Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Emile Zola >

Seine Exzellenz Eugène Rougon

Emile Zola: Seine Exzellenz Eugène Rougon - Kapitel 12
Quellenangabe
pfad/verz/werk/book.xml
typefiction
authorEmile Zola
titleSeine Exzellenz Eugène Rougon
publisherBenjamin Harz Verlag
seriesDie Rougon-Macquart
volumeBand VI
year1923
translatorArmin Schwarz
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110603
projectidc94a994e
Schließen

Navigation:

Elftes Kapitel

Rougon hatte endlich erreicht, daß Delestang Ackerbau- und Handelsminister wurde. Eines Morgens in den ersten Tagen des Mai begab er sich in die Kolosseumstraße, um seinen neuen Kollegen abzuholen. Beide mußten zum Ministerrate nach Saint-Cloud, wo der Hof vor kurzem Aufenthalt genommen hatte.

»Wie, Sie wollen uns begleiten?« fragte er überrascht, als er Clorinde gewahrte, die eben in den Landauer stieg, der vor der Freitreppe hielt.

»Gewiß, ich gehe auch zum Ministerrate«, versetzte sie lachend.

Dann fuhr sie in ernstem Tone fort, nachdem sie die Volants ihres langen, hellkirschfarbenen Seidenkleides zwischen den Sitzpolstern untergebracht hatte:

»Ich bin zur Kaiserin geladen. Ich bin Schatzmeisterin eines Wohltätigkeitswerkes für die jungen Arbeiterinnen, wofür sie sich interessiert.«

Die beiden Herren stiegen gleichfalls ein. Delestang setzte sich neben seine Frau und hielt auf den Knien eine gemsfarbene Saffianmappe; Rougon, der die Hände frei hatte, saß gegenüber Clorinde. Es war fast halb zehn Uhr, und die Sitzung war für zehn Uhr angesagt. Der Kutscher erhielt die Weisung, scharf zuzufahren; um den kürzesten Weg zu nehmen, fuhr er durch die Marbeufstraße in das Chaillotviertel, das die Zerstörungshacke zu durchbrechen begann. Man kam durch leere Straßen, von Gärten und Bretterbuden begrenzt, auf abschüssigen Zickzackwegen über enge, mit dünnen Bäumen bepflanzte Plätze, die recht provinzmäßig aussahen; kurz: es war der vernachlässigte Winkel einer Großstadt, der sich auf einem Abhange in der Morgensonne wärmte mit seinen regellos ausgestreuten Villen und Schuppen ringsumher.

»Ist das hier häßlich!« sagte Clorinde, in den Wagen zurückgelehnt.

Sie hatte sich halb zu ihrem Gatten gewandt und betrachtete ihn einen Augenblick nachdenklich; dann begann sie gleichsam wider Willen zu lächeln. Delestang saß in tadelloser Haltung, weder zu weit vorwärts noch zu weit rückwärts gebeugt, den Überzieher zugeknöpft, würdevoll da. Sein schönes, nachdenkliches Gesicht, seine vorzeitige Glatze, die seine Stirn höher erscheinen ließ, zogen die Blicke der Vorübergehenden auf ihn. Die junge Frau bemerkte, daß niemand auf Rougon achtete, der mit seinem plumpen Gesicht zu schlafen schien. Dann zupfte sie mütterlich die linke Stulpe ihres Gatten hervor, die sich unter den Ärmel geschoben hatte.

»Was haben Sie denn diese Nacht getan?« fragte sie den großen Mann, als sie sah, daß er häufig die Hand vor den Mund hielt, um sein Gähnen zu unterdrücken.

»Ich habe lange wach bleiben müssen, um zu arbeiten; ich bin ganz hin«, murmelte er. »Eine Menge dummer Geschichten!«

Wieder schwiegen die drei. Jetzt betrachtete sie Rougon. Dieser überließ sich dem leichten Schaukeln des Wagens; sein Überrock wurde durch seine breiten Schultern ganz aus der Form gebracht; sein schlecht gebürsteter Hut zeigte noch alte Regenspuren. Sie erinnerte sich, im letzten Monat ein Pferd bei einem Händler gekauft zu haben, der ihm glich. Sie lächelte wieder, aber etwas verächtlich.

»Nun?« fragte er verdrossen, in dieser Weise gemustert zu werden.

»Ich sehe Sie an!« versetzte sie. »Ist das etwa nicht erlaubt? ... Fürchten Sie gefressen zu werden?«

Sie sagte diese Worte in herausforderndem Tone und zeigte dabei ihre weißen Zähne. Er aber scherzte:

»Das ginge nicht, ich bin zu dick.«

»Oh, wenn man sehr hungrig wäre!« sagte sie ernst, nachdem sie ihren Appetit geprüft zu haben schien.

Der Landauer fuhr endlich durch das Tor der Stummen.

Es war eine plötzliche Erweiterung des Gesichtskreises, als sie aus den engen Gassen in das zarte Grün des Gehölzes tauchten! Der Morgen war prächtig, er übergoß die Rasenflächen weithin mit einem sanften Glanze und das junge Grün der Bäume mit einem lauen Hauche. Sie ließen den Damhirschpark zur Rechten und schlugen den Weg nach Saint-Gloud ein. Hier rollte der Wagen auf dem sandigen Wege so glatt und eben dahin wie ein Schlitten über den Schnee.

»Nicht wahr, dies Pflaster ist angenehm?« führ Clorinde fort und streckte sich behaglich. »Hier kann man aufatmen, kann man plaudern ... Haben Sie Nachrichten von unserem Freunde Du Poizat?«

»Ja«, versetzte Rougon. »Es geht ihm gut.«

»Ist er immer noch zufrieden mit seinem Kreise?«

Er machte eine unbestimmte Bewegung, um sich der Antwort zu entschlagen. Die junge Frau mußte wissen, daß der Präfekt von Deux-Sèvres ihm durch die Härte seiner Verwaltung Verdruß zu bereiten begann. Sie fragte nicht weiter, redete von Herrn Kahn und Frau Correur, indem sie ihn mit einer gewissen boshaften Neugier nach Einzelheiten über seine Reise nach Niort befragte. Dann rief sie plötzlich:

»Übrigens! Gestern bin ich dem Oberst Jobelin und seinem Vetter, Herrn Bouchard begegnet. Wir haben von Ihnen gesprochen ... Ja, wir haben von Ihnen gesprochen.«

Er zuckte die Achseln, ohne ein Wort zu erwidern. Dann rief sie ihm die Vergangenheit zurück.

»Sie erinnern sich unserer hübschen kleinen Abendgesellschaften in der Marbeufstraße. Jetzt sind Sie zuviel beschäftigt, niemand kann Ihnen nahe kommen. Ihre Freunde beklagen sich darüber und behaupten, daß Sie sie vergäßen ... Sie sehen, ich bin kühn genug, alles zu sagen. Sie gelten als treuloser Freund, mein Lieber!«

Während der Wagen eben jetzt zwischen den beiden Seen hindurchfuhr, kam ihm eine Kutsche entgegen, die nach Paris zurückkehrte. Man sah ein rohes Gesicht sich darin zurückwerfen, ohne Zweifel um einen Gruß zu vermeiden.

»Aber das ist ja Ihr Schwager!« rief Clorinde.

»Ja, er ist leidend«, erwiderte Rougon lächelnd. »Sein Arzt hat ihm Morgenfahrten verordnet.«

Plötzlich wurde er mitteilsam und fuhr fort, während der Wagen auf der sanft gekrümmten Straße unter den alten Bäumen dahinrollte:

»Was wollen Sie! ich kann ihnen doch nicht das Blaue vom Himmel schenken! ... So hat dieser Beulin d'Orchères sich darauf versessen, Justizminister zu werden. Ich habe das Unmögliche versucht, beim Kaiser angeklopft, ohne jedoch etwas zu erreichen. Der Kaiser fürchtet sich vor ihm, glaube ich. Das ist doch nicht meine Schuld? ... Beulin d'Orchère ist erster Präsident. Das könnte ihm doch bis auf weiteres genügen, zum Teufel! Er vermeidet es, mich zu grüßen! Er ist ein Narr.«

Jetzt saß Clorinde mit niedergeschlagenen Augen mäuschenstill da; ihre Finger spielten mit den Troddeln ihres Sonnenschirmes. Sie ließ ihn reden, ohne ein einziges seiner Worte zu verlieren.

