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Seine Exzellenz Eugène Rougon

Emile Zola: Seine Exzellenz Eugène Rougon - Kapitel 13
Quellenangabe
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typefiction
authorEmile Zola
titleSeine Exzellenz Eugène Rougon
publisherBenjamin Harz Verlag
seriesDie Rougon-Macquart
volumeBand VI
year1923
translatorArmin Schwarz
correctorreuters@abc.de
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Zwölftes Kapitel

Clorinde stand damals auf dem Gipfel ihrer Sonderlichkeiten und ihrer Macht. Sie blieb das exzentrische Mädchen, das Paris auf einem Mietgaule durchritt, um einen Mann zu suchen; aber das Mädchen war eine Frau geworden mit stärkerer Brust und festen Hüften, die bedächtig die seltsamsten Taten vollbrachte, nachdem sie ihren lange gehegten Traum erfüllt sah und eine Macht geworden war. Ihre endlosen Reisen nach den entlegensten Stadtvierteln, ihre Briefe, womit sie Frankreich und Italien überschwemmte, ihre beständige Berührung mit politischen Persönlichkeiten, in deren vertraute Kreise sie sich einzuschmeicheln wußte, diese ganze regel- und ziellose, lückenhafte Tätigkeit hatte ihr schließlich einen wirklichen, unbestreitbaren Einfluß verschafft. Sie brachte noch immer Ungeheuerlichkeiten, tolle Pläne und ausschweifende Hoffnungen vor, wenn sie ernst redete; sie führte noch immer ihre riesige, aufgeplatzte und mit Bindfaden wieder zusammengeheftete Mappe spazieren, sie trug sie wie ein Wickelkind in den Armen in einer so überzeugten Art, daß die Vorübergehenden lächelten, wenn sie sie in langen, schmutzigen Röcken so dahineilen sahen. Dennoch fragte man sie um Rat, fürchtete sie sogar. Niemand hätte genau sagen können, woher sie ihre Macht nahm, sie hatte entlegene, vielfache, unsichtbare Quellen, denen nachzuspüren sehr schwierig war. Man wußte höchstens Bruchstücke einer Geschichte, Anekdoten, die man sich ins Ohr flüsterte. Das Gesamtbild dieser sonderbaren Erscheinung war nicht zu fassen: verworrene Einbildungskraft, gesunder Menschenverstand, dem man das Ohr lieh, und ein prächtiger Körper, worauf vielleicht das ganze Geheimnis ihrer Herrschaft beruhte. Übrigens kam auf die unsichtbaren Triebfedern ihres Erfolges nicht viel an. Es genügte, daß sie herrschte, wenngleich als phantastische Herrscherin. Man neigte sich vor ihr.

Die junge Frau hatte um diese Zeit ihren selbsterrichteten Thron bestiegen. Sie vereinigte in ihrem Ankleidezimmer, wo schlecht getrocknete Waschbecken umherstanden, die ganze Politik der europäischen Höfe. Früher als die Gesandtschaften erhielt sie, ohne daß man ahnte auf welchem Wege, Nachrichten, ausführliche Berichte, worin sich die leisesten Pulsschläge des Lebens der Regierungen mitgeteilt fanden. Auch hatte sie einen Hof: Bankiers, Diplomaten und Vertraute, die kamen, um sie auszuholen. Die Bankiers huldigten ihr ganz besonders. Sie hatte einen von ihnen auf einmal hundert Millionen gewinnen lassen durch die bloße vertrauliche Mitteilung von einem bevorstehenden Ministerwechsel in einem Nachbarstaate. Sie verachtete diese Geschäfte der gemeinen Politik, sie teilte alles, was sie wußte, mit: den Klatsch der Diplomatie, den internationalen Tratsch der Großstädte, nur weil es ihr Vergnügen machte, zu sprechen und zu zeigen, daß sie zugleich Turin, Wien, Madrid, London, selbst Berlin und St. Petersburg überwachte. Dann war sie unerschöpflich, in Nachrichten über die Gesundheit der Könige, ihre Liebschaften, ihre Gewohnheiten, über die politischen Persönlichkeiten jedes Landes, über die Skandalchronik des kleinsten deutschen Herzogtums. Sie beurteilte die Staatsmänner mit einer Redensart, sprang unvermittelt vom Norden nach dem Süden, wühlte die Königreiche nachlässig mit den Fingernägeln auf, lebte da wie zu Hause, als ob die weite Erde mit ihren Städten und Bewohnern nur eine Spielzeugschachtel sei, deren Inhalt sie nach Belieben ordne. Wenn sie, vom Schwatzen erschöpft, schwieg, schnellte sie den Daumen gegen den Mittelfinger, daß es knackte, eine bei ihr beliebte Bewegung, die so viel heißen sollte als: alles das ist nicht das Schnappen eines Fingers wert.

Für den Augenblick lag ihr unter ihren zahllosen Beschäftigungen besonders eine Sache von größter Wichtigkeit am Herzen, worüber sie Stillschweigen beobachtete, ohne sich jedoch das Vergnügen gewisser Anspielungen versagen zu könnten. Sie wollte Venedig. Wenn sie von dem großen italienischen Minister sprach, nannte sie ihn vertraulich nur »Cavour«. Sie setzte hinzu: »Cavour wollte es nicht, aber ich wollte es, und er hat es eingesehen.« Sie schloß sich morgens und abends mit dem Ritter Rusconi in der Botschaft ein. Übrigens nahm »die Geschichte« jetzt einen guten Fortgang. Mit unstörbarer Seelenruhe, ihre schmale Götterstirne zurücklehnend und in einer Art Hellseherei redend, ließ sie unzusammenhängende Worte, Bruchstücke von Geständnissen fallen: eine geheime Zusammenkunft des Kaisers mit einem fremden Staatsmanne, den Entwurf eines Bundesvertrages, von dem noch einige Artikel ins reine zu bringen seien, Krieg im nächsten Frühjahre. An anderen Tagen war sie wütend, gab den Stühlen in ihrem Zimmer Fußtritte und stieß die Waschbecken um, daß sie schier zerbrachen; sie hatte den Zorn einer Königin, die, von einfältigen Ministern verraten, ihr Reich immer tiefer sinken sieht. An solchen Tagen streckte sie in tragischer Haltung ihren nackten wundervollen Arm nach Südosten, nach Italien aus und wiederholte: »Ah, wenn ich dort wäre, sollten sie gewiß nicht solche Dummheiten machen!«

Die Sorgen der hohen Politik hielten Clorinde nicht ab, auch allerlei andere Geschäfte zu treiben, in denen sie sich schließlich selbst zu verlieren schien. Man fand sie oft auf ihrem Bette sitzend, ihre riesige Mappe mitten auf der Decke ausgeleert und die Arme bis zu den Ellbogen in einem Papierhaufen vergraben, verwirrt, vor Wut weinend; sie fand sich in diesem Wust von losen Blättern nicht mehr zurecht, oder auch sie suchte irgendein verlegtes Aktenbündel, das sie endlich hinter einem Schranke, unter ihren alten Stiefeln oder ihrer schmutzigen Wäsche fand. Wenn sie ausging, um eine Angelegenheit zu erledigen, leitete sie unterwegs zwei bis drei andere ein. Ihre Maßnahmen verwirrten sich, sie lebte in beständiger Erregung und gab sich einem Wirbelsturme von Gedanken und Tatsachen hin unter sich unbekannten Tiefen und verwickelten, unergründlichen Ränken. Hatte sie den ganzen Tag lang Paris durchlaufen und kehrte sie abends, vom Treppensteigen wie zerschlagen, heim, mit den unerklärlichen Gerüchen der verschiedenen Orte, die sie betreten hatte, in den Falten ihrer Röcke, so hätte niemand die Hälfte der Geschäfte zu ahnen gewagt, die sie nach allen Teilen der Stadt führten; wenn man sie fragte, lachte sie und entsann sich nicht immer jedes einzelnen.

Um diese Zeit hatte sie den erstaunlichen Einfall, sich in einem Separatzimmer eines der großen Boulevardrestaurants niederzulassen. Ihr Haus, sagte sie, sei zu entlegen von allem, sie wolle ein Absteigequartier inmitten der Stadt haben, und richtete dort ihr Geschäftszimmer ein. Acht Wochen lang empfing sie dort, von den Kellnern bedient, welche die höchsten Persönlichkeiten: Beamte, Gesandte, Minister einführten. Sie ließ sie ganz gemächlich auf dem von den letzten Gästen des Karnevals eingedrückten Diwan Platz nehmen und blieb selbst vor dem Tische, der stets mit dem Tischtuch bedeckt, mit Brotkrumen und Papieren überhäuft war. Sie saß da wie ein General. Als sie eines Tages von einem Unwohlsein befallen wurde, war sie ganz ruhig zu den Dachzimmern hinaufgestiegen und hatte sich in der Kammer des Haushofmeisters, der sie bediente, zu Bett gelegt. Es war ein großer brauner Bursche, von dem sie sich umarmen ließ. Erst gegen Mitternacht hatte sie eingewilligt heimzukehren.

Delestang war trotz alledem glücklich; er schien die Launen seiner Frau zu übersehen. Sie hielt ihn jetzt völlig in der Hand und gebrauchte ihn nach ihrer Weise, ohne daß er sich nur erlaubt hätte zu murren. Sein Wesen machte ihn zu dieser Knechtschaft geeignet. Er befand sich bei dieser Preisgabe seines eigenen Willens zu wohl, als daß er sich je dagegen aufgelehnt hätte. Im vertrauten Verkehre war er es, der morgens, wenn sie ihn bei sich geduldet hatte, ihr beim Aufstehen allerlei kleine Dienste erwies, überall unter den Möbeln die verlorenen und nicht zueinander passenden Schuhe zusammensuchte und den ganzen Wäscheschrank durchwühlte, bis er ein Hemd ohne Löcher fand. Es genügte ihm, vor der Welt die Haltung des überlegenen und lächelnden Mannes zu wahren. Man achtete ihn fast, mit so heiterer Miene und so liebevollem Wohlwollen sprach er von seiner Frau.

