Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Heinrich Kruse >

Seegeschichten

Heinrich Kruse: Seegeschichten - Kapitel 7
Quellenangabe
typepoem
booktitleSeegeschichten
authorHeinrich Kruse
year1880
firstpub1880
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleSeegeschichten
pages168
created20150304
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Wider Wind und Wellen.

        Reich war Borkum vordem durch Wallfischfang und durch Schifffahrt,
Und auf der Insel, die nicht blos leuchtet mit silbernen Dünen,
Sondern das Auge mit Wiesen erfreut und goldenen Aeckern,
Sieht man die Gärten noch heute mit Wallfischrippen umzäunet.
Solch ein Wallfischjäger war auch Gerd Eilers und hatte
Sich ein artiges Geld auf die hohe Kante geleget.
Doch schlecht wurden die Zeiten; es kamen in's Land die Franzosen,
Welche die Küsten bewachten und englische Waaren verboten.
Also wurden die Häfen gesperrt und es wagte sich kaum noch
Irgend ein Schiff hinaus und still stand Handel und Schifffahrt.
Darin konnte jedoch sich Eilers nicht finden, der kühnen
Und hoffärtigen Sinnes. »Was kehr' ich mich an die Franzosen?«
Sagt' er; »dafür weiß wohl Gerd Eilers sich Rath noch zu schaffen.
Westwärts fließet von Borkum die Ems und fließet auch ostwärts.
Wenn ich nur tüchtig die Hand der Franzosen versilb're, so sehn sie
Links, wenn ich fahre nach rechts, und rechts, wenn ich fahre zur Linken!« 52
Also bestellt er ein Schiff in Emden. »Du brauchst nicht zu sparen,
Sprach er zum Baas, nur mußt Du mir Alles gerade so machen,
Wie ich es Dir angeb': ich weiß, was zum Segeln gehöret.«
Und so wurde das Schiff denn gebaut nach seinem Gefallen,
Ein dreimastiger Schooner aus eichenen Planken und Kernholz.
Niemals ward ein größeres Schiff in Emden gezimmert;
Niemand hatte darin auch nur ein Achtel gerhedet;
Ganz sein eigen, das herrliche Schiff, kein Stüver als Schuld drauf!
»»Und wie soll es denn heißen?«« so fragte der Schiffsbaumeister.
»Ja, was meinst Du?« so sprach Gerd Eilers mit pfiffigem Lächeln.
»»Ich? Ich nennt' es: Die Braut; dieweil es so zierlich und schlank ist.
Oder: Die Hoffnung; das ist ein glücklicher Name.««
                                                                                    »Die Hoffnung!
Hoffnungen schwimmen so viel auf der See! Ein gewöhnlicher Name!
Nein, mein Schiff ist fest, und ich selber verstehe zu fahren,
Darum nenn' ich es auch – Allein Ihr werdet es hören!«
Und da die Flasche zerschlagen am Schiffsbug wurde, so tauft' er's:
»Wider Wind und Wellen!«
                                            »»Das ist ein vermessener Name!««
Sagte der Baas und zog nachdenklich die Brauen zusammen.
»»Unser Herrgott sitzt im Himmel und läßt sich nicht spotten! 53
Daran kann man gedenken auf Spiekeroog, in dem Kirchlein,
Wo man die zwölf Apostel auf Goldgrund kräftig gemalt sieht,
Bilder, die einst die Kapelle geschmückt in einem gewalt'gen
Spanischen Orlogsschiff, das hier an der friesischen Küste
Schiffbruch litt in dem Sturm, der jach die Armada zerstreute.
Philipp hatte sich auch zu viel mit Worten vermessen,
Sieh, und die Bilder des Dorfkirchleins, aus dem Wracke geborgen,
Sind nun der einzige Rest von der unüberwindlichen Flotte.
Gott demüthigte noch ganz andere Leute, als Dich schon!««
»Freund, Du hast mein Schiff mir gebaut, ich bezahle dafür Dich,
Doch ich verlang' in den Kauf nicht Lehren und Predigten, hörst Du?«
So sprach Gerd, der nicht ans Andre zu achten gewohnt war,
Und so fuhr er nach Borkum zurück, um das Geld sich zu holen,
Das rückständig noch war für den Bau an den Meister. Im Eckschrank
Lag es schon lange bereit, im neuen und stattlichen Hause,
