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Seine Exzellenz Eugène Rougon

Emile Zola: Seine Exzellenz Eugène Rougon - Kapitel 15
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typefiction
authorEmile Zola
titleSeine Exzellenz Eugène Rougon
publisherBenjamin Harz Verlag
seriesDie Rougon-Macquart
volumeBand VI
year1923
translatorArmin Schwarz
correctorreuters@abc.de
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Vierzehntes Kapitel

Drei Jahre später fand an einem Märztage im gesetzgebenden Körper eine sehr stürmische Sitzung statt. Man erörterte daselbst zum ersten Male die Adresse.

Am Büfett saßen Herr La Rouquette und Herr von Lamberthon, ein alter Abgeordneter, der Gatte einer reizenden Frau, einander gegenüber und tranken ruhig Grog.

»Wollen wir nicht in den Saal zurückkehren?« fragte Herr von Lamberthon, die Ohren spitzend. »Ich glaube, es geht drinnen heiß her.«

Man hörte von Zeit zu Zeit ein fernes Getöse, einen Sturm von Stimmen, einem plötzlichen Windstoße gleichend; dann trat wieder tiefe Stille ein. Herr La Rouquette rauchte mit vollkommener Sorglosigkeit weiter und antwortete:

»Nein, lassen Sie; ich will meine Zigarre zu Ende rauchen ... Man verständigt uns schon, wenn man unser bedarf.«

Sie saßen allein an dem Büfett in einem zierlich eingerichteten kleinen Saale, der einem Café glich und im Hintergrunde des schmalen Gartens lag, der die Ecke des Burgunder Ufers und der gleichnamigen Straße bildet. Zartgrün gestrichen, mit einem Geflechte von Bambus bedeckt, in breiten Bogenfenstern sich auf die Dickichte des Gartens öffnend, glich der Raum einem Treibhause, das anläßlich eines Festes in ein Büfett verwandelt worden, mit seinen Spiegelwänden, seinen Tischen, seinem Pulte von rotem Marmor, seinen mit grünem Rips gepolsterten Sitzbänken. Eines der Bogenfenster war offen und gestattete dem schönen Nachmittagswetter freien Eintritt, einer Frühlingswärme, welche die von der Seine kommende lebhafte Brise erfrischte.

»Der italienische Krieg hat seinem Ruhme die Krone aufgesetzt«, sagte Herr La Rouquette, ein unterbrochenes Gespräch fortsetzend. »Indem er heute dem Lande seine Freiheit wiedergibt, zeigt er die Vollkraft seines Genies.«

Er sprach vom Kaiser. Seit einer Weile redete er in überschwänglichen Ausdrücken von den Novemberbeschlüssen, von der unmittelbaren Teilnahme der großen Staatskörperschaften an der Politik des Herrschers, von der Ernennung der Minister ohne Portefeuille, die berufen waren, die Regierung in den Kammern zu vertreten. Es war die Rückkehr der verfassungsmäßigen Regierung in allen gesunden und heilsamen Fragen. Eine neue Zeit begann: die liberale Regierung. Von Bewunderung hingerissen, klopfte er die Asche von seiner Zigarre.

Herr von Lamberthon schüttelte den Kopf.

»Es ist ein wenig zu rasch vorwärtsgegangen«, sagte er leise. »Man hätte noch warten können, es drängte nicht.«

»Doch, doch, es mußte etwas geschehen«, sagte der junge Abgeordnete. »Darin liegt eben das Genie.«

Er dämpfte die Stimme und erklärte die politische Lage mit tiefen, bedeutungsvollen Blicken. Die Hirtenbriefe der Bischöfe über die Frage der weltlichen Macht des Papstes, die von der Turiner Regierung bedroht wurde, beunruhigten den Kaiser sehr. Anderseits regte sich die Gegnerschaft; das Land war in einer Krise. Es war der Augenblick gekommen, die Parteien zu versöhnen, die schmollenden Politiker an sich zu ziehen, indem man ihnen kluge Zugeständnisse machte. Er fand jetzt das absolute Kaiserreich sehr mangelhaft und gestaltete das liberale Kaiserreich zu einer glänzenden Erscheinung, von der ganz Europa erleuchtet werden sollte.

»Gleichviel, er hat zu rasch gehandelt«, wiederholte Herr von Lamberthon, noch immer das Haupt schüttelnd. »Ich höre wohl: das liberale Kaiserreich; aber das ist das Unbekannte, lieber Herr; das Unbekannte, das Unbekannte.

Er sagte dieses Wort in drei verschiedenen Tonarten und fuchtelte dabei mit der Hand durch die Luft. Herr La Rouquette fügte nichts hinzu, er trank seinen Grog aus. Die beiden Abgeordneten saßen einen Augenblick da, die Blicke in der Ferne verloren, durch das offene Bogenfenster zum Himmel emporschauend, als suchten sie das Unbekannte jenseits des Ufers, in der Richtung der Tuilerien, wo große Massen grauer Dämpfe schwebten. Hinter ihnen in der Tiefe der Wandelgänge erbrauste von neuem der Sturm der Stimmen mit dem dumpfen Getöse eines herannahenden Gewitters.

Herr von Lamberthon wandte den Kopf, von Unruhe ergriffen. Nach einer Weile fragte er:

»Wird Rougon antworten?«

»Ja, ich glaube«, antwortete Herr La Rouquette mit gespitzten Lippen und verschwiegener Miene.

»Rougon war sehr kompromittiert«, brummte der alte Abgeordnete, »und der Kaiser hat eine seltsame Wahl getroffen, indem er ihn zum Minister ohne Portefeuille ernannte und damit betraute, seine neue Politik in der Kammer zu vertreten.«

Herr La Rouquette sagte nicht sogleich seine Ansicht. Mit einer langsamen Bewegung der Hand zwirbelte er seinen blonden Schnurrbart. Endlich sagte er:

»Der Kaiser kennt Rougon.«

Dann rief er mit veränderter Stimme:

»Diese Grogs waren nicht sonderlich gut ... Ich habe einen Teufelsdurst; ich möchte ein Glas Sirup trinken.«

Er bestellte ein Glas Sirup. Herr von Lamberthon zögerte und entschloß sich endlich zu einem Madeira. Dann sprachen sie von Frau von Lamberthon; der Gatte warf dem jungen Kollegen die Seltenheit seiner Besuche vor. Dieser hatte sich auf dem gepolsterten Sitzbänkchen zurückgelehnt und betrachtete sich von der Seite in einem der Spiegel, ergötzte sich an dem Zartgrün der Wände dieses hellen Raumes, der einer Laube im Stile Pompadour glich, die in einer Lichtung eines fürstlichen Waldes errichtet und für Liebesrendezvous bestimmt war.

