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Seine Exzellenz Eugène Rougon

Emile Zola: Seine Exzellenz Eugène Rougon - Kapitel 5
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typefiction
authorEmile Zola
titleSeine Exzellenz Eugène Rougon
publisherBenjamin Harz Verlag
seriesDie Rougon-Macquart
volumeBand VI
year1923
translatorArmin Schwarz
correctorreuters@abc.de
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Viertes Kapitel.

Der Taufzug sollte um fünf Uhr bei dem Uhrenpavillon aufbrechen, durch die große Allee des Tuileriengartens, über den Eintrachtsplatz, die Rivolistraße, den Rathausplatz, die Arcolebrücke, die Arcolestraße und den Pfarrplatz gehen.

Von vier Uhr an drängte sich eine ungeheure Menschenmenge um die Arcolebrücke. Dort auf der Lichtung, die der Fluß mitten in der Stadt frei ließ, hatte ein ganzes Volk Raum. Dort erweiterte sich der Gesichtskreis plötzlich; in der Ferne tauchte die Spitze der St.-Ludwig-Insel auf, durchquert vom schwarzen Streif der Ludwig-Philipps-Brücke; links verlor sich der schmale Arm in einem Gewirr von niedrigen Häusern, rechts gab der breite Arm einen weiten Ausblick frei, in dessen bläulichem Dunste man die grünen Bäume des Weinhafens erkannte. Zu beiden Seiten, vom St.-Paul-Ufer bis zum Gerberufer, vom Napoleonufer bis zum Uhrenufer, dehnten sich die breiten Fußwege aus, während der Rathausplatz, gegenüber der Brücke, eine ganze Ebene bildete. Über diese weiten Flächen spannte der Himmel, ein warmer, klarer Junihimmel, seine unendliche Bläue aus.

Als es halb fünf Uhr schlug, wimmelte es schon überall von Menschen. Auf den Fußwegen standen endlose Reihen Neugieriger, die sich an die Brustwehren drängten. Ein wogendes Meer von Köpfen erfüllte den Rathausplatz. Gegenüber an den weitgeöffneten schwarzen Fenstern der alten Häuser des Napoleonufers war Kopf an Kopf gedrängt, und selbst in den dunklen Gäßchen, die auf den Fluß auslaufen, der Taubenstraße, der St.-Landry-Straße, der Glatignystraße, nickten Frauenhüte, deren Bänder im Winde flatterten. Die Liebfrauenbrücke wies eine Reihe von Zuschauern auf, welche die Ellbogen auf den Stein stützten wie auf den Samt einer riesigen Tribüne. Nach der andern Seite hin bedeckte sich die Ludwig-Philipps-Brücke allmählich mit einem Gewimmel von schwarzen Punkten, und sogar die Fenster weit unten, die in regelmäßigen Abständen die Vorderwände der gelben und grauen Häuser auf der Inselspitze durchbrachen, erhellten sich hin und wieder durch lichte Gewänder. Auf den Dächern standen zwischen den Schornsteinen Menschen, und noch andere spähten, selbst ungesehen, durch Ferngläser von den Terrassen am Turmufer herab. Die Sonne, deren schräge Strahlen breit herabfluteten, beschien das Wogen dieser Menge; Schirme, wie Spiegel ausgebreitet, schimmerten gleich Gestirnen inmitten des Kunterbunt der Frauenkleider und Männerröcke.

Was man aber von allen Seiten sah, von den Ufern, den Brücken, den Fenstern aus, das war ein riesiger grauer Überrock, an die nackte Wand eines sechsstöckigen. Hauses auf der St.-Ludwig-Insel gemalt, dessen linker Ärmel am Ellbogen einwärts gekrümmt war, als ob das Kleidungsstück die Haltung und Anschwellung eines inzwischen verschwundenen Körpers bewahrt habe. Diese ungeheuerliche Reklame gewann im Glanze der Sonne über dem Menschengewimmel eine außerordentliche Bedeutung.

Inzwischen hielt ein doppeltes Militärspalier für den Zug die Bahn frei, rechts Nationalgarden, links Linientruppen. Das eine Ende des Spaliers verlor sich in der Arcolestraße, die mit Fahnen geschmückt war, und aus deren Fenstern kostbare Teppiche hingen, welche die schwarzen Häuser entlang leicht im Winde flatterten. Die gesperrte Brücke war der einzige leere Streif, den man sah, während ringsum selbst die entferntesten Winkel vollgestopft waren; so machte sie mit ihrem einzigen leichten, sanft gewölbten Eisenbogen einen seltsamen Eindruck. Aber unmittelbar daneben begann an den Böschungen des Flusses das Gedränge schon wieder; sonntäglich geputzte Bürger hatten dort ihre Schnupftücher ausgebreitet und sich mit ihren Frauen daraufgesetzt; so harrten sie da und ruhten nach einem halben Tag des Müßigganges aus. Jenseits der Brücke ruderte inmitten des breiten, sehr blauen, an der Vereinigung der beiden Arme grünlich schillernden Stromes eine Gesellschaft von Bootfahrern in roten Blusen leicht gegen den Strom, um ihr Fahrzeug auf der Höhe des Früchtehafens zu halten. Am Gèvres-Ufer befand sich eine große Waschanstalt, deren Holzwerk durch das Wasser grün gefärbt war, und aus der man die Wäscherinnen lachen und das Zeug ausklopfen hörte. Diese zusammengedrängten drei- bis viermalhunderttausend Menschen erhoben zuweilen die Köpfe, um nach den Türmen der Liebfrauenkirche zu sehen, deren plumpe Masse über die Häuser des Napoleonufers emporragte; von der sinkenden Sonne vergoldet und sich rostfarben von dem hellen Himmel abhebend, zitterten sie in der Luft, von einem ohrenbetäubenden Lärm widerhallend. Zwei- oder dreimal schon hatte blinder Lärm große Erregung in der Menge hervorgerufen.

»Ich versichere Ihnen, daß sie nicht vor halb sechs Uhr vorbeikommen werden«, äußerte ein langer Kerl, der mit den Charbonnels vor einem Kaffeehause am Gèvresufer saß.

Es war Gilquin, Theodor Gilquin, der frühere Mieter der Frau Melanie Correur, der schreckliche Freund Rougons. Er trug zur Feier des Tages einen Anzug aus gelbem Zwillich zu neunundzwanzig Franken, zerknittert, befleckt und an den Rändern eingerissen, hellbraune Handschuhe, einen großen Strohhut ohne Band. Wenn Gilquin Handschuhe anzog, war er in Wichs. Nachmittag führte er die Charbonnels umher, deren Bekanntschaft er eines Abends bei Rougons in der Küche gemacht hatte.

»Ihr werdet noch alles sehen, Kinder«, wiederholte er und wischte seinen langen Schnurrbart ab, der wie eine Narbe durch sein Säufergesicht ging. »Ihr habt euch mir anvertraut, nicht wahr? Überlaßt es mir also, die Ordnung und den Gang des kleinen Festes zu bestimmen.«

Gilquin hatte schon drei Glas Kognak und fünf Schoppen Bier getrunken. Seit zwei endlosen Stunden hatte er die Charbonnels da festgehalten unter dem Vorwande, daß sie die ersten am Platze sein müßten. Das kleine Kaffeehaus sei ihm wohlbekannt, sagte er, auch duze er den Kellner. Die Charbonnels hörten ihm ergebungsvoll zu, überrascht von der unerschöpflichen Mannigfaltigkeit seiner Unterhaltung; Frau Charbonnel hatte nur ein Glas Zuckerwasser genommen, ihr Mann ein Glas Kümmel, wie er es sich zuweilen im kaufmännischen Vereine zu Plassans gönnte. Inzwischen erzählte ihnen Gilquin von der Taufe, als ob er den Vormittag in den Tuilerien zugebracht und dort Erkundigungen eingezogen habe.

»Die Kaiserin ist sehr glücklich,« sagte er, »sie hat eine leichte Niederkunft gehabt. Es ist ein Prachtweib! Sie werden gleich sehen, wie stattlich sie aussieht ... Der Kaiser ist vorgestern von Nantes zurückgekehrt, wo er die Überschwemmten besucht hat ... Welches Unglück, diese Überschwemmungen!