»Die anderen sind kein Haarbreit vernünftiger. Wenn der Oberst und Bouchard sich beklagen, tun sie sehr unrecht, denn ich habe schon zuviel für sie getan ... Ich setze mich für alle meine Freunde ein. Es sitzt ihrer ein Dutzend auf meinen Schultern – eine schöne Last! Solange sie mir nicht die Haut vom Leibe gezogen haben, sind sie nicht zufrieden.«

Nach einer Weile fuhr er mit gutmütigem Lachen fort:

»Wenn sie ihnen durchaus nötig ist, würde ich ihnen auch meine Haut geben ... Wenn man die Hände einmal geöffnet hat, kann man sie nicht mehr schließen. Trotz allem Bösen, das meine Freunde über mich reden, verbringe ich meine Tage damit, für sie eine Menge Gunstbezeigungen zu erbitten.«

Er berührte ihr Knie und zwang sie so, ihn anzublicken. Dann fügte er hinzu:

»Was ist's mit Ihnen? Ich rede heute mit dem Kaiser – haben Sie nichts zu erbitten?«

»Nein, danke«, erwiderte sie trocken.

Sie wurde unwillig, daß er sich immer anbot, sie klagte ihn an, daß er ihnen die wenigen Dienste vorhalte, die er ihr und ihrem Manne habe erweisen können. Sie würden ihm gewiß nicht mehr lästig fallen. Sie schloß:

»Jetzt führe ich meine Geschäfte selbst. Ich bin doch wohl schon mündig!«

Inzwischen hatten sie das Gehölz verlassen und durchfuhren Boulogne, umgeben von dem Lärm eines Zuges schwerer Lastwagen, der die große Straße hinunterrasselte.

Bis dahin hatte Delestang schweigend dagesessen, die Hände auf der Mappe gefaltet, wie in tiefe Gedanken versunken. Jetzt neigte er sich zu Rougon und rief ihm durch den Lärm zu:

»Glauben Sie, daß Seine Majestät uns zum Frühstück dabehalten wird?«

Rougon zuckte die Achseln und sagte dann:

»Wenn die Sitzung lange dauert, wird im Schlosse gefrühstückt.«

Delestang lehnte sich in seine Ecke zurück und schien wieder in die tiefste Träumerei versunken. Aber er neigte sich nochmals vor und fragte:

»Ist heute viel zu erledigen?«

»Ja, vielleicht«, versetzte Rougon. »Genau weiß man es nie vorher. Ich glaube, mehrere unserer Kollegen haben über gewisse Arbeiten Bericht zu erstatten ... Ich werde jedenfalls die Angelegenheit mit dem Buche zur Sprache bringen, wegen dessen ich mich mit dem Kolportagekomitee überworfen habe.«

»Welches Buch?« fragte Clorinde lebhaft.

»Eine Eselei, eines jener Bücher, die für die Bauern hergestellt werden. Es heißt: ›Die Vorlese-Abende des braven Jakob‹ und enthält alles mögliche: Sozialismus, Zauberei, Landwirtschaft, selbst einen Aufsatz, der die Vorteile der Vergesellschaftung rühmt ... Kurz, ein gefährlicher Schmöker!«

Die junge Frau, deren Neugier noch nicht befriedigt schien, wandte sich um, als ob sie ihren Gatten fragen wolle, und dieser erklärte:

»Sie sind zu streng, Rougon. Ich habe das Buch gelesen und nützliche Dinge darin gefunden; der Abschnitt über die Gesellschaften ist gut geschrieben ... Ich würde überrascht sein, wenn der Kaiser die darin ausgesprochenen Gedanken verurteilen sollte.«

Rougon war im Begriffe, sich zu ereifern. Er breitete die Arme aus, wie um zu protestieren; aber er schwieg, als habe er sich plötzlich eines andern besonnen, und blickte ruhig rechts und links auf die Landschaft hinaus. Der Landauer befand sich eben auf der Brücke von Saint-Cloud; unten breitete der Strom seinen blauen, sonnenvergoldeten Teppich aus, während die Baumreihen an den Ufern kräftige Schatten auf das Wasser warfen. Der unermeßliche Himmel war stromauf und stromab von einer frühlingsklaren Weiße und wies kaum einen leichten, blauen Schimmer auf.

Als der Wagen im Schloßhofe hielt, stieg Rougon zuerst aus und bot Clorinde die Hand. Sie aber nahm die Stütze nicht an, sondern sprang leichtfüßig auf die Erde. Als er mit ausgestrecktem Arme stehenblieb, schlug sie ihn leicht mit dem Sonnenschirme auf die Finger und flüsterte:

»Ich sagte Ihnen schon, daß ich mündig bin!«

Sie schien nicht die geringste Hochachtung vor den Händen des Meisters mehr zu haben, die sie früher als unterwürfige Schülerin lange in den ihren zu halten pflegte, um ihnen etwas von ihrer Kraft zu entwenden. Jetzt glaubte sie offenbar diese Fäuste hinreichend geschwächt zu haben; statt als liebenswürdige Schülerin zu schmeicheln, spielte sie, ihrerseits zur Macht gelangt, die Herrin! Als Delestang ausgestiegen war, ließ sie Rougon vorangehen, um ihrem Gatten zuzuflüstern:

»Du wirst ihn hoffentlich nicht hindern, über seinen Biedermann Jakob zu schwatzen. Du hast da eine gute Gelegenheit, einmal anderer Meinung zu sein als er.«

Bevor sie ihn im Vorsaale verließ, warf sie ihm einen letzten Blick zu, nestelte an einem nicht ganz festsitzenden Knopfe seines Überrockes, und während ein Diener sie bei der Kaiserin meldete, sah sie mit einem Lächeln, wie die beiden Minister verschwanden.

Der Ministerrat wurde in einem Salon neben dem Arbeitszimmer des Kaisers abgehalten. Inmitten des Salons stand ein großer, mit einer Decke belegter Tisch, ringsumher ein Dutzend Sessel. Die Fenster, hoch und hell, gingen auf die Schloßterrasse. Als Rougon und Delestang eintraten, waren alle ihre Kollegen mit Ausnahme des Ministers der öffentlichen Arbeiten und des Marine- und Kolonialministers, die zur Zeit beurlaubt waren, schon versammelt. Der Kaiser war noch nicht erschienen. Die Herren plauderten fast zehn Minuten lang, am Fenster oder am Tische stehend. Zwei von ihnen machten sehr griesgrämige Gesichter, sie waren einander so verfeindet, daß sie nie ein Wort wechselten; die übrigen dagegen machten es sich mit liebenswürdiger Miene bequem in Erwartung der wichtigen Verhandlungen. Paris beschäftigte sich damals eben mit einer Gesandtschaft, die aus dem äußersten Osten gekommen war mit fremdartigen Trachten und seltsamen Begrüßungsformen. Der Minister des Äußeren erzählte von einem Besuche, den er tags zuvor beim Führer dieser Gesandtschaft gemacht; obwohl er seine ernste Haltung bewahrte, klang doch ein leiser Spott aus seinen Worten heraus. Dann wandte sich die Unterhaltung frivoleren Dingen zu: der Staatsminister berichtete über den Gesundheitszustand einer Tänzerin von der Oper, die sich fast ein Bein gebrochen hatte. Aber selbst hier, wo sie sich gehen ließen, standen diese Herren gleichsam beständig auf der Wacht, suchten nach gewissen Wendungen, fingen halbe Worte auf, belauerten einander lächelnd und wurden plötzlich ernst, sobald sie sich überwacht fühlten.

