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Seine Exzellenz Eugène Rougon

Emile Zola: Seine Exzellenz Eugène Rougon - Kapitel 7
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typefiction
authorEmile Zola
titleSeine Exzellenz Eugène Rougon
publisherBenjamin Harz Verlag
seriesDie Rougon-Macquart
volumeBand VI
year1923
translatorArmin Schwarz
correctorreuters@abc.de
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Sechstes Kapitel

Der Sommer kam, Rougon lebte in völliger Ruhe. Frau Rougon hatte in einem Vierteljahre dem Hause, in dem früher ein gewisser Abenteurerduft herrschte, ein ernstes, solides Gepräge verliehen. Jetzt sahen die Zimmer etwas kühl, sehr sauber und ehrbar aus; die Möbel waren ordnungsgemäß aufgestellt, die Fenstervorhänge ließen nur einen schmalen Lichtstreifen herein, Teppiche dämpften jedes Geräusch und verliehen den Räumen eine fast klösterliche Stille und Strenge; selbst das Hausgerät schien alt, und man glaubte in eine altererbte, von einem patriarchalischen Duft erfüllte Behausung zu treten. Diese große, häßliche Frau, die beständig alles beaufsichtigte, steigerte noch die Stille durch ihren unhörbaren Gang und führte den Haushalt mit so leichter und doch fester Hand, als sei sie darin während einer zwanzigjährigen Ehe alt geworden.

Rougon lächelte, wenn man ihn beglückwünschte. Er blieb steif und fest dabei, daß er auf den Rat und nach der Wahl seiner Freunde geheiratet habe. Er war von seiner Frau entzückt; so lange hatte er sich nach einem gut bürgerlichen Heim gesehnt, das gleichsam einen handgreiflichen Beweis für seine Rechtlichkeit liefern sollte. Dies zog ihn vollends aus seiner zweifelhaften Vergangenheit zu den anständigen Leuten empor. Seine Neigungen schmeckten noch sehr nach der Provinz; ihm schwebten noch immer als Ideal gewisse spießbürgerlich behagliche Salons von Plassans vor Augen, wo die Sessel das ganze Jahr lang mit weißen leinenen Überzügen bedeckt waren. Wenn er Delestang besuchte, wo Clorinde ihrer Verschwendungssucht freien Raum ließ, zuckte er geringschätzig die Achseln. Nichts schien ihm so lächerlich, als das Geld zum Fenster hinauszuwerfen; nicht als ob er geizig gewesen sei, aber er pflegte zu sagen, er kenne Freuden, die allen käuflichen Genüssen vorzuziehen seien. Auch hatte er seiner Frau die Sorge um ihr gemeinsames Vermögen überlassen. Bis dahin hatte er gelebt, ohne zu rechnen; seither verwaltete, sie das Geld mit derselben Sorgfalt und Genauigkeit, die sie in der Führung des Haushaltes bekundete.

Während der ersten Monate schloß Rougon sich ein, sammelte sich und bereitete sich auf die Kämpfe vor, von denen er träumte. Er liebte die Macht nur um der Macht willen, ohne eitle Gelüste nach Reichtum und Ehren zu hegen. Von der gröblichsten Unwissenheit, von der erstaunlichsten Mittelmäßigkeit in allem, was keinen Bezug auf die Behandlung der Menschen hatte, wurde er den anderen nur durch seine Herrschsucht überlegen. Hier liebte er, sich stark zu zeigen, hier trieb er mit seiner Klugheit Götzendienst. Über der Menge zu stehen, in der er nichts als Dummköpfe und Lumpen sah, die Welt mit Knütteln vom Fleck zu bringen, das entwickelte in seinem schwerfälligen Leibe eine große Geschicklichkeit, eine außergewöhnliche Tatkraft. Er glaubte nur an sich selbst, hatte Überzeugungen, wo andere Gründe haben, und ordnete alles dem steten Wachstum seiner Person unter. Keinem Laster unterworfen, gab er sich heimlich ausschweifenden Träumen von Allmacht hin. Hatte er von seinem Vater die gedrungene Gestalt, das schwammige Gesicht geerbt, so war ihm von seiner Mutter, der schrecklichen Felicité, die Plassans regierte, ein leidenschaftliches Machtverlangen überkommen, das kleine Mittel und kleine Freuden verachtete; so war er gewiß der größte aller Rougons.

Wenn er sich allein fand, unbeschäftigt nach jahrelanger angestrengter Tätigkeit, empfand er anfangs ein köstliches Schlummergefühl. Seit den heißen Tagen von 1851 glaubte er, gar nicht geschlafen zu haben. Er nahm die Ungnade, in die er gefallen war, als einen Abschied hin, auf den er durch lange Dienste ein Anrecht erworben. Er dachte ein halbes Jahr beiseite zu bleiben, einen günstigeren Boden für seine Tätigkeit zu wählen und dann nach Gefallen wieder in den großen Kampf einzutreten. Aber schon nach einigen Wochen war er der Ruhe müde. Nie hatte er ein so klares Bewußtsein seiner Kraft gehabt; jetzt, da er seinen Kopf und seine Glieder nicht gebrauchte, standen sie ihm geradezu im Wege, und er verbrachte die Zeit mit Lustwandeln in seinem Gärtchen, mit dem schrecklichen Gähnen eines Löwen, der im Zwinger seine steifgewordenen Glieder reckt. Dann begann für ihn ein verhaßtes Leben, dessen niederdrückende Langeweile er sorgfältig verbarg; er gab sich gemütlich, erklärte sich völlig zufrieden, aus dem »Quark« heraus zu sein; nur seine schweren Lider hoben sich manchmal, die Ereignisse scharf verfolgend, aber sie sanken sofort wieder über seine flammenden Augen herab, wenn man ihn beobachtete. Was ihn aufrecht erhielt, war gerade die Unbeliebtheit, von der er sich umgeben wußte. Sein Sturz hatte sehr viele mit Freude erfüllt; kein Tag verging, ohne daß irgendein Blatt ihn angriff; ihn sah man als die Verkörperung des Staatsstreiches an, der Ächtungen und all der Gewalttätigkeiten, von denen man in verhüllten Worten redete; ja, man beglückwünschte sogar den Kaiser, daß er sich von einem Diener losgesagt habe, der ihn bloßstellte. In den Tuilerien war der Haß gegen ihn noch größer, Marsy hechelte ihn mit allerlei Witzen durch, die von seinen Zuhörerinnen in Umlauf gesetzt wurden. Der Haß aber gereichte ihm nur zur Befriedigung und bestärkte ihn in seiner Verachtung der menschlichen Herde. Man vergaß ihn nicht, man verabscheute ihn, und das gefiel ihm. Er allein gegen alle, das war ein Gedanke, der ihm schmeichelte; er allein mit einer Peitsche die nach ihm schnappenden Gebisse abwehrend. Er berauschte sich in den Beleidigungen, und in dem Stolze seiner Einsamkeit ward er nur größer.

Inzwischen lastete der Müßiggang schrecklich auf seinen Ringkämpfermuskeln. Hätte er es gewagt, er hätte einen Spaten genommen und damit einen Winkel seines Gartens umgegraben. Er unternahm eine große Arbeit: eine vergleichende Darstellung der englischen Verfassung und der kaiserlichen vom Jahre 1852, wobei er auf die Geschichte und die politischen Sitten beider Völker Rücksicht nahm,, um zu beweisen, daß die Freiheit in Frankreich ebenso groß sei wie in England. Als er die Urkunden vollständig beisammen hatte, mußte er sich überwinden, zur Feder zu greifen; gern hätte er die Sache vor der Kammer entwickelt, aber sie ausarbeiten, ein Werk schreiben, dabei Worte wägen, Sätze drechseln, das schien ihm nicht nur sehr schwierig, sondern auch ohne unmittelbaren Nutzen. Der Stil hatte ihn immer in Verlegenheit gebracht, deshalb schätzte er ihn sehr gering. Er kam nicht über die zehnte Seite hinaus; doch ließ er die begonnene Arbeit auf seinem Schreibtische liegen, obgleich er wöchentlich keine zwanzig Zeilen hinzufügte. Sooft man ihn fragte, was er treibe, setzte er seinen Plan weitläufig auseinander und erklärte, das Werk werde sehr umfangreich. Das war die Schutzwand, hinter der er die schreckliche Leere seiner Tage verbarg.

