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Gutenberg > Heinrich Kruse >

Seegeschichten

Heinrich Kruse: Seegeschichten - Kapitel 14
Quellenangabe
typepoem
booktitleSeegeschichten
authorHeinrich Kruse
year1880
firstpub1880
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleSeegeschichten
pages168
created20150304
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Seedienst.

        Endlich stand ich an Bord und am Ziele der Wünsche! Ein Seemann!
Und ein wirkliches Schiff! Ihr nennt, Landratten, es Schiff gleich,
Wenn es nur schwimmt. Doch nein, erst muß drei Masten es haben!
Und so maß ich das Deck mit stolzen und freudigen Schritten,
Während die Leute von fern sich den neuen Genossen beguckten.
Siehe, da ward mit der blanken und zierlichen Glocke geläutet.
Ich trat näher heran und las auf der Glocke die Inschrift
Mit lateinischer Schrift, drum nahm ich sie auch für Lateinisch.
Kam ich doch grad' von der Schule und war von meinem Latein voll.
Die Juno!‹ so sagt' ich, was das für verkehrtes Latein ist!
»Und wie muß es denn heißen?« so fragte ein alter Matrose.
Die Junonis!‹ so sprach ich mit überlegener Miene;
Aber sie höhnten mich aus und der alte Matrose versetzte:
»All mein Lebtag hat doch das Schiff: ›Die Juno‹ geheißen.«
Da ging plötzlich ein Licht mir auf, und ich fühlte das Blut sich
Mir in die Wangen ergießen ob dieser entsetzlichen Dummheit, 127
Die ich da eben gemacht; doch das Schiffsvolk greinte und lachte.
Glücklicher Weise für mich, der ich schon auf der Schwelle gestrauchelt,
Kam am Ufer entlang, in Schweigen gebietender Hoheit,
Grade der Herr Capitain; denn er wohnte bis jetzt noch am Lande,
Wo ich ihn gestern besucht und von Gönnern und hohen Bekannten
Grüße und Briefe gebracht. Er empfing mich wie einen Senator,
War höchst artig und trank mit mir auf glückliche Reise.
»Denke, Du wärest mein Sohn!« So sagt er, mich freundlich entlassend.
Ueber das Deck hin stapft' er mit stattlichen Schritten. Ich eilte
Ihm entgegen zu gehn; doch er nickte mir kaum mit dem Kopf zu,
Stieg zur Kajüte hinab und ließ vor der Thüre mich warten,
Ein, zwei Stunden und drei. Da rief er denn endlich mir: »Heinrich!«
Also ging ich hinein. »Da jetzt Du den Seedienst antrittst,
Heinrich, weis' ich Dich an, und beginne mit unserem Weine.
Nämlich, Du zapfest ihn ab, und ich trink' ihn, drum nenn' ich ihn unsern.
Packe die Flaschen mal hier aus dem Korb und setze sie sorgsam
Dort auf den Bord. Das machest Du so!« So nahm er die Flasche,
Als wer tritt in die Thür, und er schlägt mit der Flasche dagegen,
Daß sie klirrend zerbricht. Ich springe hinzu nach den Scherben;
Aber er ballt mir entgegen die Faust und schreit wie besessen: 128
»Du nichtswürdiger Junge bist werth nicht, daß Du an Bord bist!«
»»Aber was hab' ich gethan?«« so rief ich erschrocken. »»Ihr schlugt ja
Selber die Flasche entzwei, mit eigenen Händen.«« Er sagte:
»Heinrich!«
                    »»Cap'tain!««
                                          »Hier bist Du auf Dienst, und wenn ich Dir sage,
Daß Du's warst, der die Flasche zerschlug, so mußt Du es glauben.
Das ist Ordnung im Schiff. Du hast hier bloß zu gehorchen.
Marschall Davoust sprach: ›Wenn ich ständ' an dem Ufer der Elbe,
Und Napoleon sagte mir: Marsch! so marschirt' ich in's Wasser,
Bis: Halt! rief mein Kaiser und Herr.‹ Dein Kaiser und Herr steht,
Junge, vor Dir!« So sprach er, und reckte sich aus in die Länge.
»Sieh, nun hast Du den Dienst wohl schon ein wenig begriffen!«
Also begann ich den Dienst, und bekam gleich Wache des Abends.
Hinten und vorn lugt' immer ich aus beim Kehren, so wichtig
Schien mein Amt mir zu sein. Wie staunt' ich, da Jahn, der Matrose,
Welcher die Wach' ablöste von mir, sich unter das Boot »staut«,
Um sein Schläfchen zu thun. »Das ist ein genügender Ausguck,«
Sagt' er, »im Hafen bei ruhiger Nacht, da halten die Sterne
Oben schon Wacht.« Gleich schnarcht er auch schon. Mit manchen Gedanken
Kroch ich zur Koje hinein. Ich wurde geweckt aus dem Schlummer 129
Durch ein wildes Getös'. Es rumorte mit Ketten und Heulen,
Als sei los aus der Hölle die Schaar der Verdammten gelassen.
Und rasch fuhr ich hinein in die Kleider und stieg in das Freie.
Noch war's dunkele Nacht, doch die Mannschaft in völliger Arbeit,
Abzubringen das Schiff. Wir wollten damit nach dem Siele.
Schwer war's abzuwinden das mächtige Tau von dem Pfosten,
Und Capitain schalt faul die Matrosen, obgleich von den Händen
Ihnen das Blut ablief. Ich stand daneben und gaffte.
»Du bist auch schon wach, Spielvogel?« so sprach ein Matrose.
Und so war ich getauft. Spielvogel, so ward ich von nun an
Stets von Allen genannt. Doch waren sie zornig, so ward ich
»Lausiger Preuße!« geschimpft. »Du darfst hier müßig nicht stehen!«
Rief mir Steu'rmann zu. »Geh, Junge, und mache das Boot rein!