Clorinde, zur allmächtigen Herrscherin geworden, hatte den Einfall, ihre Mutter aus Turin zurückkehren zu lassen; sie wünschte, daß die Gräfin Balbi in Zukunft die Hälfte jedes Jahres bei ihr verbringe. Es war ein plötzlicher Ausbruch kindlicher Zärtlichkeit. Sie stellte ein ganzes Stockwerk auf den Kopf, um die alte Frau ihren eigenen Zimmern so nahe wie möglich unterzubringen. Sie ließ sogar eine Verbindungstür zwischen ihrem Ankleidezimmer und der Schlafkammer ihrer Mutter herstellen. Besonders in Rougons Gegenwart gab sie ihrer Zärtlichkeit in italienisch übertriebenen Schmeichelworten Ausdruck. Wie konnte sie sich nur darein finden, so lange von der Gräfin getrennt zu leben, sie, die ihre Mutter vor ihrer Heirat nie auch nur eine Stunde lang verlassen hatte? Sie klagte sich der Hartherzigkeit an. Aber es war nicht ihre Schuld, sie hatte sich Ratschlägen, vermeintlichen Notwendigkeiten gefügt, deren Sinn sie noch jetzt nicht begriff. Rougon kam angesichts dieser Laune nicht aus der Fassung. Er schulmeisterte sie nicht mehr, bemühte sich nicht mehr, eine der vornehmsten Frauen von Paris aus ihr zu machen. Früher hatte sie die Leere seiner Tage ausfüllen können, als das Fieber seiner Untätigkeit ihm das Blut entzündete und in seinen Gliedern eines müßigen Kämpfers Begierden erweckte. Jetzt, da er mitten im Kampfe stand, dachte er nicht sonderlich an solche Dinge; seine geringe Sinnlichkeit war durch seine täglichen vierzehn Arbeitsstunden aufgezehrt. Er behandelte sie auch ferner freundlich mit einem Zuge jener Verachtung, die er den Frauen gewöhnlich bezeigte. Doch hingen seine Augen von Zeit zu Zeit an ihr, während die alte, noch immer nicht erloschene Leidenschaft in ihnen aufloderte. Sie blieb sein Laster, das einzige Stück sündigen Fleisches, das seine Ruhe störte.

Seit Rougon im Ministerium wohnte, wo seine Freunde ihn nicht mehr im vertrauten Kreise treffen zu können klagten, war Clorinde darauf versessen, sie bei sich zu empfangen. Allmählich wurde es ihnen zur Gewohnheit. Um deutlicher hervorzuheben, daß ihre Abende die Rougons ersetzen sollten, wählte sie dafür ebenfalls Sonntag und Donnerstag. Nur daß man bei ihr bis ein Uhr beisammenblieb. Sie empfing in ihrem Zimmer, da Delestang noch immer aus Furcht vor Fettflecken die Schlüssel zum großen Salon verwahrte. Da das Zimmer sehr klein war, ließ sie ihr Schlaf- und ihr Ankleidezimmer offen, so daß sich die ganze Gesellschaft oft hier inmitten der herumliegenden Lappen und Kleider zusammendrängte.

Am Donnerstage und Sonntage war Clorindens größte Sorge, früh genug heimzukehren, um hastig zu essen und dann ihre Gäste zu empfangen. Trotz der Anstrengungen ihres Gedächtnisses vergaß sie ihre Gäste zweimal so vollständig, daß sie wie aus den Wolken gefallen war, als sie, nach Mitternacht heimkehrend, so viele Menschen an ihrem Bette fand. Eines Donnerstags gegen Ende Mai kam sie ausnahmsweise schon gegen fünf Uhr heim; sie war zu Fuß ausgegangen und hatte vom Eintrachtsplatze her einen Platzregen über sich ergehen lassen, ohne einer Droschke die dreißig Sous für die Heimfahrt zu gönnen. Pudelnaß trat sie gleich in ihr Ankleidezimmer, wo ihre Kammerfrau Antonia, den Mund mit Konfekt beschmiert, sie entkleidete, über ihre Gewänder lachend, von denen es wie aus der Dachtraufe auf den Fußboden herabtroff.

»Es ist ein Herr da«, sagte endlich Antonia, indem sie sich niederbeugte, um ihrer Herrin die Schuhe auszuziehen. »Er wartet schon eine Stunde.«

Clorinde fragte, wie er aussehe. Die Kammerfrau, schlecht gekämmt und in fettigem Kleide, blieb am Boden hocken und zeigte ihre weißen Zähne in dem braunen Gesicht. Der Herr sei stark, blaß und von strengem Aussehen.

»Ah ja! Herr von Reuthlinger, der Bankier!« rief die junge Frau. »Es ist wahr, er sollte um vier Uhr kommen. Er soll warten ... Machen Sie mir ein Bad zurecht!«

Und sie streckte sich gemächlich in der Badewanne aus, die hinter einem Vorhang im Hintergrunde des Gemaches stand. Dort las sie die während ihrer Abwesenheit eingelaufenen Briefe. Nach einer guten halben Stunde erschien Antonia wieder und murmelte:

»Der Herr hat Sie heimkehren sehen. Er möchte Sie gerne sprechen.«

»Richtig, der Baron! Ich habe ihn ganz vergessen«, sagte Clorinde, sich mitten in der Wanne erhebend. »Kleiden Sie mich an!«

Sie hatte aber an diesem Abende unerhörte Toilettelaunen. Während sie sich sonst vernachlässigte, hatte sie zuweilen Anfälle von Vergötterung ihres Körpers. Dann erfand sie die ausgesuchtesten Putzmittel; nackt vor ihrem Spiegel stehend, ließ sie sich die Glieder mit Salben, Balsam, duftenden Ölen reiben, die nur sie kannte, und die, wie sie sagte, ihr ein befreundeter Diplomat in Konstantinopel beim Salbenhändler des Harems gekauft habe. Während Antonia sie einrieb, nahm sie die Haltung einer Statue an. Das sollte ihr eine weiße, glatte und gleich dem Marmor unzerstörbare Haut geben; besonders ein gewisses Öl, von dem sie selbst die Tropfen auf einen Lappen Flanell abzählte, hätte die wunderbare Eigenschaft, sofort die geringsten Runzeln zu beseitigen. Dann untersuchte sie ihre Hände und Füße auf das genaueste. Sie hätte sich einen ganzen Tag so anbeten können.

Nach dreiviertel Stunden jedoch, als Antonia ihr ein Hemd und einen Rock angelegt hatte, erinnerte sie sich plötzlich und rief:

»Und der Baron! ... Ah, um so schlimmer, lassen Sie ihn eintreten! Er weiß recht gut, wie eine Frau beschaffen ist.«

Herr von Reuthlinger wartete seit mehr als zwei Stunden, geduldig im Zimmer sitzend, die Hände über den Knien gefaltet. Blaß, kühl, sittenstreng, wartete der Bankier, der eines der größten Vermögen Europas sein nannte, in dieser Weise wöchentlich zwei-, dreimal im Vorzimmer Clorindens. Er lud sie selbst zu sich in seine keusche und frostig-strenge Wohnung, wo die Ausgelassenheit der jungen Frau die Diener bestürzt machte.

»Guten Tag, Herr Baron!« rief sie. »Ich lasse mich eben kämmen, schauen Sie nicht her!«

Sie blieb halb nackt sitzen, das Hemd war ihr von den Schultern geglitten. Die blassen Lippen des Barons verzogen sich zu einem nachsichtigen Lächeln, und er trat mit kalten und klaren Augen neben sie, um sie mit ausgesuchter Höflichkeit zu begrüßen.

»Sie kommen wegen Ihrer Nachrichten? Ich habe gerade etwas erfahren.«

Sie erhob sich und schickte Antonia hinaus, die ihr den Kamm im Haare stecken ließ. Sie mußte auch so noch fürchten belauscht zu werden, denn sie erhob sich, legte eine Hand auf seine Schulter und flüsterte ihm ins Ohr. Des Bankiers Augen ruhten, indem er ihr lauschte, auf ihrem Busen, der sich ihm entgegenstreckte, aber er sah ihn gewiß gar nicht; er nickte nur lebhaft.

»So!« schloß sie laut. »Jetzt können Sie gehen.«

Er ergriff wieder ihren Arm und zog sie an sich, um noch gewisse Erläuterungen zu erbitten. Er hätte nicht ungezwungener mit einem seiner Angestellten verfahren können. Als er ging, lud er sie für den folgenden Tag zum Essen ein; seine Frau langweile sich, weil sie so selten komme. Sie begleitete ihn bis zur Tür. Dann aber kreuzte sie die Arme über der Brust und rief, ganz rot:

»Ach, nicht übel, wie ich da mit Ihnen laufe!«

Dann trieb sie Antonia zur Eile an. Dieses Frauenzimmer wurde niemals fertig! Sie ließ ihr kaum Zeit, ihr das Haar zu machen, indem sie sagte, sie liebe die Trödelei bei ihrer Toilette nicht. Trotz der Jahreszeit wollte sie ein langes, schwarzes Samtkleid anziehen, eine Art weiter Bluse, die eine rote Seidenschnur um die Taille zusammenhalten sollte. Schon zweimal war ihr gemeldet worden, das Essen sei angerichtet. Als sie jedoch ihr Zimmer durchschritt, fand sie darin drei Herren, deren Anwesenheit an diesem Orte niemand ahnte. Es waren die drei politischen Flüchtlinge, die Herren Brambilla, Staderino und Viscardi. Sie schien keineswegs überrascht, ihnen da zu begegnen und fragte:

»Warten Sie schon lange?«

»Ja, ja«, erwiderten sie, langsam den Kopf wiegend.

