähle, dann werde ich es wissen ...«

Der »Totschläger« zögerte.

»Gut,« sagte er nach kurzem Stillschweigen, »ich will's dir erzählen! Hu, ihr Lieben, lauft nur zu, fürchtet euch nicht!« ...

Er zog die Zügel an und schnell trugen uns die Pferde auf der ebenen Fahrstraße dahin ...

»Siehst du,« begann der »Totschläger« seine Erzählung, »das ist schon lange her – zwar nicht sehr lange, aber doch ist seitdem schon manches Tröpfchen Wasser ins Meer geflossen. Mein Leben hat nun einen ganz anderen Weg genommen, und daher scheint mir alles Dahinterliegende als längst Vergangenes. Mich hat man manchmal beleidigt und gekränkt – d. h. meine Obrigkeit that es – und da strafte auch Gott mich recht hart. Mein junges Weib und mein Sohn starben mir an einem Tage. – Eltern hatte ich nicht mehr; so war ich allein, mutterseelenallein auf der Welt zurückgeblieben; ich hatte weder Verwandte, noch Freunde. Der Priester – sogar er! – nahm mir mein letztes Gut zur Bestreitung der Begräbniskosten. Da begann ich zu überlegen; ich dachte, sann und wankte in meinem Glauben. Meinen alten Glauben verlor ich, einen neuen hatte ich nicht gefaßt. Allerdings – viel verstehe ich auch nicht. Ich kann kaum lesen; meinem Verstande traue ich auch nicht viel zu. ... Da überkam mich denn eine Traurigkeit, eine Sehnsucht, so übermächtig stark, daß ich meines Lebens nicht mehr froh ward, und wäre der Tod gekommen, mir wäre er erwünscht gewesen. Ich verließ meine Hütte, das letzte Besitztum, das mir noch geblieben war, nahm meine Pelzjacke, meine Stiefeln, schnitt mir im Walde einen Stab und wanderte in die weite Welt hinaus.«

»Wohin?«

»Wohin mich meine Füße trugen. Hier ließ ich mich nieder, arbeitete eine kurze Zeit und pflügte meinem Brotherrn das Feld, dort kam ich zur Ernte und half sie in die Scheunen einbringen; zuweilen hielt ich mich einen Tag, zuweilen eine Woche, zuweilen auch einen Monat an einem Orte auf und überall sah ich, wie die Menschen lebten, wie sie zu Gott beteten, wie sie einen Glauben hatten. ... Ich suchte Gerechte ...«

»Nun, und fandest du sie?«

»Wie soll ich's dir sagen? ... Allerdings sind die Menschen verschieden, und jeder hat sein Kreuz zu tragen. Das ist wohl wahr. Aber doch kennen diese Leute den Herrgott schlecht und beten auch schlecht zu ihm. Jeder denkt an sich, wie nur er selbst satt wird. Nun und dann – selbst der Verbrecher und Räuber in Ketten ist kein echter Räuber. Habe ich recht?«

»Vielleicht – doch was weiter?«

»Nun, noch schwerer, übermächtiger wurde die Traurigkeit in mir. Ich sah, daß ich keine Hilfe finden könnte und irrte umher wie im Walde. Jetzt freilich verstehe ich etwas mehr, und doch ... Damals wußte ich nun aber gar nichts. Ich beschloß zum Beispiel Arrestant zu werden.«

»Wie das?«

»So, ganz einfach: ich gab mich für einen Landstreicher aus – da setzte man mich fest. Ich wollte auch ein Kreuz tragen!«

»Nun, und ward's dir leichter darnach?«

»Ach was, leichter! Nur Dummheiten waren das. Du wirst wohl nie im Gefängnis gewesen sein, wirst es also auch nicht wissen; ich aber bin da gewesen und kann dir sagen, was das für ein Kloster ist. Die Hauptsache ist: es leben dort die Menschen nutzlos, müßig. Man schlendert aus einer Ecke gähnend in die andere und faßt schlimme Gedanken. Zur schlimmen That ist dieser Ort für das Volk wahrlich am geeignetsten, aber daß man dort seiner Seele, daß man dort Gottes gedenkt – das ist eine große Seltenheit; man lacht und spottet darüber.

Da sah ich denn, daß ich in meiner Dummheit an einen falschen Ort geraten war, nannte meinen Namen und bat um meine Freiheit. Doch man ließ mich nicht fort; man zog Erkundigungen ein, that das eine, that das andere – ja, schalt sogar: wie konntest du freiwillig dich selbst fälschlich angeben? Sie ermüdeten mich nur. Ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre – wenn nicht ein Zufall eingetreten wäre. Und viel Leid brachte mir dieser Zufall, doch ohne ihn wäre es vielleicht noch schlechter gewesen ...

Es verbreitete sich im Kerker das Gerücht, der »Einarmige« würde wieder ins Gefängnis gebracht. Ich hörte auch die Gespräche darüber: die einen sagten, es wäre wahr, die andern widersprachen. Ich beachtete sie nicht, da es mir damals gleichgültig schien, ob man ihn brächte oder nicht. Werden denn wenige alltäglich eingebracht? Es kamen auch Arrestanten aus der Stadt und sagten: »Ja, es ist wahr. Der ›Einarmige‹ wird unter starker Begleitung geführt, zum Abend wird er sicher angelangt sein.« Die ganze Arrestantenschar stürmte nun in den Hof hinaus aus lauter Neugierde. Auch ich trat hinaus, um etwas spazieren zu gehen, nicht weil auch ich neugierig war, sondern nur aus Langeweile; ich ging überhaupt, so viel man es nur zuließ, im Hofe spazieren. So schritt ich in Gedanken und hatte des Einarmigen ganz vergessen, als man das Thor öffnete und ich sah, wie man einen Greis hereinführte. Ein kleiner, schmächtiger, alter Mann mit undichtem, grauem, langem Bart war er. Er wankte; die Füße trugen ihn kaum und der eine Arme hing ihm bewegungslos von der Schulter herab. Trotzdem waren fünf Mann Begleitung mit ihm und hielten die Bajonette auf ihn gerichtet. Als ich das sah, überlief es mich kalt. »Gott im Himmel,« dachte ich, »was thun doch die Leute! Kann man denn einen Menschen so führen wie ein wildes Tier! Und wenn es noch ein Riese, ein kräftiger, starker Mann wäre – nein, aber einen gebrechlichen Greis, dem der Tod auf dem Nacken sitzt!«

Unendliches Mitleid erfaßte mich! Und je länger ich auf ihn blickte, desto stärkere Teilnahme zu ihm regte sich in mir. Man führte den Alten ins Comptoir, rief den Schmied und ließ ihm Hand- und Fußfesseln anlegen. Er nahm selbst das Eisen, machte ein Kreuz darüber und legte es sich selbst um den Fuß. »Schmiede!« sagte er dem Schmied. Dann nahm er ebenso einen offenen Eisenring und legte die Hand hinein, sie ebenso dem Schmied hinhaltend, damit er ihn festschmiede.«

Der Fuhrmann schwieg und senkte sein Haupt, als durchlebte er in der Erinnerung die eben erzählte Scene nochmals. Dann, den Kopf schüttelnd, fuhr er fort:

»Da hat er mich denn so durch seine Worte an sich gefesselt, ans Herz hat er mich gepackt. Wunderbar ist's doch! Später habe ich ihn gut kennen gelernt – der reine Teufel, Gott verzeih es mir, der reine Verführer und böse Feind! Und wie konnte er sich als Heiliger verstellen. Und selbst jetzt, wenn ich an sein Gebet denke, so kann ich es nicht glauben: ein anderer Mensch war er damals! Und so dachte ich ja auch nicht allein. Glaubst du's oder nicht, die ganze Arrestantenschar pflegte zu verstummen, alle schauten zu ihm auf und schwiegen. Die, welche sonst lächelten, wurden dann ernst, andere bekreuzigten sich sogar. So war es, wenn er betete.

Mich hat er nun gleich mit Leib und Seele zu seinem Anhänger gemacht. Denn so, wie ich damals war, faßte ich die Überzeugung, daß das ein wahrer Gerechter wäre, wie deren mancher in früherer Zeit gelebt haben soll.

Zu niemandem hielt ich mich damals, allen näheren Bekanntschaften ging ich aus dem Wege; daher näherte sich auch niemand mir. Zuweilen hörte ich den Unterhaltungen meiner Zellengenossen zu, achtete aber nicht mehr darauf, als wäre es Fliegengesumm ... Was ich dachte, behielt ich bei mir: ob es gut war oder schlecht – niemand fragte ich darnach. So beschloß ich auch, zum Alten in seine Einzelzelle mich durchzuschleichen. Der Zufall war mir günstig; dem Wachtposten steckte ich ein Fünfkopekenstück zu, da ließ er mich hinein, und später that er es auch so, ohne Geld. Ich blickte durch das Fensterchen: der Alte ging in der Zelle hin und her, die Ketten klirrend nach sich schleppend und stets mit sich selbst sprechend. Als er mich erblickte, wandte er sich um und trat zur Thür.

»Was brauchst du?« »Nichts,« antwortete ich; »nichts brauche ich; dich besuchen wollte ich nur. Es wird dir in deiner Einsamkeit wohl langweilig sein.« »Ich bin hier nicht allein,« sagte er, »Gott ist bei mir; mit Gott ist es mir nicht langweilig, indes freut mich eines guten Menschen Besuch.«

Ich stand nur vor ihm wie ein Tölpel; er selbst sogar wunderte sich, blickte auf mich und schüttelte den Kopf. Einmal sagte er zu mir: »Tritt doch vom Fenster ein wenig weiter zurück, daß ich dich ordentlich betrachten kann.« Ich trat zurück, er schaute mich an, lange, lange und sagte:

»Was bist du für ein Mensch? erzähle!«

»Was soll ich erzählen?« – erwiderte ich – »ein verlorener Mensch bin ich, sonst nichts.«

»Kann man sich auf dich verlassen? Wirst du mich nicht verraten, nicht betrügen?«

»Ich habe noch niemand betrogen, dich werde ich am wenigsten betrügen. Was du befehlen wirst, das werde ich thun.«

Er überlegte ein wenig und dann fuhr er fort: »Ich muß einen Menschen heute Nacht ins Freie hinausschicken. Willst du nicht gehen?«

»Wie soll ich denn von hier hinauskommen?« fragte ich.

»Das werde ich dich lehren,« erwiderte er. Und wirklich lehrte er es mich, so daß ich des Nachts aus dem Gefängnis hinausging, als wäre es aus meiner Hütte. Ich fand den Menschen, wie er es mir gesagt hatte und nannte das Wort, wie er es mich gelehrt hatte. Am Morgen war ich wieder zurück.

Offen gesagt, als ich mich bei Morgendämmerung dem Gefängnis näherte, pochte mir das Herz gewaltig. »Was,« dachte ich mir, »zwingt mich, den Kopf in die Schlinge zu stecken? Fortgehen! ...«

Das Gefängnis, mußt du wissen, steht außerhalb der Stadt. Eine breite Straße führte da vorbei. Am Wege blitzte in den Gräsern der Thau, das Korn stand hoch und, vom leisen Winde berührt, bewegte es sich wie ein wogendes Meer; weit hinter dem Flusse rauschte und flüsterte der Wald und zwitscherten und sangen und jubelten die Vögel – in Freiheit! Und schaut man zurück, so steht der finstere Bau des Gefängnisses da, mürrisch und düster ... Nacht war es, dunkel, die Morgendämmerung brach eben erst an. ... Sobald ich mir aber ausmalte, wie mit anbrechendem Morgen der Tag sein fröhliches Spiel beginnen und Leben einem jeden Geschöpf unter dem Himmelsraum einflößen würde – da ergriff es mich übermächtig. Das pochende Herz kam nicht zur Ruhe – hinaus, hinaus in die Freiheit lockte und rief es mich. ...

Doch da gedachte ich des Alten. »Soll ich ihn wirklich betrügen?« Ich legte mich ins Gras, drückte mich an die Erde und lag kurze Zeit so da; dann erhob ich mich und wandte mich zum Gefängnis. Zurück schaute ich nicht. Ich trat näher, erhob die Augen und sah in jenem Turm, wo die Einzelzellen sind, auf dem Fenster den Alten sitzen und mich durch das Gitter mit seinen Blicken verfolgen.

Am Tage schlich ich mich wieder zu ihm und erzählte ihm, daß ich alles nach seinem Wunsche vollbracht hätte. »Nun, ich danke dir, mein lieber Freund,« sagte er, sichtlich aufgeheitert. »Du hast mir einen Dienst geleistet und das werde ich dir, so lange ich lebe, nicht vergessen. Hast du aber gar nicht Lust gehabt, dir die Freiheit zu schenken?« Und dabei lachte er auf. »O, groß war die Lust!« sagte ich. »Glaub's dir wohl,« meinte er. »Wofür bist du denn eigentlich hierher gekommen?«

»Für nichts,« antwortete ich, »nur durch meine Dummheit.«

Da schüttelte er seinen Kopf» »Ach,« sagte er, »es lohnt sich nicht einmal, dich anzublicken. Da hat dir Gott Kraft gegeben und ein frisches Mannesalter; bist ja nicht mehr ein Kind und hast doch, außer Dummheiten, in deinem Leben nichts gethan und nichts von der Welt gesehen. Jetzt sitzst du hier – was hast du davon? In der Welt ist die Sünde, in der Welt ist aber auch das Heil!«

»Zu viel Sünde!« antwortete ich.