Jetzt kam ein Saalhüter atemlos herbeigeeilt.

»Herr La Rouquette, man verlangt nach Ihnen sofort!« meldete er.

Und als der junge Abgeordnete eine verdrießliche Handbewegung machte, neigte er sich zu seinem Ohre und flüsterte ihm zu, er sei von Herrn von Marsy selbst, dem Präsidenten der Kammer, gesandt worden. Dann fügte er laut hinzu:

»Kurz: man bedarf jetzt aller; kommen Sie rasch!«

Herr von Lamberthon eilte in den Sitzungssaal. Herr La Rouquette schickte sich an, ihm zu folgen, doch besann er sich eines andern. Er kam auf den Einfall, die draußen sich ergehenden Abgeordneten zu sammeln und auf ihre Plätze zu schicken. Vor allem eilte er in den Konferenzsaal; dies war ein schöner Saal mit Oberlicht, wo ein riesiger Kamin von grünem Marmor stand, geschmückt mit zwei nackten, liegenden Frauengestalten von Marmor. Obgleich der Nachmittag warm war, brannten Holzklötze in dem Kamin. An dem großen Tische schlummerten drei Abgeordnete mit offenen Augen, die Wandgemälde und die berühmte Uhr, die nur einmal im Jahre aufgezogen wird, betrachtend; ein vierter wärmte sich vor dem Kamin die Lenden und schien mit gerührten Blicken eine Gipsfigur Heinrichs IV. zu bewundern, die sich von einer Sammlung Fahnen abhob, die man bei Marengo, Austerlitz und Jena erbeutet hatte. Auf den Ruf ihres Kollegen, der einem nach dem anderen zuschrie: »Rasch, rasch in die Sitzung, meine Herren!« – fuhren sie wie aus dem Schlafe auf und verschwanden der Reihe nach.

Von seinem Eifer fortgerissen, lief Herr La Rouquette jetzt nach der Bibliothek; doch in einer Regung der Vorsicht machte er kehrt, um einen Blick in den Raum zu werfen, wo die Waschbecken aufgestellt werden. Herr von Combelot stand vor einem großen Waschbecken, in das er seine Hände tauchte, um sie nachher sanft zu reiben, wohlgefällig über ihre Weiße lächelnd. Der Ruf erregte ihn nicht besonders; er kehrte ruhig zu seinem Waschbecken zurück. Dann nahm er sich die Zeit, sich langsam die Hände zu trocknen mit Hilfe eines warmen Handtuches, das er in die mit Messingtüren versehene Wärmeröhre zurücklegte. Dann begab er sich vor einen hohen Spiegel am Ende des Ganges, zog einen kleinen Kamm aus der Tasche und kämmte seinen schönen schwarzen Bart.

Die Bibliothek war leer. Die Bücher schlummerten in ihren Eichenschränken; die zwei großen Tische waren leer und dehnten sich unter ihren grünen Decken dahin. An den Lehnen der in genauer Ordnung aufgestellten Armsessel hingen die aufklappbaren Lesepulte, mit grauem Staube bedeckt, hernieder. Inmitten der tiefen Stille, in der Verlassenheit dieser Galerie, die von einem Papiergeruch erfüllt war, sprach Herr La Rouquete ganz laut, indem er die Türe zufallen ließ:

»Da ist niemals einer!«

Jetzt stürzte er sich in die lange Reihe von Gängen und Sälen. Er ging in den Saal, wo die Schriftstücke verteilt wurden. Der Saal war mit pyrenäischem Marmor ausgelegt und die Schritte hallten da wie unter einem Kirchengewölbe. Ein Türsteher teilte Herrn La Rouquette mit, daß ein ihm befreundeter Abgeordneter, Herr de la Villardière, einem Herrn und einer Dame das Haus zeige. Da setzte er sich in den Kopf, seinen Kollegen zu finden. Er lief in den Saal des Generals Foy, in diese in strengem Stile gehaltene Vorhalle, deren vier Standbilder: Mirabeau, General Foy, Bailly und Casimir Périer, Gegenstand der achtungsvollen Bewunderung aller Provinzbürger sind. Nebenan im Thronsaale entdeckte er endlich Herrn de la Villardière neben einer dicken Dame und einem dicken Herrn, Leuten aus Dijon. Der Herr war daselbst Notar und einer der einflußreichsten Wähler.

»Man verlangt nach Ihnen«, sagte Herr La Rouquette. »Rasch auf Ihren Posten!«

»Ja, sofort!« entgegnete der Abgeordnete.

Aber er konnte nicht loskommen. Unter dem mächtigen Eindruck, den der Prunk des Saales, die Vergoldungen, die Spiegelwände auf ihn übten, hatte der dicke Herr sein Haupt entblößt; und er ließ seinen »lieben Abgeordneten« nicht los, verlangte Aufklärungen über die Gemälde von Delacroix, über die Meere und Flüsse Frankreichs, die hohen, dekorativen Figuren, wie: Mediterraneum Mare, Oceanus, Ligeris, Rhenus, Sequana, Rhodanus, Garumua, Araris. Diese lateinischen Namen verwirrten ihn.

»Ligeris ist die Loire«, sagte Herr de la Villardière.

Der Notar von Dijon nickte lebhaft; er hatte begriffen. Inzwischen besichtigte seine Frau den Thron, einen über den übrigen wenig erhöhten Lehnsessel, der auf einer breiten Treppenstufe stand und mit einer Hülle bedeckt war. Stumm und andächtig stand die Dame einige Schritte von dem Thronsessel entfernt. Schließlich faßte sie Mut und trat langsam näher; verstohlen lüftete sie einen Zipfel der Hülle und betastete das vergoldete Holz, den roten Samt.

