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Seemannsmärchen und Schiffersagen

Alexander von Ungern-Sternberg: Seemannsmärchen und Schiffersagen - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorAlexander von Ungern-Sternberg
titleSeemannsmärchen und Schiffersagen
booktitleSchiffersagen
publisherAufbau Taschenbuch Verlag
editorGerlinde Butte
year1991
isbn3746600685
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141127
projectid8ec0fece
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Meerlilie

Am Bord eines holländischen Schiffs befand sich ein Knabe, den das Schiffsvolk nur Dick, den Träumer, nannte. Er war ein schlanker, hochaufgewachsener Bursche mit großen dunkeln, träumerischen Augen und wildhängenden blonden Locken, frische Jugend auf den Wangen und der vollen Lippe, selten ordentlich und geregelt in der Kleidung und in seinen Pflichten als Schiffsjunge oft nachlässig. Dafür war Dick ein Sonntagskind, in der gefährlichen Stunde geboren zwischen Predigt und Mittagsbrot, wo die bösen Geister Macht erlangen über den armen Menschen, daß er vor den Begierden des Magens die Anforderungen des unsterblichen Geistes vernachlässigt. Kinder, in solcher Stunde geboren, sind nie treu und zuverlässig im täglichen Geschäfte, sie sind leicht zu betören und zu verführen, da die Mutter nur die halbe Predigt angehört hat, und weil sie vom Mittagsmahle nichts versäumen wollte, kann der Böse nun den armen Knaben durch eine gutbesetzte Tafel oder durch ein schönes Weib zu allem bringen. In Dicks Leben sollten die Beweise hierzu nicht fehlen, die Geister der obern und untern Welt schienen ihn recht zu ihrer Freude geschaffen zu haben; er war schön, so träumerisch und töricht, so verliebt, so träge und so unverdorben, daß sie sich offenbar kein besseres Spielzeug wünschen konnten.

In den Stunden, in denen der tätige Schiffsmeister den armen Dick nicht zur Arbeit vor sich hertrieb, lag er gewöhnlich am Vordermaste und sah in die Meerestiefe hinab. Er dachte sich dabei vielerlei. Wie ein Wanderer wohl in das liebe Haus seiner Eltern hineinschaut und besonders in ein verhängtes Stübchen, wo er die Geliebte schlummern weiß, so schaute Dick in die Woge hinab, als wäre sie sein Vaterhaus, so suchte sein Auge die stillen Kammern des alten Märchenreichs, in dem er recht heimatlich bekannt war.

Es gibt Stellen in den Gewässern des südlichen Ozeans, wo die Meeresfläche gleich dem schönsten flüssigen Kristalle wird, so daß das Auge, mit tiefem Wunderschauer niederblickend, auf dem hellen Sandboden jede träumerische Blume ihr Haupt neigen sieht. Das sind die Oasen in der toten Meereswüste, das ist das Meeresparadies, in dem die ersten Eltern, nachdem sie oben den Himmelsgarten eingebüßt hatten, gebannt wohnen müssen. So erzählt es die Schiffersage. In eine dieser wunderbaren Gegenden gelangte nun auch das holländische Schiff.

An einem Morgen, als sich die Mannschaft aus den dumpfen Kajüten hervormachte, schrien sie plötzlich wie mit einer Stimme: »Hilf Himmel, das Schiff schwebt in der Luft, wir sind verloren!« Der Schiffskapitän und einige alte verständige Matrosen traten jedoch lächelnd an den Bord und schauten mit altklugen, prüfenden Augen in die Tiefe, und der Kapitän sagte: »Laßt euch das nicht anfechten, Kinder, es ist eine ganz bekannte Erscheinung, die ich wohl schon zu dutzendmalen erlebt habe, und heißt die Meeresklarheit.«

Von diesen weisen Worten vernahm Dick an seinem Schiffsende nichts; er hätte sich auch nicht so leicht bei ihnen beruhigt, denn weil er eben ein Sonntagskind war, so drang sein Auge tiefer und sein Gehör weiter als bei dem vielgereisten Kapitän und seinen klugen Matrosen. Als diese schon, der neuen Erscheinung überdrüssig, unten in der Kajüte beim Punschnapf zusammensaßen, starrte er daher noch immer, mit weit offenen Augen, übergelehnt in die Tiefe, und Tränen der Sehnsucht liefen über seine Knabenwange, als er unten die heimlichen, stillen Gärten sah und darüber hin durch das lufthelle Wasser die Wanderzüge fröhlicher Fische, die mit spitzigen Mäulern und rudernden Seitenflossen in den Korallenbaumgängen auf und nieder glitten und gleichsam wie hoffärtige, geputzte Bürgersleute mit Weib und Kind spazierengingen. Und je weiter das Schiff glitt, desto stolzere Gewächse, desto schönere, überraschendere Gärten kamen zum Vorschein. Bald war es, als zögen sich Gänge, von Menschenhand geebnet, deutlich durch die Baumgruppen hindurch, bald ging wieder jede Spur von Ordnung und Regelmäßigkeit in einer phantastischen Pflanzenwildnis unter. Die Blätter und Stauden hatten allesamt etwas Fremdes, so bekannt sie auch auf den ersten Blick schienen, auch die Blumen, wenn man ihnen recht tief ins Auge sah, zeigten ein völlig fremdes Antlitz. Auch war es seltsam und unheimlich, daß statt der bunten, hellen Schmetterlinge und geschwätzigen Vögel immerdar stumme Fische auftauchten und die Blumenhäupter umkreisten und vertraut mit ihnen scherzten. Goldene und purpurne Schlangen glitten auf den Kieseln des Bodens pfeilschnell dahin, und plötzlich lagen sternartige Figuren da, die sich langsam regten und endlich schwerfällig fortwanderten.

Dick konnte seine Erwartung nicht zähmen, er hoffte bestimmt, daß gegen Abend nun bald unten eine herrliche Stadt hervorkommen werde oder ein schöner Königspalast unter den Gärten, allein, es blieb bei den stillen Hainen, die sich immer mehr in Schatten hüllten, so daß nur hie und da eine hochaufschießende rote Blume wie eine Flamme aus dem Dunkeln sichtbar ward. Endlich war alles in Nacht versunken, Dick hätte weinen mögen, wenn er daran dachte, daß das Schiff jetzt so gefühllos über so viel geheimnisvolle Schönheit der Tiefe dahinglitt, ohne daß das Auge auch nur das mindeste davon erfassen könne. »Gewiß«, rief er bei sich, »kommen jetzt die Paläste des Meerkönigs, und wir reisen an ihnen in Nacht und Dunkelheit vorüber, ohne daß einer von dem andern weiß.« In diesen Gedanken lehnte er sich noch einmal weit hinüber, und seine Augen drangen mit den sehnsüchtigsten Strahlen in die verschlossene Tiefe. Doch siehe da, sie blieb nicht verschlossen. Dick hatte nicht lange hinabgeschaut, als tief unten eine feuchte, hellglühende, grüne Kugel erglomm, und, wie es schien, langsam auf dem Meeresboden dahinrollte. Das funkelnde, milde, dunkle Grün ward immer klarer und warf immer hellere Scheine um sich. Zuletzt sah der Knabe, daß das, was er für eine fortlaufende Kugel gehalten, nur der Schein eines durch die grünen Bogengänge dahinschreitenden Lichtes war. Bald trat nun ein Männlein hervor, das tief unten auf dem Meeresboden mit einer Laterne herumwandelte, wie einer, der zu später Nachtzeit von dem Besuche bei Freunden nach Hause geht. Dick war so freudig erschrocken, daß der Atem in seiner Brust stockte, er hätte gerne sogleich den stillen Wanderer beim Namen gerufen, aber wußte er wohl, wie er hieß? Er begnügte sich daher, seinen Gang zu verfolgen, und bemerkte, wie der seltsame Mann oft mit seiner Laterne in die Kelche der schlafenden Blumen am Wege hineinleuchtete und wie es dann die herrlichsten roten, blauen oder violetten Scheine gab. Einer dieser Scheine leuchtete in Dicks Antlitz, und plötzlich sah er, wie der Mann unten eines der hochstaudigen Gewächse erfaßte, rasch an den Blättersprossen hinanklimmte und bald die schwankende Krone erreicht hatte, von der er mit einem blassen menschlichen Antlitze bittend herübersah, indes unten auf dem Meeresboden die zurückgelassene Laterne leuchtete. Dick warf ihm geschwind ein loses Seil zu, er ergriff es geschickt und behende, und ehe der Knabe es sich versah, saß der unheimliche Gast neben ihm auf dem nächtlichen Verdeck.