»Hast du hier etwa wenig Sünde? Nur sinnlos sind sie hier und dumm. Hast du hier wenig gesündigt und viel gebüßt, bereuest du die hier begangenen Sünden?«

»Mir ist es sehr bitter ums Herz!«

»Bitter? Und weshalb – das weißt du selber nicht. Das ist keine Reue. Die echte Reue ist süß. Höre, was ich dir sagen werde, und vergiß es nicht: sündlos ist nur Gott; der Mensch ist von Natur aus sündig und wird nur durch die Reue gerettet. Reue ist die Folge der Sünde und die Sünde ist in der Welt. Wenn du nicht sündigst, kannst du nicht bereuen, und bereust du nicht, so kannst du nicht gerettet werden. Hast du verstanden?«

Ich habe nun, aufrichtig gestanden, damals diese Worte nicht ganz begriffen; nur verstand ich, daß diese Worte gut wären. Außerdem habe ich früher auch gedacht: Was ist mein Leben? Alle Menschen leben wie Menschen; nur ich lebe so, als wäre ich gar nicht auf der Welt, wie ein Grashalm auf dem Felde, wie ein Baum im Walde – nicht sich, nicht den andern zum Nutzen.

»Das,« sagte ich, »ist richtig. Wenn auch nicht sündlos leben können auf der Welt, so doch wenigstens leben muß der Mensch und nicht so, wie ich durch das Leben wanken. Doch wie ich leben soll, das weiß ich nicht. Und wann wird man mich außerdem aus dem Gefängnis hinauslassen?«

»Das ist meine Sache,« sagte der Alte, »ich habe für dich gebetet, deine Seele aus dem Dunkel ans Licht der Klarheit führen zu können ... Versprichst du, mir zu gehorchen, so will ich dir den Weg zur Reue und Buße weisen.«

»Ich verspreche es,« sagte ich.

»Und schwörst du es mir?«

»Ich schwöre ...«

Und ich schwur, weil er von mir, meinem Leib und meiner Seele Besitz genommen hatte. Hätte er mir befohlen, ins Feuer zu gehen – ich wäre gegangen.

Ich glaubte diesem Menschen. Mir sagte einmal ein Arrestant: »Wozu läßt du dich mit diesem Einarmigen ein? Sieh nicht darauf, daß er lebendig in den Himmel zu kommen strebt; seine Hand wurde ihm bei einem Raube von einem Herrn durchschossen!« ... Ich hörte ihm nicht einmal zu, um so weniger, als er in trunkenem Mute sprach, und ich Betrunkene nicht ausstehen kann. Ich wandte mich von ihm weg; da wurde auch er böse: »So geh denn unter, Dummkopf!« rief er mir nach. Und jetzt muß ich sagen: »Recht hat er gehabt; ein kluger Mensch ist er gewesen, wenn auch ein Trunkenbold.«

Bald wurde dem »Einarmigen« eine Erleichterung gewährt: man führte ihn aus der Einzelzelle in die allgemeinen Räume über, wo er zusammen mit uns andern saß. Dennoch hielt er sich allein. Wenn die Arrestanten mit ihm zu scherzen, über ihn zu witzeln begannen, so setzte er ihnen immer unverbrüchliches Stillschweigen entgegen. Nur einen Blick ließ er dann auf sie fallen, bei dem selbst der Keckste verstummte. Einen bösen Blick hatte er.

Es dauerte nicht lange, so wurde er ganz befreit. Ich spazierte einmal – es war im Sommer – auf dem Hofe, da sah ich, wie der Direktor ins Comptoir ging und darauf hörte ich, wie man den Einarmigen dorthin rief. Kaum eine halbe Stunde war vergangen, als der Einarmige zusammen mit dem Direktor heraustrat – in seiner eigenen Kleidung, ein vollkommen freier Mann, froh, leuchtenden Auges. Und auch der Direktor lächelte.

»So hat man denn,« dachte ich, »einen Menschen mit solcher Vorsicht, in Ketten und bei schärfster Bewachung in das Gefängnis geführt – und doch ist er ohne Schuld!« Traurig wurde mir da zu Mute und sehnsüchtig zugleich. »Wieder bleibe ich allein zurück!« Da wandte er sich um, erblickte mich und winkte mich zu sich heran. Ich näherte mich ihm und zog die Mütze vor dem Direktor, während der Einarmige sprach:

»Hier, Ew. Wohlgeboren, kann man nicht auch diesen jungen Menschen bald befreien? Das von ihm begangene Verbrechen ist nicht gar zu groß.«

»Wie heißt du?« fragte mich der Direktor.

»Feodor Silin!«

»Ah, Silin! Ich weiß schon. Nun ja, das wird schon gehen. Sein Verbrechen ist auch nur Dummheit. Hinausführen sollte man ihn, ihn durchprügeln und dann laufen lassen, daß er nächstens seine Nase nicht wieder in Dinge steckt, die ihn nichts angehen. Das wäre alles. Erkundigungen sind ja auch, glaube ich, schon längst eingezogen. In einer Woche werde ich ihn wahrscheinlich entlassen können.«

»Nun, das ist ja herrlich,« sagte der Einarmige. »Du, junger Mann aber,« sagte er, mich beiseite führend, »wenn du von hier wirst entlassen sein, so komm einmal zum Kildejewschen Fuhrhalter und frage dort nach dem Wirte Iwan Sacharow. Ich werde mit ihm deinetwegen Rücksprache nehmen; vergiß auch nicht, was du geschworen hast.«

Damit trennten wir uns. Nach einer Woche gab man auch mir die Freiheit. Ich verließ das Gefängnis und ging dorthin, wohin mich der Einarmige gewiesen hatte und fand den Iwan Sacharow. »So und so,« erklärte ich ihm, »mich schickt der Einarmige.«

»Ich weiß,« erwiderte er. »Er erzählte mir von dir. Gut, bleibe hier, fürs erste als Arbeiter; das weitere wollen wir später sehen!«

»Wo ist jetzt der Einarmige?«

»Nicht zu Hause. Er ist häufig in Geschäften abwesend, kommt aber wohl bald zurück.«

So lebte ich denn als Arbeiter zwar dem Namen nach, ordentliche, rechtschaffene Arbeit hatte ich aber nicht zu verrichten. Es war ein kleiner Familienkreis: er selbst, der Wirt, ein erwachsener Sohn, ein Arbeiter und ich als vierter. Noch einige Frauen waren da und dann kam zuweilen auch der Einarmige hinzu. Die Wirte selbst waren strenge, fromme Leute – Altgläubige, befolgten streng die Gesetze Gottes: Tabak und Schnaps waren verpönt. Der Arbeiter Kusma, der bei ihnen lebte, war ein schwacher Kopf – struppig und braun wie ein Mohr. Sowie er nur die Glocken eines Dreigespanns hörte, versteckte er sich alsbald im Gebüsch. Den Einarmigen fürchtete er mehr als den Tod. Wenn er ihn nur von fern erblickte, verkroch er sich im dichtesten Walde und antwortete auf keinen Ruf der Wirte. Wenn nun aber der Einarmige selbst zu ihm ging und nur ein Wort ihm zuraunte, so folgte er ihm willig wie ein Hund und that alles, was ihm befohlen ward.

Der Einarmige kam nun allerdings recht selten zu uns und sprach mit mir noch seltener. Er saß mit den Wirten, sprach mit ihnen und schaute von fern meiner Arbeit zu; kam ich aber bisweilen auf ihn zu und wollte ihn anreden, so sagte er immer, er habe keine Zeit. »Warte, Freund,« sagte er, »wenn ich mich hier für längere Zeit werde niederlassen, dann wollen wir miteinander schon reden, jetzt habe ich keine Zeit.« Und mir bedrückte eine unsagbare Traurigkeit das Herz. Die Wirte gaben mir nicht zu viel Arbeit, gutes Essen teilten sie mir zu, kein schlimmes Wort sagten sie mir, und vorbeifahrenden Reisenden wurde ich auch selten zugeteilt. Häufig fuhr der Wirt selbst, nachts gewöhnlich sein Sohn mit dem Arbeiter. Mir war's aber ohne Arbeit nur noch trauriger ums Herz ...

So waren etwa fünf Wochen vergangen, seit ich das Gefängnis verlassen hatte. Einmal kam ich abends von der Mühle nach Hause und sah die Stube voll Menschen. Ich spannte das Pferd aus und wollte eben in die Stube eintreten, als der Herr mir entgegentrat. »Geh nicht hinein!« – sagte er, »warte, bis ich dich rufe. Hörst du, du sollst noch nicht hineingehen, ich sage es dir doch!«

Was soll das? dachte ich bei mir, kehrte um und ging in die Scheune, um zu schlafen. Doch der Schlaf kam nicht; da erinnerte ich mich, daß ich mein Beil am Brunnen vergessen hätte, und beschloß, es zu holen, damit es nicht jemand mitnähme.

Ich stand auf und warf im Vorübergehen einen Blick durch das Fenster in die Stube: sie war voll von Menschen; vor dem Tisch saß der Gerichtsassessor und vor ihm stand ein Imbiß – Schnaps, Tinte, Feder und Papier; – eine Untersuchung war offenbar im vollen Gange. Zur Seite, auf der Bank, saß der Einarmige. Wie ein Schlag vor den Kopf traf es mich. Die Haare auf meinem Kopfe sträubten sich: er saß da mit wirrem Bart- und Kopfhaar, die Hände waren ihm auf den Rücken gebunden, die Augen glühten wie Kohlen. ... So schrecklich erschien er mir da.

Ich trat unwillkürlich vom Fenster zur Seite. Es war im Herbst. Die Nacht war sternenklar, doch dunkel; niemals werde ich, glaube ich, diese Nacht vergessen. Der Fluß plätscherte, der Wald rauschte – ich selbst war wie betäubt. Ich setzte mich am Ufer nieder ins Gras und zitterte an allen Gliedern ... Gott im Himmel! ...

Ob ich lange oder kurze Zeit gesessen hatte, weiß ich nicht. Da hörte ich jemand an mir vorübergehen; es war ein Mann in weißem Rock mit weißer Mütze und dem Stock in der Hand. Der Schreiber war es, der ungefähr vier Werst entfernt wohnte. Er ging über die Brücke und trat hinein ins Haus. Unwillkürlich folgte ich ihm und trat zum Fenster.

Der Schreiber trat ein, nahm die Mütze vom Kopfe und blickte um sich; er wußte selbst nicht, weshalb er geholt war. Dann trat er zum Tisch des Einarmigen und begrüßte ihn. »Guten Tag, Iwan Alexejewitsch!« Die Augen des Alten blitzten auf, der Wirt zog ihn am Ärmel und flüsterte ihm etwas zu. Der Schreiber wunderte sich offenbar. Er trat zum Assessor, der schon etwas berauscht mit trüben Augen auf ihn blickte. Man begrüßte einander. »Kennen Sie diesen Menschen?« fragte der Assessor, auf den Einarmigen weisend.

Der Schreiber wechselte mit dem Wirt einen Blick.

»Nein.«

»Was soll das?« dachte ich, »der Assessor kennt ihn ja auch!«

Darauf fragte der Assessor weiter:

»Ist das Iwan Alexejewitsch, hiesiger Einwohner, genannt der Einarmige?«

»Nein,« erwiderte der Schreiber, »er ist es nicht.«

Da nahm der Assessor die Feder und schrieb etwas, das er darauf vorlas.

Ich hörte und staunte.

In dem Geschriebenen hieß es, daß dieser selbe Alte, Iwan Alexejewitsch, nicht Iwan Alexejewitsch sei – daß seine Nachbarn, und ebenso der Schreiber ihn nicht als solchen anerkannt hätten, und daß er sich selbst Iwan Iwanowitsch nenne, auf welchen Namen auch sein Paß laute.

Sonderbar schien es mir! So viele Menschen schwuren, ihn nicht zu erkennen. Allerdings waren diese Menschen auch alle abhängig von Iwan Sacharow, alle ihm tief verschuldet.

Man schloß die Untersuchung und entließ die Zeugen. Dem Einarmigen hatte der Assessor die Fesseln schon früher lösen lassen. Iwan Sacharow rückte mit Geld heraus, das er dem Assessor einhändigte. Der zählte es und schob es in die Tasche. »Jetzt, Alter, mußt du mindestens auf drei Monate aus dieser Gegend verschwinden; thust du es nicht, dann paß auf – ich wasche meine Hände in Unschuld! ... Laßt vorfahren!«

Auch ich trat vom Fenster zurück, ging in die Scheune und glaubte, gleich werde jemand die Pferde für den Assessor holen kommen. Ich wollte nicht am Fenster gesehen werden. – So lag ich denn da und konnte nicht schlafen; alles Gesehene schien mir wie ein Traum, ich konnte meine Gedanken nicht zusammenfassen. Ich hörte nur, wie man den Assessor hinausgeleitete. Die Glocken klangen und verstummten – er war weggefahren.

Bald schliefen alle im Hause, die Lichter waren verlöscht; auch ich verfiel schließlich in Halbschlummer. Plötzlich aber hörte ich Geklingel: die Glocken eines Dreigespanns klangen näher und näher durch die stille, kühle Herbstnacht. Bald hatte man auch im Hause den nahenden Glockenklang gehört und steckte Licht an ... Die Pferde hielten auf dem Hofe. Ein bekannter Fuhrmann brachte uns Gäste – aus Gefälligkeit natürlich, denn wir führten ihm welche zu und er uns.

Nun, dachte ich, die werden wohl zur Nacht bleiben. Übrigens schickte man mich, wie gesagt, nur selten in der Nacht mit einem Reisenden; gewöhnlich fuhr der Wirt selbst oder der Sohn mit dem Arbeiter. Wieder schlummerte ich ein, doch plötzlich erwachte ich, da ich die Stimmen des Einarmigen und des Wirtes unterschied.

»Nun, was nun?« fragte der Alte. »Wo ist denn Kusjma?«

»Das ist's eben,« erwiderte der Alte. »Iwan ist mit dem Assessor weggefahren, und Kusjma ist durchgebrannt, wie er nur das viele Volk gesehen hat. Ein Tölpel ist er, ein Dummkopf!«

»Nun, und Feodor?« fragte der Alte nach mir.