Frau Charbonnel zog ihren Stuhl zurück. Sie hatte einige Furcht vor der Menge, die in immer dichteren Scharen an ihr vorüberströmte, und murmelte:

»Welche Menschenmasse!«

»Potztausend!« rief Gilquin, »es sind über dreihunderttausend Fremde in Paris. Seit acht Tagen haben die Vergnügungszüge die ganze Provinz hereingeschleppt ... Sehen Sie, da sind Normannen, da Gascogner und da Franche-Comteser. Ich kenne sie an der Witterung, bin weit genug herumgekommen.«

Darauf erzählte er, daß die Gerichte feierten, die Börse geschlossen sei und alle Behörden ihre Beamten beurlaubt hätten. Die ganze Hauptstadt feierte die Taufe mit. Dann führte er Zahlen an, um die Kosten der Feier und der sie begleitenden Festlichkeiten zu berechnen. Der gesetzgebende Körper hatte vierhunderttausend Franken bewilligt, aber das sei ein Bettel. Ein Stallmeister aus den Tuilerien habe ihm am Abend vorher mitgeteilt, der Zug allein werde an zweihunderttausend Franken kosten. Wenn der Kaiser nur eine Million aus der Zivilliste dazuzugeben brauche, könne er sich noch glücklich schätzen. Das Kinderzeug allein koste hunderttausend Franken.

»Hunderttausend Franken!« rief Frau Charbonnel fassungslos. »Aber woraus besteht es denn?«

Gilquin lachte behaglich. Es gab so teure Spitzen! Er selbst war ehemals in Spitzen gereist. Dann setzte er seine Berechnungen fort: Fünfzigtausend Franken für die Eltern ehelicher Kinder, die am selben Tage wie der Prinz geboren waren, und bei denen das kaiserliche Paar Pate stehen wollte; fünfundachtzigtausend Franken kosteten die Medaillen für die Verfasser der Lobgesänge, die in den Theatern vorgetragen werden sollten. Endlich lieferte er Aufschlüsse über die hundertzwanzigtausend Denkmünzen, die an Zöglinge aller Schulen, an die Unteroffiziere und Soldaten der Pariser Besatzung verteilt werden sollten. Er hatte eine solche Münze bei sich und zeigte sie; sie war von der Größe eines Zehnsousstückes, auf der einen Seite trug sie die Bilder des Kaiserpaares, auf der andern das des Prinzen, mit dem Tauf tage: 14. Juni 1856.

»Wollen Sie mir sie überlassen?« fragte Herr Charbonnel.

Gilquin willigte ein. Als aber der gute Mann wegen des Preises in Verlegenheit ihm ein Zwanzigsousstück gab, wies er es stolz zurück und erklärte, es könne nur zehn Sous wert sein. Inzwischen betrachtete Frau Charbonnel die Köpfe des Kaiserpaares und wurde weichgestimmt.

»Sie sehen sehr gut aus«, sagte sie. »Sie vertragen sich da miteinander wie gute Eheleute ... Sieh doch nur, Charbonnel, man möchte sagen, zwei Köpfe auf einem Kopfkissen, wenn man die Münze von dieser Seite ansieht!«

Dann kam Gilquin wieder auf die Kaiserin zu sprechen, deren Barmherzigkeit er pries. Im neunten Monat ihrer Schwangerschaft hatte sie ganze Nachmittage der Schöpfung einer Erziehungsanstalt für arme junge Mädchen oben im Faubourg St.-Antoine gewidmet. Sie hatte eben achtzigtausend Franken ausgeschlagen, die durch Beiträge von je fünf Sous vom Volke als Taufgeschenk aufgebracht worden waren, und hatte bestimmt, daß dafür hundert Waisen im Handwerk ausgebildet werden sollten. Gilquin, schon ziemlich angeheitert, riß die Augen sperrangelweit auf, um geeignete Ausdrücke zu finden für seine Untertanenehrerbietung und zugleich für seine leidenschaftliche Bewunderung, die er als Mann empfand. Er erklärte, gern sein Leben zu den Füßen dieser edlen Frau opfern zu wollen. Aber niemand bezweifelte es. Der Lärm der Menge tönte wie der Widerhall seiner Lobreden hinüber. Und die Glocken der Liebfrauenkirche sandten ihre brausenden Freudenklänge über die Häuser dahin.

»Es wäre vielleicht Zeit, unsere Plätze einzunehmen«, bemerkte Herr Charbonnel schüchtern, da ihm das Sitzen langweilig geworden.

Seine Frau hatte sich sofort erhoben, wickelte ihren gelben Schal um den Nacken und setzte hinzu:

»Ganz gewiß. Wir wollten die ersten sein und lassen alle Welt an uns vorbeilaufen.«

Gilquin wurde ärgerlich, fluchte und schlug mit der Faust auf den kleinen Zinktisch. Kannte er etwa sein Paris nicht? Während Frau Charbonnel eingeschüchtert auf ihren Stuhl zurücksank, rief er dem Kellner zu:

»Julius, einen Wermutschnaps und Zigarren!«

Nachdem er seinen dichten Schnurrbart in das Glas gesteckt hatte, rief er den Mann wütend wieder zurück:

»Willst du dich über mich lustig machen? Nimm dieses Gesöff wieder fort und bringe mir die andere Flasche, die vom Freitag... Ich bin in Likören gereist, Alter, und lasse mir nichts vormachen.«

Als der Kellner, der Furcht vor ihm zu haben schien, die Flasche gebracht hatte, beruhigte er sich, tippte die Charbonnels freundschaftlich auf die Schulter und nannte sie Papa und Mama.

»Wie, Mama, die Füßchen werden uns ungeduldig? Wir werden sie bis Abend noch hinreichend bewegen können... Zum Teufel, dicker Papa, sitzen wir hier nicht sehr mollig? Wir machen es uns bequem, lassen die Leute vorüberziehen ... Ich sage euch, wir haben Zeit. Laßt euch noch etwas kommen!«

»Danke, wir haben genug«, erklärte Herr Charbonnel.

Gilquin hatte sich eine Zigarre angezündet und schaukelte sich auf seinem Stuhl, die Daumen unter die Weste gesteckt und seine Brust herausstreckend; seine Augen schwammen in Seligkeit. Plötzlich kam ihm ein Gedanke, und er rief:

»Wißt ihr was? Morgen früh um sieben Uhr hole ich euch ab, um euch das ganze Fest zu zeigen. Wird das nicht prächtig sein?«

Die Charbonnels sahen einander sehr unruhig an. Er aber erklärte weitläufig mit einer wahren Bärenführerstimme die Festordnung. Vormittags Frühstück im Königspalast und Gang durch die Stadt, nachmittags an dem Invalidenplatz militärische Schaustellungen, Kletterbäume, dreihundert kleine Ballons mit Zuckertüten, ein großer Ballon mit einem Regen von Zuckerwerk, abends Essen bei einem ihm bekannten Gastwirte am Billyufer, Feuerwerk, dessen Hauptstück ein Taufbecken darstellen werde, endlich ein Spaziergang durch die festlich erleuchtete Stadt. Und er schwatzte ihnen von dem Feuerkreuze vor, das auf dem Gebäude der Ehrenlegion zu sehen sein sollte, von dem Feenschlosse auf dem Eintrachtsplatze, zu dem neunhundertfünfzigtausend bunte Gläser nötig waren, vom St.-Jakobs-Turme, dessen Bildsäule in der Luft einer brennenden Fackel gleichen sollte. Als das Ehepaar noch immer zögerte, bog er sich zu ihnen vor und fuhr leise fort:

»Auf dem Heimwege endlich werden wir eine Milchwirtschaft in der Seinestraße besuchen, wo es eine vorzügliche Käsesuppe gibt.«

Diesen Lockungen vermochten die beiden nicht zu widerstehen. Ihre runden Augen drückten zugleich Neugier und kindische Furcht aus; sie fühlten sich ganz in der Gewalt dieses schrecklichen Menschen. Frau Charbonnel murmelte nur:

»Ach, dieses Paris, dieses Paris! ... Da wir aber einmal hier sind, müssen wir auch alles mitnehmen. Aber wenn Sie wüßten, Herr Gilquin, wie ruhig wir in Plassans lebten! Ich habe zu Hause Eingemachtes, Eingezuckertes, Kirschen in Branntwein, Pfeffergurken, und alles verdirbt! ...

