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Seemanns-Sagen und Schiffer-Märchen

Heinrich Smidt: Seemanns-Sagen und Schiffer-Märchen - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Smidt
titleSeemanns-Sagen und Schiffer-Märchen
publisherFischer Taschenbuch Verlag
year1977
firstpub
illustratorB. Miller
printrun33.-37. Tausend
editorRolf L. Temming
isbn3-596-21377-0
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100620
modified20150128
projectid3262f091
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Der Geister-Lotse

Wild brauste das Meer.

Der pfeifende Nordweststurm trieb die schäumenden Wogen vor sich her und kaum hatten sie das zischende Haupt erhoben, so schleuderte er sie wieder in den Abgrund zurück.

Inmitten der aufgeregten Fluten schwankte eine Brigantine auf und nieder. Verheerend hatte der Sturm an Bord gewütet, die Segel waren zerrissen, die Stangen zersplittert. Weit von seinem gewöhnlichen Kurs verschlagen, trieb das Fahrzeug fast wrackmäßig zwischen Himmel und Erde: selbst die sicherste Hand wußte nicht das zerbrochene Steuer zu regieren.

Ein wildes Gelächter erscholl aus der Kajüte; rohes, wüstes Geschrei ertönte unter dem Deck. Um den mit Flaschen besetzten Tisch saßen dort die Offiziere; um ein gefülltes Faß, dem die Decke eingeschlagen war, lagen hier die Matrosen. Rohe Zechlieder ertönten aus rauhen Kehlen, heidnische Flüche kamen aus verworfenen Herzen; die Würfel klapperten unaufhörlich, Gold flog hin und her – Lärmen, Toben, Fluchen nahm überhand.

»Alles ein Teufelholen!« brüllte ein alter, bärtiger Matrose. »Wir sind ganz vom Fahrwasser abgekommen. Das Besteck stimmt nicht mehr; Oktant, Sextant und Kompaß sind über Bord! Ein Glück, daß die Schiffsladung aus Wein und Branntwein besteht, nun können wir doch mit Sang und Klang zum Satan fahren! Lustig, Jungens! Lustig!«

»Wo ist mein Schiffsvolk?« erscholl die lallende Stimme des Kapitäns von der Kajüte aus. »Sind die Kerle schon alle toll und voll, oder kann sich noch einer von ihnen regen und bewegen? Ich will sehen! Reißt die Scheerwand ein!«

Mit lautem Gekrach brach diese unter den Schlägen schwerer Äxte zusammen, und Kajüte und Zwischendeck bildeten ein weites Zechgemach.

Da stieg ein Jüngling aus dem untersten Raum, der sah mit steigendem Schmerz auf das wüste Treiben. Das goldene Lockenhaar hing unordentlich auf die Schultern herab; die großen blauen Augen waren matt vom vielen Weinen, er hob die Hände flehend zu dem Kapitän empor und bat mit rührender Stimme: »Mach ein Ende!«

Laut lachte der Kapitän, lauter die Offiziere; am ausgelassensten gebärdeten sich die Matrosen. Sie höhnten den Jüngling und wollten ihn zwingen, mit ihnen zu trinken und in ihre Lieder einzustimmen.

Gewaltsam riß er sich von ihnen los und stürzte zu Füßen des Kapitäns: »Hilfe! Rettung!« rief er. »Beschütze mich vor diesen Wüterichen, die mich verderben wollen!«

»Ist der Junge toll?« lallte der Kapitän und stieß den Knaben mit dem Fuß fort. »Aber warum ist denn alles auf einmal so still? Kann keiner ein lustiges Schelmenlied? Hier ist ein Maß des ältesten Madeiras, und auf dessen Boden liegen zehn Goldstücke! Das alles gehört dem, der den kräftigsten Fluch ausstößt.«

Alle Greuel der Unterwelt wurden genannt und mit schallendem Gelächter aufgenommen. Der alte Bootsmann gewann den Preis.

Bleich, heftig zitternd, mit schlotternden Knien hatte der Jüngling diesen neuen Frevel vernommen. Er stürzte abermals dem Kapitän zu Füßen und rief: »Stoße mich nicht wieder zurück: ich flehe dich um deines Seelenheiles willen an! In dem tiefuntersten Raum deines Schiffes verborgen, komme ich während der ganzen langen Fahrt heute zuerst vor dein Angesicht. Sieh mich genau an, und du wirst mich erkennen. Hast du nicht ein unschuldiges Mädchen aus dem Schoße seiner Familie gerissen, hast du es nicht der Schande preisgegeben und dann böswillig verlassen? Sie lag vor dir auf den Knien, sie küßte den Staub von deinen Füßen und flehte: ›Bring mich wieder zu Ehren!‹ Aber du hörtest mich nicht und jagtest mich von der Schwelle deines Hauses!«

