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Seegeschichten

Heinrich Kruse: Seegeschichten - Kapitel 12
Quellenangabe
typepoem
booktitleSeegeschichten
authorHeinrich Kruse
year1880
firstpub1880
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleSeegeschichten
pages168
created20150304
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Nach Gutdünken!

        Neulich wurde der Koch von dem Kochsmaat kaum noch gerettet.
Nämlich es hatte der Koch Urlaub vom Schiffe bekommen,
Um in die Kirche zu gehn; doch er ging in die gläserne Kirche,
Wie man das Wirthshaus nennt, und vergaß beim Glase das Weggehn.
Da er sich also verspätet, so wollt' er sich heimlich im Dunkeln
Sacht einschleichen in's Schiff. Doch die Landungstreppe war wagrecht
Während der Ebbe gekommen. Er purzelt und fällt in das Wasser
Zwischen das Schiff und den Quai. Zwar wär' er wohl sonst nicht gesunken;
Denn er war rund und voll, Schwimmblasen vergleichbar die Backen,
Und wie Allen bekannt, pflegt Fett auf dem Wasser zu schwimmen;
Aber er hatte zu schwer sich befrachtet und wäre vertrunken,
Hätte der Maat nicht das Plumpen gehört. Der stürzt sich sofort nach,
Packt bei den Haaren den Koch und schleppt ihn glücklich in's Trock'ne. 108
Aber der Koch sprach nichts – oft hatt' er den Jungen gepeinigt –
Nicht mal: »Danke!« zum Maat, der dastand frierend und triefend,
Und ging ruhig zu Bett. Am anderen Morgen, ich weiß nicht,
Was Maat etwa versehn, doch der Koch holt aus mit der Kelle,
Schlägt ihn hinter den Kopf. Das gewahrte zum Glück noch der Steu'rmann –
Ein vortrefflicher Mann! Stets hatt' er ein lustiges Wörtchen
Jedem in's Ohr zu sagen; doch wenn wir schon glaubten, er wäre
Auch bloß einer von uns, so warf er den Kopf nur nach oben,
Und gleich hatten wir wieder Respect. Der wehrte dem Koche,
Strafte mit Worten ihn hart und sagte: »Wie? Schämst Du Dich gar nicht,
So undankbar zu sein? Pfui, Koch! Wem dankst Du das Leben?«
»»Ja, ich verdanke das Leben dem Jungen, das weiß ich wohl, Steu'rmann,
Und werd' ewig dafür ihm dankbar bleiben, allein – Seht,
Hier ist der Jung auf Dienst und mir auf die Seele gebunden,
Ich muß sorgen für ihn und seine Erziehung.«« So sagte
Ruhig der feiste Gesell. Ich war darüber entrüstet,
Aber als Schiffsjung war ich das Maul zu halten verpflichtet.
Seitdem haßt' ich den Koch und ließ es ihn deutlich empfinden;
Auch stand nicht zu besorgen, daß Einer in ihn sich verliebte.
Sein pausbäckig Gesicht schien stets die Posaune zu blasen,
Glänzte so klar, durchsichtig beinah wie ein Astrachan-Apfel, 109
Der durchscheint, daß die Kerne man sieht und das ganze Gehäuse.
Freilich er war auch redlich bemüht, den Wanst sich zu füllen;
Waren wir aufgestanden vom Tisch, so aß er die Reste;
Ihm schien sauer und süß und salzig und ranzig zu schmecken;
Alles verschwand in dem Schlunde des unergründlichen Freßsacks.
Und was Schlafen betrifft, war Keiner dem Kerl zu vergleichen,
Eben noch sprachst Du mit ihm, dann blieb er Dir schuldig die Antwort.
Sahst Du Dich um nach ihm, so schlief er mit offenen Augen,
Ein Nußknackergesicht; denn sperrweit hielt er das Maul auf.
Gern wollt' immer der Kerl mich pressen in seine Geschäfte
Und ich war ihm denn auch sonst willig zu Diensten gewesen.
Doch, da er wieder was heischte von mir, so sagt' ich zu ihm: »Koch,
Ich bin Junge des Schiffs, nicht Euer Gehülfe. Was wollt Ihr?
Seht, ich scheure das Deck, und will Euch scheuern die Pelzmütz',
Denn der thut's sehr noth; doch ich will nicht scheuern den Kessel.«
Also sprach ich zu ihm, und er drehte mir brummend den Rücken.
Seitdem lebten wir Beide in offener Fehde. Er pflegte
Mich in die Seite zu knuffen, so oft er mir nahe vorbeikam.
Schalt ich darüber ihn aus, so lacht' er und sagte: »Der Raum ist
Eng auf dem Schiff, mein Sohn; man kann sich nicht immer so vorsehn!«
