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Gutenberg > Heinrich Kruse >

Seegeschichten

Heinrich Kruse: Seegeschichten - Kapitel 9
Quellenangabe
typepoem
booktitleSeegeschichten
authorHeinrich Kruse
year1880
firstpub1880
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleSeegeschichten
pages168
created20150304
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Klabatermann.

        Siedet im Kessel das Pech und krümmt sich am Feuer die Planke,
Zieht harzduftend der Qualm wie Weihrauchswolken zum Himmel,
Daß man das Menschengewühl auf dem Werft zur Hälfte nur sehn kann,
Schallet des Zimmerers Axt vom Stapel: das ist sie, die Stunde,
Da kommt fröhlich ein Schiff zur Welt, und gleich wie das erste
Holz zum Steven man legt an den Kiel auf den Helgen, da gehet
Auch der Klabatermann auf das Schiff und nimmt es von Stund' an
Als sein eigen in Hut. Er überwachet den Schiffsbau,
Sieht zum Rechten und stopfet die Ritzen und klopfet die Nägel,
Kurz, hilft nach, wo etwas versäumt. Doch spielt er dem Schiffsvolk
Mancherlei Schabernack auch, und sie wissen so manche Geschichte
Sich vom Klabatermann zu erzählen, daß heimlich dem Jungen,
Wird er hinuntergeschickt, um Bier zu zapfen, doch bang wird.
Nämlich das Bier, wie Ihr wißt, liegt unten am Boden des Schiffes;
Dort ist's ruhig und kühl, doch finster und gar nicht geheuer; 67
Denn dort knistert und knastert das Schiff, und knarrt, daß der Junge
Mit Herzklopfen in's Finstere blickt, ob das Kerlchen im rothen
Rock es nicht sei, der da kommt. Ich machte mir manche Gedanken;
Aber ich hatte doch vor dem Klabatermanne nicht solche
Grausam närrische Angst wie Jacob Zeltz, der Kajütswacht.
Jacob Zeltz war recht ein Muttersöhnchen; sie hatt' ihn
Lange zu Hause gehalten, er war so weit nicht gekommen,
Daß er den Kuchen nicht roch, den Mütterchen buk in der Pfanne,
Und nun sollt' er mit einmal auf See und nach Portugal segeln!
Als wir bei Palmer Ort vor dem Ostwind lagen, wer kommt da
Uebergefahren? Die Mutter, ihr Herzenssöhnchen noch einmal
Zu liebkosen und ihm Pulswärmer und Jacken zu bringen,
Und ich weiß nicht, was mehr. Wir lachten darüber nicht wenig.
War es bei uns auch noch kalt, so kamen wir bald doch nach Süden,
Und in Lissabon schmolz uns vermuthlich der Theer von dem Schiffe.
Dafür all' den Flanell! Wir hänselten Jacob gehörig.
Als sich der Ostwind legte, so kamen wir glücklich zum Ruden;
Aber da war es vorbei, wir wurden von Stille befallen,
Und da lagen wir fest, wohl vierzehn Schiffe von Stralsund.
Heiter vom Himmel herab schien unaufhörlich die Sonne,
Und so ruhig und fest wie die drei Landzungen von Mönchgut
Lagen die Schiffe dabei, und die See war blank wie ein Spiegel. 68
Ja, ich nahm auseinander die Uhr, und die Rädchen und Stiftchen
Legt' ich vor mir auf den Tisch, und es ging kein Schräubchen verloren.
Mochte dem Schiffer dabei die Geduld ausgehen, uns Andern
Wurde die Weile nicht lang. Wir waren ein lustiges Völkchen.
Blutjung waren die Meisten bei uns, ich fuhr noch als Jungmann.
Ei, was trieben wir da für Possen, besonders mit Jacob!
Jacob Zeltz war freilich verzärtelt, doch eifrig im Dienste,
Lernbegierig, auf Fragen erpicht, leichtgläubig und harmlos.
Wenn auf dem Ankertaue (wir führten damals ja noch Taue,
Jetzt ist Alles von Eisen) wir saßen, im Kreise gelagert,
Und ein Matros' aufschnitt mit dem großen Messer, so hörten
Ehrbar, ohne zu lachen, wir zu und ohne zu zweifeln.
