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Seemanns-Sagen und Schiffer-Märchen

Heinrich Smidt: Seemanns-Sagen und Schiffer-Märchen - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Smidt
titleSeemanns-Sagen und Schiffer-Märchen
publisherFischer Taschenbuch Verlag
year1977
firstpub
illustratorB. Miller
printrun33.-37. Tausend
editorRolf L. Temming
isbn3-596-21377-0
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100620
modified20150128
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Helgoland

Sturm und Wellen trotzend, liegt dieser merkwürdige Felsklotz frei in der Nordsee. Rund um ihn erheben sich die schneeweißen Sanddünen, die halb neugierig, halb verschämt, aus dem Meer auftauchen. Aber zwischen diesen und dem Festland rollen die immer grünen Wogen und peitschen von allen Seiten den Felsen, der ihnen alljährlich seinen Tribut zollt. Ein Stück von ihm nach dem anderen wird ein Opfer der Flut, so daß es in späteren Jahrhunderten kein Helgoland mehr geben wird, wie es früher keins gab.

Denn einst waren die Dünen die äußerste Spitze des Festlandes, und wo jetzt die Wellen der Nordsee brausen, grünten üppige Wiesen und reichgesegnete Felder, prachtvolle Herden, noch bis auf diesen Tag die Quelle des Reichtums in den umgebenden Ländern, füllten die Ebenen. Ein fröhliches Volk von Hirten war Herr des Bodens, ein Volk, das unter dem Zepter seiner weisen Königin ruhig und zufrieden lebte. Weit und breit war diese Königin wegen ihrer Klugheit berühmt, und aus den entferntesten Gegenden kamen Fremdlinge herbei, um sich Rat bei ihr zu holen. Sie besaß viele kostbare Schätze, von denen sie unter ihre Lieblinge reiche Spenden verteilte. Aber ein kostbares Juwel übertraf alle andern bei weitem an Schönheit, das war ihre Tochter, die wunderbar schöne Walguna, für deren Lieblichkeit und Anmut man keinen Vergleich fand. Unter diesen Umständen hätte die Königin sehr glücklich sein können, aber sie war es nicht, denn sie sah voraus, daß sich ihr ein Unglück nahe, das sie mit aller ihrer Weisheit nicht abzuwehren vermochte.

Ligur, der Wasserriese, der nicht nur der Schrecken der Nordsee, sondern auch aller anderen Meere war, und sie mit furchtbarer Strenge beherrschte, tauchte einst aus den Wogen auf, um sich den Anblick der Oberwelt zu gönnen, als eben die Königin mit ihrer Tochter am Ufer auf und ab wandelte. Kaum erblickte die Königin dies von allen gefürchtete Wesen, als sie das Antlitz der Tochter mit einem Schleier verhüllte. Leider zu spät, denn schon hatte der Schreckliche die Holde gesehen. Er gab seine Überraschung durch ein lautes Geschrei zu erkennen und stürzte dann so plötzlich in die Tiefe zurück, daß die Wellen mit lautem Gezisch auseinanderfuhren. Seit jenem Augenblick duldete es die Königin nicht, daß ihre Walguna sich der Küste näherte, denn sie befürchtete mit Recht, daß dies ihrem Haus Unglück bringe. Und nicht lange ließ es auf sich warten. Als einst die Königin, trüben Ahnungen nachhängend, in der Vorhalle ihres Palastes saß, watschelte eine große schwarze Robbe herein, richtete die klugen Augen auf die Königin und sagte: »Mich sendet Ligur, der Beherrscher der Meere und der angrenzenden Küsten und läßt dich wissen, daß er dich unlängst mit deiner Tochter am Ufer wandeln sah. Er hat Gefallen gefunden an der jugendlichen Schönheit und mit königlicher Großmut beschlossen, sie zu seiner Gemahlin zu erheben. Er hofft, daß du diese Gnade mit geziemender Demut anerkennen wirst und mir deine Tochter sofort überlieferst, damit ich sie an das Ufer des Meeres führe, wo die Perlenmuschel bereitliegt, mit der sie in ihre künftigen Reiche hinabfahren soll.«

Die Königin, die von dieser Anrede nicht sonderlich erbaut war und ihre Tochter um keinen Preis jenem Ungeheuer ausliefern wollte, lehnte den Antrag kurzweg ab und befahl der Robbe, augenblicklich ihres Weges zu gehen. Diese hatte für den barschen Befehl anfangs keine Ohren, als sie aber sah, daß die Königin fest bei ihrem Entschluß beharrte, watschelte sie langsam und träge nach dem Ufer zurück, um dem Riesen das unglückliche Ende ihrer Gesandtschaft zu verkündigen. Ligur wartete schon mit äußerster Ungeduld und offenen Armen, denn er glaubte nicht anders, als daß man seinen Antrag mit der größten Freude aufgenommen habe, und die Braut sogleich mitsende. Desto unbändiger wurde er, als er vernahm, was geschehen war. Er zermalmte mit dem Druck seines kleinen Fingers die unglückliche Abgesandte und erregte durch das unwillige Schütteln seines Hauptes eine solche Bewegung in der Flut, daß die Schiffe heftig auf und nieder stießen und wie Nußschalen zerschellten. Am meisten ärgerte es ihn, von der Königin mit solcher Geringschätzung behandelt zu sein, und er schwor, nicht eher zu ruhen, bis Walguna durch List oder Gewalt in seine Macht gegeben sei.

