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Seegeschichten

Heinrich Kruse: Seegeschichten - Kapitel 15
Quellenangabe
typepoem
booktitleSeegeschichten
authorHeinrich Kruse
year1880
firstpub1880
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleSeegeschichten
pages168
created20150304
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Meister Eggert.

Robert.
        Gott hilf!
 
Meister Eggert.
                Ei, schön Dank, daß Ihr Schmied Eggert noch kennet!
 
Robert.
Feiert doch endlich, es läutete schon. Da der Junge des Küsters
Läuft spornstreichs nach Haus und schwingt um den Kopf sich die Schlüssel.
 
Meister Eggert.
Nein, jung Herr, noch nicht! Erst muß hier fertig das Rad sein:
Wenn Ihr prediget, laßt Ihr auch nicht warten die Leute.
Setzet so lang Euch hier auf die Bank.
 
Robert.
                                                              Wo oft ich gesessen,
Abends, Ihr sagtet: »Nun muß ich die Mäusekiste nur aufthun!« 156
Und so erzähltet Ihr denn von der stubbenkammerschen Jungfrau,
Oder den Bergen, den neun, vor Rambin und dem Reiche der Zwerge.
Jacob lernte sie kennen, der Junge des Schäfers. Im Felde
Fand er ein Schühchen von Glas. Das hatten die Zwerge verloren
Und sie mußten ihm dienen dafür. Sie fuhren mit Jacob
Ein in den gläsernen Berg, wo die Wände von Gold und Krystall sind.
Und vom eigenen Licht sind unten die Fluren erleuchtet;
Sanfter ist aber der Schein als der Mond, nur perliges Dämmern.
Drinnen nun lebt' er so recht wie er mocht'. Viel schöner, so däucht mir,
Habt Ihr mir Alles erzählt, als ich's zu erinnern im Stande.
Aber er mußte doch wieder heraus, so wie er gekommen.
Als er zu Berg fuhr, war um den Kukuksschrei es gewesen;
Doch nun strich durch die Stoppeln der Wind, Herbst war es geworden.
Jacob ärgerte sich, daß den Ernteschmaus er versäumet.
Drum wenn Einer sich selbst mit vergeblichen Hoffnungen täuschte,
Sagtet Ihr wohl: »Mein Freund, Ihr lebt im gläsernen Berge!«
Aber Ihr hämmert so laut, man hört sein eigenes Wort kaum.
 
Meister Eggert.
Noch ein tüchtiger Schlag! Nun wird's wohl halten bis Nürnberg. 157
Schlage, Geselle, den Reifen noch krumm mal über dem Haken.
So! Nun wäre der Schmied für heut an den Nagel gehangen.
Ei, was guckt Ihr mich an?
 
Robert.
                                            Ihr scheint mir in Kappe und Schurzfell
Peter Vischer zu sein, so klug und tüchtig und ehrlich.
 
Meister Eggert.

Was war das für ein Mann?
 
Robert.
                                              Er war Rothgießer zu Nürnberg
Und voll schöner Geschichten wie Ihr; nur ward ihm der Mund nicht;
Sondern mit fleißiger Hand hat Alles in Erz er gebildet.
Ja, wer säh's Euch an? Wenn Ihr von dem Werke nicht aufblickt,
Worte sparend, als wenn Ducaten es wären, wer dächte,
Daß Ihr so schön zu erzählen versteht, für Kleine und Große?
Denn Ihr lehret und strafet das Volk als weltlicher Pastor.
Wenn Ihr's Einem verweist, so nennt Ihr es: Einen beschlagen.
Will dann Einer im Dorf nicht gut thun, sagen die Leute:
»Warte, Dich muß uns der Schmied auch nächstens beschlagen!« Zur rechten
Schmiede gehen sie hier. 158
 
Meister Eggert.
                                          Ihr wollt uns predigen morgen?
 
Robert.
Freilich. Wie hat Euch gefallen der Prediger vorigen Sountag?
 
Meister Eggert.
Sonst recht gut, nur sah man zu viel von dem Weißen im Auge.
 
Robert.
Sagt, wie steht es denn recht mit der Pfarre? Wer, glaubt Ihr, bekommt sie?
 