Sie waren noch vor dem Bankier gekommen. Und sie hatten nicht das geringste Geräusch verursacht, da politisches Unglück sie schweigsam und bedächtig gemacht hatte. So kauten sie, auf demselben Sofa in gleicher Stellung nebeneinander sitzend, an ihren dicken, erloschenen Zigarren. Jetzt hatten sie sich erhoben und umgaben Clorinde. Es entwickelte sich eine leise und rasch geführte, in kurzen Worten sich bewegende Unterhaltung in italienischer Sprache. Sie schien ihnen Anweisungen zu geben. Einer trug in Geheimschrift Bemerkungen in ein Heft ein, während die beiden anderen, offenbar sehr erregt durch das, was sie gehört hatten, die behandschuhten Finger an den Mund preßten, um das Schreien zu unterdrücken. Dann gingen sie alle drei hintereinander hinaus; ihre Gesichter waren undurchdringlich.

An diesem Donnerstagabend sollte zwischen mehreren Ministern eine Konferenz in einer wichtigen Angelegenheit stattfinden; es hatte sich in einer Lebensfrage ein Streit erhoben. Als Delestang nach Tische ausging, versprach er Clorinde, Rougon mitzubringen. Sie zog ein schiefes Gesicht, als wolle sie ihm zeigen, daß ihr nichts daran liege, ihn zu sehen. Sie hatten sich noch nicht entzweit, aber sie nahm ihm gegenüber ein immer kühleres Benehmen an.

Gegen neun Uhr kamen Herr Kahn und Herr Béjuin als die ersten, gleich darauf Frau Gorreur. Sie fanden Clorinde in ihrem Zimmer, behaglich auf einem Ruhebett ausgestreckt. Sie klagte über eines jener unbekannten und seltsamen Übel, die sie von Zeit zu Zeit heimsuchten; diesmal mußte sie beim Trinken eine Fliege verschluckt haben, sie fühlte sie in ihrem Magen herumfliegen. In ihre große, schwarze Samtbluse gehüllt, den Oberkörper durch drei Kissen gestützt, war sie von einer königlichen Schönheit; mit dem blassen Gesichte und den nackten Armen schien sie eine jener Statuen, die träumend an Denkmälern liegen. Zu ihren Füßen griff Luigi Pozzo sanft in die Saiten einer Gitarre; er hatte die Malerei mit der Musik vertauscht.

»Bitte, setzen Sie sich 1« flüsterte sie. »Sie werden mich entschuldigen. Ich habe ein Tier im Magen, das, ich weiß nicht wie, hineingekommen ist ...«

Pozzo fuhr fort seine Gitarre zu zupfen, wozu er mit verzücktem Gesicht wie traumverloren sehr leise sang. Frau Correur rollte einen Sessel neben die junge Frau, Herr Kahn und Herr Béjuin fanden endlich leere Stühle. Das war nicht leicht, denn die fünf bis sechs Sitze des Zimmers verschwanden ganz unter Kleiderhaufen. Als nach fünf Minuten der Oberst und sein August kamen, mußten sie stehen.

»Kleiner,« sagte Clorinde zu August, den sie trotz seiner siebzehn Jahre noch immer duzte, »geh doch und hole zwei Stühle aus dem Ankleidezimmer.

Es waren Rohrstühle, von denen der Firnis ganz abgesprungen war, weil beständig feuchte Wäsche auf ihnen umherlag. Eine einzige Lampe, von einer rosa Papierspitze bedeckt, erleuchtete das Zimmer, eine zweite stand auf dem Toilettentische und eine dritte im Nebenraum, durch dessen große Tür man in dämmerige Tiefen sah, wie in Zimmer, worin nur Nachtlampen brennen. Das Schlafzimmer selbst, dessen einst malvenfarbene Tapete zu einem schmutzigen Grau geworden war, schien mit einem verhaltenen Dunste gefüllt, man konnte abgerissene Sesselecken, Staubschichten auf den Möbeln und einen großen Tintenfleck mitten auf dem Teppich nur undeutlich unterscheiden – ein Tintenfaß mußte dort hingefallen sein, dessen Inhalt das Getäfel schwarz bespritzt hatte; im Hintergrunde waren die Vorhänge des Bettes zugezogen, zweifellos um die Unordnung der Decken nicht sehen zu lassen. In diesem Schatten erhob sich ein scharfer Geruch, als ob alle Fläschchen des Ankleidezimmers offen geblieben seien. Clorinde bestand hartnäckig darauf, daß selbst in der warmen Jahreszeit nie ein Fenster geöffnet werde.

»Das riecht hier aber gut bei Ihnen«, bemerkte Frau Correur, um ihr ein Kompliment zu machen.

»Das kommt von mir, ich rieche gut«, versetzte die junge Frau kindlich.

Damit erzählte sie von den Essenzen, die sie vom Parfümlieferanten der Sultanin selbst bekomme. Sie hielt Frau Correur einen ihrer nackten Arme unter die Nase. Ihre schwarze Samtbluse hatte sich etwas verschoben, ihre Füße, die in roten Pantöffelchen staken, wurden sichtbar. Pozzo, berauscht, fast ohnmächtig durch die starken Düfte, die von ihr ausströmten, bearbeitete sein Instrument mit leichten Daumengriffen.

Nach einigen Minuten jedoch wandte sich das Gespräch auf Rougon, wie es jeden Donnerstag und jeden Sonntag geschah. Die Gesellschaft vereinigte sich nur, um diesen ewigen Gegenstand zu erschöpfen; es war ein dumpfer und wachsender Groll, ein Bedürfnis, sich durch endlose Klagen zu erleichtern. Clorinde gab sich nicht einmal die Mühe, sie aufzustacheln, sie brachten stets neue Beschwerden mit, unzufrieden, eifersüchtig, erbittert über alles, was Rougon für sie getan hatte, von einem heftigen Fieber der Undankbarkeit geschüttelt.

»Haben Sie den Dicken heute gesehen?« fragte der Oberst.

Jetzt war Rougon nicht mehr »der große Mann«.

»Nein«, erwiderte Clorinde. »Vielleicht sehen wir ihn heute abend; mein Mann ist darauf versessen, ihn mir zu bringen.«

»Ich bin heute nachmittag in einem Kaffeehause gewesen, wo sehr scharf über ihn geurteilt wurde«, nahm der Oberst wieder das Wort. »Man versicherte, daß er wanke und sich kaum noch acht Wochen werde halten können.«

Herr Kahn bemerkte mit geringschätziger Gebärde:

»Ich gebe ihm keine drei Wochen mehr ... Sehen Sie, Rougon ist nicht zum Regieren geschaffen, er liebt die Macht zu sehr, er berauscht sich daran, und dann haut er kreuz und quer, regiert mit Stockschlägen, mit einer empörenden Roheit ... Seit fünf Monaten hat er Ungeheuerlichkeiten vollbracht ...«

»Ja, ja,« unterbrach ihn der Oberst, »alle Arten von Gesetzesüberschreitungen, Ungerechtigkeiten, Widersinnigkeiten ... Er treibt einen wahren Mißbrauch ...«

Frau Correur drehte, ohne zu reden, die Finger in der Luft herum, um anzudeuten, es sei mit ihm nicht ganz richtig.

»Ganz recht«, nahm Herr Kahn, der diese Gebärde bemerkt hatte, wieder das Wort. »Sein Kopf steht nicht mehr ganz gerade, wie?«

Da man ihn ansah, glaubte auch Herr Béjuin etwas sagen zu müssen, er murmelte also:

»Rougon ist nicht klug, durchaus nicht klug.«

Clorinde betrachtete, den Kopf auf ihre Kissen gelagert, den Lichtkreis, den die Lampe an die Decke warf, und ließ sie schwatzen. Als sie schwiegen, sagte sie ihrerseits, um sie vorwärts zu treiben:

»Ohne Zweifel hat er Mißbrauch getrieben; aber er behauptet, alles, was man ihm vorwirft, nur in der Absicht getan zu haben, sich seine Freunde zu verbinden ... Ich sprach erst neulich mit ihm darüber. Die Dienste, die er Ihnen erwiesen hat ...«

»Uns! Uns?« riefen alle vier zugleich wütend.