»Hab' keine Bange, Mama!« sagte Gilquin, der schon so weit war, daß er sie duzte. »Du wirst deinen Prozeß gewinnen und mich einladen. Dann werden wir unter dem Eingemachten schon aufräumen!«

Er goß sich ein neues Glas Absinth ein, das ihn vollends berauschte. Einen Augenblick sah er das Ehepaar zärtlich an; er sei ein Mensch, der das Herz auf der flachen Hand trage. Plötzlich erhob er sich, schwenkte seine langen Arme und rief: »Heda! Hier!« Er meinte Frau Correur, die in einem Kleid aus taubengrauer Seide vorbeiging. Sie sah sich um und schien sehr verdrießlich, als sie ihn erblickte; dennoch kam sie über die Straße, ihre Hüften mit der Miene einer Fürstin wiegend. Als sie endlich vor dem Tische stand, ließ sie sich lange bitten, ehe sie etwas annahm.

»Nur ein Gläschen Johannisbeerschnaps!« bat Gilquin. »Ich weiß, Sie trinken ihn gerne... Erinnern Sie sich, in der Kibitzstraße? Das war doch eine schöne Zeit! Ach, das Vieh von Correur!«

Endlich nahm sie Platz, als ein ohrenzerreißender Jubel durch die Menge ging. Die Spaziergänger sausten davon, wie vom Sturme entführt, und trappelten gleich einer freigelassenen Herde. Auch die Charbonnels hatten sich unwillkürlich erhoben und wollten sich anschließen, aber Gilquins schwere Hand bannte sie auf ihrem Sitz fest. Er war puterrot und rief:

»Bleibt doch sitzen, Schwerenot! Wartet bis der Befehl kommt... Ihr seht, daß alle diese Narren eine Schraube verloren haben. Es ist erst fünf Uhr, nicht wahr? Also kommt erst der Kardinallegat. Wir machen uns nichts aus dem Kardinallegaten! Ich finde es empörend, daß der Papst nicht selbst gekommen ist. Entweder ist man Pate oder nicht nach meiner Ansicht! Ich schwöre euch, der Knirps wird noch eine halbe Stunde auf sich warten lassen!«

Allmählich raubte ihm die Trunkenheit alles Anstandsgefühl. Er hatte seinen Stuhl umgedreht und paffte den Leuten den Rauch ins Gesicht, blinzelte den Frauen zu und sah die Männer herausfordernd an. An der Liebfrauenbrücke stauten sich alle paar Schritte die Wagen, die Pferde bäumten sich, stampften ungeduldig, hohe Beamte und Offiziere in goldgestickten, ordenbesäten Uniformen wurden an den Wagenfenstern sichtbar.

»Lauter Trödelkram!« murmelte Gilquin mit dem überlegenen Lächeln eines Mannes, der über dergleichen erhaben ist.

Doch plötzlich stieß er, als ein Wagen das Gerberufer heraufkam, mit einem gewaltigen Satze fast den Tisch um und rief:

»Da, Rougon!«

Aufrechtstehend grüßte er mit der behandschuhten Rechten und schwenkte, aus Furcht, daß dies unbemerkt bleiben könne, seinen Strohhut. Rougon, dessen Senatorentracht viele Augen auf sich zog, lehnte sich rasch in die Wagenecke zurück. Darauf rief ihn Gilquin an, indem er seine halbgeschlossene Faust als Sprachrohr benutzte. Die Volksmenge staute sich und blickte zurück, um zu sehen, auf wen es dieser lange Kerl im gelben Zwillich abgesehen hatte. Endlich konnte der Kutscher vorwärts kommen; und der Wagen rollte weiter der Brücke zu.

»So schweigen Sie doch!« sagte Frau Correur leise und ergriff Gilquin am Arme.

Er aber wollte sich nicht gleich setzen, sondern reckte sich, um den Wagen mit den Blicken zu verfolgen. Dann brummte er dem Davoneilenden nach:

»Der Ausreißer! Weil er jetzt Gold auf dem Rocke hat! Und doch hast du Dicker oft genug Theodors Stiefel entlehnt!«

Rings um ihn rissen an den sieben bis acht Tischen des kleinen Kaffeehauses die Spießbürger mit ihren Weibern gewaltig die Augen auf; besonders am benachbarten Tische lauschte ihnen eine ganze Familie, die Eltern und drei Kinder, mit gespannter Aufmerksamkeit. Entzückt, Zuhörer zu haben, blies er sich nur noch mehr auf, ließ seine Blicke über die Gäste schweifen und sagte sehr laut, indem er sich wieder setzte:

»Rougon! Den habe ich zu dem gemacht, was er ist!«

Frau Correur hatte ihn unterbrechen wollen, aber er nahm sie als Zeugin. Sie wußte das alles sehr genau! Bei ihr im Hause in der Kibitzstraße hatte es sich zugetragen. Sie würde gewiß nicht bestreiten, daß jener zwanzigmal seine Stiefel entlehnt habe, um zu vornehmen Leuten zu gehen und sich in eine Menge Geschäfte zu stecken, von denen niemand etwas verstand. Rougon besaß damals nur ein Paar alte Schlappen, so abgetreten, daß ein Lumpensammler sie nicht genommen habe. Sich mit sieghafter Gebärde zu dem Nachbartische hinüberbeugend, um die Familie mit in die Unterhaltung zu ziehen, rief er:

»Wahrhaftig, sie kann es nicht bestreiten. Sie hat für ihn das erste Paar neue Stiefel in Paris bezahlt!«

Frau Correur drehte ihren Stuhl herum, um nicht mehr zu Gilquins Gesellschaft gezählt zu werden. Die Charbonnels waren ganz bleich geworden, als sie so über den Mann sprechen hörten, der ihnen fünfhunderttausend Franken in die Tasche stecken sollte. Aber Gilquin war einmal im Zuge und berichtete mit unendlichen Einzelheiten über Rougons Anfänge. Er nannte sich einen Philosophen und lachte jetzt; er zog die Gäste, einen nach dem andern, ins Gespräch, rauchte, spie, trank und erklärte ihnen, daß er an den Undank der Menschen gewöhnt sei; ihm genüge die Selbstachtung. Und er wiederholte, daß er Rougon zu dem gemacht habe, was er jetzt sei. Zu jener Zeit reiste er in Parfümerien, aber das Geschäft ging nicht wegen der Republik. Alle beide verhungerten sie auf einem und demselben Treppenabsatze. Dann war er auf den Einfall gekommen, Rougon zu bewegen, er möge sich von einem Landwirte aus Plassans Olivenöl schicken lassen; und sie waren ausgezogen, der eine hierhin, der andere dorthin, und waren auf dem Pariser Pflaster bis zehn Uhr abends umhergelaufen mit Ölproben in den Taschen. Rougon war hierin nicht stark; dennoch brachte er öfter von hohen Personen, mit denen er verkehrte, hübsche Aufträge heim. Dieser Lump von Rougon! In allen Dingen dümmer als eine Gans und boshaft obendrein! Wie hatte er Theodor später für seine Politik ausgenutzt! Hier redete er etwas leiser und blinzelte verständnisvoll, denn schließlich war auch er bei der Rande gewesen. Er war in den Vorstadtschenken herumgelaufen und hatte geschrien: Hoch die Republik! Wahrhaftig man mußte Republikaner sein, um Leute zu ködern. Das Kaiserreich schuldete ihm eine schöne Belohnung; aber es sagte ihm nicht einmal Dank. Während Rougon und die Seinen sich den Kuchen teilten, stieß man ihn vor die Tür wie einen räudigen Hund. Ihm war es schon recht, er blieb lieber unabhängig. Er bedauerte nur, nicht bis zum Ende mit den Republikanern gegangen zu sein und diese ganze Bande nicht zusammengeschossen zu haben.

