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Seemanns-Sagen und Schiffer-Märchen

Heinrich Smidt: Seemanns-Sagen und Schiffer-Märchen - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Smidt
titleSeemanns-Sagen und Schiffer-Märchen
publisherFischer Taschenbuch Verlag
year1977
firstpub
illustratorB. Miller
printrun33.-37. Tausend
editorRolf L. Temming
isbn3-596-21377-0
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100620
modified20150128
projectid3262f091
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Fata Morgana

Die Offiziere des Schiffes standen mit ernsten Gesichtern auf dem Quarterdeck. Vor ihnen der Kapitän mit der Miene des Zorns. Die Mannschaft reihte sich um den großen Mast, bleich, mit klopfendem Herzen und verhaltenem Atem.

Die Stunde des Gerichts hatte geschlagen.

Vor dem Kapitän lag ein junger Seemann auf den Knien und hielt die Hände flehend empor. Feierlich beteuerte er seine Unschuld, aber der Kapitän schüttelte ungläubig das Haupt.

»Du bist ein Sohn Uli Maströms, des Finnen, der den Wind beschwören und Verderben über das Schiff bringen kann, zwischen dessen Planken er weilt. Du hast die verfluchte Kunst deines Vaters geerbt –.«

»Ich beschwöre Euch, Kapitän!« schluchzte der Unglückliche.

»Da hört Ihr es! Er beschwört schon wieder! Sollen wir ihn länger unter uns dulden?«

»Fort mit ihm!« riefen die Offiziere, wie aus einem Munde.

»Fort mit ihm!« hallte es am großen Mast wider.

»Weh mir Armen! Das ist nun meine Strafe, daß ich nicht zufrieden sein wollte in der Beschränktheit des väterlichen Hauses, sondern in die weite Welt hinaus trachtete, wo ich das Glück in aller Pracht und Herrlichkeit erhaschen wollte.«

»Du bist gescholten worden um eines Vergehens willen, gescholten und gezüchtigt«, sprach der Kapitän. »Damals sprachst du auch, du seiest schuldlos und es werde uns übel bekommen. Das ist eingetroffen. Der Sturm brach aus, er machte unser Schiff einem Wrack ähnlich und verschlug es weit von seinem Kurs. Empfange jetzt den Lohn deiner Taten.«

»Ich sterbe schuldlos!«

»Verhüte es Gott, daß wir Hand an dich legen sollten. Wir übergeben dich deiner eigenen Kunst. Es ist dir selbst anheim gestellt, ob du dich retten willst. Hinab mit dir in das Boot, das wir dir bereitet haben und siehe zu, daß du dir den Wind herbeischaffst, der dich heimwärts führt. Wir zweifeln nicht, daß du der erste sein wirst, der uns in der Heimat begrüßt, wenn uns der Herr die Gnade erzeigt, daß wir sie jemals wiedersehen. Lebe wohl, du rüstiger Wetter-Beschwörer! – Glück auf die Fahrt!«

Lautes Gelächter erscholl; ein Gelächter der Offiziere und Matrosen, das grausam in das wunde Herz des Verurteilten schnitt. Am Fallreep lag ein kleines Boot. Ein Mast, ein Steuer, ein Segel und zwei Ruder befanden sich darin. Ihm zum Spott und um ihm die bevorstehenden Leiden noch fühlbarer zu machen, fand er neben seinem Sitz eine reichliche Mahlzeit von Fleisch und Brot und ein Gefäß mit süßem Wasser.

Man stieß ihn über das Fallreep. Seine Kameraden, die ihn früher liebten, haßten ihn jetzt aus Furcht und Aberglauben und riefen ihm höhnende Schimpfworte nach. Man löste die Fangleine des Bootes und die Wellen trugen es fort. Als es aus dem Gesichtskreis des Schiffes verschwunden war, ging der Kapitän in seine Kajüte und strich den Namen des Matrosen Maström aus der Schiffsliste.

Die Blicke des Unglücklichen hafteten fest an dem Schiff, dessen unbarmherziger Führer ihn ausgestoßen hatte. Als es völlig aus seinem Gesichtskreis verschwand, brach er in Tränen aus und versank dann in dumpfe Schwermut.

Als sein Bewußtsein wiederkehrte, umfing Nacht das Meer. Die Sterne senkten Mut und Vertrauen in seine Seele, das Gefühl seiner Unschuld stärkte ihn. Er betete lächelnd: »Vater, in Deine Hände befehle ich meinen Geist!« und schlief ein.