Herr La Rouquette durchsuchte jetzt den rechten Flügel des Palastes, die endlosen Gänge, die den Büros und Kommissionen vorbehaltenen Räume. Er kehrte durch den Saal der vier Säulen zurück, wo die jungen Abgeordneten vor den Statuen von Brutus, Solon und Lykurgus träumen, durchschritt den Wartesaal, durcheilte die Rundgalerie, eine Art niedriger Krypta, kahl wie eine Kirche, bei Tage und bei Nacht durch Gas erleuchtet. Außer Atem, die wenigen Abgeordneten, die er auf seiner Treibjagd zusammengelesen, mit sich schleppend, öffnete er breit eine goldgestirnte Tür von Mahagoniholz. Herr von Combelot mit seinen weißen Händen und seinem vornehm gekämmten Barte folgte ihm. Herr de la Villardiere, der sich seiner Besucher entledigt hatte, kam hinter ihnen. Alle stiegen hastig hinan und stürzten in den Sitzungssaal, wo die Abgeordneten in ihren Bänken aufrecht standen und mit ausgestreckten Armen einen Redner bedrohten, der ruhig auf der Tribüne stand, während der ganze Saal brüllte:

»Zur Ordnung! Zur Ordnung! Zur Ordnung!«

»Zur Ordnung! Zur Ordnung!« schrien Herr La Rouquette und seine Freunde noch lauter als die anderen, obgleich sie nicht wußten, wovon die Rede sei.

Der Lärm war furchtbar. Es war ein wütendes Stampfen, das Grollen eines Gewitters, hervorgerufen durch ein heftiges Klappern mit den Schreibpulten. Kreischende, überhelle Stimmen, wie aus Pickelflöten kommend, kreuzten andere, schnarrende, langgedehnte Stimmen, die den begleitenden Akkorden einer Orgel glichen. Zuweilen schien ein Stillstand in dem Gepolter eintreten zu wollen; dann hörte man einzelne Rufe:

»Das ist schändlich! Das ist unerträglich!«

»Er soll das Wort widerrufen!«

»Ja, ja, widerrufen Sie!«

Der hartnäckig wiederkehrende Ruf aber, dem das Stampfen mit den Füßen gleichsam ein Gleichmaß verlieh, lautete: »Zur Ordnung! Zur Ordnung!« Der Ruf kam immer wütender, immer schriller aus den trockenen Kehlen hervor.

Der Redner auf der Tribüne hatte die Arme gekreuzt und betrachtete ruhig die wütende Kammer, diese bellenden Gesichter und drohend geschwungenen Fäuste. Zweimal hatte er in der Meinung, daß Stille eingetreten sei, den Mund geöffnet, was nur eine Erneuerung des Gewitters, einen wahnsinnigen Wutausbruch herbeigeführt hatte. Der Saal krachte in allen Fugen.

Herr von Marsy, der aufrecht vor seinem Präsidentenstuhle stand mit der Hand am Schwengel der Glocke, läutete ununterbrochen; es war wie ein Sturmläuten inmitten eines Orkans. Seine hohe, blasse Gestalt bewahrte vollkommene Kaltblütigkeit. Er hielt einen Augenblick im Läuten inne, zog ruhig seine Manschetten hervor und fuhr dann fort zu läuten. Sein schwaches, spöttisches Lächeln, eine Art Zucken, das ihm eigentümlich war, spitzte die Winkel seiner feinen Lippen. Als die Stimmen sich dämpften, rief er in den Saal hinein:

»Meine Herren, erlauben Sie ...«

Es trat eine verhältnismäßige Stille ein.

»Ich fordere den Redner auf,« sagte der Präsident, »das Wort zu erklären, das er soeben gesprochen.«

Der Redner neigte sich vor, stützte sich auf den Rand der Tribüne und wiederholte seinen Satz mit einer eigensinnigen Bewegung des Kinns.

»Ich habe gesagt, daß der zweite Dezember ein Verbrechen war ...«

Er konnte nicht weitersprechen. Der Sturm brach von neuem los. Ein Abgeordneter mit vom Zorn entflammten Wangen schalt ihn einen Mörder; ein anderer schleuderte ihm eine so schwere, unflätige Beschimpfung zu, daß die Stenographen lächelten und sich hüteten, das Wort niederzuschreiben. Die Ausrufe kreuzten sich, deckten einander. Doch hörte man die dünne Stimme des Herrn La Rouquette heraus, der wiederholt rief:

»Er schmäht den Kaiser! Er schmäht Frankreich!«

Herr von Marsy machte eine würdevolle Handbewegung. Er setzte sich und sagte:

»Ich rufe den Redner zur Ordnung.«

Es folgte eine anhaltende Aufregung im Saale. Das war nicht mehr die schläfrige gesetzgebende Versammlung, die fünf Jahre früher einen Kredit von viermalhunderttausend Franken für die Taufe des kaiserlichen Prinzen bewilligt hatte. Auf einer Bank zur Linken beklatschten vier Abgeordnete das Wort, das ihr Kollege von der Tribüne herab gewagt hatte. Sie waren nunmehr ihrer fünf, die das Kaiserreich bekämpften. Sie erschütterten es durch ein fortwährendes Rütteln, verleugneten es, versagten ihm ihre Stimme mit einer Hartnäckigkeit der Verwahrung, deren Wirkung nach und nach das ganze Land empören mußte. Diese Abgeordneten standen aufrecht wie eine verschwindend kleine Gruppe inmitten einer erdrückenden Mehrzahl; mit unerschütterlichem Mute und dem Eifer ihrer Rachegelüste hielten sie den Drohungen, den vorgestreckten Fäusten, dem geräuschvollen Druck der Kammer stand.

