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Seemanns-Sagen und Schiffer-Märchen

Heinrich Smidt: Seemanns-Sagen und Schiffer-Märchen - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Smidt
titleSeemanns-Sagen und Schiffer-Märchen
publisherFischer Taschenbuch Verlag
year1977
firstpub
illustratorB. Miller
printrun33.-37. Tausend
editorRolf L. Temming
isbn3-596-21377-0
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100620
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Das Totenschiff

»Was ist die GlockeDie Uhrzeit wurde durch die Schiffsglocke ausgeläutet., Steuermann?«

»Ein Viertel über Mitternacht, Kapitän! Ich bitte Euch, geht hinunter. Der kalte Nordwest und der dichte Nebel taugen nicht für Euren siechenKrank. Körper. Morgen, wenn die Sonne scheint, mögt Ihr Euch ein paar Stunden hierher setzen. Es ist höchste Zeit, Eure Koje aufzusuchen.«

»Laßt mich noch hier oben. Da unten wird mir alles zu eng; die Decke meiner Koje senkt sich, als ob sie sich auf mich herabstürzen wollte. Das verdammte gelbe Fieber hat mich arg mitgenommen, und sein scheußliches Gift meinem Körper eingeimpft. Wir treiben hier in der Irre vor LandsendKap, südwestliche Spitze Englands. umher! Seht Ihr noch kein FeuerHier ist ein Leuchtfeuer gemeint.

»Noch nicht. Aber vielleicht mit Tagesanbruch sehen wir Land, wenn der Wind ein wenig mehr räumt. Unser Amphitrio ist ein Schnelläufer.«

»Ich kenne ihn seit manchem Jahr. – Aber ich will doch hinuntergehen; das Fieber beginnt mich wieder zu schütteln. Steward! Gebt mir Euren Arm! – Sachte der Treppe zu, Kerl! Bin ich ein Wettrenner von AscottPferderennbahn in der englischen Grafschaft Berkshire.? – Den einen Fuß über die Schwelle, den andern langsam nachziehen! – So lasse ich es mir gefallen! – Halt! Was huscht dort am Spiegel vorüber? Steuermann, das Glas vor Eure Augen! Was seht Ihr in der Richtung von Norden nach Süden?«

»Ich sehe nichts, Kapitän!« sprach furchtsam der Steward.

»Einfaltspinsel! Ich habe nicht mit dir gesprochen! – Das Glas vor die Augen, Steuermann! Was huscht am Spiegel meines Schiffes vorüber in der Richtung von Norden nach Süden?«

Der Steuermann legte das Nachtrohr weg, das er zum Schein genommen hatte: »Beruhigt Euch, Kapitän! Es ist nichts!«

»Nichts?« rief der Kapitän mit krampfhafter Heftigkeit.

»Nichts, was sich so seltsam aus den Wogen erhebt und von einem hellen Schein umflossen am Spiegel vorüberzieht? Beschaut Euch doch den übernatürlich großen Rumpf, der für ein Linienschiff vollkommen ausreicht! Aus seinen Kanonenpforten grinsen Totenschädel, weiß schimmernd wie frisch gefallener Schnee. Seine Masten tragen eine Last von Segeln, auf jedem ist ein Totenkopf mit schwarzer Kohle gezeichnet, und auf der Galerie steht ein vollständiges Knochengerippe, das die SenseSense und Stundenglas sind Attribute des Todes. Mit dem Stundenglas (einer Sanduhr) mißt er das verrinnende Leben. schwingt.«

»Weh uns! Das Totenschiff!« kreischte der Steward unwillkürlich.

»Schweigt mit Euren Dummheiten!« schrie der Steuermann, anscheinend heftig erzürnt, aber nicht imstande, ein unwillkürliches Zittern zu verbergen. – »Führt den Kapitän unter Deck und haltet Euer ungewaschenes Maul!«

»Das Gerippe hat das Stundenglas umgekehrt!« fuhr der Kapitän fort, mit irren Blicken den Lauf verfolgend, den das Geisterschiff zu nehmen schien. – »Ich will nichts mehr sehen – ich will gleich hinunter! Steward, deinen Arm! Gute Nacht, Steuermann! Gebt wohl acht, Herr, so ist das Schiff auch wohl behütet.«

Er verschwand im Eingang der Kajüte. Das Schiff setzte seinen Lauf ungestört fort. Die Nacht wurde undurchdringlicher, der Nebel verdichtete sich. Das Zerschellen der Wogen, die sich am Bug brachen, das Pfeifen des Windes, der durch die laufenden Taue fuhr, und das Knarren der Scheiben in den Giekblöcken bildeten ein grauenerregendes Konzert.