Jeder bekräftigte noch und überbot noch den Andern,
So daß Jacob zuletzt nicht wußte mehr, wo ihm der Kopf stand.
Namentlich hatten wir ihm vom Klabatermännchen erzählet,
Daß ein Junge wie er, und der auch Jacob geheißen,
Von dem Klabatermann holländ'sche Ducaten bekommen;
Denn wie er Bier abzapft, so kommt aus dem Kiele der Kobold
Plötzlich hervor und sagt: »Mein Söhnchen!« mit quiekender Stimme,
»Gieb mir zu trinken! Mich durstet! Am Kiele bekomm' ich nur immer
Salziges Wasser zu trinken. Du hast ein vortreffliches Bier da!«
Und mein Jacob besinnt sich nicht lang und giebt ihm zu trinken. 69
Ja, und der Junge war klug; denn er stellte des Abends dem Rothrock
Immer ein Gläschen mit Bier in die Ecke, wo Jener verschwunden.
Und am Morgen, da war es geleert. Das dauerte lange;
Aber am Ende der Fahrt, da stehet mit Eins vor dem Jungen
Wieder Klabatermann und sagt: »Mein Söhnchen, ich dank' auch!«
Reicht ihm dabei ein Beutelchen hin, das klein, doch gewichtig.
Und wie er zusieht, sind so viele Ducaten im Beutel,
Als wie Gläser geleert. »Das heiß' ich doch gute Bezahlung!«
Rief mein Jacob Zeltz in Bewunderung. »Wenn doch die Mutter
So viel löste für jegliches Glas!« Denn die Eltern von Jacob
Wohnten am Fährthor ja, in dem finsteren gothischen Thorweg;
Aber die Wirthschaft ist für das Schiffsvolk trefflich gelegen,
Und stets tönt aus der Kneipe der Rundsang heis'rer Matrosen.
Ja, dies Stückchen, das hatte dem Wirthshaussohne gefallen!
Doch wir erzählten ihm auch vom Klabatermanne noch viele
Andre Geschichten, die oft ganz gruselig klangen für Jacob.
Heimlich brannt' er vor Lust, dem Schiffskobold zu begegnen;
Aber ihm war sehr bange dabei. So standen die Sachen,
Als ein Hauptspaß wurde von uns für Jacob ersonnen.
Werg ist immer genug im Schiff; wir machten daraus uns
Eine Gestalt, das Gesicht ward sauber gemalt und bepinselt,
Auch für Bart und Perrücke gesorgt; so glich aus der Ferne
Einem Menschen die Puppe, zum mindesten aber 'nem Kobold.
Dann ward Alles gehüllt in ein rothes Röckchen, mit goldnen 70
Litzen verbrämt, so war der Klabater ja fertig. Wir machten
Arm' und Beine beweglich und knüpften die Puppe an Fäden,
Um sie die Wanten hinauf und hinab nach Gefallen zu ziehen.
So war Alles bereit; die Komödie konnte nun angehn,
Und wir vertheilten die Rollen darin. Wir brauchten für oben
Stimmen und auch für unten. Sobald als die Dämmerung einbrach,
Schlich sich der Koch auf den Mast und versteckte sich oben im Mastkorb,
Unten vertheilten wir uns, daß Jeder die Stimme Klabaters
Bald hier und bald dort zu übernehmen vermochte.
Ich war gleichsam Director des Stücks. Ich vertiefte mit Jacob
Mich in ein weises Gespräch auf der anderen Seite des Schiffes,
So daß dort, wo wir standen, die Puppe noch gar nicht zu sehn war.
Während ich eben den Schwanz der Seeschlang' Jacob beschreibe,
Schallet von Backbord her ein lautes Rufen und Schreien.
»Siehst Du Ihn?« »»Siehst Du Ihn nicht?«« »Ja Er ist es!« »»Wen meinst Du? Ich seh' nichts!««
Also erklangen gar laut und lebendig die wechselnden Stimmen.
»Horch!« spricht Jacob. »Was reden Die da?« »»Was werden Die reden?««
Sag' ich. »»Ich mag nicht lügen. Du kennst mich nachgrade, der Schwanz maß
Aber zum Wenigsten wohl zweihundert Ellen in Länge –«« 71
Und so will ich ihm denn von der Seeschlang' weiter erzählen,
Aber indeß wird lauter das Schrei'n mit Verwundern und Schrecken.