Kaum hatten sich seine Augen geschlossen, als eine Schar von Delphinen das Boot umringte; sie umwanden es mit Ketten, die aus glänzenden Fischschuppen geschmiedet waren, und schlangen sich deren Ende um den Leib. Ein großer Schwarm von fliegenden Fischen tauchte aus der grünen Meerflut auf und flog dem Fahrzeug, das, von den Delphinen gezogen, rasch durch die Wogen schoß, als Wegweiser voran.

Als der erste Strahl der herannahenden Dämmerung über das Meer hinflog, sanken die fliegenden Fische in die Salzflut hinab, die Delphine lösten ihre Ketten und tauchten tief in den Abgrund; der junge, ausgestoßene Seemann erwachte.

Sein maßloses Elend stand hell und klar vor seiner Seele: »Warum soll ich langsam hinsterben, getäuscht von Furcht und Hoffnung, den langsamen, fürchterlichen Hungertod vor Augen? Viel besser, ich ende rasch. Ein Sprung in diese Fluten erlöst mich von jeder Qual!«

Er richtete sich auf, aber regungslos blieb er vor dem Bild stehen, das sich ihm darbot. Nahe vor sich sah er Land. Eine breite, den ganzen Horizont einschließende Felskette dehnte sich vor ihm aus; bald himmelhoch getürmte Berge mit schneebedeckten Gipfeln, bald tiefe Einschnitte, die den Blick in ein reizendes Tal gewährten.

Tränen der Freude stürzten aus seinen Augen; er setzte die Ruder ein und trieb sein Boot dem Strand entgegen. Ein wunderbarer Zauber schien auf diesem Teil des Ozeans zu ruhen; die Fläche desselben wurde immer ebener und den Fuß der Felsen umrauschte keine Brandung. Das Meer, von der steigenden Sonne bestrahlt, erschien wie ein ungeheurer Brennspiegel.

Maström traute seinen Augen nicht, als er jetzt nahe an die Küste kam, das Boot mitten durch die Felswand hinfuhr, und auf einer Blumenwiese stillstand. Er stieg aus und ging wie ein Träumender langsam weiter; aber wenn er die Hand nach den glänzenden Blumen ausstreckte, bogen sie sich zurück; er griff in die leere Luft: Alles schien nur Dunst und Schaum zu sein.

Plötzlich erblickte er eine aus Gold und Elfenbein kunstreich zusammengefügte Pforte mit der diamantenen Inschrift: »Reich der Fata Morgana.«

Als der Wanderer sich der Pforte näherte, sprang diese auf und er schritt ungehindert hindurch. Er stand vor einem reichblühenden Garten, der mit den seltensten Blumen und Gewächsen geziert war. Die Blätter an den Bäumen und Pflanzen aber strahlten in des Regenbogens sieben Farben und waren mit goldenen und silbernen Rändern eingefaßt. Kristallhelle Quellen plätscherten durch die Ebene hin und auf den Fluten wiegten sich kunstreiche Muscheln und andere seltsame Gestalten, die sich auf und ab bewegten und eine liebliche Musik ertönen ließen.

Der überraschte Jüngling blieb am Eingang dieses Zaubergartens stehen. Luftige Mädchengestalten schwebten ihm entgegen, winkten ihm mit süßem Lächeln und zogen ihn mit sanfter Gewalt in das Innere des Gartens.

»Wohin führt ihr mich, ihr schönen Engel?« fragte er leise, aber sie antworteten nicht, sondern tanzten, kaum den Boden berührend, vor ihm her. Da stieg aus der Tiefe ein Thron empor, der mit einem Meer von Sternen übersät war. Darauf saß ein Weib voll Schönheit und Majestät, anzuschauen wie eine Göttin und Königin, denn Himmlisches und Irdisches spiegelte sich auf ihrem Gesicht, beides in gleicher Vollkommenheit. Hier winkten die Mädchen ihm mit freundlichen Gebärden und verschwanden im Gebüsch.

