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Seemannsmärchen und Schiffersagen

Alexander von Ungern-Sternberg: Seemannsmärchen und Schiffersagen - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
authorAlexander von Ungern-Sternberg
titleSeemannsmärchen und Schiffersagen
booktitleSchiffersagen
publisherAufbau Taschenbuch Verlag
editorGerlinde Butte
year1991
isbn3746600685
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141127
projectid8ec0fece
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Scylla. Ein antikes Schiffermärchen

Dicht am Meeresstrande saß träumend ein Fischerknabe aus Messina. Er hatte seine Tagewerk vollbracht, die Angel lag neben ihm, jetzt wartete er auf sein Mädchen, das ihm hier eine Zusammenkunft versprochen hatte. Der Ort war abgelegen und einsam, der Mond schien hell, nächtliche Stille lag auf Land und Meer. Das war eine Nacht, um zu träumen, eine Nacht, um all die alten Götterbilder neu hervorzurufen, die einst diese paradiesischen Küsten belebt hatten. Der Knabe dachte nicht daran, er träumte nur von seinem Mädchen, und im Unmute, daß sie ihn so lange warten ließ, warf er sich auf den hellen Sandbogen nieder, so daß seine gelben, niederhängenden Locken von dem Meere bespült wurden.

Am Ohr des Träumenden raschelte etwas am Boden dahin. Es war eine Ameise, die sich vor einer kleinen, räuberischen Meerspinne zu retten suchte. Der Knabe warf mit einer leichten Bewegung des Fingers den Verfolger in die Wogen und rettete die Verfolgte. Es war dieses ein kleiner Akt harmloser Gerechtigkeitsliebe, ein Eingreifen in den großen, allgemeinen Vernichtungskrieg der Schöpfung, ein Einmischen in die Händel alter, berühmter Insektenhäuser, deren Feindschaft schon Jahrtausende dauert. Die Spinne schwamm im Wasser fort, nachdem sie einmal noch gleichsam drohend ihre dünnen Beine geschüttelt. Dann war alles wieder so still, so warm und weich, so süß sehnsüchtig. Die Lüfte zogen mit immer schwererem Fittich ihren Weg übers Meer, das Meer wurde stiller und dunkler, es empfing willig die weichen Falten des schönen, glänzenden Mantels, den der Mond darauf hinbreitete, gleichsam als wollte Luna nun selbst bald in die Fluten zum Bade niedersteigen. Der Fischerknabe seufzte, denn noch immer kam sein Mädchen nicht. Plötzlich hörte er an seinem Ohr eine feine Stimme, die da sprach: »O Aeakus, geliebter König, wo ist jetzt dein Königreich und wo dein tapferes Kriegsheer?«

Der Knabe wandte bei diesen Worten erstaunt sein Haupt zur Seite.

»Sachte, sachte mein Freund!« rief dieselbe Stimme ängstlich, »du fegst mit deinen dicken blonden Locken mich von dem Steinchen herab, auf dem ich mühsam Platz genommen, um mich nach dem Kampf mit der Spinne zu erholen.«

Es war dieselbe Ameise, die der Fischerbube gerettet hatte. Seine scharfen Augen erkannten im hellen Mondschein die winzig kleine, braune Gestalt, die, um besser gesehen zu werden, sich aufrecht auf den Splitter eines Grashalms stützte, den sie wie eine Lanze zwischen ihre Vorderfüße geklemmt hielt. Sie ließ ihrem Retter eine kleine Pause, sich von seinem Erstaunen zu erholen, dann sagte sie: »Ich sehe, daß dir die Zeit lang wird, und um mich dankbar für deinen mir geleisteten Ritterdienst zu bezeigen, will ich dir eine kleine Geschichte erzählen, die, obgleich uralt, doch auch für die jetzige Welt von Interesse ist. Es ist die Geschichte der Scylla.«

Knabe: »Erzähle, doch vorher sage mir, wie du dazu kommst, menschlich zu sprechen. Ich bekümmere mich nicht viel um Dinge, die um mich her vorgehen, aber dieses ist doch etwas zu Auffallendes, um es ganz zu übersehen.«

Ameise: »Liebster Freund, du gefällst mir so, wie du da bist. Glaube mir, daß du die Dinge ohne Grübeln und Untersuchen hinnimmst, ist eine Gabe, die in dieser Welt, wo immerdar die größte Verwirrung herrscht, ordentlich beneidenswert ist. Mein Unglück war, daß ich stets zu sehr Philosoph sein wollte. Ich suchte die Allmacht und Güte der Götter immer da auf, wo sie gar nicht zu finden war, und wenn ich oft über die Weisheit des großen Weltregierers staunen wollte, beging er gerade einen dummen Streich, der ihn in meinen Augen lächerlich machte. Ich und meine kleine Geschichte geben einen Beweis von Jupiters Willkür. Solltest du wohl glauben, daß ich so, wie du mich hier sitzen siehst, ein Offizier in der alten Garde des Königs Aeakus bin?«

Der Knabe wandte sich um, sah die Ameise an und fiel dann, ohne ein Wort zu sagen, in seine vorige Stellung.

Ameise: »Hast du nie von den Myrmidonen gehört?«

Knabe: »Sind das etwa die frechen Räuber, die vor einiger Zeit einen Angriff auf das Haus der heiligen Jungfrau zu Loretto gemacht?«

Ameise: »Was Räuber und was heilige Jungfrau! Ich kenne diese Wesen gar nicht. Ich spreche von einer ganz andern Zeit. Du siehst in mir einen Griechen, einen Unteran des Königs Aeakus, der die schöne Insel Aegina beherrschte und der durch den Zorn der Juno alle seine Untertanen verlor.«

Knabe: »Ach, du bist also ein Heide! – Du hast zu der Zeit gelebt, als man die schönen Steinbilder verehrte, die mir einmal der Professor durch die halboffene Tür der Antikenkammer zeigte?«

Ameise: »Ja, so ist's, mein Träumer. Hast du nicht dort einen schönen, übermütigen Jüngling gesehen, berühmt durch seine vielen Liebschaften? Es ist Apoll. Bemerktest du ein Weib, eben aus dem Bade kommend, in göttlichem Liebreiz sich mit ihren Händen deckend?«

Knabe: »Ich sah sie.«

Ameise: »Das ist Venus. Es ist die Göttin, von deren Zorn ich am grausamsten zu leiden hatte. Ach!«

