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Seemanns-Sagen und Schiffer-Märchen

Heinrich Smidt: Seemanns-Sagen und Schiffer-Märchen - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Smidt
titleSeemanns-Sagen und Schiffer-Märchen
publisherFischer Taschenbuch Verlag
year1977
firstpub
illustratorB. Miller
printrun33.-37. Tausend
editorRolf L. Temming
isbn3-596-21377-0
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100620
modified20150128
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Der Schiffbrüchige

Auf einer schroffen, kaum zugänglichen Klippe stand ein Mann. Er zitterte vor Frost und Hunger. Vor ihm, um ihn brandete das Meer, in weiter Ferne lag die schneebedeckte Küste von Norwegen.

Schon zweimal war die Sonne aufgegangen, seit er auf diesem Felsen stand; jetzt sank sie abermals blutig rot dem Westen zu, und bald drohte die Nacht ihn aufs neue mit ihrem Trauermantel zu verhüllen. Der Unglückliche sank in die Knie und sprach mit ersterbender Stimme: »Mein Herr und Gott! Hast Du mich darum aus dem furchtbaren Schiffbruch, der alle meine Brüder das Leben kostete, gerettet, damit ich hier eines noch jämmerlicheren Todes sterben soll? Erbarme Dich meiner Jugend und sende mir ein Fahrzeug, damit mir Hilfe zuteil werde, so lange sie mir noch nützen kann.«

Wie furchtbare GigantenRiesen der griechischen Sagenwelt. ragten die schwarzen Felsen in den bewölkten Himmel hinauf. Ihr Haupt war mit weißglänzendem Schnee bedeckt; um ihren Fuß brauste das Meer und brandete hoch daran empor. Tausende von Möwen mit ihrem weißschimmernden Gefieder schlugen mit den Flügeln und krächzten vor Hunger. Ein prächtiger Seeadler schwebte hoch über allen; plötzlich stürzte er in die scheue Vogelschar, packte mehrere mit seinen Klauen und flog zu seinem HorstNest der Raubvögel zurück. Ein ungeheurer Walfisch tauchte aus den Wellen auf und blies einen furchtbaren Wasserstrahl von sich. Aber kein Fahrzeug ward sichtbar, das sich rettend der Klippe genähert hätte, auf welcher der Schiffbrüchige stand.

»So muß ich umkommen«, jammerte er, »fern der Heimat, fern von einem menschlichen Wesen, das meinen letzten Atemzug hört. Ich kann nicht sterben! Ich bin ja noch so jung, habe noch so wenig meine Jugend genossen. Alle Entbehrungen will ich tragen, arbeiten will ich vom frühen Morgen bis zum späten Abend, und während der Nacht, wenn alle schlafen, will ich Netze stricken und ausbessern; ich will nicht mehr lachen, tanzen und springen: ich will nur leben.«

Der obere Rand der Sonne berührte den Horizont und umhüllte das brandende Meer mit einem rosigen Schleier. Da trat aus einer Felsspalte ein kleines, freundliches Männchen mit einer roten Mütze auf dem Kopf und stellte sich dem Schiffbrüchigen mit einem heiteren Lächeln gegenüber.

Ihr kennt sicherlich Niß! Ihr wißt von diesem nordischen Schutzgeist, dem gutmütigen Hauskobold, der in Skandinavien herrscht. Dort hat jeder Palast, jede Hütte, jede Höhle seinen Niß-Puck, und wehe dem Haus, das einen solchen entbehrt. Dort haben die Netze so weite Maschen, daß alle Fische durchschlüpfen, dort hat das Boot einen unsicheren Kiel und geht mit Mann und Maus zugrunde. Niß facht das Feuer an und spricht den Segen über den Kessel, damit sein Inhalt sich verdreifache.

»Tritt ein, du armer Mann, in meine Höhle«, sagte Niß mit freundlichem Grinsen. »Deine Mutter hat meinen Bruder viele Jahre in ihrem Haus beherbergt und ihm stets ein tüchtiges Stück Butter in seine Grütze gesteckt; dafür will ich dich an ein Feuer setzen, das dich trocknet und dir Speise und Trank reichen, damit du dich erquicken kannst. Nur eines beachte wohl: Du wirst manches bei mir hören und sehen, was du bis jetzt noch nicht kanntest. Sieh dich vor und strecke nicht vorwitzig die Hand danach aus; denn wer das eine hat, und das zweite begehrt, ist auch mit dem dritten und vierten nicht zufrieden, und du hast eben erst gesagt, daß du nur leben und nichts als leben wolltest. Werde also nicht habsüchtig und hochmütig.«

»Ach, du mein guter Niß«, sagte der Mann, Krake geheißen, demütig. »Wie sollte ich solch Sträfliches tun? Du willst mich an ein Feuer setzen und mir Speise und Trank reichen, mehr brauche ich nicht.«

»So kommt«, sprach Niß und führte Krake durch die Felsenspalte. In demselben Augenblick war der Geist verschwunden.