Monate verflossen, er lächelte mit heiterer Gutmütigkeit. Keiner der Verzweiflungsanfälle, mit denen er zu kämpfen hatte, wurde in seinem Antlitze sichtbar. Wenn seine Freunde sich ihm gegenüber beklagten, so bewies er, daß seinem Glück nichts fehle. War er nicht völlig befriedigt? Er liebte die Studien, arbeitete nach seinem Belieben – war das nicht der fieberhaften Erregung der öffentlichen Angelegenheiten vorzuziehen? Wenn der Kaiser ihn nicht brauchte, tat er wohl daran, ihn ruhig in seinem Winkel zu lassen; doch redete er auch jetzt vom Kaiser nur in Ausdrücken der tiefsten Ergebenheit. Oft jedoch erklärte er, daß er bereit sei und nur auf einen Wink seines Herrn warte, »die Last der Herrschaft« wieder auf sich zu nehmen. Doch fügte er stets hinzu, er werde durchaus nichts tun, um diesen Wink herbeizuführen. Wirklich schien es seine angelegentlichste Sorge, abseits zu bleiben. In der Stille der ersten Jahre des Kaiserreiches, inmitten dieses seltsamen, aus Furcht und Müdigkeit sich zusammensetzenden Schlummers vernahm er ein dumpfes Brausen, das allmählich anwuchs; seine letzte Hoffnung war eine Katastrophe, die ihn plötzlich nötig machen werde. Er war der Mann der schwierigen Lagen, »der Mann mit den schweren Tatzen«, nach dem Ausdrucke des Herrn de Marsy.

Jeden Sonntag und Donnerstag empfing er seine Getreuen bei sich. In dem großen roten Salon schwatzte man bis halb elf, dann setzte er seine Freunde unbarmherzig vor die Tür mit der Begründung, das lange Wachen verwirre das Gehirn. Um zehn Uhr reichte Frau Rougon eigenhändig den Tee herum, wobei sie als gute Hausfrau auf die kleinsten Einzelheiten achtete. Es gab nur zwei Schüsseln mit Backwerk, die niemand anrührte.

An dem ersten Donnerstage im Juli nach den allgemeinen Wahlen war die ganze Schar seit acht Uhr im roten Zimmer versammelt. Die Damen Bouchard, Charbonnel und Correur saßen am offenen Fenster und genossen den schwachen Luftzug, der hin und wieder aus dem engen Garten hereindrang. In ihrer Mitte stand Herr d'Escorailles, der seine Erlebnisse in Plassans vortrug, wie er zwölf Stunden in Monaco zugebracht habe unter dem Vorwande, bei einem Freunde zu jagen. Frau Rougon saß ganz in Schwarz hinter einem Vorhang halb verborgen; sie achtete nicht auf das Gespräch und verschwand, sich still erhebend, auf ganze Viertelstunden. Neben den Frauen saß noch Herr Charbonnel am Rande eines Sessels, erstaunt, einen wohlerzogenen jungen Mann solche Abenteuer vortragen zu hören. Im Hintergrunde des Zimmers stand Clorinde und hörte zerstreut zu, wie ihr Gatte und Herr Bejuin sich über die Ernte unterhielten. In rohseidenem Kleide, das reich mit strohfarbenen Bändern besetzt war, klopfte sie mit ihrem Fächer auf den linken Handteller und starrte auf den Lichtkreis der einzigen Lampe, die das Gemach erleuchtete. In ihrem gelben Lichte saßen an einem Spieltische der Oberst und Herr Bouchard beim Piket, während Rougon an einer Ecke des grünen Tisches mit großem Eifer und Ernst unermüdlich Karten legte. Das war an diesen Abenden seine Lieblingsbeschäftigung, womit er seine Gedanken und seine Finger unterhielt.

»Wird es gelingen?« fragte Clorinde, indem sie lächelnd herzutrat.

»Es gelingt immer!« versetzte er mit größter Seelenruhe.

Sie stand ihm gegenüber an der andern Seite des Tisches, während er das Spiel in acht Häufchen zerlegte.

Als er alle Karten je zwei und zwei gezogen hatte, bemerkte sie:

»Sie haben recht, es gelingt immer ... Woran hatten Sie gedacht?«

Er blickte langsam zu ihr auf, wie erstaunt über die Frage und versetzte endlich:

»Was für Wetter morgen sein wird.«

Damit begann er die Karten wieder auszubreiten. Delestang und Herr Béjuin redeten nicht mehr; man hörte nur das perlende Lachen der hübschen Frau Bouchard. Clorinde trat an das Fenster, blickte in die sinkende Nacht hinaus und fragte, ohne sich umzuwenden:

»Weiß man etwas Neues über den armen Herrn Kahn?«

»Ich habe einen Brief von ihm bekommen und erwarte ihn heute abend«, erwiderte Rougon.

Dies brachte das Gespräch auf Herrn Kahns Unglück. Er hatte in der letzten Sitzungszeit die Unklugheit begangen, einen Gesetzentwurf der Regierung ziemlich scharf zu tadeln; dieser Gesetzentwurf schuf seinen Hochöfen zu Bressuire eine furchtbare Konkurrenz, die sie mit dem Untergange bedrohte. Er glaubte damit die Grenzen der erlaubten Selbstverteidigung nicht überschritten zu haben; als er jedoch nach Deux-Sèvres zurückkehrte, um seine Wiederwahl zu betreiben, erfuhr er aus dem Munde des Präfekten selbst, daß er nicht mehr der Kandidat der Regierung sei; er stehe nicht mehr in Gunst, und der Minister habe deshalb eine ihm ergebene Mittelmäßigkeit, einen Advokaten aus Niort, bestimmt. Das war ein Keulenschlag für den Armen.

Rougon berichtete eben das Nähere, als Herr Kahn in Begleitung Du Poizats eintrat. Beide waren mit dem Sieben-Uhr-Zuge gekommen und hatten sich nicht einmal Zeit gegönnt zu essen.

»Was sagen Sie?« fragte Herr Kahn mitten im Zimmer, von den andern umdrängt. »Ich bin jetzt ein Aufrührer!«

Du Poizat hatte sich in einen Sessel geworfen, er schien übermüdet. Jetzt rief er:

»Ein sauberer Wahlfeldzug, ein netter Quark! Das muß alle anständigen Leute abschrecken!«

Herr Kahn mußte die Geschichte ausführlich erzählen. Gleich nach seiner Ankunft habe er dort bei seinen besten Freunden eine gewisse Verlegenheit bemerkt. Der Präfekt, Herr de Langlade, sei ein Wüstling, der mit der Frau des neuen Kandidaten, des Advokaten aus Niort, intime Beziehungen unterhalte. Immerhin habe dieser Langlade ihm seine Verabschiedung in sehr liebenswürdiger Weise zur Kenntnis gebracht, nämlich bei einer Zigarre nach einem Frühstück, wozu er ihn auf die Präfektur geladen. Darauf berichtete er dies Gespräch von Anfang bis zu Ende. Das Schlimmste bei der Sache sei, daß seine Wahlaufrufe schon in Druck waren. Anfangs sei er so aufgebracht gewesen, daß er sich trotzdem um die Wahl bewerben wollte.

»Hätten Sie uns nicht geschrieben, wir würden es der Regierung eingetränkt haben!« sagte Du Poizat zu Rougon.

