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Gutenberg > Heinrich Kruse >

Seegeschichten

Heinrich Kruse: Seegeschichten - Kapitel 11
Quellenangabe
typepoem
booktitleSeegeschichten
authorHeinrich Kruse
year1880
firstpub1880
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleSeegeschichten
pages168
created20150304
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Störche.

Auf Mönchgut.
Lootsen-Commandeur Walther; Nachbar Ewert, der Bauer.

Ewert.
        Ei, mein Herr Commandeur, Ihr strotzt ja vom Staat und vom Golde!
Laßt doch 'mal seh'n! Ja, es blänkert nur so! Auf der Achsel den Anker
Als wie ein Admiral! Was hat es denn heute gegeben?
Etwa ein hoher Besuch? Wohl gar ein Berliner Geheimrath?
 
Walther.
Höher hinauf! Ich habe den König von Preußen gefahren
Und heut Nacht ihn nach Putbus gebracht.
 
Ewert.
                                                                    Was sagt Ihr? Zur Nachtzeit?
Darum sah man wohl auch zahllos an den Ufern die Lichter? 94
 
Walther.
Freilich, ich mußte mir doch Landmarken zum Steuern verschaffen.
Und doch macht mir wohl Niemand so leicht die nächtliche Fahrt nach;
Dies Fahrwasser ist eng und gewunden und leicht zu verfehlen.
 
Ewert.
Das war's also! Ich sagte zur Frau: Frau, sagt' ich, da sieh mal!
Blüst heut Nacht ganz Rügen den AalAal blüsen: Nachts bei Feuer den Aal stechen.? Was soll das bedeuten?
Und nun ist es am Ende der König von Preußen gewesen!
Warum ist er denn nicht bei Tage gefahren?
 
Walther.
                                                                        Was weiß ich?
Nacht und Tag, das gilt gleich viel für hohe Personen.
Essen im Sommer sie Eis und Kirschen im Winter, so können
Sie wohl auch in der Nacht ein gefährliches Wasser befahren.
 
Ewert.
Nun, da können wir leicht uns so gut wie die Fürsten es schaffen,
Wenn wir die Kirschen im Sommer verzehren und schiffen bei Tage.
 
Walther.

Richtig, Gevatter! So ist's! 95
 
Ewert.
                                            Sagt, spracht Ihr auch selbst mit dem König?
 
Walther.
Ja, und die Majestät ist heiter und gnädig gewesen.
 
Ewert.
O, Ihr wisset Bescheid! Ihr wisset mit Jedem zu reden,
Wie mit dem Könige, so mit dem Bauer; es fließt Euch wie Honig
Immer die Rede vom Mund', Ihr wißt Euch in Alle zu schicken.
Darum seid Ihr beliebt bei hohen und niederen Leuten.
Also die Majestät hat huldvoll mit Euch gesprochen?
 
Walther.
»Dies ist das Meisterstück der Lootskunst!« sagte der König.
 
Ewert.
Und Ihr bekamet wohl mehr als goldene Worte?
 
Walther.

                                                                              Was meinst Du?
 
Ewert.

O, ich meine die gold'nen – (thut, als ob er Goldstücke zählte) 96
 
Walther.
                                            Je nun, das nimmt man denn auch mit.
Nachbar Ewert, wie geht es denn jetzt zu Hause? Noch Alles
Munter und wohl?
 
Ewert.
                              Nun, es geht noch so leidlich! Ich danke für Nachfrag'.
Ja, mein Vieh ist Alles gesund.
 
Walther.
                                                  Doch die Frau und die Kinder?
 
Ewert.
Gleichfalls.
 
Walther.
                    Und Dein Weizen, er steht ja so dicht und so prächtig,
Nachbar Ewert, man könnt' ein Wagenrad daran lehnen.
 
Ewert.

Ja, ich werde mich noch durchschlagen.
 
Walther.
                                                                Ei freilich, das hoff' ich!
Niemals wollen die Bauern gestehn, wie gut sie es haben 97
Hier auf Mönchgut ist ja das Land, wo Milch und wo Honig
Innen fließt, und ein jegliches Kind, drei Jahre noch kaum alt,
Schmiert allmorgens sich Butter auf's Brod, so dick es nur Lust hat,
Und dann über die Butter noch Syrop!
 
Ewert.
                                                              Ist das nicht besser,
Als Schulmeister es macht – der Sachse, den Keiner verstehn kann,
Solch ein Deutsch wie er schnackt, – der seinen Kindern, den armen
Würmern, zum Kaffee nichts als trockenes Brod nur verabfolgt?
Solch ein Geizhals! Pfui!
 
Walther.
                                        Ei, gebt Ihr ihm Butter zum Brode?
Muß er nicht Künste verstehn, mühselig sich durchzustümpern?
Und Ihr verübelt es ihm, daß er nicht mönchgutisch sich mästet!
 
Ewert.
Hier auf Mönchgut lebt man nach alter Gewohnheit. Drum laßt uns
Unsere Sitten und Trachten nur ungeschoren. Wir sind nicht
Für die Veränderung, Herr Commandeur. 98
 
Walther.
                                                                  Das weiß ich! Das weiß ich!
Du bist noch vom alten Geschlecht – ein richtiger PokeSpitznamen für die Bewohner der Halbinsel Mönchgut auf Rügen, die in ihren Trachten, Sitten und zum Theil auch in ihrer Sprache viel Eigenthümliches haben.,
Welcher die Weiberschürze nicht ablegt und was es sonst hier,
Fern von der Welt, noch giebt an sonderbaren Gebräuchen.
Aber wo willst Du denn hin?
 