Der ganze Saal schien verändert, vom Lärm widerhallend, von einem Fieberschauer erfaßt. Am Fuße des Tisches, wo der Präsident und die Schriftführer saßen, hatte man die Rednertribüne wiederaufgestellt. Die Kälte der Marmorwände, die prunkvollen Säulen des Halbkreises erwärmten sich an den glühenden Worten der Redner. Auf den staffelweise aufgestellten Bankreihen längs der rotgepolsterten Sitzbänke schien das Licht, welches durch das Glasdach senkrecht hereinfiel, inmitten der Stürme der großen Sitzungen Brände anzuzünden. Der Tisch des Präsidenten mit seinen streng stilisierten Feldern belebte sich durch die spöttischen und herausfordernden Bemerkungen des Herrn von Marsy, dessen genau geschnittener Leibrock, dessen dünne Taille eines erschöpften Lebemannes durch eine schmale Linie die antiken Figuren des Frieses unterbrachen, der hinter seinem Rücken angebracht war. Nur die bildlichen Gestalten der öffentlichen Ordnung und der Freiheit in ihren Nischen zwischen den Doppelsäulen bewahrten ihre toten Gesichter und ihre hohlen Augen steinerner Gottheiten. Was aber hauptsächlich Leben hierher brachte, war das Publikum, das in größerer Menge erschienene Publikum, das sich ängstlich vorneigte und mit voller Leidenschaft den Erörterungen folgte. Der zweite Stock der Galerie war wiederhergestellt worden. Die Journalisten hatten ihre besondere Tribüne. Ganz oben am Rande des goldüberladenen Karnieses streckten sich Köpfe vor; es war ein Hereinströmen der Menge, das von Zeit zu Zeit die Deputierten unruhig emporblicken ließ, als glaubten sie plötzlich das Getrappel einer aufrührerischen Menge zu hören.

Der Redner auf der Tribüne wartete inzwischen noch immer, daß er fortfahren könne. Mit einer Stimme, die von dem fortwährenden Gemurmel übertönt wurde, sagte er:

»Meine Herren, ich fasse das Gesagte zusammen ...«

Doch er hielt inne, um mit lauterer Stimme, den Lärm beherrschend, auszurufen:

»Wenn die Kammer mich nicht anhören will, steige ich unter Widerspruch von der Tribüne.«

»Reden Sie! Reden Sie!« schrie man von mehreren Bänken.

Eine schwerfällige, rostige Stimme brummte:

»Reden Sie nur, man wird Ihnen schon zu antworten wissen.«

Plötzlich herrschte Stille im Saale. In den Bankreihen und auf den Galerien streckte man die Hälse vor, um Rougon zu sehen, der diese Worte gesprochen hatte. Er saß in der ersten Bank, die Ellbogen auf die Marmorplatte des Pultes gestützt. Sein breiter Rücken bewahrte eine Unbeweglichkeit, die nur von Zeit zu Zeit durch ein leichtes Wiegen der Schultern unterbrochen wurde. Man sah sein Antlitz nicht, das zwischen seinen breiten Händen verschwand. Er hörte zu. Sein erstes Auftreten wurde mit lebhafter Neugierde erwartet; denn seit seiner Ernennung zum Minister ohne Portefeuille hatte er noch nicht das Wort ergriffen. Ohne Zweifel hatte er das Bewußtsein, daß alle Blicke auf ihn gerichtet seien. Er wandte den Kopf und schaute im Saale umher. Gegenüber auf der Gesandtengalerie saß Clorinde in violettem Kleide, an die Brüstung von rotem Samt gelehnt, und schaute ihn lange mit ihrer ruhigen Kühnheit an. So verharrten sie einige Sekunden, Aug' in Auge ohne ein Lächeln gleichsam fremd zueinander. Dann nahm Rougon seine frühere Stellung wieder ein und hörte zu, das Gesicht in den Händen vergraben.

»Meine Herren, ich fasse das Gesagte zusammen«, sprach der Redner. »Die Verfügung vom 24. November gibt dem Lande lediglich scheinbare Freiheiten. Wir sind noch weit entfernt von den neunundachtziger Grundsätzen, die so großartig an der Spitze der kaiserlichen Verfassung stehen. Wenn die Regierung mit den Ausnahmegesetzen ausgerüstet bleibt, wenn sie fortfährt, dem Lande ihre Kandidaten aufzunötigen, wenn sie die Presse nicht von der Zensur befreit, und wenn sie schließlich Frankreich noch immer in ihrer Gewalt behält, werden alle scheinbaren Zugeständnisse, die sie machen mag, lügenhaft sein ...«

Der Präsident unterbrach ihn.

»Ich kann es nicht gestatten, daß der Redner einen solchen Ausdruck gebrauche.«

»Sehr gut! Sehr gut!« rief man rechts.

Der Redner wiederholte seinen Satz, indem er seine Ausdrücke milderte. Er bemühte sich jetzt, sehr mäßig zu sein, drechselte schöne runde Sätze, die mit einem ernsten Stimmfall, in einer tadellos reinen Sprache zu Gehör kamen. Allein Herr von Marsy war jetzt hinter ihm her und bekämpfte jeden seiner Ausdrücke. Dann erhob er sich zu sehr hochfliegenden Erwägungen, zu unklaren Redewendungen voll hochtönender Worte, in die er seine Gedanken so geschickt einzuhüllen wußte, daß der Präsident ihn gewähren lassen mußte. Da kam er plötzlich zu seinem Ausgangspunkte zurück.

»Ich fasse das Gesagte zusammen. Ich und meine Freunde werden den ersten Absatz der Adresse, mit welcher die Kammer die Thronrede beantworten will, nicht annehmen ...«

»Man wird auf Ihre Stimmen verzichten«, rief ein Abgeordneter.

Eine geräuschvolle Heiterkeit folgte diesen Worten.

»Wir werden den ersten Absatz der Adresse nicht annehmen,« hub der Redner ruhig wieder an, »wenn unser Verbesserungsantrag abgelehnt wird. Wir können uns nicht übertriebenen Danksagungen verschließen, da der Gedanke des Staatsoberhauptes uns sehr rückhältig scheint. Es gibt nur eine Freiheit; man kann sie nicht zerschneiden und in Stücke verteilen wie ein Almosen.«

Hier wurden von allen Seiten des Saales Unterbrechungen laut.