»Das ist am Ende,« so ruft mein Jacob und spitzet die Ohren,
»Glaub' ich, Klabatermann!« Nun weiß ich nicht, ob Euch bekannt ist,
Daß auch Dieses gehört zu den Seltsamkeiten des Rothrocks,
Daß ihn Einer erblickt und der Andere nicht, wie wir Jacob
Oefters gesagt. So lief er denn schnell zu erforschen die Sache;
Aber zur Sicherheit zog er mich mit und hielt sich am Rock fest,
Und flugs mischt' er sich mit in den Streit. »Ich seh' ihn! Ich seh' ihn!«
Ruft er mit Schaudern entzückt, sobald er im Schummern den Rothrock
Deutlich zu sehen bekommt. So ward die Partei denn vergrößert,
Welche den Rothrock sah. Carl Miedbrod sagte: »»Da seht Ihr's!
Nicht wahr, Jacob, Du siehst ihn doch auch?«« »Ja freilich, da sitzt er!
Habt Ihr nicht Augen im Kopf? Da kauert er ja an dem Fockmast!«
»»Richtig, da sitzt er!«« so rief auch Christian Sarnow. Die Drei nur
Sahn den Klabatermann. Doch die Anderen sagten, sie sähn nichts.
Hin und her ward rasch in der Dämm'rung die Puppe gezogen,
Bald am Rehling entlang, bald saß sie auf der Cambüse
Und nicht lange nachher auf dem Compaßhäuschen. Da sitzend 72
Hub dann der Schiffsgeist an mit quiekender Stimme zu reden:
»Leute, was macht Ihr? Ich hör' auf dem Schiff viel Murren und Klagen.
Sagt mir, was fehlt Euch? Sprecht!« – »»Mein gnädigster Herr Holländer,««
Nahm ich für Alle das Wort, »»wie sollten wir uns nicht beklagen?
Was uns fehlet? Uns fehlet der Wind! Wir liegen ja müßig.««
»Ei, das wundert mich doch,« so entgegnete piepend der Kobold.
»Hier sind doch an Bord so viel Windbeutel vorhanden,
Und Ihr treibet nur windige Possen: doch fehlt es an Wind Euch!
Aber beruhigt Euch nur; denn übermorgen mit Frühstem
Springet ein Südwind auf. Dann ist Euch Allen geholfen!«
Als sie die tröstlichen Worte gesagt, so wurde die Puppe
Unter die Wanten versetzt mit plötzlichem Rucke. Da ward sie
Auf und nieder gehißt, erst langsam, schnell dann und schneller
Wie Berlicke! Berlacke! im Puppenspiele der Teufel.
Jacob war ganz Staunen und aufgeregt und begeistert.
Endlich, da setzt' er sich hin auf dem obersten Raae, der Rothrock,
Räusperte sich und sprach vom luftigen Sitze herunter:
(Nämlich es war, das versteht sich von selbst, der Koch in dem Mastkorb)
»Ist nicht Einer an Bord, der Jacob heißet?« Ich sagte:
»»Von den befahrenen Leuten ist keiner, der Jacob sich nennet.
Ein halbwachsener Junge jedoch, der eben auf See kommt,
Der wird Jacob genannt. Doch verlohnt sich von dem nicht zu reden; 73
Der ist Ueberfracht auf dem Schiff.«« »O,« sagte der Rothrock,
»Ist sein Vater nicht Zeltz, der Hafenmeister von Stralsund,
Welcher im Fährthor wohnt, und Anna Marieken, die Mutter,
Welche den Jungen verzieht und mit Leckerbissen verpäppelt?«
»»Jacob,«« so sagt' ich zu ihm, »»antworte dem gnädigen Herrn doch!
Heißet die Mutter nicht so, wie er angiebt? Steh' ihm doch Rede!««
»Anna Maria Schwarz!« so sprach kaum hörbar der Junge;
Denn da der Geist sich mit ihm beschäftigte, wurd' es ihm grus'lig.
»Jacob,« sagte der Geist, »Du bist's! Tritt näher! Dich mein' ich!«
Jacob trat mit Zittern hervor, grad unter den Rothrock.
»Knie', mein Sohn!« so sagte der Geist. Und Jacob, er kniete
Wie ein Sünder und faltete schier in Aengsten die Hände.