Das Männlein hatte ein dunkles Kleidchen an, um das blasse, welke Greisesantlitz legten sich schlichte, lange, grüne Haare, die erloschenen Augen blickten wehmütig vor sich hin, indes er mit sanfter Stimme sprach: »Schöner Knabe, die Unterirdischen haben es erfahren, daß die flüchtige Welle in dir ein geheimnisvolles Glückskind trägt, das zu unsrem Wohl, zu unserer Freude geboren worden. Ich muß mich kurz fassen, damit das Schiff nicht entgleitet und ich meine Laterne noch wiederfinde. Vernimm also, daß Meerlilie mich sendet und läßt anfragen, ob du, holder Freund, ihr Retter sein willst aus schmählicher Gefangenschaft.«

Dick sah staunend in die wasserhellen Augen des kleines Greises und fragte: »Sage mir nur, Gevatter Wassermann, wer ist die schöne Meerlilie, und auf welche Weise kann ich ihr Befreier werden?«

»Das erstere«, entgegnete der Greis, »erfährst du wohl zu seiner Zeit umständlicher, das zweite kann ich dir jetzt gleich sagen.« Er warf einen Blick auf seine Laterne, und da sie schon entfernter schimmerte, setzte er eiliger hinzu: »Meerlilie ist eine süße, wunderschöne Jungfrau, die von dem übermütigen Korallenfürsten, weil sie seine Liebe nicht erwidern wollte, samt ihren Freunden und Angehörigen in den Grund des Meeres verzaubert worden ist, wo sie in einem jener Zaubergärten, die du unten gesehen hast, so lange hingebannt schlummern muß, bis ein schöner, unschuldiger Knabe, den die Geister liebhaben, den Zauber überwindend, sie befreit. Willst du nun die schöne Meerlilie sehen, und geht dir ihr herbes Leid zu Herzen, so entschließe dich, mit mir in die Tiefe herabzusteigen, ich will dich schnell und sicher zu ihr führen. Vorher aber prüfe dich, ob du Stärke genug besitzest, die Probe zu bestehen; drei Nächte nämlich hintereinander mußt du neben der schönen Lilie wachen, ohne dich von den Zaubertönen, die um ihr Blumenlager erklingen werden, in Schlummer wiegen zu lassen. Gelingt dir dieses, so ist das Schwerste überstanden, und die andern Bedingungen, die sie dir selbst aufgeben wird, sind leicht zu erfüllen.«

Dick hörte diese Rede mit freudefunkelnden Augen. »Gevatter Wassermann!« rief er, »wenn du mit scharfem Geistesblick mich ausersehen hast, so sollst du sehen, daß ich gerade der Mann bin, den du suchst. Komm, zeige mir die Wege zu der schönen Lilie, das andere laß mich machen.« Der kleine schüttelte, als er diese Worte hörte, mißvergnügt das Haupt. »Wie schnell und unbesonnen!« rief er, »als gälte es nur, einen Apfel vom Baum zu brechen! Die Angelegenheit ist zu wichtig, ich geb dir drei Nächte Bedenkzeit, dann komme ich, dich abzuholen. Wisse, daß, wenn der Schlaf dich unten übermannt, du auf ewige Zeiten dort eingeschlossen bleibst, nie das Auge der Deinigen wiedersiehst, noch jemals die grünen Wiesen und Fluren der Oberwelt betrittst. Bestehst du aber die Probe, so sind große Schätze und die Liebe der schönen Meerfee dein. Nun weißt du, was du wissen sollst. Gib wohl acht, am Abend des dritten Tags wird das Schiff an den Kelch einer ungeheuren, prächtigen Meerlilie heranschwimmen; das soll dir ein Zeichen sein, daß deine unbekannte Geliebte dich erwartet. Jetzt lebe wohl, ich muß hinunter, meine Haare fangen an trocken zu werden, und nur noch wie ein fernes Pünktchen schimmert die Laterne.« Er ergriff bei diesen Worten eiligst das Seil, löste es so lang wie möglich und schwang sich ins Meer hinab. Dick sah ihn in den schwarzen Wellen untertauchen und spurlos verschwinden. Es ward ihm weh ums Herz, denn er hatte in diesen wenigen Minuten den alten Wassermann ordentlich liebgewonnen. Jetzt saß er wieder einsam da, und wie ein Traum war die ganze seltsame Erscheinung in die Wellen hinabgeglitten, das Meer tot und stille.

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als Dick erwachte, heftig geschüttelt vom Arme des zornigen Schiffsmeisters. Verstört blickte er in die Höhe und rief: »Aber so sagt doch nur, warum kann die schöne Lilie nicht den Korallenfürsten lieben?« – »O du Kröte!« schrie der Schiffsmeister und gab ihm einen derben Schlag, »wer spricht davon? Hinunter sollst du in den Raum, die Kajüten auskehren, das Geräte zusammenstellen! Seht doch den trägen Meerwurm!« Er packte in die blonden Locken des Knaben, zerrte ihn in die Höhe und stieß ihn vor sich die kleine Stiege zur Kajüte hinab.

Es ist eine schlimme Zeit, wenn die Sonntagskinder arbeiten müssen, der Kehrbesen ward wie Blei in Dicks Händen, der leichte Staubwedel kam nicht von der Stelle, und die wenige Arbeit wurde und wurde nicht fertig. Es regnete nun wieder Schläge und Scheltworte, Dick nahm sie geduldig hin, indem er bei sich dachte: Sie können mir doch nicht die Liebe der Meerfee rauben und die Schätze, die ich gewinnen werde. Fand er einen Augenblick müßige Zeit, so lag er auf seinem Plätzchen an Bord und blickte hinab und erstaunte im süßen Schrecken, wie alles unten um vieles prächtiger und schöner wurde. Das helle Wasser schien noch durchsichtiger und kristallreiner, üppiger und seltsamer waren Gewächse und Gesteine, bunter durcheinander spielten die herrlichen Fische. Am zweiten Tage fing Dick an, schon nach dem Kelch der Meerlilie auszuschauen. Doch so weit er sein suchendes Auge schickte, war nichts als Wasser und Himmel, aber am Morgen des dritten Tages tauchte am Horizont etwas Weißes auf, das hell in der Sonne flimmerte und das die Schiffsleute für die äußerste Spitze eines Kreidefelsen hielten. Zu gleicher Zeit wurden alle inne, daß ein süßer, unendlich lieblicher Duft sich um das Schiff her zu verbreiten anfing. Einige, die ihre Augen mit Gläsern bewaffnet hatten, sahen nun, daß das, was ihnen als ein Kreidefelsen erschienen, der Kelch einer ungeheuern weißen Blume war, die ruhig auf dem glatten Spiegel schwamm und die himmlischen Düfte ausstreute. Darüber verwunderten sich alle nicht wenig, und selbst der Kapitän wußte nicht gleich, wie er diese neue Seltsamkeit gehörig verständlich erklären solle. Dick allein trug das ganze Verständnis im Herzen. Er schlich an den einsamsten Platz, um sein Entzücken und die bangen Schauer, die seine Brust durchbebten, nicht vor den Leuten sehen zu lassen, verstohlen blickte er von hier aus auf die Blume, die näher und näher heranschwamm. Die Abendsonne füllte den silbernen Kelch mit Purpurstaub, und widerspiegelnd schwebten die glänzendsten roten und weißen Scheine im Wasser. Endlich war das Schiff der Blume ganze nahe, es war Nacht geworden, und weithin auf der schwarzen Fläche breiteten sich die riesigen Blätter im Monde wie ein Schneefeld glänzend aus. Zugleich füllte ein durchdringender Duft die ganze Atmosphäre, so daß eine Betäubung sich der ganzen Mannschaft bemächtigte und sie in Schlummer sank, trotz den Befehlen und Drohungen des Kapitäns. Dicks Sinne blieben allein völlig wach, er hatte sich auf seinen gewohnten Platz begeben, und niederschauend in die Wellen erwartete er den geheimnisvollen Boten, der ihn hinabgeleiten sollte.