So erließ er ein Aufgebot an alle Bewohner seines Reiches, denen es möglich war, im Wasser und auf dem Trocknen zu leben. Er befahl ihnen, sich in das Land der Widerspenstigen zu begeben und sich der Prinzessin zu bemächtigen, es koste, was es wolle. Aber hierbei blieb es nicht, sondern mit einem kleinen Teil des Goldes und der Edelsteine, die seine Grotte zierten, ließ er die Bewohner der Küste bestechen, damit sie seinen Zwecken dienen sollten. Dies gelang bei den meisten und es begann eine so heftige Verfolgung, daß sich die Prinzessin vor Angst nicht zu lassen wußte. Weinend ging sie zur Mutter und sprach: »So solltest du doch endlich das Flehen des schönsten aller Schäfer erhören, der in heißer Liebe zu mir entbrannt ist. Mein Herz ist ihm zugewandt und wenn du ihn Sohn nennst, wird er dir eine treue Stütze sein.«

Die Königin, deren Stolz früher von einer Verwandtschaft mit einem niedrigen Schäfer nichts hören wollte, war jetzt weniger stolz geworden und bestimmte die feierliche Vermählung zum nächsten Neumond. Die Spione des Riesen brachten diesem aber bald die neue Kunde und er befahl zürnend, den Schäfer an das Ufer zu locken. Das geschah und als sich der Unglückliche in dem Bereich seines Nebenbuhlers befand, ergriff ihn dieser, drückte ihn mit seinen Eisenhänden zu einem unscheinbaren Nichts zusammen, legte dies zwischen zwei Austernschalen, die er durch Zauberkraft fest verschloß, und warf ihn auf die äußerste Spitze des Ufers, indem er ihm zurief: »Da liege du und sei ein stummer Zeuge dessen, was hier vorgeht. Deine Vergangenheit hat diese Strafe verdient, und du wirst deine Freiheit nicht eher wieder erhalten, bis das Ende aller Tage herannaht.«

Walguna, die durch vertraute Diener das Schicksal ihres heißgeliebten Freundes erfahren hatte, weinte unaufhörlich, und begehrte nichts weiter, als nach dem Ort geführt zu werden, wo ihr treuer Freund in der Verzauberung schmachtete. In dieser großen Not besann sich die Königin auf einen Verwandten, der ein mächtiger Zauberer war. Der hatte in Holstein, an dem Ufer des Plöner Sees, seine Wohnung in einem dichten Gehölz aufgeschlagen. Dem schickte sie augenblicklich einen Boten und ließ ihm ihre traurige Lage auf das Bewegteste und Eindringlichste schildern. Er hörte die Botschaft aufmerksam an und gab das heilige Versprechen, so bald wie möglich am Hofe seiner geliebten Base zu erscheinen. Unterdessen hatte die Königin den Bitten Walgunas nicht widerstehen können, sie zu dem Ort zu führen, wo der Geliebte in seinem entsetzlichen Kerker schmachtete. Um sie vor der Gewalt des Riesen zu schützen, händigte sie ihr einen Talisman ein, wohl wissend, daß, so lange sie diesen bei sich trage, niemand sich mit unheiligen Händen ihr nahen dürfe.

Als nun Walguna die Muschel sah, die einsam und traurig auf dem weißen Sand lag, weinte sie ohne Unterlaß und war nicht zu bewegen, den Ort wieder zu verlassen. Die Mutter, auf den Schutz des Talismans rechnend, überließ sie sich selbst und ging in ihren Palast, um ihren Verwandten, den Zauberer, zu empfangen. Der aber gehörte zu den Leuten, die mit der größten Bereitwilligkeit etwas versprechen, es aber ebensoschnell wieder vergessen. Tief geheime Dinge treibend, dachte er längst nicht mehr an die unglückliche Königin, die mit jedem Augenblick dem Verderben mehr in die Arme lief.

Der Riese, die Kräfte des Talismans kennend, gegen die er mit Gewalt nichts ausrichten konnte, nahm zur List seine Zuflucht, und er erteilte mit einem tückischen Lächeln seine Befehle. Eilig stäubte das Heer dienstfertiger Gefolgsleute auseinander.

Jetzt begann ein seltsames Treiben. Geschäftig nagten und zerrten die Bewohner des Meeres an dem festen Boden, der die Sanddüne, worauf die Prinzessin sich befand, von dem übrigen Land trennte; ein Stück nach dem andern bröckelte ab und die Düne ward immer mehr einer Insel gleich. Die unglückliche Königin sah dies mit stillem Schmerz und da sie der verderblichen Arbeit nicht Einhalt zu tun vermochte, schickte sie nochmals Boten auf Boten an den gelehrten Zauberer, damit er sich beeilen möchte. Dieser schreckte aus seinen gelehrten Träumereien auf und machte sich schleunigst auf den Weg.