Sie redeten durcheinander, sie wollten auf der Stelle protestieren. Aber Herr Kahn schrie am lautesten:

»Die Dienste, die er mir erwiesen hat – dieser Hohn! ... Ich habe zwei Jahre auf meine Konzession warten müssen, und das hat mich ruiniert! Es war ein glänzendes Geschäft, ist aber sehr faul geworden ... Wenn er mich so sehr liebt, weshalb kommt er mir jetzt nicht zu Hilfe? Ich habe ihn gebeten, beim Kaiser ein Gesetz zu erwirken, das die Verschmelzung meiner Gesellschaft mit der der Westbahn anordnet; er hat mir geantwortet, ich müsse warten ... Rougons Dienste, ah! die möchte ich sehen! Er hat nie etwas getan und kann nichts mehr tun!«

»Und ich, und ich,« fuhr der Oberst fort, Frau Correur das Wort abschneidend, »glauben Sie, daß ich ihm etwas verdanke? Er wird doch nicht von dem Kommandeurkreuz reden wollen, auf das ich fünf Jahre warten mußte ... Er hat August allerdings in seine Bureaus aufgenommen, aber das tut mir jetzt nicht wenig leid. Hätte ich August zur Industrie gehen lassen, bekäme er jetzt schon doppelt so viel. Dies Vieh von Rougon hat mir gestern erklärt, August vor anderthalb Jahren nicht befördern zu können. Wenn er so seinen Kredit für seine Freunde zugrunde richtet!«

Endlich gelangte Frau Correur dazu, sich zu erleichtern. Sie neigte sich zu Clorinde und begann:

»Sagen Sie, Madame, mich kann er doch nicht genannt haben? Niemals habe ich etwas von ihm erhalten. Seine Wohltaten soll ich erst noch kennenlernen. Er kann nicht soviel sagen, und wenn ich sprechen wollte ... Ich habe ihn für mehrere meiner Freundinnen um verschiedenes gebeten, das leugne ich nicht; ich bin gern gefällig. Eine Bemerkung habe ich dabei gemacht: alles, was er bewilligt, läuft übel ab, seine Gunst scheint den Leuten Unglück zu bringen. So diese arme Herminie Billecoq, eine ehemalige Schülerin von St. Denis, die ein Offizier verführt hat, und für die er eine Aussteuer beschafft hat. Heute früh kommt sie zu mir gelaufen und erzählt mir das Unglück: sie wird sich nicht verheiraten, der Offizier ist durchgebrannt, nachdem er die Mitgift verjuxt hat ... Verstehen Sie? Immer für andere, nie für mich. Ich habe mich in letzter Zeit entschlossen, als ich von Coulonges mit meiner Erbschaft zurückgekehrt bin, ihm die Machenschaften der Frau Martineau zu erzählen. Ich wollte bei der Teilung das Haus, worin ich geboren bin, und dieses Weib hat es für sich behalten ... Wissen Sie, was seine einzige Antwort war? Er hat mir dreimal wiederholt, er wolle sich mit dieser häßlichen Geschichte nicht mehr befassen.«

Inzwischen regte sich Herr Béjuin ebenfalls. Er stotterte.

»Mir ist es ebenso gegangen ... Ich habe ihn nie um etwas gebeten, niemals! Alles, was er hat tun können, ist gegen meinen Willen geschehen, ohne daß ich etwas davon wußte. Er benutzt unser Schweigen dazu, uns an sich zu reißen; ja, das ist der richtige Ausdruck: an sich zu reißen.«

Seine Stimme erstickte in einem Gemurmel. Alle vier fuhren fort zu nicken. Dann erhob Herr Kahn wieder feierlich seine Stimme:

»Die Wahrheit ist die: Rougon ist ein Undankbarer. Sie erinnern sich der Zeit, als wir alle in Paris uns müde rannten, um ihn zum Minister zu erheben. Wir waren seiner Sache so ergeben, daß wir darüber Speise und Trank vergaßen. In jener Zeit hat er eine Schuld auf sich genommen, die er sein ganzes Leben lang nicht abtragen kann. Donnerwetter! Heute fällt ihm die Dankbarkeit schwer, und er läßt uns laufen. So mußte es kommen!«

»Ja, ja, er schuldet uns alles!« riefen die anderen. »Er dankt es uns schön!«

Dann erdrückten sie ihn mit der Aufzählung ihrer Wohltaten; und sobald einer von ihnen schwieg, berichtete ein anderer eine noch gewichtigere Tat. Plötzlich jedoch vermißte der Oberst seinen Sohn, der nicht mehr im Zimmer war. In diesem Augenblick drang ein seltsames Geräusch aus dem Ankleidezimmer, eine Art sanftes, fortwährendes Plätschern. Der Oberst eilte hin, um nachzusehen, und fand August sehr eifrig bei der Badewanne beschäftigt, die Antonia auszuleeren vergessen hatte. Zitronenscheiben, die Clorinde für ihre Nägel gebraucht hatte, schwammen darin umher. August tauchte seine Finger hinein und beroch sie mit der Lüsternheit eines Schülers.

»Der Kleine ist unausstehlich!« sagte Clorinde halblaut. »Er schnüffelt überall umher.«

»Mein Gott!« fuhr Frau Correur sanft fort, die nur auf das Hinausgehen des Obersten gewartet zu haben schien, »was Rougon vor allem fehlt, ist der Takt ... So – unter uns gesagt, solange der gute Oberst nicht da ist – hat Rougon sehr unrecht getan, diesen jungen Menschen in das Ministerium aufzunehmen und sich dabei über die Vorschriften hinwegzusetzen. Man erweist seinen Freunden keine Dienste dieser Art; man verscherzt sich dadurch alle Achtung.«

Aber Clorinde unterbrach sie leise:

»Meine Liebe, sehen Sie doch nach, was sie da machen!«

Herr Kahn lächelte. Als Frau Correur gegangen war, flüsterte er seinerseits:

»Sie ist reizend! ... Der Oberst ist von Rougon wahrhaft überschüttet worden. Aber sie hat sich auch nicht zu beklagen. Rougon hat sich um ihretwillen in dieser ärgerlichen Geschichte mit dem Martineau stark kompromittiert. Er hat dabei sehr wenig Anstand gezeigt. Man begeht keinen Mord, um einer alten Bekanntschaft einen Dienst zu erweisen, nicht wahr?«

Er hatte sich erhoben, und trippelte hin und her. Dann ging er in das Vorzimmer, um seine Zigarrentasche aus dem Überrocke zu holen. Der Oberst und Frau Correur kehrten zurück, und ersterer sagte:

»Seht doch, Kahn hat sich davongemacht!«

Und ohne Übergang rief er:

»Wir hier können Rougon braun und blau schlagen. Nur Kahn, finde ich, sollte sich davon fernhalten. Ich mag herzlose Leute nicht leiden ... Ich wollte nicht davon reden. Aber in dem Café, wo ich heute nachmittag gewesen bin, sagte man es geradeheraus, Rougon werde stürzen, weil er seinen Namen zu dieser großartigen Spitzbüberei mit der Bahn von Niort nach Angers hergegeben hat. Man hat eine feine Nase in dieser Beziehung! Dieser dicke Schafskopf, der Sprengschüsse abfeuert und meilenlange Reden hält, worin er sich sogar erlaubt, den Kaiser einzubeziehen! ... Sehen Sie, liebe Freunde! Kahn hat uns da schön hineingeritten! Wie, Béjuin, sind Sie auch dieser Ansicht?«

Herr Béjuin nickte lebhaft. Er hatte schon seine ganze Zustimmung für Frau Correur und Herrn Kahn ausgegeben. Clorinde, den Kopf noch immer zurückgelehnt, unterhielt sich damit, in die Troddel ihres Gürtels zu beißen, die sie auf ihrem Gesichte herumtanzen ließ, wie um sich zu kitzeln, und öffnete ihre Augen weit, die schweigend ins Blaue hineinlachten.

»St!« hauchte sie.

Herr Kahn trat eben wieder ein, die Spitze einer Zigarre mit den Zähnen abbeißend. Er zündete sie an, was im Zimmer der jungen Frau erlaubt war, blies drei oder vier dicke Rauchwolken von sich und fuhr dann in der Unterhaltung fort:

»Kurz, wenn Rougon behauptet, seine Stellung erschüttert zu haben, um uns gefällig zu sein, so finde ich im Gegenteil, daß wir durch seine Gönnerschaft schrecklich bloßgestellt sind. Er hat eine rohe Art, jemanden zu befördern, daß man sich dabei die Nase an der Wand zerstößt ... Übrigens hat er es mit seinen Faustschlägen richtig dahin gebracht, wieder auf der Erde zu liegen. Ich danke dafür, ihm nochmals auf die Beine zu helfen! Wenn jemand seinen Einfluß nicht zu wahren weiß, hat er eben keine klaren Begriffe. Er kompromittiert uns, hören Sie, er kompromittiert uns! ... Ich habe wirklich nur zu schwere Verantwortlichkeiten auf mich genommen, ich gebe ihn auf.«

Er zögerte jedoch, seine Stimme wurde unsicher, während der Oberst und Frau Correur die Köpfe zusammensteckten, offenbar um nicht in die Lage zu kommen, sich ebenso unzweideutig auszusprechen. Schließlich war Rougon doch immer noch Minister; wenn man ihn verließ, mußte man eine andere allmächtige Stütze haben.

»Es gibt keine als den Dicken«, bemerkte Clorinde nachlässig.

Sie blickten sie an in der Erwartung einer förmlichen Zusage. Aber sie bewegte nur die Hand, als wolle sie um etwas Geduld bitten. Diese stillschweigende Verheißung eines neuen Einflusses, dessen Segnungen über sie niedergehen würden, war bei Lichte besehen der Hauptgrund ihrer Anhänglichkeit an die Donnerstage und Sonntage der jungen Frau. Sie witterten in diesem mit starken Gerüchen erfüllten Schlafzimmer einen nahen Triumph. Im Glauben, Rougon mit der Erfüllung ihrer ersten Wünsche abgenützt zu haben, erwarteten sie das Auftauchen einer jungen Macht, die auch ihre neuen, außerordentlich erweiterten und vermehrten Wünsche erfüllen werde.

Inzwischen hatte sich Clorinde von ihren Kissen erhoben. Auf die Lehne des Sessels gestützt, beugte sie sich plötzlich zu Pozzo hin und hauchte ihm laut lachend, als ob sie vor Freuden toll geworden wäre, etwas ins Ohr. Solche kindische Freudenausbrüche hatte sie, wenn sie sehr zufrieden war. Pozzo, dessen Hand auf der Gitarre eingeschlafen zu sein schien, warf den Kopf zurück, zeigte die Zähne eines schönen Italieners und schüttelte sich leicht, wie von ihrem schmeichlerischen Hauche gekitzelt, während die junge Frau noch lauter lachte, ihm noch stärker in den Nacken blies, damit er um Gnade bitten solle. Nachdem sie ihn in italienischer Sprache ausgezankt hatte, wandte sie sich an Frau Correur:

»Er muß singen, nicht wahr? ... Wenn er singt, höre ich auf zu blasen und lasse ihn in Ruhe. Er hat ein sehr hübsches Lied gedichtet.