Nicht lange, so erglomm tief unten wieder der lichte grüne Schein, wurde schnell größer, und zugleich rankte sich eine schwarze Staude mit ihren krausen Blättern aus dem Wasser heraus, indem sie sich an die Seite des Schiffs, gleich einer Leiter, anlegte. Das kleine, häßliche Gesicht des Greises tauchte empor und nickte dem armen Knaben, dem jetzt weh und unheimlich zumute war, mit freundlichem Grinsen zu. »Nun, welchen Entschluß hast du gefaßt, Söhnchen?«

»Gevatter Wassermann, wenn es sein kann, so wollen wir die ganze Unternehmung bleibenlassen.«

»Elender Knabe«, zürnte der Geist, »bist du so kleinmütig und unzuverlässig? – Wenn dich die reichen Schätze nicht locken, so sollte dich der Schmerz der schönen Meerlilie rühren, die sich durch deine Torheit jetzt um ihre Hoffnung betrogen sieht. Geh, einfältiger Bursche, du warst deines Glückes nicht wert!«

Mit diesen Worten machte sich der Kleine bereit, wieder niederzusteigen, als Dick sich rasch ermannte, allen kecken Mut zusammennahm und rief: »Nun, nicht so eilig, ich folge dir nach! Aber«, setzte er hinzu, »werden die Gefährten nicht unterdessen fortsegeln, mich verlassen?«

»Sei ohne Furcht«, war die Antwort, »der magische Duft der Lilie hält sie und ihr Schiff während dieser drei Tage und Nächte, da du unten weilest, fest gezaubert an diese Stelle; wir finden sie noch schlummernd, wie wir sie jetzt verlassen.«

Jetzt stiegen der Wassergeist und Dick auf den Boden des Meeres hinab. Unten sah alles seltsam und traumhaft aus, in der Dunkelheit ragten die riesigen Gewächse und Blumen wie mit drohenden Armen weit in die stillen Gewässer hinein, die Laterne des Alten warf wunderbare Schimmer, und wie er sie ergriffen und die beiden Wanderer jetzt still nebeneinander auf dem Meeresboden hinwandelten, da wurde Dick mit Entsetzen inne, wie er so gar nichts kenne in dieser ihn umgebenden Welt, kein Gestein und keine Blüte, wie alles ihn mit fremden, unheimlichen Augen ansehe. Zahllose Fische schwammen ihnen entgegen und bogen scheu vor dem Lichte der Laterne aus. Endlich gelangten sie zum Ruhebette der schönen Meerlilie. Sie lag auf einem weichen Lager von Wassergras, die Augen waren geschlossen, und durch ihre dunkeln aufgelösten Locken war ein Kranz weißer Lilien geflochten, deren eine gerade über die Stirn hinaufrankte bis auf die Oberfläche der Wasser und dort aus ihrem Riesenkelche jene zauberhaften Düfte spendete. Hoch über das Lager wölbten sich schimmernde Korallenzweige dicht durcheinander und bildeten, von einzelnen weißen Lilien durchflochten, einen köstlichen Thronhimmel.

Dicks Knie beugten sich unwillkürlich vor dem Lager der Schlummernden, er hatte nie eine so herrliche Mädchengestalt gesehen, und sein trunkenes Auge sog gierig nie gesehene Reize ein. Wie glücklich pries er sich jetzt, daß er dem Alten gefolgt war, mit welcher stolzen Zuversicht sah er sich schon als Befreier der reizenden Geliebten an! – Jener kam und setzte seine Laterne neben den Jüngling. »Ich verlasse dich jetzt«, rief er, und seine Worte tönten schauerlich durch die tiefe Stille umher, »vergiß nicht, wo du bist und welches Wagestück du unternommen. Deine Wacht nimmt jetzt ihren Anfang. Sieh dich vor, daß das Licht der Laterne nicht erlischt, denn der darin eingeschlossene Geist ist ein guter und wird dir mit seinen Kräften beistehen.«

Dick dankte, und der Alte entfernte sich, indem er in eines der Gebüsche einlenkte. Jetzt war der Arme in der tiefen Einsamkeit völlig verlassen. Kein Laut regte sich um ihn, er saß auf dem hellen Sandboden, die Laterne neben ihm. Die ersten Stunden der Nacht vergingen, indem er fast unverwandten Blicks die schöne Lilie betrachtet, dann aber fühlte er, daß ihr schlummerndes bleiches Antlitz wie betäubend auf ihn wirkte, so daß auch seine Sinne der Schlaf anwandelte. Erschreckt wandte er sich ab und lauschte ängstlich in die Nacht hinaus nach einem Geräusch, das ihn zerstreuen und wach erhalten könne, allein, es blieb still, es zog kein Frühlingswind durch die Blätter, kein Vogel erhob sich singend aus den Zweigen, kein Käfer summte im Grase. Wie glücklich und froh begrüßte er die ersten Strahlen des Lichtes, die in die Meerestiefe hinableuchteten, mit ihnen zugleich erschien der Alte und löste ihn von seinem Posten ab. Er führte ihn hinaus zum Schiffe, und nachdem Dick hier unter seinen schlummernden Kameraden den Tag hingebracht hatte, kam die zweite Nacht heran, wo der Alte sich noch ängstlicher und vorsorgender zeigte und die größte Sorge für die Laterne empfahl.

Kaum war er fort, als der Knabe seine Warnung fast vergaß über dem wunderbar herrlichen Schauspiel, das sich ihm kundtat. Der Mond zog leise herauf, und indem er von der dunkeln Himmelskuppel niederleuchtete, goß er seine lieblichsten Strahlen unten in die Meereseinsamkeit. Alsbald wölbte sich ein farbiger Bogen über Dicks Haupte, der, wie von flüssigen Edelsteinen gebaut, in dem hellen Kristall flimmerte und die holdesten Töne von sich gab. Die Einsamkeit, vom Mondesglanz erfüllt, übte einen magischen Zauber aus, und ein unendlicher, süßer, himmlischer Friede glitt auf die stillen Wege und Gebüsche nieder. So süß hatte noch nie eine lebende Seele im holden Märchenreiche geatmet. Wie in Entzückung eingewiegt, fuhr der Knabe plötzlich empor, indem es ihm schien, als griffe ein in lange Gewänder gehüllter Arm nach seiner Brust. Seine erste Bewegung war, die Laterne zu erfassen, die, seitwärts im Gebüsche versteckt, nur noch einen spärlichen, verlöschenden Schimmer von sich gab. Als er die Flamme gereinigt hatte und sie mit erneutem Glanze leuchtete, kam wieder Mut in seine Seele; sichtlich erbleichte der magische Mondenglanz und der schimmernde Kristallbogen.