Sonntags hatt' ich einmal mich frisch und sauber gekleidet,
Setzte mich hin auf die Bank mit andachtsvollen Gedanken; 110
Stößt er mich, rutsch! von der Bank. Ich schlug mit dem Kopf auf den Rehling,
Und spring' wüthend empor: »Wie könnt Ihr denn, Koch, mich so stoßen?
Niederträchtiger Kerl –«
                                        »»Ich habe Dich gar nicht gestoßen.««
Sagte behaglich der Koch und plinkte den Andern vergnügt zu.
»»Deine Hosen sind neu und glatt; d'rum bist Du geglitten.««
»Ja, das ist auch wahr!« so sagten die andern Matrosen,
Als ich an diese mich wandte. »Es kam von der Glätte der Hosen.
Heinrich, Du bist ein durchtriebener Jung, doch sieht es ein Jeder:
Deine Hosen sind grün und glatt, wie mit Seife geschmieret,
Und so glitschtest Du ab. Nun willst Du den Koch noch beschuld'gen?
Du hast immer mit Kniffen zu thun. Koch, laß Dich nicht äffen!«
Also hatt' ich den Spott und den Schaden. Ich kochte vor Rachlust.
Warte, so dacht' ich bei mir, ich spiele Dir auch noch 'nen Possen!
Einst stieg herrlich die Sonne hervor aus den schäumenden Wogen,
Unser Capitain kam auch ganz heiter und munter zum Vorschein;
Schaute und roch nach dem Wind, und sah in die Höh' nach den Masten,
Denn wir fuhren mit Top und Schönfahrt-Segel und Allem,
Und sprach endlich zu mir: »Was schreiben wir heute?« Ich sagte:
»»Heut' ist der dritte August und des Königs von Preußen Geburtstag.«« 111
»So? Das ist ja erfreulich. Nun, schön! Den wollen wir feiern.
Koch! Wo bist Du denn, Koch? Du Siebenschläfer!« – Der Koch fuhr
Eilig empor aus dem Schlaf. »»Capitain, was steht zu Befehle?««
»Koch,« sprach dieser, »ist heut ja des Königs von Preußen Geburtstag,
Und den wollen wir feiern mit einer gehörigen Mahlzeit.
Mach' uns ein Hühner-Ragout!« Dann kehrt' er ihm fröhlich den Rücken.
»»Hühner –«« so sagte der Koch und »Ragout« blieb stecken im Halse.
»»Hühner-Ragout!«« Nun war er in Angst. Das konnt' er nicht kochen.
Eins nur fehlte zum Koche dem Koch: daß er kochen gelernet.
Wohl ein Stündchen und mehr stand still mein Koch in Gedanken,
Drehte die Daumen dabei umeinander nach seiner Gewohnheit.
Ich stand ruhig daneben und sah nach dem Fluge der Möven,
Die mit den Wellen zugleich sich heben und senken; ich lachte
Innerlich über den Tropf und dachte: Wie wird er es machen?
Endlich kam er auf mich mit verzweifeltem Muthe gegangen.
»Junge!« so sprach er mich an. »»Was wollt Ihr denn, Koch, von mir haben?««
»Ich bin nur für Schiffe gelernt, auf Erbsen und Suppen,
Alles, was schlägt in das Fach; doch versteh' nicht französisch zu kochen. 112
Und nun verlangt der Cap'tain ein Hühner-Ragout auf den Mittag.
Du bist, Junge, ja auch in der Küche der Herren gewesen.
Sage, wie macht man ein Hühner-Ragout?«
                                                                      »»Da sollt' ich wohl schweigen,««
Sagt' ich, »»ich bin ja nur Schiffsjunge, was weiß ich von Kochen?««
Koch spie aus auf das Deck; dann that er die nämliche Frage
Mit ganz kläglichem Ton: »Wie macht man ein Hühner-Ragout? Du!«
Nun, das dauerte mich, und ich sagte: »»Zerschneidet das Huhn nur,
Setzet es auf im Topfe mit Wasser und lasset es kochen.««
Und so beschrieb ich ihm denn, was sonst er noch Alles zu nehmen.
»»Dann, wenn's fertig geworden, so streuet Ihr Pfeffer darüber,
Weißen und schwarzen, gehörig. Im Pfeffer, da sitzet die Kraft erst.
So mag wohl ein Ragout daraus werden.««
                                                                      Das thut er denn redlich,
Schneidet das Huhn, und setzet es auf, und holet den Pfeffer
Und dann fraget er mich: »Wie halt' ich es nun mit dem Pfeffer?«
»»Erstlich müßt Ihr ihn mahlen.«« So setzt er sich nieder und mahlet,
Mahlet und mahlet und mahlt, bis daß er ein Kästchen mit schwarzem,
Eins mit weißem gefüllt. »So!« sprach er. »Nun sage mir, Junge,