Kannst die Laterne Dir nur anzünden.« Ich that, wie befohlen,
Stieg hinunter in's Boot, und war zwei Stunden beschäftigt
Emsig mit Schöpfen und Waschen und Scheuern. Der Nebel des Morgens
Lag noch schwer auf dem Fluß. Da sah von dem Spiegel des Schiffes,
Das hart neben uns lag, ein flinker und zierlicher Schuner,
Ruhig ein alter Matrose auf mich. »Du bist wohl ein Neuling?«
Redet' er endlich mich an – »Kajütswacht?«
                                                                      »»Freilich.««
                                                                                            »Der Dienst ist, 130
Junge, der beste des Schiffes.«
                                                  »»Warum denn dieses?«« so fragt' ich.
»Du kannst essen und trinken, so viel Du magst und beliebest,
Du und der Koch. Ihr Beide bestimmt, was wir Ander'n bekommen.
Wird man älter und ist Matrose, so muß man sich placken;
Denn ein Pferd, das Hafer verdient, das kriegt ihn gewiß nicht.
Du hast kaum was Andres zu thun, als die Gläser zu schwenken;
Aber Du lebest dafür im Vollen. Und wenn Du es nicht thust,
Trägst Du selber die Schuld. Da eben Du, Jung, in den Dienst trittst,
Wollt' ich Dich doch anweisen.«
                                                    So hatt' ich nun doppelte Weisung.
Dienst ist nichts als Gehorchen, und Dienst ist üppiges Leben.
Freilich der letztere Rath war wohl nicht der beste; der Geber
War zwei Wochen darauf an der Schottischen Küste geblieben.
Aber Gehorsam ist auch nicht immer am Orte gewesen:
Als wir die folgende Nacht von der Wache herunter gegangen,
Und ich mich eben gelegt und herrlich entschlummert bin, wecken
Plötzlich die Stimmen der Wache mich auf. Sie rufen mich: »Heinrich!
Heinrich, stehe doch auf!«
                                            »»Was soll ich?«« rief ich im Eifer,
Alles zu thun, was der Dienst nur verlangt.
                                                                    »So spute Dich, Heinrich! 131
Denn wir sollen ein Reff im Stampfstock stecken. So komm doch!«
Ich zog hastig mich an, und murmelte, nicht zu vergessen,
Was mir befohlen: Ein Reff im Stampfstock stecken! So kam ich
Auf das Verdeck und fragte: »»Wie steckt man ein Reff in den Stampfstock?
Und was hab' ich zu thun?«« so sagt' ich zu Jahn, dem Matrosen.
Jahn antwortete mir: »Geh' gleich nur, Heinrich, zum Steu'rmann,
Der wird schon Dich bescheiden.« Ich gehe hinauf zu dem Steu'rmann.
»Junge, was willst Du denn hier schon wieder?« So fragt' er. »»Im Stampfstock
Bin ich ein Reff zu stecken beordert. Wie macht man das, Steu'rmann?««
Denn ich wußte ja viel, was Stampfstock heiße. Sie nennen
Stampfstock aber die Stange von Holz grad hinter dem Bugspriet.
Und die wollt' ich nun reffen im Eifer des Dienstes. Er lachte:
»Junge, Du bist nicht klug. So mache doch nur, daß Du wegkommst.
Einfalt,« rief er, »vom Land! Du hast Heusaamen im Haar noch!«
Und so trieben sie mich mit lautem Gelächter hinunter.
Aber ich lernte den Dienst bald näher nun kennen. Die Hauptsach'
War, den geschlagenen Tag sich schimpfen zu lassen. Es pflegte
Also der Herr Capitain zu verkürzen die schleichenden Stunden. 132
Ungern ging er heraus aus der Koj', ungerner verließ er
Seine Kajüt', und während er so der Bequemlichkeit pflegte,
Klagte beständig er doch, wie beschwerliche Pflichten er hätte.
Darin gleichen ihm Viele, die nicht seefahren. Er herrschte
Wie ein Türk' in dem Schiff und hatte die gnädigsten Launen.
Ich war Alles für ihn: Narr, Freund, Bartscheerer und Hausknecht,
Auch Vorleser und Dieb. Wie sollt' ich es machen? Er sagte,
Als ich kam zu melden, der Thee sei alle geworden:
»Thee muß da sein, Jung. Wie wollen wir welchen bekommen?«
»»Ich weiß anders nicht Rath, als Ihr lasset das Boot auswinden,
Setzt acht Hände hinein und laßt nach der Küste sie rudern.
Portsmouth ist ja nicht weit, auch könnten wir landen in Brighton –««
»Dafür!« sagte Cap'tain, und schlug mich hinter die Ohren.
»Heinrich, Du sorgest für Thee! Denn das ist Deine Verrichtung!«
Damit war ich entlassen. Was sollt' ich beginnen? Ich wußte
Freilich, daß Thee wir geladen. Mit reizenden Vögeln und Bildern
Waren die Kisten bemalt. So zog ich denn an mir der Schiffer
Weites Gewissen im Punkt, den sie nennen: »Die Ladung besehen.«
Item Lügen gehörte wohl auch zu meiner Verrichtung.
Einmal lagen wir still auf der Thems' im Walde der Masten.
Mittag war es bereits, Capitain noch immer nicht oben. 133
Ich stand draußen und sah auf die endlos rollende Brücke,
Sah auf die Sonne, so bleich, und die nebelverschleierte Kuppel.
Endlich hört' ich denn auch Capitain sich unter mir regen.
»Heinrich!« rief er mir zu. »»Capitain!«« so mußt' ich erwidern,
Und sprang hurtig herab und stellte mich steif in die Ordnung,
Wie es der Dienst verlangt. Mein Großherr aber geruhte
Noch auf dem Polster zu ruhn. Erst ließ er ein Weilchen mich stehen,
Weil zu beschwerlich das Sprechen ihm war. Dann begann er die Rede.