Das Übermaß des Gefühls vergangener Tage ergriff hier die Brust des Offiziers der alten Leibwache des Königs Aeakus so sehr, daß er taumelte und sich lange Zeit vergebens auf seinen Grashalm zu stützen versuchte. Der Fischer sah es und wollte ihm beispringen, doch den plumpen Griff der gewaltigen Finger dicht über seinem Haupte sehend, erschrak der Offizier so heftig, daß er schnell wieder zu sich selbst kam und ruhig auf dem Steinchen sitzen blieb. Nach einer kleinen Weile fuhr er fort:

»Du lebst jetzt, mein Guter, in einer geordneten Welt und kannst dir darum keinen Begriff von der Unordnung machen, die in der unsrigen herrschte. Überall, wo man hinsah, gab es Liebschaften. Eifersüchtige und rasende Weiber strichen in Haufen herum und verübten alles nur denkbare Böse. Der Vater der Götter und Menschen lief oft in den albernsten Verkappungen durch die Welt. Vor meinen Augen sah ich das Schäfermädchen Daphne in einen Baum verwandelt, verliebtes Gold regnete und Wolken wurden zärtlich. Im Wasser und in der Luft trieb sich das Heer der Verfolger und Verfolgten herum, und mancher Liebeshandel nahm eine so unanständige Physiognomie an, daß ich am besten tue, ganz von diesem Kapitel zu schweigen. Ich will dir nun ganz kurz die Geschichte meiner Verwandlung erzählen. Daß ich in dieser Gestalt, wie ich jetzt vor dir erscheine, unmöglich das Herz der reizenden Scylla erobern konnte, begreifst du wohl. Ich war der schönste Krieger, den du dir denken kannst. Zwar ist immer mein Gesicht etwas bräunlich gewesen, allein, es war die Farbe des Muts und der erprobten Männlichkeit, eine Farbe, die uns zum Entzücken gut kleidet und zugleich so gefährlich für die Frauen ist. Jupiter bewirkte diese Verwandlung von einer Ameise in einen Kriegshelden, und zwar aus folgendem Grunde. Der König Aeakus, wie ich dir schon erzählt habe, verlor durch eine Pest fast alle seine Untertanen. Über dieses Mißgeschick war er untröstlich. Eines Tages, als er eben angesichts seiner ausgestorbenen Hauptstadt auf dem Felde unter einer Zypresse träumend lag, bemerkte er einen ganzen Zug Ameisen, der sich den Stamm des Baumes hinaufbewegte. Es mochten ihrer wohl Hunderttausende sein. Der König, indem er die Geschäftigkeit und Ordnung des kleinen Heeres näher ins Auge faßte, konnte sich nicht enthalten, mit einem schweren Seufzer auszurufen: ›Ach, Jupiter! Wenn diese doch meine Soldaten wären!‹ – Infolge eines so vergeblichen Wunsches und seiner schwermütigen Gedanken schlummerte der arme König ein. Nach einer kleinen Weile schreckte ihn ein heftiger Donnerschlag empor: die Erde scheint zu wanken, geheimnisvolle Stimmen rauschen in den Lüften und ein dichter Nebel deckt das Land. Nachdem diese schrecklichen Erscheinungen sich verloren haben, kommt der Begleiter des Königs atemlos im Lauf und meldet, daß, man wisse nicht wie, eine ungeheure feindliche Kriegsmacht eingebrochen sei und sich schon der Stadt bemächtigt habe. ›Es werden Athener sein!‹ seufzt der König. ›Ach! Ich habe keine Macht, sie abzutreiben; mögen sie sich denn meines Eigentums bemächtigen.‹ Mit diesen Worten sinkt er in seinem Schmerz am Baumstamm nieder. Unterdessen hatte ich schon mit einigen meiner Gefährten die Stadt verlassen und kam nun, dem Könige meine Dienste anzubieten.«

Knabe: »Also du warst nun ein Soldat geworden, ein leibhaftiger und wirklicher Mensch? Erzähle, wie dir bei deiner Verwandlung zumut gewesen. Niemals habe ich so seltsame Geschichten gehört.«

Ameise: »Wie mir zumute war, kann ich dir unmöglich beschreiben, nur das weiß ich, daß ich herzlich lachen mußte, als ich meine neue Gestalt betrachtete, sie erschien mir über alle Maßen albern. Der Leib einer Ameise dünkte mich viel edler und schöner gebaut. Vor allen Dingen bedauerte ich den Verlust meiner schönen Taille, die ich durch unmäßiges Einschnüren mit dem Offiziersgürtel wieder herzustellen suchte. Übrigens fand ich mich sehr bald darein, anstatt eines Baumstammes eine Mauer zu erklettern, statt des hundertsten Teils eines Weizenkörnleins einen halben Kapaun mit einemmal in den Mund zu schieben sowie statt eines Tautropfens ein halbes Dutzend Weinkrüge auf einen Zug zu leeren.«

Knabe: »Und wie empfing euch nun der König?«

Ameise: »Wie du dir denken kannst, nahm er die Nachricht, die wir ihm brachten, mit dem freudigsten Staunen auf. Er warf sich auf die Knie, und ehe er noch sein neues Militär, dessen Ausstattung ihn keinen Silberling gekostet hatte, musterte, dankte er Jupiter in den rührendsten Ausdrücken. Mich machte er sogleich zum Offizier, wozu ihm wohl meine große Gestalt und mein vorteilhaftes Äußere besondern Anlaß gaben. Uns alle nannte er, unseres Ursprungs eingedenk, seine tapfern Myrmidonen.«

Knabe: »Welch seltsames Zeug! Da könnte man schwindlig werden!«

Ameise: »Kaum hatten wir uns als Menschen etwas eingelebt, als wir sämtlich auf den Einfall gerieten, Weiber zu nehmen. Das ganze Königreich Aegina bot nicht so viele Frauen dar, als eine solche Masse junger Burschen, die wir so plötzlich entstanden waren, erforderte. Zum Unglück hatte die Pest gerade die schönsten Mädchen hinweggerafft. Meine Betrachtungen, die ich damals über die Weiber anstellte, waren höchst wunderlich und verworren. Ich hatte aus meinem Ameisenzustand eine dunkle Erinnerung mitgebracht von marmorweißen runden Armen und Hälsen, an welchen ich mit vielem Vergnügen weit lieber als an den Baumstämmen emporgeklettert war. Ja, ich besann mich sogar auf das Bild einer jungen Schäferin, die einst an einem schwülen Sommerabend unter unserm Baume lag und an deren Arm ich so lange hinauf und hinab spazierte, bis mir der Mut wuchs und ich ihre rosige Wange zu besteigen wagte, von dort die Nasenspitze erklomm und, zu dieser Höhe gelangt, nun einen Blick auf die unter mir ausgebreitete Physiognomie warf, die ich mir einzuprägen suchte. Dieses gelang mir so gut, daß ich jetzt noch eine deutliche Vorstellung habe, daß sie schön war, und ich beschloß sofort, sie aufzusuchen, um sie zu meinem Weibe zu machen. Allein, wo sollte ich sie finden? Meine Sehnsucht gewann solche Stärke, daß sie mich Tag und Nacht nicht ruhen ließ, und ich benutzte meine kriegerischen Züge, um in den fremden Ländern nach meiner Auserwählten zu forschen.