Dieser zuckte die Achseln und erwiderte nachlässig, seine Karten mischend:

»Sie wären durchgefallen und hätten sich für immer unmöglich gemacht. Ein schöner Vorteil!«

»Ich weiß nicht, was Sie sich dabei denken!« rief Du Poizat und erhob sich plötzlich mit wütenden Gebärden. »Ich gestehe, daß dieser Marsy mich nachgerade aus dem Häuschen bringt. Er wollte Sie treffen, indem er auf unsern Freund Kahn zielte! ... Haben Sie seine Aufrufe gelesen? Seine Wahlaufrufe sind sauber! Lauter Redensarten! Lächeln Sie also nicht! Wenn Sie an der Spitze des Ministeriums des Innern gewesen wären, hätten Sie die Sache anders durchgeführt!«

Als Rougon ihn noch immer lächelnd anblickte, fuhr er mit gesteigerter Heftigkeit fort:

»Wir sind da draußen gewesen, wir haben alles mit angesehen ... Ein Unglücksvogel, ein alter Freund von mir, hat es gewagt, als republikanischer Kandidat aufzutreten. Sie können sich nicht vorstellen, wie man mit ihm umgesprungen ist. Der Präfekt, der Bürgermeister, die Polizei, die ganze Bande ist über ihn hergefallen; man hat seine Aufrufe von den Wänden gerissen, seine Rundschreiben in die Gosse geworfen, ja, man hat die paar armen Teufel verhaftet, die sie austrugen; selbst seine Tante, eine würdige Frau, hat ihn gebeten, sie nicht mehr zu besuchen, weil er sie bloßstelle. Und erst die Blätter! Sie haben ihn als Räuber behandelt. Die Weiber bekreuzen sich, wenn er jetzt durch ein Dorf kommt.«

Er atmete tief auf, warf sich wieder in den Sessel und fuhr fort:

»Tut nichts. Mag Marsy auch in allen Kreisen die Mehrheit haben, Paris hat trotzdem fünf gegnerische Abgeordnete gewählt ... Das ist das Erwachen. Möge der Kaiser die Macht in den Händen dieses Stutzers von einem Minister und seiner Schlafzimmerpräfekten lassen, welche die Männer in die Kammer schicken, um ungestört bei den Frauen schlafen zu können; nach fünf Jahren wird das Kaiserreich dermaßen erschüttert sein, daß es mit dem Einsturz droht ... Ich für mein Teil bin von den Pariser Wahlen entzückt. Ich finde, sie werden uns rächen.«

»Und wenn Sie Präfekt gewesen wären?« fragte Rougon ruhig mit so feinem Spotte, daß er kaum die Winkel seiner dicken Lippen kräuselte.

Du Poizat wies seine weißen, schiefstehenden Zähne. Seine Fäuste, schwächlich wie die eines kranken Kindes, umklammerten die Sessellehne, als wollten sie sie zerbrechen, und er murmelte:

»Wenn ich Präfekt gewesen wäre!« ...

Er lehnte sich in den Sessel zurück und schloß:

»Das ist doch zu stark! ... Übrigens, ich bin immer Republikaner gewesen.«

Die Frauen am Fenster schwiegen und wandten das Gesicht nach dem Innern des Salons, um zu horchen; Herr d'Escorailles fächelte ebenfalls stumm und fächerte die hübsche Frau Bouchard, deren Schläfen die aus dem Garten hereindringende Wärme mit Schweiß bedeckt hatte, und die schmachtend dasaß. Ihr Mann und der Oberst, die eben eine neue Partie begonnen hatten, unterbrachen ihr Spiel zuweilen auf Augenblicke, um über das, was gesprochen ward, durch Nicken ihren Beifall oder ihre Mißbilligung auszudrücken. Ein weiter Ring von Sesseln umgab Rougon: Clorinde saß aufmerksam und regungslos da, das Kinn in die Hand gestützt, Delestang lächelte ihr zu, mit irgendeiner zarten Erinnerung beschäftigt; Herr Béjuin hielt die Hände über den Knien gefaltet und blickte die übrigen nacheinander mit bestürzter Miene an. Der plötzliche Eintritt Du Poizats und Kahns hatte in der Stille des Gemaches einen wahren Sturm erregt, sie schienen in ihren Rockfalten einen Geruch der Opposition mitgebracht zu haben.

»Schließlich bin ich Ihrem Rate gemäß doch zurückgetreten«, nahm Herr Kahn wieder das Wort. »Man hatte mir mitgeteilt, daß man mich noch übler behandeln werde als den Republikaner. Mich, der ich dem Kaiserreiche mit solcher Ergebenheit gedient habe! Sie müssen zugeben, daß ein solcher Undank die stärksten Seelen entmutigen kann!«

Bitter beklagte er sich über eine Menge Quälereien. Er hatte ein Blatt gründen wollen, um darin seinen Plan einer Eisenbahn von Niort nach Angers zu verfechten; mit der Zeit sollte dieses Blatt eine mächtige finanzielle Waffe in seinen Händen werden; aber man hatte ihm die Erlaubnis verweigert, da Herr de Marsy sich einbildete, Rougon stecke dahinter, und es handle sich um ein Parteiblatt, das 'ihn stürzen sollte.

»Donnerwetter!« sagte Du Poizat, »sie haben wahrhaftig Angst, man möge die Wahrheit schreiben! Ah, ich hätte Ihnen niedliche Artikel geliefert! ... Es ist eine Schande mit unserer Presse, die geknebelt und beim ersten Schrei mit dem Erwürgtwerden bedroht ist. Einer meiner Freunde, der einen Roman veröffentlicht, ist ins Ministerium gerufen worden, wo ein Bureauvorsteher ihn gebeten hat, seinem Helden eine andere Weste zu geben, weil die Farbe der bisherigen dem Minister mißfalle. Ich erfinde nichts!«

Er führte noch andere Tatsachen an, er sprach von schrecklichen Gerüchten, die im Volke umliefen, vom Selbstmord einer jungen Schauspielerin und eines Verwandten des Kaisers, von dem angeblichen Duell zweier Generäle wegen einer Diebstahlsgeschichte; der eine solle den andern in einem Gange der Tuilerien getötet haben. Wie hätten solche Märchen Glauben finden können, wenn die Presse frei reden könnte! Er zog daraus abermals den Schluß:

»Ich bin entschieden Republikaner.«

»Sie sind sehr glücklich!« murmelte Herr Kahn. »Ich weiß selbst nicht, was ich bin.«

Rougon, über seine Karten gebeugt, hatte ein sehr verwickeltes Spiel begonnen. Es handelte sich darum, nachdem er die Karten dreimal in Haufen von sieben, fünf und drei geteilt und alle Karten gefallen waren, die acht Eichel zusammenzufinden. Er schien dermaßen darin vertieft, daß er nichts hörte, doch zuckten seine Ohren bei gewissen Worten.

»Die parlamentarische Regierung bot sichere Bürgschaften«, sagte der Oberst. »Wenn die Prinzen zurückkämen!«

Oberst Jobelin war Orleanist, wenn er gerade seine oppositionellen Anwandlungen hatte. Er erzählte gern von dem Kampfe am Musaia-Paß, wo er neben dem Herzog von Aumale focht, der damals als Hauptmann im vierten Linienregiment gedient hatte.

Da niemand ihm etwas erwiderte, fuhr er fort:

»Man lebte unter Ludwig Philipp sehr glücklich. Glauben Sie nicht, wenn wir ein verantwortliches Ministerium hätten, daß unser Freund vor Ablauf eines halben Jahres an der Spitze des Staates stehen werde? Wir würden bald einen großen Redner mehr zählen.«

Da gab Herr Bouchard Zeichen von Ungeduld. Er nannte sich einen Legitimisten, sein Großvater hatte ernst dem Hofe nahegestanden. So kam es in jeder Gesellschaft zwischen ihm und seinem Vetter zu erbitterten politischen Wortgefechten.

»Laß gut sein!« sagte er, »Euer Julikönigtum hat immer nur von Aushilfsmittelchen gelebt. Es gibt nur ein Prinzip, das wißt Ihr wohl.«

Darauf ereiferten sie sich. Sie machten dem Kaiserreich einfach den Garaus, und jeder setzte die Regierung ein, die ihm gefiel. Hätten die Orleans jemals wegen einer Auszeichnung für einen alten Soldaten geschachert? Hätten die rechtmäßigen Könige je solche Gesetzesverletzungen begangen, wie man sie täglich bei den Behörden sah? Als sie schließlich so weit gekommen waren, daß sie sich gegenseitig Tölpel nannten, rief der Oberst, der wütend seine Karten aufnahm:

»Ruhe, verstehen Sie, Bouchard? ... Ich habe die Bella und eine Quart zum Buben.«

Delestang, durch den Streit aus seiner Träumerei geweckt, glaubte das Kaiserreich verteidigen zu sollen. Mein Gott! Völlig befriedige es auch ihn nicht; er wünsche eine humanere, mildere Regierung. Dann suchte er seine Bestrebungen darzulegen, eine Art sehr verwickelten Sozialismus, Kampf gegen die Verarmung, Vereinigung aller Arbeiter, etwas wie seine Musterwirtschaft La Chamade im großen. Du Poizat sagte dann gewöhnlich, daß er zuviel Umgang mit dem Vieh gehabt habe. Während ihr Gatte redete, stolz sein Beamtenhaupt wiegend, blickte Clorinde ihn mit leicht verzogenem Munde an.