»Gerade wie der kleine Du Poizat, der mich auch nicht mehr kennen will«, schloß er. »Ein Wicht, dem ich öfter als einmal die Pfeife gestopft habe ... Du Poizat! Unterpräfekt! Ich habe ihn im Hemde mit der großen Amalie gesehen, die ihn mit einem Klaps vor die Tür setzte, wenn er nicht artig war.«

Er schwieg, von plötzlicher Rührung übermannt, mit Tränen des Rausches in den Augen. Dann wandte er sich wieder an die Gäste in der Runde:

»Ihr habt Rougon gesehen ... Ich bin ebenso groß wie er, von seinem Alter und schmeichle mir einen weniger eselhaften Kopf zu haben als er. Würde ich nicht eine schönere Figur in einem Wagen machen, als dies dicke, am ganzen Leibe von Gold strotzende Schwein?«

In diesem Augenblicke erhob sich jedoch vom Rathausplatze her ein solcher Lärm, daß die Gäste nicht daran dachten zu antworten. Die Menge stürzte von neuem vorwärts; man sah nichts als wirbelnde Beine, die Frauen bis zu den Knien aufgeschürzt, um besser laufen zu können, wobei man ihre weißen Strümpfe sah. Als der Lärm näher kam und sich zu einem immer deutlicheren Kreischen entwickelte, rief Gilquin:

»Hopp! Das ist der Knirps! ... Bezahlt eiligst, Papa Charbonnel, und folgt mir alle!«

Frau Correur hatte einen Zipfel seines gelben Zwillichrockes erfaßt, um ihn nicht zu verlieren. Frau Charbonnel folgte ganz außer Atem; ihr Gatte verlor sich fast im Gewühl. Gilquin hatte sich in das dichteste Gewühl gestürzt und brach sich mit den Ellbogen so rücksichtslos Bahn, daß die dichtesten Reihen ihm Platz machten. An der Brustwehr des Ufers angelangt, brachte er die Seinen dort unter und setzte die Frauen mit einem Schwünge auf die Brüstung, so daß ihre Beine nach dem Flusse zu hinabhingen – unbekümmert um die leisen Schreie, die sie ausstießen. Er und Charbonnel blieben hinter ihnen stehen.

»So, meine Kätzchen, ihr sitzet hier im ersten Rang«, sagte er, um sie zu beruhigen. »Habt keine Bange, wir umfassen euch und halten euch fest!«

Er schlängelte seine Arme um die stattliche Rundung der Frau Correur, die ihm zulächelte. Man konnte diesem Schwerenöter nicht zürnen. Indessen sah man nichts. Vom Rathausplatze her erbrausten die Hochrufe immer gewaltiger; die Köpfe bewegten sich, darüber wurden Hüte von Händen geschwenkt, die man nicht unterscheiden konnte wie eine ungeheure schwarze Woge, die langsam vorrückte. Dann wurde es in den Häusern am Napoleonufer, dem Platze gegenüber lebendig; an den Fenstern erhoben sich die Leute erregt, reckten die Hälse mit entzückten Gesichtern und ausgebreiteten Armen nach links und wiesen nach der Rivolistraße. Noch drei ewig lange Minuten blieb die Brücke leer. Die Glocken der Liebfrauenkirche läuteten noch stärker, als seien sie von einem neuen Anfall toller Freude ergriffen.

Endlich erschienen inmitten der harrenden Menge Trompeter auf der leeren Brücke, und ein unendlicher Seufzer der Erleichterung durchlief die Menge. Hinter der Musikbande kam ein General mit seinem Stabe zu Pferde. Dann einige Schwadronen Karabinier, Dragoner und Garden; endlich begann der Zug der Galawagen, zunächst acht sechsspännige mit den Palastdamen, den Kammerherren, den Beamten des Hofstaates des Kaisers und der Kaiserin, den Ehrendamen der Großherzogin von Baden, welche die Patin vertrat. Gilquin erklärte Frau Correur, ohne sie loszulassen, daß die Patin, die Königin von Schweden, so wenig wie der Pate sich die Mühe genommen habe herzukommen. Die Insassen des siebenten und des achten Wagens nannte er ihr mit einer Vertrautheit, die zeigte, daß er bei Hofe sehr gut Bescheid wissen mußte. Die beiden Damen waren die Prinzessinnen Mathilde und Marie. Die drei Herren waren der König Jérôme, der Prinz Napoleon und der Prinz von Schweden, neben ihnen die Großherzogin von Baden. Der Zug rückte nur langsam vor, begleitet von Stallpagen, Adjutanten und Ehrenrittern, die ihre Pferde am kurzen Zügel hielten, um sie zum Schritt zu zwingen.

»Wo ist denn der Kleine?« fragte Frau Charbonnel ungeduldig.

»Man hat ihn gewiß nicht unter die Sitzbank gesteckt«, erwiderte Gilquin lachend. »Er wird schon kommen.«

Er umschlang Frau Correur noch fester, und sie wehrte es ihm nicht aus Furcht zu fallen, wie sie sagte. Von Bewunderung hingerissen, flüsterte er mit funkelnden Augen:

»Es ist wirklich nett! Wie diese Schwerenöter in ihren Samtkästen protzig tun! Und wenn man bedenkt, daß ich bei alledem mitgearbeitet habe!«

Er fing wieder an zu prahlen: der Zug, die Menge, alles, was man sehen konnte, gehörte ihm. Aber nach dem kurzen Aufatmen, welches das Erscheinen der ersten Wagen zur Folge hatte, erhob sich ein wahrer Höllenlärm; jetzt tanzten auch am Ufer die Hüte über den nickenden Köpfen; mitten auf der Brücke kamen sechs kaiserliche Vorreiter in grüner Tracht mit runden Kappen, von denen vergoldete Eicheln herabnickten. Dann endlich kam der Wagen der Kaiserin, achtspännig, mit vier kostbaren Laternen an den Ecken, geräumig und fast ganz aus Glas; so glich er einem Kristallschrein mit Goldeinfassung und auf Goldrädern. Drinnen erkannte man deutlich in einer Wolke von weißen Spitzen das rosige Gesichtchen des kaiserlichen Prinzen auf den Knien der Erzieherin der Kinder Frankreichs; neben dieser saß die Amme, eine schöne, starkbrüstige Burgunderin. In einiger Entfernung davon hinter einer Schar von Schirrmeistern zu Fuß und Stallknechten zu Pferde folgte der Wagen des Kaisers, ebenfalls achtspännig und ebenso prächtig, aus dem das Kaiserpaar grüßte. Neben den beiden Wagen schritten Marschälle in reichgestickten Uniformen und schluckten den Staub der Räder, ohne eine Miene zu verziehen.

»Wenn jetzt die Brücke einstürzte«, bemerkte lächelnd Gilquin, der eine Vorliebe für gräßliche Vorstellungen hatte.

Frau Correur hieß ihn erschrocken schweigen. Er aber beharrte dabei, diesen eisernen Brücken sei nie recht zu trauen. Als die beiden Wagen in der Mitte angelangt waren, behauptete er die Brücke schwanken zu sehen. Was für einen Plumps würde es geben! Papa, Mama und das Kind, sie würden alle einen tüchtigen Schluck nehmen. Die Wagen rollten langsam und geräuschlos vorwärts, die sanftgewölbte Brückenbahn war so dünn, daß die Wagen in der Luft, über der weiten Stromfläche zu hängen schienen; und unten im blauen Wasser spiegelten sie sich wider wie seltsame goldene Fische. Das kaiserliche Paar hatte sich ermüdet in die seidenen Kissen zurückgelehnt, glücklich, eine Weile des Grüßens enthoben zu sein. Auch die Erzieherin »der Kinder Frankreichs« machte sich die Leere der Brücke zunutze und nahm den kleinen Prinzen wieder auf, der von ihrem Schoße herabgeglitten war, während seine Amme, sich über ihn beugend, ihn durch Zulächeln unterhielt. Der ganze Zug war im Sonnenschein gebadet: die Uniformen, Toiletten, Geschirre glänzten, die Wagen schimmerten wie Gestirne und sandten ihren Widerschein auf die schwarzen Häuser am Napoleonufer. In der Ferne bildete oberhalb der Brücke der ungeheure graue Reklameüberrock, auf die sechsstöckige Wand eines Hauses der St.-Ludwig-Insel gemalt und ebenfalls vom Sonnenlichte verklärt, einen Hintergrund für das ganze Bild.