Meister Eggert.
Unsere Pfarre ist gut; wer den Acker zu bauen verstehet,
Der kann leben bei uns wie ein Vierfürst drüben auf Rügen.
Weil nun das Gnadenjahr, das der Wittwe gelassen, sich endigt,
Und annahet die Wahl, so predigen alle Bewerber,
Selbst Doctoren der Theologie und Superin'denten,
Sonntags Reihe herum, ablösend der eine den andern.
 
Robert.
Wer hat Aussicht wohl?
 
Meister Eggert.
                                        Ein Jeder hat seine Verdienste; 159
Dieser erfreut sich der Gnade des Königs; den kennet der Bischof;
Aber der Fromme ist gar ein Eidam des geistlichen Rathes.
Der wird's denn wohl werden; denn was kann König und Bischof
Gegen den geistlichen Rath?
 
Robert.
                                              Wie hat er den Bauern gefallen?
 
Meister Eggert.
Hört, was hier sich begab. Herr Pastor geräth in den Eifer,
Wie ein Prophet, und spricht mit Jesaias: »Euere Väter
Aßen Hering; deshalb sind stumpf Euch worden die Zähne!«
Unsere Alten verstehen das Hochdeutsch aber nur wenig,
Und da der Prediger geht aus der Kirche, so stehen die Bauern
Murrend im Kreise herum, und Einer, der leicht in das Zeug geht,
Tritt ganz zornig heran und spricht: »Herr Pastor, mit Gunsten,
Hering haben wir stets, das will ich nicht streiten, gegessen.
Aber wir haben darum doch gute Zähne behalten,
Bess're, als Er!« So sagt er und zeigt ihm bleckend die Zähne.
Kurz und gut, sie wollen ihn nicht, so sagen sie Alle.
Und so haben sie denn, die Leute im Dorfe, beschlossen,
Einzukommen für Euch. Sie wären an Euch schon gewöhnet
Und sie säh'n Euch an als ihren geborenen Pastor.
Also wollen sie schreiben. Doch, fürcht' ich nur, wird es nicht helfen; 160
Denn uns Bauern, uns frägt man zuletzt, und gewöhniglich gar nicht.
Und, aufrichtig gestanden, Ihr seid zu jung für die Stelle.
 
Robert.
Also muß ich denn wohl aufgeben die Hoffnung, die süße,
Hier, wo das heilige Amt seit dem dreißigjährigen Kriege
Meine Ahnen verseh'n, zu folgen der Reihe der Väter.
 
Meister Eggert.
Ja, sie hängen ja noch an den Pfeilern, in gutem Gedenken.
 
Robert.
»Eins nur bitt' ich vom Herrn, das hätte ich gerne« – doch soll es
Also nicht sein! Wohlan, ich will stark morgen mich machen.
Süß ist der Ort der Geburt und bitter die Thräne des Abschieds!
Selber die Kirche ist mir wie ein Freund. Vom Hügel wird lang sie
Mir nachschau'n in das Thal mit dem zierlichen Giebel des Chores.
 
Meister Eggert.
Ja, und der herrliche Thurm, auf den wir Alle so stolz sind!
 
Robert.
Welcher den Schiffern zur See dient als Wahrzeichen. 161
 
Meister Eggert.
                                                                                        Er wackelt
Leider bereits, und man sieht an der Spitze die Richtung des Windes.
 
Robert.
Freilich, die Thürme, die alten, vergeh'n. O, wie wird es so öd' sein,
Wenn einst über das ebene Land wird gehen der Wand'rer,
Und kein Thurm zum Himmel mehr steigt! Kein mahnender Finger
Unsere Herzen nach oben verweist! Dann möcht' ich nicht leben.
 
Meister Eggert.
Sagt, jung Herr, man redet ja jetzt so viel von dem Glauben
Und von allerlei Lehre. Wie soll man dabei sich verhalten?
 
Robert.
»Schaffet mit Zittern und Furcht, daß Ihr selig werdet!«
 
Meister Eggert.
                                                                                          Nun freilich!
Ich bin auch für den Glauben, gewiß! und Frömmigkeit, aber
Ohne gescheiteltes Haar!
 