Der Steward kehrte nach einer Weile zurück und sagte zum Steuermann: »Der Kapitän hat sich niedergelegt und Jack sitzt bei ihm. Aber er schläft nicht und spricht ohne Ende von dem Schiff mit den Totenköpfen.«

»Ihr verdientet, über die Kanone gelegt und gefloggt zu werden, weil Ihr einem kranken Mann solche Albernheiten vorschwatzt. Was, zum Teufel, habt Ihr von solchen Dingen zu reden wie das Totenschiff? Glaubt Ihr daran?«

»Glaubt Ihr nicht daran?« fragte der Steward ernst. »Ich sehe nichts, gar nichts, aber ich glaube doch daran. Kommt etwas näher, Herr! Ich habe eine Flasche MadeiraWein von der Insel Madeira stand im Ruf einer ausgezeichneten Qualität. für Euch herausgebracht; die beste und älteste, die in des Kapitäns Flaschenvorrat zu finden war. Er kann sie doch nicht mehr trinken. Ich bitte Euch, Herr, kostet von dem Wein, und hört mir zu, was ich von dem Totenschiff zu sagen weiß.«

Der Steuermann war kein Verächter jener goldenen Tropfen, die einem fließenden Feuerstrom vergleichbar sind, und leerte Glas um Glas, während der Steward erzählte: »Es war einstmals eine große Stadt, die lag in einem reichen, mächtigen Land und das Meer bespülte ihre Mauern. In dem weiten Hafen lagen zahllose Schiffe mit seltenen Kostbarkeiten; überall herrschte Wohlhabenheit und Überfluß. Nun aber hatte der König dieses Landes einen seiner Günstlinge in diese Stadt gesetzt, damit er dort die Gerechtigkeit handhabe. Allein das Herz des Günstlings war verhärtet vom Geiz; er kümmerte sich wenig um des Königs Wohl und noch weniger um das Wohl der Bewohner der Stadt, sondern trachtete danach, seine Reichtümer zu vermehren. In der Nähe seines Palastes standen große Magazine, die waren von ebener Erde bis unter das Dach mit den seltensten Schätzen gefüllt; denn der Günstling verstand es, immer neue Vorschriften und Steuern zu erfinden und keiner durfte sich der Küste nahen, der ihm nicht seinen Tribut zahlen mußte. Aber das alles genügte seiner unersättlichen Habgier nicht; er sah mit Neid auf jeden, der etwas für sich behielt, und ingrimmig wälzte er sich auf seinem Lager, wenn er zufällig von dem Glück eines seiner Untergebenen hörte. Jeden Morgen stand er vor der Pforte seines Palastes und schaute giftigen Blicks auf die zu seinen Füßen liegende Stadt, wo auf den Straßen ein lebhafter Verkehr stattfand. Da rief er einst grollend aus: ›Verflucht seid ihr, die ihr es wagt, euren Reichtum so ungescheut zur Schau zu stellen. Dies wünsche ich mir, daß ihr alle nur ein Haupt hättet, und ich führte dann ein Schwert, breit und scharf genug, um es mit einem Hieb von dem ungeheuren Körper zu trennen. Wie ich dann schwelgen wollte in der Fülle, wenn keiner da wäre, der mir das Geringste davon streitig machen könnte.‹

›Das wird nicht schwer sein!‹ antwortete eine krächzende Stimme und der Günstling sah erschrocken auf. Vor ihm stand ein Männchen, kaum drei Fuß hoch und doch völlig ausgewachsen. Das Gesicht war von Furchen durchschnitten, ein langer, weißer Bart hing bis auf den Gürtel herab. Seltsam stach daran das rote, struppige Haupthaar ab, das so borstig emporstand, daß keine Kopfbedeckung darauf haftete. Zwei pechschwarze Augen, aus denen es unheimlich hervorblitzte, waren fest auf den Günstling gerichtet, der die Zwergengestalt mit unwillkürlichem Grauen betrachtete.

›Wer bist du?‹ fragte er zitternd.