»Eure Freiheit ist Zügellosigkeit!«

»Reden Sie nicht von Almosen! Ihr bettelt um eine ungesunde Volkstümlichkeit!«

»Ihr schneidet die Köpfe ab!«

»Unser Antrag«, fuhr der Redner fort, als höre er nichts, »fordert die Aufhebung des Gesetzes über die allgemeine Sicherheit, die Freiheit der Presse, die Befreiung der Wahlen von jedem Zwang ...«

Man lachte wieder. Ein Abgeordneter hatte – laut genug, um von seinen Nachbarn gehört zu werden – gesagt: »Magst warten, guter Mann! Nichts von allem wirst du bekommen!« Ein anderer hängte jedem Satze, der von der Tribüne fiel, drollige Worte an. Der größte Teil der Abgeordneten aber vergnügte sich damit, die Sätze des Redners mit Schlägen ihrer Papiermesser auf die Pulte zu begleiten; dies brachte eine Art Trommelgerassel hervor, in dem die Stimme des Redners unterging. Dieser kämpfte jedoch bis ans Ende. Er hatte sich aufgerichtet und schrie mit mächtiger Stimme über den Tumult hinweg die letzten Worte:

»Ja, wir sind Revolutionäre, wenn Sie darunter Männer des Fortschritts verstehen, welche die Freiheit zu erringen entschlossen sind. Verweigert dem Volke die Freiheit, und das Volk wird sich sie eines Tages holen.«

Und inmitten eines von neuem losbrechenden Lärmes stieg er von der Tribüne. Die Abgeordneten lachten nicht mehr wie eine Schar mutwilliger Schüler. Sie hatten sich erhoben, nach links gewendet und brüllten wieder: »Zur Ordnung! Zur Ordnung!« Der Redner hatte sich in seine Bank begeben und stand da, umgeben von seinen Freunden. Es entstand ein Gedränge; die Mehrheit schien auf die fünf Männer stürzen zu wollen, deren bleiche Gesichter sie herausforderten. Herr von Marsy aber war erzürnt und läutete mit hastiger Hand, den Blick nach den Galerien gerichtet, wo die Damen ängstlich zurückwichen.

»Meine Herren,« sagte er, »es ist ein Skandal ...«

Als Stille eingetreten, sagte er sehr laut, mit seinem schneidenden, befehlenden Tone:

»Ich will nicht einen zweiten Ordnungsruf aussprechen. Ich begnüge mich zu erklären, daß es wahrhaft skandalös ist, auf diese Tribüne Drohungen mitzubringen, welche sie entehren.«

Eine dreifache Beifallssalve begleitete diese Worte des Präsidenten. Man schrie Bravo, und die Papiermesser arbeiteten gut, diesmal um die Zustimmung zum Ausdruck zu bringen. Der Redner der Linken wollte antworten, doch seine Freunde hinderten ihn daran. Der Tumult legte sich und ging alsbald in dem Geräusche der einzelnen Gespräche unter.

»Das Wort erhält Seine Exzellenz Herr Rougon«, sprach Marsy ruhigeren Tones.

Ein Erbeben ging durch die Versammlung, ein Seufzer befriedigter Neugierde, die einer andächtigen Stille und Aufmerksamkeit Platz machte. Rougon mit seinen runden Schultern war schwerfällig die Tribüne hinangestiegen. Anfänglich warf er keinen Blick auf den Saal. Er legte ein Bündel Notizen vor sich hin, schob das Glas Zuckerwasser zurück und breitete die Hände aus, wie um von dem engen Kasten Besitz zu ergreifen. Endlich lehnte er sich an die Wand hinter ihm und erhob den Kopf. Er war nicht gealtert. Seine viereckige Stirne, seine große, wohlgeformte Nase, seine langen, faltenlosen Wangen bewahrten eine ruhig angehauchte Blässe, die frische Farbe eines kleinstädtischen Notars. Bloß seine dichtsitzenden, ergrauenden Haare lichteten sich an den Schläfen und ließen seine breiten Ohren frei. Mit halbgeschlossenen Augen blickte er in den Saal und wartete noch immer. Einen Augenblick schien er zu suchen; nachdem er dem aufmerksam vorgeneigten Gesichte Clorindens begegnet war, begann er mit schwerfälliger Stimme:

»Auch wir sind Revolutionäre, wenn man darunter Männer des Fortschrittes versteht, die entschlossen sind, dem Lande alle vernünftigen Freiheiten, eine nach der anderen, wiederzugeben ...«

»Sehr gut, sehr gut!«

»Meine Herren! Welche Regierung hat mehr als das Kaiserreich jemals die liberalen Reformen verwirklicht, deren verlockendes Programm Sie soeben entwerfen hörten? Ich werde die Ausführungen des geehrten Vorredners nicht bekämpfen. Es wird genügen, wenn ich den Beweis führe, daß das Genie und das große Herz des Kaisers den Forderungen der erbittertsten Gegner seiner Herrschaft zuvorgekommen sind. Ja, meine Herren, der Kaiser hat von selbst der Nation jene Macht zurückgegeben, mit der sie ihn an einem Tage der allgemeinen Gefahr bekleidet hat. Ein herrliches Schauspiel, so selten in der Geschichte! Wir begreifen sehr wohl den Ärger gewisser Umsturzmänner. Es bleibt ihnen nichts übrig, als die Absichten, das Maß der wiedergegebenen Freiheit zu bekämpfen ... Sie haben die große Tat vom vierundzwanzigsten November begriffen. Sie wollen in dem ersten Absatz der Adresse dem Kaiser Ihre tiefe Dankbarkeit für seine Großmut und sein Vertrauen zur Weisheit des gesetzgebenden Körpers ausdrücken. Die Annahme des Ihnen unterbreiteten Antrages wäre eine unbegründete Kränkung, eine schlechte Handlung. Gehen Sie mit Ihrem Gewissen zu Rate, meine Herren, und fragen Sie sich, ob Sie frei sind. Die Freiheit ist heute eine vollständige, ganze. Ich bürge dafür ...«

Lang anhaltendes Händeklatschen unterbrach den Redner. Er hatte sich langsam dem Rande der Tribüne genähert. Den Körper ein wenig vorgebeugt und den Arm ausgestreckt, erhöhte er jetzt seine Stimme, die mit außerordentlicher Kraft sich vernehmbar machte. Herr von Marsy lag hinter ihm in seinem Sessel und hörte ihm zu mit der Miene eines Dilettanten, der von der vortrefflichen Ausführung einer glänzenden Leistung entzückt ist. Inmitten des Beifallssturmes, der den Saal durchbrauste, sah man einzelne Abgeordnete die Köpfe überrascht zusammenstecken und mit gespitzten Lippen flüstern. Clorinde lehnte in ernster Haltung auf dem roten Samt der Brüstung.