Darauf baten alle um das Lied. Pozzo begann wieder auf seiner Gitarre zu klimpern, dann sang er, die Augen auf Clorinde gerichtet. Es war ein leidenschaftliches Flüstern, von leichten Griffen begleitet; die zitternd hingehauchten italienischen Worte verstand man nicht; beim letzten Verse, der ohne Zweifel eine Liebesklage enthielt, behielt Pozzo, dessen Stimme einen wehmütigen Klang angenommen hatte, mit einem Ausdrucke entzückter Verzweiflung den Mund offen.

Als er geendet hatte, klatschte man lebhaft Beifall. Warum wollte er diese reizenden Sachen nicht veröffentlichen? Seine Stellung als Diplomat sei kein Hindernis.

»Ich habe einen Hauptmann gekannt, von dem eine komische Oper aufgeführt wurde. Man hat ihn deshalb im Regiment nicht weniger gerne gesehen.«

»Ja, aber in der Diplomatie! ...« murmelte Frau Correur, den Kopf wiegend.

»Mein Gott, nein, ich glaube, Sie irren sich«, erklärte Herr Kahn. »Die Diplomaten sind Menschen wie andere. Mehrere treiben schöne Künste.«

Clorinde hatte Pozzo mit dem Fuße leicht in die Seite gestoßen und ihm zugleich halblaut einen Befehl erteilt. Er erhob sich, warf die Gitarre auf einen Haufen Kleider und ging hinaus. Als er nach fünf Minuten wiederkam, folgte ihm Antonia mit einem Tragbrett, worauf sich Gläser und eine Karaffe befanden; er selbst trug die Zuckerschale, die auf dem Brette nicht mehr Platz gefunden hatte. Niemals trank man bei der jungen Frau etwas anderes als Zuckerwasser; und die Vertrauten des Hauses wußten, daß sie es gern sah, wenn man nur Wasser trank.

»Nun, was gibt es?« fragte sie und wandte sich dem Ankleidezimmer zu, wo eine Tür kreischte.

Darauf rief sie, sich besinnend:

»Ach, es ist Mama! Sie war schon zu Bett gegangen.«

In der Tat war es die Gräfin Balbi, in ein schwarzes wollenes Hauskleid gehüllt; über den Kopf hatte sie einen Streifen Spitzen gebunden, dessen Enden in ihren Nacken hinabflatterten. Flaminio, der große, langbärtige Diener mit dem Räubergesicht, stützte sie von hinten, ja er trug sie fast in seinen Armen. Sie schien nicht gealtert zu sein, ihr weißes Gesicht bewahrte noch immer das beständige Lächeln der ehemaligen Schönheitskönigin.

»Warte Mama!« fuhr Clorinde fort. »Ich überlasse dir meinen Diwan; ich will mich auf das Bett legen. Ich fühle mich nicht wohl, ich habe ein Tier im Leibe. Eben fängt es wieder an, mich zu beißen.«

Es gab ein großes Durcheinander. Pozzo und Frau Correur geleiteten die junge Frau zu ihrem Bette, aber die Decken mußten erst abgeklopft und die Kissen erst aufgeschüttelt werden. Inzwischen legte sich die Gräfin Balbi auf den Diwan. Hinter ihr blieb Flaminio stehen, schwarz, stumm, die Anwesenden mit schrecklichen Blicken musternd.

»Es ist Ihnen doch gleich, ob ich mich hinlege, nicht wahr?« fragte die junge Frau. »Ich befinde mich im Liegen viel besser ... Ich schicke Sie wenigstens nicht fort, Sie müssen bleiben.«

Sie hatte sich ausgestreckt, den Ellbogen in ein Kissen versenkt, so daß ihre schwarze Bluse ein Teich von Tinte auf den weißen Kissen zu sein schien. Übrigens dachte niemand daran zu gehen. Frau Correur schwatzte mit Pozzo halblaut über die Vollendung der Formen Clorindens, die sie beide eben gestützt hatten. Herr Kahn, Herr Béjuin und der Oberst begrüßten die Gräfin. Sie verneigte sich lächelnd. Dann sagte sie von Zeit zu Zeit mit sehr sanfter Stimme, ohne sich umzublicken:

»Flaminio!«

Der lange Lakai verstand sie sogleich, rückte ein Kissen zurecht, brachte ein Tischchen, zog ein Riechfläschchen aus der Tasche, alles mit der wilden Miene eines Räubers im Frack.

In diesem Augenblicke richtete August einen Schaden an. Er war in den drei Zimmern umhergestreift und hatte alle umherliegenden Weiberröcke untersucht. Als er sich darauf zu langweilen begann, kam er auf den Einfall, die Gläser Schluck um Schluck zu leeren. Clorinde überwachte ihn seit einer Weile und sah, wie die Zuckerschale sich leerte. Da zerbrach er das Glas, worin er den Löffel zu heftig aufgestoßen hatte.

»Das ist der Zucker! Er tut zuviel hinein!« rief sie.

»Dummkopf!« sagte der Oberst, »kannst du nicht ruhig ein Glas Wasser trinken? ... Morgens und abends ein großes Glas; es gibt nichts Besseres; das schützt vor allen Krankheiten.«

Zum Glück trat eben Herr Bouchard ein. Er kam etwas spät, nach zehn Uhr, weil er außer dem Hause hatte essen müssen. Er schien überrascht, seine Frau nicht da zu finden.

»Herr d'Escorailles wollte sie herbringen, und ich habe versprochen, sie im Vorbeigehen abzuholen.«

Nach Verlauf einer halben Stunde traf in der Tat Frau Bouchard ein, begleitet von Herrn d'Escorailles und von Herrn La Rouquette. Nach einjährigem Zerwürfnis hatte der junge Marquis sich mit der schönen Blonden wieder ausgesöhnt; ihr Verhältnis wurde jetzt zur Gewohnheit; dann erwärmten sie sich wieder für acht Tage und konnten sich es nicht versagen, sich hinter den Türen zu kneifen und zu küssen, wenn sie einander begegneten. Es kam von selbst, ganz natürlich mit neuen, sehr lebhaften Aufwallungen ihrer Begierden. Im offenen Wagen zu dem Ehepaare Delestang kommend, hatten sie Herrn La Rouquette getroffen. Alle drei hatten sich lachend unter gewagten Scherzen nach dem Gehölz begeben; Herr d'Escorailles glaubte sogar einen Augenblick, der Hand des Abgeordneten hinter dem Rücken der jungen Frau zu begegnen. Als sie eintraten, brachten sie einen Hauch der Heiterkeit mit, die Frische der dunklen Alleen des Gehölzes, das Geheimnisvolle des regungslosen Laubwerkes, wo ihr schäkerndes Gelächter sich verlor.

»Ja, wir kommen vom Teiche«, sagte Herr La Rouquette. »Man hat mich verführt, bei meinem Worte! Ich war im Begriffe, ruhig heimzukehren, um zu arbeiten.«

Er ward plötzlich wieder ernst. In der letzten Sitzung hatte er eine Rede über die Schuldentilgung gehalten, nachdem er diese Frage einen Monat hindurch studiert hatte; seither nahm er die würdige Haltung eines verheirateten Mannes an, als habe er sein Junggesellenleben auf der Tribüne begraben. Kahn führte ihn in den Hintergrund des Zimmers und flüsterte:

»Sie stehen ja mit Marsy auf gutem Fuße ...«

Ihre Stimmen erloschen; sie sprachen ganz leise. Indessen hatte die schöne Frau Bouchard, nachdem sie die Gräfin Balbi gegrüßt, vor dem Bette Platz genommen, wobei sie die Hand Clorindens in der ihrigen behielt und mit ihrer Schmeichelstimme die junge Frau sehr bemitleidete. Herr Bouchard, der in würdiger und vornehmer Haltung dastand, rief plötzlich inmitten der im Flüstertone geführten Unterhaltungen:

»Ich habe Ihnen noch nicht erzählt! ... Der Dicke ist ein netter Herr! ...«

Ehe er sich erklärte, sprach er in herbem Tone von Rougon wie die anderen. Man könne nichts mehr von ihm verlangen; er sei nicht einmal mehr höflich; er aber – Bouchard – halte viel auf Höflichkeit. Als man ihn fragte, was Rougon getan habe, antwortete er schließlich:

»Ich kann kein Unrecht leiden ... Es handelt sich um einen Beamten meiner Abteilung, namens George Duchesne; Sie kennen ihn ja, Sie haben ihn bei mir gesehen. Es ist ein sehr verdienstvoller Junge; er ist in unserem Hause wie unser eigenes Kind. Meine Frau liebt ihn sehr, weil er aus ihrer Gegend ist ... Neulich hatten wir eine kleine Verschwörung angezettelt, um Duchesne zum Vorstandsstellvertreter ernennen zu lassen. Der Gedanke war von mir, aber du stimmtest derselben zu, nicht wahr?«

Frau Bouchard beugte sich mit verlegener Miene noch mehr zu Clorinden nieder, um den Blicken des Herrn d'Escorailles zu entgehen, die sie auf sich ruhen fühlte.

»Nun gut,« fuhr der Abteilungsvorstand fort, »Sie können sich nicht denken, wie der Dicke meine Bitte aufgenommen hat? ... Er betrachtete mich einen Augenblick still mit jener verletzenden Miene, die Sie an ihm kennen. Schließlich hat er mir die Ernennung rundweg abgeschlagen. Als ich auf die Sache zurückkam, sagte er mit einem Lächeln: ›Herr Bouchard, beharren Sie nicht bei dieser Sache; Sie betrüben mich; ich habe ernste Gründe ...‹ Mehr war aus ihm nicht herauszubringen. Er sah wohl, daß ich wütend war, denn er bat mich, ihn dem Wohlwollen meiner Frau zu empfehlen: Nicht wahr, Adele?«

Frau Bouchard hatte gerade an diesem Abend mit Herrn d'Escorailles eine sehr lebhafte Auseinandersetzung wegen des George Duchesne gehabt. Sie glaubte in mürrischem Tone sagen zu sollen:

»Mein Gott, Herr Duchesne muß warten ... Er ist nicht so interessant!«

Doch der Gatte blieb hartnäckig bei der Sache.