›Ein Geschöpf, das jedem Gutes gönnt, sollte ich auch selbst dabei zu kurz kommen. Ich bin ein Handelsmann, der in viele Länder kommt und Geschäfte aller Art zu machen sucht. So hörte ich im Vorbeischlendern Euren Wunsch, und sage Euch nun, daß ich Euch in den Besitz eines Mittels setzen will, alle Bewohner der Stadt da unten zu töten und so unumschränkter Herr ihres Eigentums zu werden.«

›Und für welchen Preis?‹

›Welchen Preis könnt Ihr für eine Sache bieten, die unbezahlbar ist? Es kostet nur Mut, nur den festen Willen sie erreichen zu wollen und sie ist schon Euer. Meine einzige Bedingung ist, daß Ihr mich auf einige Zeit zum Begleiter annehmt und Euch nicht von mir zu trennen versucht.‹

›Und wann ist das Mittel mein?‹

›Sobald Ihr den Mut habt, es zu nehmen.‹

›Den habe ich stets.‹

›So kommt‹, sprach der Zwerg und wandte sich nach dem Hafen. Überall wich man ihnen aus. Sie stiegen in eine schwarze Schaluppe und fuhren damit an ein Schiff, das über und über mit nackten Schädeln bemalt war; auf den Segeln waren Totenköpfe gemalt; die Stengen, die Rahen und anderes Rundholz bestand aus mondgebleichten Knochen. Überall waren Gerippe, die grinsend die Zähne fletschten und die klappernden Knochenhände ausstreckten.

Der Günstling schauderte, als er das Schiff betrat; der Zwerg aber sagte lächelnd: ›Dies ist das Schiff des Todes: unsichtbar jedem Menschenblick und nur dem sichtbar, der sterben muß. Es fehlt diesem Schiff ein Kapitän, aber wir sind nahe daran, diese Stelle wieder zu besetzen. Alle, die du hier Dienste verrichten siehst, waren in ihrem Leben hartgesottene Sünder. Wer zum Dienst auf diesem Schiff gepreßt wird, muß fürs erste alle niedrigen Handreichungen tun und seine Dienstzeit währt ein Jahrhundert. Dann rückt er höher hinauf und so fort durch alle zwanzig Grade und jedes Mal für die Dauer eines Jahrhunderts. Zuletzt wird er zum Kapitän befördert und steht mähend mit der Sense hoch auf der Galerie. Gestern standen wir an der Scheide eines Jahrhunderts und das erlöste Skelett, das hier bisher befehligte, brach zusammen und stürzte ins Meer. Nun ist die Besatzung unvollständig und das Schiff kann seiner eigentlichen Bestimmung nicht folgen. Bis dies wieder geschieht, steht es zu unseren Diensten.‹

Damit ergriff der Zwerg das Steuer und bald flog das Schiff des Todes durch die scheu zurückweichenden Wellen.

Nach einiger Zeit erreichten sie eine hohe Felsenküste, und das Schiff lag plötzlich still wie angekettet. Der Zwerg ging mit seinem Begleiter an Land und beide schritten nebeneinander über enge, seltsam gekrümmte Pfade. Der Weg wurde immer schauerlicher. Aufgescheuchte Nachtvögel streiften vorüber, seltsames Getier huschte am Gestein vorbei; es knarrte und prasselte, es barst und krachte in den alten morschen Bäumen; ringsumher vernahm man lautes Gekrächz und Gestöhn. Aber plötzlich hörte alles Leben auf; die Wanderer standen vor einer nackten Öde, kein Laut unterbrach die Grabesstille. Den Günstling ängstigte dies dumpfe Schweigen, er wollte es brechen, aber seine Zunge war wie gefesselt. Entsetzt horchte er auf seine Tritte, er vernahm ihren Schall nicht; er griff nach dem Arm seines Begleiters, aber er faßte in die leere Luft.

Da stieg eine Nebelgestalt aus dem Boden herauf und fragte mit dumpfem Ton: ›Wer seid Ihr?‹

›Dein namenloser, aber treuester Diener, der einen Sterblichen zu deinen Füßen führt.‹

›Was will er von mir?‹

›Saat, die dem Tode entgegenreift in derselben Minute, da sie ausgesät wurde. Er haßt alle, die auf Erden besitzen, und will sie vernichtet sehen. Gib ihm das Mittel, Engel des Todes.‹

›Welchen Lohn bietet er?‹

›Fordere, du Unersättlicher, vom Unersättlichen.‹

›Er übernehme das Amt, das heute in meinem Reiche erledigt ward.‹

›Er wird gehorchen.‹

›So gib ihm dieses Kästchen. Alle Dünste der Hölle sind darin verborgen, öffnet es in der Nähe der Menschen und sie sinken erbleichend hin.‹

Der Engel des Todes versank und der Zwerg trat mit seinem Begleiter den Rückweg an.