So gelangte ich denn auch hierher. An dieser Küste hielt sich eine schöne Meergöttin auf, Galatea mit Namen, die in ihrem Gefolge die schönsten jungen Nymphen zählte, die nur je die Welle benetzt hat. Eine von diesen bewohnte hier am Ufer eine kleine, nasse Kammer in einer geräumigen Grotte. Von hier ging sie täglich in die Versammlungen der Meergeister und an ihr Geschäft. Dieses bestand in der Pflicht, jedesmal, wenn ein Sturm gewütet hatte, die Wellen wieder in Ordnung und Ruhe zu bringen. Das war nicht leicht, unermüdlich mußte sie mit ihren weichen Samthänden die Wellen glätten und ihre schäumenden Kämme niederstreichen, bis sie immer abgerundeter und kleiner wurden. Ich weile oft hier am Ufer und sah ihr zu, wie sie noch spät im Mondenschein im Meere beschäftigt war, auf- und niedertauchte, mit den gar zu übermütigen Wogen schalt und zankte, andere an ihren Busen zog und mit schmeichelndem Gesang zur Ruhe wiegte. Ach! Dieser Busen war das Schönste was man sehen konnte und war er nicht zu sehen, so schwammen doch die runden Schultern auf der Flut, und der lange, schwarzgrüne Haarzopf fegte hinterdrein. Oft hatte sie einen weißen Muschelkranz auf dem Kopf, noch öfter hingen Wasserblumen mit ihren dicken, fetten Kapseln auf die Schultern nieder. Sie hatte mich nicht bemerkt, und ich hütete mich wohl, einen ihrer dunkeln Blicke auf mich zu lenken, denn man erzählte mir viel von der tollen, leidenschaftlichen Unart der Nixen, wenn sie böse sind. Ganze Nächte saß ich daher still auf einem versteckten Uferstein und lauschte ihrem Gesange, der über die beruhigte Flut hintönte. Dann sah ich sie in der Morgendämmerung an mir vorüberrauschen, das weiße, große Bild gegen den dunkeln Meerhintergrund, sie kehrte ermüdet in ihre Höhle zurück.

Einst faßte ich den Mut, mich in dieser zu verbergen. Es war Abend, die Sonne lag gegenüber am äußersten Meeresrande und erleuchtete mit ihren goldnen Strahlen den ganzen innern Höhlenraum. Die dunkeln, schwärzlichen Wände waren wie mit einem bräunlichen Goldflimmer überzogen, die langen Schilfpflanzen wehten wie grüne Flammen herein, und die Wellen, die innen spielten, waren durchsichtig wie der hellste Kristall. Die schöne Scylla kam dieses Mal früher heim wie gewöhnlich, sie brachte mehrere Gespielinnen mit, und diese leichtsinnigen Nixen, nicht ahnend, daß ein Mann sie belausche, ergingen sich in den mutwilligsten und tollsten Spielen.

Über die phantastische Lustigkeit einer Nixe geht nichts. Immerdar ist bei den Mädchen der Menschen, auch bei den tollsten, Vernunft und Maß, bei einer Nixe jedoch verläuft sich alles gleich ins ganz Unförmliche und Ungeheure. Sie spielen miteinander wie die Wellen im Sturme, ihr Lachen ist wie der zischende Meerschaum, und dazwischen klingt dann ihr Kosen wie die schmeichelnde Welle, die leis ans Ufer schlägt, so heimlich lieblich und doch so seelenlos. Immerdar offen bleiben die großen blauen Augen, der Mund verzieht sich nie, auch bei dem wildesten Gelächter, und keine Stellung des Körpers zeigt einen bestimmten Ausdruck. Ein junger Delphin war in ihrer Mitte, den bald die eine, bald die andere bestieg und vor die Höhle hinausritt.

Als die wunderliche Gesellschaft etwas ruhiger geworden war, merkte ich aus ihren Gesprächen, daß jede eine besondere Handleistung, ein eigenes Geschäft, über sich genommen hatte. Eine helle Blondine hieß Meerspiegel, sie war die sanfteste. Ihr lag ob, wenn das Meer ruhig war, darüber hinzugleiten, die kleinsten noch übriggebliebenen Falten auszuglätten und den großen Wasserteppich recht straff anzuziehen, daß das Land, Wolken und Schiffe sich darin spiegeln mochten. Die zweite führte Palette und Pinsel mit sich, um die Wellen stets neu zu malen, sie hieß Meerfarb. Das schönste Himmelsblau, das dunkelste Grün, das trübe Grau und das kristallhelle Weiß waren die gewöhnlichen Farben. Seltener gebrauchte sie den hohen Purpur, die blassen Silberfunken, den Abendgoldglanz oder die bleigelben Gewitterscheine. Ihre schönsten Künste wandte sie an, wenn sie die fernen rosenroten oder goldnen Streifen am Horizonte malte, die das Auge der Sehnsucht so oft und mit so süßem Entzücken anschaut. Eine dritte hieß die Meerschäferin, weil sie die Herde der kleinen Wellenschafe weidete, die so mutwillig mit ihrer weißen Schaumwolle daherspringen, dem Schiffer nur Freude und Lust, aber keine Gefahr bringen, und zu schwach sind, um dem Kiel des segelnden Kahns zu widerstehen, doch stark genug, um ein badendes Mädchen umzuwerfen. Der Namen der vierten war Wellenklang. Sie hielt in ihren Armen eine kleine gewölbte Leier, in deren Saiten sie spielte und dazu sang. Dieses gab den zauberischen Ton, den das Ohr vernimmt, wenn die fernen Wellen brausen und durcheinanderlärmen. Sie hatte schon manchen guten Burschen mit ihrem Spiel in die Tiefe hinabgezogen. Die fünfte und jüngste war ganz Mutwille und arge Schelmerei, sie hieß Meerschaum. Ihr Geschäft war eigentlich ein immerwährendes Kinderspiel, nämlich den fliegenden Schaum zu fangen, ihn in Bälle zu formen und ans Ufer zu werfen. Je ärger das Meer tobte, desto lustiger fuhr sie hoch über die empörten Wellen, und ein Schaumkugelregen sprühte um sie her oder deckte sie wie ein dichtes Schneegestöber zu. Sie war nächst meiner Scylla die schönste. Ihr zarter Körper war weiß wie der Schaum des Meeres, und auch ebenso zart und weich, alle ihre Bewegungen unendlich reizend.

