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Seemannsmärchen und Schiffersagen

Alexander von Ungern-Sternberg: Seemannsmärchen und Schiffersagen - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
authorAlexander von Ungern-Sternberg
titleSeemannsmärchen und Schiffersagen
booktitleSchiffersagen
publisherAufbau Taschenbuch Verlag
editorGerlinde Butte
year1991
isbn3746600685
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141127
projectid8ec0fece
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Der fliehende Holländer

Zur Zeit als die niederländischen Städte sich in ihrem größten Reichtum, Glanze und Ansehen befanden, wie es noch zu schauen ist auf den Gemälden der alten Meister, die uns das fröhliche Gewimmel auf den Hafenplätzen, die Anzahl buntbewimpelter Schiffe, das freundliche Ansehen der Türme und Paläste mit lebendigen Farben vor Augen stellen, lebte in der Stadt Antwerpen ein Mann, der sich unermeßliche Reichtümer erworben hatte. Er war bekannt unter dem Namen des Kapitäns Holofernes, und wenn es gleich nicht seine Weise war, sich viel der Menge zu zeigen, so wußte doch im Umkreis der ganzen Stadt Antwerpen jedes Kind, welches nur einmal den Kapitän gesehen hatte, von ihm zu erzählen. Sein Äußeres war das eines langen, hagern Mannes, im Antlitz trug er, wie es bei Seeleuten gewöhnlich, jene kalte, unerschütterliche Ruhe, einen schroffen, fast wilden Ernst, der durch keinen sanften Zug gemildert wurde. Die Farbe seines Gesichtes glich dem gelblichen Gestein, das lange in wettertrotzendem Mauerwerk von den Wellen bespült worden. Er selbst ging nicht mehr auf Reisen aus, und wie man sagte, hielt er sich seit seiner letzten Seereise, auf der ihm etwas höchst Seltsames sollte begegnet sein, geflissentlich vom Wasser entfernt. Desto öfter stachen seine Geschäftsleute in See, und oft waren die Hafenstädte angefüllt mit Schiffen, die auf Gebot des Kapitäns kamen und gingen und ihm immer neue Reichtümer aus fernen Zonen mitbrachten. Daher wünschten sich viele kein besseres Glück, als unter dem Kapitän zu dienen, weil sie dann gewissermaßen sicher waren, daß Wind und Wellen ihnen kein Unheil brachten. Andere Schiffer jedoch, die ein frommes, gottergebenes Gemüt in ihrem wilden Geschäfte bewahrt hatten, sprachen anders: sie wollten mit dem finstern Manne nichts zu tun haben, sie schrieben sein Glück nicht seiner Klugheit und seinem Mute zu, Eigenschaften, die auch ein christlicher Schiffer haben müsse, sondern eiteln Künsten des Bösen, der ihm zeitliches Gedeihen gebe, um ihn dereinst ewiglich zu verderben. Dieser Glaube tröstete sie dann, wenn sie vernahmen, daß ihr Eigentum an fernen Küsten verunglückt sei, daß die Rippen ihrer Schiffe an Klippen und Untiefen geborsten, indes jene des Kapitäns immer mit neuem Gut beladen in den Hafen von Antwerpen einliefen. So geschah es denn, daß die Reichtümer und Schätze des reichen Seemanns sich dergestalt mehrten, daß seine Vaterstadt ihm endlich den Antrag machte, an dem Bau eines neuen Gotteshauses, welches an Pracht und Herrlichkeit alle frühern übertreffen sollte und das die reichen Bürger von Antwerpen zur Ehre der Stadt und ihres Namens aufführen wollten, tätig Anteil zu nehmen. Der Kapitän, der aus mancherlei Gründen ein solches Begehren nicht zurückweisen konnte, gab den Männern, die an ihn abgeschickt wurden, zur Antwort, daß er bereits schon ein ähnliches Gelübde bei sich getan, welches er jetzt ins Werk richten wolle; er biete sich nämlich an, zum Nutzen und zum Besten der Stadt, statt des Beitrags für den Bau eines Münsters, lediglich aus seiner Kasse allein eine solche Summe herzugeben, daß mit ihr ein weitläufiges, schönes Haus gebaut werden könne zur Beherbergung und Verpflegung zugrunde gerichteter Schiffer und ihrer Familien, welches Werk gewißlich ebenso verdienstlich in den Augen des Himmels sei als der Bau eines Hauses, wo sich täglich eine Stunde müßige Leute zusammenfänden, um entweder Stadtneuigkeiten zu berichten oder fremden Putz zu sehen sowie den ihrigen zu zeigen. Mit dieser nicht sehr ehrerbietigen und frommen Rede mußten sich die Abgesandten begnügen und abziehen, wenigstens durch den Gedanken befriedigt, daß jenes neue Gebäude, wenn es zustande käme, durch den Reichtum seines Erbauers der Stadt ebenfalls zu keiner geringen Zierde dienen werde. Sie hatten sich auch, was diesen Umstand betraf, keineswegs geirrt. Zu gleicher Zeit, als die Bauleute den Grundstein zu der neuen Kirche legten, die nach dem Plan eines trefflichen Meisters ein außerordentlich köstliches Werk werden sollte, legten auch die Arbeiter die ersten behauenen Steine des Holofernesbaues nahe dabei in den Grund, so daß das Gebäude, wenn es dereinst fertig stand, gerade am Eingang der Reede sich erhob, von wo aus es einen herrlichen Anblick den ansegelnden Schiffen gewähren mußte, sowie wiederum aus den Fenster des Baues sich eine reizende und weite Aussicht auf den Hafen, das Meer und den Reichtum der ganzen prachtvollen Stadt Antwerpen eröffnen mußte.

Holofernes selbst zeigte sich öfters auf dem Bauplatz, und man sah seine dürre, lange Gestalt mit echt seemännischer Geübtheit und Sicherheit auf dünnen Balken durch die Lüfte dahinschreiten. Ein übler Umstand war jedoch der, daß bei Legung der ersten Steine es gänzlich unterblieben war, die übliche Haustaufe vorzunehmen, damit das werdende Haus wie ein Mensch aufwachse in der Furcht des Herrn; ja, als sich der kleine Benediktiner aus dem nahen Kloster angeboten, die Formel zu sprechen, hatte ihn der Kapitän mit der Antwort fortgewiesen: »Geh deiner Wege, Mönchlein, und taufe deine eignen Kinder, dieser Bau aber ist mein Kindlein, und ich selbst will ihm das erste Süppchen auf den Kopf gießen«, darauf hatte er mit der hohlen Hand Wasser geschöpft und es über die Steine ausgegossen.