»Es ist also eine einfache Verstauchung?« fragte Delestang, der sich sehr für Tänzerinnen interessierte.

»Ja, eine Verstauchung«, wiederholte der Staatsminister. »Die Arme wird deshalb vierzehn Tage lang das Zimmer hüten müssen ... Sie schämt sich sehr, gefallen zu sein.«

Auf ein leichtes Geräusch wandten sich die Köpfe um. Alle verneigten sich; der Kaiser war eingetreten. Er stützte sich einen Augenblick auf die Lehne seines Sessels und fragte mit seiner matten, schleppenden Stimme:

»Geht es ihr besser?«

»Viel besser, Majestät«, antwortete der Minister, sich von neuem verneigend. »Ich habe heute früh Nachricht über sie bekommen.«

Auf eine Handbewegung des Kaisers nahmen die Minister ihre Plätze am Tische ein. Es waren ihrer neun; einige breiteten Papiere vor sich aus, andere lehnten sich zurück und betrachteten ihre Nägel. Alle schwiegen. Der Kaiser schien leidend; er drehte langsam seine Schnurrbartspitzen zwischen den Fingern, sein Gesicht sah matt und bleich aus. Da niemand sprach, schien er sich endlich zu besinnen und nahm das Wort:

»Meine Herren, die Sitzung des gesetzgebenden Körpers wird demnächst geschlossen ...«

Zunächst wurde über das Budget gesprochen, das die Kammer in fünf Tagen angenommen hatte. Zum ersten Male fühlte sie sich zur Kritik aufgelegt. So wünschte der Berichterstatter, daß die Staatsschuldentilgung ihren regelmäßigen Fortgang nehme, daß die Regierung sich mit den ihr bewilligten Krediten begnüge und nicht beständig mit Nachforderungen komme. Anderseits hatten sich einige Abgeordnete darüber beklagt, daß der Staatsrat ihren Bemerkungen so wenig Gewicht beilege, als sie gewisse Ausgaben verringert zu sehen wünschten; einer hatte gar für den gesetzgebenden Körper das Recht beansprucht, das Budget selbst zu entwerfen.

»Nach meiner Ansicht ist es nicht angebracht, diese Ansprüche zu beachten«, sagte der Finanzminister schließlich. »Die Regierung befleißigt sich der größten Sparsamkeit, so daß die Budgetkommission viel Mühe gehabt hat, erbärmliche zwei Millionen auszuspüren, die sie streichen konnte. Doch halte ich es für klug, drei Nachforderungen, die jetzt geprüft werden, noch zu verschieben. Ein Ausgleichen innerhalb dar verschiedenen Fonds wird uns vorläufig die nötigen Mittel verschaffen, und später wird die Lage endgültig geregelt.«

Der Kaiser nickte zustimmend. Er schien gar nicht zuzuhören, sondern schaute mit stieren Augen wie geblendet in das helle Licht, das durch das Mittelfenster ihm gegenüber hereinfiel. Die übrigen Minister stimmten nach dem Beispiele des Kaisers ebenfalls zu, ohne jedoch zu reden. Ein Weilchen hörte man nur ein leises Rascheln; der Justizminister blätterte in einem Hefte von nur wenigen Seiten, das vor ihm auf dem Tische lag. Er warf seinen Kollegen einen fragenden Blick zu und begann:

»Majestät, ich habe hier den Entwurf einer Denkschrift über die Gründung eines neuen Adels ... Es sind nur einfache Notizen, aber ich hielt es für gut, ehe wir weitergingen, sie hier vorzulesen, um die Sache allseitig zu beleuchten.«

»Gewiß, lesen Sie, Herr Justizminister«, unterbrach ihn der Kaiser. »Sie haben recht.«

Dabei wandte er sich halb herum, um den Minister, während dieser las, beobachten zu können. Er wurde erregt, ein gelbliches Feuer brannte in seinen grauen Augen.

Die Frage betreffs des neuen Adels beschäftigte damals den Hof sehr. Die Regierung hatte damit begonnen, daß sie dem gesetzgebenden Körper einen Gesetzentwurf vorlegte, der jeden mit Geld- und Gefängnisstrafen belegte, der sich widerrechtlich irgendeinen Adelstitel beilegte. Es handelte sich darum, die alten Titel anzuerkennen und so die Schöpfung neuer vorzubereiten. Dieser Gesetzentwurf hatte in der Kammer einen leidenschaftlichen Redekampf hervorgerufen; Abgeordnete, die dem Kaiserreich sehr ergeben waren, hatten gerufen, in einem demokratischen Staate könne es keinen Adel geben, und bei der Abstimmung waren dreiundzwanzig Stimmen dagegen. Der Kaiser jedoch hielt an diesem Lieblingsplane fest, und er selbst hatte dem Justizminister einen umfassenden Entwurf angegeben.

Die Denkschrift begann mit einer geschichtlichen Einleitung. Darauf wurde das künftige System weitläufig auseinandergesetzt: die Titel sollten nach gewissen Amtsstufen eingeteilt werden, damit der neue Adel allen Bürgern zugänglich sei; eine demokratische Einrichtung, die den Justizminister sehr zu begeistern schien. Endlich kam der Entwurf des Dekretes. Artikel 2 las er mit erhobener und verlangsamter Stimme vor:

»Der Grafentitel wird nach fünfjährigem Dienste oder nach der Ernennung zum Großkreuz der Ehrenlegion den Folgenden verliehen: Unseren Ministern und den Mitgliedern unseres geheimen Rates, den Kardinälen und den Marschällen, den Admirälen und den Senatoren, unseren Gesandten und den Divisionsgenerälen, die selbständige Kommandos geführt haben.«

Er hielt inne und warf dem Kaiser einen fragenden Blick zu, ob er niemanden vergessen habe. Seine Majestät besann sich, den Kopf etwas auf die rechte Schulter gesenkt. Schließlich murmelte er:

»Ich glaube, die Präsidenten des gesetzgebenden Körpers und des Staatsrates müssen mit einbezogen werden.«

Der Justizminister nickte lebhaft und fügte auf dem Rande seines Entwurfes eiligst eine Bemerkung hinzu. Als er eben fortfahren wollte, machte ihn der Minister des öffentlichen Unterrichtes auf noch eine Lücke aufmerksam. Er begann:

»Die Erzbischöfe ...«

»Verzeihen Sie,« erwiderte der vortragende Minister trocken, »die Erzbischöfe sollen nur Barone werden. Lassen Sie mich das Dekret zu Ende lesen.«

Er fand sich nicht in seinen Blättern zurecht und suchte lange nach einem Blatte, das sich unter die übrigen verirrt hatte. Rougon saß aufrecht, den Hals zwischen seinen plumpen Bauernschultern vergraben, kaum merklich lächelnd, als er sich zur Seite wandte, sah er seinen Nachbar, den Staatsminister, den letzten Sproß einer alten normannischen Familie, ebenfalls verächtlich die Lippen kräuseln. Beide nickten sich leicht zu. Der Emporkömmling und der Edelmann hatten sich verstanden.

»Ah hier!« fuhr endlich der Sprecher fort: »Artikel drei. Der Baronstitel wird verliehen: erstens den Abgeordneten, die dreimal die Ehre gehabt haben, von ihren Mitbürgern in den gesetzgebenden Körper gewählt zu werden; zweitens den Staatsräten, nachdem sie acht Jahre im Dienst gewesen sind; drittens dem ersten Präsidenten und dem Generalanwalte am Kassationshofe, dem ersten Präsidenten und dem Generalanwalte am Rechnungshofe, den Divisionsgenerälen und Vizeadmiralen, den Erzbischöfen und den bevollmächtigten Ministern, nach fünfjährigem Dienste oder nachdem sie den Grad eines Kommandeurs der Ehrenlegion erlangt haben.