Gilquin bemerkte ihn, als er gerade die beiden Wagen überragte und rief:

»Seht doch! den Oheim da unten!«

Die Menge lachte. Herr Charbonnel, der den Witz nicht verstanden hatte, bat um Aufklärung. Aber man hörte sein eigen Wort nicht mehr; ein betäubendes Lebehoch erscholl, und die dreihunderttausend Menschen, die sich dort zusammendrängten, klatschten in die Hände. Als der kleine Prinz in der Mitte der Brücke angekommen war, hinter ihm seine Eltern, gleichsam in freier Luft, wo nichts den Blick hemmte, bemächtigte sich der Neugierigen eine tiefe Bewegung. Es war einer jener Ausbrüche der Volksbegeisterung, die von einem Ende der Stadt bis zum andern die Köpfe beugen. Die Männer reckten die Hälse, setzten sich ihre verblüfften Kinder in den Nacken; die Frauen weinten und stammelten zärtliche Worte für »den lieben Kleinen«, in rührenden Ausdrücken die Elternfreude des Kaiserpaares teilend. Ein wahres Gewitter von Rufen ging beständig vom. Rathausplatze aus; an den Ufern rechts und links, stromab und stromauf, soweit das Auge reichte, sah man einen Wald von Armen winken und grüßen. Aus den Fenstern, wehten Tücher, die Leiber beugten sich vor, und in den glühenden Gesichtern bildete der weitgeöffnete Mund ein schwarzes Loch. Unten auf der fernen St.-Ludwig-Insel belebten sich die fadendünn scheinenden Fenster von einem Gewimmel heller Punkte, worin man nichts deutlich unterscheiden konnte. Dabei schrie die rotblusige Bootsmannschaft inmitten des Stromes aus vollem Halse, während die Wäscherinnen, den halben Leib aus den Fenstern des Schiffes streckend, mit nackten Armen und nacktem Halse, wie wahnsinnig mit ihren Schlägeln hämmerten, um sich bemerkbar zu machen.

»Es ist aus, wir wollen gehen«, sagte Gilquin.

Aber die Charbonnels wollten alles sehen. Das Ende des Zuges, Schwadronen der Hundertgarden, Kürassiere und Karabinier, verschwand in der Arcolestraße. Darauf brach ein fürchterlicher Lärm aus; die Ketten der Nationalgarden und der Liniensoldaten wurden an verschiedenen Stellen durchbrochen, Frauen kreischten auf.

»Kommt!« wiederholte Gilquin. »Man wird da zu Tode getreten werden.«

Nachdem er die Frauen wieder auf das Pflaster gesetzt, führte er sie trotz des Gedränges über den Fahrweg zurück. Frau Correur und die Charbonnels wollten die Brüstung entlang weitergehen, um die Liebfrauenbrücke zu erreichen und zu sehen, was es auf dem Pfarrplatze gebe. Aber er hörte nicht darauf, sondern schleppte sie mit sich fort. Als sie wieder vor dem Kaffeehause waren, stieß er sie vorwärts und setzte sie an dem Tische nieder, den sie eben verlassen hatten.

»Ihr seid aber sonderbare Leute!« rief er. »Glaubt ihr, ich habe Lust, mir von diesem Haufen Maulaffen die Füße abtreten zu lassen? ... Wir wollen eins trinken, alle Wetter! Wir sitzen hier wahrhaftig besser als mitten in dem Gedränge. Was? haben wir nicht genug gehabt vom Feste? Das wird ja schließlich albern! ... Was nehmen Sie, Mama?«

Die Charbonnels, die er mit beängstigenden Blicken betrachtete, erhoben schüchterne Einwände. Sie hätten gern auch den Auszug aus der Kirche gesehen. Darauf erklärte er ihnen, daß man die Neugierigen sich verlaufen lassen müsse; in einer Viertelstunde werde er sie hinführen, wenn das Gedränge nicht noch zu arg sei. Frau Correur jedoch räumte vorsichtig das Feld, während er bei Julius Zigarren und Bier bestellte.

»Ja, ruhen Sie aus, Sie finden mich dort unten«, sagte sie zu den Charbonnels.

Damit wandte sie sich der Liebfrauenbrücke zu und ging die Altstadtstraße hinauf. Aber das Gedränge war hier so arg, daß sie eine gute Viertelstunde brauchte, um bis zur Konstantinstraße zu gelangen. Sie mußte durch die Einhornstraße und die Dreientenstraße gehen. Endlich erreichte sie den Pfarrplatz, nachdem sie am Kellerloche eines verdächtigen Hauses ein großes Stück ihres taubengrauen Seidenkleides zurückgelassen hatte. Auf dem mit Sand und Blumen bestreuten Platze waren Maste mit dem kaiserlichen Wappen errichtet, und vor der Kirche verkleidete ein riesiges Portal in Form eines Zeltes mit seinen roten Samtvorhängen und Goldtroddeln die nackte Steinmauer.

Dort wurde Frau Correur durch eine Kette von Soldaten aufgehalten, die das Volk zurückdrängte. Inmitten des freigebliebenen weiten Platzes gingen Diener gemächlich die Wagen entlang, die in fünf Reihen standen, während die Kutscher mit den Zügeln in den Händen feierlich auf ihren Sitzen thronten. Indem sie den Hals reckte, um eine Lücke zum Durchdringen zu erspähen, gewahrte sie Du Poizat, der in einer Ecke zwischen den Dienern ruhig seine Zigarre rauchte. Sie winkte ihm mit dem Taschentuche, und als er, aufmerksam geworden, herankam, fragte sie:

»Können Sie mich nicht einlassen?«

Er redete mit einem Offizier, führte sie vor die Kirche und sagte:

»Glauben Sie mir, Sie tun besser hier bei mir zu bleiben. Da drinnen ist es zum Erdrücken voll; ich bin herausgekommen, weil ich fast erstickte... Sehen Sie, da sind auch der Oberst und Herr Bouchard, die es aufgegeben haben, ihre Plätze zu finden.«

Die beiden standen wirklich da links nach dem Liebfrauenkloster zu. Herr Bouchard erzählte, daß er seine Frau Herrn d'Escorailles anvertraut habe, der einen ausgezeichneten Sessel für eine Dame hatte. Der Oberst dagegen bedauerte, die Feierlichkeit seinem Sohne August nicht erklären zu können, und bemerkte:

»Ich hätte ihm gerne das berühmte Taufbecken gezeigt. Es stammt, wie Sie wissen, vom heiligen Ludwig her und ist in geädertem Kupfer geätzt im schönsten persischen Stile, ein Kleinod aus der Zeit der Kreuzzüge, das bei der Taufe aller unserer Könige gedient hat.«

»Haben Sie den Aufzug gesehen?« fragte Herr Bouchard Du Poizat.

»Gewiß«, versetzte dieser. »Frau von Llorentz trug das Taufmützchen.«

Er mußte das Nähere berichten, da die beiden anderen nichts davon wußten. Er schilderte also den Aufzug der Taufgeräte: das Mützchen, die Kerze, das Salzfaß; die Geräte der beiden Paten: das Becken, die Wasserkanne, das Tuch; alle die Sachen wurden von Palastdamen getragen. Ferner der Mantel des kleinen Prinzen, ein wundervoller Mantel, der auf einem Sessel neben dem Taufsteine lag.

»Ist denn da drinnen wirklich kein Plätzchen mehr zu finden?« rief Frau Correur, die beim Anhören dieser Einzelheiten vor Neugier brannte.