Robert.
                                        Und Weißes im Auge! 162
 
Meister Eggert.
                                                                              So ist es.
Nun, die mögen ja auch in den Himmel zu kommen versuchen,
Denn mit der Seligkeit wird's wohl sein, wie wenn Markt ist in Stralsund.
Seht, da wandern die Menschen zur Stadt auf Wegen und Stegen;
Einige fahren zum Franken hinein und Andre zum Knieper;
Andere kommen sogar von der Fähre und rudern zu Boot her;
Aber sie langen zuletzt doch All' in der nämlichen Stadt an,
Wenn sie nur achten des Wegs und nicht liegen bleiben im Kruge.
Also, däucht es mir, hat auch Gott's Stadt mancherlei Thore;
Aber die Wege sind schmal, das sollten wir Alle bedenken.
Ist ein reicher Mann, so hört' ich, gewesen in Hamburg,
Der sehr lustig und locker gelebt. Nun kam er zu sterben.
Seine Verwandtschaft schickt zum Hauptpastoren und bittet
Ihn um den üblichen Leichensermon. Hochwürden, er setzt auch
Seine Paruke sich auf, und hält ein hübsches Sermönchen,
Und er vergißt dabei nicht den Mantel der christlichen Liebe,
Legt ihm Alles so aus, daß er immer gefällig gewesen,
Keine Gesellschaft gestört und nie ein Vergnügen verdorben.
Darum wär' er gewiß nun auch in den Himmel gekommen.
Nun stand Einer dabei, ein guter Bekannter des Todten,
Welcher ihn oftmals torkeln geseh'n, wenn er kam aus dem Keller,
Wo man die Austern mit Sect und den edelsten Weinen herabspült.
Der trat näher heran zum Hauptpastoren und fragte: 163
»Ist es wohl wirklich gewiß, daß der Mann in den Himmel gekommen?
Denn schmal sind ja die Wege zum Himmel, so viel mir gesagt ist,
Und wer mit Trinken es hält, für den sind Wege der Art nicht.«
 
Robert.
Seht, da grifft Ihr ja schon in die Kiste! Erzählt mir doch einmal
Wieder ein Märchen.
 
Meister Eggert.
                                  O, nein! Mir werden die Leute zu klug jetzt.
 
Robert.
Wundergescheidt ist ein Mensch, der lesen und schreiben gelernt hat.
Meinet Ihr Solche? Für den sind Märlein freilich zu kindisch.
 
Meister Eggert.
Ja wohl! Solltet mal sehen den Küster, den neuen, den Lehrer,
Wie er sich nennet. Er ist ein blasses und schmächtiges Männchen;
Hochdeutsch redet die Frau, und er selbst macht Verse. Und weil er
Stets an's Drechseln der Verse nur denkt, so denkt er nicht daran,
Daß an die Tafel er kreide die Nummern der Lieder am Sonntag.
»Nachbar,« sagt' ich zu ihm, als er kam in die Schmiede zum Plaudern, 164
»Kümmert um andere Vers' Euch nicht, als stehn im Gesangbuch.«
Seitdem ist er nicht mehr zum Plaudern im Dämmern gekommen,
Die drei Ständer, er meidet sie jetzt, als wär' es der Galgen,
Und nichts Dümmeres gibt's, als den Schmied und seine Geschichten.
 
Robert.
O, sie sind mir ein Hauch von den Veilchenbeeten der Kindheit!
Von dem Machandelenboom und vom Aschenbrödel! Du Arme!
Aber es halfen die Tauben die Erbsen dir lesen. Vom Herde
Stehest du auf, gehst froh zu dem Baum im verblichenen Hauskleid,
Schüttelst Dir gold'ne Gewänder herab. Von den Mühen des Tages
Gehet der Mensch so auch zu dem Wunderbaume der Dichtung!
O ihr Sagen, wie lauscht' ich auf euch! So schwebet die Biene
Ueber dem purpurnen Klee –
 
Meister Eggert.
                                                Jung Herr, Ihr faselt zu viel noch.
Aber das heiße Geblüt, das habt Ihr vom Vater. Was lacht Ihr?
 