Während mit funkelndem Gelde gefüllt er die Hände mir vorhielt,
Sprach er behaglich zu mir: »Wir haben es ehrlich verdienet.
Sieh mal, das Silber, wie fein! Und das Gold vom reinsten Gepräge!
Sprich, wem gehöret das Geld?«
                                                    »»Wem sollt' es denn anders gehören,««
Sagt' ich, »»Cap'tain, als Euch.««
                                                      »Nein, Mutter gehört's und den Kindern!
Du nichtsnutziger Strick, wir sollten das Geld wohl verjubeln?«
Frau und Kinder! Er pflegte das Wort im Munde zu führen.
Gleichwohl hab' ich denn doch so meine Vermuthung, daß oft er,
Wenn er des Nachts ausblieb, an Frau und Kinder nicht dachte.
»Doch da es Sonntag ist, und Fracht wir wieder geschlossen,
Wollen wir heute mal feiern. Geh, Jung, und bringe, was da ist, 134
Trag' auf Käse und Wein.« Ich bracht' es ihm. »Nennst Du das Käse?
Das ist Rinde ja nur. Wo ist denn der Käse geblieben?
Mein vortrefflicher Käse von Chester, so bröcklig und goldgelb?«
»»Herr Capitain, was kann ich dafür? Da kommen die Herrn ja,
Täglich an Bord zum Besuch, die Commis –««
                                                                            »Ach, sind ja nur dumme
Kaufmannsjungen!«
                                  »»Das weiß ich so nicht, doch Ihr nennt sie verehrte
Gönner und Freunde, Cap'tain.««»Ja siehst Du, ich bin ein Geschäftsmann,
Heinrich, am hiesigen Ort; da muß man bei Manchem scharwenzen,
Welchen man sonst nicht mit halbem Aug' anblickte.«
                                                                                        »»Die kommen,
Stehen im Weg auf Deck, und gehen dann in die Kajüte,
Schließen die Schränke sich auf und thun, als sei'n sie zu Hause.
Ja, sie schämen sich nicht, und höhlen sogar uns den Käs' aus,
Lassen die Rinde nur stehn. Das wollte so viel noch nicht sagen,
Aber sie fordern auch Wein.««
                                                  »Wahrhaftig?«
                                                                          »»Da seht nur die Flaschen!««
»Ei, so schlage das Wetter darein! Ist ihnen zu theuer,
Und nun wollen dafür sie auf unserem Schiff sich erholen!
Muß ich sie täglich doch bitten noch gar, mir die Ehre zu gönnen,
Und ein Gläschen mit mir zu trinken. ›Mit vielem Vergnügen!‹ 135
Sagt so ein Beefsteak gleich. Wie soll man die Fliegen verscheuchen?
Denn wir richten uns sonst mit der Gastfreundschaft noch zu Grunde.«
»»Ja, das müßt Ihr wissen, Cap'tain.««
                                                              »Ich will Dir was sagen.
Nächstens, sobald ich rufe nach Wein, so sage Du dreist nur:
»Nicht mehr da, Capitain!«
                                            »»Das will ich wohl sagen.««
                                                                                            »Doch laß Dich
Nicht in das Bockshorn jagen.«
                                                    »»Schon gut.««
                                                                              Am folgenden Morgen
Kommt er an Bord und ein englischer Herr, den er unter dem Arm faßt,
Hübsch und groß und fein. »Wie kommt mein Schiff zu der Ehre,
Herr, an Bord Sie zu sehn! Ich freue mich über die Maßen.
Steigen Sie nur gefälligst hinab und stoßen den Kopf nicht!
In die Kajüte, wenn Ihnen beliebt! Ist freilich zu niedrig
Für so hohen Besuch. – Jung – willst Du uns wohl aus dem Weg gehn! –
Doch mein Schiff ist so alt, wie Noah's Kasten. Was soll man
Viel von Kajüte verlangen? Nun bitt' ich, vorlieb so zu nehmen.
Zwar mein Essen ist nur Schiffskost, doch ohne zu prahlen,
Unsere Weine sind gut. Mein Grundsatz bleibt: Nur vom Besten! 136
Denn wer verdient die Stärkung so gut, wie ein büffelnder Seemann?
Ja, das glauben Sie nicht, wie sauer wir Schiffer verdienen!
Aber bestimmen Sie doch. Wir haben von Rhein und von Mosel.«
»»Hock? Ich liebe nicht Hock.«« So sagte der steife Geselle.
»Schade, da sind wir am besten versehn. Hochheimer, den ächten,
Eilfer Johannisberg, Liebfrau'nmilch – Wirklich, ist Schade,
Daß Rheinwein einmal nicht der Herrn Engländer Geschmack ist.
Doch dann führen wir auch noch etliche andere Sorten
Als: Blocksberger, Cösliner, Château Lafitte –«
                                                                              Da verklärt sich
Plötzlich das ganze Gesicht von dem Herrn mit der blendenden Wäsche;
Als den französischen Namen er hört, glaubt Land er zu sehen.
»»Claret!«« ruft er vergnügt. »»Nichts trink' ich so gerne, wie Claret!««
»Eh,« so flüstert mir leise Cap'tain, »Neun Schilling die Flasche!«
Und dann ruft er mir laut: »He, Junge, so bring' uns den Rothspohn!
Hast Du's gehört? Der Herr will Rothwein trinken. So lauf' doch,
Fliege doch weg!«
                              »»Capitain!««
                                                      »Was willst Du, Junge?«
                                                                                              Ich sagte:
»»Nicht mehr da, Capitain!«« unsicher, mit schwächerer Stimme.
Das war g'rade der einzige Wein, mit dem wir versehen, 137
Und mir stand auf der Stirne als Kainszeichen die Lüge.
»Was? Kein Rothwein mehr? O Du Saubartel – Ich bitte,
Hochzuverehrender Herr, zu entschuldigen gütigst, der Junge
Bringt mich noch um durch sein faulenziges Wesen. Du Dummkopf!