»Nein, nein, er hat verdient, Vorstandsstellvertreter zu werden, und er wird es, selbst wenn ich meinen Namen verlieren müßte ... Ich fordere Gerechtigkeit!«

Man mußte ihn beruhigen. Clorinde war zerstreut und trachtete, die Unterredung der Herren Kahn und La Rouquette zu belauschen, die sich an das Fußende ihres Bettes geflüchtet hatten. Der erstere erläuterte in verhüllten Worten seine Lage. Sein großes Unternehmen, die Bahn von Niort nach Angers, war stark verfahren. Die Aktien waren, noch bevor ein Spatenstich geschehen, auf der Börse mit einem Aufgeld von achtzig Franken gehandelt worden. Hinter seiner famosen englischen Gesellschaft versteckt, hatte Herr Kahn sich den schamlosesten Spekulationen überlassen. Heute drohte der Bankerott, wenn nicht eine mächtige Hand ihn vor dem Untergang rettete.

»Vormals«, murmelte er, »hatte Marsy mir angeboten, das Geschäft an die Westbahn-Gesellschaft zu verkaufen. Ich bin heute bereit, die Unterhandlungen wieder aufzunehmen. Es würde genügen, ein Gesetz zu erlangen ...«

Clorinde gab ihnen verstohlen einen Wink. Sie beugten sich über das Bett und plauderten lange mit ihr. Marsy hege keinen Groll, versicherte sie; sie werde mit ihm sprechen. Sie werde ihm die Million anbieten, die er im verflossenen Jahre für die Unterstützung des Konzessionsgesuches verlangt hatte. In seiner Stellung als Präsident des gesetzgebenden Körpers werde es ihm ein Leichtes sein, das notwendige Gesetz zu erwirken.

»Es gibt nur einen Marsy, wenn man in solchen Geschäften ans Ziel gelangen will«, sagte sie lächelnd. »Wenn man sich ohne ihn in ein Unternehmen dieser Art einläßt, ist man alsbald genötigt, sich an ihn zu wenden, damit er die Bruchstücke zusammenflicke.«

Alle Anwesenden sprachen jetzt zugleich und sehr laut. Frau Bouchard erklärte der Frau Correur ihren letzten Wunsch: sie wolle in Coulonges, im Familienhause sterben. Sie ward ganz weich, als sie von dem Orte sprach, wo ihre Wiege gestanden; sie werde Frau Martineau zu zwingen wissen, ihr dieses von den Erinnerungen ihrer Kindheit erfüllte Haus zurückzugeben. Die Gäste kamen, wie von einem Verhängnis getrieben, immer wieder auf Rougon zu sprechen. Herr d'Escorailles erzählte von dem Zorne seiner Eltern, die ihm geschrieben hätten, er solle zum Staatsrat zurückkehren und mit dem Minister brechen, als sie von den Mißbräuchen des letzteren gehört hatten. Der Oberst erzählte, wie der Dicke sich absolut geweigert habe, für ihn vom Kaiser eine Stelle in den kaiserlichen Schlössern zu erbitten. Herr Béjuin jammerte, weil der Kaiser nicht gekommen sei, die Glasfabrik in Saint-Florent zu besuchen, als er jüngst seine Reise nach Bourges machte, trotzdem sich Rougon in aller Form verpflichtet habe, diese Gunst zu erlangen. Inmitten dieser Sturzflut von zürnenden Reden saß die Gräfin Balbi auf ihrem Diwan lächelnd da, betrachtete ihre noch immer feisten Hände und rief von Zeit zu Zeit mit leiser Stimme:

»Flaminio!«

Der lange Teufelskerl von einem Bedienten hatte eine kleine Schildpattdose voll Krauseminzpastillen aus der Tasche gezogen. Die Gräfin knusperte sie mit der Miene einer alten, naschhaften Katze.

Erst gegen Mitternacht kam Delestang heim. Als man ihn den Türvorhang des Zimmers emporheben sah, trat tiefe Stille ein, und alle Hälse wurden länger. Doch der Türvorhang fiel wieder herab; niemand folgte ihm. Nach einem abermaligen Stillschweigen von einigen Sekunden wurden dann allerlei Rufe laut.

»Sie sind allein?«

»Sie haben ihn nicht mitgebracht?«

»Haben Sie den Dicken unterwegs verloren?«

Man atmete ordentlich auf. Delestang erklärte, Rougon sei sehr müde gewesen und habe ihn an der Ecke der Marbeufstraße verlassen.

»Er hat recht getan«, sagte Clorinde und streckte sich vollends auf dem Bette aus. Er ist so wenig unterhaltend.«

Das war das Zeichen zu einer neuen Flut von Klagen und Beschuldigungen. Delestang widersprach, ließ wiederholt ein »Erlauben Sie! Erlauben Sie!« vernehmen. Er spielte gewöhnlich den Verteidiger Rougons. Als man ihn reden ließ, sagte er in gemessenem Tone:

»Sicherlich hätte er einigen seiner Freunde gegenüber besser handeln können. Dies hindert aber nicht, daß er ein sehr kluger Mann ist ... Was mich betrifft, so werde ich ihm ewig dankbar sein ...«

»Wofür?« rief Herr Kahn wütend.

»Für alles, was er getan hat.«

Man fiel ihm heftig ins Wort. Rougon habe nie etwas für ihn getan. Wie komme er zu der Behauptung, daß Rougon etwas getan habe?

»Sie sind erstaunlich«, sagte der Oberst. »Man treibt die Bescheidenheit nicht so weit. Mein lieber Freund, Sie hatten niemanden nötig; Sie sind durch Ihre eigene Kraft vorwärtsgekommen.«

Damit feierte man die Verdienste Delestangs. Seine Musterfarm la Chamade war eine außerordentliche Schöpfung, die schon längst seine Vorzüge als eines guten Administrators und eines wahrhaft begabten Staatsmannes bekundete. Er habe einen Scharfblick, einen klaren Verstand, eine energische und doch ruhige Hand. Habe ihn übrigens der Kaiser nicht vom ersten Tage an ausgezeichnet? Er stimme fast in allen Stücken mit Seiner Majestät überein.

»Lassen Sie gut sein,« erklärte schließlich Herr Kahn, »Sie halten Rougon. Wären Sie nicht sein Freund, würden Sie ihn nicht im Ministerium unterstützen, wäre er binnen zwei Wochen gestürzt.«

Delestang protestierte noch immer. Er sei allerdings nicht der erstbeste, aber man müsse jedermanns Vorzügen Gerechtigkeit widerfahren lassen. So habe Rougon diesen Abend in der Beratung über eine sehr verwickelte und sehr wichtige Frage, die bei dem Justizminister gehalten wurde, einen sehr scharfsinnigen Ausweg gefunden.

»Die Pfiffigkeit des geriebenen Advokaten«, murmelte Herr La Rouquette mit verächtlicher Miene.

Clorinde hatte den Mund noch nicht geöffnet. Die Blicke wandten sich ihr zu, als forderten sie das Wort, das alle erwarteten. Sie wälzte sanft den Kopf auf dem Polster, wie um sich den Nacken zu kratzen. Endlich sagte sie, von ihrem Gatten sprechend, doch ohne ihn zu nennen:

»Ja, zanken Sie ihn nur aus ... Man muß ihn geradezu prügeln, um ihn eines Tages auf den ihm gebührenden Platz zu stellen.«

»Die Stellung eines Ministers für Ackerbau und Handel ist eine Stellung zweiten Ranges«, sagte Herr Kahn, um die Dinge zu brüskieren.

Das hieß: den Finger an die Wunde legen. Clorinde litt sehr darunter, ihren Gatten in einem »kleinen Ministerium« eingepfercht zu sehen. Sie setzte sich plötzlich auf und ließ das von allen erwartete Wort vernehmen:

»Er bekommt das Ministerium des Innern, sobald wir wollen!«

Delestang wollte sprechen. Doch alle waren herbeigeeilt und umgaben ihn mit geräuschvoller Zustimmung. Da schien er sich besiegt zu erklären. Allmählich färbten sich seine Wangen; die Wonne verklärte sein prächtiges Gesicht. Frau Correur und Frau Bouchard, die halblaut redeten, fanden ihn schön; besonders die zweite mit ihrem verderbten Geschmack der Frauen für kahlköpfige Männer, betrachtete entzückt seinen nackten Schädel. Herr Kahn, der Oberst und die anderen suchten in Blicken, Gebärden und rasch hingeworfenen Worten auszudrücken, wie hoch sie seine Fähigkeiten anschlugen. Sie machten sich ganz klein vor dem Dümmsten in der Schar; sie bewunderten sich selbst in ihm. Dieser Gebieter werde wenigstens gelehrig sein und sie nicht kompromittieren. Sie konnten ihn ungestraft zu ihrem Gotte machen, ohne seine Blitze zu fürchten.

»Sie ermüden ihn«, bemerkte die schöne Frau Bouchard in zärtlichem Tone.

Man ermüdete ihn! Alle wurden von Mitleid ergriffen. In der Tat war er ein wenig bleich, und seine Augen schlossen sich. Bedenken Sie, wenn man seit fünf Uhr morgens arbeitet. Nichts ermüdet uns so sehr, als die geistige Anstrengung. Man drang mit zarter Sorgfalt in ihn, er solle zur Ruhe gehen. Er fügte sich und zog sich zurück, nachdem er einen Kuß auf die Stirne seiner Frau gedrückt hatte.

