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Seemannsmärchen und Schiffersagen

Alexander von Ungern-Sternberg: Seemannsmärchen und Schiffersagen - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorAlexander von Ungern-Sternberg
titleSeemannsmärchen und Schiffersagen
booktitleSchiffersagen
publisherAufbau Taschenbuch Verlag
editorGerlinde Butte
year1991
isbn3746600685
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141127
projectid8ec0fece
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Der arme Thoms oder die versunkene Stadt

Am Gestade des nördlichen Meeres lebte vor langer Zeit ein Fischer, den die Leute im Dorfe nur den armen Thoms nannten. Er selbst wollte indes nicht eingestehen, daß er arm sei, denn er war zufrieden mit einer baufälligen Hütte, die er sein Eigentum nannte, und die notdürftigste Nahrung wurde ihm, ohne daß er darum zu sorgen brauchte, aus dem Dorfe täglich gebracht. Besondere Bedürfnisse hatte er nicht, und wenn diese auch da gewesen wären, so hätte er sie lieber unterdrückt, als daß sie ihn gezwungen, seine Hütte und den Platz dicht am Meere zu verlassen, so leidenschaftlich liebte der Alte die Nähe und den Anblick des freien Elements. Dessenungeachtet sah man ihn doch selten mit seinem kleinen Fischerkahn sich hinauswagen, aber öfters fand man ihn am Ufer sitzend, besonders an ruhigen Abenden, wo denn sein Blick sehnsüchtig auf die in Farbe und Bewegung stets wechselnde Weite gerichtet war. So einsam hatte er jedoch nicht immer gelebt, seine Jugend sowie auch sein spätes Mannesalter waren unter mannigfaltigen, zum Teil gefährlichen Reisen und Unternehmungen hingegangen. Hiervon hatte er sich manches seinem Gedächtnis besonders eingeprägt und pflegte es sonntags, wo die Fischer mit ihren Weibern sich öfters zu ihm gesellten, in vertraulicher Mitteilung zu erzählen. Die muntere Jugend im Fischerdorf fand Mittel, auch an anderen Wochentagen Thomsens Erzählungen anzuhören, wogegen die Altern und Erfahrneren zürnten, und zwar, weil sie wohl sahen, daß der seltsame Greis öfters Geschichten vorbrachte, die die Phantasie der Jünglinge schwärmen machten, so daß die tüchtigsten Burschen das alltägliche Werk versäumten, indem sie über ein Mittel grübelten, die wundersamen Schätze aus den Märchen des armen Thoms zu erbeuten. Eine der liebsten Geschichten des armen Fischers war aber die von der versunkenen Stadt.

Ziemlich weit in die offene See hinein konnte man nämlich bei hellem Wetter auf dem Meeresgrunde Gegenstände deutlich gewahr werden, die, seltsam geformt, schon seit Menschengedenken für die Trümmer einer alten versunkenen Stadt gegolten hatten. Der einsame Fischer, der heimkehrend diese Stelle des Meeres zu befahren hatte, konnte sich des Grauens nicht erwehren, dachte er an die dunklen Sagen von den Spukgestalten der Meerstadt, die hin und wieder waren gesehen worden. Dazu kam der Umstand, daß das Wasser hier selten ruhig war und nicht weit entfernt ein finsteres Felsenriff hervorstarrte, an dem schon manches unkundige Fahrzeug gestrandet war. Früher hatte ein reiches Dorf am Strande gestanden, allein, es war verlassen, und einsame Trümmer zeigten noch seine Stelle; des armen Thoms Hütte schien die einzig übriggebliebene.