Schlingel, befahl ich Dir nicht für Rothwein immer zu sorgen?
Denn nichts trinken die Herrn Engländer so gerne wie Rothwein,
Wenn er vom Besten nur ist. Doch der Jung' ist dumm und verdrossen,
Sorgt nur immer für sich und denket, die Herrn Engländer
Können den Rothwein trinken im Wirthshaus, wenn sie belieben.
Werden Sie's glauben? Der Jung' ist nun ein Jahr auf dem Schiffe,
Hat mehr Schläge bekommen als Brod. Was hat es geholfen?
Aber es soll Dir geschenkt nicht sein. Ich werde Dich lehren!
Warte, Du siehst nachher, wie Ein Strick springt auf dem andern.
Fort, aus den Augen, Du Lump, Du lausiger Preuße!« – so brüllt' er,
Ja, er stieß mit dem Fuße nach mir. Mehr fliegend als gehend
Ich zur Kajüte hinaus! – Dies Stück ward mehrere Wochen
Fast tagtäglich gespielt. Kein Wein war immer im Schiffe,
Und ich mußte den Schimpf und die Schand' aufladen. Am Ende
Sagt' ich: »»Es ist doch zu arg. Wenn ich alle die Prügel bekäme,
Die Ihr täglich mir droht, so wär' ich ja nicht mehr lebendig.««
»Heinrich, so sieh es doch ein, Du mußt für die Ehre des Schiffes 138
Dich aufopfern einmal. Wir wissen ja, wie es gemeint ist,
Und van Spyck hat auch für die Ehre des Schiff's sich geopfert.«
Einst kam aber der Herr an Bord, der Fracht uns gegeben:
»»Nicht mehr da, Capitain!«« rief frech ich nach meiner Gewohnheit,
Aber es sprach Capitain, kopfschüttelnd: »Ach, Heinrich, Heinrich!
Heinrich, sei kein Narr! Du wirst Herrn Gilbert doch kennen?
Rücke den Wein nur heraus.« Da war Wein wieder vorhanden.
Weil einnehmenden Wesens ich war und guter Erziehung,
Lud Herr Gilbert mich ein auf den Abend ihn heut' zu besuchen
Und dort frug er mich aus, was wir für Worte gewechselt
Ueber den Wein. Da mußt' ich die ganze Geschichte berichten.
Großes Gelächter entstand und Heiterkeit unter den Gästen.
Rothwein schenkte der Wirth mir ein aus krystallener Flasche,
Und sprach lachend dazu: »Eh, Jung, Neun Schilling die Flasche!«
Uebrigens glaubt nur nicht, daß an Bord wir alle Gesellschaft
Abgeschworen. O nein! Mein Herr, der wußte zu leben.
Wo er nur kam, war schon er bekannt, in Portugal, Frankreich,
Wo er das Land nur betrat, vor Londons mächtigem Zollhaus
Oder am felsigen Strand Stockholms, an der Brücke von Riga,
War er sogleich von Bekannten umschwärmt. Und wenn wir nach Tromsoe
Wären gefahren zum ewigen Eis, auch dort noch, ich wette,
Hätt' er verfrorene Freunde gehabt. Gut war er gelitten,
Nannte mit Jedem sich Du, selbst wenn er den Namen vergessen.
Täglich ward er gebeten an's Land; auch lud er Gesellschaft 139
Wieder dafür in das Schiff mit den hübschesten Frauen und Mädchen
Und dann schien er verwandelt zu sein. Grad ging er, geschmeidig
Wurden die Glieder, er schien zu erwachen, und wußt' um die Weiber
Noch so zierlich zu schlecken. Er war reichsstädtischer Herkunft,
Aus den Geschlechtern der Stadt. Doch er wollte nicht lernen, noch gut thun.
Also hatten die Eltern zuletzt auf See ihn gegeben,
Wie in den Hansestädten Gebrauch. Inmitten der Damen
Regte der Junker sich wieder in ihm, und er drehte die Schönsten
Zierlich im Tanze herum, und wenn sie ihn baten, so holt' er
Seine Guitarre heraus und klimperte zärtliche Lieder.
Einmal hatten wir gar zu Mittag große Gesellschaft.
»Heinrich, mache Dich fein, anständig!« so hatt' er befohlen,
Und ich kleidete mich in die ankerknöpfige Jacke.
Gegen das Ende des Mahls ward »Heinrich!« gerufen. Ich mußte
In die Kajüte hinab, wo zahlreich Männer und Frauen
Saßen am Tisch. Ich drückte verschämt mich an den Besanmast,
Der die Kajüte durchlief. Da stellt' er mich seiner Gesellschaft
Feierlich vor, und sprach, aufstehend, mit wichtigen Worten:
»Dies ist der junge Mann, von welchem so oft ich gesprochen.
Freilich, er ist nur ein Preuße, ist wahr; doch kann er dafür nicht.
Sonst ist aber der Jung aus guter Familie. Die Eltern
Haben sehr viel an den Jungen gewandt und fein ihn erzogen. 140
Heinrich, ist es nicht wahr?« so wendet er plötzlich zu mir sich.
»»Ja,«« so sagt' ich, »»Cap'tain.««
                                                        »Der lernt bei mir nun den Seedienst
Und ist mir von dem Herrn Senator Schlüter in Bremen
Wie ein Sohn empfohlen und recht auf die Seele gebunden.
Heinrich, ist es nicht wahr?«
                                              »»Ja,«« sagt ich.
                                                                          »Ich sorge für ihn denn
Väterlich auch und denke zuerst stets nur an den Jungen.
Wenn es des Nachts arg stürmt, so fällt mir der Junge sogleich ein
Und nicht läßt es mich ruhn, bis daß ich den Jungen gerufen,
Seh' ich ihn frisch und gesund, so fällt mir ein Stein von der Seele.