Wie viel nehm ich davon?« 113
                                            Ich sprach so gescheidt wie ein Kochbuch:
»»Nach Gutdünken!««
                                    Damit war aber dem Schelm nicht geholfen.
»Junge, Du sagst mir, wie viel!«
                                                    »»Ich gehöre nur in die Kajüte,
Was weiß ich von Hühner-Ragout? Ich werde mich hüten;
Denn der Cap'tain ist ein zorniger Mann, das wisset Ihr, Koch, ja.
Hat er Euch nicht an den Kopf noch gestern die Eier geschmissen?
Wird es ihm nicht zu Dank, so holt uns Alle das Unglück.
Ihr könnt besser die Schläge vertragen, Ihr habt auf den Knochen
Ein ansehnliches Fleisch; mir liegen die Rippen zu Tage.
Was dein's Amtes nicht ist, so heißt es, da lasse den Fürwitz.««
»Soll ich die Halbscheid nehmen von Beiden?« so frug er noch einmal.
»»Nach Gutdünken!«« so sagt ich. »»Ich mische mich nicht in die Sache.««
Und da nimmt er die Kasten und schmeißet sie beide von oben
»Nach Gutdünken« hinein und brüllet: »So hol' es der Satan!«
Und der holt' es denn auch; denn es ward ein höllisches Feuer.
Als nun der Koch sein schönes Gericht Mittags auf den Tisch trägt,
Folg' ich heimlich ihm nach und stelle mich hinter die Thüre,
Um zu sehn, wie der Spaß abläuft, und des Streichs mich zu freuen.
Den ich dem Koche gespielt. Capitain langt gierig zum Essen.
Doch wie das flüssige Feuer ihn brennt im Munde, so schreit er:
»Koch!« 114
              »»Capitain!««
                                      »Du bist ein Satan, Mörder und Abschaum!«
»»Wenn es beliebt, Cap'tain.««
                                                  »Du trinkst dreilöthigen Kaffee,
Während das Wasser, das mir Du bringst, von Weitem nur braun ist.
Und nun willst Du mich gar mit Pech und Schwefel vergeben?«
»»Wenn es beliebt, Cap'tain.««
                                                  »Ja, Du schlampampest, Du Hundsfott;
Ich geb' Alles doch her und magere ab bei der Wirthschaft,
Wie ein Jagdhund mager' ich ab, wahrhaftig, ich spüre,
Wie bei Deiner Verpflegung mir Falten im Magen sich bilden.
Du siehst aus wie die Wonne dabei, o Du Butterverklärung,
Frissest bei Tag und bei Nacht, und ich glaube, Du kaust noch im Schlafe.
Schlachten laß ich Dich, Koch, und Wallfischthran aus Dir sieden.
Kerl, wir können mit Dir ganz Bremen im Winter erleuchten!«
»»Wenn es beliebt, Cap'tain.««
                                                  »Sprich,« schrie ihn zuletzt Capitain an,
»Half Dir der Junge dabei? Antworte mir!«
                                                                    »»Wenn es beliebt: Ja!««
»Ja, wo ein Schelmstück ist, steckt immer der Junge dazwischen!«
Rief mit donnernder Stimme Cap'tain und stand von der Bank auf.
Mich rührt plötzlich der Schreck. Ich will ausreißen. Doch leider 115
Gehet die Thür schon auf. Capitain kommt. Ohne zu reden,
Legt er die Faust auf mich, die gewaltige Ballastschaufel,
Hält beim Kragen mich fest und schleppt mich in seine Kajüte.
»Da Ihr Beide so herrlich zu kochen verstehet, so schlinget
Euer Gericht auch selbst! So! Setzt Euch Beide nur nieder!«
Sagte mit spöttischer Stimme Cap'tain. »Da stehet die Mahlzeit,
Ich und der Steu'rmann wollen mit Zusehen heut uns begnügen.
Kinderchen, langt nur zu! Und mög' es Euch schmecken!« so rief er.
Also aß ich nun aus, nach dem Sprichwort, was ich mir brockte.
Wie mir die höllische Kost nur die Zunge berührte, so glaubt' ich
Anzubrennen, es schwoll mir der Gaum, ich wollte verzweifeln;
Doch sieh da, mein Koch! Der ließ sich's munden! Hinunter
Ging's mit dem Huhne so rasch, wie ein Indianer ein Huhn frißt,
Roh mit Haut und mit Federn; und da wir geendet, so sagt' er:
»»Niemals aß ich doch noch ein so kräftiges schönes Gerichtchen!««

 


 

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