Als der Bischof von Lüttich mit einer großen Anzahl Fremder, die damals die Stadt Antwerpen besuchten, den Grund der neuen Kirche in Augenschein nahm, trat er auch an den Holofernesbau, und von jenen Umständen in Kenntnis gesetzt, soll er den Kopf geschüttelt und leise zu seiner nächsten Umgebung gesagt haben, er zweifle, ob dieses ein verdienstliches Werk sei, denn es gelte das Sprichwort: wo der Herr sein Haus habe, da baue der Teufel eine Kapelle daneben. Holofernes kümmerte sich um dieses Gerede gar wenig, sein Haus stieg lustig in die Höhe, und als man bei dem Münster erst zu den Fenstern gelangt war, stand es schon fertig unter Dach, ein schönes, stolzes Gebäude, dessen zierlicher, schlanker Giebel mit dem saubern, künstlichen Bildwerk sich in den Wellen des Hafens spiegelte, zur Bewunderung und Freude der fremden Seefahrer, die ohne Aufhör die Klugheit, Milde und Menschenfreundlichkeit sowie den Geschmack des reichen Erbauers priesen.

Als man an die Verteilung der Gemächer ging, wollten sich wiederum die Männer der Stadt tätig zeigen und schlugen vor allen Dingen eine Menge hilfsbedürftiger, kranker Leute vor, die man aus den überfüllten Krankenhäusern der Stadt hinüberschaffen sollte. Doch Holofernes sagte auch hier in seiner kurzen, spöttischen Weise, indem sich sein schwarzer, struppiger Bart um Kinn und Wange beim Lächeln verzog: »Bleibt mir nur mit euerm dürftigen Gesindel vom Leibe, das auf dem Felde im Stich der Sonne verkümmert ist und das nur immerhin auf der elenden Scholle vergehen mag, an der es die Zeit seines Lebens über geklebt hat, mein Haus steht da für Seeleute, für kecke, muntere Burschen, die das frische Element als seine verzärtelten Kinder immerdar in luftigen Wiegen geschaukelt hat, die kein anderes Gebot kennen als das ihres Kapitäns und keine Lust als die flüchtige, von Wellen und Wind ihnen gegönnte.« Nach diesem Ausspruch ging er jetzt daran, den Platz zu verteilen, und es fanden sich nun eine Menge Leute, teils wirklich bedürftige alte Schiffer, teils aber auch lockere, umtreibende Gesellen, denen das Meer stets als sichere Freistätte gedient hatte, um dem Arm der Gerechtigkeit zu entfliehen. Eine Anzahl Gemächer, und zwar die stattlichsten, behielt sich der Kapitän vor, wo er denn fremde reiche Leute, die ihn besuchten, auf das trefflichste bewirtete. Die mächtigen Speicher wurden zu Warenlagern bestimmt sowie zu Vorräten für Verpflegung und Kost der Bedürftigen.

So löblich sich diese Einrichtungen auch anfangs auswiesen, so fand sich doch bald hie und da ein Umstand dabei, der zeigte, daß der Zweck des Erbauers kein durchaus frommer und verdienstlicher war. Das erste war schon gleich, daß die Gemächer, die, wie Holofernes vorgab, dazu bestimmt waren, daselbst Zusammenkünfte und Unterredungen über Schiffahrt, Handel sowie Kunde fremder Länder zu halten, von Leuten angefüllt wurden, die in rohen Gelagen ihre Lust fanden und tief in die Nacht hinein jubelten und lärmten, wenn schon längst im Umkreis der frommen Stadt sich die Bürger zur Ruhe begeben hatten.

Zur Zeit als dieses sich begab, lebte nicht weit von Antwerpen ein junger Mann, Adrian van Roos, der in höchst dürftigen Umständen sich befand und dabei eine alte Mutter und fünf unerwachsene Geschwister zu ernähren hatte. Er war früher in Seediensten gewesen und suchte diese von neuem, obgleich sein Mißgeschick ihn lange in die Irre herumgetrieben, ohne ihn eine vorteilhafte Anstellung finden zu lassen. So kam er denn einmal nach manchem Ausflug wieder zurück in die Vaterstadt und wandelte bei eben anbrechender Nacht auf der Reede umher, mit bekümmerter Seele und fast trostlosem Gemüt. Der Platz, den anfangs noch ein unruhiges Leben erfüllt hatte, lag jetzt in tiefer Stille, der Nachtwind, mit stärkerem Fittich dahinziehend, spielte mit den Flaggen und Wimpeln der Schiffe, schüttelte das Tauwerk und kräuselte die finstern Wellen, die, von weitem kommend, mit eintönigem Geräusche an die Seitenwände der ruhenden Kolosse schlugen, deren Mastenwald hinauf in die dunkelnde Bläue ragte.

Adrian heftete seinen Blick auf die Stadt und sein Auge traf jene Fenster, welche von dem späten Kerzenlicht, bei dem die lustigen Brüder schwärmten, hell erglänzten. Er wußte nicht, wem der neue Bau gehörte, so lange war er von seinem Geburtslande abwesend gewesen. Er sah sich um, ob niemand da sei, der ihm darüber Auskunft geben könnte, und gewahrte einen Mann, der dicht neben ihm stand, ohne daß er nur das mindeste von dessen Annäherung vernommen. Adrian blickte ihn an, und jener erwiderte den Gruß, indem er leise an dem großen, breiten, niederhängenden Hut zog, der sein ganzes Gesicht beschattete. »Wenn Ihr ein Bewohner dieser Stadt seid«, hob der Jüngling die Rede an, »so habt die Güte, mir zu sagen, wer in jenem neuen Haus wohnt.« – »Ich will noch mehr tun«, entgegnete der Fremde mit einer tiefen, rauhen Stimme, »ich will Euch an den Besitzer jenes Hauses empfehlen als an denjenigen, dessen Hilfe Ihr eben jetzt eifrig sucht.« Der Jüngling sah seinen Nebenmann befremdet an. »Wie wißt Ihr, daß ich irgendeiner Hilfe bedürftig bin?« – »Laßt das gut sein«, war die Antwort, »es sei Euch genug, daß ich da bin, um Euch einen Dienst zu leisten. Es ist gerade eine Unternehmung im Werke, wo man Eure Hilfe nicht ausschlagen wird. Geht in das Haus dort, das Zimmer, wo die lustigen Gesellen bei Wein und Karte beisammen sind, laßt rechts liegen und steigt eine kleine Treppe hinauf am Ende des Ganges, da kommt Ihr in ein Gemach, darin sitzen zwei Männer, derjenige, der Euch entgegenkommen wird mit der Frage: ›Nun, Berth, wie geht der Wind?‹ mit dem schließt Euer Geschäft ab, denn er ist's, der Euch helfen kann. Zum Überfluß könnt Ihr auch noch sagen, daß Euch der Kapitän Clamfort hingewiesen hat.« Diese Worte waren kaum ausgesprochen, als der wunderbare Mann, nachdem er jenen kurzen Gruß wiederholt hatte, auch wieder verschwunden war, ohne daß Adrian recht begriff, wohin und auf welche Weise. Nur das Tauwerk eines mächtigen Schiffes neben ihm klapperte heftiger im Nachtwind, und es kam ihm vor, als kletterte ein schwarzes, unkenntliches Wesen mit Schnelligkeit den schwankenden Mastbaum hinan. Den Jüngling überlief ein unbehagliches Gefühl; er sah sich wieder einsam auf dem Platze und wußte nicht, ob er dem Rat des Unbekannten folgen solle oder nicht. Endlich entschloß er sich zu dem erstern, indem er mit Anstrengung die beunruhigenden und finstern Betrachtungen niederkämpfte.