»Jacob,« sagte der Geist mit tieferer, hohlerer Stimme,
»Jacob!« sprach er noch 'mal in feierlich schauriger Weise,
Daß mein Jacob schon fürchtet, es ging' ihm jetzt an den Kragen,
Und so ruft es nach einer Minute der höchsten Erwartung:
»Jacob, verkälte Dich nicht!«
                                              Da erscholl ein unendliches Lachen;
Denn so hatte die Mutter zu ihm aus dem Boot noch gerufen.
Aber um Jacob nicht zur Besinnung kommen zu lassen,
Sprach der Klabatermann: »Geh', Jacob, in die Kajüte,
Denn Dich ruft der Cap'tain. Doch vergiß nicht meine Ermahnung!« 74
Jacob springt gleich auf und rennt zur Kajüte gehorsam,
Athemlos, wie er ist, und stolpert die Treppe hinunter,
Oeffnet die Thür und ruft: »»Capitain, was steht zu Befehle?««
Nun war eben Cap'tain ein wenig zum Schlafen gegangen
Und ist denn, so plötzlich geweckt, in der übelsten Laune.
»Junge, was willst Du?« so schnauzt er ihn an. »»Ihr habt mich gerufen.««
»Nein! Ich habe geschlafen!« »»So habt Ihr im Schlaf mich gerufen,
Das hat mir der Klabatermann ja selber gesaget!««
Doch Capitain weiß nicht, was alle die Reden bedeuten.
»Junge, Du bist wohl übergeschnappt?« so ruft er im Zorne
Und greift kurz und gut nach dem Nächsten, das eben zur Hand ist,
Fasset die Stiefel und schmeißt sie mit Seemannsflüchen nach Jacob,
Der ausnähte, doch traf ihn die nagelbeschlagene Sohle,
Daß er auf Deck mit blutendem Ohr gar eilig gestürzt kam.
Indeß hatten wir rasch die Puppe beseitigt, der Koch war
Auch vom Mast geschlüpft, und als mein Jacob herausfliegt
Aus der Kajüte, so fragten wir ihn, was es drunten gegeben.
»O, der Cap'tain sprach wohl nur im Schlaf; denn er hat mich gescholten
Und mich geschmissen. Da seht! Mir blutet das Läppchen am Ohre.«
»»Ja, Dein Kragen ist roth, Dein schön gekniffener Kragen,
Und das rührte der Kobold Dir ein. Da siehst Du nun, Jacob, 75
Was wir Dir immer gesagt. Er thut es nicht anders und treibet
Schabernack stets, der Klabatermann.«« »O, ich bin schon zufrieden,
Daß es nicht schlimmer gekommen!« so sprach mein Jacob getröstet;
Denn er hatte beinah' schon gefürchtet, es kost' ihm das Leben.
»Aber es riecht ja nach Punsch! Was trinkt Ihr denn, Leute?« Er merkte
Jetzt erst, daß wir mit Picheln beschäftigt. Wir sagten: »»Ja, Punsch ist's,
Schwedischer Punsch. Ihn hat beim Abschiednehmen der Rothrock
Selbst uns gebracht. Er kam damit aus dem Raume gestiegen,
Mit drei Flaschen in jeglichem Arm, und sagte, wir sollten
Trinken auf seine Gesundheit. Da nimm und stoße mit uns an.««
Jacob nippte und sprach: »Das ist ja dieselbige Sorte,
Die ich von Mutter erhielt, mich Nachts auf Wache zu wärmen.«
Und so ließen den gütigen Wirth wir leben. Der gute
Gläubige Jacob ahnte noch nicht, daß er selber der Wirth sei.
Wenigstens fehlte nachher an den Flaschen, die Mutter ihm mitgab,
Als er einmal revidirte – wie ist das möglich? – die Hälfte!
Und wir tranken und sangen und tanzten zuletzt vor Vergnügen,
Bis der Cap'tain mit dem Stock an's Deck anklopfte, so viel als:
Seid Ihr nicht gleich muckstill, so holt Euch Alle der Teufel!
Das war ein heiterer Tag für die Schiffsmannschaft! Doch von Allen
Stieg doch keiner so froh zur Koje hinunter wie Jacob; 76
Denn er war selig dabei, daß ein gütiges Schicksal ihm gönnte,
So des Klabatermanns ansichtig zu werden. Er glaubte
Steif und fest an den Geist, den er selber gesehn und gesprochen.