»Der ist abends von der Mühle zurückgekommen, wollte in die Stube eintreten, ich ließ ihn aber nicht hinein.«

»Gut. So schläft er wohl? Hat wohl auch nichts gesehen?«

»Ich glaube nicht. Er ging sofort in die Scheune.«

»Gut. Wollen wir ihn heute an die Arbeit schicken!«

»Wird es auch gut sein?« fragte Sacharow.

»Ja, ja. Der Kerl ist einfältig – hat aber eine Riesenkraft; mir gehorcht er – das ist die Hauptsache; ich kann ihn um den Finger wickeln. Und dann muß ich ja wirklich auf ein halbes Jahr von hier wegziehen, und muß man diesen Menschen daher mit dem Handwerk bekannt machen.«

»Dennoch ist er etwas verdächtig,« erwiderte Sacharow; »er scheint nicht so einfältig zu sein, wie es den Anschein hat.«

»Nein, nein,« erwiderte der Alte, »ich kenne ihn. Ein einfältiger Kerl ist er und solche eben brauchen wir. Kusjma muß man loszuwerden suchen, sonst könnte er uns noch Schwierigkeiten bereiten.«

Man begann nach mir zu rufen: »Feodor, Feodor!« Ich hatte nicht den Mut zu antworten und schwieg. Da kam der Alte in die Scheune und im Dunkeln tastend fand er mich. »Steh auf, Feodor!« sagte er freundlich. »Hast du fest geschlafen?« fügte er lauernd hinzu.

»Ja,« erwiderte ich.

»Nun, Freundchen, steh mal auf, du mußt Fremde fahren. Gedenkst du deines Schwures?«

»Ja,« sagte ich, vor Aufregung mit den Zähnen klappernd, während vor Kälte mein Blut zu erstarren schien und ich erschauderte.

»Die Zeit dazu ist gekommen,« fügte er hinzu. Merke dir wohl, was ich einst dir sagte. »Vor allem aber spanne die Pferde vor den Wagen, nur geschwind! Die Reisenden haben Eile.«

Ich that es, während mein Herz laut klopfte und ich glaubte, alles wäre ein schrecklicher Traum.

Auch der Alte schirrte, wie ich bald sah, sein Pferd, einen kleinen, grauen Gaul an, der ihm gehorchte, wie ein Hündchen. Mit einer Hand that er es. Darauf setzte er sich auf und flüsterte dem Pferde ein Wort ins Ohr, das ihn aus der Pforte hinaustrug. Mittlerweile war auch ich fertig geworden und führte mein Gespann heraus. Wie ich nun in die Ferne blickte, sah ich den Alten in den Wald hineinreiten. Zwar war der Mond noch nicht aufgegangen, doch konnte ich ihn noch unterscheiden. Im Walde verschwand er zwischen den Baumstämmen und ich atmete erleichtert auf.

Ich fuhr vor und wurde von den Reisenden, einer jungen Frau mit drei Kindern, von denen eins kleiner war als das andere, in die Hütte gerufen. Das älteste mochte vier, das jüngste etwa zwei Jahre zählen. »Wohin, Unglückliche,« dachte ich, »führt dich dein Unstern, hier in diese Einöde, allein, ohne männlichen Schutz?« Die Frau war freundlich, still. Sie zog mich an den Tisch, goß mir Thee ein und fragte mich aus – wie es hier in diesen Gegenden sei, ob keine Überfälle vorkämen und dergleichen mehr.

»Ich habe nichts davon gehört,« erwiderte ich, Mitleid mit ihr fühlend, da sie offenbar Furcht hatte. Und wie hätte sie sich auch nicht fürchten sollen? Gepäck hatte sie viel mit sich und fuhr mit Eilpost, allein mit drei Kindern. Das mütterliche Herz ahnte das ihr drohende Unglück.

Nun, wir setzten uns in den Wagen und fuhren von dannen. Es mag zwei Stunden vor Sonnenaufgang gewesen sein. Wir waren auf die große Straße hinausgefahren, etwa eine Werst weit, als ich sah, wie das Deichselpferd etwas scheute und zur Seite wich. Was ist das? dachte ich. Ich hielt die Pferde an und schaute mich um. Kusjma schlich aus dem Gebüsch hervor. Er stellte sich seitwärts am Wege auf, blickte mich an und schüttelte seine Arme, halblaut vor sich hinkichernd. »Gott behüte uns!« dachte ich und eine Gänsehaut überlief mich, während meine Insassin bleich im Wagen dasaß. Die Kinder schliefen; sie allein wachte mit Thränen in den Augen: Sie weinte ...

»Ich fürchte mich vor euch allen!« – rief sie plötzlich aus.

»Gott mit dir, meine Liebe. Was bin ich denn, bin ich ein Mörder? Weshalb seid Ihr denn zur Nacht nicht da geblieben?«

»Dort war es noch schlimmer. Der frühere Fuhrmann versprach mir, mich in ein Dorf zur Nacht zu fahren; statt dessen brachte er mich in den Wald in diese Fuhrmannshütte. Und der Alte hatte so furchtbare Augen!« – sagte die Frau.

»Was soll ich jetzt anfangen?« dachte ich bei mir. »Soll ich umkehren oder weiter fahren?« fragte ich, indem ich vergeblich sie zu beruhigen suchte. Und da war noch nah vor uns diese Schlucht – der »Teufelsfinger«. Als sie sah, daß sie auch mich mit ihrem Bangen angesteckt hatte, lächelte sie unter Thränen. »Nun, setze dich nur auf deinen Bock; zurück will ich um keinen Preis – dort ist es so schrecklich und lieber fahre ich mit dir; du hast ehrliche Augen.« Jetzt fürchten sich die Leute vor mir und nennen mich den Totschläger, damals aber hatte ich noch nicht dies Kainszeichen auf meiner Stirn.

Ihr Lächeln hatte auch mir meinen Mut wiedergegeben. Ich setzte mich auf den Bock.

»Komm,« sagte sie, »wir wollen uns unterhalten.« Sie fragte mich aus nach meinen Verhältnissen, meinem Leben und erzählte mir von sich, daß sie zum Manne fahre. Er wäre verschickt, wäre reich. »Und du lebst wohl schon lange bei deinen Wirten, dienst wohl bei ihnen?«

»Ja, ich diene, aber erst seit kurzer Zeit,« erwiderte ich.

»Was sind sie für Leute?«

»Wer weiß,« sagte ich, »übrigens sind sie streng, rauchen keinen Tabak, trinken keinen Branntwein ...«

»Das,« sagte sie, »ist alles Nebensache.«

»Wie soll man denn sonst leben?« fragte ich, da ich einsah, daß sie eine Frau mit Verstand sei, und hoffte, sie würde mir vielleicht einen Wink geben können.

»Verstehst du zu lesen?« fragte sie.

»Etwas!«

»Welches ist das oberste Gebot in der Bibel?«

»Die Liebe.«

»Ja,« sagte sie. »Und dann heißt es noch: Höher ist keine Liebe, als wenn man Leib und Leben für seinen Nächsten läßt. Das ist auch das ganze Gesetz. Außerdem braucht man noch den Verstand, um unterscheiden zu können, wo das Gute liegt und wo das Schlechte. Das Schnapstrinken aber und das Tabakrauchen sind Unsinn und Nebensache, nur Äußerlichkeiten.«

»Ja, du hast recht,« sagte ich, »obgleich auch etwas Strenge nicht schadet, damit der Mensch nicht übermütig werde.«

So fuhren wir denn unter solchen Gesprächen, ohne zu eilen, kamen zum Walde und zum Fluß, über den eine Fähre führt. Der Fluß ist in wasserarmer Zeit schmal, so daß man dort einen Fährmann gar nicht braucht. Die Kinder waren erwacht und blickten um sich; Nacht, tiefe Nacht herrschte jetzt ringsumher. Der Wald und seine Bäume flüsterten und rauschten über uns – die Sterne standen glänzend am Himmel. Die Kinder schauten verwundert um sich.

Kaum waren wir aber wieder in den Wald gekommen, als es mich wieder wie ein Schlag traf: vor uns auf dem Wege trabte etwas. Ich konnte zwar nicht recht unterscheiden, doch schien es der graue Gaul des Einarmigen zu sein. Ich glaubte, mein Herz stehe still. Was wollte der Alte hier und wozu hatte er mich jetzt an meinen Schwur gemahnt? Weshalb nicht früher? Nichts Gutes hatte das zu bedeuten. Ich überlegte: Furcht vor dem Alten überkam mich da. Früher liebte ich ihn, jetzt aber fürchtete ich ihn, sobald ich mich nur seiner Augen erinnerte.

Ich verstummte. Nichts dachte ich, nichts hörte ich. Die Frau fragte noch einmal, zweimal; da ich schwieg, verstummte auch sie und saß da, die Arme – schweigend, totenbleich.

Der Weg verengerte sich; es war die düsterste Stelle im Walde. Und auch auf meiner Seele lastete es düster – finsterer als die Nacht. Ich saß auf meinem Platz unbeweglich still. Die Pferde kannten den Weg und liefen, ohne daß ich sie zu lenken brauchte, immer näher jener Stelle, auf die ich vorhin dich gewiesen habe.

Wir waren da – richtig, da hielt mitten auf dem Wege das graue Roß des Alten, er auf ihm mit Augen, die wie feurige Kohlen glühten. Meinen Händen entfielen die Zügel. Die Pferde fuhren bis dicht vor den Grauen und hielten von selbst an.

»Feodor,« rief der Alte, »steig ab!«

Unwillkürlich gehorchte ich seinem Geheiß, und auch er stieg aus dem Sattel; das Pferd blieb quer über den Weg stehen. Meine Pferde standen auch unbeweglich, ebenso ich, wie behext. Er trat zu mir, flüsterte mir etwas zu, ergriff meine Hand und führte mich zum Wagen. Ich blickte auf meine Hände und sah in ihnen ein Beil.

Ich folgte ihm. Kein Wort vermochte ich ihm zur Antwort hervorzubringen und keine Kraft hatte ich, ihm zu widerstehen.

»Sündige!« sagte er, »und dann bereue!« Das ist das einzige, was mir von jenen Augenblicken noch im Gedächtnis geblieben ist.

Wir traten dicht an den Wagen – er stellte sich zur Seite.

»Fang an!« – raunte er mir zu, »erst dem Weibe vor die Stirn!«

Da blickte ich in den Wagen. O Gott! Wie ein todmattes Täubchen saß die liebe Frau da, die Kinder mit ausgebreiteten Händen schützend und auf mich mit ihren weitgeöffneten, vor Furcht gefolterten Augen schauend. Mein Herz in der Brust krampfte sich vor Schmerz zusammen. Die Kinder waren auch erwacht und schauten mit kindlich verständnislosem Blick auf mich ...

Und dieser Blick weckte mich aus meinem Schlafe. Ich öffnete die Augen, erhob das Beil. – Das Blut erstarrte mir ... In meinem Herzen lebte nur der Zorn. Ich wußte, daß ich gleich ein blutiges Verbrechen begehen würde – und doch – kein Mitleid regte sich in meinem Herzen.

Ein zweites Mal noch blickte ich auf den Alten. Seine Augen schimmerten in grünem, unstetem Licht. Er begriff erschreckt die Sachlage und krümmte sich vor mir wie ein Wurm. Ich erhob den Arm und schlug zu – der Alte stöhnte kaum noch und fiel vor mir zu Boden. Mit dem Fuße stieß ich ihn fort – verzeih mir's Gott!« ...

Der Erzähler holte tief Atem.

»Nun, was war weiter?« fragte ich, als er verstummte und nachdenklich wurde.

»Ach so, weiter?« fragte er. »Ich mißhandelte noch den Leichnam, als von der Höhe herab Iwan Sacharow hinzugeritten kam, mit der Flinte in der Hand. Ich eilte auf ihn zu – damit auch er an die Seite des Einarmigen zu liegen käme, doch er hatte es gemerkt, warf einen Blick des Schreckens auf mich, spornte sein Pferd und entfloh.

Ich kam zu mir, ohne es zu wagen, nach jemand zu blicken; ich setzte mich auf den Bock und gab den Pferden einen Peitschenschlag, doch diese rührten sich nicht vom Fleck. Der Graue stand noch quer über den Weg – ich hatte seiner vergessen. So hatte man es ihn gelehrt. Ich schlug ein Kreuz. So mußte ich denn auch das Tier niederschlagen. Ich that es, nachdem ich vergeblich versucht hatte, den Grauen wegzuführen: er stemmte sich gegen all mein Ziehen und Stoßen.

»Liebe Frau,« sagte ich, »steigt ein wenig aus, da die Pferde vielleicht scheuen und davonrasen werden, wenn der Graue vor ihnen niederstürzt.«

Wie ein willenloses Kind gehorchte sie und stieg aus. Die Kinder folgten und schmiegten sich an die Mutter. Auch sie fürchteten sich – unheimlich genug war es schon und da mußte ich mich noch mit diesem Vieh abgeben.

Ich wandte mein Dreigespann, nahm nochmals das Beil zur Hand und trat an den Grauen heran. »Geh,« sagte ich, »aus dem Wege!« Er bewegte nur die Ohren, als wollte er sagen, er würde es nicht thun. Da wurde es vor meinen Augen dunkel; ich holte mit dem Beil mit aller Kraft aus – nur leise stöhnte das Rößlein und stürzte tot nieder. Ich faßte es an den Beinen, zog es vom Wege fort und legte es seinem toten Herrn zur Seite. – Da mögt ihr beide nun liegen!«

»Setzt Euch,« sagte ich. Sie setzte die beiden jüngeren Kinder in den Wagen hinein, den ältesten konnte sie nicht aufheben.

»Hilf mir!« sagte sie. Ich trat näher. Der Kleine streckte mir seine Händchen entgegen; und schon wollte ich ihn an mich nehmen, da schoß es mir durch den Sinn ... »Nimm ihn weg, den Kleinen,« bat ich, »ich habe Blut vergossen!«

Man setzte sich. Ich ergriff die Zügel. Die Pferde schnoben, doch standen sie unbeweglich da ...