Es war eines Abends, als die Arbeit früher als gewöhnlich ruhte und das Vorgefühl des morgenden Festtags zahlreichere Gruppen um die Hütte Thomsens gelockt hatte. Der Erzähler saß heiter im Kreise seiner Zuhörer. Ein paar fremde Fischer brachten den Alten auf seine frühere Tätigkeit und befragten ihn, ob er sich nicht jetzt noch aus der behaglichen Ruhe manchmal hinaussehne. Thoms schüttelte das Haupt. »Nein, meine Freunde«, entgegnete er, »die Welt ist für mich beschlossen und geendet; ich habe schauen dürfen, was nicht jedem blöden sterblichen Auge zu schauen vergönnt ist, ich bin zufrieden. Glaubt mir, wenn ich so vor meiner Hütte sitze und die Natur rings um mich stille ist, der Mond über dem Gewässer schwebt und die Nachtkühle so recht innig durch meine Brust zieht, da keimen in mir unendlich süße Schauer, selige Träume, ich bedarf der äußeren tätigen Welt nicht. Das alte Land der Wunder tut sich auf, die graue Meeresfläche vor mir wird ein bunter Teppich, im Nu mit den köstlichen Gestalten der Fabelwelt gestickt. Ich sehe Magelonen vorbeischiffen, wie ein grauses Geschick sie fern von den Geliebten treibt, das reiche Zauberschiff Argo mit seinen tausend und aber tausend Kriegern und Sängern rauscht in die Nacht dahin, Gesänge und Farben tauchen auf und nieder, zwischendurch lauschen aus der alten Wiege des Ungestüms die Meerwunder herauf, ich höre ihr jedem andern unverständliches Gespräch, wie sie von den Schätzen der Tiefe erzählen, von dem, was unten begraben liegt und Ewigkeiten hindurch verborgen ausdauert. Mitten unter diesen Gebilden und Herrlichkeiten sinkt dann wieder eine so selige Befriedigung und Stille in meine Seele, ich weiß und fühle, daß alles nur Traum ist, daß der sterbliche Mensch nur in Frieden und Beschränkung Ruhe findet, und mein Plätzchen am Meeresstrande ist mir dann lieber als ein Ehrensitz in der kostbaren Argo unter Zauberern und Sängern.«

»Ja, wohl seid Ihr ein Träumer, Thoms«, nahm einer der fremden Schiffer das Wort, »von den Herrlichkeiten, die Ihr eben geschildert habt, ist uns nie das mindeste in Sinn und Gedanken gekommen.«

»Ei, ei«, rief ein anderer, »unser alter Gevatter könnte, wenn er wollte, uns noch viel wunderbarere Dinge erzählen. Ist es doch genugsam bekannt im Dorfe, daß einst die Seegespenster ihn hinuntergeführt haben in die alte Meerstadt und daß er von dort ein kostbar Kleinod mitgebracht hat.«

Der Kreis rückte bei diesen Worten näher heran. Ein sanfter frischer Abendwind kam vom Meer her und hob die weißen Locken am Haupte des Greises, der still und sinnend vor sich hinsah, als überdenke er längst vergangene Zeiten; indes ward er mit Fragen und Bitten bestürmt, sein Abenteuer zu erzählen. Endlich erwiderte er unmutig: »Ihr fragt alle doch aus eitler Neugier, und wie wollt ihr da, daß ich ein stilles, wundersames Ereignis euren Blicken entschleiern soll? – Ach, es wird mir doppelt schwer, denn ich muß des teuren Jugendgenossen gedenken, der auf eine rätselhafte und grausenvolle Weise mir entrissen wurde!«

Andreas, ein junger Fischer, der dem Greise zu Seite saß, rief: »Erzählt, Vater, und tut ihr es nicht der Menge zu Gefallen, so geschehe es uns zur Freude; Ihr wißt wohl, diese Bitte dürft Ihr uns nicht abschlagen.«

»So mag's denn geschehen«, entgegnete Thoms, »doch soll keiner mir das Ereignis auf seine Weise deuten und verkümmern wollen.«

»Seht, ich war ein Bursche von zwölf Jahren, als ich mit meinem Vater hierher in die Gegend zog. Er bestimmte mich zu seinem Gewerbe, und ich, indem ich frühzeitig in der Nähe des Meeres und der gewohnten Verrichtungen aufwuchs, lernte mich bald tätig und tüchtig erweisen. Was ich bin, habe ich dem heiligen Element zu danken, das wir dort vor uns sehen. Im Innenlande verkümmert der Mensch, am Meeresstrande bleibt er jedoch immerdar frisch und tätig. Mein Vater, der mein Treiben mit Lust ansah, ließ mir Freiheit, und oft zog ich mit seinem besten Kahne weit, weit hinaus, so daß ich das Ufer kaum mehr sehen konnte. War ich dort draußen, von keinem menschlichen Laut mehr erreicht, so zog ich die Ruder ins Boot, mich selbst legte ich an den Boden zurück, und indem das Fahrzeug so mit mir ins Grenzenlose wogte, langte mein Auge oben beim Zuge der Wolken an, wie sie in ganzen Scharen wunderbar eilig und geschäftig ihren Weg dahinflogen. War ich dieses Spiels müde, so bog ich mich über den Rand des Kahns und suchte nun wieder die Tiefe zu durchdringen, indem ich hoffte, Zauberpaläste und Kristallschlösser, von denen ich gehört hatte, zu entdecken. Wie wurde mir nun, meine Freunde, als ich eines Tages, dort über jener berüchtigten Stelle schwebend und hinunterschauend, wirklich den Giebel eines Hauses tief unter mir erblickte! Ich rieb mir die Augen, weil ich glaubte, das anhaltende Schauen habe sie geschwächt, doch das Bild blieb da, ja es trat jetzt eine ganze Straße hervor.