»Ja, ich bin Bonapartist,« sagte er wiederholt, »liberaler Bonapartist, wenn Sie wollen.«

»Und Sie, Béjuin?« fragte Herr Kahn plötzlich.

»Ich ebenfalls«, antwortete dieser, dem der Mund während seines langen Schweigens zugewachsen schien; »das heißt, es gibt natürlich Schattierungen ... aber schließlich bin ich doch Bonapartist.«

Du Poizat lachte bitter und rief:

»Ja, freilich!«

Als man ihn drängte, sich näher zu erklären, fuhr er unbarmherzig fort:

»Ich finde die Herren sehr komisch! Sie hat man nicht fortgeschickt. Delestang ist immer noch im Staatsrate. Béjuin ist eben wiedergewählt.«

»Das ist ganz natürlich zugegangen«, unterbrach ihn dieser. »Der Präfekt von Cher ...«

»An Ihnen liegt es nicht, Sie klage ich auch nicht an. »Wir wissen, wie es gemacht wird ... Combelot ist auch wiedergewählt, La Bouquette ebenfalls ... Das Kaiserreich ist unübertrefflich!«

Herr d'Escorailles, der noch immer die hübsche Frau Bouchard fächelte, wollte Einwendungen erheben. Er verteidigte das Kaiserreich unter einem anderen Gesichtspunkte; er hatte sich ihm angeschlossen, weil er glaubte, daß der Kaiser eine Sendung zu erfüllen habe! Frankreichs Wohl über alles!

»Sie haben Ihre Beisitzerstelle behalten, nicht wahr?« nahm Du Poizat mit erhobener Stimme wieder das Wort; Ihre Ansichten sind bekannt ... Zum Teufel, meine Worte scheinen euch alle zu ärgern. Die Sache ist doch sehr einfach... Kahn und ich, wir werden nicht mehr bezahlt, um blind zu sein!«

Das nahm man ihnen krumm. Es sei eine abscheuliche Art, die Politik aufzufassen. Handele es sich doch in der Politik noch um andere Dinge als um persönliche Interessen. Selbst der Oberst und Herr Bouchard, obgleich keine Bonapartisten, gestanden zu, daß es solche aus Überzeugung geben könne, und redeten mit verdoppeltem Eifer von ihren Überzeugungen, als habe man sie ihnen entreißen wollen. Delestang fühlte sich sehr verletzt, er wiederholte, daß man ihn nicht recht verstanden habe, er zeigte, in wie wesentlichen Punkten er sich von den blinden Anhängern des Kaiserreiches unterscheide. Das führte ihn zu neuen Erörterungen über die demokratischen Fortschritte, für welche die kaiserliche Regierung ihm empfänglich schien. Die Herren Béjuin und d'Escorailles wollten ebensowenig unbedingte Anhänger des Kaiserreiches sein. Sie stellten eine Menge Unterschiede fest und verschanzten sich hinter ihren eigenen schwer zu bestimmenden Ansichten, so daß nach zehn Minuten die ganze Gesellschaft zur Opposition übergegangen war. Die Stimmen wurden lauter, Einzelgespräche wurden angeknüpft, die Worte: Legitimisten, Orleanisten, Republikaner schwirrten durch die Luft, inmitten zwanzigmal wiederholter Glaubensbekenntnisse. Frau Rougon zeigte sich einen Augenblick mit ängstlicher Miene auf der Schwelle, doch verschwand sie sofort wieder unhörbar.

Rougon hatte inzwischen alle Eichelkarten zusammengebracht. Clorinde beugte sich zu ihm und fragte in dem herrschenden Lärm:

»Ist es gelungen?«

»Versteht sich«, antwortete er mit seinem ruhigen Lächeln.

Als habe er erst jetzt das Stimmengewirr vernommen, fuhr er fort, mit der Hand winkend:

»Ihr macht aber viel Lärm!«

Augenblicklich trat tiefe Stille ein; man glaubte, er wolle reden, und wartete, etwas abgespannt. Er breitete mit einem Wurf dreizehn Karten fächerförmig aus, zählte sie und sagte, das Schweigen brechend:

»Drei Damen, bedeutet Streit ... Eine Neuigkeit in der Nacht ... Eine braune Frau, der man nicht trauen darf.

Doch Du Poizat unterbrach ihn ungeduldig:

»Was ist Ihre Meinung, Rougon?«

Der große Mann wandte sich in seinem Sessel um, streckte sich und unterdrückte mit der Hand ein leichtes Gähnen. Dann erhob er das Kinn, als ob ihn der Hals schmerze, und murmelte, die Augen zur Decke emporgerichtet:

»Ich halte es mit der herrschenden Macht, wissen Sie wohl. Das bringt man bei der Geburt mit, es ist keine Ansicht, sondern ein Bedürfnis ... Ihr seid närrisch, darüber zu streiten. Wenn in Frankreich fünf Herren in einem Zimmer beisammen sind, so sind fünf Regierungssysteme vertreten. Das hindert aber niemanden, der bestehenden Regierung zu dienen. Ist es etwa nicht so? Man plaudert eben.«

Er senkte das Kinn wieder und warf einen langsamen Blick in die Runde.

»Marsy hat die Wahlen sehr gut geleitet. Sie tun sehr unrecht, seine Aufrufe zu tadeln. Besonders der letzte war recht scharfsinnig ... Die Presse ist noch zu frei. Wohin würden wir kommen, wenn der erste beste schreiben dürfte, was ihm gut dünkt? Ich hätte übrigens an Marsys Stelle Kahn ebenfalls nicht gestattet, ein Blatt zu gründen. Es ist immer unnütz, seinen Gegnern eine Waffe in die Hand zu geben ... Sehen Sie, die Regierungen, die weichherzig werden, sind verloren. Frankreich erfordert eine eiserne Faust. Wenn man es ein wenig würgt, gehen die Dinge nur um so besser.

Delestang wollte widersprechen und begann:

»Indessen gibt es doch ein gewisses Maß notwendiger Freiheiten ...«

Aber Clorinde hieß ihn schweigen. Sie billigte durchaus Rougons Ansichten und bezeugte es mit einem eifrigen Kopfnicken. Sie beugte sich vor, damit er sie unterwürfig, überzeugt sehe. Deshalb warf er ihr einen Blick zu und rief:

»Ah ja, die notwendigen Freiheiten! Ich wußte, daß man mir damit kommen werde! ... Wissen Sie, wenn der Kaiser mich um Rat fragte, ich würde nie eine Freiheit bewilligen!«

Da Delestang sich von neuem regte, brachte ihn seine Frau mit einem bösen Runzeln ihrer schönen Augenbrauen wieder zum Schweigen.

»Niemals!« wiederholte Rougon entschieden. Er hatte sich erhoben und sah so furchtbar aus, daß niemand ein Wörtchen zu äußern wagte. Gleich darauf aber ließ er sich wie abgespannt in den Sessel zurücksinken und flüsterte:

»Seht, da bringt ihr auch mich zum Schreien. Ich bin jetzt ein friedlicher Bürger und habe mit all diesen Geschichten nichts zu tun, was mich sehr freut. Wollte Gott, der Kaiser brauchte mich gar nicht mehr!«

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür. Er legte den Finger auf den Mund und hauchte:

»Pst!«

Der Ankömmling war Herr La Rouquette. Rougon hatte ihn im Verdacht, daß seine Schwester, Frau von Llorentz, ihn gesandt habe, um auszukundschaften, was man bei ihm spreche. Herr von Marsy, obgleich seit kaum einem halben Jahre verheiratet, hatte mit dieser Dame sein früheres Liebesverhältnis wieder angeknüpft, das zwei Jahre gedauert hatte. Man sprach also seit dem Eintritte des jungen Abgeordneten nicht mehr über Politik, und der Salon nahm seine vornehme Ruhe wieder an. Rougon selbst holte einen großen Lichtschirm und setzte ihn auf die Lampe, so daß man in dem engen Lichtkreise nichts mehr sah als die dürren Hände des Obersten und des Herrn Bouchard, die abwechselnd die Karten hinwarfen. Am Fenster erzählte Frau Charbonnel leise der Frau Correur von ihren Sorgen, wobei Herr Charbonnel jede Einzelheit mit einem tiefen Seufzer begleitete: sie waren jetzt fast zwei Jahre in Paris, und ihr verdammter Prozeß nahm kein Ende; noch Tags zuvor hatten sie sich entschließen müssen, je sechs neue Hemden zu kaufen, weil die Entscheidung abermals hinausgeschoben worden. Hinter ihnen neben einem Vorhange schien Frau Bouchard, von der Hitze ermattet, eingeschlafen zu sein. Herr d'Escorailles hatte sich wieder zu ihr gesellt; und da niemand sie beobachtete, besaß er die Kühnheit, einen langen Kuß auf ihre halbgeöffneten Lippen zu drücken. Sie öffnete die Augen weit und sah ihn sehr ernst an, ohne sich zu rühren.