Meine Beobachtungen, mit denen ich bis hierher gelangt war, wurden jetzt unterbrochen. Man sagt, daß die Delphine die Eigenschaft haben, leicht die Gegenwart der Menschen auszuspüren. So hatte auch der junge Delphin, der sich in Gesellschaft der Nixen befand, alsbald mein Dasein ausgekundschaftet und zerstörte, indem er auf mich zugeschwommen kam, das Geheimnis meines Aufenthalts. Ach, ihr Götter! Welch ein abscheulicher Lärm entstand jetzt! Alle die albernen Nymphen hielten sich für beleidigt, und ihr Zorn erlaubte ihnen nicht, lange zu untersuchen. Sie zischten, klatschten, schrien durcheinander, und mir wäre es sehr übel ergangen, wenn nicht Scylla plötzlich hervorgetreten wäre, um mich in ihren Schutz zu nehmen. Sie riß ein paar ihrer langen, grünen Haare vom Kopfe, knüpfte sie in großer Geschwindigkeit um meinen Hals, und in dem Augenblick war ich vor jedem Anfall gesichert. Wer Nixenhaar an seinem Körper trägt, braucht sich vor Nixenzorn nicht zu fürchten. Es war ein fester Panzer gegen die unheimlichen Mächte der Wassertiefe. Gefahrlos schwamm ich jetzt aus der Höhle.«

Der ehemalige Offizier in der Garde des Königs Aeakus machte hier eine kleine Pause in seiner Erzählung. Er ergriff eifrig ein kleines Insektenei, das der Wind herangeweht hatte, und indem er es zur Sicherheit in eine Steinspalte fallen ließ, sagte er in einem Tone, der leichtfertig und sogar etwas spöttisch klingen sollte.

»Vergib, mein Freund, ich habe hie und da ökonomische Grillen, ich kann das Sammeln nicht lassen, obgleich ich weiß, daß Jupiter, der mich in diesen zauberhafter Zustand versetzt hat, auch gewiß für meine weitere Existenz sorgen wird. Allein, man kann doch nicht wissen, die berühmtesten Leute starben aus Hunger, weil ihre großmütigen Beschützer sie plötzlich aus Laune verlassen hatten. So könnte es auch mir gehen. Doch erlaube, daß ich in meiner Geschichte fortfahre.

Ich war der glücklichste unter den Sterblichen, denn ich konnte nicht länger zweifeln, daß meine Scylla mich liebte. Ja, sie gab mir die untrüglichsten Proben. Ich durfte ganze Abende im Mondenschein in ihrer Grotte zubringen. Der Delphin gewöhnte sich an mich und betrachtete mich endlich als einen Hausfreund, der kommen und gehen darf, wenn es ihm gefällt. In unsere stille Liebe mischte sich jedoch alsbald zerstörend einer von jenen dummen Streichen der großen Götter, von denen ich dir schon gesprochen habe. Ich will dir die Geschichte, obgleich sie schon sehr bekannt ist, in der Kürze erzählen.

Ein junger Königssohn, Peleus mit Namen, heiratete eine Nymphe aus dem Meere, und zu dieser Hochzeit hatte man alle Götter und Göttinnen eingeladen, außer Eris, der Göttin der Zwietracht, die man glaubte entbehren zu können. Allein, sie erschien uneingeladen und warf einen Apfel in den Hochzeitssaal mit der Aufschrift: der Schönsten! Es waren so viele schöne Frauen beisammen, daß offenbar, nur einen Apfel mit dieser Aufschrift hinzuwerfen, die boshafteste Erfindung war, die man ersinnen konnte. Es entstand natürlicherweise Streit, wer ihn sich aneignen sollte. Die kluge, verständige Minerva sogar ließ sich verleiten, um den Apfel zu werben, Juno forderte ihn als den ihr gebührenden Tribut, am auffallendsten gebärdete sich aber Venus, indem sie den Apfel den andern aus den Händen riß und ganz ruhig einsteckte. Die Götter waren alle viel zu feige, ihn ihr streitig zu machen, und die Göttinnen versteckten ihren Ärger in ein kleines höhnisches Gelächter. So blieb die Sache jedoch nicht. Es wurde ein Schiedsrichter aufgesucht, der entscheiden sollte, welche von den Göttinnen die schönste sei.

Ach, auf wen fiel ihre Wahl? Nicht auf einen klugen, unterrichteten, wohlerfahrenen Mann, nicht auf ein mit Ruhm und Ehren graugewordenes Haupt, nein, auf einen jungen Burschen, dem es im Gesichte geschrieben stand, daß er nicht bis drei zählen konnte. Nie in meinem langen Leben habe ich solch ein Träumergesicht gesehen! Er war so träge, daß er kaum die schweren Wimpern hob, die sein Auge immer beschatteten, sein dunkelroter Mund stand nach Weise dummer Jungen immer offen, das hellgelbe Haar fiel in schweren Locken auf Wange und Schultern, ohne daß er sich die Mühe gab, es nur einmal wegzustreichen. Er war rund und weiß, und außer einem kleinen blonden Barte auf der Lippe lag in seinem Antlitz nichts Männliches. Lieber Freund, ich muß gestehen, daß er einige Ähnlichkeit mit dir hatte.«

Knabe: »So muß er nicht häßlich gewesen sein, denn die Mädchen nennen mich einen hübschen Knaben.«

Ameise: »Nun ja, glaube nur den Mädchen; die Welt, obgleich schon alt genug, verändert sich nicht in dieser Hinsicht. Ein Weib bleibt ein Weib. So kamen nun auch die drei Göttinnen zu meinem kleinen, dummen Burschen, der eben seine Flöte blies und die Schafe weidete. Kannst du wohl glauben, daß er kaum in die Höhe sah, als die himmlischen Gestalten vor ihm standen? Auf meine Ehre, so machte er's! Venus war entzückt über ihn. ›Ach, welch schöne, dunkle Augen!‹ flüsterte sie, zu Merkur gewandt. Sie trat ihm näher, nahm ihm die alberne Schalmei aus der Hand und tat ihm ein lockendes Versprechen. Paris entschied zu ihren Gunsten, und die Sache war abgetan. Aber dieser Vorfall setzte nun Erde und Himmel in Bewegung. Es entstand ein weitläufiger Krieg, den ich zu beschreiben nicht weiter unternehmen will. Genug, daß ich unter die Unglücklichen gehörte, die zu der allgemeinen Versammlung der Griechen beschieden wurden, und daß also jene Göttertorheit mich um die Seligkeit brachte, mit meiner Geliebten länger beisammen zu sein.«