Ich konnte auf einen einsamen, stillen Marktplatz schauen, in ein wundersames, träumerisches Gäßchen, wo die dunkeln Häuser nah aneinanderstanden und wo niemand sich zeigte, der hindurchging. Es war, als gäbe es einen Sonntagmorgen unten und alles säße still zu Hause beim Predigtbuch. Meine ganze Seele war durchdrungen und erschüttert – ich sah und sah – und wollte immer mehr sehen, da trübte sich plötzlich der Meeresboden, ein dünner Schleier flog über das Wunder und deckte es zu.

Es war spät, als ich nach Hause kehrte. Mein Vater, dem ich das Erlebte erzählte, schalt mich heftig über meine Kühnheit, so allein mich hinauszuwagen, er verbot mir ernstlich, jemals wieder ohne seine Erlaubnis einen Kahn zu lenken, von der wundersamen Stadt wollte er vollends nichts wissen, und ich mußte meine Bilder und Träume, die mich beglückten und aufregten, in meine Brust verschließen. Ich vermochte dieses nur auf kurze Zeit, bald vertraute ich mich einem jungen Burschen meines Alters, mit dem ich immer gute Kameradschaft hielt und der auch nicht wenig erstaunt und begeistert war. Wir machten den Plan aus, sobald es sich irgend tun ließe, uns eines Kahns zu bemächtigen und hinauszuschiffen.

Als wir eines Abends hierüber sprachen und an dem großen Steine saßen, den ihr dort sehen könnt – er ist jetzt durch die Zeit tiefer in den Boden gesunken –, da ereignete sich, was ich euch jetzt beschreiben will. Es war bereits Nacht geworden, das Meer ging hoch und warf schäumende Wellen mit Geräusch aus, ein Nebel schwamm auf den Gewässern, und wir verbargen uns unter einem der großen Boote, die auf dem Strande lagen. Hier nun, im sichern Versteck, erzählte ich von der geheimnisvollen Stadt und ihren Wundern. Mein Kamerad war ganz entzückt. ›Ach‹, rief er, ›wenn wir nur einmal in diese Stadt kommen und dort durch die wundersamen, einsamen Straßen wandeln dürften oder gar in die Häuser eindringen, wo seit Jahrhunderten die hübschen Mädchen verlassen schlummern müssen. Wie wollte ich sie aus dem Schlafe wecken, daß sie, ihre goldnen Locken schüttelnd, mich verwundert und süß lächelnd anblicken sollten, nicht wissend und begreifend, wo ich hergekommen sei. Als dann würden sie mir herrliche Schätze in Menge geben, und ich wäre der reichste Mann der Welt.‹ – ›Hanny!‹ rief ich dagegen, ›das sind gotteslästerliche Reden, weiß du denn nicht, daß, wie der lahme Christian im Dorfe sagt, jene dort unten zur Strafe verbannt sind in die Tiefe?‹ – ›Geh mir!‹ entgegnete er, ›ein echter Seemann soll keine Furcht im Herzen kennen, sonst ist er nicht mehr wert, als daß die Haifische sich mit ihm den Rachen füllen.‹

Indem wir so sprachen, war der Mond aufgegangen und schien trüb durch die Nebel auf das helle Sandufer vor uns. ›Thoms, sieh doch!‹ rief Hanny eilig und verstört, ›wer sind jene Leute, die noch so spät dort am Ufer herumspazieren?‹ Ich erhob mich, doch konnte ich keinen Schritt vorwärts machen, so seltsam wurde mir zumute, als ich den Blick hinausrichtete und er die Gestalten traf, die nicht weit von uns langsam dahinwandelten. Es war ein Mann und eine Frau, beide in eine Tracht gehüllt, die wir nicht kannten. Er trug ein schwarzes Kleid mit einem hohen spitzigen Hut, und ihr flossen lange, schleppende Gewänder, die wie Silber schimmerten, um den Körper. Sie gingen still nebeneinander, und als sie sich nun umkehrten, schienen ihre bleichen Gesichter seltsam durch den Nebel; langsam hoben sie ihre Arme und winkten uns heran. Wir hielten einander umschlungen, keiner wollte dem Winke folgen.