Erst als sie das gespenstische Schiff wieder betraten, und es durch die Flut zurückraste, fand der Günstling seine Sprache wieder. Seine Züge hatte die Angst verzerrt, sein Auge blickte stier und er rief mit bebenden Lippen: ›Scheußliches Ungeheuer, der du durch verfluchten Zauberspruch meine Zunge gefesselt hieltest: rede! Was gelobtest du in meinem Namen? Welches Amt soll ich übernehmen?‹

›Den untersten Dienst auf dem Totenschiff. Eine Lumperei von zwanzig Jahrhunderten. Hast du doch das Mittel in deinen Händen, der reichste Mann auf Erden zu heißen.‹

›Heimtückischer Satan! Ich will dein Geschenk nicht! Es ist eitel Gaukelei und zu nichts nütze.‹

›Du kennst den Teufel und weißt, daß er zu klug ist, um für eine so verlorene Seele, wie die deinige, noch etwas zu geben.‹

›Betrug! Nichts als Betrug! Bringt mich an den Ort zurück, woher wir gekommen sind, und nehmt Euer Teufelsgeschenk wieder.‹

Er warf das Kästchen mit solcher Heftigkeit zu den Füßen des Zwerges nieder, daß es klirrend in tausend Stücke zersprang, die weit umher flogen. Aber in demselben Augenblick stieg ein fürchterlicher Pestgeruch von unten herauf und verbreitete sich über das ganze Schiff.

›Weh mir!‹ rief der Günstling. ›Das ist der Tod! – Ich bin hin! – Rettung! – Erbarmen! – Gnade! – Wehe mir!‹

Er stürzte tot zu Boden. Sofort schmolz das Fleisch von seinen Knochen und er stand als Gerippe wieder auf. Da eilten die übrigen Gerippe herbei, stellten ihn an den untersten Platz, rückten jeder einen Grad höher hinauf und der älteste von ihnen sprang auf die Galerie und schwang die schreckvolle Hippe. Es war auf diesem furchtbaren Schiff der einzige Freudenmoment in dem Lauf eines Jahrhunderts.«

»Das ist eine grauenhafte Geschichte, Meister Steward«, sagte der Steuermann, als er das letzte Glas leerte. »In welcher Spinnstube habt Ihr, während Eures Treibens auf dem festen Lande, diese Dummheiten gehört?«

»Dummheiten?« sprach der Steward und sah den Steuermann groß an. »Habt die Güte, Herr, und sagt mir, ob das dort, ostwärts von uns, nicht derselbe feurige Schein ist, den der Kapitän vorhin bemerkte, als er Euch den seltsamen Segler beschrieb? Gebt acht, er kommt näher und wir haben binnen einer Stunde eine Leiche an Bord.«

Und aus dem formlosen Dunkel der Nacht trat mit scharfen Umrissen der gewaltige Rumpf des geisterhaften Schiffes, das seine Kanonenpforten mit Totenköpfen geziert hatte. Die weißen Segel blähten sich und rabenschwarz glänzte das Symbol des Todes in ihrer Mitte. Auf der Galerie stand ein gigantisches Skelett mit der Hippe und holte zu einem furchtbaren Schlag aus.

In demselben Augenblick tönte die Glocke in der Kajüte lang und hell. Erschreckt stürzten der Steuermann und der Steward die Treppe hinab.

Jack kam ihnen trauernd entgegen: »Ihr kommt zu spät! Ein plötzlicher Schlagfluß hat seinem Leben ein Ende gemacht. In dem Augenblick, als er seinen letzten Atemzug tat, hörte ich die Worte: ›Der Führer des Totenschiffes läßt die Sense fallen! Es ist aus mit mir!‹«

»Und mit dir und mit Euch!« sagte der Steward ernst zum Steuermann; »denn wir haben gesehen, was der ganzen Mannschaft unsichtbar blieb. Gute Nacht, Kapitän; ich komme bald nach.«

Er sah ruhig vor sich hin. Der Steuermann flog zur Treppe zurück, sein Haar sträubte sich; – als er das Deck erreichte und scheu umherblickte, war das Totenschiff verschwunden.

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