So ging es weiter. Die ersten Präsidenten und die Oberstaatsanwälte der kaiserlichen Gerichtshöfe, die Brigadegeneräle und die Konteradmirale, die Bischöfe, selbst die Bürgermeister der Hauptorte mit Präfekturen erster Klasse sollten Barone werden; nur verlangte man von ihnen zehn Dienstjahre.

»Jeder wird also Baron«, sagte Rougon halblaut.

Seine Kollegen, die ihn als einen schlecht erzogenen Menschen anzusehen gewohnt waren, machten ernste Gesichter, um ihm anzudeuten, daß sie diesen Scherz sehr übel angebracht fänden. Der Kaiser schien es nicht gehört zu haben. Als der Vortrag jedoch beendet war, fragte er:

»Was halten Sie von dem Entwurf, meine Herren?«

Sie zögerten zu antworten und warteten auf eine direktere Frage.

»Herr Rougon,« fuhr Seine Majestät fort, »was denken Sie von dem Entwürfe?«

»Mein Gott, Majestät,« versetzte der Minister des Innern mit seinem ruhigen Lächeln, »ich halte nicht sehr viel davon. Er birgt die schlimmste Gefahr, nämlich die der Lächerlichkeit. Ja, ich fürchte, daß alle diese Barone nur Stoff zum Lachen bieten werden ... Ich sage nichts über die ernsten Gründe, das Bewußtsein der Gleichheit, das heute herrscht, die Eitelkeit, die ein solches System zu einem krankhaften Grade entwickeln würde ...

Hier aber fiel ihm der Justizminister sehr erbittert und verletzt ins Wort, um sich gegen einen Angriff auf seine Person zu verteidigen. Er nannte sich selbst Bürger und Sohn eines Bürgers, unfähig, die Grundsätze der Gleichheit, welche die moderne Gesellschaft beherrschten, anzugreifen. Der neue Adel sollte demokratisch sein, und dieses Wort »demokratischer Adel« drückte seine Ansicht augenscheinlich so gut aus, daß er es öfter wiederholte. Rougon antwortete ihm immer lächelnd, ohne sich zu erhitzen. Der Justizminister, ein kleiner, dürrer, schwärzlicher Mann, wurde schließlich beleidigend. Der Kaiser schien von dem Streite nichts zu hören; er blickte wieder, leicht die Schultern wiegend, in das helle Licht, das durch das Fenster ihm gegenüber hereinströmte. Als schließlich die Stimmen lauter wurden, als seine Würde duldete, murmelte er:

»Meine Herren, meine Herren!« ...

Nach kurzem Schweigen fuhr er fort:

»Herr Rougon hat vielleicht recht ... Die Frage ist noch nicht spruchreif. Sie muß noch auf anderen Grundlagen studiert werden. Wir wollen später sehen.«

Darauf kamen einige kleinere Sachen zur Verhandlung. Besonders wurde über einen Aufsatz des »Jahrhundert« gesprochen, der großes Ärgernis am Hofe verursacht hatte. Es verging keine Woche, ohne daß der Kaiser von seiner Umgebung gebeten wurde, dieses Blatt, das einzige republikanische, das noch bestand, zu unterdrücken. Aber Seine Majestät war persönlich der Presse sehr freundlich gesinnt; der Kaiser ergötzte sich oft damit, in der Verborgenheit seines Kabinetts seine Regierung in langen Aufsätzen gegen die Angriffe zu verteidigen. Sein uneingestandener Traum war, ein Blatt für sich zu haben, wo er Manifeste veröffentlichen und Angriffe führen könne. Doch beschloß Seine Majestät, daß dem Blatte diesmal eine Verwarnung zugehen solle.

Ihre Exzellenzen glaubten die Sitzung geschlossen. Das sah man an der Art, wie die Herren auf dem Rande ihrer Sessel saßen. Der Kriegsminister, ein General mit sehr gelangweiltem Gesicht, der während der ganzen Sitzung kein Wort gesprochen, zog schon seine Handschuhe aus der Tasche, als Rougon sich schwer auf den Tisch lehnte:

»Majestät,« sagte er, »ich möchte hier einen Streit zur Sprache bringen, der zwischen der Kolportagekommission und mir ausgebrochen ist in bezug auf ein Werk, das der Zensur vorgelegt ist.«

Seine Amtsgenossen lehnten sich wieder in ihre Sessel zurück. Der Kaiser wandte sich mit leichtem Nicken halb um zum Zeichen, daß er fortfahren möge.

Darauf begann Rougon eine ausführliche Einleitung. Er lächelte nicht mehr, sah nicht mehr gutmütig aus. An den Tischrand gelehnt, mit dem rechten Arme regelmäßig die Decke fegend, erzählte er, er habe bei einer der letzten Sitzungen der Kommission selbst den Vorsitz führen wollen, um ihre Mitglieder zu größerer Tätigkeit anzueifern.

»Ich habe ihnen die Ansichten der Regierung über die Verbesserungen, die in ihrem wichtigen Dienste durchzuführen seien, auseinandergesetzt ... Der Hausierbuchhandel wird eine sehr gefährliche Waffe, wenn er in den Händen der Revolutionäre die Erörterungen und die Gehässigkeiten wieder belebt. Die Kommission hat also die Pflicht, alle Werke zurückzuweisen, die Leidenschaften nähren und aufreizen, die nicht mehr in unsere Zeit gehören. Sie wird dagegen Bücher annehmen, deren gute Richtung ihr geeignet scheint, den Glauben an Gott, die Liebe zum Vaterlande und die Dankbarkeit gegen den Herrscher zu fördern.

Die Minister, die sehr verdrießlich aussahen, glaubten doch diese letzten Worte beifällig begrüßen zu sollen.

»Die Zahl der schlechten Bücher wächst von Tag zu Tag«, fuhr er fort. »Es ist eine Sündflut, gegen die das Land nicht nachdrücklich genug geschützt werden kann. Von zwölf Büchern, die gedruckt werden, sind elf und ein halbes wert, ins Feuer geworfen zu werden. Das ist die Durchschnittssumme ... Niemals haben verbrecherische Gedanken, Umsturzpläne, gesellschaftsfeindliche Ungeheuerlichkeiten so viele Lobredner gefunden ... Ich muß manchmal gewisse Bücher lesen. Ich versichere ...«

Der Unterrichtsminister erkühnte sich ihn zu unterbrechen und begann:

»Die Romane ...«

»Romane lese ich niemals«, erklärte Rougon trocken.

Jener erhob mit einer Gebärde schamhafter Abwehr die Augen gen Himmel, als wolle er sich durch einen Schwur gegen den skandalösen Verdacht verwahren, je Romane zu lesen. Er erklärte sich dahin:

»Ich wollte nur sagen: Die Romane besonders sind ein wahres Gift, das der ungesunden Neugier der Menge vorgesetzt wird.«

»Gewiß«, nahm der Minister des Innern wieder das Wort. »Aber es gibt noch andere, ebenso gefährliche Werke, worin die Schriftsteller sich bemühen, dem Begriffsvermögen der Bauern und Arbeiter einen mundgerechten Brei von Sozialwissenschaften, und Volkswirtschaft vorzusetzen, dessen augenfälligste Wirkung die ist, schwache Köpfe zu verwirren ... Eben, ist ein Buch dieser Art ›Die Vorleseabende des wackeren Jakob‹ zur Prüfung vorgelegt worden. Es handelt von einem Sergeanten, der in sein Dorf zurückgekehrt, jeden Sonntag mit dem Schulmeister vor etwa zwanzig Arbeitern Zwiegespräche führt. Jedes Gespräch behandelt einen besonderen Gegenstand: neue Methoden für den Ackerbau, Arbeiterverbände, die bedeutende Rolle des Werterzeugers in der Gesellschaft. Ich habe das Buch gelesen, nachdem ein Beamter mich darauf aufmerksam gemacht hat; und ich habe es um so bedenklicher gefunden, als es verderbliche Lehren im Tone der Bewunderung für die Einrichtungen des Kaiserreiches vorträgt. Man darf sich darüber keiner Täuschung hingeben, es ist das Werk eines Demagogen. Ich war daher sehr überrascht, es von mehreren Mitgliedern der Kommission loben zu hören. Ich habe gewisse Stellen mit ihnen besprochen, ohne sie dem Anscheine nach zu überzeugen. Sie haben mich versichert, der Verfasser habe Seiner Majestät sogar ein Huldigungsexemplar überreicht ... Demnach, Majestät, glaubte ich, bevor ich den geringsten Druck ausübte, Ihre und des Ministerrates Meinung einholen zu solle«.«

Er blickte den Kaiser fest an, dessen unstet schweifende Augen schließlich auf einem Papiermesser haften blieben, das vor ihm lag. Er ergriff es, drehte es zwischen den Fingern und flüsterte:

»Ja, ja, die Vorleseabende des wackeren Jakob ...«

Er hielt inne und schielte rechts und links die Tafel hinunter.