›Hanny,‹ lispelte ich leise, ›gewiß sind diese Leute aus der versunkenen Stadt.‹ Mein Kamerad winkte mir zu, wir blieben still, den Blick auf die Erscheinung gerichtet. Bald darauf sahen wir sie im Nebel verschwinden, und es war, als nähme das Meer sie auf. Ich glaubte noch lange den spitzigen Hut des Mannes aus den Wellen hervorragen zu sehen.

Zu jener Zeit traf in unserem Dorf ein fremder Spielmann ein, der die Aufmerksamkeit der Leute auf sich zog. Er kam aus Böhmen, seine Kleidung, seine Rede waren fremd, und uns Knaben erschien der lange Mann mit dem wilden schwarzen Barte im bleichen Gesichte abschreckend und unheimlich. Er verweilte in unserm Dorf einige Zeit und hatte, da gerade ein ländliches Fest viele Gäste herbeilockte, einen bedeutenden Erwerb, indem er zum Tanz aufspielte, und es war wohl auffallend, daß, sowie die Pfeife des langen Böhmen erklang, sich jung und alt wie von einer unaufhaltsamen Tanzlust befallen zeigte. Es entstand Scherz und Gelächter, wenn sich schwere, unbeholfene Leute leidenschaftlich in den Reihen mischten und nicht eher aufhören mochten, als bis sie atemlos hinsanken, dagegen wurde andere, auch die sanfteren Naturen, zu einer widerlichen Zanksucht aufgeregt, so daß es ausgemacht schien, eine lustige Gesellschaft, wo der lange Böhme aufspiele, könne sich nur mit Zank und Schlägen endigen. Dies erregte Aufsehen, der böhmische Spielmann wurde verrufen als einer, der mit bösen Geistern im Bunde stehe, und seine Pfeife als ein solches Zauberinstrument angegeben, auf dessen Ruf sich die Geister sammelten. Wir jungen Burschen, bei denen man eben keine Zauberei vonnöten hatte, um sie zu Scherz und Mutwillen, gelegentlich auch zu Händeln aufzuregen, hörten dergleichen Beschuldigungen geduldig an und schlossen uns wohl gar, als wir uns mit des Böhmen Gestalt mehr versöhnt hatten, ihm näher an, indem wir mit ihm ins Land hinein durch Wies' und Wald zogen.

Eines Abends kamen wir mit ihm in eine Schenke, wo er sich, wie gewöhnlich, bereit finden ließ, zum Tanz aufzuspielen. Kaum hatte jedoch der Tanz einige Zeit gedauert, als er plötzlich die Spielweise änderte und einige traurige, durchdringende Töne angab. Die tanzenden Gruppen wußten nicht, wie ihnen geschah, sie hörten auf, sich rasch zu bewegen, und jeder sah sich mit verstörten Blicken im Zimmer um. Dazu ließ sich draußen plötzlich ein ungewöhnliches Rauschen und Bewegen vernehmen, ein nächtlicher Sturm wühlte im Laub der Bäume, und hie und da erblickte man mit Entsetzen bleiche fremde Gesichter, die sich von außen an die Scheiben der Fenster anlegten. Wir alle wollten fliehen, doch hielt uns eine unsichtbare Macht zurück, wir standen erstarrt da, und erst dann kehrte wieder Lebensmut in uns zurück, als der Spielmann, in die frühere Weise eingehend, heitere, lockende Töne erschallen ließ. Ihr könnt euch denken, Freunde, wie dieses Seltsame auf uns wirkte, unablässig drangen wir jetzt in den Böhmen, uns in seine Künste einzuweihen, was er uns jedoch immer zürnend abschlug. Aber Hanny, der noch leidenschaftlicher betroffen wurde, ließ durchaus nicht nach, und wir machten nun zusammen einen Plan, wie wir die geheimnisvolle Kraft des Spielmanns mit der versunkenen Stadt in Verbindung setzen wollten; denn es war nur zu gewiß, daß des Böhmen Pfeife die Kraft besaß, die Geister heranzulocken und die Fesseln eines magischen Lebens zu sprengen.

