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Seemanns-Sagen und Schiffer-Märchen

Heinrich Smidt: Seemanns-Sagen und Schiffer-Märchen - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Smidt
titleSeemanns-Sagen und Schiffer-Märchen
publisherFischer Taschenbuch Verlag
year1977
firstpub
illustratorB. Miller
printrun33.-37. Tausend
editorRolf L. Temming
isbn3-596-21377-0
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100620
modified20150128
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Die Rose von Seeland

Die Wogen des baltischen MeeresDie Ostsee. stürmten an SeelandsHauptinsel Dänemarks. grünenden Ufern vorüber.

Wenn um die frühe Morgenstunde der erste Sonnenstrahl auf den bewegten Wellen zittert, dann blitzt es auf wie Perlen und Diamanten, eine leuchtende Purpurröte bedeckt die wallende Fläche; die hüpfenden Wellen scheinen einen Blätterkranz zu bilden, aus dessen Mitte seltsame Zauberblumen hervorsprießen.

Der Fischer steht mit übereinandergeschlagenen Armen an der Küste; er beschaut sinnend das herrliche Naturspiel und murmelt vor sich hin: »Das ist die Rose von Seeland.«

Die Rose von Seeland war ein junges Mägdlein, die Tochter eines Fischers. Sie ist schon längst verstorben, aber noch immer lebt ihr Andenken im Munde des Volkes. Der Küstenbewohner jener stolzen Insel ist nicht unempfindlich für die Reize der Jugend und Schönheit; er preist, er bewundert sie, wenn er ihnen begegnet; aber im stillen setzt er hinzu: »Es ist doch nicht die Rose von Seeland!«

Rose war noch nicht ganz sechzehn Jahre alt; leicht und zierlich gebaut wie eine Nymphe, in ihrem Kopf zwei blaue Augen, feuchtschimmernd wie zwei hellglänzende Seesterne, eine vollkommene Tochter des Meeres. Des Vaters Auge ruhte voll unaussprechlicher Wonne auf ihr, die Blicke der Liebhaber folgten ihr mit Entzücken. Wer einmal einen recht frohen Tag haben wollte, der klopfte an ihre Hütte und sagte: »Schöne Rose, lächle mir zu!« Das tat sie und kein Mißgeschick rief im Lauf des Tages eine Wolke auf seine Stirn. Wer eine große Herzensqual erduldete, der trat ihr in den Weg und sprach: »Schöne Rose, sieh mich an!« – dann richtete sie einen Blick des unnennbaren Mitleids auf den Unglücklichen, und alsbald versiegten seine Tränen.

Rose war der Schutzengel von Seeland.

Die Jünglinge entbrannten in unsäglicher Liebe für sie, aber ihr Herz blieb ungerührt. Von allen Seiten strömten reiche und schöne Freier herbei, die ihr den Himmel auf Erden verhießen, aber Rose schlug alle aus, und der Vater konnte nichts tun, als die Verschmähten bedauernd zu entlassen.

Rose fühlte sich glücklich in ihrer Freiheit; sie wollte selbst eine goldene Fessel nicht dulden. Die Blume, die ohne Zwang in freier Gottesluft erblüht, duftet und leuchtet am schönsten.

Die Leidenschaft ist aber mächtiger als der Wille des Menschen, denn die Leidenschaft bricht diesen Willen. Auch Rose mußte sich dieser mächtigen Tyrannei beugen. Von dem Augenblick an wurde sie still und verlegen; sie zog sich von ihren Gespielinnen zurück; ihre Augen füllten sich mit Tränen, ihr Lächeln war verschwunden: sie blickte seufzend zu dem gestirnten Himmel auf, und wenn die erregten Wellen gegen das Ufer brandeten, breitete sie sehnsüchtig die Arme aus. – An dem entferntesten Ende der Insel hatte ein furchtbarer Sturm gewütet; die Wellen zerstörten ein ganzes Dorf und verschlangen die geringe Habe der Einwohner, die nun händeringend die Stätte des Jammers verließen und nach allen Himmelsgegenden auswanderten, um eine neue Heimat zu suchen.