»Haben Sie vielleicht das Buch gelesen, meine Herren«? Ich möchte gern wissen ...«

Er verschluckte den Schluß das Satzes wie gewöhnlich. Die Minister warfen einander: verstohlene Blicke zu; jeder rechnete darauf, sein Nachbar werde eine eigene Ansicht haben. Das Schweigen wurde nachgerade peinlich; offenbar hatte keiner auch nur eine Ahnung von dem Buche. Endlich machte der Kriegsminister im Namen aller seiner Genossen eine Gebärde des Nichtwissens. Der Kaiser drehte seinen Schnurrbart, er hatte offenbar keine Eile und fragte weiter:

»Und Sie, Herr Delestang?«

Delestang rückte auf seinem Sitze hin und her, wie wenn er in seinem Innern einen schweren Kampf kämpfe. Diese direkte Frage brachte ihn zum Entschluß. Bevor er jedoch antwortete, warf er unwillkürlich einen Blick auf Rougon.

»Ich habe das Buch in Händen gehabt, Majestät.«

Er hielt inne, da er die großen grauen Augen Rougons auf sich geheftet sah. Angesichts der augenscheinlichen Befriedigung des Kaisers fuhr er jedoch fort, wenngleich seine Lippen zitterten:

»Ich bedaure, nicht derselben Ansicht zu sein wie mein Freund und Kollege, der Herr Minister des Innern ... Gewiß, das Buch könnte einige Beschränkungen enthalten und außerdem die vorsichtige Bedächtigkeit betonen, ohne die kein wahrhaft ersprießlicher Fortschritt möglich ist. Aber deshalb scheinen mir die Vorleseabende des wackeren Jakob nicht minder ein Werk, das in bester Absicht geschrieben ist. Die Wünsche, die darin für die Zukunft ausgedrückt sind, treten nicht im geringsten den bestehenden Einrichtungen zu nahe. Sie sind im Gegenteil ihre mit Recht erwarteten Früchte.«

Er hielt inne. So sehr er sich auch bemühte, sein Gesicht dem Kaiser zuzuwenden, sah er dennoch auf der andern Seite des Tisches die ungeheure Masse Rougons, der mit aufgestützten Armen und mit vor Überraschung bleichem Gesichte dasaß. Für gewöhnlich war Delestang stets der Ansicht des großen Mannes; deshalb hoffte dieser den aufrührerischen Schüler durch ein Wort zum Gehorsam zurückzuführen und rief, indem er die Hände ineinanderschlang und knacken ließ:

»Man müßte ein Beispiel vorbringen. Leider habe ich das Buch nicht bei mir ... Doch entsinne ich mich eines Kapitels. Der brave Jakob redet von zwei Bettlern, die im Dorfe von Tür zu Tür gehen, und erklärt auf eine Frage des Schulmeisters den Bauern, ein Mittel angeben zu können, daß sie nie einen Armen unter sich haben sollen. Dann folgt ein verwickeltes System, zur Beseitigung der Massenarmut, vollständig kommunistische Lehren ... Der Herr Minister des Ackerbaues und des Handels kann dies Kapitel nicht im Ernste billigen.«

Delestang, plötzlich kühn geworden, wagte es, Rougon gerade ins Gesicht zu sehen.

»Vollständig kommunistische Lehren?« wiederholte er, »Sie gehen etwas weit! Ich habe darin nur eine scharfsinnige Auseinandersetzung der Grundsätze der Assoziation gesehen.«

Dabei blätterte er in seiner Mappe und erklärte endlich:

»Ich habe das Buch gerade bei mir.«

Dann begann er das fragliche Kapitel mit sanfter, gleichmäßiger Stimme vorzulesen. Bei gewissen Stellen nahm sein schöner, staatsmännischer Kopf den Ausdruck ungewöhnlichen Ernstes an. Der Kaiser hörte mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Ihn schienen besonders die rührenden Stellen zu erfreuen, wo der Verfasser seine Bauern im Tone kindlicher Einfalt reden ließ. Die Exzellenzen waren vollends ganz entzückt. Was für eine wundervolle Geschichte! Rougon, im Stich gelassen von Delestang, den er nur deshalb hatte zum Minister ernennen lassen, um an ihm inmitten der dumpfen Feindseligkeit der anderen eine Stütze zu haben! Seine Kollegen waren mit seinen beständigen Übergriffen, seiner Herrschsucht sehr unzufrieden; er behandelte sie als bloße Beamte, während er der geheime Ratgeber und die rechte Hand Seiner Majestät sein wollte. Er würde sich also vollständig vereinsamt finden! Diesen Delestang mußte man freundlich aufnehmen.

»Es finden sich vielleicht ein oder zwei Worte«, murmelte der Kaiser, nachdem Delestang geschlossen. »Aber im ganzen genommen sehe ich nichts ... Nicht wahr, meine Herren?«

»Das Buch ist durchaus harmlos«, versicherten die Minister.

Rougon antwortete nicht. Er schien die Schultern zu beugen. Dann wandte er sich wieder gegen Delestang allein. Einige Minuten lang kämpften sie in kurzen Sätzen miteinander. Der schöne Mann wurde kriegerisch, beißend. Da erhob sich Rougon allmählich. Zum erstenmal fühlte er seine Macht unter den Füßen wanken. Ohne weiteres wandte er sich an den Kaiser, hoch aufgerichtet, mit heftigen Gebärden.