Die Zeit, wo wir unser Vorhaben ausführen wollten, verschoben wir nicht lange. An einem besonders klaren, ruhigen Morgen ruderten wir beide den Spielmann hinaus in die See und hielten wie zufällig auf jener berüchtigten Stelle. Hier erzählten wir ihm nun umständlich, was wir erlebt und geschaut, und da er ungläubig lächelte, wiesen wir hinab auf den Boden des Meeres. Doch wie ärgerlich und beschämend für uns mußte es sein, daß gerade heute, trotz der Stille und Klarheit des Gewässers, sich die Tiefe verschleiert hielt. Es zeigte sich unsern Blicken nichts als dunkle Massen, denen man keine Form abgewinnen konnte. Der Spielmann saß schweigend da und sah uns abwechselnd mit seinen dunklen gespenstischen Augen an. ›Liebster Herr!‹ rief ich, indem ich im finstern Unmute nahe daran war, Tränen zu vergießen, ›ist die Kraft, die Euch gegeben, wirklich so wundervoll und bedeutend, so zeigt es uns hier: nehmt Eure Flöte und lockt die Geister längst vergangener Tage, die hier unten schlummern, sichtbar ans Tageslicht.‹ Mit diesen Worten gab ich ihm das Instrument, das neben ihm lehnte. Er sah uns noch finsterer und drohender an. ›Tolle, törichte Knaben!‹ rief er, ›ich täte wohl gut, euch den Kitzel auf immer zu vertreiben. Meint ihr, es komme hier nur auf ein Kunststückchen an, euch zu belustigen? Es kann euch wohl das Leben kosten.‹ Ich wurde mit Angst erfüllt, Hanny aber drang mutvoll in den Zürnenden, bis er endlich mit einem raschen Griff die Flöte nahm und sie an den Mund brachte.

Klagende, langgehaltende Töne zogen jetzt leise und dann immer lauter über die Wasserfläche dahin; wir beide wagten kaum Atem zu holen und starrten in die Tiefe. Was geschah da vor unsern Augen! Wie es jemand zumut sein mag, der von einem hohen Gebirge in ein nächtliches Tal sieht, das nach und nach mit Licht sich zu füllen anfängt, wo dann anfangs die Gipfel hoher Bäume, dann das niedrige Gebüsch, endlich mit überwindender Klarheit Blumen und Kräuter des Bodens hervortreten, so tauchte auch die Meerstadt hervor. Wir erblickten die Giebel der Häuser, die dunklen Mauern, dann die Treppen und Gänge in den Höfen, und zuletzt mochten wir wohl gar die Steine der Straße zählen können. Ein Grauen überschlich mich und dann wieder ein Entzücken, als jetzt aus der Tiefe leise Glockentöne hallten. Zugleich öffnete sich das Tor eines prächtigen Hauses unten, und ein Zug Männer und Frauen glitt über die Schwelle. Die leiseste Bewegung unseres Kahnes schien ein Schwanken unten zu verursachen, wie an den Schattenbildern einer Zauberlaterne. Hanny und ich gaben uns verstohlen Zeichen, keiner mochte sprechen, aber auf einmal brachen wir in einen Laut des Staunens aus, als unter den Männern und Frauen des Zuges jetzt eine wundersüße Mädchengestalt hervortrat, gekleidet in helle Gewänder, das goldgelbe Haar mit einer Krone geziert. Sie sah herauf, und ihr Blick traf uns, wir fühlten unsere Herzen heftig schlagen. Mein Gefährte brach gleich darauf in lautes Weinen aus. Zugleich verstummten die Töne des Spielmanns, es flossen wieder die trüben Schleier über das Bild, die Glockentöne verhallten, und wir mußten uns entschließen, den Rückzug anzutreten, da ein starker Sturm sich erhob und das Meer hohe Wellen schlug. Ich hatte bei den Rudern alle meine Kräfte anzuspornen, denn Hanny saß träumend und teilnahmslos da, sein dunkles Auge blieb auf das Spiel der Wogen geheftet, es suchte ängstlich die Geliebte und fand sie nicht. Der Spielmann richtete boshafte und höhnende Blicke auf den armen Knaben, als hätte er deutlich vorher gewußt, was später sich ereignete.«

Thoms unterbrach hier seine Erzählung, er wandte das Antlitz dem Meere zu, dem Schauplatze jener Ereignisse, die er eben schilderte. Die Sonne, im Versinken begriffen, kleidete Meer und Gestade in das blendendste Kolorit, des Greises Silberhaupt wurde von ihr gerötet, und die Jugend jener frühen Tage schien auf seine Wange zurückgekehrt. Jedoch der ernste Blick des Erzählers verkündete die düstere Betrachtung, zu der ihn der Verlauf seiner Geschichte aufforderte. »Meine Freunde,« begann er wieder, »unselig ist wohl der zu nennen, den es gelüstet, hinter den Schleier zu lauschen, mit dem wohltätig sich das Antlitz mancher Erscheinung verhüllt. In Tätigkeit, Arbeit und Mühe ist uns eine ehrenvolle Bahn angewiesen, um auf ihr wirkend fortzustreben. Gehen wir über die Grenze hinaus, so ist auf der einen Seite unheilbare Torheit, auf der andern Verderben unser Los. Hiervon sollte nun auch des armen Hanny Schicksal den Beweis geben.