Alle Umstände, bis auf die geringsten, fanden sich gerade so vor, wie sie der Fremde beschrieben. Adrian stieg die Wendeltreppe hinauf, und als er die Tür eines kleinen Gemaches öffnete, befiel ihn ein Grausen, denn vor ihm stand ein langer, dürrer Mann, der ihm die Worte zurief: »Nun, Berth, wie geht der Wind?« An einem Tisch saß ein zweiter, dessen Kleidung und Äußeres einen Mann aus höherm Stande bezeichneten. Als der Kapitän merkte, daß er seine Frage an den Unrechten gerichtet, zog er ein finsteres Gesicht und rief barsch: »Wer seid Ihr – was wollt Ihr hier?« Der Jüngling antwortete mit fester Stimme: »Ihr habt eben eine große Unternehmung vor, dazu braucht Ihr die Hilfe eines Menschen, der Euch noch fehlt – nehmt mich dazu.« Jener wich einen Schritt zurück, indem er rief: »Wie wißt Ihr von dem, was wir soeben in tiefem Geheimnis miteinander besprachen?« – »Gleichviel«, sagte Adrian, »ich weiß es, und damit gut.« – »Ich habe einen tüchtigen Steuermann nötig«, rief Holofernes. »Dazu kann ich dienen«, frohlockte der Jüngling, »bis jetzt habe ich keinem andern Geschäft vorgestanden und stelle darin, ohne mich zu rühmen, meinen Mann.« Der Kapitän sah dem Jüngling ins offene, jugendlich schöne Antlitz; die kecken Worte, noch mehr das Zuversichtliche und Seltsame, das in seinem Wesen lag, nahm ihn für einen kräftigen Burschen ein, und er rief: »Nun wohl, bringt mir Eure Papiere, und der Handel soll abgeschlossen sein – damit Ihr seht, gestrenger Herr«, wandte er sich zu seinem Nachbarn am Tische, »wie ich den Befehlen Eurer Herrschaft aufs geschwindeste nachkomme.« Der Mann, welcher bis jetzt einen stummen und, wie es schien, verwunderten Zeugen des ganzen Auftritts abgegeben hatte, erhob sich jetzt und rief, mitten in der Stube stehend: »Nun wohlan! Ihr seht selbst, Herr Kapitän, wie sich alles zu Eurem Willen fügt, laßt denn unsere Sache abgemacht sein: Ihr übernehmt selbst die reiche, kostbare Ladung, und die Schatzkammer wird es an einem tüchtigen Zuschuß nicht fehlen lassen. Jetzt aber kommt und laß uns unten einen tüchtigen Humpen leeren auf Abschluß der langen Verhandlung. Ihr, Meister Steuermann, mögt nur auch mitkommen.«

Die drei Männer stiegen jetzt hinunter und mischten sich im großen Versammlungssaale unter die Gruppen der fremden und einheimischen Schiffer sowie einiger junger Leute aus der Stadt. Es wurde gespielt, teils mit Würfeln, teils mit der Karte, ein großer Teil saß aber um einen weitgereisten fremden Schiffsherrn herum, der von seinen Abenteuern und Schicksalen erzählte. Adrian suchte ein stilles Plätzchen, wo der Lärm ihn nicht von der Betrachtung über sich und das wunderbare Ereignis der letzten Viertelstunde abhielt. Er wußte nun, daß er es mit dem berüchtigten Kapitän Holofernes zu tun hatte, und so vorteilhaft ihm diese Verbindung, von einer Seite betrachtet, schien, so drängte ihn auf der andern sein Gewissen; besonders fiel es ihm jetzt ein, über die Erscheinung des Mannes auf dem Hafenplatz zu grübeln sowie über die wunderbare Art, wie jener ihm alle Umstände, wie sie sich nachher wirklich begaben, vorhergesagt. Trotz dieser Zweifel war er jedoch herzlich froh, ein so gutes Geschäft gefunden zu haben, und beschloß zuletzt, die Gunst des Glückes zu erfassen, ohne durch zu weitgehende Besorglichkeit und Furcht sich ihrer unwert zu machen. Er erhob sich und trat jetzt auch in den Kreis, der um den Erzähler sich geschlossen hatte. Der fremde Schiffer war eben mit dem Bericht eines Abenteuers fertig geworden, und die Zuhörer wechselten ihre verschiedenen Meinungen über das Erzählte. Jetzt erhob sich einer unter ihnen und nahm das Wort. Er war klein von Wuchs, den feinen Zügen seines Gesichts sah man erst, wenn man sie näher ins Auge faßte, das hohe Alter an. Sie hatten etwas Friedliches, Stilles, und ganz verschieden von den andern rohen, derben Physiognomien, blickten aus der seinigen die Spuren von Kränklichkeit und Leid. »Verehrte Kameraden«, sagte er, »was böse und gute Schicksale auf der See betrifft, da kann ich wohl auch ein Wörtlein mitsprechen; denn so wie ihr mich hier seht, bin ich nun schon sechzig Jahre im Dienste auf dem Schiffe. Sturm und Ungewitter, Sonnenbrand und Frühlingssäuseln sind über mein Haupt dahingegangen, dreimal hat der Blitz den Mast zerschellt, an dem ich hing, sechs Schiffe sind unter mir geborsten, auf Tonne und Brett bin ich dahingeschwommen. Hungersnot und Pest habe ich an Bord gesehen, und die krummen Säbel der Ungläubigen haben zu meinen Füßen gemordet, der große Gott hat mir immer das Leben geschenkt, er hat mich geführt, der Erde uraltes Antlitz zu schauen, dahin, wo noch keine Menschenhand es verstümmelt, ungeheure Wälder, die die Seele mit Grauen und Anbetung erfüllen, rauschten über meinem Haupte zusammen; unter meinem bebenden Fuße klang der Fall heiliger, wunderbarer Ströme, deren Bild nicht im Traume unserm Sinne beikommt. Nun aber weiß ich aus meinem ganzen Leben keinen Anblick und kein Ereignis zu erzählen, dessen Gedächtnis noch jetzt meine ganze Seele mit so eiskaltem Schauder, mit so tiefem Entsetzen erfüllt als ein Abenteuer, welches ich auf einer Fahrt im Nordmeere erlebte.«