Als der Alte am Morgen erschien, zeigte er sich besonders erfreut und sprach seine Zuversicht für das endliche Gelingen aus. Er hatte sich auch nicht geirrt, Dick bestand auch die Probe der dritten Nacht, obgleich hier noch süßer der Mondenglanz schimmerte, der helle Bogen sich über seinem Haupte noch betäubender wiegte und Einsamkeit und Stille noch lockender zum Schlummer einluden. Bei den ersten Strahlen der Morgensonne richtete sich die schöne Lilie von ihrem Lager empor, und zum ersten Mal sah der glückliche Jüngling, der zu ihren Füßen kniete, in die dunkeln Liebesaugen der Meerfrau. »Ich danke dir, Sterblicher«, begann sie mit holder Stimme, »du hast vollbracht, wonach viele vergeblich rangen; dein Mut und dein Glück sind mir Bürge, daß du hierbei nicht stehenbleiben, sondern nun auch die noch übrigen beschimpfenden Bande, die meine Freiheit fesseln, lösen wirst. Versprich mir dieses, und ich will dir einen Teil meiner beklagenswerten Schicksale erzählen.« Dick, als er die schöne Lilie so sprechen hörte, als ihr bittendes Auge in dem seinigen ruhte und ihre reizende Gestalt halb an seiner Schulter lehnte, versprach mit den kräftigsten Beteuerungen, alles zu vollbringen, was sie nur von ihm fordern würde. Seine Bereitwilligkeit rührte die Schöne, und sie nahm mit einem wehmütig klagenden Tone das Wort.

»Einen Teil meines Elends«, fuhr die Lilie fort, »wirst du selbst ermessen können, wenn du erfährst, daß ich als eine Prinzessin geboren worden bin, die in Glanz, Fülle und Herrlichkeit lebte und die jetzt auf das grausamste vom Hofe und von ihren liebsten Vertrauten getrennt worden. Von dem Könige, meinem Vater, der der Beherrscher einer der reichsten Inseln dieses Meeres war, wurde ich einem liebenswürdigen jungen Prinzen zur Gemahlin bestimmt, und du kannst dir denken, wie nahe ich schon dem Ziel meiner Wünsche war, wenn du erfährst, daß wir schon unsere gegenseitigen Porträts gewechselt hatten und ich den Kammerherrn erwartete, mit dem ich der Form nach mich vermählen sollte. Da erschien eines Tages, ach, ich sehe ihn noch vor mir! der abenteuerliche Korallenfürst an unserem Hofe. Er sah mich, verliebte sich in mich und machte Anstalten, sich mit mir zu verbinden, obgleich man ihn wiederholt versicherte, daß ich bereits die Verlobte eines schönen und liebenswürdigen Prinzen sei, ja daß sogar schon der Kammerherr sich eingefunden habe, um mich in Besitz zu nehmen. Er erklärte dagegen mit einer unverschämten Leichtfertigkeit, daß ihn dieses alles wenig kümmere. Meines Vaters Stolz wurde jetzt rege; um meine Person vor jedem räuberischen Anfall zu schützen, ließ er mich in einen festen Turm bringen, wo ich bleiben sollte, bis mein stürmischer und ungelegener Freier sich von der Insel würde entfernt haben. Der Tückische, als er sah, daß mit offener Gewalt nichts zu tun sei, nahm seine Zuflucht zur List, und leider fanden sich unter meiner nächsten Umgebung verräterische Diener, die ihm mit Rat und Tat zur Hand gingen, um sich später durch die Dankbarkeit jenes Elenden in den Besitz großer Schätze zu setzen. Dem Himmel sei Dank, die Abscheulichen haben ihren Lohn dahin!«

Dick sah mit seinen großen, wehmütigen Augen die Erzählerin an. »Schöne Lilie!« rief er endlich und seine Stimme zitterte, »ich fürchte, du wirst der Tücke des Korallenprinzen unterlegen sein.«

»Fürchte nichts«, versetzte sie mit einem kleinen, stolzen Lächeln, das ihre reizenden Lippen entzückend schön kleidete. »Ich war entschlossen, lieber den Tod zu wählen als seine Umarmung, und ich hätte meinen Entschluß sicherlich ausgeführt, wenn das Schicksal es nicht anders gefügt. Unter den Damen meiner nächsten Umgebung befand sich eine alte Oberhofmeisterin, die schon meiner Mutter gedient hatte und deren Treue ich deshalb versichert zu sein glaubte. Nichtsdestoweniger war sie die erste, die sich von den Versprechungen des Korallenprinzen verführen ließ, mich ihm auszuliefern. Ihre Helfershelfer bei diesem ruchlosen Unternehmen waren ein nichtsnutziger, eitler, wohlbeleibter Hofkaplan und der alte Hofgelehrte, der von dem Prinzen kirre gemacht wurde durch das Versprechen einer zahlreichen und kostbaren Büchersammlung voll der seltensten Ausgaben der alten Autoren. Diese drei Elenden wußten es nun dahin zu bringen, daß ich meinen sichern Turm verließ und an einem schönen Sommerabend am Gestade der Insel spazierenging. Ein Jüngling, der mir sehr ergeben war und den mein erlauchter Vater als seinen Hofpoeten im Sold hatte, warnte mich auf das zärtlichste, doch ich verspottete seine ängstlichen Befürchtungen und hatte gleich darauf Ursache, es bitter zu bereuen; denn plötzlich brachen die elenden Räuber hervor, brachten mich und meine treulosen Gefährten auf mehrere versteckt gehaltene Schiffe, und diese eilten schnell mit uns davon. Fordere nicht, geliebtester Jüngling, daß ich dir ausführlich meine Leiden schildere, die in der Gefangenschaft meiner warteten, genug, ich blieb, allen Bitten und Drohungen zum Trotz, standhaft, und der Elende, der verzweifelte, mich zu seinem Willen zu bewegen, wendete in einem unglückseligen Momente seine ganze verderbliche Zauberkraft an und verwünschte mich mit meiner Gesellschaft in den Grund des Meeres, indem er meine Erlösung an die schwierigsten und fast unmöglichen Bedingungen knüpfte. Doch das Geschick ist gütiger als ich hoffen durfte, es hat mir dich gesendet, und ich zweifle nicht länger, daß ich dir meine völlige Rettung danken werde. Höre nun, wie du mich und jene Elenden, die mit mir in der Verzauberung schmachten, befreien kannst. Die Treulosen sind sämtlich in Meerungeheuer verwandelt worden. Es wird schwer sein, sie aufzufinden, doch mußt du sie suchen, um von ihnen die drei magischen Gaben zu erlangen, ohne die ich nicht völlig erlöst werden kann. Sie werden sie dir verweigern, aber du mußt durch List oder Gewalt sie ihnen rauben. Es ist ein kleiner, silberner Stab, ein Ring und eine goldene Kette.«

»Wie finde ich aber deine treulosen Diener, schöne Prinzessin?« fragte Dick.