»Was zum Teufel!« rief der Kapitän überrascht. »Mimi! Bist du es?«

»Ich bins! Mit dem festesten Entschluß kam ich an Bord deines Schiffes. Du solltest mich vor der Schande retten, oder ich wollte dich ermorden. Aber Gott hat mich erleuchtet, daß ich diesen sündigen Gedanken fahren ließ, und jetzt bitte ich um weiter nichts, als daß du von diesem wüsten Leben abläßt, damit du dich vor dem zeitlichen und ewigen Verderben rettest.«

»Oh nein!« rief der Kapitän höhnisch. »Bist du mir bis hierher gefolgt, so will ich auch dein Mann werden. Frisch, Jungens! Räumt das Gerät beiseite! Wir wollen Gottesdienst spielen und am Schluß soll uns der Pfaffe trauen! Wer will der Pfaffe sein?«

»Ich!« rief ein langer, verwegener Kerl, rollte ein Faß in die Mitte und stellte sich darauf, ein Spiel Karten in der einen, eine volle Flasche in der anderen Hand.

»Gut! Wer will der Küster sein?«

»Ich!« rief ein anderer und stellte sich in die Nähe des Fasses.

»Auch das gut! Wer will die Orgel sein?«

»Ich!« rief ein dritter und stellte sich zur Linken des Küsters, indem er den Klang des Instrumentes mit dem Mund nachzuahmen versuchte und mit den Würfeln rasselte.

»So ist alles recht!« lachte der Kapitän laut auf. »Nun komm, Mimi! Es geht zur Trauung, worauf du so lange gehofft hast. Halt das Maul, Dirne, und greine nicht. Hörst du nicht, daß der Gottesdienst beginnt?«

Der Priester tat einen Zug aus der Flasche und mischte die Karten. Der Küster schwankte dem Brautpaar entgegen, und die Orgel versuchte eine Melodie, während die übrigen in ein wieherndes Zotenlied ausbrachen. Mimi sank ohnmächtig zusammen. Die Zeremonie ward unter grauenhaft lächerlichen Gebräuchen vollzogen.

»Es ist vollbracht!« rief der, der den Pfaffen vorgestellt hatte und taumelte vom Faß herunter, dem Küster und der Orgel in die Arme, mit denen er zu Boden fiel.

Da trat plötzlich eine seltsame, fast grauenhafte Stille ein. Der Sturm schwieg, die Wellen rauschten nicht mehr auf, das Schiff lag unbeweglich. Bei diesem überraschenden Wechsel verstummten alle und stiegen langsam, mit innerem Widerstreben, zum Deck hinan.

Auch oben herrschte lautlose Stille. Der Himmel war schwarz umzogen; einzelne Wolken hingen so tief, daß sie fast die Spitzen der Masten berührten; das Meer glich einem stehenden Sumpf, keine sich leise hebende Welle, keine Furche war zu schauen, so weit das Auge reichte.

Unfern vom Schiff erhob sich ein furchtbares Felsenriff aus der schwärzlichen Flut und ragte in die Wolken; keiner konnte seinen Gipfel entdecken.

Unbeweglich blickten die kühnen Frevler auf das schreckenvolle Schauspiel. Kein Laut trat über ihre Lippen, ihre Augen blickten stier, ihr Haar sträubte sich empor.

Mimi irrte angstvoll umher; sie sank in die Knie und betete um Rettung zum ewigen Vater.

Umsonst!

Immer näher trieb das Schiff der verhängnisvollen Felswand: fest und unbeweglich stand die Mannschaft. Grabesstille herrschte.

Da steuerte hinter den Klippen ein Boot hervor und hielt gerade auf die Brigantine zu. Es führte weder Segel noch Ruder und flog mit der Schnelligkeit eines Vogels heran. Darin stand ein Mann, barhäuptig, mit todbleichem Angesicht, mit stieren, glutlosen Augen und fliegenden Haaren. Er trug ein eng anliegendes, dunkelfarbiges Gewand, das ein blutroter Gürtel umschloß. Er gab ein Signal, wie es die Lotsen zu machen pflegen, wenn sie den Schiffen bis auf die See entgegen fahren, aber keiner von der Mannschaft hatte die Kraft, dies Signal zu erwidern. Da stürzte Mimi zum Vorderteil der Brigantine und winkte angstvoll dem unheimlichen Fremden: denn immer grauenerregender trat die Klippenreihe heraus und drohte auf das Schiff herabzustürzen.

Der Fremde nickte mit dem Kopf und stand in demselben Augenblick an Bord.

Das Boot war verschwunden.