Nach dem Ereignisse, welches ich euch soeben beschrieben, waren einige Monate vergangen; der Sommer verschwand, der Herbst trat ein, und die stürmischen Nächte, die um diese Jahreszeit gewöhnlich sind, zeigten sich mit allen ihren Schrecken. Um diese Zeit sind, wie ihr wißt, Freunde, unsere Küsten gefahrvoller als andere Gegenden. Der böhmische Spielmann hatte schon längst die Gegend wieder verlassen, mir waren die Bilder jener Tage fast wieder aus dem Sinn gekommen, den armen Hanny aber verfolgte eine unheilbare Schwermut. Ich, der ihn zu trösten suchte, mußte ihn oft lange suchen und fand ihn gewöhnlich dann irgendwo am Strande verborgen, seinen seltsamen Träumereien hingegeben. Einst, als wir uns zusammen besprachen, erblickten wir wiederum jenes geheimnisvolle trauernde Paar, am Ufer hinwandelnd. Doch wie sie näher kamen, sahen wir, daß sie nicht allein waren. Wer beschreibt das Entzücken Hannys, als er das schöne Mädchen mit der goldnen Krone zwischen den beiden Alten wandeln sah: gesenkten Hauptes, wie damals die herrlichen Haare aufgelöst im Winde flatternd. In ihrem bleichen Gesicht, das wir jetzt näher unterscheiden konnten, lag unendlicher Schmerz, gepaart mit einem wunderbaren fremden Liebreiz. Auch sie hob den Arm und schien uns zu winken. Ich schloß mich mit aller Kraft an meinen armen Kameraden, um zu verhindern, daß er dem verlockenden Trugbilde nicht augenblicklich folgte. Bald waren jene verschwunden. Wir eilten auf die Stelle am Ufer hin, und Hanny, der etwas mit bleichem Schimmer im Sande blinken sah, hob einen altertümlich geformten, goldenen Fingerreif auf, den er mir freudig zeigte. Ein heller, wasserblauer Stein war in das Gold gefaßt. Wie wir beratschlagten, was wir mit dem Funde beginnen sollten, erklärte Hanny leidenschaftlich, der Ring gehöre sein, er sei ein Geschenk der Geliebten, und er werde ihn fortan im Leben und Tode nicht von sich lassen. Sogleich knüpfte er auch ein rotes Band von seinem Hut los, befestigte den Ring daran und hing ihn an den Hals, indem er ihn sorgsam unter sein Kleid verbarg.

Seit dieser Zeit nun war der arme Jüngling völlig wie umgewandelt: am Tage sah man ihn gleich einem Träumenden herumwandeln, und die Abende brachte er bis spät in die Nacht hinein am Meeresstrande einsam zu, denn nicht einmal meine Gesellschaft mochte er mehr leiden. Die Mädchen im Dorfe gewahrten zuerst Hannys seltsame Krankheit. So manche war ihm gewogen, denn er war zum schönsten Burschen in der Umgegend aufgewachsen, sein Körper war schlank und biegsam, in seinen Zügen lag kecker Mut, mit zärtlicher Weichheit gepaart. Das schönste der Mädchen schrieb Hannys Herzensverwundung sich zu, und da sie nicht geneigt war, die Grausame zu spielen, so wählte sie mich zum Vertrauten, um den Trostlosen ihr zuzuführen. Als ich mit dieser Botschaft zu meinem Freunde kam, sah ich ihn zum ersten Male zornig gegen mich aufflammen. ›Wie?‹ rief er mir zu, indem er den Ring aus dem Busen zog, ›du mein Genosse und Vertrauter, bist schändlich genug, mich der schwärzesten Untreue fähig zu halten? Bin ich ihr nicht anverlobt, der süßen Geliebten? Harret sie nicht meiner dort unten in schauerlicher Einsamkeit, daß ich kommen soll, sie zu trösten, ihr herbes, unendliches Leid zu mildern?‹ Ich blickte ihm erstaunt in die Augen und schloß ihn mit Rührung in meine Arme. ›Du bist recht krank‹, rief ich, ›das einsame Grübeln taugt nicht, vergiß das seltsame Traumbild!‹