Robert.
Muß dran denken, wie Euch ein Füllen verlief aus der Koppel
Und uns die Saaten zertrat. Mein Vater ergrimmte und ließ Euch
Flugs ankünden, Ihr solltet zur Stadt nur kommen am Montag,
Red' ihm zu stehn vor Gericht. Nicht lange, so tretet im Schurzfell, 165
Wie Ihr seid, Ihr herein. »Herr Pastor, mich treibet ein Schiffer,
Daß ich das Anker ihm schweiß', und ich kann zum Termine nicht kommen.
Uebernehmet Ihr wohl nicht auch mein Part vor Gerichte?
Ich will Alles erzählen.« Mein Vater verstummte und rief dann:
»Meister, Ihr habet gewonnen!«
 
Meister Eggert.
                                                    Ein trefflicher Herr, Euer Vater.
 
Robert.
Aber es sagten die Leute: »Der Schmied hat den Pastor beschlagen.«
 
Meister Eggert.
Nun für heute genug. Lang ging zur Rüste die Sonne.
 
Robert.
Seht, da blitzt es! Nochmal!
 
Meister Eggert.
                                                Und mir däucht', als hört' ich das Meer gehn.
Regnet es wieder des Nachts, so schwillet auf Morgen der Bach uns
Ueber die Steine des Stegs, und Wenige kommen zur Kirche.
Herr, was meint Ihr dazu? 166
 
Robert.
                                            Gott wird das Wetter schon machen,
Wie's am besten.
 
Meister Eggert.
                            So recht, jung Herr! Sonst meinen die Menschen
Meistens, wie Petrus, sie wüßten das Wetter doch besser zu machen.
 
Robert.
Saget, wie Petrus? Was meint Ihr damit? Das müßt Ihr erzählen.
 
Meister Eggert.
Sirach hat doch Recht: »Wer ist, dem nicht 'mal was entfähret?«
 
Robert.
Sehet, so müsset Ihr doch mir die Mäusekiste noch aufthun!
 
Meister Eggert.
Jesus Christus, der Herr, ging einst mit den Jüngern um Mittag
Ueber das Feld, und es war sehr heiß, und es lag das Getreide.
Petrus, der mit dem Wort bald fertig war, sagte: »Wie steht da
Dünn und schmächtig das Korn! Hätt' ich zu machen das Wetter,
Sollt' es doch anders noch wachsen.« Da wandte zu ihm sich der Herr um:
»Wenn Du es nur noch schlimmer nicht machst!« So sagte der Heiland. 167
Drauf sprach Petrus: »O nein! Wenn ich Alles zu machen nur habe,
Wie ich es will.« – »Ei, Petrus, versuch' es doch selbst 'mal!« so sagte
Lächelnd der Herr. »Du sollst von Stund' an machen das Wetter.«
Da ließ Petrus den Winter so recht lind kommen und sänftlich,
Und um die jetzige Zeit ließ recht so warm er es regnen.
Und das wuchs, als nähm' es damit kein Ende. Das Vieh mocht'
Fressen das Futter nicht mehr, und das Korn schoß hoch in die Aehren,
Daß es die Mäher zuletzt kaum all' zu hauen vermochten.
Nun, es war gut. Und als sie das Korn in die Scheuer gefahren,
Und anfangen zu dreschen, ist gar nichts drin, und die Aehren
Sind nichtsnutzig und taub. Wie Petrus dessen gewahr ward,
Lief er zu unserem Herrn und rief, wie wäre das möglich,
Da es doch Alles so herrlich gewachsen. Es hätte geregnet
Zu der gehörigen Zeit, und die Sonne dazwischen geschienen.
»Woran liegt es denn nur?« so frug er mit großer Bestürzung.
»Narr,« so sagte der Herr, »Du hast ja die Winde vergessen,
Welche die Frucht zutragen!« Da schämte sich Petrus und sagte:
»Das ist auch wohl wahr.« Und machte das Wetter nicht wieder.
Nun, jung Herr, schlaft wohl! Und prediget morgen zu schön nicht,
Daß nicht, je mehr sie es loben, je minder davon sie verstehen.
Geht's Euch geistlichen Herrn doch sonst schon meist wie dem heil'gen 168
Vater Antonius auch, der den Fischen gepredigt im Teiche
Und auch über die Maßen gefallen. Doch fressen die Hechte
Stets noch die anderen auf, und rückwärts gehen die Krebse.
 
Robert.
Meister Eggert, Ihr habt auch mich beschlagen! Ich dank' Euch.

 


 

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