Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Otto Ernst >

Semper der Jüngling

Otto Ernst: Semper der Jüngling - Kapitel 55
Quellenangabe
typefiction
booktitleSemper der Jüngling
authorOtto Ernst
year1908
publisherL. Staackmann Verlag
addressLeipzig
titleSemper der Jüngling
created20020725
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1908
Schließen

Navigation:

LIV. Kapitel.

Asmus ringt mit höheren Töchtern und besteht ein schweres Examen nur mangelhaft.

Als Hilde geendet hatte, ergriff Asmus leise ihre Hand und bedeckte sie mit langen, andächtigen Küssen. Das viele Leid, das sie erlitten, hatte sie ihm zwiefach geheiligt. Er unterschied sich insofern gewiß nicht von anderen Menschen, als ihm Geld und Gut keineswegs zu den unnötigen und unerfreulichen Dingen gehörten; aber doch schien es ihm, daß er dies Mädchen um seiner Armut und seiner Kämpfe willen nun doppelt und dreifach liebe. Auch war die Armut etwas, das nun mit jedem Tage mehr schwinden mußte. Nächste Ostern bekam er schon 1600 Mark Gehalt; dann wollten sie heiraten.

»Was? Ostern wollt ihr schon heiraten?« rief Frau Rebekka.

»Bald nach Ostern, ja.«

Das schien gar nicht nach Rebekkens Sinne zu sein.

»Ich laß euch deshalb ja nicht im Stich,« sagte Asmus. »Hab' deshalb nur keine Sorge.« Von den 1600 Mark und von den 200 Mark, die er mit Privatstunden verdiente, konnte er seinen Eltern ja leicht noch abgeben, ohne daß er und sein Weib Mangel litten.

Die 200 Mark waren allerdings ein hartes Brot. Wenn er in seiner Schule fertig war, hastete er nach einer »Höheren Töchterschule«, um dort im Singen und im deutschen Aufsatz zu unterrichten. Es waren richtige »höhere« Töchter, das heißt sie hatten das Bewußtsein, zu den höheren Dingen zu gehören. In den sogenannten besseren Hamburger Familien ist der Klassendünkel nicht selten bis zur vollkommenen Verblendung entwickelt, und dieser traditionelle Geist oder Ungeist überträgt sich auf die Kinder. Es waren wohl liebe und gescheite Mädchen darunter; eine große Anzahl aber ging von dem Grundsatze aus: »Wie kämen wir dazu, zu antworten und uns anzustrengen; unser Vater bezahlt ja.« Asmus kam bald dahinter, daß seine Meinung, die wohlgepflegten Kinder reicher und »guter« Familien zu unterrichten und zu erziehen, sei keine Kunst, ein ganz erheblicher Irrtum gewesen war. Im Gegenteil; er stieß hier gelegentlich auf raffinierte Niederträchtigkeiten und herzlose Tücken, die weit betrübender und hoffnungsloser waren als die Roheiten seiner Schüler aus der Hafengegend. Dazu waren die Machtmittel des Lehrers hier geringer. Einen Lümmel unter den Jungen nahm man, wenn's not tat, beim Ohr oder versetzte ihm eine Ohrfeige – er hielt den Körper eines Schlingels nicht für unantastbar und erinnerte sich sehr gut, daß manche der Schläge, die er als Junge empfangen, ebenso begründet als nützlich gewesen waren – aber dergleichen Mittel waren bei Mädchen freilich ausgeschlossen. Obendrein standen die meisten seiner Schülerinnen im zwölften oder dreizehnten Lebensjahre, das will sagen: in den weiblichen Flegeljahren. Er bemühte sich, seinen Unterricht so anziehend wie möglich zu gestalten; aber eine ganze Reihe dieser Damen war gleichwohl von der Existenzberechtigung eines Lehrers nicht zu überzeugen. Endlich fand er dennoch ein Mittel, sie zu bändigen. Wenn eine sich mit besonderer Wohligkeit auf den passiven Widerstand verlegte, so las er einfach der Klasse ihren Aufsatz vor. Das half. Wenn er las:

»Antigone hatte sich an dem zarten Bande ihres Schleiers emporgeknüpft,« oder »Schiller setzte dem wackeren Pfarrer Moser in seinen »Räubern« ein Denkmal, indem er den Räuberhauptmann nach ihm benannte,« oder »Er konnte den unbequemen Laut seines Innern nicht zum Schweigen bringen«; und wenn dann alles in stürmische Heiterkeit ausbrach (auch die, die Schlimmeres geschrieben hatten), dann fühlten sie doch etwas wie das Walten einer Nemesis. Asmus hatte entdeckt, daß die weibliche Seele außerordentlich empfindlich ist gegen den Spott, und von nun an brauchte er nur zu sagen:

»Bertha Klapp, ich werde nächstens wieder einen Aufsatz vorlesen –«

dann wurde Bertha ohne weiteres umgänglich.