Was ist zu machen? »Setzet doch,« sagte ich, »den Kleinen auf den Bock.« Sie that es und hielt ihn von hinten fest. Ich hob die Peitsche – da rasten die Tiere hin, so wie sie es noch vor wenigen Augenblicken thaten. Sie flohen vor der Blutschuld.

Am Morgen erreichten wir das Dorf. Ich setzte die Frau ab und stellte mich selbst dem Gericht: »Ich habe einen Menschen erschlagen, nehmt mich!«

Die Frau erzählte alles, wie es sich ereignet hatte. »Er hat mich errettet,« sagte sie. Man schlug mich in Banden. Sie weinte, flehte, bat.

»Für welche Schuld binden Sie ihn? Er hat eine gute That gethan und mich und meine Kinder vor dem Tode durch Mörderhand geschützt!«

Ganz unsinnig war sie. Als sie sah, daß ihre Bitten nichts halfen, stürzte sie sich selbst auf mich, um meine Fesseln zu lösen. Da suchte ich sie davon abzubringen. »Laß ab,« sagte ich, »Gott wird richten, ob ich schuldig bin, und gute Menschen werden es thun!«

»Worin kannst du dich denn verschuldet haben?«

»In meinem Übermut. Durch ihn kam ich zu jenen Räubern freiwillig. Der Welt wollte ich entsagen, auf Menschenrat hörte ich nicht und wollte alles besser wissen. Dahin hat mein Übermut mich geführt! ...«

Endlich hörte sie auf mich. Als sie fortfuhr, kam sie zu mir und umarmte mich! »Du armer Freund!« Auch die Kinder ließ sie mich umarmen.

»Was willst du?« bat ich. »Was schändest du die Kinder – ich bin ein Mörder!«

Ich fürchtete, die Kinder würden selbst vor meinem Verbrechen zurückschrecken. Doch nein, die jüngsten trug sie zu mir, der älteste kam selbst. Wie mich aber der Älteste mit seinen kleinen Ärmchen umfing, da hielt ich mich nicht länger – ich weinte! Die Thränen flössen mir nur so über die Wangen. Wie gut war aber auch die Frau. Vielleicht wird Gott ihre Gebete erhören und um ihretwillen mir meine Sünde vergeben ...«

»Wenn es auf der Welt nur noch einen Funken Gerechtigkeit giebt,« sagte sie mir, »so wird sie dir werden. Ich werde nimmer deiner vergessen.«

Und sie hatte mich auch nicht vergessen. Du kennst ja selbst unsere sibirischen Gerichte. Nichts als Bestechlichkeit und Müßiggang herrscht da. Bis zum heutigen Tage würde man mich im Gefängnis gehalten haben, wenn sie mit ihrem Mann mir nicht die Freiheit verschafft hätte.

»So hielt man dich doch im Gefängnis?«

»Ja, und sogar recht lange. Alles macht man hier mit Geld. Die Frau schickte mir fünfhundert Rubel und einen Brief von ihrem Mann. Sowie dieses Geld kam, wurde es gleich anders. Der Gerichtsassessor kam zu mir und ließ mich in sein Comptoir holen. »Nun,« sagte er, »deine Angelegenheit ist in meinen Händen. Wie viel bietest du für deine Freiheit?«

»Ach, du Lump!« dachte ich, »dafür verlangst du Geld? Urteile über mich, so streng du willst; ich will das Gesetz sehen, dann will ich mich vor dir zur Erde beugen – du aber willst Geld!«

»Nichts gebe ich,« sagte ich. »Nach dem Gesetz sollt Ihr über mich urteilen und meine Strafe bemessen!«

Er lachte. »Du bist ein Schwachkopf!« sagte er. »Dem Gesetze nach läßt sich deine Angelegenheit von zwei Seiten betrachten. Das Gesetz ist im Pult eingeschlossen, ich aber habe die Macht. Wohin ich will, dahin kommst du.«

»Wie denn das?«

»Du bist ein Dummkopf! Höre denn! Du hast die Frau mit den Kindern beschützt?«

»Ja, nun und?«

»Kann man dir das als Tugend auslegen? Ja, weil es eine gute That war. Das ist die eine Seite.«

»Und die andere?«

»Die andere? Sieh dich mal an, wie siehst du aus? Dir gegenüber war der Alte ja ein Kind. Wenn er dich hätte verführen wollen, so hättest du ihm auf anständige Weise die Hände auf den Rücken binden und zu deiner Obrigkeit führen sollen: Du aber schlägst ihn, ohne ein Wort zu sagen, nieder. Das ist Eigenmächtigkeit – so darf man nicht thun. Verstehst du nun?«

»Ja, ich verstehe. Ihr habt keine Gerechtigkeit, keine Wahrheit! Nichts wirst du von mir bekommen! Du bist ein recht gerechter Richter, hast recht weise gerichtet!«

Er war ärgerlich geworden.

»Gut denn. Ich will dich, bevor du noch vors Gericht kommst, hier verfaulen lassen.«

»Drohe nur zu!«

So begann er denn seine Drohung wahr zu machen; doch auch die gnädige Frau handelte und vergaß meiner nicht. Es kam von irgendwoher eine Anzeige, so daß mein Gerichtsherr sich in die Enge getrieben sah. Er ließ mich zu sich holen, schrie mich an, ließ mich aber doch noch an demselben Tage frei. So kam ich denn ohne jedes Gericht frei. Ich weiß selbst nicht, wie ... Man erzählt sich jetzt, daß auch zu uns einmal gerechte Richter kommen würden – da warte ich denn. Schickt Gott uns vielleicht auch einmal das Geschworenengericht, ich möchte das wohl noch erleben ...«

»Nun, und was ward aus Iwan Sacharow?«

»Iwan Sacharow ist verschollen. Zwischen ihm und dem Einarmigen war eine Abmachung getroffen worden: Iwan Sacharow sollte uns in einer kleinen Entfernung folgen. Wenn ich auf den Mordplan nicht einginge, so sollte Iwan mich niederschießen. Gott aber hat es nun anders beschlossen. Als Iwan Sacharow herangekommen war, hatte ich die Sache bereits beendigt. Da erschrak er. Später erzählten die Leute, er wäre damals nach Hause gekommen und hätte sein Geld aus der Erde gescharrt; ohne jemandem etwas davon zu sagen, sei er dann in den Wald hinein geflohen. Am anderen Morgen stand sein Haus in hellen Flammen. Ob er es selbst angezündet oder ob, wie manche erzählen, Kusjma den roten Hahn aufgesteckt hat – weiß ich nicht. Abends lag auf dem Platze, wo früher das Haus stand, ein Haufen glühender Kohlen und Balken. Das ganze Räubernest ist ausgerottet. Die Weiber sind betteln gegangen, der Sohn ist im Zuchthaus – sich loszukaufen war jetzt wohl kein Geld da ...«

»Halt, ihr lieben Pferdchen!« Da wären wir endlich angekommen, Gott sei Dank! Sieh, da steigt auch die Sonne im Osten auf.«

4. Der sibirische Voltairianer.

Ein Monat war ungefähr seit meiner Begegnung mit dem »Totschläger« vergangen. Ich hatte alle Angelegenheiten geordnet, begab mich zurück in die Gouvernementsstadt N. auf Postpferden und war gegen Mittag auf der N.'schen Poststation angelangt. Mein alter, dicker Freund stand an der Thür und rauchte seine Cigarre.

»Sie wollen wohl Pferde?« fragte er, bevor wir uns noch begrüßt hatten.

»Ja.«

»Ich habe keine!«

»Ach was, Wassili Iwanowitsch! Ich sehe doch ...«

Wirklich stand beim Stalle ein angeschirrtes Dreigespann.

Wassili Iwanowitsch lachte.

»Nein, im Ernst, ich habe keine,« sagte er gleich darauf im ernsthaftesten Tone. »Sie haben's jetzt wohl nicht eilig. Ich bitte Sie, warten Sie!«

»Aber weshalb denn? Erwarten Sie etwa den Gouverneur?«

»Den Gouverneur?« lachte Wassili Iwanowitsch. »Nein, sondern nur einen Hofrat; dem will ich mich aber auch gefällig erzeigen. – Seien Sie nicht böse, auch Ihnen gegenüber möchte ich es sein, doch ich sehe, Sie haben es nicht eilig, während jener im Interesse der Humanität, der Gerechtigkeit, ja, des Menschenheiles, möchte ich sagen, die Pferde braucht.«

»Was hat denn dabei die Gerechtigkeit zu thun – was giebt's denn?«

»Warten Sie nur, ich will's Ihnen schon erzählen. Aber was stehen wir denn draußen? Treten Sie doch näher in meine armselige Hütte.«

Ich folgte ihm in seine »armselige Hütte,« wo uns am Theetisch seine Frau, eine korpulente und ungemein gutmütige Dame erwartete.

»Sie fragten mich eben nach der Gerechtigkeit, nicht wahr?« begann Wassili Iwanowitsch. »Haben Sie je von Proskurow gehört?«

»Woher auch sollten Sie ihn kennen – 's ist ein ebensolcher Taugenichts wie mein Mann; er schreibt sogar für Zeitungen,« – mischte sich Matrëna Iwanowna ins Gespräch.

»Nein, da hast du unrecht, höchst unrecht!« ergriff eifrig Wassili Iwanowitsch das Wort. »Proskurow, meine Liebe, ist ein höchst aufgeweckter, bei seinen Vorgesetzten ungemein beliebter Mann. Du mußt dem lieben Herrgott noch danken, daß dein Mann eine solche Bekanntschaft unterhält. Was glaubst du denn von Proskurow? Wird man denn irgend einen Tagedieb zum Untersuchungsrichter für besonders wichtige Fälle ernennen?«

»Wovon sprechen Sie eigentlich?« fragte ich. »Was sind das für Untersuchungsrichter, und nun noch gar für besonders wichtige Fälle?«

»Dasselbe sage auch ich,« fiel Matrëna Iwanowna sofort ein. »Du flunkerst nur, das ist klar. Bin ich denn so dumm, daß ich nicht wüßte, wie hochstehende Beamte ausschauen?«

»Sehen Sie, da haben Sie meine Frau auch auf falsche Gedanken gebracht!« mit diesen Worten schüttelte Wassili Iwanowitsch vorwurfsvoll sein Haupt. »Allerdings giebt es nicht solch eine Beamtenstelle, wenn aber ein Mensch sein Amt auf besondere Art verwaltet, so ist das, meiner Ansicht nach, noch besser ...«

»Ich kann Sie nicht verstehen,« sagte ich.

»Sehen Sie, Sie selbst können nicht verstehen und machen noch eine Frau konfus! Nun, Sie wissen aber, daß hierselbst eine Gesellschaft, gewissermaßen eine Aktiengesellschaft, sich gebildet hat, für deren Operationen die offenen Straßen und dunklen Wälder der Schauplatz sind. Haben Sie davon wirklich nichts gehört?«

»Jawohl, natürlich!«

»Nun, also! Die Mitglieder dieser Gesellschaft gehören zu allen Ständen. Die Sache wird im Großen betrieben unter der Devise: eine Hand wäscht die andere, und erfreut sich sogar einer gewissen Öffentlichkeit – wenigstens ist die Gesellschaft, ja, einige Mitglieder sogar sind persönlich allgemein bekannt. Ich sage: allgemein bekannt – natürlich mit Ausnahme der Excellenz. Da kam unserer Excellenz nun einmal, nach einer besonders hervorragenden That dieser Gesellschaft, der plötzliche Gedanke: sie auszurotten. Solcher plötzlicher Gedanken hatte es zwar auch schon früher des öfteren gegeben! es rotteten sich da untereinander einige Mitglieder der Gesellschaft aus, und damit hatte es gewöhnlich ein Ende. Dieses Mal aber war es etwas anderes. Man hatte sich schon zu sehr geärgert und ernannte daher einen Beamten für besonders wichtige Angelegenheiten, Herrn Proskurow, zum Untersuchungsrichter mit ausgedehnten Vollmachten sowohl in Sachen, die sich schon ereignet hätten, als auch in solchen, die sich in Zukunft ereignen würden, falls man in ihnen einen Zusammenhang mit früheren voraussetzen könnte.«

»Was ist denn dabei so Wunderbares?«

»Nun ja, eigentlich nichts. Dieses Mal fiel aber die Wahl auf einen rechtlichen, energischen Mann, das ist das Wunderbare dabei. Schon seit drei Monaten rottet er jetzt aus. Nun hat auch eine grenzenlose Aufregung Platz gegriffen – etwa zehn Pferde hat man schon zu Tode gejagt.«

»Das ist ja nichts weniger als gut, am wenigsten für Sie.«

»Ja, Proskurow ist es aber nicht, der Solches thut: er verfährt ganz regelrecht. Die Landpolizei aber ist stets auf Eilpferden hinter ihm her – natürlich aus Eifer. Sie will immer vor ihm auf den Schauplatz des Verbrechens gelangen – aus Diensteifer natürlich. Das gelingt ihr aber nicht. Proskurow ist der echte Lecocq. Einmal gelang es ihnen allerdings, ihm vor der Nase ein Endchen zu verbergen ... Der Arme war so verstimmt, daß er sich sogar in einem offiziellen Rapport so weit vergaß und schrieb: Dank den Bemühungen der Landpolizei hatten alle Maßregeln zum Verwischen der Spuren in dieser Angelegenheit ergriffen werden können!«

»Das ist ja auch, was ich sage: ein Taugenichts ist er! Ihr beide seid einander wert!«

»Ein Taugenichts ist er nun nicht,« erwiderte Wassili Iwanowitsch. »Daß er sich aber einmal verhauen hat – das – na, das kann einem jeden, auch dem besten, passieren. Er sah es auch selbst ein. Man nahm ihn streng vor, und er mußte sich herauslügen – einen Schreibfehler hatte er vorschützen müssen. »Für die Zukunft wären solche Schreibfehler zu unterlassen,« wurde ihm gesagt, »sonst würde er wegen angegriffener Gesundheit seines Dienstes entlassen werden. Ein komischer Kauz!«

»Was haben Sie denn mit all diesem zu thun?«

Wassili Iwanowitsch machte ein halb komisches, halb ernstes Gesicht.