Heinrich, ist es nicht wahr?«
                                              »»Ja,«« sagt' ich, »»Ihr wecket mich oft auf;
Wenn Ihr nicht aufstehen mögt. Da muß ich statt Euer auf Deck gehn
Ueber das Wetter berichten und Eure Befehle ertheilen –««
»Halt!« so sagte Cap'tain. »Nicht mehr antworten als nöthig!
Ja, ein Anderer würde sich viel um den Rangen bekümmern;
Aber ich weiß nicht, woher es geschieht, ich bin in den Jungen
Einmal vernarrt; ich werd' ihn verziehn, ich verderb' ihn, verderb' ihn!
Oft wenn mitten im Schlagen ich bin, so steht mir die Hand still.
Schlage! so ruft das Gewissen mir zu, denn er brauchet die Schläge. 141
Schlag' nicht! rufet die Liebe mir zu, die verwünschte, zum Jungen.
Und so muß er sich denn mit der Hälfte der Schläge begnügen.
Wie ein Vater, so bin ich für ihn, und schwach wie ein Vater.
Heinrich, ist es nicht wahr?« »»Ja!«« mußt' ich erwidern. Ich dachte
Aber im Stillen dabei, wie er neulich mich unter den Tisch warf,
Bald mit dem rechten Beine mich knuffte und bald mit dem linken.
»Und schon hat sich im Dienst merkwürdig der Junge vervollkomm't;
Denn er ist klug und gescheidt, anstellig und was nur die Augen
Sehn, macht nach auch die Hand.« So lobt' er mich über die Maßen;
Denn er handelte stets nach der augenblicklichen Laune.
Und so rief er zuletzt im Eifer der Rede sich steigernd:
»Würde mir Steu'rmann krank, so vertraut' ich die Führung des Schiffes
Ruhig dem jungen gebildeten Mann und legte mich schlafen.
Heinrich, ist es nicht wahr?«
                                              Ich sagte: »»Das kann ich nicht wissen.««
»Nur nicht falsche Bescheidenheit, Jung. Zu Allem und Jedem
Bist Du geschickt; nun zeig' es uns gleich und mach' uns den Kaffee,
Aber es muß nicht mehr als zehn Minuten nur dauern.«
»»Gerne,«« so sagt' ich; »»doch muß ich die Herrn und Damen bemühen, 142
Bitten, mal aufzusteh'n.«« »Was? Plagt Dich, Junge, der Teufel,
Daß Du den Aufstand machst?« »»Ich habe da leider vergessen,««
Sagt' ich, »»den Kaffee-Trumm.««
                                                        Da überläuft ihn die Galle,
Und so stürzt er auf mich und packt mich unter die Haare.
»Wie ich stets Dir gesagt, Du bist und bleibest ein Rindvieh!«
Rief er und warf mich hinaus. Das Lob, das er reichlich gespendet,
Ueberreichlich sogar, war in Schimpf und Schande verwandelt.
Abends, als spät sich empfahl die Gesellschaft, so rief er mich wieder
In die Kajüte herab. Wir philosophirten zusammen.
»Heinrich,« sprach er zu mir, ingrimmig und feierlich, »Junge,
Sieh, da gehen sie hin, nachdem sie das Uns're verschwelget!
Jung, ich verachte sie alle vom Grunde der Seel' und des Herzens!«
»»Ich auch,«« sagt' ich, »»Cap'tain.««
                                                              »Was, Du hoffärtiger Bengel,
Darfst Du meine Gesellschaft verschmähn?«
                                                                        »»Ja,«« sagt' ich, »»Warum nicht?
Ich hab' Gründe dafür.««
                                        »So laß mal hören die Gründe.«
»»Erstlich seid Ihr Cap'tain und verachtet die ganze Gesellschaft,
Also muß ich es auch.««
                                        »Ganz richtig,« sprach er und nickte,
»Ja, das ließe sich hören.«
                                          »»Und zweitens,«« sagt' ich ihm, »»hab' ich 143
Alle die Last und Plage davon: auftragen, bedienen,
Dann abräumen und Alles in Ordnung bringen; es sieht ja
Hier mit Erlaubniß aus, als stießen die Schweine den Trog um.
Darum hab' ich das Recht, zu verwünschen die ganze Gesellschaft,
Und Ihr wißt nun die Gründe dafür.««
                                                            »Mir,« meint' er da, »ist es
Bloß um die Consumtion.«
                                            Ich sagte: »»Die kümmert mich gar nicht.
Ist was zu Ende, nun gut, so müßt Ihr's wieder besorgen.
Das ist Euer Geschäft, das ist nicht meine Verrichtung««
»Ja, so ist's. Jedweder für sich und Gott für uns Alle!
Uebrigens glühest Du ja wie ein Osterfeuer. Wie kommt das?«
»»Ach Gott,«« sagt ich, »»Cap'tain –««
                                                                »Nun, was denn?«
                                                                                              »»Als ich hinausging,
Kam von der Treppe die Blonde herab mit den hängenden Locken,
Die sich in Euch verliebt anstellt, und Ihr glaubt es, und schenktet
Ihr ein goldenes Kettchen – Ihr wißt nun schon, wen ich meine.
Also die lachte mich an und klopfte mir erst auf die Backen,
Und dann gab sie mir gar ein Küßchen. Ich mußte mich schämen,
Und ich wurde so roth, daß noch die Wangen mir brennen.««
»Höre, das lügst Du ja nur, um mich zu ärgern, Du Bengel!
Lieb' ist die einzige Kunst, wo höher der Lehrling geschätzt wird
Als der Meister; darauf will solch ein Bürschchen schon pochen!
Aber ich weiß es doch besser, wovon Dir die Wangen so roth sind. 144
Sieh, so wie Du da stehst, ich wette mit Jedem, der Lust hat,
Stecken zum Mind'sten in Dir zwei Flaschen vom besten Burgunder.