»Majestät, es ist ja keine große Sache; das Buch wird gestattet, da Eure Majestät in Ihrer Weisheit glauben, daß es nicht gefährlich ist. Aber ich muß Ihnen erklären, Majestät, es wäre eine der größten Gefahren, Frankreich auch nur die Hälfte der Freiheiten zu geben, die dieser brave Jakob verlangt ... Sie haben mich unter schrecklichen Umständen zur Regierung berufen. Sie haben mir gesagt, ich solle nicht durch unzeitige Mäßigung die Zitternden zu beruhigen suchen. Ich habe mich Ihrem Wunsche gemäß gefürchtet gemacht. Ich glaube, mich bis ins kleinste nach Ihren Weisungen gerichtet und Ihnen die Dienste erwiesen zu haben, die Sie von mir erwarteten. Wenn jemand mich allzu großer Strenge anklagte, wenn man mir vorwürfe, die mir von Eurer Majestät verliehene Macht zu mißbrauchen, so käme solcher Tadel gewiß von einem Gegner Ihrer Politik ... Glauben Sie mir, die Gesellschaft ist noch immer ebenso tief erregt, es ist mir leider in den wenigen Wochen noch nicht gelungen, sie von allen den Übeln zu heilen, die an ihrem Marke zehren. Die Leidenschaften des Umsturzes grollen immer noch im Grunde der Demagogie. Ich will diese Wunde nicht bloßlegen, ihre Schrecken nicht übertreiben. Aber ich muß an ihr Vorhandensein erinnern, um Eurer Majestät angesichts Ihrer großherzigen Aufwallungen zur Vorsicht zu mahnen. Man konnte einen Augenblick hoffen, daß die Energie des Herrschers und der feierlich kundgegebene Wille des Landes die abscheulichen Zeiten der allgemeinen Entartung für immer in das Nichts zurückgeworfen hätten. Die Ereignisse haben gezeigt, in welch schmerzlichem. Irrtume man sich befand. Ich bitte Eure Majestät im Namen des Volkes, ziehen Sie Ihre mächtige Hand nicht zurück. Die Gefahr liegt nicht in den zu weit gehenden Vollmachten der Regierung, sondern in dem Mangel an Unterdrückungsgesetzen. Wenn Sie Ihre Hand zurückzögen, würden Sie alsbald die Hefe der Bevölkerung aufwallen und Sie mit revolutionären Anforderungen bestürmen sehen, und selbst Ihre energischsten Diener würden Sie bald nicht mehr zu verteidigen imstande sein ... Ich erlaube mir, hierauf nachdrücklich hinzuweisen, denn die folgenden Katastrophen würden entsetzlich sein. Unbeschränkte Freiheit ist in einem Lande nicht möglich, wo eine Partei hartnäckig die Hauptgrundlagen der Regierung verkennt. Es wird noch lange Jahre dauern, bis die unbeschränkte Gewalt sich allen fühlbar macht, die Erinnerung an die früheren Kämpfe austilgt und so unanfechtbar wird, daß sie sich in Frage stellen lassen darf. Außerhalb des in seiner ganzen Strenge angewandten Autoritätsprinzipes gibt es für Frankreich kein Heil. Der Tag, an dem Eure Majestät glauben, dem Volke die harmloseste Freiheit zugestehen zu sollen, wird Sie für die ganze Zukunft binden. Eine Freiheit ist nichts ohne eine andere Freiheit, dann kommt eine dritte Freiheit und fegt alles fort, die staatlichen Einrichtungen und die Herrscherfamilien. Das ist die unversöhnliche Maschine, das mitleidlose Räderwerk, das die Fingerspitze ergreift, die Hand, den Arm verschlingt und endlich den ganzen Körper zermalmt. Da ich mir erlaube, hierüber frei herauszureden, füge ich noch hinzu: der Parlamentarismus hat eine Monarchie getötet, man darf ihm nicht noch ein Kaiserreich zum Opfer hinwerfen. Der gesetzgebende Körper spielt schon wieder eine viel zu geräuschvolle Rolle. Man lasse ihm künftig durchaus keinen Einfluß auf die leitende Politik des Herrschers; das würde die Quelle der lärmendsten und beklagenswertesten Erörterungen sein. Die letzten allgemeinen Wahlen haben wieder einmal die ewige Dankbarkeit des Landes bewiesen; nichtsdestoweniger hat es fünf Kandidaturen gegeben, deren skandalöser Erfolg zur Warnung dienen sollte. Heute ist die große Frage die: die Bildung einer Oppositionsminderheit zu verhindern, und besonders, falls sie sich dennoch bildet, ihr nicht Waffen in die Hand zu geben, womit sie die Regierung noch unverschämter bekämpfen könne. Ein Parlament, das schweigt, ist ein Parlament, das arbeitet ... Was die Presse betrifft, Majestät, so verwandelt sie die Freiheit in Zügellosigkeit. Seit meinem Eintritte in das Ministerium habe ich aufmerksam die Berichte gelesen; und empfinde jeden Morgen Ekel darüber. Die Presse ist das Sammelbecken aller ekelerregenden Gärungsstoffe. Sie hegt die Revolutionen, sie bleibt der stets brennende Herd, an dem sich die Feuersbrünste entzünden. Sie wird erst dann Nutzen stiften, wenn man sie gebändigt hat und ihre Kraft als ein Hilfsmittel der Regierung verwenden kann ... Ich rede nicht von den anderen Freiheiten, der Vereinsfreiheit, der Versammlungsfreiheit, der Freiheit, alles zu tun. Man erbittet sie achtungsvoll in den ›Vorleseabenden des wackeren Jakob‹; später wird man sie fordern. Das sind meine Besorgnisse. Glauben mir Eure Majestät, Frankreich muß noch lange die Wucht eines eisernen Armes auf seinem Nacken fühlen ...«

Er wiederholte sich, er verteidigte seine Macht mit wachsender Erregung. Fast eine Stunde lang fuhr er so fort im Schutze des Autoritätsgrundsatzes, sich damit deckend, sich darin einhüllend wie ein Mann, der sich die ganze Widerstandsfähigkeit seiner Rüstung zunutze macht. Trotz seiner anscheinenden Leidenschaftlichkeit bewahrte er doch Kaltblütigkeit genug, seine Kollegen zu beobachten, um auf ihren Gesichtern den Eindruck seiner Worte zu verfolgen. Sie saßen bleich, regungslos da. Plötzlich schwieg er:

Ein ziemlich langes Schweigen folgte. Der Kaiser hatte sein Spiel mit dem Papiermesser wieder aufgenommen.

»Der Herr Minister des Innern sieht die Lage Frankreichs in zu düsterem Lichte«, sagte endlich der Staatsminister. »Nichts bedroht nach meiner Ansicht unsere staatlichen Einrichtungen. Die Ordnung ist vollkommen. Wir können uns auf die hohe Weisheit Seiner Majestät verlassen. Es würde selbst Mangel an Vertrauen in sie bezeugen, wollte man Befürchtungen äußern.«

»Ganz gewiß, ganz gewiß!« murmelten mehrere Stimmen.

»Ich möchte hinzufügen,« sagte seinerseits der Minister des Auswärtigen, »daß Frankreich in Europa niemals mehr geachtet war als jetzt. Überall im Auslande huldigt man der festen und würdigen Politik Seiner Majestät. Nach der Ansicht der Staatskanzleien ist unser Vaterland für immer in einen Zeitraum des Friedens und der Größe eingetreten.«

Keiner der Herren dachte übrigens daran, das von Rougon verteidigte politische Programm anzugreifen. Die Blicke wandten sich Delestang zu. Dieser begriff, was man von ihm erwartete. Er fand zwei bis drei Phrasen und verglich das Reich mit einem Gebäude.

»Gewiß, der Autoritätsgrundsatz darf nicht erschüttert werden, aber man darf den öffentlichen Freiheiten auch nicht Tür und Tor verschließen ... Das Reich ist wie ein Asyl, ein weites und prächtiges Haus, dessen unzerstörbare Grundlagen Seine Majestät mit eigener Hand niedergelegt hat. Heute arbeitet sie noch daran, die Mauern aufzuführen. Aber es wird ein Tag kommen, wo die Arbeit vollendet ist, wo der Baumeister an die Krönung des Gebäudes denken muß, und dann ...«

»Niemals!« rief Rougon heftig. »Alles würde zusammenbrechen!«

Der Kaiser streckte die Hand aus, um dem Wortstreite, ein Ende zu machen. Er lächelte, als sei er aus einem Traume erwacht.

»Gut, gut«, sagte er. »Wir sind von den laufenden Geschäften abgekommen ... Wir wollen sehen.«

Und indem er sich erhob, sagte er:

»Meine Herren, es ist spät geworden. Sie werden im Schlosse frühstücken.«

Die Sitzung war beendet. Die Minister schoben ihre Sessel zurück, standen auf und verbeugten sich vor dem Kaiser, der sich mit kleinen Schritten zurückzog. Aber Seine Majestät wandte sich noch einmal um und murmelte:

»Herr Rougon, auf ein Wort, bitte.«

Während der Herrscher Rougon in eine Fensternische zog, drängten sich Ihre Exzellenzen in der entgegengesetzten Ecke um Delestang. Sie beglückwünschten ihn verstohlen, augenzwinkernd, mit verständnisvollem Lächeln, einem dumpfen Murmeln beifälligen Lobes. Der Staatsminister, ein scharfsinniger und erfahrener Mann, zeigte sich besonders eifrig; er vertrat den Grundsatz, daß die Freundschaft der Dummen Glück bringt. Delestang verneigte sich bei jedem Komplimente bescheiden und gemessen.