»Sehen Sie – ich unterstütze ihn. Wir haben hier ein ganzes Komplott eingefädelt, fragen Sie nur Matrëna Iwanowna. Er rottet aus, er vertilgt, und ich halte ihm stets Pferde in Bereitschaft. So zum Beispiel heute: dort auf der Landstraße ist irgendwo ein Mord geschehen und sein Berichterstatter ist mit der Mitteilung davon zu ihm geeilt. Da wird also auch bald der Vertilger erscheinen; so halte ich denn Pferde in Bereitschaft und habe auch meine Freunde auf den anderen Stationen um ein Gleiches gebeten. So kann man denn auch im bescheidenen Amte eines Stationshalters der Menschheit nicht unwichtige Dienste leisten, ja, ja ...«

Zu Ende der Rede konnte mein Freund den ernsten Ton nicht mehr durchführen, sondern lachte laut.

»Warten Sie,« sagte ich ihm, »Sie lachen immer, sagen Sie mir im Ernst: glauben Sie selbst an diese Mission der Ausrottung oder beobachten Sie nur aus der Ferne?«

Wassili Iwanowitsch rauchte angestrengt seine Cigarre und schwieg.

»Stellen Sie sich vor,« sagte er ziemlich ernst, »ich selbst habe mir doch diese Frage bis jetzt noch nicht vorgelegt. Warten Sie, lassen Sie mich überlegen ... Aber nein! Was ist denn das für eine Mission überhaupt! In Aufregung versetzt er nun allerdings all die Leute! Ein Typus ist er auch – ein Typus von höchstem Interesse. Nun, da hören Sie zum Beispiel Folgendes: Ich glaube selbst nicht an den Erfolg dieser Sache – zuweilen scheint mir dieser Vertilger sogar lächerlich – und dennoch unterstütze ich ihn, ja, wenn du willst, liebe Frau, gesteh ich's zu – ich errege dadurch sogar das Mißfallen meiner Vorgesetzten. Und wozu das? Bin ich denn aber der einzige? Überall hat er seine Freunde, hat er ›Gleichgesinnte‹. Darin liegt auch seine Kraft. Doch sonderbar ist es, daß niemand an einen Erfolg glaubt. Da hören Sie: Matrëna Iwanowna sagte eben, echte, hochstehende Herren schauten anders aus. So lautet auch die allgemeine Meinung der Gesellschaft. Während er indessen auf seiner Bahn dahinstürmt und ›seine Fahne hochhält‹, wie man von ihm in den Zeitungen schreibt, versucht ein jeder Mensch, der einen Funken Gefühl hat oder selbst nicht persönlich beteiligt ist, im Vorbeigehen ihm das eine oder das andere Steinchen vom Wege zu stoßen, ihm den Weg zu ebnen. Das wird zwar nicht helfen, aber ...«

»Weshalb denn nicht? Bei der Sympathie der Bevölkerung, die ja selbst so sehr der beteiligte, passive Teil ist?«

»Das ist's eben. Was hilft eine Sympathie, wenn kein Glaube an den Erfolg da ist? Hier braucht man einen Beamten, der klug ist wie die Schlange, der den krummen Weg zu gehen versteht, sich in seiner Macht zeigt, wo es nötig ist, und auch der Bestechung nicht aus dem Wege geht – was ist das sonst für ein sibirischer Beamter! Dann würde auch vielleicht der Glaube an Erfolg kommen. So aber ... Das Ganze würde dann nicht anders als die Folge der obrigkeitlichen Maßregeln erscheinen ... Ach was, so ist schon einmal unser teures Heimatland ... Doch lassen wir es und trinken wir lieber unseren Thee!«

Wassili Iwanowitsch brach das Gespräch ab und rückte mit seinem Stuhle weiter.

»Frauchen, gieß nur den Thee ein,« sagte er in sanftem Tone zu seiner Frau. »Sollen wir aber nicht vorher uns mit einem Schnaps stärken?« wandte er sich an mich.

Wassili Iwanowitsch war einer jener höchst interessanten Typen, die uns nur in Sibirien begegnen; wenigstens nur in Sibirien kann man einen Philosophen seiner Art irgendwo abgeschlossen von der Außenwelt, im Amte eines Poststationshalters, antreffen. Wäre Wassili Iwanowitsch noch ein »Verschickter«, so wäre es weniger wunderbar. Hier giebt es nicht wenig Menschen, die von ihrer früheren hohen Stellung in der Welt gestürzt, hierher in weitentlegene Gegenden verschlagen werden, hier sich wieder von Stufe zu Stufe in die Höhe arbeiten und in diese, ihnen neuen und fremden Kreise andere Sitten, Bildung und Kultur hineintragen. Wassili Iwanowitsch stieg durch seine Freigeisterei und seinen Liberalismus von Stufe zu Stufe hinab – langsam, aber sicher, worauf er mit der stoischen Ruhe eines Philosophen blickte. Durch unbekannte pädagogische Einflüsse, die auch nicht gerade selten sich in diesem Lande der Verschickten geltend machen, eignete er sich die Neigungen und den Geschmack eines intelligenten Menschen an, die ihm sein ganzes Leben hindurch teuer waren, so daß er um ihretwillen auf manche äußerliche Bequemlichkeit verzichtete.

Außerdem war er von ganzer Seele eine Künstlernatur. Wenn er in guter Stimmung war, so konnte man ihm viele Stunden zuhören und darob die wichtigste Angelegenheit, den eiligsten Weg vergessen. Aus dem Ärmel schüttelte er Erzählungen, Anekdoten, Bilder; vor dem Zuhörer erstand ein ganzes Panorama echt örtlicher Typen eines eigenartigen, von der Reform übergangenen Landes – all dieser Assessoren mit ihrem Heißhunger, ihrer Geldgier und ihrer Unruhe und dieser Gerichtsvollzieher in ihrer Fettleibigkeit und in ihrer Lebenslust, jener verschiedenen Räte und Beamten für alle möglichen Aufträge. Und über all dieser Welt, die Wassili Iwanowitsch bis in die kleinsten Winkel bekannt war, glänzten in majestätischem Glanze jene Jupitere mit dem specifischen demonstrativen Drohen und der kindlich naiven Unkenntnis des Landes, nur dem Blick der St. Petersburger Departements und Kanzleien und der Gewalt allmächtiger Satrapen. Und von all diesem sprach Wassili Iwanowitsch mit jenem inneren Gefühl, mit dem ein jeder echte, wirkliche Künstler den Gegenstand erfaßt, der ihm Interesse einflößt. Für Wassili Iwanowitsch war seine Heimat, die er mit so lebendigen Farben ausschmückte, der interessanteste Gegenstand. Als ein intelligenter Mensch, der er im vollen Sinne dieses Wortes war, konnte er auf sich jenen Vers des Dichters anwenden:

»Ich lieb' mein Vaterland, doch mit ganz eigner Liebe!«

Und er liebte es, obgleich ihn dieser schlecht gewürdigte Patriotismus allmählich tiefer und tiefer sinken ließ. Als ihm einmal, nach einem größeren »Reinfall« eine recht einflußreiche Stellung in Rußland angeboten wurde, sagte er nach einigem Nachdenken; »Nein, Freundchen, ich danke, lehne aber ab ... Ich kann nicht! Was soll ich dort? dort ist mir alles fremd. Ja, lieber Freund, ich kann mich ja dort nicht einmal so recht tüchtig ausschelten!«

Überhaupt, wenn ich Gelegenheit habe einen Vergleich zwischen Rußland vor der Reform und Sibirien anzuhören einen Vergleich, der früher recht häufig geführt wurde finde ich immer einen schroffen Gegensatz.

Das Rußland vor der Reform besaß eben nicht zum Nachbar ein anderes reformiertes Rußland, Sibirien besitzt es aber, und diese Nachbarschaft ist es, die jene Ironie und jenes Bespötteln des eigenen Landes hervorruft, das man in Sibirien sogar bei weniger intelligenten Menschen beobachten kann. Unser russischer Dmuchanowski meint in seiner Herzenseinfalt, daß Gott selbst alles so eingerichtet habe und daß sich die Voltairianer vergeblich dagegen stemmen. Mein sibirischer Freund aber sperkelt sich und eifert und – glaubt selbst nicht an seine Mission. Wird diese Stimmung Mode, so freut er sich; wird sie von einer entgegengesetzten abgelöst, so verliert er den Mut und ballt die Faust. Allerdings wird seine desperate Stimmung versüßt durch einen Schimmer von Hoffnung: »vielleicht geht auch diese Wolke vorüber!« Dafür wird aber auch eine jede verwirklichte Hoffnung verbittert durch den bangen Zweifel: »Wie lange wird es dauern?« Da steht denn seitwärts der heimatliche Voltairianer in seinem Biberpelz und lächelt: »Nun, Väterchen, trägt Euch Sünder noch die Erde?« – und schickt Artikel uncensierten Blättern ein.

 

»Apropos,« fragte Wassili Iwanowitsch mich, als wir nach dem Thee bei einer Cigarre gemütlich am Tisch saßen und unsere Unterhaltung fortsetzten. »Sie haben ja noch nichts davon erzählt, was Ihnen damals im Hohlwege passiert ist?«

Ich teilte ihm mit, was dem Leser schon bekannt ist. Wassili Iwanowitsch saß nachdenklich da, seine fast zu Ende gerauchte Cigarre betrachtend.

»Ja,« sagte er, »sonderbare Leute sind's!«

»Kennen Sie dieselben?«

»Wie soll ich Ihnen sagen? Ja, ich traf mit ihnen zusammen, sprach mit ihnen, ja trank wohl mitunter sogar Thee mit ihnen – sie gekannt habe ich aber nicht. Die Gerichtsassessoren und die Gerichtsvollzieher durchschaue ich vielleicht aus einer gewissen Seelenverwandtschaft – diese Leute aber begreife ich nicht.

»Nur eins weiß ich: diesem Silin steht ein schlimmes Ende bevor; früher oder später werden jene ›Raubvögel‹ Rache an ihm üben!«

»Weshalb glauben Sie das?«

»Ja, wie denn sonst? Das Ereignis mit Ihnen ist ja nicht das erste. In allen solchen Fällen, wenn kein Fuhrmann zu fahren sich entschließt, wendet man sich an ihn und nie weigert er sich. Und bemerken Sie wohl: er führt nie eine Waffe bei sich. Allerdings imponiert er allen. Seit der Zeit, wo er den ›Einarmigen‹ niederschlug, umgiebt ihn ein gewisser Nimbus, den auch er selbst anerkennt. Doch ist das nur eine Illusion. Man spricht schon unter jenen Leuten: der ›Totschläger‹ mag zwar gefeit sein gegen Kugeln, beikommen könne man ihm aber doch. Daß dieser Kostjuschka ihm schon mit Kugeln aufwartet, scheint für den Umstand zu sprechen, daß er sich mit solchen Leuten versorgt hat, die diesen Zauber brechen können.«

5. Der »Vertilger«.

Wassili Iwanowitsch horchte auf.

»Warten Sie einmal,« sagte er, »ich höre Glockengeklingel – wahrscheinlich kommt schon Proskurow.«

Bei diesem Namen gewann Wassili Iwanowitsch seine frühere lustige Laune wieder. Er trat schnell zum Fenster.

»Nun ja, er ist's auch. Da fährt unser ›Vertilger‹. Sehen Sie nur, ist das nicht komisch, ha, ha, ha!... Stets fährt er so – wie präcise!«

Ich trat auch zum Fenster. Das Glockengeläute näherte sich schnell, doch anfangs war nur eine Staubwolke sichtbar, die aus dem Walde hervorzukommen und sich der Station zu nähern schien. Doch da, wo der Weg am Fuße des Berges sich zur Station wandte, erblickten wir bald das Gespann.

Schnell trugen drei Postpferde einen leichten Wagen heran; unter ihren Hufen erhob sich von der Straße Staub in dichten Wolken, doch noch zu immer schnellerem Laufe trieb der Fuhrmann sie an. Hinter dem Fuhrmann sah ich eine Person in der Uniformmütze mit der Kokarde und im Civilpaletot. Obgleich auf dem schlechten Wege der Wagen geschüttelt und gerüttelt wurde, nahm der Insasse doch keine Notiz davon. Aufrecht stehend und sich auf den Sitz des Kutschers stützend, blickte er auf den Weg hinaus und machte dem Fuhrmann Bemerkungen, nur zuweilen auf die Uhr blickend.

Wassili Iwanowitsch lachte die ganze Zeit, während sich das Dreigespann näherte; als dieses aber vor dem Hause anhielt, saß er schon auf der Couchette und rauchte in größter Gemütsruhe seine Cigarre, wie wenn nichts geschehen wäre.

Einige Sekunden lang hörte man im Hause nur das Schnaufen der ermüdeten Pferde. Plötzlich öffnete sich die Thür und ins Zimmer herein stürzte der Neuangekommene. Es war ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, von nicht hohem Wuchse, mit einem ungewöhnlich großen Kopf. Sein breites Gesicht mit den vorstehenden Backenknochen, den geraden Augenbrauen, der etwas nach oben gebogenen Nase und den dünnen Lippen war fast rechtwinklig und ließ auf Energie schließen. Die großen grauen Augen blickten forschend und eindringlich. Überhaupt zeugte die Physiognomie Proskurows auf den ersten Blick von ungewöhnlichem Ernst. Die regulären, accuraten »Beamtenkoteletts«, die die glattrasierten Backen einrahmten, und eine gewisse Eilfertigkeit in den Bewegungen verwischten indes bald den ersten Eindruck und wirkten fast komisch, ein Eindruck, der sich durch die Kontraste, die sich in der ganzen Figur ausdrückten, noch verstärkte.