Wo nur 'ne Ecke, da sah man Dich steh'n mit der Flasche vor'm Munde.
Laß uns trinken noch mal, damit wir uns wieder vernüchtern!«
Also tranken wir denn und philosophirten zusammen
Ueber das Wohl der Welt und die Rathsherrnwahlen in Bremen.
Wenn wir uns stritten dabei, und ihm aus gingen die Gründe,
Sagt' er: »Du hast den Verstand nicht davon. Du reichest so weit nicht.
Du warst nur in Secunda; ich bin Primaner gewesen,
Habe Horazen studirt. Was willst Du mit Deinem Virgile?«
Also saßen wie Till und Eulenspiegel wir Beide
Bis in die sinkende Nacht. Ich will mich zur Ruhe begeben,
Als mich Steu'rmann ruft, der den Tag sich verborgen gehalten,
Abseits murrend. Nun gab er gelassen 'nen Tritt mir von hinten.
»Jung',« so sagt' er zu mir, »ich will Dich lehren schmarotzen!
Das sind schöne Geschichten an Bord! Was? Affenkomödie!
Aber für Eins dank' heut' ich doch Gott.«
                                                                  Ich fragte: »»Wofür denn?««
»Daß ich so dumm nicht war zu rheden im Schiffe: die Juno!«
Also war ich ermahnt und wär' es am Orte gewesen,
Etwas Reue zu fühlen und ernster die Sache zu nehmen;
Aber ich war blutjung und frisch bei Kräften und lustig.
Also macht' ich mir leicht ein System, so ziemlich dasselbe, 145
Das Capitain mir einst auslegte. Am Ende der Reise
War es, er sah sich nach, was ihm drauf gegangen, und rief mich:
»Junge, da fehlt ja ein Faß, ein ganz Faß Fleisch in der Rechnung!
Herre Du meine – Ihr habt zwei Ochsen zu viel ja verfressen!
Dir ist all mein Gut ja vertraut; Jung, sahst Du denn niemals,
Wie der Koch Dich betrog?«
                                              Nun, er kam an jeglichem Morgen,
Wog das Gewicht sich ab mit dem Desener. Freilich, ich sagte:
»Koch, wie geht denn das zu? Ihr wägt heut' anders als gestern.
Ward denn leichter das Fleisch?« So sprach ich mitunter. Er sagte:
»Ehrlich währet am längsten. Ich wäg', als wär' ich geschworen.«
»Mich zu betrügen,« so rief der Cap'tain, »seid stets Ihr verbündet;
Niemals hatt' ich an Bord so nährige Leute, wie Ihr seid!
Und Ihr meintet, der Wein sei wohl aus dem Fasse gelaufen,
Drehet es um und herum, als wolltet das Loch Ihr entdecken?
Ja, ein Loch hat wohl für den Wein sich gefunden, das glaub' ich!
Junge, da fällt mir ein, daß Zimmermann immer herabkommt.
Was hat hier er zu thun?«
                                          »»Nun, er holt aus dem Schranke sich Nägel.««
»So? Die liegen ja wohl in dem Weinschrank?«
                                                                              »»Freilich.««
                                                                                                    »Der Teufel!
Ah, nun sehe ich Licht! Wie ein Röslein blühet der Kerl ja, 146
Das man mit Wein begießt. Und fragtest Du nie ihn, den Säufer,
Wozu immer die Nägel er braucht?«
                                                            »»Ich werde mich hüten.
Ist nicht meine Verrichtung. Ich hätte ja Wämse bekommen,
Hätt' ich ihn also befragt.««
                                              »Ach, Heinrich, Heinrich, ich kenne
Deine Philosophie. Soll ich sie Dir mal auslegen?«
»»Wenn Euch also beliebt.««
                                                »Doch mußt Du nachher auch gestehen,
Ob ich richtig es traf. Sieh, Heinrich, Du denkst, der Cap'tain ist
Freilich der Herr auf dem Schiff, und ich muß zu gefallen ihm suchen.
Doch dann sind auf dem Schiff noch siebzehn starke Matrosen;
Diese beherrschen mich auch. Wenn möglich, so wär' es das Beste,
Beiden zu Willen zu sein. Doch will es zusammen nicht gehen,
Scher' ich den Henker mich um den Cap'tain. Das ist ja nur Einer;
Siebzehn können mich mehr schuhriegeln. Die will ich zu Freunden
Halten, so viel ich nur kann. Und übrigens ist ja der Alte
Nur ein dummer Kerl, den leicht man über das Ohr haut!
Denkst Du nicht so?« Ich sagte: »»Das sind so meine Gedanken.««
»Heinrich, siehst Du, ich kenne Dich schon! Auch nennst Du mich Schnüffler,
Weil die Gewohnheit ich hab', nach dem Winde zu riechen. Doch, Heinrich, 147
Hüte Dich oder Du kriegst Schiffsmettwurst nächstens zu essen.
Hast Du, Sohn, mich verstanden?«
                                                        Wohl hatt' ich den Vater verstanden.
Schiffsmettwurst, so hieß im Schiffe die Lederkarbatsche.
Ernsthaft wurde der Dienst im Sturm, wenn donnernd die See stürzt
Ueber das Deck. Da war's, in die Tiefe gewaschen zu werden,
Leicht, ganz leicht. Man konnte nicht steh'n auf dem schrägen Verdecke
Und wir zogen von Mast zu Mast ein mächtiges Schiffstau.
Daran hielten wir uns. Hier stand ich des Nachts mit der Flasche,
Um durch kräftigen Trunk die erschöpften Matrosen zu stärken,
Stiegen erstarrt sie herab vom ächzenden Maste. Die See warf
Einmal plötzlich mich hoch auf das Boot. Da saß ich denn oben
Gänzlich verblüfft, und hielt in der Rechten den Hals noch der Flasche,
Hoch in der Linken das Glas, nun gefüllt mit salzigem Wasser.