»Erzählt, Vater Martin«, riefen mehrere junge Burschen und rückten näher, auch vom Spieltisch standen einige Leute auf und gesellten sich zu dem Kreis. »Hat einer von euch«, sagte Martin, »wohl etwas gehört vom fliehenden Holländer?« – »Freilich«, entgegneten zwei alte Schiffer und bekreuzten ihre Brust, »das ist ja das alte Gespenst, welches tausend Jahre schon herumfährt auf allen Meeren. Wir nennen ihn auch den magern Kapitän, weil an dem ganzen Kerl nicht viel mehr sein soll als ein nackter Schädel und ein Paar dünne Arme und Beine. Wer aber hat ihn gesehen?«

»Ich«, rief Martin, »ich habe den fliehenden Holländer erschaut, liebe Kameraden, doch nicht sowohl ihn als sein Schiff. Es ist keine Fabel, kein Märchen, und ich würde von jener gräßlichen Nacht, die mein Haar plötzlich grau färbte, gar nicht zu sprechen wagen, wären wir nicht auf festem Boden und sonder aller Gefahr. So erfahrt denn, daß ich vor ungefähr zwanzig Jahren eine Fahrt machte von den shetländischen Inseln aus unter einem Kapitän, der ein Irländer und der gottloseste Mensch war, den ich jemals kennengelernt. Er glaubte weder an Gott noch an die Heiligen und hatte schon Schandtaten ausgeübt, vor denen eine christliche Seele im Innersten schaudert. Mit einem solchen Menschen unter einem Dache zu sein ist schon ein bös' Ding, nun aber in einem und demselben Schiffsräume eingeschlossen, auf wildem, finsterem Meer, von aller menschlichen Hilfe weit, weit entfernt, mitten unter Larven und Ungeheuern mit ihm dahinfahren, das, Freunde, ist doch noch übler. Es ist jedem Schiffer bekannt, daß am Tage des heiligen Blasius keiner eine Fahrt unternehmen soll, wir aber lichteten die Anker gerade, als das Meßglöcklein läutete und die Prozessionen ihren Anfang nahmen. An ein frommes Gebet, an Altar und Betstunde war nicht zu denken, dagegen waren Flüche und lose Lieder ein angenehmer Zeitvertreib bei der wilden, jungen Mannschaft. Anfangs ging die Fahrt noch leidlich, als wir aber auf die Höhe des offenen Meeres kamen, da drangen fürchterliche Stürme uns nach. Nun sagt man, daß in der ersten Nacht des gänzlich verfinsterten Mondes die See von Gespenstern wimmle, die in der Finsternis, in der Öde ihr Wesen treiben. Wir sahen auch seltsame weiße Scheine dahinhuschen über die Wellen, ohne daß wir wußten, woher sie kamen, noch wohin sie verschwanden. In einer Nacht, wo es toller als jemals auf dem Schiffe herging – die See lag im trüben Nebel schwarz und dunkel da –, waren wir alle auf dem Verdeck versammelt, und so wie jetzt sprach einer von uns vom fliehenden Holländer. Der Kapitän hörte aufmerksam zu, dann erhob er sich und in seinem trunkenen Mute, wie er war, rief er in die See hinaus, das Gespenst solle erscheinen, er fordere es zum Kampfe heraus. Die Gesellen lachten, mir aber war nicht erbaulich zumut. Wie das Geschrei und Rufen eben am ärgsten war, da – ach, liebe Freunde, mir schaudert noch – da wurde es auf einmal totenstill um uns her, alle sahen sich betroffen an, keiner wußte, was es bedeute; endlich blieb allen der Blick wie erstarrt rückwärts gerichtet: da zog durch die Flut, leise, ohne das mindeste Geräusch, ein großes, ein ungeheures Schiff auf uns zu, das – ein fürchterlicher Anblick – von unten bis oben zur Spitze des großen Mastes ganz weiß durch die Nacht schimmerte. Kein Laut regte sich, indes das Totenschiff immer näher kam. Endlich fiel die ganze Mannschaft auf die Knie und rief mit ungeheurem Geschrei die Hilfe Gottes und der Heiligen an. Was geschah? Ein fürchterlicher Stoß erschütterte unser Schiff, wir stürzten nieder, und als wir wieder aufblickten, war das Gespenst verschwunden, der Kapitän aber mit, und nie haben wir wieder etwas von ihm erfahren.«

»Wohlverdiente Strafe«, rief der alte Schiffer, welcher früher seine Begebenheiten erzählt hatte. »Und das war das ganze Abenteuer, welches Ihr bestanden?« fragte ein junger Mann, »ich dachte, Ihr wäret mit den wunderbaren Leuten auf jenem Schiffe handgemein geworden.« – »Dafür hätte ich gedankt«, erwiderte Martin, »ich will nicht wissen, was es für Gesellen waren, die auf dem Schiffe saßen.« – »Man sagt«, nahm ein anderer Zuhörer das Wort, »daß der magere Kapitän manchmal Boote aussetzen, in denen sich Leute befinden von ganz sonderbarem Ansehen und wunderlicher Tracht, und diese sollen dann allerlei Briefe abgeben wollen, an Personen gerichtet, die vor undenklichen Jahren schon gestorben sind.« – »Das kann sein«, rief Martin, »ich erzähle nur, was ich mit eigenen Augen gesehen.«