Knabe: »Ach, wieviel Unglück! Da hab ich's besser. Meine Tonina ist mir schon von den Eltern zugesagt, nur darf ich sie nicht eher als mein Weib heimführen, bis ein alter Oheim stirbt, der hier im nächsten Dorfe wohnt.«

Ameise: »Kleinigkeiten! Höre weiter. Das Weib, das Venus dem Paris versprach, zum Dank für seine Entscheidung zu ihren Gunsten, war die schöne Helena. Es konnte mir ganz gleichgültig sein, ob er sie bekam oder nicht. Nachdem ich also gezwungenermaßen einen Teil des törichten Feldzugs mitgemacht, nahm ich Gelegenheit zu entfliehen und fand mich hier wieder bei meiner schönen Scylla ein, zu einer Zeit, wo sie meiner Hilfe gerade sehr bedurfte. Ich komme jetzt zu dem rührenden Teil meiner Geschichte.

Es lebte hier an Siziliens Küsten ein Ungeheuer, Glaukus mit Namen. Dieser hatte meine schöne Scylla gesehen und sich in sie verliebt. Ich weiß nicht, durch welche beleidigte Göttin er zur Hälfte in einen Fisch verwandelt worden war. Der Oberleib zeigte noch einen leidlich hübschen, obgleich wilden jungen Mann von den rohesten Sitten. Scylla, indem sie seine Liebkosungen mit dem heftigsten Widerwillen abwies, reizte seinen Zorn, und er verschwand eines Tags unter heftigen Drohungen, ohne daß man erraten konnte, wohin er eile und was er vorhabe. Der Elende suchte eine berühmte Zauberin auf, der er sein Leid klagte und von ihr Hilfe heischte, indem er sie bat, einen Zaubertrank zu mischen, kräftig genug, Scyllas Liebe ihm zu erwerben. Diese abscheuliche Circe pflegte alle Männer, deren Zärtlichkeit und Liebe sie überdrüssig geworden, in Tiere zu verwandeln. Da sie sehr schön war, gebrach es ihrer Menagerie nie an immer neuem Zuwachs. Es weilte da, Gras fressend, mancher würdige Mann, den die Liebe zum Toren gemacht, manches herrliche Haupt, sonst eine Zierde des Staats, glotzte hinter dem verwünschten Gitter hervor, dem vorübergehenden Patrioten ein Schrecken und ein Graus. Nicht Talent noch Verdienst schützten vor so elender Verwandlung. Wem die Circe wohlwollte, dem gab sie eine nicht so ganz unwürdige Tiergestalt, der durfte als Wiesel, als behendes Eichkätzchen die schönen Arme, die ihn gezüchtigt hatten, umspielen, die Röte des göttlichen Mundes, der die Zauberformel über ihn ausgesprochen, mit Sehnsucht betrachten. Aber dem groben, derben Vieh ging es nicht so gut. Das durfte, in Ställe verteilt, nur aus der Ferne durch das Gitter sehnsüchtige Augen zu ihr wenden und im geheimen dumpfe Seufzer blöken. Ich selbst hatte einen innig geliebten Jugendfreund, der dort am Hofe der Zauberin als hochgepuckeltes Kamel stand. Es war ein sanfter, edler Charakter gewesen, voll reinster Tugend und Menschenliebe, nur zu sehr Schwärmer. Auch als Kamel blieb er edel und gefühlvoll, keine Klage entschwebte seiner Brust, nur sein großes, schönes Auge füllte sich manchmal mit einer Träne, und stummen Blicks sah er himmelan, als suchte er dort für so viel Leiden Vergeltung.«

Knabe: »Horch! War es nicht, als knisterte ein Fußtritt dort hinter dem hohen Ufersteine?«

Die Ameise hatte nichts gehört, sie war zu sehr vertieft in das Leiden ihres Freundes, des Kamels. Nach einer Pause spann sie den Faden ihrer Geschichte weiter. »Höre nun«, rief sie, »was mit Glaukus und Circe weiter geschah. Nach ihrer Gewohnheit hielt die Zauberin den jungen Mann längere Zeit bei sich, denn obgleich er, wie gesagt, zur untern Hälfte ein Fisch war, hatte sie sich doch in ihn verliebt. Glaukus aber wies sie zurück, wie Scylla ihn zurückgewiesen hatte. Das empörte die Eitelkeit der Hexe, sie beschloß, Rache zu üben, aber nicht an dem jungen Manne selbst, der schon verwandelt war, sondern an der armen Scylla.

Eines Tages erschien hier an der Küste eine fremde Frau, in lange Gewänder gehüllt, die mit ihrem Stabe Zeichen in den Sand schrieb, den Zug der Wolken beobachtete und einzelne unverständliche Worte in die Wellen hineinsprach. Scylla und ich, die wir in der Grotte beisammensaßen, beobachteten ihr seltsames Treiben, ohne daß wir auch nur von ferne ahnten, wie nahe uns dasselbe berührte. Es war nichts Neues, wie gesagt, dergleichen rasende Weiber herumstreifen zu sehen. Wir hüteten uns wohl, sie zu befragen, und gingen ihr, wo wir ihr begegneten, aus dem Wege. Endlich gelang es ihr dennoch, sich der schönen Scylla zu nähern. Sie gab vor, eine fremde Frau von Stande zu sein, die mit ihrem Gemahl an diesen Küsten Schiffbruch gelitten und das Ihrige verloren habe. Sie fragte nach den Eigentümlichkeiten des Landes, und nachdem sie mit der arglosen Nixe vertrauter geworden, lobte sie deren Schönheit und pries sie glücklich, daß sie in so sorgloser Stille der Liebe und den zärtlichen Gefühlen leben dürfe. Dieses freundliche Betragen und diese einschmeichelnden Reden setzte sie so lange fort, bis sie auch mein Vertrauen gewann, welches ihr zu ihrem schändlichen Vorhaben nötig war. Sie konnte sich jetzt in völliger Sicherheit und Ruhe zu unserm Verderben rüsten. Ich sage zu unserm Verderben, denn die boshafte Hexe hatte es ebenfalls auf mich abgesehen, weil ich wagte, ein Wesen zu lieben, das ihr verhaßt geworden. Noch denke ich mit Schrecken daran, wie ich in einer Nacht zufällig hinter ihre Schliche kam, leider aber ohne Macht, die bösen Erfolge derselben zu vereiteln.