Rougon fuhr fort:

»Die von uns allen ungeduldig erwartete Stunde hat endlich geschlagen. Es ist nicht mehr gefährlich, aus dem wohlhabenden Frankreich ein freies Frankreich zu machen. Die anarchistischen Leidenschaften sind tot. Die Energie des Herrschers und der feierliche Wille des Landes haben die abscheulichen Zeiten öffentlicher Verderbnis für immer in das Nichts zurückgestoßen. Die Freiheit ist möglich geworden an dem Tage, an dem jene Partei überwunden wurde, die hartnäckig die Grundlagen der Regierung verkannte. Darum glaubte der Kaiser seine mächtige Hand zurückziehen zu sollen; er wies die notwendigen Vorrechte der Macht als eine unnütze Last zurück und hielt seine Macht für unbestritten in dem Maße, daß er die Erörterung darüber zuließ. Er ist nicht vor dem Gedanken zurückgeschreckt, die Zukunft auf das Spiel zu setzen; er wird in seiner Befreiungsaufgabe bis ans Ende gehen; er wird die Freiheiten eine nach der andern wiedergeben an den Zeitpunkten, die seine Weisheit bestimmen wird. Dieses Programm eines unablässigen Fortschrittes ist's, das wir künftig in dieser Versammlung zu verteidigen haben ...«

Einer der fünf Abgeordneten der Linken erhob sich entrüstet und sagte:

»Sie waren der Minister der Unterdrückung bis aufs äußerste!«

Ein anderer fügte leidenschaftlich hinzu:

»Die Leute, die Gayenne und Lambessa bevölkerten, haben nicht das Recht, im Namen der Freiheit zu sprechen!«

Da entstand ein allgemeines Gemurmel. Viele Abgeordnete begriffen diese Ausrufe nicht und neigten sich zu ihre» Nachbarn um Aufklärung. Herr, von Marsy tat, als habe er nicht gehört und begnügte sich, den Zwischenrufern mit dem Ordnungsrufe zu drohen.

»Man hat mir soeben vorgeworfen ...« nahm Rougon wieder auf.

Doch von der Rechten erhoben sich Stimmen, die ihn hinderten fortzufahren.

»Nein, antworten Sie nicht«, riefen sie.

»Diese Schmähungen reichen nicht an Sie hinan!«

Er beruhigte die Kammer mit einer Handbewegung; indem er sich mit beiden Händen auf den Rand der Tribüne stützte, wandte er sich mit der Miene eines in die Enge getriebenen Ebers gegen die Linke.

»Ich werde nicht antworten«, erklärte er ruhig.

Doch das war nur die Einleitung. Obgleich er versprochen hatte, die Ausführungen des Redners von der Linken nicht zu widerlegen, trat er doch in eine genaue Erörterung ein. Er begann mit einer vollständigen Auseinandersetzung mit den Gründen seines Gegners, tat es mit einer Unparteilichkeit, die eine ungeheuere Wirkung machte, gleichsam geringschätzig gegen alle diese Gründe und bereit, sie mit einem Hauche wegzublasen. Dann schien er ganz zu vergessen, sie zu bekämpfen; er antwortete auf keinen dieser Gründe; er warf sich auf den schwächsten unter ihnen mit einer unerhörten Heftigkeit, mit einer Flut von Worten, in denen dieser Grund unterging. Man klatschte Beifall, er triumphierte. Sein großer Körper füllte die Tribüne aus. Seine Schultern folgten in ihrem Wiegen dem Schweben seiner Sätze. Er besaß eine alltägliche, fehlerhafte, von Rechtsfragen starrende Beredsamkeit; er blies die Gemeinplätze auf und ließ sie als Donnerschläge platzen. Er grollte und drohte mit nichtssagenden Worten. Seine einzige rednerische Überlegenheit bestand in seinem Atem, einem unermeßlichen, unermüdlichen Atem, der stundenlang prächtig dahinfloß, unbekümmert darum, was er trug.

Nachdem Rougon eine Stunde ohne Unterbrechung gesprochen, trank er einen Schluck Zuckerwasser und holte ein wenig Atem, während er die vor ihm liegenden Notizen ordnete.

»Ruhen Sie aus!« sagten mehrere Abgeordnete.

Doch er fühlte keine Ermüdung und wollte schließen.

»Was verlangt man von Ihnen, meine Herren?«

»Hört! hört!«

Tiefe Stille trat wieder ein, und alle Gesichter wandten sich in stummer Aufmerksamkeit zu ihm. Bei gewissen Ausbrüchen seiner Stimme ging eine Bewegung durch die Kaminer, als fege ein Wind über die Versammlung hin.

»Man verlangt von Ihnen, meine Herren, daß Sie das Gesetz über die allgemeine Sicherheit abschaffen sollen. Ich will nicht an die für immer fluchwürdige Stunde erinnern, da dieses Gesetz eine notwendige Waffe gewesen; es galt das Land zu beruhigen, Frankreich vor einem neuen Zusammenbruch zu retten. Heute steckt die Waffe in der Scheide. Die Regierung, die sich ihrer stets mit der größten Klugheit, ja, mit der größten Mäßigung bedient hat ...«