Uebrigens, Spaß bei Seite! es giebt nur wenige Schiffer,
Die vom Klabatermann nicht sehr nachdenklich erzählen,
Und was immer auch jetzt aufklärerisch schwatzet die Jugend,
Unsere Eltern, sie hielten den Schiffsgeist höchlich in Ehren.
Ja, mein Vater verdankt ihm die Rettung des ganzen Vermögens.
Sein ausbündiges Glück, mit welchem er immer gefahren,
Seit er die Brigg: »Die Gebrüder« erhielt, war Allen erstaunlich,
Und sie beneideten ihn; doch er schrieb, so ein wackerer Schiffer
Als er auch war, sein Glück doch nicht auf eigene Rechnung.
Nein, dem Klabatermann, der an Bord war, meint' er's zu danken.
Und schon hatt' er so viel sich verdient mit beständigem Glücke,
Daß er ein goldenes Anker dafür sich zu kaufen vermochte.
Als mein Vater einmal im stürmischen Kattegate
Tau und Anker verlor, was Andern doch häufig begegnet,
Zog er sich das zu Gemüth und machte sich drüber Gedanken,
Ob der Klabatermann ihm nicht ein Zeichen gegeben,
Und ihn, daß er das Schiff zu verlassen gedenke, gewarnet.
Damals war er jedoch noch an Bord, das konnte man spüren;
Denn nachdem, so übel zerzaust, mein Vater die Höhe
Skagerrackes erreicht, so schlägt ganz plötzlich der Wind um,
Fasset das Schiff und schleudert es so gradweges nach Grimsby,
Wohin Vater befrachtet, in kaum zwei Tagen, wer glaubt es? 77
Während die Schiffe, so viel gleichzeitig im Sunde gewesen
Und bei Helsingör zusammen mit Vater gelegen,
Ehe das Skagerrack sie erreicht, von dem nämlichen Sturme
Wurden gepackt und zurück in das Kattegat wieder geworfen.
Einige wurden beschädigt und leck und suchten mit großer
Havarie Zuflucht in Malmö oder in Ystadt.
Vaters Rheder bekamen aus Grimsby fröhliche Botschaft!
Als er bei Marsham und Sohn eintrat, so sah man ihn groß an.
»Was? Sind Sie es? Wo kommen Sie her?« so sagte der Kaufmann,
Hocherfreut ihn zu sehen. Er kam wie vom Himmel geschneiet.
Eben erfuhr man, daß Vater das Anker gelichtet in Stralsund,
Und schon stand er auch da, trotz Sturm und Wetter, in Grimsby!
Und hoch waren inzwischen die Weizenpreise gestiegen.
Vater, er machte ein Glück, wie der Häringsjäger in Holland,
Welcher den ersten Häring ans Land bringt, und in der Freude
Gab ihm reichen Ersatz für Anker und Taue der Kaufmann.
Ließ für Vater auch gleich auftischen Champagner und Austern.
So weit war es nun gut. Doch Vater, er traute dem Glück nicht.
Dreimal hatt' es im Sturm an der Thür der Kajüte geklopfet,
Daß er bestürzt aufsprang und frug: »Wer ist da? Was soll das?«
Niemand hatt' es gethan. Er verhörte die sämmtliche Mannschaft,
Niemand hatte geklopft und »Adjes!« gerufen. So hatte
Vater verstanden; indeß wer kann das im Sturme so merken?
Waren es zischende Wellen vielleicht? Doch durfte man Vater'n 78
Gar nicht kommen mit so ungläubiger frecher Erklärung.
Baumfest glaubt' er daran, ihn habe Klabater gewarnet,
Daß er verlasse das Schiff und also es weihe dem Unglück.
Darin ward er bestärkt durch die lange beschwerliche Rückfahrt.
Vater gerieth in den Winter hinein, und es froren die Segel,
Daß sich die Leute daran wie an Scherben die Hände zerschnitten.
Doch sie gelangten noch grad' am Julklapp-Abend nach Stralsund,
Weihnachtsmorgen, da geht mein Vater sogleich zu dem Rheder,
Sagt ihm, er gäbe das Schiff jetzt ab und fahre nicht länger.