»Schenk' ein!« sagte der Eine zu mir. Und der Andere: »Trink' aus!«
Mitleid kennet man nicht auf See, und Klagen gehören
Nur für das Land. Ja, wenn Du herab vom Maste gefallen
Und im Bauche des Segels Dich noch auffingest, so mußt Du
Dennoch erschrocken nicht sein und ernsthaft blicken: das gilt nicht!
Ich auch mußte hinauf in den Mast. Nichts konnte man sehen,
Nichts auch hören im brüllenden Sturm. Man tappte den Weg sich. 148
Einst, als ich saß am Ende des Raa's mit Reffen beschäftigt,
Fühlt' ich das klatschende Wasser mir unter den Sohlen, so schief ging's.
Und oft hängt an der Nase man nur und schafft mit den Händen.
Ja, dort oben im Mast! O, König Heinrich von England,
Der Du den Knaben beneidest, so einschläft oben im Maste!
Nein, ich beneid' ihn nicht; denn er müßte den Hals sich ja brechen.
Dann ist freilich nicht fröhlich der Dienst. Doch trauriger ist er,
Wenn bei widrigem Wetter es nebelt und regnet; verstummt ist
Jeglicher Laut, sie geh'n sich vorbei, verdrießlich und schweigend,
Im breitkrämpigen Hut, von dem abtriefet der Regen.
Kinder der Stunde sind stets Seeleute und bleiben wie Kinder.
Aber wie schön dann auch, wenn strahlend die Sonne hervortritt,
Hinter uns lieget das stürmische Cap mit Schlossen und Schauern,
Und jetzt näher wir kommen der Heimat mit jeglicher Welle,
Welche das Schiff abwirft! Hurrah! so saget der Steu'rmann,
Jungen, nun haben die Mädchen von Bremen genommen das Leitseil!
Sanft bläst hinten beständig der Wind und blähet die Leinwand,
Daß wie Marmor sie steht, und das oberste Segel erscheint dann
Außer der Menschen Bereich; Mondraker, so nennt es der Seemann.
O, wie pranget das Schiff und schleudert den Schaum von den Seiten!
Dann ist rüstig und froh, dann lebet von Neuem der Seemann, 149
Und dann blühet er auf in köstlicher Laune; die See nur
Kennet sie so, und ich möchte sie drum Seeblume benennen.
Heitere Stunden, ihr leuchtet noch jetzt in meiner Erinn'rung
Sanft wie der spielende Glanz von der sonnenbeschienenen Welle.
Wäre nur nicht ein Meertyrann der Alte gewesen,
Und in die eigene Würde vernarrt wie Jacob von Schottland,
Der ein besonderes Buch von der Würde des Königs geschrieben.
Aber nach unserm Cap'tain stand über dem König der Schiffer.
»Was ist,« frug er, »die höchste Gewalt auf Erden?« Auf Kaiser
Rieth ich und Papst; doch nein! »Nein,« sagt' er, »der Schiffer im Schiff ist's
Wenn es mir also beliebt, so mach' ich den obersten Steu'rmann
Gleich zum letzten Matrosen; ich mach' den Matrosen zum Jungen,
Und Dich, Junge, so rief er zuletzt, Dich mach' ich zum Theerquast!«
Aber ich habe doch einst Aufruhr im Volke gesehen.
»Heinrich, scheure mal gleich das Verdeck!« so hatt' er befohlen,
Nun, ich holte den Besen dazu, an welchem der Stiel fehlt,
Daß ich nicht weichlich werd' und allzu bequemlich es habe.
Also lag ich herum auf dem Boden, den Besen in Händen.
Nun saß oben im Maste noch Wigand Rolf, der Matrose,
Ein nichtsnutziger Kerl, doch geschickt und verwegenen Geistes,
Stämmig von Leib und breit von Gesicht. Der flötet ein Lied sich
Rittlings über der Raa. Es flötet so leicht nicht ein Seemann,
Weil sie davon Unglück sich befürchten. Cap'tain, der es höret,
Aergert darüber sich gleich und ruft ihm: »Late dat Flöten!« 150
Wigand Rolf hört aber: »dat Flöken!« Ich fluche ja gar nicht!
Denkt er im Herzen bei sich. Will etwa der Alte mich foppen?
Also flötet er weiter das Stück. Darüber erbittert
Schreit der Cap'tain ihm zu: »Kerl, willst Du das Flöten wohl lassen?«
Rolf, der wieder »das Fluchen« versteht, denkt: Ist er denn unklug?
Flötet von Neuem das Lied. Capitain ist wüthend darüber,
Daß ihm Rolf nicht gehorcht. Der rutscht inzwischen herunter
Aergerlich über Cap'tain; als wenn nichts weiter gescheh'n sei,
Wirft er das Werkzeug ab und pfeift noch immer das Liedchen.
»Rolf!« so schreit Capitain.
                                            »»Was soll ich?««
                                                                          »Fege das Deck mal!
Hilf da dem Jungen das Deck mal fegen!«»»Das laß ich wohl bleiben,
Ist nicht meine Verrichtung. Das kommt nicht zu dem Matrosen.««
»Hast Du geschworen nicht, Rolf, mir in Allem getreulich zu folgen,
Wo es das Schiff angeht?« »»Das hab' ich. Jedoch als Matrose,
Nicht als Junge.«« Darauf schreit jener mit gellender Stimme:
»Spitzbub!« Aber indeß sind alle Matrosen gekommen,
Stehen von ferne herum mit trotzigen Blicken. »»Was? Spitzbub?
Hier sind nicht Spitzbuben an Bord!«« so murmelten dumpf sie.
»Willst Du das Deck abfegen?« »»Ich will nicht, sagt' ich schon einmal.«« 151
Plötzlich packt ihn der Herr an der Brust. Rolf wehret sich wüthend,
Und es erhebt sich ein Kampf. Seitwärts steh'n alle Matrosen
Und ich lauf' in der Angst zum Steu'rmann: »Kommt doch! O. kommt doch!