»Flaminio!« murmelte die Gräfin Balbi.

Auch sie wünschte schlafen zu gehen. Sie durchschritt das Zimmer am Arme des Dieners und winkte jedem der Gäste mit der Hand einen Gruß zu. Im Ankleidezimmer hörte man Flaminio fluchen, weil die Lampe erloschen war.

Es war ein Uhr. Die Gäste schickten sich an, nach Hause zu gehen. Aber Clorinde versicherte, daß sie keinen Schlaf verspüre und daß man bleiben könne. Doch wollte sich niemand mehr setzen. Die Lampe des Schlafzimmers war ebenfalls erloschen, und ein starker Ölgeruch verbreitete sich in dem Räume. Nur mit vieler Mühe fanden die Gäste ihre kleinen Habseligkeiten, einen Fächer, den Stock des Obersten, den Hut der Frau Bouchard. Clorinde lag ruhig auf ihrem Bette ausgestreckt und hinderte Frau Correur, der Zofe Antonia zu läuten, die gewöhnlich um elf Uhr zu Bett ging. Endlich brach man auf, als der Oberst bemerkte, daß er seinen Sohn August vergesse. Der junge Mann schlief auf dem Kanapee des Damenzimmers; er hatte ein Kleid zusammengerollt und als Polster unter seinen Kopf geschoben. Man zankte ihn aus, weil er die Lampe nicht rechtzeitig aufgeschraubt habe. Im Dunkel der Treppe, wo das abgeschraubte Gaslicht dämmerte, hörte man Frau Bouchard einen leisen Schrei ausstoßen. Sie habe sich den Fuß verstaucht, sagte sie. Während die Gäste, an das Geländer sich stützend, vorsichtig hinabgingen, hörte man lautes Gelächter aus dem Zimmer Clorindens, wo Pozzo sich verspätet hatte. Ohne Zweifel blies sie ihm in den Hals.

Die Donnerstag- und Sonntagabende glichen einander; In der Außenwelt sagte man, Frau Delestang habe einen politischen Salon. Es gehe da sehr liberal her; man schlage die Willkürherrschaft Rougons in Stücke. Die ganze Gesellschaft hegte den Traum von einer menschenfreundlichen Regierung, die allmählich und bis ins Unendliche den Kreis der öffentlichen Freiheiten erweitern werde. In seinen Mußestunden entwarf der Oberst Statuten für Arbeitergenossenschaften. Herr Béjuin sprach davon, rings um seine Glasfabrik zu Saint-Florent eine Stadt zu gründen. Herr Kahn unterhielt Delestang stundenlang über die demokratische Rolle der Bonaparte in der modernen Gesellschaft. Bei jedem neuen Akte Rougons gab es entrüsteten Widerspruch und patriotische Besorgnis, Frankreich in den Händen eines solchen Menschen verderben zu sehen. Eines Tages behauptete Delestang, der Kaiser sei der einzige Republikaner seiner Zeit. Die Gesellschaft benahm sich allmählich wie eine religiöse Sekte, die das allgemeine Heil bringt. Sie verschwor sich jetzt ganz offen, den »Dicken« zum Wohle des Landes zu stürzen.

Indes beeilte sich Clorinde nicht. Man fand sie auf allen Kanapees ihrer Wohnung ausgestreckt, zerstreut, die Augen in die Höhe gerichtet, die Ecken der Zimmerdecke studierend. Wenn die anderen rings um sie her schrien und ungeduldig stampften, blieb ihr Antlitz ruhig, und ein leises Blinzeln ihrer Augenlider mahnte die Gäste zu größerer Vorsicht. Sie ging jetzt weniger aus; um sich die Zeit zu vertreiben, machte sie sich den Spaß, sich und ihre Kammerfrau in Männerkleider zu stecken. Sie ward von einer plötzlichen Zärtlichkeit für ihren Gatten ergriffen, küßte ihn vor aller Welt, sprach im Hätscheltone mit ihm, zeigte sich sehr besorgt um seine Gesundheit, die nichts zu wünschen übrig ließ. Vielleicht wollte sie in dieser Weise die absolute Herrschaft, die fortwährende Überwachung verbergen, die sie über ihn ausübte. Sie leitete ihn selbst in seinen geringsten Handlungen, gab ihm jeden Morgen eine Lektion wie einem Schüler, dem man mißtraut. Delestang erwies sich übrigens durchaus gehorsam. Er grüßte, lächelte, erzürnte sich, redete schwarz oder weiß je nach der Schnur, die sie angezogen hatte. Sobald er nicht mehr aufgezogen war, legte er selbst sich wieder in ihre Hände, damit sie ihn zurüste. So behielt er seine Überlegenheit.

Clorinde wartete. Herr Beulin-d'Orchère, der es vermied, des Abends zu kommen, besuchte sie oft während des Tages. Er beklagte sich bitter über seinen Schwager und beschuldigte ihn, an dem Glücke einer Menge Fremder zu arbeiten; es geschehe immer so, man kümmere sich nicht um die Anverwandten. Rougon allein konnte den Kaiser davon abhalten, ihn zum Justizminister zu ernennen, aus Furcht, mit ihm den Einfluß im Kabinett teilen zu müssen. Die junge Frau stachelte seinen Groll noch an. Dann sprach sie in halben Worten von dem bevorstehenden Triumphe ihres Gatten, eröffnete ihm die unbestimmte Hoffnung, in die neue Minister auf Stellung miteinbezogen zu werden. Im Grunde bediente sie sich aber seiner nur, um zu erfahren, was bei Rougon vorgehe. Mit der Bosheit des Weibes hätte sie gewünscht, daß er in seiner Ehe unglücklich sei, und sie trieb den Richter an, seine Schwester für seine Klagen zu gewinnen. Er mußte sicherlich den Versuch gemacht haben, ganz laut eine Heirat zu bedauern, die ihm keinerlei Nutzen brachte; allein angesichts der Ruhe der Frau Rougon kam er damit nicht weit. Sein Schwager – sagte er – Bei seit einiger Zeit sehr nervös. Er gab zu verstehen, daß er ihn reif für den Sturz halte. Dabei faßte er die junge Frau fest ins Auge; er erzählte ihr charakteristische Tatsachen mit der Miene eines Plauderers, der ohne Übelwollen den Tratsch der Leute weitererzählt. Warum handelte sie nicht, wenn sie die Herrin war? Doch sie streckte sich nur noch behaglicher aus, nahm die Miene einer Person an, die das Regenwetter zwingt, zwischen ihren vier Pfählen zu bleiben und des ersten Sonnenstrahles zu harren.

Inzwischen wuchs in den Tuilerien die Macht Clorindens. Man sprach im Flüstertone von der lebhaften Laune Seiner Majestät für sie. Auf den Hofbällen, bei den öffentlichen Empfängen, überall wo der Kaiser ihr begegnete, umschlich er sie mit seinem schleppenden Gang, schaute ihr in den backen, sprach ganz vertraulich zu ihr mit einem schwachen Lächeln. Und man erzählte, sie habe ihm noch nichts bewilligt, nicht einmal die Spitze ihrer Finger. Sie spiele ihre ehemalige Rolle eines heiratslustigen Mädchens, sei sehr frei und sehr herausfordernd, sage alles und zeige alles und sei dabei unablässig auf ihrer Hut, entschlüpfe just in dem gewünschten Augenblick. Sie scheine die Leidenschaft des Herrschers reifen zu lassen, auf eine Gelegenheit zu warten, die Stunde vorzubereiten, da er ihr nichts mehr werde verweigern können, um so den Triumph eines seit langer Zeit entworfenen Planes zu sichern.

Um jene Zeit zeigte sie sich plötzlich sehr zärtlich gegen Herrn von Plouguern. Es bestand seit Monaten ein Zerwürfnis zwischen ihnen. Der Senator, der sehr häufig zu Besuch gekommen war und fast jeden Morgen erschien, wenn sie das Bett verließ, hatte sich eines schönen Tages gekränkt gefühlt, weil er vor der Türe warten mußte, während sie ihre Toilette machte. Von einer Anwandlung von Scham ergriffen, errötete sie und erklärte, sie wolle nicht mehr von den grauen Augen des Greises, in denen gelbe Flammen sich entzündeten, geneckt und belästigt sein. Allein er wehrte sich und wollte nicht mit aller Welt zugleich erscheinen in den Stunden, wo ihr Zimmer von Besuchern gefüllt war. War er nicht ihr Vater? Hatte er sie nicht, als sie noch klein war, auf seinen Knien geschaukelt? Er erzählte lachend, wie er ihr oft genug die Röcke aufgehoben, um sie zu züchtigen. Sie brach schließlich mit ihm, als er eines Tages trotz des Geschreies und der Faustschläge Antonias eintrat, während sie sich im Bade befand. Wenn Herr Kahn oder der Oberst Jobelin sie nach Neuigkeiten von Herrn von Plouguern fragte, antwortete sie mit gespitzten Lippen:

»Er verjüngt sich, er ist kaum zwanzig Jahre alt ... Ich sehe ihn nicht mehr.«

Dann sah man plötzlich nur Herrn von Plouguern bei ihr. Zu jeder Stunde war er da, in allen Ecken des Toilettekabinetts, in den intimsten Winkeln ihres Schlafzimmers. Er wußte, wo sie ihre Leibwäsche verwahrte, reichte ihr ein Hemd oder ein Paar Strümpfe; man hatte ihn sogar dabei betroffen, wie er ihr das Mieder zuschnürte. Clorinde bekundete die herrischen Neigungen einer jung verheirateten Frau.