Krake wollte seinen Sinnen nicht trauen, als er sich plötzlich in einen Raum versetzt sah, der mit einer Schiffskajüte die größte Ähnlichkeit hatte. Auf der langen Tafel in der Mitte stand eine tüchtige Mahlzeit, und in dem Kamin brannte ein hochaufloderndes Feuer.

»Setzt Euch, Freund«, sprach ein freundlicher Mann, der wie ein Schiffer gekleidet war. »Ihr habt wahrscheinlich Euer Fahrzeug verloren, und solche Leute sind hier immer willkommene Gäste. Geht zum Feuer und trinkt aus der Kanne, das wird Euch wohltun.«

Krake tat, wozu er aufgefordert wurde, und fühlte sich von wonnigen Schauern durchrieselt. Da traten von verschiedenen Seiten mehrere Seeleute ein und ließen sich an einem wohlbesetzten Tisch nieder, Krake mitten unter ihnen, der viel auf seine Backsgenossen horchte, die ihre Reiseabenteuer erzählten. Dann gingen sie wieder fort, und Krake streckte sich behaglich auf sein Lager.

Anfänglich gefiel es Krake in dieser Gesellschaft gar gut, als er aber sah, daß seine Gefährten alle um vieles besser gekleidet waren, fing er an, sich zu schämen und äußerte laut, daß er ebenso gut wie die übrigen behandelt zu werden wünsche. Der Wirt deutete schweigend auf eine Tür, und diese führte in eine geräumige Kammer, an deren Wänden so viele gute und zum Teil prächtige Kleider hingen, daß dem armen Krake die Wahl ordentlich schwer wurde. Als er nachher stattlich angetan zu den Gefährten zurückkehrte, die bereits mit der Mahlzeit warteten, konnte er ein gewisses Wohlbehagen nicht verbergen und suchte die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Aber auch dieses Glück war nur von kurzer Dauer; das ewige Einerlei ward ihm höchst langweilig. Er legte sich nieder, um nach einigen Stunden wieder aufzustehen, aß mit den bekannten Gefährten täglich dieselben Speisen und hörte sie täglich dieselben Abenteuer erzählen.

»Leben ist jedenfalls besser als sterben«, sprach er vor sich hin. »Und hier in dieser Kajüte ist es behaglicher als draußen auf der Klippe, aber man muß auch etwas zu tun haben, sonst stirbt man doch zuletzt vor Langeweile.«

Aber die Tage flossen in großer Einförmigkeit vorüber, und er rief eines Morgens völlig außer sich: »Soll ich mein Leben in dieser kleinen Kajüte verbringen? Die anderen kommen doch heraus, warum ich nicht? Zeigt mir den Weg ins Freie!«

Statt einer Antwort deutete der ernste Wirt auf eine Tür. Krake ging hinaus und stand mitten auf dem Markt einer dem Anschein nach sehr wohlhabenden und lebendigen Stadt; Menschen, Wagen und Karren streiften an ihm vorüber, und in dem nahen Hafen wehten auf den zahlreichen Schiffen die Flaggen aller Nationen.

»Ho! Ho!« rief Krake überrascht. »Was ist denn das?«

Der unerwartete Anblick aller dieser Herrlichkeiten verwirrte ihn so sehr, daß er ganz vergaß, sich den Ort zu merken, von dem er ausgegangen war, und mit dem Menschenstrom träumend weiter schritt.

»Grüße dich Gott, junger Gesell!« sprach ein ansehnlicher Mann zu ihm. »Warum gaffst du Menschen und Häuser an? Du scheinst mir nicht allzuviel Arbeit zu haben, darum magst du an Bord meines Schiffes gehen, wo du alles vollauf findest, was du brauchst.«

Krake war damit zufrieden und erwarb sich bald die Gunst des Schiffsherrn, der ihn, als sie zusammen in See gingen, immer um sich haben wollte. Das gefiel dem Krake anfangs nicht schlecht, aber auf die Dauer wurde es ihm doch zur Last.