»Das ist wahr!«

»... sie wendet sie nur mehr in gewissen Ausnahmsfällen an. Das Gesetz bedroht niemanden mehr, höchstens die Widersacher, die noch die sträfliche Torheit nähren, zu den schlimmsten Tagen unserer Geschichte zurückzukehren. Besuchen Sie unsere Städte, unsere Dörfer. Sie werden überall den Frieden und Wohlstand finden; fragen Sie die Männer der Ordnung: Keiner fühlt auf seinen Schultern die Last jener Ausnahmegesetze, die man uns als ein großes Verbrechen anrechnet. Ich wiederhole es: in den Händen der Regierung schützen sie nach wie vor die Gesellschaft gegen abscheuliche Anschläge, die übrigens künftig unmöglich von Erfolg sein können. Die ehrlichen Leute haben keinen Grund, sich wegen dieser Gesetze Sorgen zu machen. Lassen wir sie ruhen, wo sie sind, bis zu dem Tage, da der Herrscher selbst sie abzuschaffen für gut finden wird ... Was verlangt man weiter von Ihnen, meine Herren? Die Befreiung der Wahlen von jedem Zwang, die Freiheit der Presse, alle erdenklichen Freiheiten. Ach, lassen Sie mich hier verweilen im Anblick all der großen Dinge, die das Kaiserreich bereits vollbracht hat. Rings um mich her, wohin ich auch meine Augen wende, sehe ich die öffentlichen Freiheiten wachsen und herrliche Früchte tragen. Ich bin tief bewegt, Frankreich, das so erniedrigt gewesen, erhebt sich, bietet der Welt das Beispiel eines Volkes, das seine Befreiung durch seine gute Aufführung erringt. Die Tage der Prüfung sind nunmehr vorüber. Es ist keine Rede mehr von einer Diktatur, von einer Willkürherrschaft. Wir alle sind Arbeiter der Freiheit ...«

»Bravo! Bravo!«

»Man verlangt die Befreiung der Wahlen von jedem Zwange. Ist das allgemeine Stimmrecht, auf der breitesten Grundlage angewendet, nicht die erste Daseinsbedingung des Kaiserreiches? Allerdings empfiehlt die Regierung ihre Kandidaten. Aber unterstützt nicht auch die Revolution die ihrigen mit einer dreisten Kühnheit? Man greift uns an, wir verteidigen uns; nichts ist billiger. Man möchte uns knebeln, uns die Hände binden, uns zu einem Leichnam machen. Das werden wir uns niemals gefallen lassen. Aus Liebe für das Land werden wir immer da sein, um ihm zu raten und. ihm zu sagen, wo seine wahren Interessen liegen. Das Land bleibt übrigens unumschränkter Herr seines Schicksals. Es stimmt ab, und wir beugen uns vor seiner Stimme. Die Mitglieder der Opposition, die dieser Versammlung angehören, wo sie volle Freiheit genießen, sind ein Beweis unserer Ächtung vor den Entscheidungen des allgemeinen Stimmrechts. Wenn das Land mit erdrückenden Mehrheiten das Kaiserreich verlangt, mögen die Revolutionäre sich an das Land halten ... Im Parlamente sind heute alle Hindernisse einer freien Kontrolle beseitigt. Der Herrscher wollte den großen Staatskörperschaften einen mehr unmittelbaren Anteil an seiner Politik einräumen und einen deutlichen Beweis seines Vertrauens geben. Sie können künftig die Handlungen der Regierung erörtern, Verbesserungsanträge stellen, begründete Beschlüsse fassen. Jedes Jahr wird die Adresse gleichsam ein Stelldichein zwischen dem Kaiser und den Vertretern der Nation sein, wo diesen die Möglichkeit geboten ist, alles frank und frei herauszusagen. Aus der öffentlichen Erörterung gehen die starken Staaten hervor. Die Rednertribüne ist wiederhergestellt, diese Tribüne, die durch so viele Redner berühmt geworden, deren Namen die Geschichte verzeichnet hat. Ein Parlament, das frei sprechen kann, ist ein Parlament, das arbeitet. Wollen Sie meinen vollen Gedanken kennenlernen? Ich bin glücklich, hier eine Gruppe von gegnerischen Abgeordneten zu sehen. So wird es doch immer Gegner unter uns geben, die bemüht sind, uns Fehler vorzuhalten, und so unsere Rechtschaffenheit in das volle Licht rücken. Wir fordern für sie die weitestgehende Unverletzlichkeit. Wir fürchten weder die Leidenschaft, noch den Skandal, noch die Mißbräuche des Wortes, so gefährlich sie auch sein mögen ... Was die Presse betrifft, meine Herren, so hat sie sich nie einer vollständigeren Freiheit erfreut, unter keiner Regierung, die entschlossen war, sich selbst zu achten. Alle großen Fragen, alle ernsten Interessen haben ihre Organe. Die Staatsverwaltung bekämpft nur die Verbreitung verderblicher Lehren, die Fortpflanzung des Giftes. Aber, verstehen Sie mich wohl, wir sind voll Achtung vor der rechtschaffenen Presse, welche die laute Stimme der öffentlichen Meinung ist. Sie unterstützt uns in unserer Aufgabe; sie ist das Werkzeug des Jahrhunderts. Wenn die Regierung sie in ihre Hände genommen hat, so geschah es nur, um sie nicht in den Händen ihrer Feinde zu lassen ...«

Ein zustimmendes Gelächter wurde hörbar. Rougon näherte sich indes dem Ende seiner Rede. Er packte das Holz der Tribüne mit seinen gekrümmten Fingern. Er beugte seinen Leib vor und fegte mit. seinem rechten Arme durch die Luft. Geräuschvoll wie ein wilder Strom rauschte seine Stimme dahin. Plötzlich schien er inmitten seiner Freiheitsschilderung von einer keuchenden Wut erfaßt zu sein. Seine ausgestreckte Faust, gleich einem Sturmbock vorgeschleudert, schien jemanden in der Luft zu bedrohen. Dieser unsichtbare Widersacher war das rote Gespenst. In einigen dramatischen Phrasen zeigte er das rote Gespenst, wie es sein blutiges Banner schüttelte, die Brandfackel umhertrug, Bäche von Blut hinter sich zurücklassend. Das Sturmläuten der Tage der Empörung klang aus seiner Stimme heraus mit dem Zischen der Kugeln, dem Plündern der Kassen der Bank, dem gestohlenen und aufgeteilten Gelde der Bürger. Die Abgeordneten auf ihren Bänken erbleichten. Dann ward Rougon wieder ruhiger und mit lauten Lobeserhebungen auf den Kaiser, die klangen wie das Schwingen eines Räucherfasses, schloß er seine Rede.