Eine Stille trat ein, dann sagte ein junger Matrose: »Mein Großvater hat mir auch von dem Gespenst erzählt, der aber meinte, es sei dahinter niemand anders verborgen als der, vor dem Gott unsre Seelen bewahre. Auf dem Zauberschiffe seien jedoch alle Unglücklichen versammelt, die sich ihm ergeben haben und die er nun viele Jahrhunderte lang mit sich herumführe, um sie dann, wenn ihre Zahl voll sei, allesamt in die ewige Verdammnis zu stoßen. Der alte Mann sagte noch ferner, daß der Böse nur den Schiffen erscheine, deren Kapitän oder Steuermann mit ihm einen Pakt geschlossen; dann segle oft mehrere Nächte lang das tote Schiff dem andern nach. Gleichwohl könne der Kapitän sich und die Mannschaft aus den Klauen des Feindes retten, wenn er nur streng darauf halte, daß, während das Gespenst hinterher ist, kein Fluch, auch nicht der leiseste, ausgestoßen werde auf dem ganzen Schiffe. Sowie aber dergleichen geschieht, sind Schiff und Mann verloren und in der Gewalt des Bösen auf immerdar!« – »Sehr wunderbar!« rief Martin, »dieser Umstand ist mir doch noch nicht bekannt gewesen, allein es mag damit wohl seine Richtigkeit haben.« Der alte Schiffer nahm wieder das Wort und sagte: »Andre erzählen, der fliehende Holländer sei bei seinen Lebzeiten ein Schiffshauptmann gewesen und habe vor langen Jahren sein Wesen getrieben auf dem Meere. Unter allen Greueltaten, die er begangen, ist aber eine so unerhörte Freveltat, daß er zur Abbüßung derselben nun bis an den jüngsten Tag in die Irre fahren muß.« – »Und was ist dies für eine Tat?« fragten Martin und noch einige andere. »Er soll«, entgegnete der Erzähler, »zur Zeit eines ungeheuren Sturmes und da ihn kein Mittel mehr vom Tode hatte retten wollen, die heilige Hostie genommen und ins Meer geschleudert haben.«

Diese Worte setzten alle Zuhörer in Erstaunen und Entsetzen, nur der Kapitän Holofernes beantwortete sie mit einem spöttischen Gelächter. »Wie mögt ihr doch, Freunde«, rief er, »solche Toren sein und an dergleichen Märchen mit festem Glauben halten!« – »Keine Märchen!« rief der alte Martin, »nur der Gottlose kann über solche Dinge spotten.« Er sprach dieses mit einer ernsten, tiefen Stimme, indem er einen strafenden Blick auf den Kapitän warf. »Ich sage euch aber«, rief dieser, »ihr mögt mich nun für gottlos halten oder nicht, es sind leere, taube Märchen, erfunden, um Kinder und schwache Greise zu erschrecken. Kein mutiger Schiffsmann, der sein Geschäft versteht, wird sich um derlei bekümmern. Hab ich denn nicht auch weite Reisen gemacht, und doch weiß ich kein Wörtlein von all dem Spuk.« – »Wißt Ihr auch jetzt nichts, so könntet Ihr doch einmal später etwas der Art erleben, nehmt Euch in acht!« rief Martin, »denkt an mich und diese Stunde! Ihr meint meiner zu spotten und glaubt, daß ich nicht weiß, wie es um Euch steht; doch seid nur ruhig, Kamerad, folget meinem Rat und sucht die See nicht auf, hier auf festem Boden hat er keine Macht über Euch!« – »Unerhörte Frechheit!« rief der Kapitän, »was wollt Ihr mit diesen verrückten Reden sagen, Alter? Seid Ihr kindisch geworden, oder soll man Euch ins Tollhaus sperren?« – »Ins Tollhaus?« wiederholte der Alte mit einer leisen, aber furchtbaren Stimme, »warum nicht? Mit einem guten Gewissen schläft sich's überall wohl. Wer aber, wie Ihr, Gäste bekommt, die durch keine Tür und durch keine Gitterstäbe abzuhalten sind, der ist nie vor unangenehmem Zuspruch sicher.« Die Männer traten herbei, um den Streit, der sich jetzt auf eine ernste Weise entspinnen zu wollen schien, durch ihre Vermittlung zu hemmen. Es gelang ihnen auch nach einiger Mühe, den alten Martin zum Schweigen zu bringen, und so löste sich die ganze Versammlung auf, indem jeder bemerkte, daß es schon spät und Zeit sei, die Ruhe zu suchen.