Von solchen und anderen Strapazen erholte er sich, indem er sich unter Hildens Oberaufsicht zum zweiten Examen vorbereitete, zu jenem Examen, das die feste Anstellung gewährleistete. Es war die lustigste und erfrischendste Büffelei von der Welt. Sie pilgerten hinaus in jenen anmutigen Garten »Zum Morgenstern«, wo sie sich um Erika und Calluna gestritten hatten, setzten sich in eine Laube und tranken Kaffee. Dann gab er ihr den betreffenden Schmöker in die Hand, und sie fragte ihn mit redlichem Eifer, was darin stand. Es war eine der schwersten Prüfungen, die man sich denken kann, viel schwerer als die gewöhnlichen; denn gewöhnlich haben die Examinatoren nicht solche Augen, solche Nase, solche Wangen, solchen Mund, solches Haar, solche Stimme! Eine Stunde wohl und länger gab er ihr treulich auf alles Bescheid, bis ihm die Sache doch zu unnatürlich wurde.

»Einen Schluß nach Celarent,« verlangte sie von ihm.

» Einen Schluß nach Celarent? Bon!«

Kein Weib ist schön (nach Schopenhauer)!
Alle Hilden sind Weiber.
Also keine Hilde ist schön.«

Sie drohte mit dem Finger. »Herr Semper? Ich werde Sie durchfallen lassen!«

»Ach bitte, Herr Professor, lassen Sie mich nicht durchfallen, ich möchte so gern heiraten!«

»Haha, heiraten wollen Sie? Wen denn?«

»Ein entzückendes, ein wonniges, ach Gott, ein – Sie haben ja keine Ahnung, Herr Professor. Erlauben Sie, daß ich Sie küsse –«

»Was fällt Ihnen ein!« Sie stieß ihn auf seinen Platz zurück. »Bilden Sie einen Schluß nach Darii!«

»Nach Darii? Wie Sie wollen.

Alle Basen färben rotes Lackmuspapier blau.
Hilde ist eine Base.
Also färbt Hilde rotes Lackmuspapier blau.«

Dann sah sie wohl ein, daß mit ihm nichts mehr anzufangen sei; sie klappte lachend das Buch zusammen und schlug ihm damit auf die Finger.

»Lieber, süßer Professor,« rief er, »die Logik, die Sie mir da abfragen, ist ja der gottvergessenste formalistische Quatsch, ist ja das blankste scholastische Blech von der Welt! Bevor ich etwas davon wußte, hab' ich genau so konsequent gedacht wie jetzt, oder konsequenter. Ach bitte, Herr Professor, tun Sie Ihr Täschchen auf und geben Sie mir vom Brote des Lebens.«

Dann verzehrten sie den Proviant, den Hilde mitgebracht und den sie mit gewohnter Delikatesse bereitet hatte; er ließ es sich mit Ausdauer schmecken und meinte: »Die Brotgelehrten haben doch nicht so ganz unrecht.«

Zu solchen Stunden brachte er wohl auch trotz aller Examenbüffelei ein Gedicht mit, und eines Tages brachte er ihr eins, das eine »hartnäckige Liebe« besang.

Jan Reimers hatte vor gar nichts Furcht.
Er rettete damals die beiden Dänen,
Ihr wißt wohl – es wollte keiner dran –
Er riß sie dem blanken Hans aus den Zähnen.

Nun war da die Antje Nissen – ei ja,
Die mochte dem starken Jan wohl taugen!
Schmuck war sie, alles was recht ist – man bloß:
Ihr guckte der Deubel aus beiden Augen.

Aber Jan, wie gesagt, war bange vor nichts.
Und so freit' er um Antje. Sie ziert' sich nicht lange
Und sagte Ja und ward seine Braut.
Aber als sie's war, da ward ihm doch bange.