Und wie sehr ihn die Herren auch baten und nöthigten, dennoch
Blieb mein Vater dabei; denn was er wollte, das wollt' er.
Ja, und was sagt man davon? Sein Schiff: »Die Gebrüder,« es wurde,
Da es gelitten vom Eis, ganz gründlich besichtigt, gekielholt,
Aufgezimmert wie neu. So erhielt es ein anderer Schiffer.
Und was begiebt sich mit dem? Er verunglückt schon auf der ersten
Reise damit! Nicht weit von Tarent lief ruhig das Schiff fort,
Wo's Südfrüchte geladen – auf Hamburg, glaub' ich, gefrachtet –
Als sich der Himmel bezieht und ein Wirbelwind sich erhebet,
Welcher das Schiff umtreibt und außer der Richtung auf Grund jagt.
Knack! Da saß es! Sie konnten sich noch auf ein Inselchen retten,
Das zum Glücke nicht fern; mit dem Schiff ging's aber zu Ende.
Bald aufhauend und bald in die Tiefe versinkend, zerschellt es,
Und rings schwammen Orangen umher, Lorbeeren und Sumach. 79
Aber die köstliche Ladung bekümmerte wenig die Menschen;
Denn die war ja versichert, und Jeder ist selbst sich der Nächste.
So war Jeder bemüht, auf die Insel sein Bischen zu retten,
Welche so viel nicht hatte von Holz, um ein Feuer zu machen,
Woran Paulus sich dort im ähnlichen Falle gewärmet.
Viel noch standen sie aus von Frost und von Hunger, bis endlich
Sie ein bremisches Schiff wahrnahm und sie glücklich erlöste.
Als sie nach Hause gelangt, und die Kunde erscholl von dem Unglück,
Sprach mein Vater: »Ich wußt' es ja wohl! So mußte es kommen;
Denn der Klabatermann weiß wohl, warum er vom Schiff geht!«
Ja, vom Klabatermann, da ließe sich viel noch erzählen!
Der sieht immer zum Rechten und ohrfeigt öfter den Jungen,
Wenn er das Bier beim Zapfen verspillt, und hilft den Matrosen,
Wenn sich der Anker zu fest im Grunde gebissen, beim Winden,
Und er verrichtet dem Schiffer gar oft unsichtbare Dienste.
Einmal lagen ein paar holländ'sche Ostindienfahrer
Still beim Helder vor Anker; es war ein ruhiger Abend.
Spät ging auf, abnehmend, der Mond und blinkte im Wasser,
Und da hört ein Matros' ein Gespräch abwechselnder Stimmen.
Anfangs schaut er sich um, wer über dem Wasser so redet;
Aber so klar auch der Mond, so entdeckt er doch keinen der Sprecher,
Bis am Gespräch er vermerkt, was das für Kunden! Es red'te 80
Ein Klabatermann zum andern. So sagte der erste:
»Gottlob, daß wir die Reise gethan! Ich habe darauf viel
Müh' und Arbeit gehabt; denn siehst Du, Bruder, die große
Stenge, sie war uns grad' am Eselshaupte gebrochen,
Und da hab' ich sie denn auf der Reise zusammengehalten.
Magst mir glauben, die Mühe, sie war im Sturm nicht geringe!«
»»Ich,«« so versetzte der Andre darauf, »»ich hatt' es noch schwerer.
Denn mein Kiel war leider zertrümmert. Im indischen Meere
War mein Schiff an ein Riff so angestoßen, daß plötzlich
Mehrere Bolzen gesprungen; da mußt' ich den Kiel, den gesprung'nen,
So mit aller Gewalt zusammen drücken und pressen,
Daß manchmal mir der Athem dabei schier wollte vergehen.««
Mein Matrose, der so in der schweigenden lieblichen Mondnacht
Hatte das Zwiegespräch der Klabatermänner belauschet,
Gab von der Sache Bericht, die sehr nachdenklich zu hören.
Als die Ostindienfahrer nach Amsterdam nun gekommen,
Untersuchte sofort man den Mast des ersten; was fand man?
Richtig, die große Steng' ist am Eselshaupte zerbrochen!
Aber das andere Schiff kielholt man, und schau, was ergiebt sich?
Ganz in Trümmer zersplittert der Kiel! Sagt, hätten die Schiffe
Ohne Klabatermann wohl wiedergesehen den Hafen?

 


 

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