Die Anstalten zu der Reise wurden jetzt getroffen, es sollte hoch hinauf nach Island gehen, und obgleich mancherlei Umstände eintraten, die da zeigten, daß die Fahrt um diese Jahreszeit nicht ohne große Gefahr sein würde, so blieb der Kapitän doch fest bei seinem gegebenen Wort und verlachte den guten Rat und die Bedenklichkeiten, welche seine Freunde ihm wiederholt äußerten. Nicht so dachte der junge Adrian, ihn gereute im Herzen der ganze Handel, den er leichtsinnig eingegangen, und hätte ihn nicht sein eigner frommer Sinn vom Kapitän ferngehalten, so wären, dieses zu tun, die vielen abenteuerlichen und seltsamen Gerüchte imstande gewesen, welche über diesen furchtbaren Menschen ihm zu Ohren kamen. Lebendig stand ihm das letzte Gespräch in der Schenke vor der Seele, und er sah nun ein, wie Martins Rat der beste sei, nämlich sich von der ganzen Unternehmung loszusagen. Doch diesen Entschluß zu fassen war das bekümmerte Gemüt des Jünglings nicht fähig. Erstlich schien es ihm im höchsten Grade widerrechtlich, dem Kapitän sein Wort zu brechen, zumal da er von diesem schon eine bedeutende Summe in Händen hatte, und dann war noch ein Grund da, den er kaum sich selbst gestehen mochte, wenn er in Stunden der Einsamkeit durch die Straßen von Antwerpen wanderte und ihn der Geist trieb, beim Hause des Kapitäns stillezustehen, um hinaufzusehen in das erleuchtete Fensterlein, wo die schöne Margarethe wohnte. Der strenge, finstere Mann hatte sich nach langem Bitten bewegen lassen, das zarte Mädchen mit einer alten Muhme ins Haus zu nehmen, und jetzt war es beschlossen, daß beide Frauen die Reise mitmachen sollten, um im nördlichen Norwegen, wo einige Verwandten lebten, abgesetzt zu werden. Diesen Umstand hatte Adrian erfahren, und nun schien es ihm angemessen, ja sogar notwendig, das junge, schöne, unerfahrene und zaghafte Mädchen zu begleiten, ihr seinen Schutz zu gewähren, wenn sie dessen, wie es vorauszusehen war, in der Mitte von rohen, schonungslosen Matrosen oder selbst an der Seite ihres finstern, verdächtigen Beschützers bedurfte. Margarethens einziger Trost war diese Zusage Adrians, und wie ein drohendes Mißgeschick oft wieder zwei entfremdete Seelen zusammenzuführen imstande ist, so schließt es um so fester das Band der Zuneigung und Zärtlichkeit zwischen Geliebten. Diese Gedanken beschäftigten die Seele des Jünglings, als er eines Morgens aus der Messe heimkehrte. Ruhe und seliger Friede hatten in seinem Gemüt alle trüben Bekümmernisse beschwichtigt, und indem er sich im Gebet den Fügungen des Himmels völlig unterworfen, dachte er mit freudigem Sinn an die Reise und die Aussicht, mit dem geliebten Mädchen unausgesetzt zusammen zu sein. Als er am Hause des Kapitäns vorübergehen wollte, stand dieser plötzlich vor ihm und maß ihn mit finstern Blicken. »Was ich von Euch erwartet«, hub er nach einer Weile an, »hat sich nicht erfüllt, es ist besser, mein Freund, daß wir wieder voneinander scheiden.« – »Was wollt Ihr damit sagen!« rief Adrian erstaunt, »hab' ich etwas gegen Euer Geheiß getan?« – »Das habt Ihr!« war die Antwort, »wo seid Ihr jetzt gewesen? Anstatt beim Schiffe zu sein, lauft Ihr ins Bethaus zu den alten Weibern, um die Zeit zu töten! Laßt mich das nicht wieder sehen, wenn wir Freunde bleiben sollen.« Der Jüngling errötete vor Zorn, mit unwilliger Stimme rief er: »Herr Kapitän, Ihr werdet selbst wissen, daß Eure Macht nicht so weit geht, mir das Gotteshaus zu verschließen!« – »Wie!« schrie der finstere Mann drohend, »noch Vorwürfe! Wohlan, wir sind geschiedene Leute, in einer Stunde sollt Ihr Eure Papiere wiederhaben. Andächtige Memmen dulde ich nicht auf meinem Schiff! Geht!« Er machte Miene, dem Jüngling den Rücken zu wenden, aber diesem fiel zum Glück der Name des Mannes ein, der ihn an Holofernes gewiesen. »Ich gehe«, rief er, »doch der Kapitän Clamfort, der mich an Euch empfohlen, soll erfahren, wie Ihr Euer gegebenes Wort brecht.« Kaum war dieser Name über die Lippen des jungen Steuermanns, als Holofernes sichtlich erbleichte und in der Verwirrung nicht sogleich ein Wort herausbringen konnte. Endlich stammelte er: »Clamfort? Wo habt Ihr ihn gesprochen?« Adrian beschrieb das Ereignis jenes Abends mit allen damit zusammenhängenden Umständen ruhig und kalt, der Kapitän verlor kein Wort seiner Erzählung und wandte sich manchmal um, als fürchte er jemanden, der da lausche, und so sehr er vor dem Jünglinge die Zeichen seiner innern Bewegung zu verbergen trachtete, so glaubte doch dieser, den gefährlichen Mann, mit dem er es zu tun hatte, jetzt ganz zu durchschauen. Nach dieser Unterredung nahm der Kapitän seine frühern Äußerungen zurück, überhaupt schien er sein Betragen jetzt auffallend gegen den jungen Steuermann zu ändern, er behandelte ihn freundlich, ja sogar mit einer Art von Ehrerbietung, und Adrian war in seinem Herzen froh, daß er jetzt die Reise mitmachen durfte, vor der er sich anfangs so sehr gescheut hatte. So rückte denn unter mancherlei Zurüstungen der Tag der Abfahrt heran, und die Reede wimmelte von Zuschauern, welche das Schiff und die Mannschaft mit neugierigen Blickten musterten.

Eine geraume Zeit war vergangen, das Jahr schritt seinem Ende entgegen, und es kam die Periode, wo die in den nordischen Meeren die furchtbaren Äquinoctialstürme zu wüten beginnen. Keine Beschreibung und kein Bild vermag dem Bewohner des Mittellandes den Anblick zu vergegenwärtigen, den das Meer um diese Zeit bietet: eine finstere, gräßliche Welleneinöde, umschlossen von einer schweren, lastenden Wolkendecke, durchtobt von streitenden Orkanen, welche in heulenden Tönen dahinbrausen, ähnlich denen, die das Tier der Wüste in seinem nagenden Hunger ausstößt. Ohnmächtig ihrem Wüten dahingegeben, schleudern die kolossalen Wassermassen spielend das unglückliche Schiff sich zu, gleichsam wie in höhnender, grausamer Mordgier, ehe sie es vernichten. Zitternd klammert sich der beherzte Matrose am Mastbaum fest, der Blick des Steuermanns erblindet im tobenden Gischt, den das Meer ihm entgegenspeist, das Auge der Sehnsucht irrt am ganzen nächtlichen Umkreis des Horizontes herum, ob nicht ein Stern auftauche, das ferne Lämpchen eines Leuchtturmes sich zeige, welches verkündet, daß ein wirtlicher Hafen sich öffnet – umsonst! Nacht des Todes verschleiert die Welt, und nur die Welle, die unter den Füßen den schwarzen gähnenden Abgrund aushöhlt, hebt ihr drohendes Haupt sichtbar über den schwankenden Kiel.