Krake führte zwar ein angenehmes Leben, aber der Kapitän hatte es noch besser und ward reichlicher bezahlt. Das bemerkte er schon längst mit Unmut und sagte es endlich frei heraus.

Der Eigner des Schiffes sah ihn eine Zeitlang ernst an und sagte darauf: »Das gefällt mir nicht, daß du mit dem unzufrieden bist, was ich dir so reichlich gewährte. Aber ich habe dich lieb gewonnen, und wenn du darauf bestehst, der erste nach mir zu sein, so soll es geschehen.«

Der Kapitän ward nun von dem Schiff entfernt, und Krake zog als Befehlshaber auf das wogende Meer hinaus. Bald darauf erblickten sie ein sanft ansteigendes Ufer und darauf eine große Stadt mit prächtigen Türmen und glänzenden Häusern. Die Seefahrer konnten sich gar nicht daran satt sehen.

»Hier wollen wir Anker werfen«, sagte der Eigner des Schiffes, »denn hier wohnen mein Weib und mein Kind, die ich lange nicht gesehen habe. Steuern wir in den Hafen hinein.«

Sein Gönner behandelte Krake mit Auszeichnung. Er ließ ihn in seinem prachtvollen Haus wohnen, und alle seine Angehörigen benahmen sich freundlich gegen ihn. Aber trotz aller Aufmerksamkeiten, die ihm erzeigt wurden, fühlte er sich doch bald unbehaglich. Er sah seinen Herrn weit mehr geachtet als sich selbst und galt nur als dessen erster Diener; auch sollte er sich vor den Reicheren und Mächtigeren bücken, was ihm noch weniger gefiel. Am meisten aber ärgerte es ihn, daß er die holdselige Tochter des Hauses als Gebieterin ehren sollte, obwohl er sie doch zum Weibe sich wünschte. Weil ihm nun seit seiner Befreiung von der Felsenklippe alles geglückt war, trat er keck an den Vater heran und forderte dessen Tochter von ihm. Da brach der Zorn des Hausherrn los; er befahl dem übermütigen Buben, sich sogleich zu entfernen und seine Schwelle nicht wieder zu betreten.

Aber Krake gab seine Wünsche nicht so leicht verloren. Er wußte, daß seine jugendlich schöne Gestalt einen tiefen Eindruck auf das Mädchen gemacht hatte; er gewann sie heimlich für sich und beide entflohen. Diese Flucht brach dem armen Vater das Herz. Aber als er sein Ende herannahen fühlte, ließ er die Flüchtlinge zu sich kommen, reichte ihnen die zitternde Hand zur Versöhnung und starb.

Nun hatte Krake den Gipfel des Glücks erreicht. Er besaß das schönste Weib und alle Güter der Erde. Aber immer wurde ein neuer Wunsch in ihm rege, wenn er bei irgendeinem Freunde etwas erblickte, was ihm noch fehlte, und er spannte alle Kräfte an, um es für sich zu erreichen.

Seine Kinder wuchsen heran und machten allen Menschen Freude, nur dem eigenen Vater nicht. Dem waren sie zu still und einfach; sie strebten viel zu wenig nach äußerem Glanz. Darum verachtete er sie, und seine Frau, der er alle Schuld daran beimaß, durfte ihm schon seit langem nicht mehr unter die Augen kommen.

»Nein!« rief Krake einst voll Ingrimm. »Es ist nicht länger zum Aushalten. Ich bin hier nun der Erste und kann mich doch meiner Herrlichkeit nicht freuen. Hier ist es oft Monate lang kalt und tot; Schnee und Eis bedecken die volle Blumenpracht meiner Gärten. Ich will hinaus in jene Länder, wo, wie meine Schiffer mir erzählen, ein ewiger Sommer glüht und das Glück des Lebens einzig und allein zu finden ist.«

Er sammelte seine Reichtümer und kümmerte sich wenig um die Tränen, die seine zurückbleibende Gattin und die Kinder um ihn weinten.

Ein günstiger Wind führte ihn der glücklichen Zone entgegen, und als er eines Morgens die Augen aufschlug, lag das Wunderland vor ihm in voller Pracht und Herrlichkeit.