»Sei mir in meinem Reich willkommen, Jüngling«, sprach die Herrscherin mit überaus lieblicher Stimme. »Durchwandere es nach allen Richtungen und sei ein glücklicher Bürger. Alle Schätze, die du hier siehst, sind dein, wie sie das Eigentum eines jeden sind, der hier seine Wohnung aufgeschlagen hat. Die Menschen schelten mich und das Reich meiner Wunder. Sie spotten meiner, sie nennen mich eine Dämonin des Unheils, die alles verspricht, aber nichts wirklich gibt, und nennen, was ich zu ihrem Heil beginne, eine endlose Täuschung. >Die Toren! Als ob sie es auf ihrer Erde besser hätten, als ob ihr Haschen und Streben nach Glück und Ruhm etwas anderes wäre als eine fortgesetzte herbe Täuschung, dessen größter Fluch ist, daß sie das Bewußtsein derselben mit sich herumtragen. Hier aber erwachen wir nicht zu einer solchen schmerzensreichen Überzeugung. Täuscht hier eine Hoffnung, geht in demselben Augenblick eine neue auf; in nie endender fröhlicher Erwartung schwinden unsere Tage dahin. Noch einmal – sei in dem Reich der Fata Morgana willkommen!« Sie streckte mit anmutigem Lächeln dem Jüngling ihre Rechte entgegen, und dieser, selig in dem Anschauen der reizenden Frau, beglückt von ihrer Schönheit, berauscht von dem bloßen Klang ihrer Worte, deren Sinn nicht erfassend, schwankte die Stufen des Throns hinan, um die dargebotene Hand zu fassen, aber plötzlich war das majestätische Weib verschwunden und an ihrer Stelle saß er selbst auf dem Thron, in der Hand das Zepter, auf dem Haupt die Krone.

Bestürzt ob des Unerwarteten streckte er die Hand mit dem Zepter aus, als wollte er ein geahntes Unheil von sich abwehren und von allen Seiten schwebten die Bewohner dieses luftigen Reiches heran. Ohne Aufenthalt trieben sie sich ruhelos im bunten Gewühl durcheinander, und einzelne Stimmen riefen: »Heil dir, der du unser König bist und dich unserer Königin vermählst. Du sitzest auf ihrem Stuhl und regierest an ihrer Statt. Sei ein weiser Fürst und betrübe deine treuen Untertanen nicht, wir gehören dir mit Leib und Seele und wollen jedem deiner Winke gewärtig sein.«

»Wohlan denn!« rief Maström und erhob sich von seinem Sitz, indem er gebietend auf die Menge schaute, die sich vor ihm neigte. »So will ich denn mitten unter euch treten, und indem ihr mir huldigt, die Freuden des Herrschertums mit vollen Zügen einschlürfen.«

Er stieg vom Thron und wollte sich in das bunte Gewühl der Menschen stürzen, das sich endlos vor ihm ausdehnte. Da sanken diese vor seinen Augen in den Abgrund, und an ihrer Stelle sproßte der Wald von Blumen auf, von seinem Haupt schwand die Krone, das Zepter entfiel seiner Hand, der Thron stürzte hinter ihm zusammen, er selbst sank, von einem bittern Schmerz durchzuckt, zu Boden.

Als er aus seiner Betäubung erwachte, lag er auf üppigem Rasen, am Ausgang eines Gehölzes. Vor ihm dehnten sich weite Saatfelder aus, in deren Mitte ein spiegelheller See erglänzte. An dessen Ufer standen einfache Häuser unter früchteschweren Bäumen, und unter diesen tanzte eine bunte Schar glücklicher Landleute. Mit Entzücken betrachtete er dies Bild glücklicher Menschen. Er sah ihre Tänze, er hörte ihre Gesänge, und in seiner Brust wurde der Wunsch lebendig, daß es doch diesmal keine Täuschung sein möge.

Er war so sehr im Anschauen der Szene, die sich vor ihm entfaltete, versunken, daß er einen Greis nicht bemerkte, der ihm seit geraumer Zeit zur Seite stand, und ihn aufmerksam beobachtete.

»Dies Bild eines einfachen, glücklichen Lebens gefällt dir, mein Sohn«, sprach der Greis. »Ich durchschaue dich und weiß, daß in deiner Brust sich der Gedanke regt, unter diesen Glücklichen zu wohnen und ihre Lust und ihre Freuden, ihre Arbeit und ihre Sorge zu teilen.«

Ein Glutstrahl flammte aus den Augen des Jünglings: »Wenn mir das vergönnt wäre!«

»Es ist dir vergönnt«, sprach der Greis. »Ich will dich zu ihnen geleiten.«

Beide gingen nebeneinander her und verkürzten sich die Zeit mit fröhlichen Gesprächen, als sie aber das Ziel fast erreicht hatten, verschwand der Greis und alles hüllte sich in einen undurchdringlichen Nebel. Abermals bitter getäuscht, warf sich der Jüngling im Schmerz zu Boden und netzte ihn mit seinen Tränen.