Sie hatte durch Scylla erfahren, daß Galatea mit ihrer ganzen Versammlung der Nymphen zu einem großen Feste eingeladen war, das an einer entfernten Küste gefeiert wurde, daß also die meisten Zugänge zu den Tiefen der Gewässer unbesetzt waren. Eilig beschließt sie, sich diesen Umstand zunutze zu machen. Ich muß dich, ehe ich in meiner Erzählung weitergehe, noch mit einer besondern Eigentümlichkeit des Meeres vertraut machen. Die Philosophen beweisen dir, daß dieses Element die geheimnisvolle Urkraft aller Dinge ist, da aus ihm sich das gebildet habe, was wir unsere Welt nennen. Wie dem auch sei, gewiß ist jedoch, daß die beiden Enden der ungeheuren Kette der Geschöpfe, die größte Schönheit und die scheußlichste Ungestalt, zusammen darin erzeugt worden. Was auf der Oberfläche schwebt, was mit Lust die klare Welle durchschneidet, vom purpurnen Goldfisch an bis zur hochroten Korallenstaude ist schön und strebte immer nach größerer Schönheit, bis es endlich zur menschlichen Gestalt wurde und als ein über alle Begriffe reizendes Weib aus dem Flutenschaume emporstieg. Das war Venus. Nun gibt es aber eine zweite Venus. Wie jene lichtgeboren, so ist diese nachterzeugt, wie jene die Mutter der Schönheit, so stammt von dieser alles Häßliche, Entsetzliche und Widrige, wie jener bei ihrem Erscheinen die ganze Schöpfung entgegenjauchzte, so ist bei dieser die ganze Schöpfung bemüht, sie in ewige Nacht zu begraben, gleichwie man ein schändliches Muttermal an seinem Leibe unter drei- und vierfachen Hüllen versteckt.

Wo der Lichtstrahl die Welle nicht mehr durchschneiden kann, da fangen die Unformen an, und je tiefer, desto gräßlicher und gespenstischer werden die Fratzen, desto unheilbarer die Ausartung, bis endlich in den tiefsten Tiefen des Meeres jene Urgestalt der Häßlichkeit wohnt, die kein menschliches Auge noch gesehen hat. Ihre Blicke sind ewig auf den toten Meeresgrund gerichtet, denn wo sie auf etwas Lebendiges treffen, zerbricht die schönste Form, erlischt das lieblichste Schönheitslicht. Oft möchte sie auch wie die andere Venus zur Erde emporsteigen, allein, alle Kräfte der Schöpfung halten sie zurück. Unablässig sind riesenhafte Tritonen beschäftigt, die Ketten, an denen sie geschlossen liegt, zu erneuern. Zu diesem Geschäfte hat man schon die wildesten Gestalten auserwählt, und doch müssen sie alle Augenblicke durch andere ersetzt werden, weil, wenige Sekunden länger im Dienste, sie schon ihre menschliche Form verlieren und unkenntlich werden. In gleichem strengen Verschluß werden auch die ekelhaftesten Ungeheuer gehalten, daß keines zur Oberwelt gelangen kann, um dort Schrecken und Verwirrung anzustiften. Diese Vorsicht wußte jedoch die schlaue Circe zu entkräftigen. Sie ließ sich, in eine Meernixe verwandelt, hinunter in die Tiefe, machte sich an den wachehabenden Triton und wußte diesem rohen Gesellen so lange zu schmeicheln, bis er ihr versprach, in der Mitternacht, wenn sie es begehren würde, die Kammer der Ungeheuer zu öffnen und ein paar der häßlichsten Burschen entschlüpfen zu lassen. Mit diesem Versprechen war das böse Weib zufrieden, und nun begab sie sich an ihr Werk.

Es war eine Nacht wie diese, in der wir hier zusammen sind. Der Mond leuchtete friedlich. Ich saß in der Grotte neben meiner Scylla, und wir schauten hinaus auf den ruhigen Wasserspiegel vor uns. Plötzlich fing dieser an sich zu regen. Ohne daß ein Sturm erwachte, kräuselten sich die Wellen, und strudelförmig treibend höhlten sie vor unsern Augen einen tiefen Schlund aus, der immer weiter auseinanderklaffte und in dessen schwarze, gräßliche Höhlung das Mondlicht nur zitternde, ungewisse Strahlen warf. Wir blickten uns über dieses Wunder erstaunt und erschrocken an. Ehe sich noch eine Frage auf unsere Lippen drängen konnte, scholl ein wilder, entsetzlicher Schrei von dort herüber, dann tobte die Brandung wie bei dem gräßlichsten Sturme, das Meer war in der wildesten Bewegung. Aus den Lüften und der Tiefe drangen Stimmen, der Mond, eben noch so klar die Himmelswölbung durchschimmernd, hatte sich in ein dunkelschwarzes Gewölk gehüllt, die ganze Natur um uns schien im Aufruhr und mit sich selber im Kampfe. Trotz Entsetzen und Angst gedachte Scylla an ihre Pflichten; sie riß sich aus meinen sie umklammernden Armen los, und mit einem Sprunge war sie mitten in den Wogen. Ich sah vom Ufer aus, wie sie vergeblich strebte, die wildempörten zu besänftigen, immer höher hoben sie ihre zürnenden Häupter um die zarte Gestalt, die unter ihrer schwarzen Wucht zu erliegen drohte. In dem Augenblick flogen auch von allen Seiten die entfernt gewesenen Meergeister herbei. Ihr Geschrei war entsetzlich, sie stürzten sich mitten in den Kampf der Wogen. Galatea selbst fuhr mit wehendem Schleier und aufgelösten Haaren in ihrem Muschelwagen wie rasend über die Tiefe. Umsonst, die wilden Kräfte hatten jeden Zügel abgeworfen, kein Gebot, kein Machtwort hielt sie im Zaum. Ach, da sah ich die zarte Meerfarb, das blonde Kind Meerstille, die liebliche Wellenschäferin ratlos in der Wasserwüste herumtreiben und ihre weißen Glieder von den Wellen blutig gepeitscht. Keiner der Meergeister wußte, wo ihm der Kopf stand; sie rannten über- und untereinander, die Verwirrung war fürchterlich. Die ganze Küste war mit Gruppen zitternder Menschen angefüllt, die dem Ausgang des Kampfes entgegensahen. Mein junger Freund, was habe ich da in dem schrecklichen Augenblick gelitten! Mein Auge sah die Geliebte in Gefahr, hing an jeder ihrer schmerzlichen, verzweifelten Bewegungen, ohne daß dem Körper Kräfte zu Gebote standen, sie zu retten. Nur zu gewiß erschien mir jetzt ihr Untergang. Oben auf dem Felsen hatte ich im grellen Schein der Blitze die grimme Gestalt der Zauberin entdeckt, wie sie mit ihrem Stabe in das Meer hineinwinkte. Jetzt erkannte ich die Arglistige und wußte, daß sie zu unserm Verderben tätig war. Im Kampfe der Verzweiflung klammerte ich mich an die Steine des Ufers, ich wand mich im Staube und schrie die Fürchterliche an um Rettung. Ungehört verklang meine Stimme im Rollen des Donners und der Wogen, noch einmal sah ich die Geliebte, wie sie aus der Ferne bittend die Arme nach mir ausstreckte, dann deckte Finsternis mein Auge und das Bewußtsein schwand.