Darauf zählte man ihr alle die hohen Körperschaften und Behörden, alle die Abordnungen auf, die vorbeigezogen waren; es war endlos: das diplomatische Korps, der Senat, der gesetzgebende Körper, der Staatsrat, der Kassationshof, der Rechnungshof, der kaiserliche Hof, die obersten Handelsgerichte, außerdem die Minister, Präfekten, Bürgermeister und ihr Anhang, die Akademiker, die höheren Offiziere und Beamten bis zu den Abgesandten des jüdischen und des protestantischen Konsistoriums. Es waren noch mehr, immer noch mehr.

»Mein Gott, wie schön muß das sein!« seufzte Frau Correur.

Du Poizat zuckte die Achseln; er war bei abscheulicher Laune. Die vielen Leute machten ihn »dumm«, und die lange Dauer der Feierlichkeit schien ihn zu erbittern. Würden sie noch nicht bald zu Ende sein? Sie hatten schon gesungen »Komm heil'ger Geist«, sie hatten geräuchert, den Umzug gehalten und sich begrüßt. Das Kind mußte jetzt schon getauft sein. Herr Bouchard und der Oberst betrachteten geduldig die mit Menschen dicht besetzten Fenster des Platzes; dann wandten sie sich um, halb erschrocken durch ein plötzliches Geläute, das die Türme erschütterte, und sie empfanden einen leichten Schauer der Beunruhigung unmittelbar neben dem ungeheuren Bau der Kirche, der sich im Himmel zu verlieren schien.

Inzwischen hatte sich August zur Vorhalle geschlichen, und Frau Correur folgte ihm. Als sie aber vor der Haupttür ankam, blieb sie beim Anblick dieser ungewohnten Herrlichkeit wie angewurzelt stehen.

Zwischen den beiden breiten Vorhängen hindurch sah sie die riesige Kirche wie ein überirdisches Heiligtum sich wölben. Das zarte Blau der Gewölbe war mit Sternen besät, und die Fenster, die dieses Firmament umgaben, boten den Anblick seltsamer Gestirne, die im Glänze aller Edelsteine loderten. Überall wogte von den hohen Säulen roter Samt in Falten herab, der das wenige Licht aufsog, das in das Schiff eindringen konnte; und diese rote Nacht war nur von einem Flecke aus durch Tausende von Kerzen erhellt, die so dicht beisammen standen, daß sie gleichsam eine einzige Sonne bildeten, die in einem Funkenregen flammte. In der Mitte des Querschiffes stand auf einer Erhöhung der Altar, in einem Meer von Lichte flammend. Rechts und links erhoben sich Throne; und ein breiter Thronhimmel aus Samt, mit Hermelin ausgeschlagen, bildete über dem höchsten Throne einen riesigen Vogel mit schneeigem Leibe und purpurnen Fittichen; dazu die Versammlung, die mit dem Glänze des Goldes und der Edelsteine die ganze Kirche erfüllte. Nächst dem Altar im Hintergrunde die Bischöfe mit Kreuz und Mitra, eine Herrlichkeit, daß man den Himmel offen zu sehen glaubte; rings um den Altar reihten sich Prinzen, Prinzessinnen und hohe Würdenträger in fürstlichem Prunke; dann zu beiden Seiten in den beiden Seiten des Querschiffes, wo Stufen hinaufführten, rechts der diplomatische Körper und der Senat, links der gesetzgebende Körper und der Staatsrat, im übrigen Teile des Schiffes endlich drängten sich die Abordnungen aller Art, und oben am Rande der Tribünen entfalteten die Damen das bunte Farbenspiel ihrer lichten Gewänder. Ein dichter, roter Dunst durchwogte den ganzen Raum. Die Köpfe der im Hintergrunde und zu beiden Seiten auf Stufenbänken sitzenden Festgäste zeigten die rosigen Farben bemalten Porzellans. Atlas, Samt und Seide glänzten in einem düstern Schimmer, als wollten sie Feuer fangen. Ganze Reihen schienen auf einmal aufzulodern. Die weite Kirche glühte in dem Feuerschein eines Hochofens.

Da sah Frau Correur, wie in der Mitte des Chors ein Herold vortrat, der dreimal mit weithallender Stimme ausrief:

»Es lebe der kaiserliche Prinz! Es lebe der kaiserliche Prinz! Es lebe der kaiserliche Prinz!«

In dem Beifallsjubel, von dem die Gewölbe erzitterten, sah Frau Correur am Rande der Erhöhung den Kaiser stehen. Seine Gestalt hob sich schwarz von dem Goldgefunkel der Bischöfe hinter ihm ab; er zeigte dem Volke den kaiserlichen Prinzen, ein Bündel weißer Spitzen, das er in seinen hocherhobenen Händen hielt.

Plötzlich jedoch wies ein Schweizer Frau Correur mit einer Gebärde zurück. Sie wich zwei Schritte zur Seite und sah nichts mehr als dicht vor sich den einen Vorhang der Halle. Das Traumgesicht war verschwunden, sie fand sich im vollen Tageslichte und glaubte, noch ganz wirr im Kopfe, ein altes Gemälde gesehen zu haben ähnlich denen des Louvre, vom Alter eingetrocknet, voll Purpur und Gold, das Menschen aus alter Zeit darstellte, wie man solchen jetzt auf den Straßen nicht mehr begegnet.

»Bleiben Sie dort nicht stehen!« sagte ihr Du Poizat und zog sie zum Obersten und zu Herrn Bouchard.

Die Herren sprachen jetzt von den Überschwemmungen, die in den Tälern der Rhone und Loire schreckliche Verwüstungen angerichtet hatten. Tausende von Familien waren ohne Obdach. Die allerorten eröffneten Sammlungen reichten nicht aus, soviel Not zu lindern. Aber des Kaisers Mut und Freigebigkeit waren bewunderungswürdig; in Lyon hatte er die niedrig gelegenen Stadtteile, die unter Wasser standen, durchwatet; zu Tours war er im Boote drei Stunden in den überschwemmten Straßen umhergefahren. Überall spendete er mit vollen Händen.

»Hört!« rief der Oberst dazwischen.

In der Kirche brauste die Orgel, und ein mächtiger Gesang strömte durch die weite Öffnung der Vorhalle, deren Vorhänge sich unter diesem gewaltigen Atemzug bewegten.

»Das Tedeum!« sagte Herr Bouchard.

Du Poizat stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Endlich also waren sie fertig! Aber Herr Bouchard erklärte ihm, die Urkunden seien noch nicht unterzeichnet; dann mußte der Kardinallegat noch den päpstlichen Segen erteilen. Indessen begannen schon einige Leute herauszukommen. Rougon, einer der ersten, hatte am Arme eine magere Frau mit gelbem Gesicht und sehr einfach gekleidet. Ein Herr in der Tracht des Appellationsgerichtspräsidenten begleitete sie.

»Wer ist das?« fragte Frau Correur.

Du Poizat nannte ihr die beiden. Herr Beulin d'Orchère hatte Rougon kurz vor dem Staatsstreiche kennengelernt und bezeigte ihm seitdem eine besondere Achtung, ohne deshalb mit ihm in eine dauernde Verbindung zu treten. Fräulein Veronika, seine Schwester, bewohnte mit ihm ein Haus in der Färberstraße, das sie nur verließ, um die stillen Messen in St.-Sulpice zu besuchen.

»Hören Sie!« sagte der Oberst leise, »eine solche Frau müßte Rougon haben!«

»Gewiß!« stimmte Herr Bouchard bei. »Anständiges Vermögen, gutes Haus, ordentliche und kluge Frau. Er fände nichts Besseres.«

Aber Du Poizat bestritt es lebhaft. Das Fräulein war überreif wie eine Mispel, die man auf dem Stroh vergessen hat. Sie war wenigstens sechsunddreißig Jahre alt und sah aus, als sei sie gut vierzig. Ein netter Besenstiel ins Bett! Eine Betschwester mit glattgekämmtem Haar! Ein Kopf, so abgenützt, so schal, als habe er ein halbes Jahr im Weihwasser gelegen!