»Gott sei Dank, wir stehen unter dem Schutze dieses Fürsten, den die Vorsehung auserkoren hat, um uns zu retten an einem Tage unendlicher Barmherzigkeit. Im Schutze seiner hohen Weisheit dürfen wir uns der Ruhe und Zuversicht hingeben. Er hat uns bei der Hand genommen und führt uns zwischen Klippen hindurch Schritt für Schritt nach dem sicheren Hafen.«

Ein Jubel des Beifalls begleitete diese Worte. Die Sitzung wurde auf zehn Minuten unterbrochen. Die Abgeordneten drängten sich dem Minister entgegen, der sich in seine Bank begab, schweißtriefend und heftig atmend. Herr La Rouquette, Herr von Combelot und hundert andere beglückwünschten ihn, streckten den Arm aus, um im Vorübergehen einen Händedruck von ihm zu erlangen. Die Erschütterung im Saale schien fortzudauern. Auf den Galerien wurde lebhaft geredet und gestikuliert. Unter dem sonnenhellen Glasdache zwischen den Vergoldungen und Marmorsäulen, dem ernsten Luxus, der die Mitte hielt zwischen einem Tempel und einem Geschäftszimmer, herrschte ein bewegtes Treiben wie auf einem öffentlichen Platze, ein Gelächter des Zweifels, Ausrufe des Erstaunens und der übertriebenen Bewunderung, das Geschrei einer von der Leidenschaft geschüttelten Menge. Die Blicke des Herrn von Marsy und Clorindens kreuzten sich, und beide nickten mit dem Kopfe; sie gestanden den Triumph des großen Mannes zu. Rougon hatte mit seiner Rede jene wunderbare Laufbahn begonnen, die ihn so hoch führen sollte.

Inzwischen hatte ein Abgeordneter die Tribüne bestiegen. Er hatte ein rasiertes, wachsbleiches Antlitz und lange, gelbe Haare, deren dünne Locken auf seine Schultern herniederfielen. Steif, ohne eine Gebärde, mit leiser Stimme las er von großen Blättern Papier das Manuskript einer Rede herunter. Die Saalbeamten riefen laut:

»Stille, meine Herren!«

Der Redner verlangte Aufklärungen von der Regierung. Er zeigte sich sehr gereizt wegen der zuwartenden Haltung Frankreichs angesichts des von Italien bedrohten heiligen Stuhles. Die weltliche Macht des Papsttums sei die heilige Arche, meinte er, und die Adresse solle den förmlichen Wunsch, ja eine Aufforderung zum vollen Schutze dieser weltlichen Macht enthalten. Die Rede erging sich in historischen Betrachtungen und wies nach, daß das christliche Recht mehrere Jahrhunderte vor den Verträgen vom Jahre 1815 die politische Ordnung in Europa festgestellt habe. Dann kamen Äußerungen einer entsetzten Beredsamkeit; der Redner sprach mit Schrecken davon, daß die alte europäische Gesellschaft inmitten der Zuckungen der Völker sich auflöse. Mitunter hörte man direkte Anspielungen auf den König von Italien, was jedesmal eine lebhafte Bewegung im Saale hervorrief. Rechts saß eine Gruppe von klerikalen Abgeordneten, nahezu hundert Mitglieder, die aufmerksam zuhörten, die mindesten Sätze mit Beifall begleiteten und jedesmal Beifall klatschten, wenn der Redner mit einem leichten Neigen des Kopfes den Papst nannte.

Der Abgeordnete auf der Tribüne schloß mit Worten, die mit lauten Bravorufen begleitet wurden.

»Es mißfällt mir,« sprach er, »daß Venezia die Herrliche, die Königin der Adria, die Vasallin Turins geworden.«

Rougon, dessen Nacken noch in Schweiß gebadet und dessen Stimme noch heiser war, der infolge seiner ersten Rede am ganzen, Körper gebrochen schien, bestand darauf, sogleich zu antworten. Es war ein schöner Anblick. Er machte Staat mit seiner Ermüdung und schleppte sich ordentlich zur Tribüne, wo er mit einigen kaum verständlichen Worten begann. Er beklagte sich mit Bitterkeit, unter den Gegnern der Regierung angesehene Männer zu finden, die bisher den kaiserlichen Einrichtungen so sehr ergeben waren. Es bestehe sicherlich ein Mißverständnis; sie könnten unmöglich die Reihen der Revolutionäre vergrößern, eine Macht erschüttern wollen, die unausgesetzt bemüht sei, den Triumph der Religion zu sichern. Dann wandte er sich an die Klerikalen und sprach zu ihnen mit einer schlauen Unterwürfigkeit wie zu mächtigen Widersachern, den einzigen, vor denen er zittere.

Doch allmählich hatte seine Stimme ihren ganzen Schwung wieder erlangt. Er erfüllte den Saal mit seinem Gebrüll und führte, mächtige Faustschläge gegen seine Brust.

»Man hat uns der Irreligiosität geziehen. Man hat gelogen! Wir sind das ehrfurchtsvolle Kind der Kirche und sind so glücklich zu glauben ... Ja, meine Herren, der Glaube ist unser Führer und unsere Stütze in dieser zuweilen so schweren Aufgabe der Regierung. Was sollte aus uns werden, wenn wir uns nicht den Händen der Vorsehung anheimgeben? Wir haben den einzigen Ehrgeiz, der demütige Vollstrecker ihrer Absichten, das gefügige Werkzeug des Willens des Herrn zu sein. Das ist's, was uns gestattet, unsere Stimme laut zu erheben und ein wenig Gutes zu tun ... Meine Herren, ich bin glücklich, mit dem ganzen Glaubenseifer meines katholischen Herzens hier mein Knie zu beugen vor dem Papst-Herrscher, vor dem erhabenen Greise, dessen wachsame und ergebene Tochter Frankreich bleiben wird.«

Das Beifallsklatschen wartete das Ende dieser Worte nicht ab. Der Triumph wurde zur Verherrlichung. Der Saal schien unter dem Jubel niederbrechen zu wollen.

An der Ausgangstür wartete Clorinde auf Rougon. Sie hatten seit drei Jahren kein Wort miteinander gewechselt. Als er erschien, verjüngt, gleichsam erleichtert, nachdem er in einer Stunde sein ganzes politisches Leben verleugnet hatte, und bereit, unter dem Schein des Parlamentarismus seinen wütenden Hunger nach Herrschaft zu befriedigen, folgte sie einer unwiderstehlichen Regung, trat mit ausgestreckten Händen auf ihn zu und sagte mit gerührten und zärtlich-feuchten Blicken:

»Sie sind doch ein gewaltiger Mann!«

 

Ende.

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