Mit höhnischem Grinsen ging der Fremde an den regungslosen Schiffern vorüber und nahm sogleich das Steuer zur Hand. Sofort wendete sich das Schiff und schoß mit Blitzesschnelle längs der Klippenreihe hin. Plötzlich öffnete sich ein riesiges Felsentor und der Geister-Lotse fuhr dort hinein.

Die Brigantine befand sich in einem furchtbaren Felsenkessel, dessen Ausgang nicht zu sehen war. Von allen Seiten schlug die schäumende Flut hoch empor. Mimi wandte sich schaudernd ab und sank, von einer tiefen Ohnmacht umfangen, zu Boden.

Immer rascher führte die Strömung das Schiff dahin; enger rückten die Felsufer, sie wurden schroffer und abschüssiger. Der dampfende Gischt flog höher und höher.

Ein banger, heiserer Schrei zerriß die Luft. Da flogen von allen Seiten riesige Nachtvögel auf; sie umflatterten das Schiff, umschwirrten die Regungslosen, berührten sie mit ihren Flügeln, und hackten mit den Schnäbeln nach ihnen. Schmerz und Todesangst malten sich auf den verzerrten Gesichtern, aber sie vermochten nicht, die Ungetüme zu verscheuchen; sie konnten nicht schreien, um den Druck zu mildern, der ihre Brust belastete.

Ein langer nachhallender Donner rollte, ein zischender Blitz folgte und erhellte die grausige Szene. Die Felsen schienen im Feuer zu stehen. Inmitten der Glut saß allerlei seltsames Getier; eines fraß das andere und wimmerte dabei vor Schmerz. Andere liefen am Strand umher. Aus ihrem Hals hing eine glühende Zunge; sie stürzten sich in die schäumenden Wellen, um ihre Glut zu kühlen, aber die Wellen wichen zurück und die Gequälten rannten weiter.

Rastlos ging die Fahrt. Die hohen Felsen wurden allmählich zu Glutöfen und aus der Flut sprangen knisternde Funken empor. Durch die glühenden Wände der Felsen sah man in ihr Inneres und erblickte dort halb tierische, halb menschliche Gestalten, die ein höllisches BacchanalAusschweifendes Festmahl, Orgie. hielten und wie sinnlose Teufel durcheinander rasten. FurienIn der Antike Rachegöttinnen. aber liefen mit Ruten und Stangen umher und geißelten und zwackten alle, die von ihrer Fröhlichkeit abließen. Aber von all diesen hundert grauenerregenden Gestalten waren keine so fürchterlich, so schrecklich anzuschauen, wie die unbeweglich dastehenden Männer der Brigantine. Der Geister-Lotse stand regungslos am Steuer. Mit einem Lächeln des tödlichsten Hohnes sah er auf die neuen Opfer, die er mit sicherer Hand dem Untergang entgegenführte. Er zog einen langen Stecken hervor, der mit tausend scharfen Nagelspitzen besetzt war; den trieb er in das Schiff hinein, als wollte er es anspornen, rascher auf der feurigen Bahn fortzueilen.

Da bewegte sich das junge Mägdlein. Ihre Augen blieben geschlossen, aber ein Traum beschäftigte ihre Seele und über ihre Lippen glitten die Worte: »Nicht weiter! Vater des Himmels! Laß mich eine weiße Taube sein.«

Und kaum hatte sie dies gesagt, als sie die Lippen wieder schloß und tiefer Schlaf sie umfing.

Der Geister-Lotse ließ das Steuer fahren und streckte die Hand aus. Augenblicklich stand die Brigantine fest. Die funkensprühenden Wellen rauschten heran, sie schlugen als helle Flammen empor und schlängelten sich bis zu den Mastspitzen; die in Feuer stehenden Segel fielen herab und umhüllten die erstarrte Mannschaft mit glühenden Mänteln. Plötzlich ertönte ein Donnerschlag, der die Erde bis in ihre Grundfesten erschütterte. Hoch auf wirbelte die Glut und verzehrte die Brigantine in einem Moment.

Der Geister-Lotse stand aufrecht am Strand und heftete den starren Blick auf die Flut. Da teilte sich diese plötzlich und aus ihr stieg eine zarte, weiße Taube empor in die Luft; ihr nach flog eine Schar unheimlich krächzender Raben.

Aber die Wolken teilten sich: der Glanz des Himmels ward sichtbar. Getragen von silbernen Flügeln schwebte ein Engel herab und nahm die schüchterne Taube in seinen Schutz; er trug sie in das Heiligtum und der Himmel schloß sich. Die Raben aber schossen mit lautem Gekrächze niederwärts, sie flatterten in einen glühenden Käfig, und vor dessen Tür stellte sich ein Wächter, der sie peitschte, so oft sie einen Augenblick zu ruhen wagten.

Der Geister-Lotse aber bestieg wieder sein Boot und fuhr, ohne Steuer und Segel, abermals auf das Meer hinaus.

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