»Sie sind jung!« erklärte Herr Bouchard ernst. »Rougon muß eine Vernunftehe schließen... Ich habe aus Liebe geheiratet, aber das glückt nicht jedem.«

»Ach was, ich mache mich über die alte Schachtel lustig!« gestand Du Poizat schließlich. »Beulin d'Orchères Gesicht macht mir bange. Dieser Kerl hat wahre Doggenkiefer... Sehen Sie ihn nur an mit seiner groben Schnauze und seinem Walde von krausen Haaren, worin man noch kein einziges weißes sieht trotz seiner fünfzig Jahre! Weiß man, was er vorhat? Warum fährt er fort, seine Schwester Rougon in die Arme zu treiben, jetzt, wo dieser zu Boden liegt?«

Herr Bouchard und der Oberst schwiegen und tauschten einen unruhigen Blick aus. Die »Dogge«, wie der gewesene Unterpräfekt sagte, wollte also Rougon ganz allein verschlingen? Doch Frau Correur sagte langsam:

»Es ist sehr gut den Richterstand für sich zu haben.«

Inzwischen hatte Rougon Fräulein Veronika bis zu ihrem Wagen gebracht und verabschiedete sich von ihr, als sie im Begriffe war einzusteigen. Gerade in diesem Augenblicke trat die schöne Clorinde aus der Kirche an Delestangs Arme. Sie wurde plötzlich ernst und warf einen Flammenblick auf das lange, gelbe Geschöpf, hinter dem Rougon trotz seiner Senatorentracht diensteifrig die Wagentür schloß. Während der Wagen davonrollte, ging Clorinde stracks auf Rougon zu und ließ, lachend wie ein großes Kind, Delestangs Arm los. Die ganze Gesellschaft folgte ihr, und sie rief ihm vergnügt zu:

»Ich habe meine Mutter verloren! Man hat sie mir in dem Gewühl entführt ... Geben Sie mir ein Plätzchen in Ihrem Wagen, ja?«

Delestang, der ihr eben vorschlagen wollte, sie heimzufahren, schien sehr verstimmt. Sie trug ein Kleid von orangefarbener Seide, mit so hellen Blumen bestickt, daß die Diener sie anstarrten. Rougon hatte sich verneigt, aber sie mußten fast zehn Minuten auf den Wagen warten, und alle blieben dort stehen, selbst Delestang, dessen Wagen in der vordersten Reihe nur zwei Schritte weit stand. Die Kirche leerte sich langsam. Als Herr Kahn und Herr Béjuin herauskamen, eilten sie herzu und schlossen sich dem Kreise an. Da der große Mann die Händedrücke nur schwach erwiderte und unzufrieden aussah, fragte ihn Herr Kahn beunruhigt:

»Fehlt Ihnen etwas?«

»Nein, nur alle die Lichter da drinnen haben meine Augen ermüdet«, versetzte er.

Nach einer Weile fuhr er halblaut fort:

»Es war sehr großartig ... Ich habe niemals eine solche Freude auf dem Antlitz eines Menschen gesehen.«

Er sprach vom Kaiser. Er öffnete weit die Arme voll ruhiger Majestät, wie um an die Szene in der Kirche zu erinnern, und sagte nichts mehr. Seine Freunde in der Runde schwiegen ebenfalls. Sie bildeten in einem Winkel des Platzes eine kleine Gruppe für sich. Vor ihnen strömte die Menge immer dichter vorüber: die hohen Richter in Amtstracht, die Offiziere in voller Parade, die Hofwürdenträger in Uniform, eine betreßte, verbrämte, ordengeschmückte Menge, welche die ausgestreuten Blumen zertrat, mitten unter den Rufen der Diener und dem Rollen der abfahrenden Wagen. Der Glanz des Kaiserreiches, das auf seiner Sonnenhöhe stand, wogte im Purpur der sinkenden Sonne, und die Türme der Liebfrauenkirche, rosig und hallend, schienen das künftige Reich des eben unter ihren Gewölben getauften Kindes auf den Gipfel des Friedens und der Größe emporzutragen. Die Unzufriedenen abseits aber fühlten nur eine unendliche Gier bei dem Anblicke des Glanzes der Feierlichkeit, bei dem Glockengeläute, den entfalteten Bannern, der begeisterten Stadt, der offiziellen Welt, die hier Staat machte. Rougon, der zum ersten Male die Kälte seiner Ungnade empfand, sah sehr blaß aus und beneidete – in seine Gedanken versunken – den Kaiser.

»Guten Abend, ich gehe, es wird mir zuviel!« sagte Du Poizat, nachdem er den anderen die Hand gereicht.

»Was haben Sie denn heute?« fragte ihn der Oberst, »Sie sehen ja so wütend aus!«

Der Unterpräfekt erwiderte ruhig, indem er ging:

»Warum soll ich vergnügt sein? ... Ich habe heute früh im Moniteur gelesen, daß dieser einfältige Campenon die Präfektur erhalten hat, die man mir versprochen.«

Die anderen blickten sich an. Du Poizat hatte recht, sie gehörten nicht zum Feste. Rougon hatte ihnen seit der Geburt des Prinzen einen ganzen Regen von Geschenken für den Tauf tag versprochen: Herr Kahn sollte seine Eisenbahnkonzession haben, der Oberst das Kommandeurkreuz, Frau Correur die fünf oder sechs Tabaksverschleißrechte, die sie wünschte. Jetzt standen sie alle da im Winkel auf einem Haufen mit leeren Händen. Sie warfen so trostlose, vorwurfsvolle Blicke auf Rougon, daß dieser nur ein schreckliches Achselzucken als Erwiderung hatte. Als sein Wagen endlich kam, schob er Clorinde hastig hinein, schloß sich ebenfalls daselbst ein, ohne ein Wort zu sagen, und klappte die Tür heftig zu.

»Da ist Marsy in der Vorhalle!« flüsterte Herr Kahn und zog Herrn Béjuin mit sich. »Wie hochnäsig dieser Schuft dreinschaut! ... Wenden Sie sich ab, er würde unsern Gruß doch nicht erwidern.«

Delestang hatte sich schnell in seinen Wagen geworfen, um dem Rougons zu folgen. Herr Bouchard wartete noch auf seine Frau; als er endlich die Kirche leer sah, war er sehr überrascht und ging mit dem Obersten, der ebenfalls das Suchen nach August aufgegeben hatte, von dannen. Frau Correur endlich nahm den Arm eines Dragonerleutnants, der zum Teil ihr seine Achselstücke verdankte.

Im Wagen redete Clorinde inzwischen entzückt von der Feier, und Rougon hörte ihr zurückgelehnt mit schläfrigem Gesichte zu. Sie hatte das Osterfest zu Rom gesehen; es war nicht großartiger gewesen. Sie erklärte, die Religion sei für sie ein Winkel des Paradieses, wo Gott Vater wie eine Sonne auf dem Throne saß inmitten der Herrlichkeit der Engel, die in jugendlicher Schönheit und in goldenen Gewändern um ihn her aufgestellt sind. Plötzlich fragte sie:

»Werden Sie heute abend zu dem Festessen kommen, das die Stadt Ihren Majestäten gibt? Es wird herrlich!«

Sie war eingeladen. Sie würde ein rosa Kleid tragen, ganz mit Vergißmeinnicht besät, Herr von Plouguern werde sie hinbegleiten, weil ihre Mutter am Abend ihrer Migräne wegen nicht mehr ausgehen wolle. Dann unterbrach sie sich nochmals ebenso jäh und fragte:

»Wer war denn der Richter, mit dem Sie eben gingen?« Rougon hob das Kinn und sagte in einem Atem: »Herr Beulin d'Orchère, fünfzig Jahre alt, aus einem Richtergeschlechte, war Staatsanwaltsstellvertreter zu Montbrison, königlicher Anwalt zu Orleans, Generaladvokat zu Rouen, im Jahre 1852 Mitglied einer gemischten Kommission, kam dann als Appellationsgerichtsrat nach Paris und ist heute Präsident dieses Gerichtes ... Fast hätte ich vergessen, er hat den Erlaß vom 22. Januar 1852 gebilligt, wodurch die Güter des Hauses Orleans mit Beschlag belegt wurden ... Genügt Ihnen das?«

Clorinde lachte aus vollem Halse. Er machte sich über sie lustig, weil sie ihre Kenntnisse erweitern wollte; aber es war doch gewiß erlaubt, nach den Leuten zu fragen, denen man begegnen konnte. Aber sie brachte ihn nicht zum Sprechen über Fräulein Beulin d'Orchère, sondern redete wieder vom Festessen im Stadthause; der Festsaal würde mit unerhörter Pracht ausgeschmückt werden, und die Musik würde während der ganzen Dauer des Essens spielen. Frankreich war ein großes Land! Nirgends, weder in England, noch in Deutschland, noch in Spanien, noch in Italien hatte sie berauschendere Bälle, verschwenderischere Prachtgewänder gesehen. Also, sagte sie mit vor Bewunderung glühendem Gesichte, sei ihre Wahl jetzt getroffen, sie wolle Französin sein.