Das mit der Jahrszahl prangt' und der messing'nen Wetterfahne,
Mit drei stattlichen Linden, wenn über dem Dache die Wipfel
Winterlich kahl auch sind von den Stürmen der friesischen Küste,
Und mit dem Garten, der hier mit Wällen beschützt vor dem Sand war,
Dort von riesigen Knochen umzäunt: sie erinnern den Schiffer
Manches fröhlichen Fangs und der glücklich geworf'nen Harpune.
Siehe, so fest war das Glück für Gerd auf dem Lande gegründet; 54
Aber er war wie der Hund, der den Knochen verliert aus dem Maule,
Weil er schnappt nach dem Schatten, der ihm auf dem Wasser sich zeiget!
Borkum sprach von nichts als dem Schiff mit dem trotzigen Namen,
Und als Gerd mit dem Geld aus dem Haus trat, stand wohl die halbe
Insel umher, und es war ihm schon recht sich beachtet zu sehen.
Als ihm die Truhe so schaukelt am Arm, da löst sich der Boden
Und in den Sand rollt klirrend das Geld, als wollt' es ihn mahnen:
»Gib mich nicht weg!« Da wurde der Kopf von Manchem geschüttelt.
»»Unglück bringt Dir das Schiff; schlag's los! Dies sind nicht die Zeiten,
Gegen den Wind zu segeln; es faulen die anderen Schiffe,
Und Du bautest Dir eins. Schlag's los!«« so sagten die Leute.
»Weibergewäsch!« brummt nur Gerd Eilers und sammelt die Münzen
Wieder vom Boden zuhauf, bringt's Geld nach Emden zum Baas hin,
Zählt es ihm baar auf den Tisch und schwimmt in Glück und in Freuden,
Wenn er so steht auf dem Schiff und mit Kennerblicken es mustert.
Und so nahm er denn flugs, trotz Engelsmann und Franzosen, 55
Fracht auf Indien an und segelte stolz aus dem Dollart.
Mit ihm fuhr sein einziger Sohn, ein blühender Jüngling,
Goldig gelockt, treuherzigen Blicks. In der Nacht vor der Abfahrt
Träumt er so schwer und sieht im Schlafraum neben sich stehen
Etwas – ein Schiffsrumpf schien es zu sein, doch dient er zum Sarge;
Denn ein Leichnam lieget darin mit wallenden blonden
Locken, allein das Gesicht ist verlarvt: rings brennen die Lichter.
Das ist das böse, das zweite Gesicht. Da ergrimmte der Jüngling
Gegen das schlimme Gespenst. Er greift nach der Scheere, er schneidet
Kräftig hinein in das lockige Haar und steckt sich den Büschel,
Welchen er abgeschnitten, in's Bett. Und als er am Morgen
Aufwacht und sich besinnt, da findet er richtig die Haare
Neben sich; aber es sind, o Schrecken! die eigenen Locken,
Wie ein Blick auf den Spiegel ihm zeigt. Er hatte die Scheere
Gegen das eigene Haupt im Traume geführt und sich selber
Hatt' er als Leiche geschaut und glaubte dem Tod sich verfallen.
Was ihm im Traume begegnet, erzählt' er dem Vater und sagte:
»»Wenn ich reise, so zieh' ich das Schiff mit mir in's Verderben,
Laß mich, bat er, zu Haus.«« Doch es zürnte der Vater und fluchte,
Polternd von Albernheit und Aberglauben. Der Sohn mag
Flehn wie er will, er muß auf die Reise mit. Als mit gerefften
Segeln in kräftiger Brise sie fahren inmitten der Nordsee, 56
Kracht es im Schiff; bald hört man ein dumpfes Gegurgel im Schiffsraum,
Und schnell stürzt sich die See in das Leck und reißt das Verdeck auf.
Da war freilich es Zeit an Rettung zu denken! Der Alte
Obwohl finsteren Muths, gibt sicher und rasch die Befehle.
Als sie das Langboot lösen, so hilft ungerufen die Sturzsee
Beim Flottmachen; sie springen hinein. Als der letzte von Allen
Wankt, bleich wie ein Gespenst, mit gerungenen Händen, der Schiffer
Auf das Verdeck. Was ist es? Der Sohn liegt unten und will nicht,
Mag auch der Vater befehlen und bitten, den Uebrigen folgen.
»»Laß mich,«« sagt er zum Alten, »»ich bin das erkorene Opfer;
Laß mich hier mit dem Schiff allein mein Schicksal vollenden.
Ging' ich mit Euch, so würdet Ihr selbst in die Tiefe gezogen.