An der Schwelle blieb Proskurow einen Augenblick stehen, warf darauf einen Blick um sich, und als er Wassili Iwanowitsch erblickte, wandte er sich sofort an ihn:

»Bester Herr, Wassili Iwanowitsch! Lieber Freund, um Gottes willen, so schnell wie möglich geben Sie mir Pferde!« Wassili Iwanowitsch blieb ruhig auf seinem Platze und erwiderte mit diplomatischer Ruhe:

»Ich kann nicht ... Postpferde kommen Ihnen ja gar nicht zu, und die Landschaftspferde muß ich für den Assessor zurückbehalten, der gleich kommen muß.«

Proskurow blieb einen Augenblick vor Erstaunen starr; gleich darauf erwiderte er heftig:

»Was sagen Sie denn da? Ich bin ja früher angekommen! Nein, erlauben Sie, das ist ... vor allen muß ich Ihnen sagen, daß Sie sich täuschen, was die Postpferde betrifft: ich habe auf jeden Fall die Vollmacht, mich solcher zu bedienen, außerdem aber noch habe ich auf gesetzlicher Grundlage das Recht dazu.«

Wassili Iwanowitsch lachte laut auf.

»Daß Sie der Kuckuck! ... Immer kommen Sie mir mit Ihren Scherzen, wenn ich keine Zeit habe!« rief ärgerlich Proskurow, der offenbar nicht das erste Mal in diese Falle geraten war. »Schnell, um Gottes willen, ich habe hier wichtige Angelegenheiten vor.«

»Ich weiß, ein Mord ist passiert.«

»Woher wissen Sie denn das?« regte sich wieder Proskurow auf.

»Woher ich's weiß? Vom Assessor, der schon längst an Ort und Stelle ist,« neckte Wassili Iwanowitsch.

»Ach was, Sie flunkern schon wieder. Jene haben noch keine Ahnung davon, während der Mörder, das heißt der des Mordes Verdächtige schon, so zu sagen, in meinen Händen ist. Das, lieber Freund, wird eine großartige Geschichte werden! Sehen werden Sie, wie ich sie alle auf den Kopf stellen werde!«

»Nu, nu! Daß jene nur nicht Sie auf den Kopf stellen!«

Proskurow horchte plötzlich auf. Auf dem Hofe erklangen Glöckchen.

»Wassili Iwanowitsch,« fragte er schmeichelnd, »dort jenes Gespann ist doch wohl für mich?« Er hatte den Stationschef an der Hand ergriffen und winkte dabei nach mir hinüber.

»Ja, ja, für Sie, für Sie, beruhigen Sie sich! Was haben Sie denn da wieder vor?«

»Einen Mord. Wassili Iwanowitsch wieder einen Mord. Und was für einen Mord – mit allen Anzeichen, daß jene uns zu gut bekannte Bande an demselben beteiligt ist. Ich habe für diesen Fall einen leitenden Faden ... Wenn ich nicht irre, wird man hier manchem etwas am Zeuge flicken können. Schnell, um Gottes willen, schnell, besorgen Sie mir die Pferde!«

»Gleich. Wo ist der Mord denn passiert?«

»In jenem verrufenen Hohlwege. Sprengen sollte man diesen Unglücksort. Ein Fuhrmann ist ermordet.«

»Handelt es sich nicht um eine Beraubung der Post?«

»Nein, um einen freiwilligen Fuhrmann ...«

»Den ›Totschläger‹!« rief ich, von einer plötzlichen Ahnung befallen.

Proskurow wandte sich an mich und verschlang mich mit seinen großen Augen.

»Jawohl, derselbe; denn so nannte man den Ermordeten. Gestatten Sie indes die Frage: woher interessiert Sie das?«

»Hm!« brummte Wassili Iwanowitsch, aus dessen Augen der lose Teufel des Humors sprühte – »verhören Sie ihn nur recht ordentlich!«

»Ich bin mit ihm früher zusammengetroffen.«

»So?« fragte gedehnt Wassili Iwanowitsch. »Sie sind mit ihm zusammengetroffen? ... Hatten Sie nichts gegen ihn? Hatten Sie ihn nicht vielleicht zu beerben?«

»Ach, lassen Sie doch Ihre Scherze! Ein unerträglicher Mensch!« wies ihn Proskurow ab und wandte sich dann an mich:

»Entschuldigen Sie, mein Herr, ich wollte Sie gar nicht in diese Geschichte hineinziehen, doch Sie werden begreifen – die Interessen der Gerechtigkeit, das Rechtsgefühl ...«

– »Die Humanität und das Heil der Menschheit ...« unterließ Wassili Iwanowitsch nicht beizufügen.

»Mit einem Wort,« setzte Proskurow fort, Wassili Iwanowitsch einen vernichtenden Blick zuschleudernd, »ich wollte nur sagen, daß die Beachtung der Interessen der Gerechtigkeit von jedem Bürger gefordert werden kann. Und wenn Sie mir irgendwelche Mitteilungen machen wollten, die auf diese Angelegenheit Bezug haben könnten, so Sie werden begreifen – so ... kurz, so sind Sie eigentlich verpflichtet, das zu thun.«

»Ich weiß nicht, inwieweit meine Mitteilungen zur Aufklärung dieser Angelegenheit beitragen können, doch wäre ich erfreut, wenn sie einen Nutzen bringen sollten.«

»Herrlich, Ihre Bereitwilligkeit macht Ihnen Ehre, mein Herr! Darf ich erfahren, mit wem ich das Vergnügen habe?«

Ich nannte meinen Namen.

»Affonassi Iwanowitsch Proskurow,« stellte er sich mir vor. »Sie waren so freundlich, mit Ihrer Bereitwilligkeit der Gerechtigkeit dienen zu wollen, Ausdruck zu geben; nun so nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich Ihre Liebenswürdigkeit weiter mißbrauche und Sie bitte, mit mir zu fahren.«

»Wassili Iwanowitsch lachte hell auf.

»Na, das ist aber doch – weiß der Teufel! ... Wollen Sie ihn nicht gleich arretieren?«

Proskurow ergriff hastig und gleichsam verschüchtert meine Hand.

»Aber glauben Sie doch, bitte, einem solchen Geschwätz nicht,« sagte er. »Um Gottes willen, ein solcher Gedanke.«

Ich beeilte mich, ihn zu beruhigen, daß ich auch nicht im entferntesten daran gedacht hätte.

»Wassili Iwanowitsch scherzt ja,« fügte ich hinzu.

»Ich freue mich, daß Sie mich verstehen. Meine Zeit ist kostbar. Auf dem Wege werden Sie mir mitteilen, was Ihnen bekannt ist. Zufällig bin ich auch ohne Sekretär.«

Ich hatte keinen Grund, den Vorschlag nicht anzunehmen.

»Im Gegenteil,« sagte ich, »ich hatte Sie darum bitten wollen, mich mitzunehmen, da mich selbst diese ganze Angelegenheit höchlichst interessiert.«

Vor meinen geistigen Augen erstand wie lebend die Gestalt des »Totschlägers« mit seiner finsteren Miene, der wehmütigen Falte zwischen den Augenbrauen, dem heimlichen Sinnen in den Augen. »Er ruft das Unglück herab auf mein Haupt« – das war ja seine Vorahnung gewesen, die mir jetzt wieder in den Sinn kam. Mich schauderte. Das Unglück hatte ihn dort in eben jener Schlucht getroffen, die in seinem Leben schon früher eine so verhängnisvolle Rolle gespielt hatte. – – –

»Ah!« – rief plötzlich Wassili Iwanowitsch, aufmerksam durch das Fenster schauend. – »Affonassi Iwanowitsch, können Sie mir vielleicht sagen, wer dort dahergejagt kommt vom Waldesrande her?«

Proskurow warf nur einen Blick in die angedeutete Richtung und stürmte hinaus.

»Um Gottes willen, schnell!« rief er mir zu, vom Tische seine Mütze ergreifend.

Ich folgte ihm und trat reisefertig hinaus. In diesem Augenblick kam das Gespann vor die Thür angefahren.

Als ich in die Richtung zum Walde hinblickte, gewahrte ich einen sich rasch nähernden Wagen. Der Insasse stand häufig auf und machte dem Fuhrmann Bemerkungen; man sah heftig gestikulierende Hände sich heben und senken. Die schräg fallenden Strahlen der Sonne spielten auf den Knöpfen und Tressen von Uniformen und ließen dieselben hell aufglitzern.

Proskurow bezahlte seinen Fuhrmann, der mit dem Trinkgelde sehr zufrieden zu sein schien.

»Danke sehr, Ew. Wohlgeboren.«

»Hast du dem da gesagt?« fragte Proskurow, auf den neuen Fuhrmann zeigend, der ihn weiter fahren sollte.

»Jawohl,« erwiderte dieser.

»Nun also, paß auf!« sagte der Untersuchungsrichter, sich in das Fuhrwerk setzend; »kommen wir in anderthalb Stunden an, so bekommst du einen Rubel, eine Minute, hörst du, eine Minute nur später, so ...«

Doch die Pferde griffen schon aus und trugen uns wie rasend davon.

6. Jewsseitsch.

Bis B. waren etwa zwanzig Werst Entfernung. Anfangs sah Proskurow jeden Augenblick auf die Uhr und blickte unruhig zurück. Als er sich aber überzeugt hatte, daß die Pferde rasch liefen und von Verfolgern nichts wahrzunehmen war, wandte er sich an mich.

»Nun, mein Herr, was ist Ihnen denn von der Sache bekannt?«

Ich erzählte ihm von meinem Erlebnis in der Schlucht, von der Ahnung des Fuhrmanns und der Drohung, die einer der Räuber – wie es mir geschienen hatte der »Kaufmann« – dem armen »Totschläger« nachgesandt hatte. Proskurow verlor kein Wort von meiner Erzählung.

»Ja, ja,« sagte er, »das alles ist von Bedeutung. Erinnern Sie sich der Gesichter dieser Menschen?«

»Ja, mit Ausnahme vielleicht des Kaufmanns.«

Proskurow warf mir einen Blick schweren Vorwurfs zu.

»Ach Gott!« rief er aus, und aus dem Tone seiner Worte war bittere Enttäuschung herauszuhören, »allerdings trifft Sie kein Vorwurf, aber gerade ihn hätten Sie sich merken sollen ... Schade, sehr schade, doch wird er dem Arm der Gerechtigkeit nicht entgehen.«

Es waren noch nicht anderthalb Stunden verflossen, als wir die nächste Station erreichten. Nachdem Proskurow den Befehl erteilt hatte, schnell anspannen zu lassen, befahl er, den Ssotski zu rufen.

Gleich darauf erschien ein Bauer, nicht hoch von Wuchs, mit undichtem Bart und schlaublickenden Augen. Das Gesicht hatte einen gutmütigen und zugleich schlauen Ausdruck; im allgemeinen aber machte er einen angenehmen und vorteilhaften Eindruck. Sein Anzug verriet nicht Wohlhabenheit. Als er ins Zimmer trat, verbeugte er sich tief, blickte darauf auf die Thür, als wollte er sich überzeugen, daß niemand horche, und trat dann näher. Mit Proskurow schien er sich nicht gerade gemütlich zu fühlen.

»Guten Tag, Jewsseitsch!« sagte leutselig Proskurow. »Nun, ist der Vogel etwa schon fort?«

»Weshalb sollte er?« erwiderte dieser schüchtern, »wir bewachen ihn ja.«

»Versuchtest du mit ihm zu reden? ... Was sagte er?«

»Versucht habe ich es wohl, doch ist er nicht redselig. Anfangs versuchte ich ihn mit Güte zum Reden zu bringen, darauf aber – das muß ich gestehen – habe ich ihm gedroht: ›Was liegst du hier wie ein Stück Holz? Weißt du nicht, wer ich hier bin?‹ – ›Nun, wer?‹

›Dein Vorgesetzter bin ich!‹ ›Solchen Vorgesetzten habe ich gewöhnlich aufs Maul geklopft!‹ – »Was soll man mit ihm?«

»Nun, gut, gut!« – unterbrach ihn Proskurow ungeduldig. »Bewacht ihn ordentlich. Ich kehre bald zurück!«

»Er wird nicht weglaufen. Dann ist er ja auch – man muß ihm das lassen – ruhig und sanft. Lange, lange liegt er ganz still und starrt auf die Zimmerdecke; einmal nur stand er auf und verlangte zu essen. Ich gab ihm dann auch ein wenig Tabak, als er darum bat; er rauchte und legte sich darauf wieder hin.«

»Gut, mein Lieber! Ich verlasse mich auf dich. Wenn der Feldscher kommen sollte, so schicke ihn an den Thatort.«

»Verlassen Sie sich auf mich. Dann wollte ich noch fragen ...«

Jewsseitsch trat zur Thür und blickte vorsichtig in den Flur hinaus.

»Nun, was noch?« fragte Proskurow, der sich schon zum Weggehen gewandt hatte.

»Ja, wir reden untereinander im Dorfe ...« begann Jewsseitsch, sich zweifelnd umblickend und auf mich schauend – »wenn wir Bauern nun jene aufs Korn nehmen sollten, so wäre es doch am Platze ...« »Nun?« fragte Proskurow, den unzusammenhängenden Worten des Bauern aufmerksam lauschend. »Ja, versetzen Sie sich in unsere Lage, Ew. Wohlgeboren! Wir können sie nicht mehr ertragen, die Unruhe! Und solch eine Macht hat diese Bande! Es läßt sich nichts gegen sie anfangen. Selbst dieser Mensch da – was ist er? Gedungen, für Geld gedungen ... Hätte er es nicht gethan, so würde es ein anderer gethan haben!«

»Richtig!« bestätigte Proskurow, »fahr fort, Brüderchen. Wie ich sehe, bist du ein Bauer mit Verstand. Was weiter?«

»Sonst eben nichts, wenn nur wir Bauern eine Unterstützung sähen, dann würden wir uns schon erheben gegen jene ... Wir alle, die ganze Dorfgemeinschaft, bilden doch auch eine große Kraft ...«

»Nun wohl, helft Ihr der Gerechtigkeit, sie wird Euch unterstützen!« sagte Proskurow nicht ohne Wichtigkeit.