Rolf, ein kräftiger Jüngling, schritt über den mit Kies und Muscheln besäten Strand. Auf seinem Rücken trug er die wenige Habe, die er aus dem Sturm gerettet hatte; an seinem rechten Arm hing eine alte Frau mit verweinten Augen – seine Mutter; zu seiner Linken wankte sein Vater – ein lebensmüder Greis; aber Rolf schritt ungebeugt mit dieser dreifachen Last die freudlose Bahn und erreichte endlich das Dorf, worin Rose wohnte. Er klopfte an ihre Hütte, weil diese zunächst lag, um Aufnahme für seine Eltern zu erbitten; als sie aber heraustrat und den Jüngling anblickte, schlug sie verwirrt die Augen nieder und rief den Vater. Die Verirrten fanden hier eine neue Heimat. Sie erhielten eine Hütte und ein Boot; man gab ihnen Netze, worüber der Pfarrer den Segen sprach. Rolf steuerte mit den jungen Leuten des Dorfes auf das Meer hinaus; er teilte ihre Arbeiten wie ihre Freuden, und bald war es ihm, als habe er nie eine andere Heimat gehabt.

Rolf und Rose sahen sich täglich, aber sie blickten sich nur verstohlen an und hatten füreinander noch keine Worte. Er kam mit vollem Herzen zu ihr, aber die Lippen versagten ihm den Dienst; sie eilte ihm voll seliger Erwartung entgegen, aber wenn sie vor ihm stand, schlug sie die Augen zu Boden.

Eines Tages fuhr Rose mit ihrem leichten Boot auf das Meer hinaus; sie war eine kundige Schifferin und wußte Bescheid mit dem Lenken des Steuers. Rolf stand am Ufer und sah, wie der Kiel die Fluten durchschnitt.

»Soll ich dir helfen, Rose?« rief der Jüngling. »Nimm mich zum Geleitsmann!«

Sie aber schüttelte mutwillig den Kopf und flog hinaus auf den glatten Spiegel der See.

Niemand außer Rolf hatte das Wagestück der Jungfrau gesehen. Er blickte ihr seufzend nach und blieb mit seinen Träumen allein. Das Boot schwamm in der Ferne, einer rasch fliegenden Möwe nicht unähnlich; die Sonne glühte und ihre Strahlen spiegelten sich auf der Fläche des Meeres, das goldbesticktem Purpur glich.

Aber plötzlich bezog sich der Himmel mit schwarzen Wolken; die Fische sprangen unruhig aus der Flut empor, die Möwen flogen krächzend dem Ufer zu. Rolf schreckte aus seinen Träumen auf, er warf einen forschenden Blick umher, aber das Boot des Mägdleins war nicht mehr zu erspähen.

»Heiliger Gott!« rief er erschreckt. Weiter vermochte er nichts hervorzubringen. Aber blitzschnell war er in ein Fahrzeug gesprungen, hatte die Segel gesetzt und flog auf die bereits erregte Flut hinaus. Der herannahende Sturm rief die Gefährten des jungen Fischers aus ihren Hütten; sie sahen die nahe Gefahr, der er sich preisgab; sie schrien ihm nach, aber er schaute sich nicht um, er hörte ihre warnenden Stimmen nicht mehr, er wollte sie nicht hören.

Er steuerte auf die See hinaus. Immer reißender wurde die Strömung, immer höher stiegen die Wellen, immer undurchdringlicher starrte ihm die Finsternis entgegen. Der Sturm heulte und pfiff, die schäumende Flut rollte hoch über ihn hinweg. Da sah er das Boot, mit dem sich Rose hinausgewagt hatte; der Mast war gebrochen, das Segel verschwunden. Auf dem Boden ihres Fahrzeugs lag das liebliche Mädchen, ohne Bewußtsein. Es gelang ihm mit großer Anstrengung, sie aus ihrer schrecklichen Lage zu befreien, und mit wehem Herzen trat er die Heimfahrt an.