»Nimm diese Perle«, entgegnete die Meerfee, indem sie eine große, gelblich schimmernde Perle von ihrem Halse löste, »sie wird dir die Gabe verleihen, gefahrlos unter den zahllosen Bewohnern des Meeres umherzuwandeln, ja du wirst sogar die Sprache, die unter ihnen üblich ist, verstehen. Entdeckst du nun eine ungestalte Robbe und merkst du an ihren eiteln und prahlerischen Reden, wes Geistes Kind sie ist, so bist du sicher, jene unwürdige alte Oberhofmeisterin gefunden zu haben. Sie hat den Ring im Besitz. Begegnet dir dann ein schwerfälliger Seehund, mühsam durch die Fluten daherkeuchend oder müßig am Strande schnarchend, so sei gewiß, daß es der verräterische Kaplan ist, der mein silbernes Stäbchen verwahrt, und endlich, kommt dir die widrige Gestalt eines mit gläsernen Augen glotzenden Hummers zu Gesichte, so hast du meinen dritten Feind, den alten Hofgelehrten, gefunden, von dem du die Kette erbeuten mußt. Sind diese drei Kleinodien in meinem Besitz, so schwindet sogleich der Zauberbann, und ich befinde mich wohlbehalten mit dem ganzen Gefolge auf meiner heimatlichen Insel. Dann, mein süßer Freund, zähle auf meine Dankbarkeit, sie wird ohne Grenzen sein, wie es schon jetzt mein zärtliches Gefühl für dich ist. Eile, der Tag steht schon hoch.«

Ein freudiges Lächeln und ein Kuß besiegelten diese Worte, dann sank die schöne Gestalt wieder auf ihr Lager zurück, und schon stand der Gevatter Wassermann bereit, den Jüngling wieder hinauf zu dem Schiffe zu geleiten. Oben nahm er feierlichst von ihm Abschied, erinnerte ihn, das begonnene Werk nicht unvollendet zu lassen, und überreichte endlich dem erstaunten Dick eine kleine Kiste, die bis an den Rand mit den seltensten Schätzen des Meeres, mit köstlichen Korallen und Perlen gefüllt war. Ohne den Dank abzuwarten, verschwand er in dem Schoß der Wellen.

Dick, der Träumer, verdiente wohl nie seinen Namen mit mehr Recht als jetzt. Er stand auf dem Verdecke auf der wohlbekannten Stelle, die Sonne schien ihm in die weit offenen Augen, er strich sich die blonden Locken aus der Stirne, und immer noch glaubte er die süße Stimme der Lilie zu hören, immer noch an ihrer Seite auf dem tiefen Meeresboden zu sitzen. Endlich brachte ihn ein Blick auf die schlafende Mannschaft, die sich jetzt zu ermuntern anfing, zu sich. Das Schiff glitt wieder die feuchte Bahn weiter, und immer ferner schwand der Kelch der Riesenblume, bis er endlich nicht mehr gesehen wurde. Das Abenteuer mit der schönen Meerfee war beendet.

Das hätte wenigstens Dick denken können, wenn er undankbar und weniger verliebt gewesen wäre, so aber wußte er wohl, daß es noch nicht beendet war, und dachte daran, wie er es glücklich und so schnell wie möglich beendigen könne. Wir übergehen die Begebenheiten des Zeitraums, wo das Schiff heimkehrte, wo Dick einen Teil seiner Schätze verkaufte und dadurch Mittel fand, selbst ein reicher Handelsherr zu werden, der Schiffe in See gehen ließ. Er war aber trotz seiner Reichtümer noch immer der schöne träumerische Knabe, in dessen dunkeln Blicken sich jedes Mädchenauge gern spiegelte. Doch Dick dachte wie ein echter Ritter nur an seine Dame, er ließ keine Gelegenheit vorbeigehen, mit seiner magischen Perle bewaffnet, kühn in das alte, feuchte Haus des Vaters Ozean zu dringen, doch immer vergebens. So seltsame Dinge er erschaute, so wunderliche Gespräche er behorchte, keiner der eilfertigen und leichtsinnigen Bewohner der grünlichen Wogen konnte ihm Auskunft geben, wo die drei bösen Verräter der schönen Lilie sich verborgen hatten. Endlich ließ ihn das gute Glück einen treuen Freund und Helfer finden, wo er ihn am wenigsten gesucht hatte. Eines Mittags, als die Köchin mit der Zubereitung eines trefflichen Mahles beschäftigt war, trat Dick zufällig in die Küche an einen Kübel mit Wasser, in welchem einige Fische sich eingeschlossen befanden. Ganz auf dem Boden des Geschirres ließ sich plötzlich eine feine Stimme hören, die folgende Worte sprach: »O du unglückseligster aller Poeten, so sollst du nun deinem gewissen Tode entgegengehen! Die räuberische Furie, die in diesen finstern Räumen wütet, sinnt gewiß schon auf eine empörende Marter, entweder will sie dich mit schnödem Salz bestreut in ein Faß einpökeln oder zum Frühstück nichtswürdiger Leckermäuler in den Rauchfang hängen. O Lilie, meine süße Herrin, wüßtest du, wie dein holder Sänger hier in einem elenden Küchennapf gefangen schmachtet!« Dick, als er diese Klagen hörte, befahl, sämtliche Fische auszuschütten, und da fand sich auf dem Boden halb verschmachtet ein magerer Hering, der zufällig unter die Zahl fetter Butten geraten war. Der glückliche Jüngling zweifelte nicht, daß er den Hofpoeten, den treuen Freund seiner Geliebten, vor sich sähe. Er gab sich ihm vermittelst der magischen Perle zu erkennen, entdeckte ihm, daß er mit seiner Hilfe die drei Verräter finden wolle, und der schon halb verhungerte Sänger stimmte mit den freudigsten Zeichen seiner Teilnahme und Dankbarkeit in die Vorschläge seines Retters ein. Es wurde nun beschlossen, daß der Hering sich auf die Wanderschaft begeben sollte, um den Aufenthaltsort der drei zu entdecken und ihn dann dem jungen Ritter anzuzeigen. »Du kennst nicht die zarte Seele des Dichters«, sagte der Fisch, als er eines Tages allein mit seinem Herrn sich befand, »wenn du an meiner Bereitwilligkeit und Treue zweifeln kannst. Kein Schlupfwinkel, kein finsterer Felsenspalt des alten Meeres soll undurchforscht bleiben, und zwar mit der Schnelligkeit des Gedankens soll mein dünner Leib die feuchten Bahnen durchlaufen. Ich will mir nicht die Zeit zur Verfertigung des kleinsten Madrigals oder Sonetts nehmen, jeden poetischen Gedanken will ich in seinem Keim ersticken, damit er meinem Kopfe nicht die gehörige Besonnenheit und Ruhe nehme, die zu einem so diplomatischen Geschäfte durchaus nötig sind. Du siehst selbst, mehr kann ein Dichter nicht tun.«

Nach diesen etwas hochmütigen Worten verschwand der treue Hering, und Dick blieb allein am Ufer stehend zurück. Es war das erstemal, daß er sich mit einem Dichter in eine Unterhandlung eingelassen hatte, und er glaubte gehört zu haben, daß es das unzuverlässigste, leichtsinnigste Volk der Erde sei. Wer bürgte ihm dafür, daß sein Hering eine Ausnahme machen würde? Die Zeit schien auch in der Tat seinen bösen Argwohn bestätigen zu wollen, denn eine Woche, zwei Wochen, ja sogar drei Wochen vergingen, ohne daß der Abgesandte von sich hören ließ; endlich erschien er aber und sah um vieles magerer und elender aus, als zur Zeit, wo er auf dem Boden des Kübels geschmachtet hatte. »Du hast mir tüchtig warm gemacht!« rief er keuchend, »kaum kann ich noch eine meiner Flossen regen, so habe ich ohne Unterlaß gerudert und gesteuert. Doch Glück zu! Die alte Duenja und der einfältige Kaplan sind gefunden, der Teufel aber muß den Gelehrten geholt haben, denn er war nirgends anzutreffen, obgleich ich jede dumpfe Kammer, wo ich ihn hocken glauben konnte, durchkrochen habe.«

»Verehrter Poet«, nahm Dick das Wort, »daß dir das nicht so sehr zu Herzen gehe; es ist schon genug, daß deine Geschicklichkeit den Aufenthaltsort der beiden entdeckt hat, gewiß werden diese am besten uns Auskunft geben können, wo der dritte sich verborgen hält. Laß uns nicht säumen, den Auftrag der schönen Lilie zu erfüllen.«