»Mein Gott, nein!« sagte Herr La Rouquette eben; »ich bin nicht in das Varietétheater gegangen. Ich habe die Generalprobe des Stückes gesehen. Ein rasender Erfolg, eine lustige Musik! Das wird ganz Paris auf die Beine bringen ... Ich habe eine Arbeit vor, die ich beenden muß.«

Inzwischen hatte er den Herren die Hand gedrückt und artig Clorindens Handknöchel über dem Handschuh geküßt. Er stand jetzt da, an einen Sessel gelehnt, lächelnd, in tadelloser Haltung. Die Art und Weise, wie er seinen Überrock zugeknöpft hatte, verriet eine gewisse Wichtigtuerei.

»Übrigens«, wandte er sich an den Hausherrn, »kann ich Ihnen für Ihr großes Werk eine Quelle nennen, eine sehr interessante Studie über die englische Verfassung; sie ist in einer Wiener Zeitschrift erschienen ... Machen Sie Fortschritte?«

»Langsam«, versetzte Rougon. »Ich bin bei einem Kapitel, das mir viel Kopfzerbrechen verursacht.«

Gewöhnlich machte es ihm Vergnügen, den jungen Abgeordneten reden zu lassen, denn er erfuhr durch ihn alles, was sich in den Tuilerien zutrug. Überzeugt, daß er diesmal gesandt sei, um seine Ansicht über den Sieg der Regierungskandidaten zu erforschen, wußte er, ohne ein einziges mitteilenswertes Wort fallen zu lassen, ihm eine Menge Neuigkeiten zu entlocken. Zunächst beglückwünschte er ihn zu seiner Wiederwahl und begnügte sich dann seinerseits, die Unterhaltung nur durch Gebärden zu führen. Der andere, entzückt, daß er allein das Wort hatte, redete ununterbrochen weiter. Der Hof schwamm in Wonne, der Kaiser hatte das Ergebnis der Wahlen zu Plombières erfahren und sollte beim Empfang der Nachricht auf einen Stuhl gesunken sein, da in seiner freudigen Aufregung die Beine ihm den Dienst versagten. Indessen mischte sich eine gewisse Unruhe in den Siegesjubel: Paris hatte bei den Wahlen eine schnöde Undankbarkeit gezeigt.

»Man wird Paris einen Maulkorb anlegen 1« versetzte Rougon, ein neues Gähnen unterdrückend, als langweile ihn der Wortschwall des Herrn La Rouquette.

Es schlug zehn Uhr. Frau Rougon schob einen kleinen Tisch in die Mitte des Zimmers und trug den Tee auf. Um diese Zeit pflegten sich kleine Gruppen in den Ecken zu bilden. Herr Kahn stand mit der Tasse in der Hand vor Delestang, – der nie Tee trank, weil er ihn aufregte – und berichtete neue Einzelheiten über seine Reise in die Vendee; sein Hauptunternehmen, die Konzession zum Bau einer Bahn von Niort nach Angers, stand immer noch auf demselben Fleck; der Lump von Langlade, der Präfekt von Deux-Sèvres, hatte sich erdreistet, diesen seinen Plan als Wahlmanöver zugunsten des neuen Regierungskandidaten zu benutzen. Herr La Rouquette schlüpfte jetzt hinter die Sessel der Damen und flüsterte ihnen Worte ins Ohr, worüber sie lächelten. Hinter einem Walle von Sesseln redete Frau Gorreur lebhaft mit Du Poizat, sie fragte ihn über ihren Bruder Martineau, den Notar von Coulonges, aus, und erfuhr, daß Du Poizat ihn einen Augenblick vor der Kirche habe stehen sehen, kalt und ernst wie immer. Als sie dann ihre beliebten Beschuldigungen wieder vorbrachte, riet er ihr spöttisch, auf keinen Fall dorthin zu kommen, denn Frau Martineau. habe geschworen, sie zur Tür hinauszuwerfen. Frau Correur trank ihren Tee aus, obgleich sie fast erstickte.

»Kinder, es ist Zeit, zu Bett zu gehen!« bemerkte Rougon väterlich.

Es war zehn Uhr fünfundzwanzig Minuten; er gab also noch fünf Minuten zu. Einige Gäste verabschiedeten sich. Er begleitete Herrn Kahn und Herrn Béjuin, denen Frau Rougon stets Empfehlungen an ihre Frauen auftrug, obgleich sie diese höchstens zweimal jährlich sah. Die Charbonnels, die sich nur schwer zum Gehen entschlossen, drängte er sanft der Türe zu. Als die hübsche Frau Bouchard zwischen den Herren d'Escorailles und La Rouquette hinausging, rief er zum Spieltisch hinüber:

»He, Herr Bouchard, Ihre Frau wird Ihnen entführt!«

Doch der Bureauvorsteher achtete nicht darauf und kündigte sein Spiel an:

»Eine Quint in Eichel, die ist gut ... Drei Könige sind auch gut ...«

Da nahm Rougon mit seinen plumpen Händen ihnen ohne weiteres die Karten weg und sagte:

»Für heute ist's genug, jetzt geht! Schämt ihr euch nicht, ihr Spielratten! ... Hören Sie, Oberst, seien Sie vernünftig!«

So ging es jeden Donnerstag und Sonntag. Er mußte sie mitten im schönsten Spiele unterbrechen, zuweilen sogar die Lampe auslöschen, um sie zum Aufbruch zu bewegen, worauf sie verdrossen und zankend davongingen.

Delestang und Clorinde blieben bis zuletzt. Während er allenthalben ihren Fächer suchte, sagte sie leise zu Rougon:

»Sie tun unrecht, daß Sie sich nicht einige Bewegung machen. Sie werden krank werden!«

Er bewegte die Hand, gleichgültig und in sein Schicksal ergeben. Frau Rougon suchte schon die Tassen und die Teelöffel zusammen. Als die Delestangs ihm die Hand reichten, gähnte er ganz herzhaft, und um nicht den Glauben zu erwecken, als habe die Gesellschaft ihn gelangweilt, bemerkte er höflich:

»Heute nacht werde ich aber mal tüchtig schlafen!«

So verliefen alle Abendgesellschaften Rougons, bei denen es nach dem Ausdrucke Du Poizats Langeweile regnete. Er fand auch, es rieche dort zu stark nach Frömmigkeit. Clorinde benahm sich wie eine Tochter. Oft kam sie nachmittags allein mit irgendeinem Auftrage zu Rougon. Sie sagte lachend zu Frau Rougon, daß sie ihrem Manne den Hof mache, worauf diese, mit den bleichen Lippen lächelnd, sie stundenlang allein ließ. Sie schwatzten vertraulich miteinander, ohne sich, wie es schien, der Vergangenheit zu erinnern; sie reichten sich freundschaftlich die Hand in demselben Zimmer, wo er ein Jahr früher vor Verlangen nach ihr herumgetrippelt war. An alles nicht mehr denkend, überließen sich beide einer ruhigen Vertraulichkeit. Er strich ihr die ungebärdigen Löckchen an den Schläfen glatt oder half ihr die endlose Schleppe zwischen den Sesseln hindurchwinden. Als sie eines Tages durch den Garten gingen, war sie neugierig, die Stalltüre zu öffnen. Sie trat ein und sah ihn dabei lachend an. Er lächelte ebenfalls und begnügte sich, die Hände in den Taschen, zu brummen:

»Ach ja, man ist manchmal recht dumm!«

Bei jedem Besuche gab er ihr ausgezeichnete Ratschläge. Er nahm Delestang in Schutz, der im ganzen doch ein guter Ehemann war. Sie versetzte zurückhaltend, daß sie ihn achte, auch gab sie ihm nicht den geringsten Anlaß zur Klage. Aus ihren geringfügigsten Äußerungen sprach große Gleichgültigkeit, fast Verachtung gegen die Männer. Wenn von einer Frau mit unzähligen Liebhabern die Rede war, öffnete sie die Augen weit wie ein Kind und fragte erstaunt: Darin findet sie ein Vergnügen? Sie vergaß ihre Schönheit ganze Wochen hindurch und erinnerte sich ihrer nur, wenn sie ihrer bedurfte, aber dann bediente sie sich ihrer wie einer Waffe. Wenn Rougon mit seltsamer Hartnäckigkeit auf diesen Gegenstand zurückkam und ihr empfahl, Delestang treu zu bleiben, wurde sie schließlich verdrossen und rief:

»Lassen Sie mich in Frieden! Ich denke gar nicht an solche Dinge! ... Sie werden am Ende beleidigend!«

Eines Tages erwiderte sie ihm eigensinnig:

»Wenn es sich ereignete, was ginge es Sie an? Sie hätten doch nichts dabei zu verlieren!«

Er errötete und ließ sie einige Zeit mit seinen Vorlesungen über ihre Pflichten, über die Welt und Wohlanständigkeit in Ruhe. Diese beständigen Anwandlungen von Eifersucht waren alles, was von seiner ehemaligen Leidenschaft übrig geblieben war. Er trieb es so weit, daß er sie bei den Leuten, die sie besuchte, überwachen ließ. Hätte er die geringste Verirrung bemerkt, würde er sie wohl dem Gatten angezeigt haben. Wenn er diesen unter vier Augen sprach, mahnte er ihn zur Vorsicht und wies auf die außerordentliche Schönheit seiner Frau hin. Aber Delestang lachte nur mit geckenhafter Zuversichtlichkeit, so daß Rougon an seiner Statt alle Qualen des betrogenen Gatten erduldete. Seine übrigen, sehr praktischen Ratschläge zeigten seine große Freundschaft für Clorinde. Er bewog sie schließlich, ihre Mutter nach Italien heimzusenden. Die Gräfin Balbi, die nunmehr das Haus in den Elyseischen Feldern allein bewohnte, führte darin ein seltsam ungebundenes Leben, von dem man sprach. Er übernahm es, für sie die heikle Angelegenheit eines jährlichen Jahrgeldes zu regeln. Das Haus wurde verkauft, und damit war die Vergangenheit der jungen Frau wie ausgelöscht. Dann bemühte er sich, sie von ihren Absonderlichkeiten abzubringen, stieß dabei aber auf eine absolute Kindlichkeit, auf die Halsstarrigkeit eines beschränkten Frauenkopfes. Clorinde lebte als Frau eines reichen Mannes unglaublich verschwenderisch, dazwischen hatte sie Anfälle von schmutzigem Geiz. Sie hatte ihr kleines Hausmädchen, die schwarze Antonia, beibehalten, die den ganzen Tag Apfelsinen lutschte. Sie beide verunreinigten die Gemächer der Hausfrau, einen großen Teil des geräumigen Hauses in der Kolosseumstraße, ganz schrecklich. Wenn Rougon sie besuchte, fand er schmutzige Teller auf den Sesseln und Gefäße voll Fruchtsaft an den Wänden. Unter den Möbeln ahnte er einen Wust unsauberer Sachen, die bei der Ankündigung seines Besuches dorthin gesteckt wurden. Inmitten ihrer fettfleckigen Tapeten und des fingerdick bestaubten Getäfels hatte sie nach wie vor die unglaublichsten Einfälle. Oft empfing sie ihn halbnackt, in ein Laken gehüllt und so auf ein Sofa hingestreckt, sich über unmögliche Krankheiten beklagend; ein Hund fresse ihr die Füße weg; oder sie habe aus Versehen eine Nadel verschluckt, die ihr zum linken Schenkel wieder herauskommen wolle. Ein andermal schloß sie die Vorhänge um drei Uhr, zündete alle Lichter an und tanzte mit Antonia, wobei sie so ausgelassen lachten, daß sie, wenn er eintrat, ganze fünf Minuten an der Tür lehnen mußte, um Atem zu schöpfen, ehe sie hinausgehen konnte. Eines Tages wollte sie sich nicht sehen lassen, sie hatte die Vorhänge ihres Bettes von oben bis unten zugenäht und schwatzte aus diesem Käfig heraus über eine Stunde so ruhig mit ihm, als ob sie am Kamin einander gegenüber säßen. Ihr schien dergleichen ganz naturgemäß, und wenn er sie deswegen ausschalt, entgegnete sie erstaunt, sie begehe durchaus kein Unrecht. Er hatte gut Anstand predigen, ihr versprechen, sie binnen vier Wochen zur verführerischesten Frau von ganz Paris zu machen: sie wurde unwillig und wiederholte:

»Ich bin einmal so und lebe so ... Was geht das andere an?«

Zuweilen lächelte sie und flüsterte:

»Lassen Sie, man liebt mich doch!«

Und wirklich, Delestang vergötterte sie. Sie war seine Geliebte geblieben, hatte aber um so mehr Macht über ihn, je weniger sie seine Frau schien. Bei ihren Launen drückte er die Augen zu, von der schrecklichen Besorgnis erfaßt, sie möge ihn eines Tages sitzen lassen, wie sie gedroht. In seiner Unterwürfigkeit ahnte er vielleicht, daß sie ihm überlegen und wohl imstande sei, aus ihm zu machen, was ihr beliebe. Vor der Welt behandelte er sie als Kind und redete von ihr mit der überlegenen Zärtlichkeit eines ernsten Mannes. Zu Hause aber weinte dieser große schöne Mann mit dem stolzen Kopfe die ganze Nacht, wenn sie ihm ihre Kammer nicht öffnen wollte. Nur die Schlüssel der Zimmer des ersten Stockes behielt er für sich, um den großen Salon vor Fettflecken zu schützen.

Rougon setzte bei Clorinde wenigstens das eine durch, daß sie sich kleidete wie alle Welt. Sie war übrigens sehr scharfsinnig, vom Scharfsinne der Narren, die in Gegenwart von Fremden lichte Stunden haben. In manchen Häusern begegnete er ihr, wie sie mit großer Zurückhaltung ihren Mann in den Vordergrund treten ließ und sich durchaus geziemend betrug inmitten der allgemeinen Bewunderung, die ihre große Schönheit erregte. Bei ihr traf er oft Herrn von Plouguern, und sie scherzte unter den Moralpredigten, womit beide sie überschwemmten, wobei der alte Senator ihr vertraulich die Wangen tätschelte; so sehr dies Rougon mißfiel, wagte er doch nicht, sich darüber zu äußern. Kühner war er in betreff Luigi Pozzos, des italienischen Gesandtschaftssekretärs, den er wiederholt zu auffälliger Zeit aus ihrer Wohnung hatte kommen sehen. Als er der jungen Frau zu verstehen gab, wie sehr dies ihrem Rufe schaden könne, schlug sie mit ihrem bezaubernd erstaunten Ausdruck die Augen zu ihm auf, um dann in ein tolles Gelächter auszubrechen. Sie mache sich viel aus der öffentlichen Meinung! In Italien nehmen die Frauen den Besuch der Männer an, die ihnen gefallen, und niemand denke etwas Arges dabei. Übrigens zähle Luigi nicht, er sei ihr Vetter und bringe ihr kleine Mailänder Kuchen aus der Passage Colbert.