»Natürlich,« sagte Jewsseitsch nachdenklich; »doch dann sagen wir zu einander im Dorf: wenn Sie, das heißt die Obrigkeit, nichts gegen jene sollten ausführen, dann werden wir es sein, die darunter zu leiden haben – wir alle, ausnahmslos! ... Denn jene, sie werden die Macht wieder erlangen ...«

Proskurow fuhr auf, als hätte ihn der Schlag getroffen und lief, ohne ein Wort zu sagen, hinaus. Ich folgte ihm und ließ Jewsseitsch, der sich wegen des günstigen Resultats seiner Ausführungen gewichtigen Zweifeln hinzugeben schien, zurück.

Proskurow setzte sich höchst ärgerlich in den Wagen.

»So ist's immer! Immer Kompromisse! Den Erfolg soll man ihnen garantieren, dann wollen sie mit der Gerechtigkeit Hand in Hand gehen ... Was sagen Sie dazu? Das ist ja einfach – Abwesenheit eines jeden Rechtsbewußtseins!«

»Wenn Sie sich schon mit dieser Frage an mich gewandt haben, so muß ich gestehen,« erwiderte ich, »daß ich Ihnen nicht Recht geben kann. Ich glaube, jene können von der Obrigkeit, jener ›Macht‹, die Garantie für den Erfolg der gerechten Sache auf legalem Wege verlangen. Worin besteht denn sonst die Idee der ›Macht‹? Wenn man einer Gemeinde das Recht, selbst zu richten, nimmt, übernimmt man damit ja auch zugleich gewisse Verpflichtungen, und wenn diese nicht erfüllt werden, so ...«

Proskurow wandte sich hastig an mich und wollte augenscheinlich etwas darauf erwidern, doch er schwieg still und wurde nachdenklich.

Wir waren etwa sechs Werst weit gefahren und hatten bis zur Schlucht noch etwa drei Werst zurückzulegen, als wir hinter uns Glockengeläute hörten.

»Aha, die fahren ohne umzuspannen!« sagte Proskurow. »Nun, desto besser, so werden sie den Arrestanten nicht haben sprechen können! So dachte ich es mir gleich.«

7. Der Gerichtsassessor.

Die Sonne hatte sich schon unter den Horizont gesenkt, als wir die Schlucht erreichten; doch war es noch leidlich hell, obgleich in der Schlucht schon dunkle, tiefe Schatten lagerten. Es war kühl und still. Der Felsen stand hoch über dem auf der Erde lagernden Nebel, und über ihm glänzte der bleiche Mond. Der schwarze Wald stand wie verzaubert, unbeweglich. Die Stille wurde nur unterbrochen durch den Klang der Glöckchen, deren Schallwellen sich durch die Luft fortbewegten und im Hohlwege widerhallten. Hinter uns im Rücken hörten wir denselben Laut, nur schwächer.

Im Dickicht erhob sich leichter Rauch. Die wachthabenden Bauern lagerten um einen Scheiterhaufen in mürrischem Schweigen. Als sie uns erblickten, standen sie auf und nahmen ihre Mützen vom Kopf. Zur Seite, unter einer Leinwand, lag der Leichnam.

»Guten Abend, Freunde« sagte leise der Untersuchungsrichter.

»Grüß Gott, Ew. Wohlgeboren!« erwiderten die Bauern.

»Ist alles unberührt?«

»Ja – ihn haben wir nur ein wenig besser gelegt; das Tier ist unberührt!«

»Welches Tier?«

»Sein Pferd haben doch die Räuberhunde erschossen. Er ritt ja hierher.«

Wirklich, dreißig Schritt entfernt lag das getötete Pferd.

Proskurow nahm die Wächter mit sich und untersuchte die Gegend. Ich trat zum Toten und hob die Leinwand vom Gesicht.

Die todesbleichen Züge waren ruhig. Die gebrochenen Augen blickten nach oben zum abendlichen Himmel, und auf seinem Antlitz stand jener Ausdruck des Zweifels und der Frage, den der Tod auf jedes Gesicht legt, wie einen Stempel des entflohenen Lebens ... Das Gesicht war rein, von Blut nicht besudelt.

Nach einer Viertelstunde ging Proskurow an mir vorüber zum Kreuzwege. Ihm entgegen kam das Gefährt, welches uns seit der letzten Station gefolgt war.

Ein nicht mehr junger Mann in Polizeiuniform und ein junger Herr in Civil, der Feldscher, traten heraus.

Der Assessor war sichtlich ermüdet. Seine breite Brust arbeitete wie ein Blasebalg, und er schritt nur langsam vorwärts. Seine Backen blähten sich gleichfalls auf, wobei die Enden des gefärbten Schnurrbartes bald senkrecht aufschnellten, bald wieder schlaff herabfielen. Die langen, graumelierten Haare waren mit Staub bedeckt.

»Uff!« sagte er. »Ihnen zu folgen, Affonassi Iwanowitsch, ist nicht leicht. Guten Abend!«

»Guten Abend!« rief Proskurow. »Wozu eilten Sie denn so – ich hätte ja warten können!«

»Nein, wozu denn? ... Uff! ... Der Dienst geht allem vor! Ich liebe es nicht, wie Sie wissen, auf mich warten zu lassen. Das ist nicht meine Gewohnheit.«

Der Assessor sprach in jenem Baß, der uns sofort unwillkürlich den Geruch von Rum und Tabak fühlen läßt. Seine kleinen, matten Augen durchliefen unruhig die Gegend, alles überblickend. Endlich blieben sie an mir haften.

»Mein Bekannter,« stellte mich Proskurow vor. »Herr N. N., der zeitweilig die Pflichten meines Sekretärs zu übernehmen so freundlich war.«

»Ich habe das Vergnügen, Sie dem Namen nach zu kennen. Sehr angenehm. Stabskapitän Besrylow a. D.«

Er grüßte militärisch.

»Herrlich, so können wir uns gleich daran machen. Schnell, auf militärische Art wollen wir ihn beerdigen, so lange es noch etwas hell ist! – Ihr Leute, herbei!«

Die Wachthabenden kamen näher und wir alle traten zum Toten. Zuerst trat Besrylow heran und riß die Hülle ab.

Wir traten alle, unwillkürlich schaudernd, vor dem uns enthüllten gräßlichen Bilde zurück: die ganze Brust des Toten bildete eine einzige klaffende Wunde. Ein Schauder hatte einen jeden von uns bis ins Innerste erfaßt beim Anblick dieses tierischen Verbrechens. Jede einzelne Wunde war tödlich, doch waren die meisten Hiebe offenbar erst nach dem Tode des Opfers dem Leichnam desselben zugefügt worden.

Selbst Herr Besrylow verlor seine Fassung. Er stand unbeweglich, in der Hand die Hülle haltend. Seine Wangen färbten sich dunkel. »Kanaillen!« sagte er und seufzte tief auf.

Vielleicht galt dieser Seufzer dem Bedauern darüber, daß Herr Besrylow nichts mehr vertuschen und sich für sein Vertuschen nichts mehr bezahlen lassen konnte.

Langsam ließ er die Hülle sinken und wandte sich an Proskurow, der ihn festen Blickes fixierte.

»Wir wollen den Leichnam morgen doch wohl secieren und heute die Umgebung aufnehmen und den Leichnam nach B. überführen.«

»Und dort auch das Verhör des Arretierten vornehmen,« fügte Proskurow gelassen hinzu.

Die Augen Besrylows liefen wie zwei gehetzte Tierchen im Kreise umher.

»Des Arretierten?« – fragte er. »Sie haben schon einen Arretierten? ... Wie hat man denn nur ... wie weiß ich denn nichts davon?«

Er war wirklich bedauernswert, doch faßte er sich gleich. Einen raschen, feindseligen Blick auf die Bauern und auf seinen Fuhrmann werfend, wandte er sich zu Proskurow.

»Ei, das ist ja herrlich. Es gelingt Ihnen ja alles! Herrlich! ...«

8. Iwan.

Gegen Mitternacht, nachdem die Beamten Thee getrunken und sich gestärkt hatten, nahm die Untersuchung ihren Anfang.

In dem ziemlich geräumigen Zimmer stand in der Mitte ein Tisch, der mit allen Schreibutensilien versehen war; an das eine Ende desselben setzte sich Proskurow. Seine ein wenig komische Beweglichkeit war verschwunden: er war ernst und würdevoll. Sodann nahm Besrylow Platz, der vollkommen gefaßt und ruhig war und seine militärische Straffheit völlig wiedergewonnen hatte. Während der kurzen Ruhepause hatte er sich gewaschen, seinen Schnurrbart gefärbt und sein lockiges Haar gekämmt. Auch er war würdevoll; von Zeit zu Zeit nur trank er aus dem vor ihm stehenden Glase Thee und blickte mit nachsichtigem Lächeln auf den Untersuchungsrichter.

»Wollen Sie den Arretierten hereinführen lassen,« sagte Proskurow, von dem Blatte Papier aufsehend, auf dem er mit schnellen Federzügen das Programm des Verhörs niedergeschrieben hatte.

Besrylow nickte nur und Jewsseitsch lief schnell aus der Hütte.

Nach kurzer Zeit öffnete sich die Außenthür und in ihr erschien jene hohe, mächtige Figur des Mannes, den ich mit Kostjuschka auf der Fähre gesehen hatte, wie er mit nachdenklichem Blicke die eilenden Wolken verfolgte.

Als er die Schwelle überschritt, stieß er leicht an, blickte sich um, trat dann vor und blieb mitten im Zimmer stehen. Sein Schritt war gleichmäßig und ruhig.

Das breite Gesicht mit den zwar rohen, doch recht regelmäßigen Zügen war ruhig und hatte einen gleichgültigen Ausdruck. Die blauen Augen blickten etwas matt und unbestimmt, als sähen sie gar nicht die umgebenden Gegenstände. Die Haare waren kurz geschnitten. Auf dem neuen Kattunhemde waren frische Blutspuren.

Proskurow schob nur das Formular nebst Tinte und Feder zu und begann das Verhör.

»Wie heißt du?«

»Iwan, bin achtunddreißig Jahre alt!«

»Wo wohnst du?«

»Nirgends – ich bin ein Landstreicher ...«

»Sage, Iwan, hast du den Mord an dem Fuhrmann Fedor Michailow begangen?«

»Ja, Ew. Wohlgeboren, ich ... es ist ja eine klare Sache ...«

»Brav, daß du deine Schuld eingestehst!« lobte ihn Besrylow.

»Nun, Ew. Wohlgeboren, was hülfe denn das Leugnen?«

»Auf wessen Rat oder Wunsch hast du es gethan?« fragte der Untersuchungsrichter weiter, als die vorhergehenden Antworten niedergeschrieben waren. »Und woher hast du jene fünfzig Rubel und zweiunddreißig Kopeken, die bei der Durchsuchung bei dir gefunden wurden?«

Der Landstreicher blickte ihn nachdenklich an.

»Danach, Ew. Wohlgeboren, frag mich lieber nicht! Du kennst deine Pflicht, ich die meine! ... Ich habe es allein gethan, und weiter nichts ... Ich habe es allein gethan und meine Zeugen sind der finstre Wald und die dunkle Nacht – sonst niemand!«

Besrylow hüstelte und nahm mit sichtlichem Wohlgefallen einen Schluck Thee, Proskurow einen spöttischen Blick zuwerfend.

Dann blickte er wieder auf den Landstreicher mit unverkennbarem Wohlgefallen an dessen Disziplin, wie sich ein alter verdienstvoller Offizier freut, wenn er einen tapfern Soldaten sieht.

Proskurow blieb ernst. Er schien auch gar nicht sonderlich auf die Offenherzigkeit des Verbrechers gerechnet zu haben.

»Wirst du nicht den Grund angeben« – setzte er sein Verhör fort – »weshalb du Feodor Michailow auf so fürchterliche Art zugerichtet hast. Leitete dich der Wunsch persönlicher Rache, Haß oder Feindschaft?«

Der Gefragte blickte den Untersuchungsrichter erstaunt an.

»Ich stieß einmal, zweimal mit dem Messer nach ihm – mehr, glaube ich, nicht. Dann fiel er um ...«

»Leuchte ihm!« sagte Proskurow zu einem Bauer. »Blick dorthin ins Zimmer!« sagte er zu dem Arrestanten. Dieser trat mit den früheren gleichmäßigen Schritten zur Thür und blieb stehen. Der Bauer nahm vom Tisch ein Licht und ging in das anstoßende Zimmer.

Plötzlich zuckte der Verbrecher zusammen und prallte zurück. Dann, nachdem er sich offenbar bezwungen hatte, noch einmal hinzusehen, wankte er zur gegenüberliegenden Wand. Wir alle folgten ihm mit unseren Blicken in großer Aufregung, die auch auf uns übergegangen zu sein schien von jener mächtigen, kraftvollen Gestalt, die jetzt wie gebrochen dastand.

Er war bleich. Kurze Zeit stand er gebeugten Hauptes da, sich mit der Schulter an die Wand stützend. Dann erhob er sein Haupt und blickte uns mit einem Blick an, in dem sich Entsetzen, Zweifel und stumme Frage wiederspiegelten.