»Pate, hole mir die Nagelfeile aus dem Schubfache ... Pate, reiche mir den Schwamm ...«

Das Wort Pate klang wie eine Liebkosung. Er sprach jetzt häufig von dem Grafen Balbi und gab genaue Einzelheiten über Clorindens Geburt an. Er log, wenn er behauptete, die Mutter der jungen Frau im dritten Monat ihrer Schwangerschaft gekannt zu haben. Und wenn die Gräfin mit ihrem ewigen Lächeln in dem verwitterten Antlitz bei dem Morgenempfang Clorindens in dem Zimmer anwesend war, sandte er der alten Dame verständnisvolle Blicke zu, lenkte mit einem Augenblinzeln ihre Aufmerksamkeit auf eine nackte Schulter, auf ein halb enthülltes Knie.

»Gelt, Lenora, Ihr ganzes Ebenbild!« murmelte er.

Die Tochter erinnerte ihn an die Mutter. Sein knochiges Antlitz flammte. Er streckte die dürren Hände aus, faßte Clorinde, drückte sich an sie, um ihr irgendeine schmutzige Geschichte zu erzählen. Das machte ihm Vergnügen. Er war Voltairianer, leugnete alles, bekämpfte die letzten Bedenken der jungen Frau, indem er mit einem Kichern, das wie das Kreischen eines schlecht geölten Brunnenschwengels klang, ihr sagte:

»Närrchen, das ist ja erlaubt! ... Sobald es Vergnügen macht, ist es erlaubt.«

Man wußte nie, wie weit die Dinge zwischen ihnen gediehen. Clorinde bedurfte damals des Herrn von Plouguern; sie hatte in dem geplanten Drama ihm eine Rolle zugedacht. So geschah es bei ihr zuweilen, daß sie Freundschaften erkaufte, deren sie sich nachher nicht bediente, wenn sie ihren Plan änderte. Es war in ihren Augen gleichsam ein Händedruck, den sie leichthin und ohne Nutzen jemandem gegeben. Sie besaß jene kühne Geringschätzung ihrer eigenen Gunstbezeugungen, die in ihr die gewöhnliche Rechtschaffenheit verdrängte und sie ihren Stolz in andere Dinge setzen ließ.

Indes zog sich ihr Harren in die Länge. Sie sprach in verhüllten Worten mit Herrn von Plouguern von einem unbestimmten, nebelhaften Ereignisse, das nicht kommen wolle. Der Senator schien Berechnungen anzustellen und machte dabei die gedankenvolle Miene eines Schachspielers. Dann schüttelte er den Kopf; sicherlich hatte er nichts gefunden. Sie selbst erklärte, wenn Rougon zu Besuch kam, was sehr selten geschah, daß sie müde sei und drei Monate in Italien zubringen wolle. Dann schloß sie halb die Augen und beobachtete ihn so mit spitzigen, leuchtenden Blicken. Ein Lächeln ausgesuchter Grausamkeit kräuselte ihre Lippen. Sie hätte schon jetzt den Versuch machen können, ihn mit ihren schmalen Fingern zu erdrosseln; allein sie wollte ihn gründlich abmurksen, und es war für sie ein Genuß, ihre Fingernägel geduldig wachsen zu sehen. Rougon, der stets sehr beschäftigt war, reichte ihr zerstreut die Hand zum Gruße, ohne das nervöse Fieber ihrer Haut zu merken. Er glaubte, sie sei jetzt vernünftiger geworden; und beglückwünschte sie zu ihrem Gehorsam gegen ihren Gatten.

»So wollte ich Sie sehen«, sagte er. »Sie handeln ganz recht, die Frauen sollen ruhig zu Hause bleiben.«

Und wenn er fort war, rief sie mit einem schrillen Lachen:

»Mein Gott, wie dumm ist er! ... Und da findet er noch, daß die Frauen dumm seien!«

Endlich trat an einem Sonntag abends gegen zehn Uhr, als die ganze Gesellschaft in dem Zimmer Clorindens versammelt war, Herr von Plouguern mit triumphierender Miene ein.

»Nun,« fragte er, anscheinend in großer Entrüstung, »kennen Sie den neuesten Streich Rougons? Jetzt ist das Maß aber voll.«

Man umdrängte ihn. Niemand wußte etwas.

»Es ist abscheulich!« rief er und streckte die Arme in die Luft. »Man begreift nicht, wie ein Minister so tief sinken kann ...«

Er erzählte die Geschichte in einem Zuge. Als die Charbonnels in Faverolles eintrafen, um daselbst von der Hinterlassenschaft ihres Vetters Chevassu Besitz zu ergreifen, erhoben sie ein großes Geschrei wegen des angeblichen Verschwindens einer bedeutenden Menge Silberzeuges. Sie beschuldigten die Magd, die mit der Bewachung des Hauses betraut gewesen, eine sehr fromme Person. Bei der Nachricht von der Entscheidung des Staatsrates mußte diese Unglückliche im Einverständnisse mit den Schwestern von der heiligen Familie alle Wertsachen, die leicht zu verbergen waren, nach dem Kloster geschafft haben. Drei Tage später sprachen sie nicht mehr von der Magd und behaupteten, die Nonnen selbst hätten ihr Haus geplündert. Es rief in der Stadt ein ungeheures Ärgernis hervor. Allein der Polizeikommissar weigerte sich, das Kloster zu durchsuchen, als auf einen einfachen Brief der Charbonnels hin Rougon dem Präfekten telegraphierte, er solle sofort die nötigen Weisungen zur Durchführung einer Haussuchung bei den frommen Schwestern erteilen.

»Jawohl, eine Haussuchung; so stand es buchstäblich in der Depesche«, schloß Herr von Plouguern. »Ein Kommissar und zwei Gendarmen kehrten im Kloster alles von unterst zu oberst, und das währte fünf Stunden. Die Gendarmen bestanden darauf, alles zu durchwühlen ... Denken Sie sich, daß sie sogar in die Strohsäcke der Nonnen ihre Nasen steckten.«

»In die Strohsäcke der Nonnen! Das ist unwürdig!« rief Frau Bouchard entrüstet.

»Man muß aller Religion bar sein, um solches zu tun«, erklärte der Oberst.

»Was wollen Sie? Rougon hat nie gebetet!« seufzte Frau Gorreur. »Oft genug habe ich den vergeblichen Versuch gemacht, ihn mit Gott zu versöhnen.«

Herr Bouchard und Herr Bejuin schüttelten mit verzweifelter Miene den Kopf, als hätten sie von einer sozialen Katastrophe vernommen, die sie an der menschlichen Vernunft verzweifeln ließ. Herr Kahn fragte, wobei er heftig seinen Backenbart strich:

»Natürlich hat man bei den Nonnen nichts gefunden?«

»Gar nichts«, erwiderte Herr von Plouguern.

Dann fügte er raschen Tones hinzu:

»Eine silberne Schüssel, glaube ich, zwei Becher, ein Gestell für Essig und Öl, kurz: lauter Kleinigkeiten, die der ehrwürdige Verblichene, ein Greis von großer Frömmigkeit, den Schwestern zum Geschenk gemacht hat, um sie für die große Sorgfalt zu belohnen, mit der sie ihn während seiner langen Krankheit gepflegt hatten.«

»Ja, ja, offenbar«, murmelten die anderen.

Der Senator verweilte nicht länger bei dieser Sache. Sehr langsamen Tones und jeden Satz mit einem leisen Ineinanderschlagen der Hände begleitend, fuhr er fort:

»Die Bedeutung der Handlungsweise liegt anderswo. Es handelt sich um die Achtung, die man einem Kloster schuldet, einem jener heiligen Orte, wo alle Tugenden Zuflucht gesucht haben, die aus unserer gottlosen Gesellschaft verbannt sind. Wie will man verlangen, daß die Massen religiös seien, wenn solche Angriffe auf die Religion von so hoher Stelle ausgehen? Rougon hat eine Heiligtumsschändung begangen, die er zu verantworten hat ... Die gute Gesellschaft in Faverolles ist denn auch außer sich. Monseigneur Rochart, der ausgezeichnete Prälat, der den frommen Schwestern immer eine ganz besondere Zuneigung bekundet hat, ist auch sogleich nach Paris abgereist, um Gerechtigkeit zu fordern. Anderseits war man heute im Senat sehr erregt; auf die wenigen Angaben hin, die ich zu machen in der Lage war, wollte man die Angelegenheit zur Sprache bringen. Die Kaiserin selbst endlich ...«

Alle reckten die Hälse.

»Jawohl, die Kaiserin hat diesen beklagenswerten Vorfall von Frau von Llorentz erfahren, die ihn von unserem Freunde La Rouquette weiß, dem ich ihn erzählt habe. Ihre Majestät hat ausgerufen: ›Herr Rougon ist nicht mehr würdig, im Namen Frankreichs zu sprechen!‹«

»Sehr gut«, sagten alle.

An jenem Donnerstag war dies bis ein Uhr nach Mitternacht der einzige Gegenstand der Unterhaltung. Clorinde hatte nicht den Mund geöffnet. Bei den ersten Worten des Herrn von Plouguern hatte sie sich ein wenig bleich und mit gespitzten Lippen auf ihrem Diwan zurückgelegt. Dann bekreuzte sie sich dreimal hastig, ohne daß man es sah, gleichsam um dem Himmel für eine längst erbetene Gnade zu danken.

Während der Erzählung von der Haussuchung im Kloster fuchtelte sie mit dar Wut einer Eifernden mit den Händen. Allmählich war sie sehr rot geworden. In die Luft starrend, versank sie in ernstes Brüten.

Während die anderen weiter über den Gegenstand sprachen, näherte sich Herr von Plouguern der jungen Frau, schob eine Hand an den Saum ihres Leibchens, um vertraulich ihren Busen zu kneifen. Mit einem spöttischen Kichern in dem freien Tone eines großen Herrn, der alles gesehen und alles erfahren, flüsterte er Clorinden ins Ohr:

»Er hat an den lieben Herrgott zu rühren gewagt, er ist geliefert.«

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