Schon vor der Hochzeit alle Tag Krieg!
Verdammt, denkt Jan, nur noch drei Wochen,
Dann ist die Hochzeit. Sie läßt mich nicht los.
Aber sie ist ein Stachelrochen.

Da – denkt euch – da kommt ihm Hilf' in der Not!
Bei Südsüdost wird Jan Reimers verschlagen –
Er rennt auf die Klippen – das Schiff zerkracht –
Eine Planke hat ihn nach England getragen.

Sein erster Gedanke war: »Jung, wat'n Glück,
Nu bin ick verschollen! Das 's Gottes Wille!«
Er stopft sich die Pfeife mit nassem Shag
Und steckt sie in Brand bedachtsam und stille.

Sein Ewer freilich war Grus und Mus.
»Na ja,« denkt Jan, »wat is dor Slimm's bi!
Ick hev hier Fisch un hev hier Tobak.«
Und er lebte drei Jahre vergnügt in Grimsby.

Aber die Welt ist ein Rattenloch.
Ein Landsmann muß ihn gesehen haben. –
Jan bummelt am Hafen, die Fäust' in der Tasch',
Sich recht an Freiheit und Sonne zu laben –

Da hört er plötzlich – ihm schießt's in die Knie –
Seinen Namen rufen von weiblicher Stimme:
»Jan Reimers! Jan Reimers!« Ihm war's als rief
Des jüngsten Tages Posaun' ihn mit Grimme!

Aber Jan hat Courage: er stellt sich taub!
Da ruft Antje Nissen: »Du solltest dich schämen!
Nun tu' doch nicht so, als wenn du nicht hörst,
Du Feigling, du!«
                              Da mußt' er sie nehmen.

Sie lachte, als er geendet hatte, und dann nahm er noch einmal das Blatt und schrieb mit Bleistift oben über das Gedicht:

»Meiner Antje Nissen
In Schauern der Ehrfurcht gewidmet.«

Da lachte sie noch herzlicher, und ihr Lachen führte immer unfehlbar zum Küssen. Vom Küssen kamen sie dann wieder ins Lachen, kurz, es war der alte wohlbekannte circulus vitiosus, der ja in der Logik eine wichtige Rolle spielt.

Es kann nicht von allen Szenen dieser Art berichtet werden, um so weniger, als sie für den älteren Leser eher ärgerlich als unterhaltend sind. Nur so viel sei gesagt: Sie liebten sich so zärtlich, daß sie die zärtlichen Worte und Kosenamen unseres Sprachschatzes längst verbraucht hatten und, wenn sie ihre ganze Liebe in ein recht von Grund auf erschöpfendes Wort pressen wollten, zu Injurien greifen mußten. Wenn er sie zu hart angefaßt hatte, rief sie mit einem goldenen Lachen in den Augen: »Du Gassenjunge du, du Rowdy!« und er flüsterte mit überquellendem Jubel: »Du Hexe du, du Teufelsweib!« und meistens, wenn sie dergleichen gesagt hatten, kam gerade der Kellner. Asmus Semper war damals noch recht unbekannt, sonst würde gewiß eines Tages in den Zeitungen gestanden haben, daß er und seine Braut sich »Hexe« und »Gassenjunge« schimpften.

Wenn sie dann nach der hochnotpeinlichen Prüfung an die Elbe hinunterwanderten, sich in den Sand streckten und die Schiffe kommen und gehen sahen, wenn Hilde heimlich herbeischlich, ihr Gesicht leise über das seine neigte und ihn küßte, wenn dann alles Glück der Kindheitserinnerung mit dem Glück der Gegenwart in Asmussens Herzen zusammenschmolz, dann mußte er laut oder schweigend ein Dankgebet sprechen. Er, dem in trüben und schweren Tagen nie der Gedanke an einen persönlichen, väterlich waltenden Gott kam, in Augenblicken überwältigenden Glückes hatte er das Bedürfnis nach irgendeinem Wesen, dem er danken könne, und unter Lachen und Tränen rief er stumm oder mit lautem Jubel in den Himmel hinaus: »Herrgott, du verwöhnst mich, du verwöhnst mich entschieden! Lieber Gott, laß mich nicht ersticken in meinem Glück!«

 << Kapitel 54  Kapitel 56 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.