Die Erwähnung seiner hohen Gebieterin setzte den Hering völlig wieder in Feuer und Enthusiasmus: »Apoll strafe mich«, rief er, indem er seine Augen mit großartigem Ausdruck im Kopfe herumrollen ließ, »daß ich auch nur auf einen Augenblick den Dienst meiner süßen Herrin hintansetzte. Du hast recht, laß uns unverzüglich eilen, denn der Wohnort, den die alte, eitle Närrin sich auserwählt hat, ist ziemlich entlegen.«

Nachdem Dick also seinen Haushalt besorgt hatte, begab er sich mit dem Hofpoeten auf eine ebenso langwierige als abenteuerliche Reise. Indessen der junge Mann sein Schiff bestieg und gedankenvoll am Bord saß, schwamm sein Führer behaglich in der Flut und fand dabei noch Zeit, einige äußerst kunstfertige Sonette zu dichten, ja sogar den Plan zu einem anziehenden Romane zu entwerfen, den er, einst glücklich am Hofe der Prinzessin angelangt, herauszugeben gedachte. Da man das nördliche Meer befuhr, so blieb das Wetter nicht lange günstig. Es erhob sich eines Tags ein heftiger Sturm, der, so eifrig man gegen ihn kämpfte, an Kraft stündlich zunahm und endlich das Schiff gegen eine Klippe schleuderte, an der es borst und mit der ganzen Mannschaft zugrunde ging. Dick war anfänglich über den Verlust eines Teils seiner Güter betrübt, doch der Hering wußte ihn zu trösten, indem er versicherte, daß die Prinzessin ihn sicherlich hundertfältig entschädigen werde.

»Überdies«, setzte er hinzu, »kommt der Streich, den uns das Mißgeschick spielt, gerade gelegen. Wie hättest du, ohne Aufsehen zu erregen, von deinen Leuten dich trennen können, um die Robbe aufzusuchen, die sich hier in unserer Nähe befindet? Glaube mir, alles ist gut in der Welt, was uns Nutzen schafft.«

Dick wollte eben den Dichter wegen dieses leichtfertigen Grundsatzes tadeln, als sie auf dem Grunde des Meeres, wo sie sich beide fanden, ein Gewirre von vielen Stimmen vernahmen. Sie befanden sich, ohne es zu wissen, in der Mitte einer zahlreichen Assemblée, die ihre neugierigen Blicke auf sie richtete. Aber wie ward dem armen Dick, als er diese Gestalten näher ins Auge faßte!

Im Kreise gelagert, sahen ihm graue, unförmliche Häupter entgegen, die dicken Leiber wühlten den Grund auf und lagen behaglich halb im weichen Sande versteckt, mehrere kleine Seepferdchen schwirrten von einem Gast zum andern und schienen die Stelle der Pagen vertreten zu wollen. Es war nicht schwer, die eitle und geschwätzige alte Oberhofmeisterin aus der Menge herauszufinden. Sie war trotz ihres tonnenförmigen Leibes, der plumpen watschelnden Vorderfüßchen und der glotzenden Augen noch immer die gefallsüchtige Närrin, die sie auf der Insel am Hofe des Vaters der schönen Lilie gewesen war. Sie ließ sich von einem Paar alten, dürren Taschenkrebsen eine Menge fader Schmeicheleien sagen und beantwortete sie mit einem lauten, sprudelnden Gelächter, indem sie von Zeit zu Zeit einige Meerspinnen aufschnappte und gierig verzehrte. Ein alter, in Pensionsstand versetzter Haifisch unterhielt nach Weise ungebildeter und prahlerischer Soldaten eine Anzahl junger Robben mit Zweideutigkeiten und starkgewürzten Späßen, wozu zwei oder drei gimpelhafte Seekälber eine laute Lache aufschlugen.

»Du siehst, Freund«, sagte der Hofpoet leise zu seinem Begleiter, »den ganzen aufgeputzten Jammer unserer sogenannten schönen Welt, nirgends wahrer Geist und tiefes Gefühl. Selbst jene jungen Mädchen, deren einige in der Tat wohlgebildet und reizend zu nennen sind und durch ihr Lächeln selbst das kälteste Fischblut erwärmen könnten, wie lauschen sie begierig den einfältigen Übertreibungen des Großsprechers, wie sind sie innerlich leer und ungebildet!«

Dick, der zu der angepriesenen Schönheit der jungen Meerungeheuer lächeln mußte, drängte den Redner, ihn vorzustellen. Die Robbe empfing ihn gütig und ließ ihre Blicke mit Wohlgefallen auf der schönen Gestalt des jungen Mannes ruhen. Als er aber sein Gesuch vortrug und sich den magischen Ring ausbat, veränderte sich die Miene der alten Dame, und nicht allein, daß sie ihm kurzweg seine Bitte abschlug, sie verbot ihm auch, jemals wieder vor ihren Augen zu erscheinen. Dieses verunglückte Unternehmen schlug Dicks Mut nicht wenig nieder, doch sein Freund wußte ihn auch hier zu trösten. »Vergib mir«, sagte er, als sie beide allein waren, »daß ich glauben muß, du hast noch wenig in der großen Welt gelebt. Du verstehst nicht zu schmeicheln, und das ist im Umgange mit der Welt und vorzüglich mit den Weibern das erste und vorzüglichste Erfordernis. Folge meinem Rat und wage einen zweiten Versuch, ehe du zur Gewalt, die hier nicht wohl angewendet wäre, schreitest. Ich will für dich ein zärtliches Gedicht abfassen, als habest du es gemacht, entzückt von ihren himmlischen Reizen, und wenn sie dadurch gerührt wird, so bitte dir den Ring zum Andenken der schönen Stunde aus.«

»Unmöglich!« rief Dick entrüstet, »ich diesem Ungetüm schmeicheln!«

»Lieber, junger Freund«, entgegnete der Hering mit einem kleinen spöttischen Lächeln, »wie neu bist du in allem, was weltliche Klugheit heißt. Die Robbe wird sicherlich nicht das letzte alte häßliche Weib sein, dem du einer schönen Tochter wegen schmeicheln mußt. Tue, was ich dir sage, und der Erfolg wird lehren, daß ich recht habe.«

Dick widersprach nicht weiter, er nahm das Gedicht des Poeten, und siehe da, schneller als er es gehofft hatte, war er im Besitz des Ringes. Er dankte dem klugen Ratgeber, und beide machten sich auf, um die Wohnung des Kaplans zu entdecken. Ein günstiges Geschick wies sie gerade vor die rechte Tür. Schon von weitem ließ sich ein dumpfes Schnarchen vernehmen, und alsbald zeigte sich auf einem sonnigen Plätzchen am Strande ein mächtiger Seehund, der hier Mittagsruhe hielt. Eine Meerotter trug während des Schlummers ihres Herrn mehrere fette Schnecken zum Abendbrot zusammen. »Da erkenne ich meinen alten Freund!« rief der Hering, »er schlummert, nachdem er gewiß eine höchst salbungsvolle Predigt gehalten hat, und seine Köchin ist für den Haushalt nach gewohnter Weise beschäftigt. Laß uns hier kurze Sprünge machen, indessen ich der Otter einige Schmeicheleien über ihre Wirtschaftlichkeit sage, bemächtige du dich des silbernen Stäbchens, das dort neben dem Schläfer im Sande blinkt.« Gesagt, getan, das zweite Kleinod war nun auch in ihrem Besitz, und die Freunde waren nicht wenig froh hierüber. Allein, nun blieb das schwierigste Unternehmen übrig: Wo sollte man den Gelehrten entdecken? Über diese Frage nachsinnend, wandelten beide Genossen in trübem Schweigen nebeneinander auf dem Meeresgrunde, als sie am Ende des dritten Tages, da sie schon fast alle Hoffnung aufgegeben hatten, zwei ziemlich laut sprechende Stimmen in ihrer Nähe vernahmen. Der Hering stieß mit seinem spitzigen Mäulchen sogleich den träumenden jungen Freund an, indem er ihm Aufmerksamkeit empfahl. Dick wurde eine kleine Wasserschlange und einen Seeigel gewahr, die miteinander ziemlich eilig dahinwanderten. »Macht schneller fort, liebster Vetter!« rief die Schlange, »wir langen sonst wiederum zu spät in der Vorlesung an, und Euer wird die Schuld sein, wenn ich dann an Gelehrsamkeit und Kenntnis Mangel leide.«