Laß mich, Vater, und rette Dich nur und grüße die Mutter.««
»Du barmherziger Gott, wie darf ich denn ohne Dich kommen,
Du Augapfel der Mutter? O, folge mir, einziges Kind, doch!«
Also flehet der Vater und weint und bestürmt ihn vergebens.
Abgewandt, als versagten den Dienst schon Ohren und Augen,
Liegt sein Sohn vor ihm da, und es ruft ihm draußen die Mannschaft:
»»Kommt, Capitän! Macht fort! Sonst müssen wir kappen! So kommt doch!««
Hastig springet der Schiffer auf Deck, sieht, daß es zu Ende, 57
Eilt noch einmal hinab und beschwört bis zuletzt noch den Jüngling,
Und dann schwankt er verzweifelt hinaus und springt in das Langboot.
Und hoch werden die Ruder gehoben zum kräftigen Schlage,
Welcher das Boot fortstößt von dem sinkenden Schiffe. Da hört man
Plötzlich ein Hülfegeschrei vom Bord her. Siehe, da steht er,
Sein unglücklicher Sohn, in fliegenden Kleidern. In ihm hat
Endlich die Liebe des Lebens gesiegt. »Kehrt!« jammert der Vater.
»Gott, mein Kind, mein Kind! Wir müssen zum Schiffe zurück. Kehrt!«
Und schon hält er das Tau, sein Kind zu retten, in Händen.
»Kehrt!« Sie rudern zurück mit übermenschlichen Kräften,
Als hoch über das Schiff sich brausend und zischend ein schwarzes
Ungeheuer von Wogen ergießt. In die Tiefe geschleudert
Wurde das Rettungsboot und verschwand in dem gähnenden Abgrund.
Und da es wieder emporarbeitet: wo ist da das neue
Prächtige Schiff? Ringsum nur Meer und Wogengetümmel!
Wind und Wellen behielten den Sieg. Gerd war wie die Reichen
Sonst auf mehr nur erpicht und Geld und Gut; doch er dachte
Damals nur an den einzigen Sohn. Der verzweifelte Vater
Mußt' auf dem Boote noch lang umtreiben in Sturm und in Regen,
Bis am siebenten Tag, wo die Mannschaft vor Durst und vor Hunger 58
Fast schon verschmachtet war und erstarrt vor Näss' und vor Kälte:
Sprachlos harrten sie schon auf den Tod! – bis das Boot noch bemerkt ward.
Eine norwegische Brigg kam näher und nahm die dem Schiffbruch
Mühsam Entgang'nen an Bord, mitleidig sie hegend und pflegend.
Einer der Mannschaft besann sich nicht mehr und starb an Entkräftung;
Alle die Anderen kamen davon mit dem Leben, dem nackten.
Und so wurden sie denn an der friesischen Küste gelandet;
Aber der Schiffer, er kam mit traurigem Muth in die Heimat.
Als er in's Hans eintrat, so setzt' er sich ohne zu reden
An den gewöhnlichen Platz. Es erschrak darüber die Hausfrau:
»»Mann, wo kommst Du denn her? Was ist's mit dem Schiff? Wo ist Folgert?««
»Frau, Du siehst es, ich komm' allein; Du mußt mich nicht fragen!«
Sprach er und suchte zu rauchen; doch fiel ihm die Pfeife zu Boden,
Daß sie klirrend zerbrach, und gleich wie die thönerne Röhre
Schien auch gebrochen der riesige Mann und schluchzte und stöhnte.
»»O Herrgott, Du hast uns gestraft für den frevelnden Namen!««
Rief mit Jammern die Frau und rang in Verzweiflung die Hände.
Seit dem Tag war bezähmet der Trotz des unbändigen Mannes,
Und man kannt' ihn nicht mehr. Schier weinerlich jetzt und verzagend
Sitzt er zu Haus, und auch als Nahrungssorgen sich melden, 59
Trotz des blinkenden Hahns auf dem Dach und der riesigen Jahrszahl,
Läßt er sich willig und still zum Fährmann machen der Insel.
Welche Veränd'rung mit ihm! Der alte Pflüger der Meere
Fährt jetzt über das Watt Frachtgüter und Gäste zum Baden!
Der einst Vogel gewesen, ist jetzt zur Brücke geworden!
Also haben ihn Manche gesehn, die am herrlichen Strande
Borkums fröhliche Lust und Gesundheit suchen im Meere.
Einst so trotzig und laut, sitzt jetzt Gerd schweigend am Ruder,
Schauet nach Ebb' und nach Flut, so struppig und finster wie Charon.

 


 

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.