Capitain und Rolf umfassen sich Beide und ringen!
Helft doch!«
                    »»Werde mich hüten. Ich bleibe so weit, wie ich kann, weg,
Daß sie mich nicht vor Gericht als Zeuge belangen. Ich rathe
Dir ein Gleiches zu thun. Was steckst Du in Fremdes die Nase?««
Also sprach er zu mir, und ich wagte mich nicht auf den Schauplatz.
Aber ich schielte doch hin, so zwischen Cambüse und Boot durch.
Fürchterlich maßen sich Beide mit Kräften, verdoppelt vom Zorne,
Beide verloren den Hut, der leewärts flog in die Wellen.
Capitain war höher von Wuchs, doch der stämmige Rolf warf
Ihn zu Boden. Da rafft er sich auf, und da er die Handaxt
Neben sich liegend erblickt, so ergreift er sie gierig und schlägt sie
Rasch in die Hüfte dem Rolf. Der fällt dumpf brüllend zu Boden.
Nun stürzt Alles herbei, und wir schleppen für todt ihn von dannen.
Ich muß bald mit dem Essen hinab zur Kajüte. Da sitzet,
Ganz noch verstört, Capitain: »Ja, Heinrich, mir kochet das Blut noch,« 152
Sagte er, mürbe gemacht. »So geht's dem gebildeten Manne
Unter so rohen Geschöpfen!« Da öffnet sich polternd die Thüre.
Wigand Rolf tritt ein, ganz nackt bis zum Nabel herunter,
Zeigend die Hüfte (sie war blutrünstig und schrecklich geschwollen)
Schreit er, mit Schaum vor dem Mund: »»Ihr da, wollt Ihr für die Hüfte,
Die Ihr zerschlagen mir habt, was nöthig ist, Alles mir geben?
Oder es kommt auf dem Schiff ein Unglück!«« Rollenden Auges
Sprach er; ich war wie gelähmt und sah im Geiste die Mannschaft
Schon eindringen mit Axt und mit Beil. Da erhob Capitain sich.
Niemals hab' ich ihn so voll Muth und Würde gesehen.
»Wigand Rolf, was Du bittest von mir mit Gehorsam, geziemend,
Will ich Dir reichen, ja wohl! Was trotzig Du forderst mit Drohen,
Nimmer bekommst Du das, so lang' ich befehl' auf dem Schiffe!«
»»Ich wollt' bitten vom Schiff, was nöthig für meine Verwundung.««
»Gut, das sollst Du erhalten.« So gab er ihm Salben und Binden.
Rolf nahm an und ging, und legte sich nieder zu Bette.
Zwei, drei Wochen wohl lag er daran. Mit demselbigen Tage,
Wo er vergriffen sich hatt' an dem Schiffer, war aber entlassen
Rolf aus dem Dienst, und es ward ihm abgebrochen die Löhnung.
Weiteres würde sich finden im Hafengerichte. So konnt' er
Nun faulenzen nach Lust. Doch wußt' er dem Alten zu schmeicheln,
Und so leidig zu thun, daß, eh wir den Hafen erreichten, 153
Ihm für die sämmtliche Zeit die Hälfte der Heuer bezahlt ward.
Ueber das Uebrige würde das Hafengericht ihn bescheiden.
Und wir rüsteten uns, zu Menschen zu kommen mit Freuden,
Denn Amerika lag im Gesicht. Da rief der Cap'tain mich.
Ich fand schon ihn geputzt, an's Land zu gehen. Er saß da,
Briefe schreibend, und stöhnte dabei, so ward es ihm sauer.
»Heinrich,« so sprach er zu mir, »ich habe Dich eben gerufen.
Wenn man so lange von Haus und von guter Gesellschaft, verlernt man
Wirklich das Hochdeutsch ganz.« Dies sagt' er mir Alles auf Hochdeutsch.
Wenn wir ein einziges Wort hoch sagten, so kriegten wir Schläge,
Das war Ordnung im Schiff.
                                              »Ihr seid plattdeutsch nur und Tölpel.
Ich bin der einzige Mann von Bildung hier auf dem Schiffe.
Dann bist etwa noch Du, der etwas, doch wenig, gelernt hat.
Kannst Du vielleicht mir sagen: Wie muß es denn eigentlich heißen?
Heißt es: ich grüße Dir? Oder: ich grüße Dich? Welches von Beiden?«
»»Dich, Capitain!««
                                  »Ach was,« so fuhr er im heftigen Zorn auf,
»Alle gebildeten Leute in Bremen sagen: Ich grüße
Dir!«
          »»Nein, Dich, Capitain!«« 154
                                                      »Womit willst Du das beweisen?«
»»Wenn ich ein Buch nur hätte!«« »Da hast Du,« sagt' er, »die Bibel,
Martin Luther hat selbst sie verdeutscht. Der muß es doch wissen.«
Also nahm ich das Buch und fand auch glücklich die Stelle,
Wo Sanct Paulus schreibt an den Titus: Es grüßen Dich Alle.
»»Dich,«« so rief ich ihm zu, »»Capitain, Dich heißt es! Da steht es.««
Schweigend nahm er das Buch und las sich das ganze Capitel,
Und ich dachte bei mir: Wie behauptet er jetzt wohl das Ansehn?
»Heinrich!«
                    »»Cap'tain!««
                                            Er räusperte sich und sagte mit Würde:
»Martin Luther und Du, Ihr seid Schafsköpfe, Ihr Beide!«
Als in Amerika kaum zwei Stunden im Hafen wir lagen,
War Rolf auf und davon, und läßt uns sagen, wir möchten
Grüßen in Bremen, da gäb's kein Recht, und er wollte für diesmal
Lieber verlaufen das Hafengericht und das freundliche Zuchthaus.

 


 

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