»Ihr macht Euch unnötige Sorge, Muhme«, keuchte der Igel, »nach meiner Ansicht seid Ihr für ein Frauenzimmer gerade gebildet genug. Ihr wißt, ich hasse nichts so sehr als gelehrte Damen, und ich wäre untröstlich, in meiner Verwandtschaft eine solche zu besitzen.« Die Schlange zischte mit leisem Spott, ohne etwas zu erwidern, sie glitt dagegen noch schneller und behender dahin. »So seid Ihr auch der Meinung des gelehrten Hummers«, nahm der Igel wieder das Wort, »daß ich ausnehmend viel kritisches Talent besitze und daher eigentlich zum Rezensenten geboren bin? In der Tat, ich merkte etwas von der Absicht des Himmels, als ich zum ersten Mal an meinem Körper diese große Anzahl von scharfen, spitzigen Pfeilen keimen sah, deren kein anderes Tier sich erfreuen kann. Auch konnte ich frühzeitig keinen Widerspruch vertragen, und wenn mich die Leute, die ich durch meine beißenden Sarkasmen beleidigt hatte, angreifen wollten, so wand ich mich in einen Knäuel zusammen und lachte innerlich, wenn die Narren sich an den Stacheln das ungewaschene Maul aufrissen, mir aber auf keine Weise etwas anhaben konnten. Seht, Muhme, so kann man grob und unverschämt sein, ohne irgend jemand scheuen zu müssen.«

Die Schlange, die in diesen Äußerungen eine niedrige Gesinnung ihres Verwandten entdecken mochte, beharrte in ihrem Stillschweigen, und beide langten jetzt bei dem Hummer an, da ein Teil der Versammlung sich schon wieder verloren hatte. Aus einer Felsenspalte, halb verdeckt von dem überhängenden Wassergrase, blickte das ehrwürdige Antlitz des gelehrten Krebses hervor. Die großen, glotzenden Augen waren mit einer Brille bewaffnet, und in einer der mächtigen Scheren lagen mehrere Bogen einer tiefsinnigen Abhandlung eingeklemmt. Er begrüßte die Ankömmlinge, ohne sie einer besondern Aufmerksamkeit zu würdigen, und fuhr dann mit schnarrender Stimme fort, die kostbaren Früchte seiner Gelehrsamkeit auszuteilen. Der Hering nahm mit äußerster Vorsicht vor den Stacheln des Igels den untersten Platz ein, indem er mit gespannter Aufmerksamkeit dem Vortrage folgte. Dick dagegen belustigte sich an den gelehrten Grimassen des Redners und ließ endlich seinen Blick auf der goldenen Kette haften, die zwischen den schwarzen Schuppen des häßlichen Körpers niederhing.

»Diesen Schatz zu gewinnen«, bemerkte der Hering zu seinem Freunde, als sie allein waren, wird mehr Mühe kosten, als zur Erlangung der beiden andern erforderlich war. Einen Gelehrten, der die Eitelkeiten der Welt genugsam kennt und verachtet, darf man nicht durch ein kostbares Geschenk zu betören hoffen. Ebensowenig wag ich es hier, wo so viele feine Kritiker versammelt sind, mit den Schöpfungen meiner Muse hervorzutreten.«

»Wie!« rief Dick erstaunt und befremdet durch die Bescheidenheit seines poetischen Freundes, die jetzt zum ersten Mal und sehr zur Unzeit laut wurde, »soll denn ein günstiges Ungefähr umsonst uns den Aufenthaltsort dieses dritten tückischen Verräters der schönen Lilie gezeigt haben? Soll hier unsere Klugheit und unser Unternehmungsgeist elend scheitern?«

»Ereifere dich nicht«, entgegnete der Dichter, »es ist noch nichts verloren, meine Worte sollten dir nur anzeigen, daß auch hier Klugheit und Erfahrung unsere Schritte lenken muß. Laß uns auf ein Mittel sinnen, das uns sicher zum Zwecke führt.«

Nach diesen Worten begab sich der Hering in die Einsamkeit, um ungestört nachgrübeln zu können. Es vergingen mehrere Tage, ohne daß er sich blicken ließ, und Dick empfand schon den lebhaftesten Unwillen. Er zählte die Wochen und Monde, die vergangen waren, seit er sich zum Retter der schönen Lilie erklärt hatte, und noch war das Werk nicht vollbracht, noch schmachtete die süße Gestalt in elender Gefangenschaft auf dem Meeresgrund. Der Gedanke, daß sie ihn wohl für treulos oder wortbrüchig halten könne, peinigte ihn aufs härteste. Er setzte sich auf die Trümmer eines Schiffes nieder und senkte sein Haupt in die Hand, indem er die magische Perle an seiner Brust betrachtete. Sein seltsamer Zustand fiel ihm jetzt erst recht auf, und er seufzte vor sich hin: »Wie sitze ich so wunderlich im Reiche der Gewässer da! Wahrlich, ich bin unter Fischen selbst ein Fisch geworden, mich lockt nicht mehr die klare Himmelsluft, die ich sonst atmete, ich entbehre nicht den Schmelz der Wiesen, auf dem mein Fuß wandelte, und das alles hat die Liebe bewirkt. Was zögere ich noch, schnell mein Ziel zu erreichen? Ist hier nicht Gewalt ebenso wie List erlaubt, und welchen Widerstand kann mir wohl der alte, vertrocknete Gelehrte bieten? Wohlan, ich will machen, daß er seine letzte Vorlesung gehalten haben soll.«

»Das wirst du nicht!« rief der Hering, der jetzt plötzlich in Gesellschaft der Wasserschlange aus den Trümmern hervorgeschossen kam, »ich will dir diesen wenig ehrenvollen Mord ersparen. Meine Freundin und ich haben unter den Schätzen dieses versunkenen Schiffs, welches vielleicht schon Jahrhunderte hier liegt, eine Kiste entdeckt, gefüllt mit alten Pergamentrollen, die ein höchst gelehrtes Ansehen haben. Nimm den ganzen Reichtum, Freund, auf deine Schultern und biete sie als handelnder Antiquar dem Hummer. Ich müßte mich sehr irren, wenn er dir nicht für dieses alte chaldäische Manuskript zum Beispiel mit Vergnügen die goldene Kette gäbe. Eile und bringe uns bald günstige Antwort.«