Eine solche Nacht war es, als sich auf der Höhe von Bergen das Schiff des Kapitän Holofernes befand. Fünf Tage schon hatte der Sturm ununterbrochen angehalten, das Schiffsvolk, unermüdet in kluger Tätigkeit, drohte zu erlahmen, und schon lag, durch übermäßige Anstrengungen niedergeworfen, ein Teil der kräftigsten Matrosen wie tot in der Kajüte. Nur Adrian, den die Kraft der Jugend und Liebe beseelte, stand felsenfest an seinem Platze, das Auge starr auf die zitternde Seele des Schiffes, auf die Magnetnadel gerichtet. Da – es mochte gegen Mitternacht sein – krachte ein Teil des obern Mastes, und das frei gewordene Holz stürzte aufs Verdeck, mit wilder Gewalt den Jüngling treffend und niederschleudernd. Ein Blutstrom drang über sein Antlitz, er wurde in die Kajüte gebracht, und alsbald war allgemeine Wehklage und Verzweiflung unter der Mannschaft. Das Gerücht, unser Steuermann ist tot, flog wie ein Lauffeuer von einem Ende des Schiffes zum andern, niemand wollte mehr Hand anlegen, und jedermann glaubte sich verloren. Adrian lag sterbend im untern Schiffsraum, der Schiffsarzt, selbst verzweifelnd und aufs Leben verzichtend, war ohnmächtig hingesunken, und der Pater war eben im Begriff, dem Sterbenden das letzte Sakrament zu reichen, als der Kapitän wütend an das Bett stürzte und, dem Geistlichen das heilige Gefäß entreißend, zu den Umstehenden sprach: »Memmen, die ihr seid, ist's jetzt Zeit zu solchen Possen? Fort, hinauf! Auf euern Platz, ans Tauwerk!« Er hatte kaum diese Worte geendet, als sich der alte Martin, der sich auf Adrians Bitten mit zur Reise entschlossen, ihm entgegenstürzte und mit aller Kraft seines greisen Körpers mit ihm zu ringen begann. »Nur Gott kann uns helfen«, schrie er, »alle menschliche Hilfe ist umsonst! Wage es nicht, Elender, die heiligen Gefäße mit deiner Betastung zu besudeln, oder wir sind alle verloren!«

Der Kapitän schlug ein helles Hohngelächter auf, das durch die brüllenden Stöße des Sturmwinds gellend hindurchdrang, er packte mit riesiger Gewalt den schwachen Greis und schleuderte ihn zu Boden, dann rief er mit fürchterlicher Stimme, indem er sich hoch aufgerichtet an einen Pfeiler lehnte: »Des Todes ist, wer meinem Befehle nicht gehorcht! Fort, an eure Plätze!« – »So gebt mir den Kelch!« rief der Priester, »ein Sterbender verlangt nach dem letzten Troste!« – »Er fahre zur Hölle!« donnerte der Wütende, und in den Moment flog das blitzende Gefäß in die schäumenden Wogen, die dumpf und wie im zischenden Hohngelächter auftobten. Allgemeines Entsetzen ergriff die Menge, aller Augen starrten auf die Öffnung, durch die der heilige Becher verschwunden war. Der Priester lag zitternd auf seinen Knien. »Allmächtiger dort oben!« rief er wie im Wahnsinn, »er hat dich gelästert, der Fluch des Himmels komme auf sein Haupt!« Eine Pause entstand, niemand wagte emporzublicken. Der Sturm draußen schien plötzlich zu verstummen, und es war, als stände das Schiff festgewurzelt über der Tiefe. »Heiliger Gott!« rief Martin, sich winselnd am Boden krümmend, »was ist das?« Er hatte es kaum ausgesprochen, als ein wilder Angstruf auf dem Verdeck hörbar wurde. »Hört!« rief Martin, »der Rächer kommt!« Alle eilten jetzt hinauf, da erstarrten sie beim Anblick des Entsetzlichen. Jenes Totenschiff, von dem Martin früher erzählt, ragte dicht an dem ihrigen empor. Den Himmel hatte ein mattes, graues Licht umzogen, eine drückende Gewitterschwüle lag auf dem erstarrten Meere und gelbe zuckende Blitze zerrissen die schwere, stille Luft. Klagetöne, die aus dem Innersten des Meeres zu kommen schienen, füllten mit Grausen das Ohr und mischten sich mit einem gellenden, pfeifenden Laut, der von dem Gespensterschiffe herüberklang. Dieses selbst lag ruhig da, und Mast, Verdeck und Kiel schimmerten, wie von weißen Totengebeinen zusammengesetzt, durch die Nacht; kein menschliches Wesen zeigte sich auf dem Verdeck – tiefe Grabesstille schien an dem furchtbaren, geheimnisvollen Orte zu herrschen. Alle Matrosen, selbst die wildesten, waren aufs Knie gesunken und schienen mit bebendem Herzen den Augenblick ihres Todes zu erwarten, doch er erfolgte nicht. Nach einigen qualvoll hingebrachten Stunden rötete sich der östliche Himmel, ein frischer Wind begann zu wehen, und beim Aufgang des neuen Tages verschwand wie ein dünner Nebel das furchtbare Gebilde der Nacht. Doch nur auf kurze Zeit war es den Unglücklichen vergönnt, frei aufzuatmen. Sowie die Finsternis das Meer wieder umhüllte, sowie sich die Stunde der Mitternacht näherte, da zeigte sich wieder der furchtbare Begleiter, und sein Anblick wurde von Nacht zu Nacht grausenerregender. Es schien, als käme er immer näher heran, ja der Blick konnte endlich auf dem Verdeck Gestalten unterscheiden, die, in Gruppen verteilt, unbeweglich und starr auf den Brettern dalagen. Nichts regte sich an diesem entsetzlichen Orte, und dennoch folgte das Schiff einer geheimnisvollen Lenkung, von der niemand wußte, wo sie ihren Sitz hatte.

So vergingen vierzehn Tage, das Totenschiff wich nicht und schien unausgesetzt auf seine Beute zu lauern. Die ganze Schiffsmannschaft hütete sich aufs strengste, auch nur die kleinste Verwünschung oder den leisesten Fluch auszustoßen; gleichwohl brachte ihr der jammervolle Zustand oft einen solchen auf die Lippen. Bei Tage mußten die Trostlosen unermüdet gegen die Wellen kämpfen und nachts immer wieder die schauerliche Nähe des sichtbaren Todes empfinden. Ihre Wut brach endlich alle Bande, sie fielen über den Kapitän her, und trotz der Vorstellungen und Bitten Martins ward er gefesselt und in einen Kerker geschleudert im untersten Schiffsraume. Allein, auch durch diese Tat ward ihnen keine Erlösung, im Gegenteil lieferte sie die Unglücklichen ihrem Verderben hin. Der Kapitän, als er sich verloren sah, sprach aus Rache jenen entsetzlichen Fluch aus, dessen Wirkung ihm nur zu wohl bekannt war. In dem Moment drang ein furchtbarer Stoß des Orkans aufs Schiff ein, es schwankte, oben auf dem Verdecke ertönte ein Schrei des Entsetzens. Adrian, der durch die zärtliche Pflege seiner Margarethe beinahe schon genesen war, sank ohnmächtig, das Bild des Gekreuzigten in seine Arme schließend, zurück. Margarethe und Martin klammerten sich fest ans Lager des Kranken, dann verschleierte auch ihr Auge eine undurchdringliche Nacht.