Aufs neue erweckte ihn ein Strahl der Hoffnung zum fröhlichen Leben, aber ebenso schnell stürzte sie ihn wieder in den Abgrund der Verzweiflung. Der Strahl der Liebe drang in sein Inneres, allein als er den heiß ersehnten Gegenstand an sein Herz drücken wollte, war er verschwunden. Nacheinander winkten ihm das Glück der Freundschaft, die Fülle des Reichtums und die Macht des Wissens; aber alles wich vor ihm zurück, wenn er die Frucht des Strebens genießen wollte, und nichts blieb, als eine herbe bittere Täuschung, die ihm heiße Tränen erpreßte.

Von so vielen Erwartungen betrogen, gestürzt aus so vielen Himmeln, die ihm nach und nach die Befriedigung seiner Wünsche verheißen hatten, sank er, vom Schmerz überwältigt, zusammen und klagte den Himmel an, daß er ihn zu einem so traurigen Dasein erhalten habe. Da sah er durch den Tränenschleier eine majestätische Frauengestalt, die mit sanfter Stimme sprach: »Worüber beklagst du dich, Sterblicher? Du bist an der Küste meines Reiches gelandet und ich habe dich gastfreundlich aufgenommen. Du hast die Glückseligkeit genossen, die seinen Bewohnern zuteil wird und die Täuschungen erfahren, deren keiner von ihnen entgeht. Du hast in einem Spiegel das Geschick deiner Zukunft geschaut. Die Zeit, die du in meiner Nähe zubrachtest, ist dir nicht verloren. Wenn du wieder zu deinen Brüdern zurückkehrst, wirst du Kraft genug besitzen, um wegen einer fehlgeschlagenen Hoffnung nicht zu unterliegen. Das ist der Segen, den ich dir mitgebe, in dem Augenblick, da du im Begriff bist, mein Reich zu verlassen.«

Beruhigt von diesen milden Worten sank Maström huldigend vor der Königin in den Staub. In seine Seele war stiller Frieden eingezogen, und frohen Mutes schritt er wieder durch die Pforte hinaus, durch die er früher in das Reich des Zaubers eingetreten war.

 

Wiederum war es Morgen, und ein tiefblauer Himmel strahlte auf die Küste von Finnland herab. Am Strand sammelten sich die Fischer und blickten auf das Meer hinaus. Hoch auf den Wellen schwebte ein schwarzer Punkt, der ihre Aufmerksamkeit fesselte.

»Es ist ein schlafender Walfisch!« rief der eine.

»Oder ein Boot!« ein anderer.

Es war ein Boot. Die Wellen trugen es immer näher und warfen es endlich hoch auf den Sand. Alle Neugierigen eilten herbei und fuhren vor Erstaunen zurück, als sie darin einen Mann erblickten, der am Boden ausgestreckt lag und sanft schlief. Sie mußten ihn stark rütteln, bis er erwachte.

»Ein Wunder! Ein Wunder!« schrien die Männer. »Das ist Uli Maströms Sohn, des wetterkundigen Mannes, den wir mit seinem Schiff auf entfernten Meeren glaubten, und der uns nun plötzlich in der Heimat erscheint.«

»Wie kommt es, daß du, nach länger als einem Jahr, auf diese Weise zu uns zurückkehrst?«

»Ich weiß es nicht. Eine unsichtbare Hand hat mich hierher geführt. Wohin sie mich aber in Zukunft noch leitet, sie wird mich stets zum Glück führen. Von ihr bin ich während eines langen Weges beschirmt worden und ich habe erkannt, was zu meinem Frieden dient. Geleitet mich in die Hütte meines Vaters, dort will ich euch erzählen, was mir begegnet ist. Fortan wird dort nur Freude sein, denn ich will ihn nicht dadurch betrüben, daß ich stets von ihm wegstrebe, einer unbekannten Ferne, einem unbekannten Glück entgegen. Ich werde in meiner Beschränktheit zufrieden sein, seit ich weiß, daß unser Heil nur in unserer eigenen Brust ruht und ohne dasselbe alle Herrlichkeiten, alle Pracht, aller Glanz, die das Leben uns bieten, nichts als eine herbe Täuschung sind.«

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