»Oh! Soldaten!« rief sie, »sehen Sie doch, Soldaten!«

Der Wagen, der durch die Altstadtstraße gefahren war, hielt am Ende der Liebfrauenbrücke, weil ein vorübermarschierendes Regiment ihm den Weg versperrte. Es waren Liniensoldaten, kleine Kerle, die wie Hammel marschierten, durch die Baumreihen etwas in Unordnung gebracht. Sie kamen vom Kettestehen; auf ihren Gesichtern lag die volle Glut der Nachmittagssonne, die Stiefel waren weiß von Staub, das Rückgrat beugte sich unter der Last des Tornisters und des Gewehres. Sie hatten sich unter den Stößen der Menge so gelangweilt, daß sie noch wie betäubt aussahen.

»Ich bete das französische Heer an«, sagte Clorinde entzückt und beugte sich vor, um besser zu sehen.

Rougon sah, wie aus dem Schlaf erwacht, ebenfalls hin. Das war die Macht des Kaiserreiches, die da im Staube der Straße hinzog. Allmählich staute sich eine große Menge Wagen auf der Brücke, aber die Kutscher warteten achtungsvoll, während prächtig gekleidete Gestalten lächelnd aus den Wagenfenstern blickten und die kleinen Soldaten bedauerten, die durch das lange Stehen ganz abgestumpft waren. Die im Sonnenschein blinkenden Gewehre erhöhten den Festesglanz.

»Da kommen die letzten, sehen Sie?« rief Clorinde wieder. »Eine ganze Reihe von Leuten, die noch keinen Bart haben. Wie niedlich sie sind!«

In einem Anfall von Zärtlichkeit warf sie den Soldaten mit beiden Händen Kußhändchen zu; doch verbarg sie sich ein wenig, um nicht gesehen zu werden. Es war eine Freude an der bewaffneten Macht, die sie sich gönnte. Rougon lächelte väterlich; es war für ihn ebenfalls die erste Freude des Tages.

»Was gibt es?« fragte er, als der Wagen endlich an der Ecke des Ufers einlenken konnte.

Eine beträchtliche Menschenmenge hatte sich auf dem Fußwege und der Fahrbahn angesammelt und zwang den Wagen von neuem zu halten. Eine Stimme aus dem Haufen antwortete:

»Ein Betrunkener, der die Soldaten beleidigt hat. Die Schutzleute haben ihn gefaßt.«

Als die Menschenmauer sich endlich öffnete, sah Rougon Gilquin volltrunken, von zwei Schutzleuten am Kragen gefaßt. Sein gelber Zwillichanzug hing ihm in Fetzen vom Leibe und ließ die bloße Haut sehen. Aber er blieb gemütlich mit seinem aus dem roten Gesichte herabhängenden Schnurrbart. Er duzte die Schutzleute und nannte sie »meine Lämmer!« Dann erklärte er ihnen, daß er den Nachmittag ganz ruhig in einem Kaffeehause nebenan mit sehr reichen Leuten verbracht habe. Man könne sich im Theater des Königspalastes erkundigen, wohin Herr und Frau Charbonnel »das Zuckerwerk der Taufe« zu sehen gegangen waren; sie würden gewiß nicht das Gegenteil sagen.

»Laßt mich doch los, Ihr Spaßvögel!« schrie er und reckte sich plötzlich auf. »Da ist das Kaffeehaus. Donnerwetter! kommt mit, wenn ihr mir nicht glaubt! ... Die Soldaten sind schuld, verstanden? Ein Kleiner lachte über mich, und ich habe ihn heimgeschickt, er solle sich schneuzen lassen. Aber das französische Heer beleidigen – niemals! ... Fragt den Kaiser nach Theodor, Ihr werdet sehen, was er sagen wird! ... Ah, verdammt! Ihr wäret mir gerade die Rechten!«

Die Menge lachte erheitert. Die beiden Schutzleute ließen jedoch unbeirrt nicht locker und schoben Gilquin der Martinstraße zu, in welcher man weiter hin die rote Laterne einer Polizeiwache erblickte. Rougon hatte sich schnell im Wagen zurückgelehnt, aber Gilquin erblickte ihn doch und erhob den Kopf. In seiner Trunkenheit wurde er schalkhaft und pfiffig. Er sah ihn blinzelnd an und sprach für sich:

»Genug, Kinder ... man könnte Lärm schlagen; aber man macht keinen, weil man Würde besitzt ... Na! Was sagt ihr? Ihr würdet die Pfote hübsch von Theodor lassen, wenn er mit Prinzessinnen spazieren fährt wie ein Bürger meiner Bekanntschaft. Man hat ebenso mit der vornehmen Welt gearbeitet und fein gearbeitet, man rühmt sich dessen in aller Bescheidenheit, ohne Tausende und Hunderte zu verlangen. Man kennt seinen eigenen Wert. Das tröstet einen über den kleinlichen Jammer ... Gotts Donner, sind denn Freunde keine Freunde mehr?« ...

Er redete jetzt ganz zärtlich, von Rülpsen unterbrochen. Rougon winkte vorsichtig einen Mann heran, der in einten langen Rock geknöpft neben dem Wagen stand, und den er kannte. Leise mit ihm sprechend gab er ihm Gilquins Wohnung an: Virginiestraße 17, bei Grenelle. Der Mann näherte sich den Schutzleuten, als wolle er ihnen helfen, den sich Sträubenden fortzuschaffen. Die Menge war jedoch sehr erstaunt, als sie sah, wie jene sich nach links wandten, Gilquin in einen Mietwagen warfen und den Kutscher das Gerberufer entlangfahren hießen. Gilquin aber schob seinen geschwollenen, zerrauften, dicken Kopf mit einem Grinsen des Triumphes noch einmal aus dem Fenster und brüllte:

»Hoch die Republik!«

Nachdem der Auflauf zerstreut war, nahmen die Ufer ihre Stille wieder an. Paris saß müde von der Begeisterung bei Tische; die dreihunderttausend Neugierigen, die sich dort zusammengedrängt, hatten die Gasthäuser am Strome und im Tempelviertel gestürmt. Auf den öden Fußwegen schleppten sich nur noch einige kreuzlahme Provinzleute hin, die nicht wußten, wo sie speisen sollten. Am Ufer klopften auf beiden Seiten der Waschanstalt die Wäscherinnen die letzten Wäschestücke mit verdoppelter Emsigkeit. Ein Sonnenstrahl vergoldete noch die Spitzen der jetzt stummen Liebfrauentürme hoch über den Häusern, die alle schon im Schatten lagen. In dem leichten Nebel, der von der Seine aufstieg, unterschied man unten auf der Spitze der St.-Ludwig-Insel, in dem Grau der Hausfronten nichts mehr als den riesigen Überrock, diese ungeheuerliche Reklame, die an einen Nagel des Horizontes die Hülle eines Titanen aufzuhängen schien, dessen Glieder der Blitz verzehrt hat.

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