Er wandte sich von mir ab, seine Tränen flossen, ruhig ließ er mich meine Besorgnisse und Tröstungen aussprechen, dann wandte er sich zu mir, zog mich sanft zu sich auf den Uferstein und begann mit leiser Stimme: ›Thoms, dir ahnet nicht, wie mir gestern nacht geschehen. Ich saß, wie schon lange, hier einsam am Ufer, die Dunkelheit überraschte mich, und ich sank in Schlaf. Da war es mir, als erwache ich in einer Stadt, die ich zuvor nie geschaut: auf einen öden Marktplatz sah ich mich hinversetzt, rings um mich blickten altersgraue Steinbilder, die Häupter mit grünlichem Moose bedeckt, zu mir nieder. Sie trugen alle Kronen und schienen die frühern Beherrscher der Stadt zu sein. Voll Ehrfurcht und Staunen wandelte ich an ihnen vorüber, und wie ich eine enge Gasse betrete, wird mir beim Anblick eines hohen Giebelhauses plötzlich zu Sinne, als kenne ich diesen Ort, ja, als müsse ich hier recht eigentlich zu Hause sein. Jetzt wurde mir deutlich, daß ich mich unten in der Meerstadt befinde. Eine entsetzliche Angst befällt mich, weit, weit von allem Lebendigen entfernt, sehe ich mich eingeschlossen in der Stadt der Toten. Eilige Flucht schien mir das einzige Mittel, mich zu retten. Allein, wohin fliehen? Indem sehe ich das Tor des großen prächtigen Hauses offen, unwillkürlich treibt es mich, hineinzutreten. Durch leere finstere Gänge und Kammern schreite ich vorwärts und gelange in einen Saal, wo auf schwarzem Gerüste, wie es scheint, eine Leiche ausgestellt liegt; rund umher auf reichen Sesseln liegen im tiefen Schlummer prachtvoll gekleidete Gestalten, Männer und Frauen. Unter diesen fand ich auch das geheimnisvolle Paar, das wir hier haben wandeln sehen. Mich treibt es, die Gestalt auf dem Gerüste zu betrachten. Ach, es war meine Erwählte! Sie lag hier starr und kalt, das Krönlein schimmerte in ihrem Haar. Ohne zu wissen, was ich unternahm, warf ich mich, in Tränen ausbrechend, über das süße Bild und bedeckte den bleichen Mund mit glühenden Küssen. Sie erwachte, öffnete die holdseligen Augen, lebendige Röte goß sich über das schöne Antlitz aus. ›So bist du gekommen!‹ rief sie mir zu, ›dem Winke meiner Liebe hast du nicht widerstehen können! Wohl mir, du bist mein, ich bin gerettet!‹ Sie erhob sich von ihrem Lager, und indem sie, anmutig auf meine Schulter gestützt, herabschwebte, fühlte ich mich den Glückseligsten aller Sterblichen. Wir gingen jetzt im Kreis herum, und von ihrer Hand leise berührt, erwachten die Gestalten umher, und indem sie sich vor mir und meiner schönen Gebieterin beugten, ordneten sie sich zum Zuge, und wir schritten nun zum Tore hinaus. Auf dem Platze angelangt, wo die ernsten Königsbilder standen, nahm meine Geliebte eine Krone und rief, indem sie sich mit einem Kusse zu mir beugte: ›Nimm dieses, du bist jetzt der Unsrige, darum herrsche wie jene dort.‹ Sie ließ die Krone auf meine Locken sinken, und da durchfuhr ein jäher Schmerz mein Gehirn, zugleich neigten die steinernen Bilder die steinernen Antlitze, und ich hörte aus weiter Ferne eine bekannte Stimme, die mich ängstlich beim Namen rief; es war die deinige. Mein Auge suchte dich, ich blickte in die Höhe und sah oben einen Nachen schweben, in demselben dich, und in dem Momente, wie du deine Arme schmerzlich nach mir ausbreitetest, erwachte ich.‹«

»Diese Erzählung«, fuhr Thoms nach einer Pause fort, »die der arme Hanny mir vertraute, machte mich zwar nachdenklich, allein, bald suchte ich durch Scherz und Spott die seltsamen Gebilde zu verhöhnen und zu verscheuchen. ›In der Tat!‹ rief ich, ›es wäre nicht so übel, wenn du auf so leichtem Wege zu einer hübschen Frau und einem guten Hause kämest! Greife zu, teurer Freund, ehe dir beides wieder verschwindet. Du weißt, es ist nun bald der Andreastag, wo die Hochzeiten im Dorfe gefeiert zu werden pflegen, da bring uns dann auch deine Nixe, an unserer guten Aufnahme soll es nicht fehlen.‹ Der sonderbare Bursche sah mich ernst und traurig an und schwieg, wir haben nie wieder hierüber gesprochen.«