An der Küste herrschte Verwirrung über Verwirrung. Die jungen Leute hatten von Rolfs Fahrt gesprochen; die Alten schalten diese unüberlegt, töricht. Aber bald darauf wurde auch Rose vermißt. Ihr Boot fehlte, samt den zierlichen Netzen und Angeln, und nun erriet man alles. Der Vater des Mägdleins flehte seine Freunde um Beistand an, aber auch dem Beherztesten fehlte der Mut, sich in eine so offenbare Gefahr zu stürzen.

Die Nacht brach herein, man trug große Haufen von Reisig zusammen. Die Flammen wirbelten in den dunklen Nachthimmel empor: sie sollten den Irrenden auf dem Meer als sicherer Wegweiser dienen.

Plötzlich vernahm man vom Strand her lautes Freudengeschrei. Rolfs Wagestück war gelungen, er sprang, die willkommene Beute im Arm, an das Ufer. Rose erholte sich allmählich und überbot sich in den lebhaftesten Ausdrücken des Dankes; ihr Vater empfing sie aus seinen Händen und rief den Segen des Himmels auf den Retter seines Kindes herab.

Von diesem Augenblick an galt Rolf als der begünstigte Freier der schönen Rose und die gutmütigen Fischer konnten nicht begreifen, daß das Mägdlein noch immer mit dem Jawort zögerte. Drang er auf endliche Entscheidung, lief sie laut lachend davon. Wandte er sich dann verdrießlich von ihr, kehrte sie plötzlich zurück, zog ihn schäkernd mit sich fort zum Strand und sie ruderten mitsammen auf das Meer hinaus. Waren sie nun weit genug von der Küste, um nicht beobachtet werden zu können, zog sie die Ruder ein, und indem sie den schönen Jüngling mit gefalteten Händen ansah, und einen demütigen Blick auf ihn richtete, sprach sie: »Mein Freund! Mein Retter! Ich liebe dich über alles! Ich bleibe dein für das Leben! Aber sei barmherzig und laß mir noch einige Zeit die Freiheit meiner Jugend. Wenn du es befiehlst, so folge ich dir in der nächsten Stunde zum Altar, denn ich erkenne dich als meinen Herrn und Gebieter. Aber bei unserer Liebe beschwöre ich dich, befiehl es nicht, denn die Stunde unserer Verbindung wäre auch die Stunde unseres Todes. Lache nicht! Du weißt nicht, was ich weiß.«

Und Rolf verlangte nichts. Beide fuhren schweigend zur Küste zurück.

So blieb es lange Zeit.

Der Herbst kam heran. Das junge Volk, Knaben und Mädchen, war beschäftigt, lange und schmale Kanäle zu graben, worein sie das Seewasser leiteten. Wenn sie gefüllt waren, dämmte man sie gegen die See ab, das Wasser trocknete ein oder verdampfte, und die kleinen Fische, die sich hierher verirrt hatten, blieben auf dem Sand zurück. Lachend und schäkernd bemächtigte man sich der Beute: Es war mehr ein Spiel als eine Arbeit.

Gewöhnlich nahten sich dann die rüstigen Buben den jungen Dirnen und baten um einen Kuß. Doch die Überlieferung wollte es bei diesen Spielen, daß die Mädchen verweigerten, was sie zuweilen gern gegeben hätten. Sie liefen davon, aber nicht allzu schnell; es gelang den Jünglingen fast immer, sie zu erhaschen. Dann ergriffen diese die willkommene Beute und trugen sie ins Meer, immer weiter hinein, sie mit starken Armen zwischen Wasser und Luft schwebend haltend, bis die erschreckten Mädchen sich mit einem Kuß auslösten.