»Nein, kommen Sie lieber mit!« sagte der Kaiser zu Rougon.

Er entschloß sich dazu, ihn in sein Arbeitszimmer zu führen, ein ziemlich enges Gemach, wo Zeitschriften und Bücher auf allen Möbeln umherlagen. Dort zündete er sich eine Zigarette an, zeigte Rougon das verkleinerte Modell eines neuen Geschützes, das ein Offizier erfunden hatte; es sah aus wie ein Kinderspielzeug. Er nahm einen sehr wohlwollenden Ton an und schien dem Minister beweisen zu wollen, daß er ihm seine ganze Gunst bewahrt habe. Rougon witterte indessen eine Erklärung. Er wollte zuerst sprechen.

»Ich weiß, wie heftig ich vor Eurer Majestät angegriffen werde«, sagte er.

Der Kaiser lächelte, ohne zu antworten. Der Hof hatte in der Tat einen neuen Sturmlauf gegen ihn unternommen. Man klagte ihn jetzt an, er mißbrauche seine Gewalt und kompromittiere das Kaiserreich durch seine Schroffheit. Die unglaublichsten Geschichten wurden ihm zur Last gelegt, die Gänge des Schlosses widerhallten von Anekdoten und Klagen, deren Echo jeden Morgen in das Gemach des Kaisers drang.

»Setzen Sie sich, Herr Rougon, setzen Sie sich!« sagte er endlich gütig.

Dann setzte er sich selbst und fuhr fort:

»Man betäubt mir die Ohren mit einer Menge Geschichten. Ich möchte mit Ihnen darüber reden ... Was ist es mit diesem Notar, der infolge seiner Verhaftung in Niort gestorben ist? Ein Herr Martineau, wenn ich nicht irre?«

Rougon gab ruhig nähere Auskunft. Dieser Martineau war ein sehr verdächtiger Mensch, ein Republikaner, dessen Einfluß im Kreise zu einer großen Gefahr werden konnte. Er war verhaftet worden und hernach gestorben.

»Ja, eben daß er tot ist, das ist das Ärgerliche«, nahm der Herrscher wieder das Wort. »Die gegnerischen Blätter haben sich des Falles bemächtigt, sie berichten darüber in einer geheimnisvollen Art mit Lücken, die das Schlimmste ahnen lassen und den beklagenswertesten Eindruck machen ... Ich bin über das alles sehr bekümmert, Herr Rougon.«

Er schwieg einige Sekunden, die Zigarette an die Lippen geklebt, dann fuhr er fort:

»Sie sind kürzlich in Deux-Sèvres gewesen, Sie haben dort einer Feierlichkeit beigewohnt ... Sind Sie, der finanziellen Sicherheit des Herrn Kahn gewiß?«

»Oh, unbedingt gewiß!« rief Rougon.

Darauf begann er wieder Erklärungen zu geben. Herr Kahn stütze sich auf eine sehr reiche englische Gesellschaft, die Aktien der Bahn Niort-Angers würden an der Börse mit Aufgeld gehandelt, es sei das beste Geschäft, das sich denken lasse. Der Kaiser schien ungläubig.

»Man hat vor mir Befürchtungen ausgedrückt«, murmelte er. »Sie begreifen, welches Unglück es wäre, wenn Ihr Name in einen Krach verwickelt würde ... Indessen, da Sie mich des Gegenteiles versichern ...«

Er brach diesen zweiten Gegenstand ab und ging zum dritten über.

»Mit dem Präfekten von Deux-Sèvres ist man sehr unzufrieden«, sagt man mir. »Er soll da draußen alles auf den Kopf gestellt haben. Er soll außerdem der Sohn eines alten Gerichtsvollziehers sein, über dessen seltsame Gewohnheiten der Kreis sich unterhält ... Herr Du Poizat ist Ihr Freund, wenn ich nicht irre?«

»Ein guter Freund von mir, Majestät.«

Der Kaiser erhob sich, Rougon gleichfalls. Jener ging ans Fenster und kehrte dann zurück, dünne Rauchwölkchen ausstoßend.

»Sie haben viele Freunde, Herr Rougon«, sagte er darauf bedeutungsvoll.

»Ja, Majestät, viele!« antwortete der Minister geradeheraus.

Bis dahin hatte der Kaiser offenbar den Schloßklatsch wiedergegeben, die Anklagen, die seine Umgebung gegen Rougon erhoben hatte. Aber er mußte noch andere Geschichten kennen, Tatsachen, von denen der Hof nichts wußte, die seine Privatagenten ihm berichtet hatten, und die ihn viel mehr interessierten; das Spionieren, die ganze unterirdische Arbeit der Polizei ging ihm über alles. Einen Augenblick sah er Rougon mit nichtssagendem Lächeln an; dann fuhr er vertraulich fort, im Tone eines Menschen, den etwas erheitert.

»Oh, ich habe mehr erfahren, als ich wünschte ... Warten Sie, hier ist noch eine kleine Tatsache. Sie haben in Ihren Bureaus einen jungen Mann auf genommen, Sohn eines Obersten, obgleich, er das Reifezeugnis nicht aufweisen konnte. Das ist unerheblich, ich weiß es. Aber wenn Sie wüßten, welchen Staub diese Dinge aufwirbeln! ... Die ganze Welt wird mit diesen Dummheiten in Aufregung gehalten. Es ist eine sehr schlechte Politik.«

Rougon antwortete nicht. Seine Majestät hatte noch nicht ausgeredet. Er öffnete die Lippen, suchte nach einem Ausdrucke; aber was er zu sagen hatte, schien ihn zu genieren, denn er zögerte noch eine Weile, bis er endlich stammelte:

»Ich werde mit Ihnen nicht über diesen Türsteher reden, einen Ihrer Schützlinge, namens Merle, nicht wahr? Er betrinkt sich, ist unverschämt, das Publikum und die Beamten beklagen sich darüber ... Alles das ist sehr ärgerlich, sehr ärgerlich.«

Dann schloß er mit plötzlich erhobener Stimme:

»Sie haben zu viele Freunde, Herr Rougon. Alle diese Leute schaden Ihnen. Man würde Ihnen einen Dienst erweisen, wenn man sie Ihnen vom Halse schaffte ... Räumen Sie mir die Absetzung des Herrn Du Poizat ein und versprechen Sie mir, die anderen laufen zu lassen.«

Rougon war unbewegt geblieben. Er verneigte sich und sagte mit nachdrücklicher Betonung:

»Majestät, ich erbitte im Gegenteil das Offiziersband der Ehrenlegion für den Präfekten von Deux-Sèvres ... Ich habe noch einige ähnliche Bitten.«

Er zog ein Notizbuch aus der Tasche und fuhr fort:

»Herr Béjuin bittet, Eure Majestät wolle geruhen, bei Ihrem Besuche in Bourges seine Glasfabrik in Saint-Florent zu besichtigen ... Der Oberst Jobelin wünscht eine Stellung im kaiserlichen Schlosse... Der Türsteher Merle erinnert daran, daß er die Militärmedaille erhalten hat und bittet um einen Tabakladen für eine seiner Schwestern ...«

»Das ist alles?« fragte der Kaiser, wieder lächelnd. »Sie sind ein heroischer Gönner. Ihre Freunde müssen Sie vergöttern.«

»Nein, Majestät, sie vergöttern mich nicht, aber sie stützen mich«, erwiderte Rougon mit seiner rauhen Freimütigkeit.