»Nun habe ich, was ich wünsche!« rief er, als er das Ufer betrat. »Nun bin ich für mein ganzes Leben zufrieden. Nun soll kein Wunsch mehr über meine Lippen kommen, und wenn es dennoch so ist, will ich wieder auf der eisigen Felsenklippe liegen, von der mich der Niß erlöst hat.«

»So sei es!« ertönte eine feierliche Stimme und vor ihm stand ein ehrwürdiger Greis mit glänzendem Silberbart. Er trug ein schneeweißes Gewand, um den Leib eine goldene Binde, und einen Perlenreif um das ehrwürdige Haupt.

»Wer bist du?« fragte Krake, den Greis scheu von der Seite anblickend.

»Ich bin der Herrscher dieses Landes und habe mein Leben hier friedlich zugebracht. Weil du aber den Wunsch geäußert hast, hier zu wohnen, sollst du König sein an meiner Statt. Das Schicksal hat es so gefügt, darum bist du mir keinen Dank schuldig und ich nehme nur deinen Eid mit mir hinweg.«

Krake schlich träumend weiter. Bei jedem Schritt erblickte er neue Reize und pries sich glücklich. Zuletzt trat ihm die hohe königliche Burg entgegen mit ihren silbernen Mauern und Türmen und der goldglänzenden Eingangspforte. Er wurde von einer zahlreichen Dienerschaft empfangen und zu einem erlesenen Mahl geführt. Wohlbehaglich ließ er sich auf den Königssitz nieder und war fröhlich und guter Dinge, als sich ihm ein Mann von hohem Alter nahte.

»Ich bin dein erster Minister, der vom Schicksal dazu ausersehen ist, alle Sorgen und Lasten für dich zu tragen, und darauf zu sehen, daß dir keine Annehmlichkeit des Lebens fehle. So genieße denn, was ein günstiges Geschick dir bestimmte.«

Das tat Krake redlich. Aber als er seine Städte, Schlösser und Gärten mehrfach durchwandert und sein Gold mehr als hundertmal gezählt hatte, war er es überdrüssig, und er sprach voll Mißmut: »Was soll mir das alles? Ja, wenn ich noch meine früheren Bekannten hier hätte! Aber so lebe ich hier mit fremden Menschen, die nichts weiter können als gehorchen, und bin mit all meiner Pracht allein.«

Da erschien der Minister und sah ihn mit ernstem Vorwurf an. Aber er achtete nicht darauf, sondern sprach in seinem Unmut weiter: »Wofür wäre ich König, wenn nicht alles nach meinem Willen ginge? Man soll mir sogleich gehorchen! Es sollen Schiffe ausgerüstet werden, denn ich wünsche endlich –«

Da tobte und raste es durch die Luft, als sollte die Erde bis in ihre Grundfesten erschüttert werden. Dichte Finsternis senkte sich herab und die Gestalt des königlichen Greises hob drohend den Stab: »Zurück mit dir in das Nichts, dem du entstiegen bist! Wer nicht ein zufriedenes Herz mitbringt, für den bemüht sich das Glück umsonst. Lebe fortan der Reue!«

Mit diesen Worten verschwand der Greis und Krake sah nur noch, wie Niß-Puck mit der roten Mütze in der Hand zu ihm trat – dann sank er bewußtlos zusammen.

 

Die Sonne tauchte hell und glänzend aus dem Meer, und die Wellen sprangen, vom Ostwind gepeitscht, gegen den Felsen auf. Da erhob sich ein Mann und blickte mit weit aufgerissenen Augen umher. Das Alter hatte tiefe Furchen in das Gesicht des Mannes gegraben, sein langer Bart war silberweiß, der Scheitel kahl, und nur wenige Fetzen deckten die zusammengeschrumpfte Gestalt. Er faßte nach seinem Haupt und Bart und fuhr erschrocken zurück.

»Hilf, Herr und Gott! Wie manches Jahr muß ich auf dieser Klippe verträumt haben! Ein ganzes Leben verträumt! Lasse es mit mir enden, Du starker und fürchterlicher Gott, denn was wäre ich nun noch nütze und wie unglücklich würde ich sein, wenn die Wünsche meines Herzens nochmals erwachten. Darum laß mich sterben, damit ich nicht aufs neue so fürchterlich träume!«

Als am anderen Morgen ein Boot an der Klippe anlegte, fanden die Fischer, die ihre Netze hier trocknen wollten, den Leichnam eines unbekannten Greises. Sie nahmen ihn mit sich und begruben ihn in geweihter Erde.

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