Doch die Politik blieb Clorindens Hauptsorge. Seit ihrer Verheiratung wandte sie ihren ganzen Scharfsinn auf fragwürdige und verwickelte Geschichten, deren Belang niemand recht erkannte. Sie befriedigte hier ihr Bedürfnis, Ränke zu spinnen, für das sie solange in ihren Verführungskünsten gegenüber den Männern mit einer großen Zukunft Befriedigung gesucht; und sie schien sich so zu größeren Unternehmungen vorbereitet zu haben, indem sie bis zum zweiundzwanzigsten Jahre den Männern nachgestellt hatte. Jetzt unterhielt sie einen sehr lebhaften Briefwechsel mit ihrer Mutter, die sich in Turin niedergelassen hatte. Fast täglich ging sie zur italienischen Gesandtschaft, wo der Ritter Rusconi sie beiseitenahm und leise, hastig mit ihr sprach. Dann unternahm sie unbegreifliche Gänge nach allen Ecken und Enden von Paris, stattete hohen Personen heimliche Besuche ab und hatte in abgelegenen Stadtvierteln Zusammenkünfte. Alle Flüchtlinge aus Venedig, die Brambilla, die Staderino, die Viscardi trafen sie heimlich und steckten ihr beschriebene Zettel zu. Sie hatte eine ungeheure Mappe aus rotem Saffian mit Stahlschloß, eines Ministers würdig, gekauft, worin sie eine Menge Schriftstücke barg. Im Wagen hielt sie die Mappe wie einen Muff auf dem Schoße; wohin sie ging, nahm sie sie unter dem Arme mit; ja schon in den Morgenstunden begegnete man ihr, wie sie die Mappe mit beiden Händen an die Brust drückte, daß ihr die Finger steif wurden. Es dauerte nicht lange, so platzten die Nähte, worauf sie ihr Kleinod mit Gurten zusammenschnallte. Stets mit diesem unförmlichen, von Papierbündeln strotzenden Ledersacke beladen, glich sie trotz ihrer hellen Kleider mit langer Schleppe einem verkommenen Advokaten, der bei allen Friedensgerichten umherläuft, um hundert Sous zu verdienen.

Wiederholt hatte Rougon versucht, diesen wichtigen Geschäften Clorindens auf den Grund zu kommen. Als er eines Tages mit der berühmten Mappe allein war, hatte er kein Bedenken getragen, die Briefe hervorzuziehen, deren Zipfel durch die Risse hervor lugten. Aber was er in dieser oder in ähnlicher Weise erfuhr, schien ihm so unzusammenhängend und lückenhaft, daß er über die politischen Bestrebungen der jungen Frau lächelte. Eines Nachmittags erklärte sie ihm in aller Ruhe ihren Riesenplan: sie arbeitete auf ein Bündnis zwischen Frankreich und Italien hin für den Fall eines bevorstehenden Krieges gegen Österreich. Einen Augenblick sehr überrascht, zuckte Rougon schließlich nur die Achseln angesichts der Tollheiten, die sie in ihren Plan mengte. Er sah in ihren Bemühungen lediglich ein Steckenpferd besonderer Art und änderte deshalb seine Ansicht über die Weiber nicht im mindesten. Clorinde fügte sich übrigens willig in die Rolle der Schülerin. Wenn sie ihn besuchte, trat sie sehr demütig, ja unterwürfig auf, fragte ihn und lauschte seinen Worten mit dem Eifer eines lernbegierigen Anfängers. Er vergaß dabei oft ganz, mit wem er redete, erläuterte ihr sein Regierungssystem und erging sich in sehr bestimmten Bekenntnissen. Allmählich wurden diese Unterhaltungen beiden zur Gewohnheit: er nahm sie zur Vertrauten, erleichterte sich von der Last des Schweigens, das er selbst seinen besten Freunden gegenüber beobachtete, und behandelte sie wie eine zuverlässige Schülerin, deren achtungsvolle Bewunderung ihn entzückte.

Während der Monate August und September wurden Clorindens Besuche immer häufiger; sie kam jetzt drei-, viermal wöchentlich. Nie hatte sie solche Schülerinzärtlichkeit bezeigt. Sie sagte Rougon allerlei Schmeicheleien, begeisterte sich für seine Begabung und sprach von den großen Taten, die er vollbracht haben würde, wenn er sich nicht zurückgezogen hätte. In einem Augenblick, da er sie zu durchschauen glaubte, fragte er sie einst lachend:

»Sie bedürfen meiner also?«

»Gewiß!« versetzte sie kühn.

Aber sie nahm sofort ihre Miene bewundernder Begeisterung wieder an. Die Politik unterhalte sie besser als ein Roman, sagte sie. Wenn er den Rücken wandte, öffnete sie die Augen weit, und es flammte darin auf wie alter, aber noch immer lebendiger Groll. Oft ließ sie ihre Hände in den seinigen, als ob sie sich noch zu schwach fühle, und mit zitternden Handknöcheln schien sie auf den Augenblick zu warten, wo sie ihm genug von seiner Kraft entlockt haben würde, um ihn zu erwürgen.

Was Clorinde besonders beunruhigte, war Rougons wachsende Trägheit. Sie sah, wie er in seiner Langeweile einschlief. Anfangs hatte sie genau unterschieden, was in seiner Haltung Gemachtes war; aber jetzt begann sie bei all ihrem Scharfsinn ihn wirklich für entmutigt zu halten. Seine Bewegungen wurden schwerfällig, seine Stimme matt, und zu Zeiten war er so gleichgültig, so gemütlich, daß die junge Frau sich erschreckt fragte, ob er sich nicht schließlich darein ergeben würde, als abgenützter Staatsmann in den Senat versetzt zu sein.

Gegen Ende September schien Rougon sehr nachdenklich zu werden. Endlich gestand er ihr während eines ihrer gewöhnlichen Zwiegespräche, daß er einen großen Plan hege: er langweile sich in Paris und brauche frische Luft. Er sprach in einem Zuge: Er wolle ein neues Leben beginnen, sich freiwillig in den Kreis Landes verbannen, dort mehrere Geviertmeilen Boden unter den Pflug nehmen und auf dem urbar gemachten Boden seine Stadt gründen. Clorinde hörte ihm, ganz bleich geworden, zu und rief:

»Aber Ihre Stellung hier, Ihre Hoffnungen!«

»Luftschlösser!« murmelte er mit einer Gebärde der Geringschätzung ... »Sie sehen, ich bin entschieden nicht für die Politik geschaffen.«

Er kam wieder auf seinen Lieblingsplan zurück, Großgrundbesitzer zu werden, große Herden zu halten und zu beherrschen. Aber einmal in den Landes, wuchs sein Ehrgeiz: er wollte ein neues Land erobern, bevölkern und darin König sein. Dabei führte er unendliche Einzelheiten an; seit vierzehn Tagen las er hierüber Fachwerke, ohne ein Wort davon zu erwähnen. Er trocknete Sümpfe aus, bekämpfte mit mächtigen Maschinen den steinigen Boden, bannte den Flugsand der Dünen durch Fichtenanpflanzungen fest und schenkte so Frankreich einen Landstrich von wunderbarer Fruchtbarkeit. Sein ganzer eingeschläferter Tätigkeitsdrang, die volle Kraft des unbeschäftigten Riesen erwachte angesichts dieses Unternehmens; seine geballten Fäuste schienen die widerspenstigen Kiesel zu zermalmen, seine Arme wandten den Boden mit einem Ruck um, mit einem Fußtritt riß er ein Flußbett auf und trug dann fertige Häuser auf den Schultern herbei, um sie am Ufer niederzusetzen. Nichts leichter als alles das. Dort werde er Arbeit finden, soviel er nur wolle. Der Kaiser war ihm ohne Zweifel noch genügend wohlgeneigt, um ihm die Einrichtung eines Kreises zu überlassen. Plötzlich brach er hoch aufgerichtet mit flammenden Wangen in ein stolzes Lachen aus und rief:

»Das ist ein Gedanke! Ich gebe der Stadt meinen Namen und gründe auch für mein Teil ein kleines Reich!«

Clorinde hielt dies anfangs für eine Laune, für eine Ausgeburt der Untätigkeit, zu der er verurteilt war. Aber die folgenden Tage sprach er von seinem Plane mit noch größerer Begeisterung. Sooft sie kam, fand sie ihn in Landkarten vergraben, die auf dem Schreibtische, den Stühlen, dem Teppiche ausgebreitet lagen. Eines Nachmittags konnte sie nicht mit ihm sprechen, weil er mit zwei Ingenieuren verhandelte. Da erfaßte sie eine wirkliche Furcht. Wollte er sie sitzen lassen, um in der Wüste seine Stadt zu bauen? Oder war es ein neuer Plan, den er ins Werk setzte? Sie verzichtete vorläufig darauf, die Wahrheit zu ergründen, und hielt es für das Klügste, bei den Freunden Lärm zu schlagen.