Dies Wort schien den Kaiser sehr zu überraschen. Rougon hatte eben das ganze Geheimnis seiner Treue ausgesprochen: sobald er seinen Kredit einschlafen lasse, sei es um seinen Kredit geschehen, und trotz des Skandales, trotz der Unzufriedenheit und Verräterei seiner Freunde habe er nur sie, er besitze keine andere Stütze und sei verdammt, sie bei guter Laune zu erhalten, wenn er selbst bleiben wolle, was er sei. Je mehr er für seine Freunde erhalte, je ungeheurer und unverdienter diese Gunstbezeugungen erschienen, desto stärker sei er. Er fügte achtungsvoll, mit fühlbarer Absichtlichkeit, hinzu:

»Ich wünsche von ganzem Herzen, daß Eure Majestät um der Größe Ihres Reiches willen die treuen Diener, die Ihnen bei der Wiedererrichtung des Kaiserreiches geholfen haben, noch lange um sich bewahren mögen!«

Der Kaiser lächelte nicht mehr. Er ging einige Schritte nachdenklich und mit verschleierten Augen; er schien blaß, wie von einem Schauer überrieselt. Seiner grübelnden Natur drängten sich die Vorahnungen mit besonderer Deutlichkeil auf. Er brach die Unterhaltung ab, um sie nicht zu Ende führen zu müssen, und verschob die Erfüllung seines Willens auf später. Dann zeigte er sich wieder sehr freundlich. Ja, als er auf die Erörterung zurückkam, die im Ministerrate stattgehabt hatte, schien er Rougon jetzt, wo er freier reden konnte, recht zu geben. Das Land war entschieden noch nicht reif für die Freiheit. Noch lange Zeit mußte eine energische Hand ohne eine Anwandlung von Schwäche die Dinge im rechten Geleise erhalten. Zum Schlüsse wiederholte er dem Minister die Versicherung seines vollen Vertrauen », er ließ ihm völlige Freiheit im Handeln und bestätigte alle seine früheren Weisungen. Indessen glaubte Rougon sich noch besser sichern zu müssen und sagte:

»Majestät, ich möchte nicht von einer übelwollenden Äußerung abhängig sein; ich bedarf der Stetigkeit, um die schwere Aufgabe zu vollenden, für die ich heute verantwortlich bin.«

»Herr Rougon,« erwiderte der Kaiser, »gehen Sie ohne Furcht vorwärts, ich bin mit Ihnen.«

Damit brach er die Unterhaltung ab und schritt auf die Tür zu, der Minister folgte. Beide gingen hinaus und durch mehrere Zimmer, um in den Speisesaal zu gelangen. Aber in dem Augenblicke, als sie eintreten wollten, wandte der Herrscher sich um und zog Rougon in die Ecke einer Galerie, wo er sagte:

»Sie billigen also das vom Herrn Justizminister vorgeschlagene System für den neuen Adel nicht? Ich möchte Sie gern diesem Plane geneigt sehen. Überlegen Sie sich die Sache also.«

Ohne die Antwort abzuwarten, fügte er mit seiner ruhigen Hartnäckigkeit hinzu:

»Doch hat es keine Eile; ich kann warten. Wenn nötig, zehn Jähre.«

Nach dem Frühstücke, das kaum eine halbe Stunde dauerte, begaben sich die Minister in einen kleinen anstoßenden Salon, wo der Kaffee gereicht wurde. Sie unterhielten sich dort stehend noch ein Weilchen mit dem Kaiser, der sich in ihrer Mitte befand. Clorinde, von der Kaiserin ebenfalls zurückgehalten, kam ihren Mann abholen, mit der unternehmenden Haltung einer Frau, die in die Kreise der Politiker geraten ist. Sie reichte mehreren der Herren die Hand. Alle umdrängten sie, die Unterhaltung nahm eine andere Richtung. Aber Seine Majestät zeigte sich gegenüber der jungen Frau so galant, drängte sich mit langem Halse und schielendem Blicke bald so dicht an sie, daß Ihre Exzellenzen es angezeigter fanden, sich allmählich zurückzuziehen. Ihrer vier, dann noch drei andere traten durch eine Fenstertüre auf die Terrasse des Schlosses hinaus. Nur ihrer zwei blieben im Salon, um den Schein zu retten. Der Staatsminister hatte mit einem verbindlichen und leutseligen Ausdrucke in seinem hochmütigen Edelmannsgesichte Delestang mit sich genommen und zeigte ihm von der Terrasse das ferne Paris. Rougon stand in der Sonne, ebenfalls ganz in den Anblick der Großstadt vertieft, die den ganzen Horizont abschloß gleich einem bläulichen Gewölk über dem endlosen grünen Felde des Boulogner Gehölzes.

Clorinde strahlte diesen Morgen von Schönheit. Geschmacklos gekleidet wie immer, ihr hellkirschfarbenes Kleid hinter sich herschleifend, schien sie sich ihre Gewänder in aller Hast unter dem Drange eines brennenden Verlangens umgehängt zu haben. Sie lachte und bewegte lebhaft die Arme. Ihr ganzer Leib bot sich dar. Auf einem Balle beim Marineminister, wo sie als Herzdame erschienen war, Diamantherzen am Halse, an den Handgelenken und an den Knien, hatte sie den Kaiser erobert, und seit jenem Abend schien sie seine Freundin zu sein, die nur scherzte, wenn Seine Majestät sie schön zu finden geruhte.

»Sehen Sie, Herr Delestang,« sagte der Staatsminister draußen zu seinem Kollegen, »da unten links die Kuppel des Pantheons schimmert in einem außerordentlich zarten Blau.«

Während der Gatte seine Bewunderung aussprach, suchte der Minister neugierige Blicke durch die offen gebliebene Fenstertüre in den kleinen Salon zu werfen. Der Kaiser redete, vornübergeneigt, der jungen Frau gerade ins Gesicht; sie bog sich nach rückwärts, wie um ihm zu entgehen, immerfort hell lachend. Man sah nur das verschwimmende Profil Seiner Majestät, ein gespitztes Ohr, eine, große, rote Nase, einen dicken, unter dem dichten Schnurrbart fast verborgenen Mund; die zurücktretende Backenfläche und der kaum sichtbare Augenwinkel verrieten eine glühende Begehrlichkeit, das sinnliche Gelüst des Mannes, den der Duft eines Weibes berauscht. Clorinde, berückend verführerisch, weigerte sich mit einem unmerklichen Wiegen des Hauptes, während ihr Atem bei jedem Lachen die so berechnet entzündete Begier noch mehr anfachte.

Als Ihre Exzellenzen in den Salon zurückkehrten, sagte die junge Frau, sich erhebend, ohne daß man wußte, worauf sie antwortete:

»Oh, Majestät, verlassen Sie sich nicht darauf, ich bin störrisch wie ein Maultier!«

Trotz seines Zwistes kehrte Rougon mit Delestang und Clorinde nach Paris zurück. Letztere schien ihren Frieden mit ihm machen zu wollen. Die nervöse Unruhe, die sie unangenehme Gegenstände der Unterhaltung suchen ließ, war von ihr gewichen; sie blickte ihn zuweilen sogar mit einer Art lächelnden Mitleides an. Als der Landauer in dem sonnengebadeten Gehölze am See sanft dahinrollte, streckte sie sich aus und flüsterte mit einem Seufzer des Entzückens:

»Oh, der schöne Tag! Wie schön ist es heute!«

Nachdem sie einen Augenblick träumerisch dagesessen, fragte sie ihren Gatten:

»Ist deine Schwester, Frau Combelot, noch immer in den Kaiser verliebt?«

»Henriette ist toll!« versetzte er achselzuckend.

Rougon teilte näheres mit und sagte:

»Ja, ja, noch immer. Sie soll sich eines Abends Seiner Majestät zu Füßen geworfen haben ... Er hat sie aufgehoben und ihr geraten, noch zu warten ...«

»Ja wahrhaftig, sie kann warten!« rief Clorinde vergnügt. »Andere kommen vor ihr an die Reihe.«

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.