Aber schon war es den vereinten Bemühungen der Helfer des Riesen gelungen, die ihnen befohlene Zerstörung zu vollenden, die herrlichen Ebenen waren verschwunden, eine breite Strömung floß zwischen der Düne und dem Festland; jeden Augenblick rissen die Wellen ein neues Stück weg und machten die Wiedervereinigung unmöglich.

Kopfschüttelnd betrachtete der Zauberer das Vorgefallene und besprach sich lange mit der trostlosen Mutter. Endlich sagte er: »Jetzt wird die Ärmste noch von dem Talisman beschützt, aber mir ist bekannt, daß der nach hundert Jahren seine Kraft verliert. Dann würde die Unglückliche in die Gewalt des grausamen Verfolgers fallen, darum will ich eine Mauer um sie her aufrichten, die der Verräter nicht zu zerbrechen imstande sein soll. Hell und durchsichtig will ich sie machen, damit er immer vor Augen hat, was er begehrt, ohne es erreichen zu können – das soll seine Strafe sein.«

Dann baute er eine künstliche Brücke und begab sich zu der Düne. Aber die Wassergeister zerstörten die Brücke, so daß es dem Scharfsinn des Zauberers überlassen blieb, den Rückweg auf eine andere Weise zu finden. Er kehrte sich daran nicht und begann damit, die Bejammernswerte in einen süßen, aber festen Zauberschlaf zu wiegen; dann erbaute er um sie eine Mauer von hellem Kristall, die er oben in eine Kuppel zusammenfügte. Es war ein wundersames Werk, und wenn die Sonne darauf schien, erglänzte die Gegend ringsumher in tausend Farben, die lieblichsten Träume bewegten die Brust der Schlummernden und ruhig atmend flüsterte sie allerlei liebliche Weisen. Zuletzt berief er aus einer fernen Gebirgsgegend einen ihm untertänigen Feuergeist, dem er seinen Platz auf der Kuppel anwies, damit er zur Nachtzeit die Dienste der Sonne versehe, und als er dies mit klugem Geist angeordnet hatte, winkte er einem Adler, der ihn auf seinen Rücken nahm und nach dem Festland trug.

Spottend hatte Ligur der Arbeit des Zauberers zugesehen. Er griff nach allem, was ihm in die Hände kam, und warf immer größere Klumpen und Steine gegen die Glocke. Aber die zersprang nicht; sie ertönte heller und heller in allerlei wundersamen Weisen, und die ganze Meeresfläche ward mit geheimnisvollem Gesang erfüllt. Zürnend über diesen Widerstand stieg der Riese aus den Wellen, warf sich über die Kuppel, den furchtsamen Feuergeist mit starker Hand ergreifend, und wandte nun alle Kräfte an, das Kristall zu zerdrücken, aber vergebens. Indessen bemerkte er, daß die Mauer von dem glühenden Atem des Feuergeistes erweichte und erfreut, endlich am Ziel zu sein, stieß er ein lautes Freudengeschrei aus.

Dies vernahm der Zauberer, der noch in der Nähe weilte. Schnell entschlossen, ein großes Unglück zu verhüten und den Wasserriesen für immer unschädlich zu machen, winkte er das Heer seiner dienstbaren Geister herbei. Diese kamen mit einem Stein durch die Lüfte daher, der von so großem Umfang war, daß er allein ein Gebirge vorstellen konnte. Der Wasserriese, zu sehr mit seinem Vorhaben beschäftigt, bemerkte es nicht, und als er es so weit gebracht hatte, daß die gläserne Mauer nachgab, ließen die Geister den Stein fallen und begruben darunter alles. Weithin erscholl des Riesen furchtbares Gebrüll, der die Last von seinen Schultern zu werfen suchte, aber umsonst. Da bemächtigte sich seiner eine ungeheure Wut; er griff mit starkem Arm durch das Gestein und streckte ihn drohend zum Himmel empor. Der Feuergeist aber – der noch in seiner Faust gefangen saß – beleuchtete mit einem magischen Licht die seltsame Szene. Der ungeheure Felsblock senkte sich immer tiefer und sog sich fest in den Grund des Meeres. Seinen Arm konnte Ligur nicht wieder zurückziehen; er starrte wie eine furchtbare Zuchtrute zum Himmel auf, aber oft hörte man in stiller Nacht sein grauenvolles Schmerzgeheul, das mit den süßen Wonnelauten der Prinzessin, die ruhig fortträumt, sich auf seltsame Weise vermischte.

Längst schon hört man jene Stimmen nicht mehr. Auch der Feuergeist ist aus der Hand seines Quälers entwichen, aber in der Nacht zünden die jetzigen Bewohner von Helgoland auf dem nackten ArmGemeint ist der heute »Hengst« genannte Felsen. eine Reihe schimmernder Lampen an, damit der Schiffer auf der wüsten Bahn einen freundlichen Leitstern finde.

Das ist die Sage von der Entstehung Helgolands.

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