Groß war die Bestürzung! Du Poizat wurde wütend: seit länger als einem Jahre trat er das Pariser Pflaster; bei seiner letzten Reise in die Vendee hatte sein Vater eine Pistole aus dem Kasten gezogen, als er ihn um zehntausend Franken anging, um ein glänzendes Geschäft damit zu machen. Sollte er jetzt wieder anfangen, Hungerpfoten zu saugen wie im Jahre achtundvierzig. Herr Kahn war ebenfalls aufgebracht: seine Hochöfen in Bressuire konnte er nicht lange mehr halten; er war verloren, wenn er nicht in einem halben Jahre spätestens die Genehmigung zum Bau seiner Bahn erhielt. Die anderen: Herr Bejuin, der Oberst, die Bouchards, die Charbonnels ergingen sich gleicherweise in Wehklagen. So konnte die Geschichte nicht weitergehen. Rougon war wirklich nicht bei Sinnen; man mußte mit ihm sprechen. Darüber vergingen vierzehn Tage. Clorinde, die bei der ganzen Schar in hohem Ansehen stand, hatte entschieden, es sei nicht klug, den großen Mann direkt anzugehen; man wartete also auf eine Gelegenheit. Eines Sonntagabends, Mitte Oktober, als Rougons Freunde vollzählig um ihn versammelt waren, sagte er lächelnd: »Wissen Sie, was ich heute bekommen habe?« Eine rosafarbene Karte zeigend, die er hinter der Uhr hervornahm, fuhr er fort:

»Eine Einladung zu Hofe nach Compiegne.« In diesem Augenblick öffnete der Kammerdiener vorsichtig die Tür und meldete, der Mann, den der gnädige Herr erwarte, sei da. Rougon entschuldigte sich und ging hinaus. Clorinde erhob sich lauschend, dann sagte sie nachdrücklich:

»Er muß nach Compiegne gehen!«

Die Freunde blickten sich vorsichtig um, aber sie waren ganz allein; Frau Rougon hatte das Zimmer schon vorher verlassen. Nunmehr begannen sie sich freier zu äußern, doch schielten sie dabei beständig nach der Tür. Die Frauen bildeten vor dem flackernden Kaminfeuer einen Kreis; Herr Bouchard und der Oberst saßen bei ihrem ewigen Piket; die übrigen Herren hatten ihre Sessel in die entfernteste Ecke gerollt, um unter sich zu sein. Clorinde stand gesenkten Hauptes inmitten des Zimmers, in tiefes Nachdenken versunken.

»Er erwartet also jemanden? Wer mag das sein?« fragte Du Poizat.

Die anderen zuckten die Achseln, ohne eine Antwort zu geben, und jener fuhr fort:

»Vielleicht hängt es auch mit seinem großen dummen Plane zusammen. Ich bin mit meiner Geduld zu Ende. Nächstens, sollt ihr sehen, sage ich ihm alles ins Gesicht, was ich auf dem Herzen habe.«

»St!« mahnte Herr Kahn und legte den Finger auf die Lippen.

Der vormalige Unterpräfekt hatte beunruhigend laut gesprochen. Alle horchten einen Augenblick, dann fuhr Herr Kahn sehr leise fort:

»Er hat sich uns ohne Zweifel verpflichtet.«

»Sagen Sie lieber, er hat uns gegenüber eine Schuld übernommen«, bemerkte der Oberste seine Karten legend.

»Gewiß, das ist der richtige Ausdruck«, erklärte Herr Bouchard. »Wir haben es ihm am letzten Tage im Staatsrat nicht geschenkt.«

Die anderen nickten beistimmend, und alle brachen in Klagen aus. Rougon hatte sie alle zugrunde gerichtet. Herr Bouchard fügte hinzu, ohne seine Anhänglichkeit im Unglück würde er längst Abteilungsvorsteher sein. Wollte man dem Oberst glauben, so hätte der Graf de Marsy ihm das Kommandeurkreuz und eine Stelle für seinen August anbieten lassen, er aber habe aus Freundschaft für Rougon beides ausgeschlagen. Die Eltern des Herrn d'Escorailles seien sehr unzufrieden, daß ihr Sohn noch immer Beisitzer sei, äußerte die niedliche Frau Bouchard, sie hätten seit einem halben Jahre seine Ernennung zum Untersuchungsrichter erwartet. Und selbst die, welche schwiegen: Delestang, Frau Correur, die Charbonnels, kniffen die Lippen zusammen und hoben die Augen gen Himmel mit dem Ausdruck von Märtyrern, denen die Geduld auszugehen droht.

»Kurz und gut, wir sind die Geprellten«, nahm Du Poizat wieder das Wort. »Aber er wird nicht abreisen, dafür stehe ich! Hat es einen Sinn, sich in irgendeinem Loche mit Kieseln herumzuschlagen, wenn man in Paris so Wichtiges zu tun hat? ... Soll ich mit ihm sprechen?«

Clorinde erwachte aus ihrem Brüten und gebot ihm mit einer Handbewegung Schweigen. Nachdem sie zur Tür hinausgeblickt, um sich zu überzeugen, daß niemand nebenan sei, wiederholte sie: »St! Nicht hier!«

Doch fügte sie hinzu, sie sei mit ihrem Gatten ebenfalls nach Compiègne geladen, und ließ ferner die Namen des Herrn von Marsy und der Frau von Llorentz fallen, ohne jedoch Näheres mitzuteilen. Man werde den großen Mann selbst gegen seinen Willen wieder zur Macht drängen, ihn zu dem Zwecke nötigenfalls bloßstellen. Herr Beulin d'Orchère und alle Mitglieder des höheren Richterstandes wirkten im Geheimen für ihn. – Herr La Rouquette fügte hinzu, daß der Kaiser in seiner Rougon feindlich gesinnten Umgebung das tiefste Schweigen bewahre; sobald man ihn in seiner Gegenwart nenne, werde er ernst, sein Blick verschleiere sich, und seine Lippen verschwänden im Schatten des Schnurrbarts.

»Es handelt sich nicht um uns«, erklärte Herr Kahn endlich. »Wenn unser Vorhaben gelingt, wird das Land uns Dank schulden.«

Darauf erging man sich mit erhobener Stimme in Lobsprüchen auf den Hausherrn. Nebenan waren eben Stimmen vernehmbar geworden, und Du Poizat, von Neugier gepeinigt, stieß die Tür auf, als ob er hinausgehen wolle; dann schloß er sie langsam genug, um den Mann zu erkennen, mit dem Rougon sprach. Es war Gilquin in dickem Überrock, fast sauber, in der Hand ein starkes Rohr mit Kupferknopf. Er sagte eben mit übertriebener Vertraulichkeit, ohne die Stimme zu dämpfen:

»Also schicke jetzt nicht zu Grenelle in die Virginiastraße. Ich habe Scherereien gehabt; ich bleibe in Batignolles draußen, in der Passage Guttin ... Jedenfalls kannst du auf mich rechnen. Auf baldiges Wiedersehen!«

Damit reichte er Rougon die Hand. Als dieser in den Salon zurückkehrte, entschuldigte er sich und blickte dabei Du Poizat scharf an, worauf er sich mit den Worten an ihn wandte:

»Ein braver Kerl, Sie kennen ihn – nicht wahr, Du Poizat? Er wirbt mir Ansiedler für meine neue Welt dahinten in den Landes ... Übrigens nehme ich euch alle mit, also packt nur eure Siebensachen. Kahn wird mein erster Minister, Delestang und seine Frau bekommen die auswärtigen Angelegenheiten, Béjuin die Post. Auch die Damen werde ich nicht vergessen; Frau Bouchard wird den Herrscherstab der Schönheit führen, Frau Charbonnel die Schlüssel der Speicher und Vorratskammern.«

Während er so scherzte, fragten sich die Freunde besorgt, ob er sie nicht durch eine Türspalte gehört habe. Als er dem Oberst alle seine Orden anbot, wurde dieser beinahe ärgerlich. Clorinde betrachtete inzwischen die Einladung nach Compiegne, die sie vom Kamin genommen hatte, und fragte nachlässig:

»Werden Sie hingehen?«

»Ohne Zweifel!« versetzte Rougon erstaunt. »Ich denke, die Gelegenheit zu benutzen, um mir mein Land vom Kaiser geben zu lassen.«

Es schlug zehn Uhr, und Frau Rougon erschien mit dem Tee.

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