Was sich weiter in dieser entsetzlichen Nacht begeben, ob die Meergöttin endlich wieder ihre Herrschaft gewann, weiß ich dir nicht zu sagen, ich vermute es aber, denn die Zauberin, nachdem sie ihre Rache genommen, verschwand aus diesen Gegenden, ohne jemals wiederzukehren. Aber Scylla, meine unglückliche Scylla, war auf das entsetzlichste verwandelt. Noch immer leuchtete ihre schöne Gestalt über der Tiefe, aber gräßliche Larven, Ungeheuer, wie sie keine menschliche Phantasie träumen kann, umgaben sie und hielten sie verzaubert fest auf einer Stelle der Flut. Jedes lebende Wesen, das sich dieser Stelle nahte, wurde ohne Rettung von ihnen verschlungen. Rührend tönte die Klage der armen Verzauberten, doch wehe dem Schiffer, der sich dadurch verlocken ließ, ihr zur Rettung hinauszusteuern; sein leichter Kahn war augenblicklich im gefräßigen Schlunde des Strudels begraben. Das war das Werk der Zauberin.«

Knabe: »Lebte sie nur noch! Ich wollte ihr zeigen, daß man nicht ungestraft einem ehrlichen Mann sein Mädchen rauben darf. Wäre das mir geschehen, ich hätte mir schon Platz zu machen gewußt und sie unter allen ihren vierfüßigen Liebhabern aufs Trockene gesetzt.«

Die Ameise konnte, trotz ihres Schmerzes, bei diesen Worten ein kleines Lächeln nicht unterdrücken.

»Guter Freund«, sagte sie nach einer Pause, »man sieht, daß du ein Neuling in der Welt bist. Zauberinnen setzt man nicht so leicht aufs Trockene! – Überhaupt, wie schlecht kommt man in der Welt fort, wenn man nichts hat als ein paar gesunde Fäuste! List, Klugheit und Überredung müssen aushelfen, wo die Macht zu gering ist.«

Knabe (spöttisch): »Das sind die Grundsätze einer Ameise, aber nicht eines braven, beherzten Burschen. Anstatt in Ohnmacht zu fallen, wäre ich flugs ins Wasser gesprungen, um mein Mädchen aus den Klauen der Ungeheuer zu retten, gleichviel, ob Gefahr da war, in den Wellen zu ertrinken oder nicht.«

Ameise: »Wir wollen uns nicht hierüber streiten.«

Knabe: »Ebensowenig gefällt mir, daß du damals dich zu den Ausreißern geselltest und vom Kriegsheere, wo dich Pflicht und Ehre festhielten, entschlüpftest.«

Ameise: »Ach was! Könnte ich dir jetzt wohl meine Geschichte erzählen, wenn ich anders gehandelt hätte? In dem einen Fall wäre ich ertrunken, im andern totgeschlagen worden. Bedenke es und tadle nicht so schnell die Grundsätze eines Wesens, das eine tausendjährige Erfahrung gebildet hat. Ich will jetzt eilen, dir den Schluß meiner unglücklichen Geschichte mitzuteilen.

Kaum sah ich, daß die Befreiung meiner Geliebten durch menschliche Kräfte nicht zu erreichen war, als ich auch den Entschluß faßte, die Wohnung der Circe aufzusuchen, um sie durch die rührendsten Bitten und Vorstellungen zu bewegen, ihr grausames Werk selbst wieder zu zerstören. Nach langem Umherirren fand ich das Ziel meiner Wanderung. Die freche Räuberin meines Glücks befand sich hier inmitten ihres ekelhaften Hofstaates im besten Wohlsein und mit einer Miene, als hätte sie kein Wasser getrübt. Der Anblick ihrer verhaßten Gestalt brachte mich dergestalt außer Fassung, daß ich lange Zeit mich verborgen halten und sammeln mußte, ehe ich mit meinem Anliegen hervortrat. Während dieser Zeit entdeckte ich mich meinem Jugendfreunde, dem Kamel, und wir sannen beide auf Mittel, die den Untergang der nichtswürdigen Hexe hätten herbeiführen können. Was vermochten aber zwei schwache Wesen, denen selbst noch das Joch der Verzauberung auf dem Nacken ruhte, gegen ein mächtiges und arglistiges Götterweib! Meine Bitten fruchteten nichts, und unsere Verschwörung wurde, ehe sie noch ganz zur Reife gediehen war, entdeckt. Circe machte sich jetzt daran, auch mir meinen Lohn nicht länger vorzuenthalten. Sie hatte von mir selbst die Geschichte meiner Verwandlung erfahren. Anstatt ihrem Zorne Luft zu lassen, nahm sie die Miene an, als verzeihe sie mir gänzlich. Sie war huldreich und liebenswürdig, ihr Antlitz konnte, wenn sie wollte, die jugendliche himmlische Unschuld und Fröhlichkeit eines siebzehnjährigen Mädchens annehmen. Sie hing sich an meine Arme, und scherzend und lachend machten wir einen kleinen Spaziergang zu einem der entfernteren Gärten. Dort angelangt, setzten wir uns unter einem großen Apfelbaum nieder. Die Hitze war unleidlich, die schöne Frau schmachtete nach einer Erquickung, und auf ihre Bitte machte ich mich anheischig, auf den Baum zu klettern, um ein paar Äpfel herabzuholen. Der Stamm war ungewöhnlich hoch, und ich glitt daher einige Male wieder unverrichteter Sache herab. Circe lächelte und rief mir zu: ›O mein Freund, wie langsam! Ich wette, wenn Ihr noch eine Ameise wäret wie ehemals, ich bekäme schneller meinen Apfel.‹ Ich fand diesen Scherz nicht ganz zart und wollte eben etwas darauf erwidern, als ich zu meinem Erstaunen sah, wie die Zauberin unterm Baum zu einer riesigen Größe anwuchs. Zugleich sah ich mich selbst im Schatten eines Gegenstandes, der wie die runde Kuppel einer ungeheuren Kirche aussah: es war ein Apfel. Du errätst mein Unglück, Freund: die Dinge um mich hatten ihre gewöhnliche Größe behalten, ich aber war zu einer winzigen Kleinigkeit eingeschrumpft, mit einem Worte, ich war wieder eine Ameise geworden.«