»Ew. Wohlgeboren und ihr, rechtgläubige Christen, Brüder!« begann er flehenden Tones »das habe ich nicht gethan! Glaubt es mir – ich hab' das da nicht gethan! Vielleicht aus Entsetzen – ich kann mich nicht erinnern, doch nein, nein ... das kann ich nicht gethan haben!« ...

Plötzlich kam Leben in die Gestalt. Seine Augen funkelten zum erstenmal.

»Ew. Wohlgeboren,« sagte er entschlossen zum Tisch tretend, »schreiben Sie: Kostjuschka hat's gethan – Kostjuschka mit der aufgerissenen Nase! Er, nur er, der Schuft! Nur er kann einen Menschen so schänden! Seine That ist es! ... Mag er mir Genosse gewesen sein oder nicht – schreiben Sie, Ew. Wohlgeboren!«

Bei dieser plötzlichen Aufwallung griff Proskurow nach dem Formular und machte sich daran, selbst das Protokoll zu führen. Der Landstreicher entwickelte vor unseren Augen ein schweres, dunkles Gemälde, ein gräßliches Drama.

Er war aus dem N.'schen Gefängnis entflohen, wo er wegen Landstreichens festgehalten wurde, und trieb sich darauf eine Zeitlang beschäftigungslos umher, bis das Schicksal selbst ihn in einem »Lokal« mit Kostjuschka und dessen Spießgesellen zusammengebracht hatte. Hier hörte er zuerst einem Gespräche zu über den verstorbenen Michailowitsch.

»Er sei solch ein Mensch nämlich, der gefeit sei; nichts könne ihm anhaben: nicht Dolch, nicht Feuerwaffe – er sei gefeit durch einen Zauber.« »Unsinn, Leute,« sagte ich, »das kann nicht sein. Jedem Menschen kann man mit dem Dolche beikommen.« »Woher bist du? und wer?« fragte man mich. »Das ist meine Sache,« erwiderte ich, »der Kerker ist mein Vater, der Wald meine Mutter. Daher stamme ich und liebe nur nicht zuzuhören, wenn man Unsinn schwatzt!«

Ein Wort gab das andere, man öffnete einander sein Herz, man nahm ihn in die Genossenschaft auf und ließ Branntwein holen; dann habe Kostjuschka gesagt: »Bist du ein Mensch, auf den man sich verlassen kann, willst du mit uns gehen?« »Ja!« sagte ich. »Wir brauchen einen Menschen, tags oder nachts – geschehen aber muß etwas in der Schlucht, denn da wird ein Herr vorbeifahren, der aus der Stadt viel Geld mit sich führt. Nun, prahlst du aber nicht etwa? Fährt ihn ein anderer Fuhrmann, so können wir allein es schon machen; wenn ihn aber der ›Totschläger‹ fährt, dann wirst du gewiß weglaufen.« »Das wird nicht geschehen,« sagte ich. »Gut, sagte er, »wirst du den Mut haben und ihn niederschlagen, so sollst du mit uns zufrieden sein. Für den ›Totschläger‹ kannst du einen guten Preis bekommen.«

»Einen Preis? – Von wem?« – unterbrach ihn Proskurow.

»Ew. Wohlgeboren, höre zu, wenn ich spreche, fragen kannst du später!« setzte der Landstreicher fort. – »Das erste Mal lief ich auch wirklich weg; ich erschrak, vor allem aber deshalb, weil die Genossen mich im Stich ließen. Da entfiel auch mir der Mut. Er, der Lump, verlachte mich auch nachher!« »Gut,« sagte ich, »kommt noch einmal. Höre aber, Kostjuschka, läufst du selbst weg – so bleibst auch du nicht am Leben.«

So verlebten wir drei Tage in dieser Stellung – und erwarteten ihn. Am dritten Tage kam er abends vorbeigefahren – des Nachts mußte er also zurück. Wir bereiteten uns vor. Richtig, wir hörten ihn auch herankommen; langsam ritt er seines Weges. Kostjuschka schoß und das Pferd fiel. Michailitsch stürzte wütend ins Gebüsch – gerade mir in die Hände. Mein Herz pochte freilich heftig, doch da sah ich: er oder ich.

Ich wollte ihm das Messer in den Leib stoßen – doch da, mit einem Ruck packte er mich am Arm, riß mir das Messer aus der Hand und schleuderte es weit weg. Dann nahm er seinen Gurt, um mich zu binden; ich aber hatte im Stiefel ein zweites Messer, zog es heimlich heraus, kehrte mich um und – stieß es ihm zwischen die Rippen. Er stöhnte auf, riß mir den Kopf in die Höhe, so daß er mein Gesicht sehen konnte und blickte mich an ...

»Ach,« sagte er, »ich ahnte es! Jetzt geh, quäle mich nicht mehr. Du hast mich schon tödlich verwundet!«

Ich stand auf und blickte ihn an ... Er litt unsäglich, er wollte sich erheben, konnte aber nicht.

»Vergieb!« bat ich.

»Geh, Gott mag dir vergeben, ich habe dir vergeben. Geh!« sprach er noch.

»Ich ging weg und bin nicht mehr hinzugetreten, glauben Sie's mir ... Das hat Kostjuschka nach mir gethan.«

Der Landstreicher verstummte und setzte sich ermüdet auf die Bank. Proskurow führte sein Protokoll schnell zu Ende. Es war ganz still im Zimmer.

»Jetzt,« sagte der Untersuchungsrichter, »beschließe dein offenherziges Geständnis. Was war das für ein Kaufmann, der euch bei dem ersten Überfall begleitete, und in wessen Namen sprach Kostjuschka, als er eine Belohnung für die Ermordung Feodor Michailitschs aussetzte?« Besrylow blickte auf den ermüdeten Landstreicher. Doch dieser erhob sich plötzlich von der Bank und sprach im früheren gleichgültigen Tone:

»Genug, mehr sage ich nicht. Genug! Haben Sie über Kostjuschka alles aufgeschrieben? Nun, er soll nicht mehr Leichen schänden! Lassen Sie mich wegführen, Ew. Wohlgeboren, mehr werde ich nicht sagen.«

»Höre mal, Iwan,« sagte der Untersuchungsrichter, »ich muß dir bemerken, daß je vollkommener dein Geständnis ist, desto milder dir das Urteil gesprochen wird. Deine Genossen wirst du jedenfalls nicht retten.«

Der Landstreicher zuckte die Achseln.

»Mich kümmert's nicht – mir ist's gleich.«

Es war keine Hoffnung, von ihm noch irgend etwas erfahren zu können. Man führte ihn hinaus.

Noch stand das Verhör der Zeugen bevor.

Man erwartete den Priester, der sie beeidigen sollte und so lange standen sie in einem Haufen schweigend an der Wand – allen voran Jewsseitsch. Sein Gesicht war rot, die Lippen zusammengekniffen, die Stirn kraus gezogen. Er warf zuweilen unter den Augenbrauen hervor bald auf Besrylow, bald auf den Untersuchungsrichter feindliche Blicke. Allem Anscheine nach war dieser Haufe Menschen zu einem Entschluß gekommen.

Besrylow saß auf der Bank, seine Füße weit von sich streckend und mit seinen Fingern trommelnd. So lange die Bauern umhergingen, sah er auf sie mit aufmerksamem, nachdenklichem Blick. Darauf wandte er sich mit einen verächtlichen Lächeln und leichtem Kopfschütteln an Proskurow.

»Apropos, Affonassi Iwanowitsch,« sagte er, »entschuldigen Sie, ich vergaß ganz, Ihnen zu gratulieren ... all diese Unannehmlichkeiten – Verzeihung ...«

»Mir? Wozu?« fragte Proskurow, ohne von seinem Protokoll aufzusehen.

»Wie?« fragte Besrylow erfreut. »Ihnen ist also noch nichts bekannt und ich werde also als erster das Vergnügen haben, Ihnen diese angenehme Nachricht zu überbringen? – Ah, ich bin sehr, sehr erfreut!«

Proskurow blickte den Assessor an, der sich ihm sporenklirrend und huldvoll lächelnd näherte.

»Sie haben eine neue Ernennung erhalten: als stellvertretender Rentmeister nach N. Das ist natürlich vorläufig nur eine bloße Formalität – Sie werden selbstverständlich sofort definitiv als Rentmeister bestätigt werden. Ich gratuliere, gratuliere von ganzem Herzen!« fuhr Besrylow fort in gutmütigstem Tone, die Hand des erstaunten Proskurow ergreifend.

Doch Proskurow schien den freundschaftlichen Glückwunsch nicht zu würdigen zu wissen; er entriß ihm seine Hand und sprang auf.

»Erlauben Sie, mein Herr,« begann er hastig und abgerissen, »hier ist nicht der Ort zu scherzen. Glauben Sie, daß ich Ihre Taktik nicht durchschaue? Sie irren sich, mein Herr; ich bin nicht auf den Kopf gefallen, nein, mein bester Herr, nicht auf den Kopf gefallen.«

»Aber was ist Ihnen, Affonassi Iwanowitsch?« spielte Besrylow den Erstaunten und schlug die Hände zusammen, während er um sich blickte, als rufe er alle Umstehenden zu Zeugen an für diesen schwärzesten Undank Proskurows. »Darf ich denn scherzen? Eine offizielle Ernennung ... ich selbst las das Dokument. Ich versichere Sie – eine Stelle ist das, muß ich Ihnen sagen – Gold, Goldes wert!«

Bei diesen Worten hatte er den Ton verändert und den Ausdruck freundschaftlicher Familiarität angenommen.

»Von nun ab werden Sie sich nicht mehr mit diesen unangenehmen Sachen abzugeben brauchen. Selbst diese Angelegenheit werden wir leider schon allein ohne Ihre unersetzliche Beihilfe beendigen müssen ... Wir bedauern es natürlich unendlich; dafür jedoch freuen wir uns wieder um Ihretwillen. Eine ruhige, sichere Stelle – ha, ha, ha – ganz, ganz – ha, ha, ha, ganz Ihrem Charakter angemessen – und dann ha, ha, ha – die Dankbarkeit der Kaufmannschaft!« ...

Besrylow hatte, wie es schien, aufgehört sich zu genieren und zurückzuhalten; sein Gelächter, das seinen ganzen Körper erzittern machte, war einfach unanständig.

Proskurow stand vor ihm wie erstarrt, mit beiden Händen sich auf den Tisch stützend. Sein Gesicht schien plötzlich gealtert und war gelb; auf ihm lag der Ausdruck traurigen, schmerzhaften Staunens. – In diesem Augenblicke schien er wirklich dumm!

Ich blickte auf die Bauern. Alle drängten nach vorn, nur Jewsseitsch stand seiner Gewohnheit nach mit gesenktem Kopf und lauschte aufmerksam dem Gespräch, ohne ein Wort davon zu verlieren. – –

Das weitere Verhör hatte für mich jedes Interesse verloren. Ich trat hinaus in das Vorzimmer.

Dort in der Ecke saß der Arretierte. Einige wachthabende Bauern standen ihm zur Seite. Ich trat zum Landstreicher und setzte mich neben ihn. Er sah mich an und rückte zur Seite.

»Sagen Sie mir,« fragte ich ihn, »haben Sie wirklich keine Feindschaft, keinen Haß gegen den verstorbenen Feodor Michailitsch gehegt?«

Der Landstreicher sah mich ruhig an.

»Was? Welch eine Feindschaft? Ich hab ihn niemals früher gesehen.«

»Weshalb haben Sie ihn denn getötet? Doch nicht um jener fünfzig Rubel willen, die man bei Ihnen gefunden hat?«

»Natürlich nicht,« sagte er nachdenklich. »Zehnmal so große Summen langten uns häufig nicht für eine Woche – wie wird man denn deshalb einen Menschen töten?«

»Doch nicht aus Abenteuerlust tötet man einen Menschen und verdirbt damit sein eigenes Leben?«

Der Landstreicher blickte auf mich mit sichtlichem Befremden. »Sein eigenes Leben sagst du? Was ist denn mein Leben? Diesmal habe ich Michailitsch getötet, und hätte das Schicksal es anders gewandt, so hätte er ja mich getötet!«

»Nein, das hätte er nicht gethan.«

»Du magst recht haben: mich hätte er nicht zu töten gebraucht und hätte doch selbst leben bleiben können.«

»Bedauerst du ihn?«

Der Landstreicher blickte mich an und aus seinen Angen blitzte ein Blick der Feindschaft und des Mißtrauens.

»Geh fort, was willst du?!« sagte er; dann fügte er hinzu, seinen Kopf senkend: »So ist schon mein Schicksal!«

»Dein Schicksal?«

»Ja, von Kind auf bin ich ja schon im Gefängnis aufgewachsen.«

»Und Gott fürchtest du nicht?«

»Gott?« lächelte der Landstreicher und schüttelte den Kopf. »Schon seit lange haben wir beide, er und ich, miteinander nicht Abrechnung gehalten ... Und doch müßten wir es! Vielleicht habe ich noch bei ihm ein Guthaben. Hör' mal, Herr,« sagte er, den Ton ändernd, »was willst du? Ich sage dir – so ist mein Schicksal! Hier sitze ich mit dir und spreche, ruhig und still; träfe ich dich aber im Walde oder dort in jener Schlucht – nun, dann würden wir vielleicht anders miteinander reden. So hätte es unser Schicksal bestimmt!«

Er schüttelte wieder den Kopf.

»Hast du nicht vielleicht etwas Tabak, Herr, etwas zum Rauchen?« begann er wieder in leichtem Ton, doch schien mir dieser Ton schon gekünstelt, gefälscht.

Ich gab ihm eine Papyros und trat aus dem Flur ins Freie hinaus. Über den Bäumen des Waldes funkelten schon die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne. Vom Felsen über der Schlucht hoben sich die Nebel der Nacht und schwebten gen Westen, die Gipfel der Tannen berührend. Auf den Gräsern glänzte der Thau, und in jenem Fenster spiegelten sich die gelben Flämmchen der Wachslichte, die am Kopfende der Leiche brannten.

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.