Dick erkannte auch hier die Überlegenheit und Welterfahrung seines Freundes und tadelte sich innerlich wegen seines Kleinmuts. Als er vor der Wohnung des Hummers erschien, kostete es Mühe, Eintritt zu erhalten, weil der Gelehrte sich eben in eine tiefsinnige Forschung eingelassen hatte, wo jede Störung aufs schärfste verboten war. Als er endlich vorgeführt wurde, fand er den kritischen Igel zur Seite des Hummers, und beide sahen mit einem leichten, verachtenden Blick auf die kostbaren Schätze, die der Jüngling vor ihnen ausbreitete. Der letztere ließ sich das chaldäische Manuskript geben und klemmte es in eine seiner großen Scheren, indem seine glotzenden Augen verdrießlich auf dem Pergament umherirrten. Allein, je länger er las, desto mehr erheiterten sich seine Züge, er winkte den Igel näher, und beide sprachen lange Zeit miteinander in einer fremden Sprache, die Dick in seiner Einfalt noch nie gehört hatte. Er sah nur, daß die Augen des Gelehrten vor Freude immer glotzender wurden und der Igel nach und nach seine Stacheln gänzlich senkte, als halte er es für unwürdig, in Gegenwart eines so trefflichen alten Autors die kritischen Waffen zur Schau zu tragen. »Beim heiligen Papirius!« rief endlich der Gelehrte, »du hast mir, junger Freund, nach langen Jahren eines mühseligen Berufs die erste wahrhaft erquickliche Stunde bereitet. Ja, diese Schrift verdiente mit goldenen Lettern auf eine silberne Tafel geschrieben zu werden. Sprich, welchen Preis du für sie bestimmt hast, und besäße ich die größten Schätze, so sollten sie dein sein. Leider aber bin ich ein Gelehrter, und diese Leute pflegen eben nicht mit irdischem Reichtum sehr gesegnet zu sein; dieses bedenke und fordere nicht zu unbillig.«

»Hochwürdiger Herr«, nahm Dick das Wort, »das Glück, Euch von Angesicht gesehen und Eure edlen Worte gehört zu haben, ist für mich Belohnung genug. Wollt Ihr jedoch dem etwas zufügen, so gebt mit die leichte goldene Kette um Euern Hals, welche für Euch ein leicht entbehrlicher Schmuck scheint.«

Der Hummer runzelte bei diesen Worten die Stirn, er blickte lange das Manuskript an und schien mit sich zu Rate zu gehen, was er tun sollte. »Junger Mann«, sagte er endlich, »du forderst mehr von mir, als ich eigentlich geben darf. Diese Kette, so elend und verächtlich sie auch scheint, ist ein magisches Kleinod, das ich von einem nächtlichen Fürsten erhalten habe und welches zu entäußern er mir auf das strengste untersagt hat; dennoch aber ist mein Durst nach dem gelehrten Schatze überwiegend, du magst sie dahinnehmen, wahre sie wohl!«

Dicks Freude, als er nun die drei Gaben, an welche die Befreiung der schönen Lilie geknüpft war, beisammen hatte, war groß, so groß, daß er beinahe den Hofpoeten und seine Freundin, die Schlange, darüber vergessen hätte und ohne sie zur Prinzessin geeilt wäre. Der Hering war nicht wenig stolz auf seine Klugheit, als er den glücklichen Ausgang des Unternehmens erfuhr. Die Wasserschlange bat, man möchte sie auf die fernere Reise mitnehmen, weil sie neugierig war, die Bekanntschaft der schönen Königstochter zu machen, und Dick, der sich ihr gefällig bezeigen wollte, traf Anstalten zur gemeinschaftlichen Reise.

So waren drei Jahre vergangen, als wieder über jene paradiesischen Gärten in heller Kristallwoge sich ein majestätisches Schiff hinbewegte, das jetzt dem jungen, reichen Handelsherrn gehörte, der einst an dessen Bord als niederer Schiffsjunge gedient hatte. Diese Wandlung bedenkend, saß Dick auf dem Verdeck und richtete seine Blicke sehnsüchtig aufs Meer nieder. Da tauchte am Horizonte etwas auf wie der Fittich eines weißen Schwans, näher und näher dem Auge gerückt, entfaltete sich bald der Kelch der wohlbekannten Riesenblume, und Dicks Herz schlug heftiger. Er machte seine beiden im Wasser schwimmenden Freunde darauf aufmerksam, und sie teilten seine Freude. Wie ehemals, so wurde auch jetzt bei Annäherung an die Blume die ganze Mannschaft von Schlummer befangen, und ungesehen stieg Dick in die Fluten nieder. Kaum hatte er zu den Füßen der schönen Lilie die magischen Gaben niedergelegt, als ein heller, klingender Schauer durch das nächtliche Meer ging. Die Korallenlaube brach zusammen, und die holde, schlummernde Gestalt richtete sich empor, indem sie die langen dunkeln Locken aus der Stirne strich. Ihr erstes süßes Lächeln begrüßte den Jüngling, der mit Tränen der Rührung und Zärtlichkeit in ihrem Anschauen verloren war.

Nach einer langen Pause nahm sie das Wort und sprach mit dem süßesten Tone zu ihrem Befreier: »Kühner Jüngling, du hast mich errettet; wenn du es forderst, so bin ich die Deinige mit allen meinen Schätzen.«

»Schöne Prinzessin«, entgegnete Dick, indem er in seiner unterwürfigen Stellung verharrte, »glaube nicht, daß jemals ein so kühner Gedanke, wie du ihn eben ausgesprochen, durch meine Seele ging. Nein, ich habe dir nur gedient, um die Schändlichkeit deiner Verräter zu bestrafen und dir zum Besitz deines Königsthrons zu verhelfen. Nimmer würde doch der arme Schifferknabe mit der Prinzessin zusammenleben können. Reise glücklich, vermähle dich mit dem Prinzen, den du liebst und mit dem du schon die Porträts gewechselt hast, mir laß die Freude, dein Andenken zu bewahren und dir zugleich diese würdigen Leute« – hier zeigte er auf den Hering und die Wasserschlange – »aufs wärmste zu empfehlen.«

Diese Worte des schönen Jünglings rührten die zärtliche Lilie, sie konnte sich nicht enthalten, einen Kuß auf seine Lippen zu drücken und mit einer Träne des schmerzlichsten Abschieds von ihm zu scheiden. Sie hätte sich vielleicht doch noch entschlossen, ihn zum Gemahl zu erheben, wenn nicht der unglückliche Porträtwechsel schon geschehen wäre. So aber unterlag sie dem Schicksal, das auf allen Prinzessinnen ruht, nämlich ihre liebsten Neigungen unterdrücken zu müssen. Der Hofpoet empfand bei der so edelmütigen Trennung der beiden Liebenden die innigste Rührung, und selbst die Wasserschlange zerdrückte ein paar empfindsame Tränen in ihren klaren Augen.

In den Strahlen der Morgensonne, als Dick schon wieder auf seinem Schiffe war, stieg ein farbiger Nebel aus dem Meere auf. Er gestaltete sich immer dichter, und endlich schwamm eine zierliche Flotte daher mit bunten, stattlichen Flaggen und Wimpeln, dicht am Schiffe vorüber. Eine helle, freudige Musik schallte daher, purpurne und goldene Stoffe blinkten am Bord, und in der schönsten Gondel, unter einem prächtigen Baldachin, stand Prinzessin Lilie im königlichen Schmuck und winkte huldreiche Grüße herüber. Neben ihr stand ein junger, magerer Herr mit einem spitzigen, süßlächelnden Mäulchen: es war der Hofpoet. Auf den andern Schiffen verteilt, erkannte Dick alsbald die dicke Oberhofmeisterin, den schläfrigen Kaplan und endlich, in einer Menge von Pergamentrollen lesend, den gelehrten Hummer, neben ihm den kritischen Igel. Von den drei Verrätern richtete keiner den Blick auf, das Schicksal, das ihrer am Hofe wartete, schien sie sehr nachdenklich zu stimmen.

Als die Flotte vorüber war, wandte der arme Dick das Auge ab, und seine Tränen flossen. Er mochte die Schätze nicht einmal ansehen, die als Dank der Lilie die Wassergeister auf sein Schiff gehäuft hatten. So reich und angesehen er auch sein ganzes Leben hindurch war, immer dachte er mit Wehmut an die schöne, wunderbare Liebe seiner Jugend zurück. Dabei blieb ihm jedoch immer eine gewisse Scheu vor alten Hofdamen, vor Gelehrten und selbst vor Dichtern.

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