Die ganze Küste war mit jungem Volk bedeckt, das sich auf diese Weise vergnügte; die Alten sahen aus der Ferne mit stillem Lächeln zu. Da nahte Rolf sich der schönen Rose und sagte: »Willst du nun endlich deinen Eigensinn fahren lassen und mich küssen als meine Braut, so sollst du auch meine herzliebe Rose sein!«

Sie aber schüttelte mit dem Kopf und sagte kurz ab: »Ich will nicht! Und wenn du nicht aufhörst, mich zu quälen, gehe ich dir künftig aus dem Wege.«

»Nein!« rief er ärgerlich, »so gehe ich nicht wieder von dir. Alles junge Volk hänselt mich und schilt mich einen dummen Jungen, der nicht mit solchem Dirnlein fertig zu werden weiß. So soll es nicht ferner heißen, und darum frage ich, ob du dich jetzt gleich mit einem Kuß von mir auslösen willst?«

»Nein, du garstiger Mensch! Nie und nimmer!«

Und ehe sie noch ein Wort hinzusetzen konnte, hatte Rolf sie ergriffen und eilte mit ihr der See zu. Alle stürzten jauchzend hinterdrein, denn sie gönnten der spröden Rose diese Neckerei.

Rose schwebte in Todesangst, denn sie sah ihren und des Freundes Untergang vor Augen. Was bis dahin nur sie allein gewußt hatte, mußte sie jetzt offenbaren, und flehte Rolf an, nur einen Augenblick still zu stehen.

»Ich darf dich nicht küssen«, rief sie in geflügelter Eile, »wie sich auch mein Herz danach sehnt. Als ich einst des Nachts am Strand ging, erhob jenes furchtbare Ungeheuer, das wir den Riesen des SundesWasserstraße zwischen der Insel Seeland und der Halbinsel Skandinavien (Schweden). nennen, sein ungestaltetes Haupt, grinste mich an und rief mit gellender Stimme: ›Röslein von Seeland! Du bist mein Bräutlein, und wenn in meinem unterirdischen Palast alles zu deinem Empfang bereit sein wird, hole ich dich ab. Bis dahin genieße deine Freiheit, aber bewahre dein Herz, denn gibst du es einem andern, seid ihr beide verloren.‹«

Rolf lachte laut auf: »Das war ein gutes Märchen! Aber ich fürchte deinen Sundriesen nicht und frage dich nochmals, ob du mich küssen willst oder nicht?«

»Nimmermehr!« rief Rose.

»So nehme ich ihn mit Gewalt, allen Wasserriesen zum Trotz. Und damit er sieht, wie wenig ich mich vor ihm fürchte, will ich ihm näher gehen.«

Tiefer schritt er in die wogende Flut; die Arme hoch emporgestreckt, hielt er die Jungfrau schwebend über sich. Man schrie ihnen vom Ufer zu, den Spaß nicht zu weit zu treiben, aber sie hörten die warnenden Stimmen nicht mehr.

Da vernahm man einen gellenden Schrei. Alle standen am Ufer starr vor Schrecken. Ein furchtbares Haupt tauchte aus den Wellen auf: es war weiß wie die schroffe Wand eines Kreidefelsens; ein weiter Riß deutete den Mund an, zwei glühende Karfunkelsteine bezeichneten die Augen; statt der Haare ringelten sich unzählige buntbefleckte Seeschlangen auf die Schultern herab.

»Schöne Rose! Schöne Rose!« rief das Ungetüm. »Habe schon auf dich gewartet. Bist nun mein für immer!«

Mit lautem Geprassel tauchte er unter. Mit ihm zugleich waren Rolf und Rose verschwunden.

Niemand hat sie wieder gesehen.

Aber wenn das glühende Frührot vom klaren Himmel sich auf die Meerflut herabsenkt, dann hüpfen die flüchtigen Wellen auf und nieder, und auf ihren schaumbedeckten Rücken tanzt die Rose von Seeland.

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