Thoms schwieg hier ebenfalls und sah fast zürnend vor sich hin, eine Pause trat ein, die den neugierigen Zuhörern höchst peinlich war. Unterdessen hatte sich der Himmel finster bewölkt, ein Wetter schien im Anzuge, und manche der Fischer, den Heimweg bedenkend, winkten ihren jungen Gefährten. Doch diese wollten von keinem Aufbruche wissen, ehe sie das Ende von Thomsens Geschichte erfahren. »Nun, Vater!« riefen sie diesem zu, »Ihr vergeßt gänzlich, uns zu sagen, weshalb ihr beide nicht mehr von dem seltsamen Abenteuer und dem noch seltsamern Traum spracht.« – »Weil«, entgegnete der Greis, »den andern Morgen der arme Hanny sich ins Wasser stürzte und seitdem nicht mehr gesehen wurde. Seht, Freunde, das ist das Ende des guten Burschen und zugleich meiner Geschichte.«

Die Zuhörer sahen befremdet einander an. Andreas und die jungen Fischer saßen nachdenklich da, die beiden Fremden aber riefen: »Wie, Vater Thoms, Ihr träumt wohl? Ihr meint also, der törichte Bube sitze jetzt unten bei seiner kalten Geliebten?« – »Was ich meine und sinne«, entgegnete der Alte, »behalte ich für mich. Habe ich's nicht gesagt, daß ihr mich zum Dank für meine Geschichte noch einen Toren schelten würdet? Doch kümmert's mich wenig. Heute vor fünfzig Jahren war der Tag, an dem mein guter Kamerad verschwand, und ich denke, er soll heute wiederkommen.« – Diese letzten Worte wurden von den Umstehenden nicht gehört, denn einer derselben rief: »Seht doch, seht! Dort kämpft ja ein Boot mit den Wellen! Es dunkelt freilich, doch mein Auge trägt weit und ist trefflich geübt, der kecke Schiffer ist gerade an der gefährlichen Stelle, von der uns der Alte eben seine wunderliche Mär erzählt hat.« – »Wir sehen«, setzten andere hinzu, »laßt uns ans Ufer eilen!« – »Er kommt näher«, riefen andere. Thoms erhob sich zitternd von seiner Bank. »Laßt mich!« rief er mit lauter Stimme, »es ist mein Hanny! Er kommt, mich abzuholen! Er ist's Gott sei Dank, die finstern Mächte haben ihn nicht auf ewig erfaßt, er ist gerettet und kommt, den alten Thoms abzuholen!«

Mit dieser Rede drängte sich der Greis hastig vorwärts, dem immer wachsenden Sturme kühn entgegen. Sein Gewand und seine Silberlocken flogen. Indem hallten einzelne Donnerschläge, immer heftiger brauste das Meer und drang mächtig vor, helle Wetterscheine beleuchteten das schroffe nahe Vorgebirge. Thoms suchte den großen Uferstein zu erreichen, an den er sich lehnte. Indessen hatte der kecke Schiffer sich durchgearbeitet und landete, empfangen vom Beifall und den Glückwünschen der Kameraden, am Ufer. Es ergab sich, daß es ein kühner Bursche aus dem Dorfe war, der sich an das Vorgebirge hinausgewagt und sich dort verspätet hatte. Thoms wollte es nicht glauben, daß der Jüngling nicht sein Hanny sei. Endlich, da alle ihn seiner Torheit wegen schalten, rief er, indem Tränen seine Augen befeuchteten: »Ja, ihr habt recht, Freunde, Hanny ist dahin und kommt nicht wieder; ich Verblendeter, daß ich eitler Hoffnung Raum gab? Wen die Geister der Tiefe einmal erfaßt haben, der sieht das Licht des Tages nie wieder.«

Thoms überlebte diesen Tag nicht lange. Am Andreastage, wo manche Festlichkeit im Dorfe vor sich ging, brachte man des armen alten Fischers Leiche getragen. Die einsame Hütte am Strande verfiel nun vollends in Trümmer, und diese wurden endlich von den immer weiter rückenden Meereswogen begraben.

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