Knabe: »Und was tat die Zauberin?«

Ameise: »Sie stand unter dem Baum und hielt mir folgende schöne Rede: ›Tapferer Myrmidone‹, sagte sie und lachte dazu unmäßig, ›ich gebe dir jetzt Zeit und Muße, deine verliebte Natur etwas verrauchen zu lassen. Wenn du wieder menschliche Gestalt gewinnen solltest, so hüte dich wohl, daß du mit deinen Liebschaften keinem Mächtigern in den Weg trittst. Jetzt lebe wohl und denke meiner.‹ Damit ging sie sorglos von dannen, und meine Flüche, die ich im Schmerze und der Verzweiflung ausstieß, verklangen ungehört in dem Gesäusel der Baumblätter um mich her.«

Knabe: »Ach, wie beklage ich dich!«

Ameise: »Hier hast du nun die Abenteuer meiner Liebe und meine unglückliche Geschichte. Ich wüßte nichts mehr hinzuzusetzen.«

Knabe: »Ich danke dir, du hast mir auf die beste Weise die Zeit vertrieben. Mein Himmel, von diesen Dingen hat mir auch nicht von Ferne geträumt! Es wird mir jetzt sogar schwer, mich wieder in das gewöhnliche Leben um mich her zu finden. Ach, welch eine wunderliche Welt hast du bewohnt!«

Die Ameise konnte auf diese Bemerkung nichts erwidern, ihre lange Erzählung hatte sie dermaßen erschöpft, daß sie jetzt in ihrer ganzen Länge ausgestreckt auf dem Steine lag und kaum noch atmete. Es verging eine lange Pause, während tiefe Stille herrschte und man nur die leisen Wellen ans Ufer klingen hörte. Der Knabe hätte sich gerne noch nach manchem merkwürdigen Umstand erkundigt, aber er wagte es nicht, die kleine Erzählerin in ihrer hinbrütenden Erschöpfung zu stören. Endlich dauerte ihm die Ohnmacht derselben zu lange, er tauchte seinen Finger ins Meerwasser und spritzte ein Tröpfchen auf die Ameise. Sogleich ergriff sie wieder ihren Grashalm und richtete sich mühsam daran in die Höhe. »Wir müssen jetzt Abschied voneinander nehmen«, sagte sie mit einer noch immer erschöpften Stimme. »Diese Nacht war eine von denen, wo es mir erlaubt ist, aus meinem verzauberten Zustande zu erwachen und mich unter den lebenden Geschöpfen der Welt herumzutreiben; nun wartet meiner wieder ein tausendjähriger Schlaf. Vielleicht, wenn ich dann komme, herrschen wieder die alten Götter mit ihren wunderlichen Liebschaften und Zänkereien.«

Knabe: »Bleibe noch ein wenig. Du hast mir noch nicht gesagt, was aus Scylla wurde. Die Schiffer in meinem Dorfe erzählen, daß ein ehemals sehr böser Strudel nicht weit von hier diesen Namen führte.«

Ameise: »Das ist ja eben meine unglückliche Scylla. Noch immer hat der Zauber seine Kraft, obgleich nicht mehr in seiner vollen Stärke. Noch immer vermeiden die Schiffer jene Stelle im Meer, und der alte Fluch der Circe schwebt noch geheimnisvoll über der Tiefe. Doch nur sehr selten zeigt sich in hellen Mondnächten die Gestalt der armen Nixe dem vorübertreibenden Schiffer aus der Ferne über den Fluten.«

Knabe: »Ach, ich wünsche sie nicht zu sehen, mein Herz würde vor Wehmut brechen bei ihrem Anblick.«

Ameise: »Ein alter, berühmter Dichter hat meine unglückliche Geliebte besungen, aber er hat treuloserweise meinen Anteil an diesen Begebenheiten ausgelassen. Er erzählt nur von Glaukus und Scylla. Du hast nun, mein Knabe, die Wahrheit von der alten Sage vernommen, und wenn du einst ein Dichter werden solltest, so mußt du mit mehr Treue der Nachwelt diese merkwürdige Geschichte berichten.«

Diese kleine, abschweifende Bemerkung machte die Ameise nicht ohne Ursache. Sie sah in dem Moment in dem Antlitz des Knaben alle jene ausdrucksvollen Schönheiten auftauchten, die das Gepräge eines begeisterten Dichterkopfes ausmachen. Seine Augen glänzten, die Wange färbte sich höher, die Lippen hauchten das zärtliche und gefühlvolle Lächeln, das ein reizender Gedanke der Phantasie dem Gesichte mitzuteilen pflegt. Dennoch war der arme Fischerknabe kein Dichter, aber die Liebe, eine andere Dichtkunst, hatte ihn eben durch das Erscheinen seines Mädchens elektrisiert, das hinter einem der großen Ufersteine hervortrat. Er flog auf sie zu, beide hielten sich eng umschlossen und vergessen waren der ehrwürdige Offizier der Leibwache des Königs Aeakus und seine unglückliche Geliebte, die verwandelte Scylla.

Unbesonnene Welt! Das Meer deines ewigen Leichtsinns liegt hell und spiegelglatt vor dir ausgespannt; fragst du wohl nach den Strudeln, wo eine unglückliche Liebe versank, so ein Lebensschiff scheiterte? Umsonst sprechen die alten Sagen der Tiefe, ewig neu und reizend klingen die Sirenenstimmen in jedes junge Herz, es anspornend, die Fahrt übet das trügerische Meer zu wagen.

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