Lange nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges in Deutschland geschah es, daß die frommen Bürger der Stadt Antwerpen das Fronleichnamsfest in aller geziemenden Pracht und Feierlichkeit begingen. Als der Zug in die Gegend des Klosters des heiligen Bernhard kam, ereignete sich ein Umstand, der ebenso seltsam als unbegreiflich war. Man sah nämlich die Straße herauf eine Menge Leute kommen, die in ihrer Mitte vier Personen führten, welche mit Recht die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zogen. Es waren zwei alte Männer, ein Jüngling und ein Mädchen, alle vier in einer Tracht, wie sie vor fünfzig Jahren Mode gewesen. Von den beiden Greisen hatte der eine die damalige Kleidung der Schiffer an, den andern jedoch konnte man füglich für einen Geistlichen halten. Am meisten aber setzte das junge Mädchen in Verwunderung, denn in ihrem bildschönen, ausdrucksvollen Gesichte zeigte sich das höchste Erstaunen, mit Furcht gemischt. Sie blickte mit ihren großen blauen Augen fragend alle Gegenstände um sich an und teilte einmal über das andere ihre Bemerkungen den Begleitern mit, die ihrerseits nicht minder erstaunt und geängstigt schienen über das, was sie sahen. Der fromme Zug hielt auf seinem Wege inne, und war der Zulauf früher schon stark gewesen, so wuchs er jetzt schnell um das Doppelte. Indem jetzt alle stumm um die Gruppe der wunderbaren Fremden standen, trat der Prior des Klosters hervor, und sich an das Mädchen und ihre Begleiter wendend, fragte er, woher sie seien und was sie bewege, in dieser Kleidung zu erscheinen. Auf diese Fragen stürzten der junge Mann und das Mädchen auf ihre Knie nieder und antworteten: »Heiliger Vater, wir sind vor vier Wochen aus der Stadt dort herausgesegelt, und jetzt, da wir durch Gottes wundervolle Rettung wieder die geliebte Erde betreten, jetzt finden wir alle Dinge auf eine wunderbare Weise um uns verändert, wahrlich so, daß wir nicht wissen, wie uns geschieht.« Der Prior sah die Sprechenden mit fragenden Blicken an. »Vor vier Wochen habt Ihr diese Stadt verlassen? Wer seid Ihr und wie heißt Ihr?« Alle vier nannten ihre Namen, doch keiner von den Umstehenden wollte diese gehört haben. »Ehrwürdiger Vater!« rief endlich der Greis in Schiffertracht, »so ist denn Eure gute Stadt seit wenigen Wochen verwandelt worden! Führt mich doch hinein, laßt sehen, ob nicht jedes Kind mir das Haus des Kapitäns Holofernes zeigt, das große schöne Haus an der Reede.« – »Holofernes!« wiederholte der Prior, sich zu der Umgebung wendend, »kennt jemand einen Mann dieses Namens?« Alle schwiegen und warfen mitleidige Blicke auf die seltsamen Ankömmlinge, welche sie jetzt für Geisteskranke hielten. Da endlich drängte sich mühsam durch die Menge die Gestalt eines alten Mannes, und eine stammelnde Stimme rief: »Ich habe ihn gekannt, jenen Kapitän, ich kenne auch diese Leute, die dort stehen! Der Name Gottes sei gepriesen! Ihr Männer dieser Stadt, höret: Diese da sind vor fünfzig und mehr Jahren ausgefahren in die See. Ein junger Bursche war ich und weiß mich der Gesichter gar wohl zu erinnern. Wunder über Wunder! Die Ratschlüsse Gottes sind dunkel und heilig!« Er warf sich mit diesen Worten zu den Füßen der vier fremden Gestalten und brach in laute Tränen aus. Jetzt fanden sich immer mehr Leute, die jene Aussagen bestätigten, die vom Kapitän und seiner Schiffahrt gehört hatten. Adrian und Margarethe hielten sich fest umschlossen, sie wußten nicht, wie ihnen geschehen war. Zu ihren Füßen lag noch immer Anton, der Schiffer, der damals in der Schenke als ein Knabe die Geschichte von seinem Großvater erzählt hatte. Die Welt schien gänzlich verändert, und es wurde ihnen klar, daß sie auf dem Totenschiffe in einen wunderbaren Schlaf verfallen waren, aus welchem erst jetzt eine Geisterhand sie geweckt und an das heimatliche Gestade gebracht hatte. Trotz dieser schrecklichen Gewißheit füllte doch eine beseligende Überzeugung ihren Busen, nämlich, daß sie die einzigen seien, die, aus der Gemeinschaft verlorner Seelen gewählt, bestimmt wurden, wieder ans heitere Licht zu treten. Auf die Fragen, die man an sie tat, antworteten sie immer nur, daß das, was sie erschaut und erlebt, von so fürchterlicher Art sei, daß ein umständlicher Bericht davon ihnen unmöglich werde. Nur dieses stehe fest in ihren Herzen geschrieben, daß der Himmel entsetzliche Strafen verhänge über solche, die seine Gebote verlachten.

Später, als sie nach dem Hause des Holofernes sich erkundigten, zeigte man ihnen einen wüsten Platz, auf dem noch einzelne Mauern standen, dem scheuen Geflügel der Nacht Zufluchtsort. Ein anderer Teil des Platzes war aber zur Kirche gezogen und in eine Sakristei verwandelt worden. Zur Nachtzeit, wenn die See ganz besonders stürme, behaupteten viele Leute, spuke es im verfallenen Gemäuer und es lassen sich öfters zwei Männer drinnen sehen, die die Tracht reicher Seeleute trügen aus älterer Zeit. Die Sage vom fliehenden Holländer blieb aber von der Zeit im Munde des Volks so wie die Geschichte des Kapitäns und der aus fünfzigjährigem Schlafe so wunderbar Erweckten. Martin und der fromme Pater starben bald nach diesen Ereignissen eines ruhigen Todes. Margarethe aber nahm den Schleier, um dem Himmel ein Leben zu weihen, das er auf so wunderbare Weise gerettet hatte. Adrian zog wieder hinaus in die See, um als frommer Schiffer, wozu er erzogen worden war, sein Leben zu schließen. Von dem Kapitän und den Seinigen wurde aber keine Kunde mehr vernommen.

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