Ewert.
                                              Ich gehe nur dort auf die Weide,
Herr Commandeur, um Bucht den getüdertenTüdern: an einen Pflock binden. Kühen zu geben;
Denn in der Hitze verschmachtet das Gras; da will ich die Pflöcke
Weiter nach vorn einschlagen; so finden sie Nahrung bis morgen.
 
Walther.
Nun, so geh ich mit Dir. Kühl wehet der Wind nun am Abend,
Und von dem blühenden Klee strömt süßer Geruch uns entgegen.
 
Ewert.
Gehen wir so beisammen, so möcht' ich Euch wohl etwas fragen,
Herr Commandeur. 99
 
Walther.
                                Was ist's, mein Freund? Was begehrst Du zu wissen?
 
Ewert.
Seht, Ihr wisset doch auch Bescheid und habt von der Welt ein
Tüchtiges Ende gesehn –
 
Walther.
                                        So magst Du, Ewert, wohl sagen.
Bin ich doch dreißig Jahr als Schiffer gefahren. Doch wurden
Allzu geringe die Frachten, es faulten im Hafen die Schiffe.
Vollends als uns der Däne die Küsten blokirte, da war es
Ganz mit der Nahrung vorbei, da sah man alte Cap'taine
Still einsteigen in's Boot, die Thränen im Auge zerdrückend,
Und in entlegener Bucht auswerfen die Angel nach Fischen,
Daß sie doch etwas verdienten für's Haus und die hungernden Kinder.
Nun, da bot man den Posten mir an mit dem prächtigen Titel.
Hat man nicht hohes Gehalt, so hat man doch sichere Bergung,
Und ich durfte nachgrade die Ruhe mir gönnen. Ich war nicht
Solch ein Sommerschiffer, den's schon Michaelis nach Haus treibt,
Um sich hinter dem Ofen zu wärmen und ja nicht den schönen
Schifferball zu versäumen, wo unter dem Walde von Flaggen
Bei Trompeten und Pauken die Paare sich drehen. Ich scheute
Niemals Winter und Sturm, CaplakenZulage zur Fracht für den Capitain. und Fracht zu verdienen. 100
Und so war ich denn oft in Brasilien, war in der Capstadt,
Lief Westindien an und holte mir Ladung in Java.
Ja, ich ließ mir die Welt um die Ohren schlagen! Nun sitz' ich
Aber auf Mönchgut hier in dem freundlichen Haus' auf dem Hügel,
Pflege den Garten und pflanz' Obstbäume und sehe daneben
Rechts auf das Binnengewässer, mit Inseln betupft, und zur Linken
Auf das unendliche Meer, und schaue nach Wind und nach Wetter
Und auf die Schiffe, die kommen und gehn, ob sie Hülfe gebrauchen.
Ja, hier sitz' ich gemach und bin wie im Hafen geborgen
Und mein ganzes Geschäft ist Andre zum Hafen zu lootsen.
Aber ich plaudere da. Ihr wolltet mich, Ewert, befragen?
 
Ewert.
Da Ihr ein welterfahrener Mann, so möcht' ich mit Gunsten,
Herr Commandeur, Euch wohl um Auskunft bitten.
 
Walther.
                                                                                  Nun?
 
Ewert.
                                                                                          Sagt mir,
Ist es denn wirklich wohl wahr, daß die Störch' auch Menschen wie wir sind?
 
Walther.
Was, zum Kukuk, die Störch' auch Menschen! – Doch freilich, die Welt ist 101
Wunderlich, Nachbar. Man höret so viel seltsame Geschichten.
Ja, und der Adebar ist ein besonderer Vogel, das läßt sich
Nicht abläugnen; auch hat er ja stets mit Menschen zu schaffen.
Wer hat Dir das erzählt?
 
Ewert.
                                      Ein alter erfahrener Schiffer,
Welchen ich neulich zu Zicker am Hochzeitsfeste getroffen.
Während die Burschen und Dirnen den Weber- und zierlichen Winktanz
Und was Alles nicht sonst aufführten und tanzten die Nacht durch,
Bis aus dem Bett mit Musik sie die Braut und den Bräutigam holten,
Saßen wir Alten zusammen, uns Dieses und Jenes erzählend.
Immer noch hör' ich den Takt und die endlos fiedelnden Geiger.
 
Walther.
Und da hat Dir der Schiffer erzählt, daß die Störche – Wie war es?
 
Ewert.
Menschen wie wir auch sind, ganz richtige Menschen. Ja, schüttelt
Immer den Kopf. Mir macht man so leicht nichts weiß, wie Ihr wisset;
Aber er hat es ja selber erlebt. Einst macht' er 'ne Reise, 102
Und sein Schiff war neu und blank, doch leider der Schiffer
Alt und mürrisch dazu und er fluchte und wetterte heillos.
Ueber den Ocean fuhren sie hin nach 'nem anderen Welttheil,
Heißt – ich weiß es nicht mehr! Sie schifften mit günstigem Winde.
Als sie die Linie nun passirt und die Sonne, so sagt' er,
Hinter sich hatten, da kam ein Schwarm von Störchen geflogen
Und zog über das Schiff. Sie hielten im Fluge die Beine
Langgestreckt in die Luft, wie eben die Störche denn fliegen.
Aber der Schiffer – ich meine nicht den, der mir es erzählte,
Denn der fuhr damals auf dem Schiff nur als leichter Matrose,
Sondern den Schiffscapitain – ihn verdrossen, so schien es, die Vögel.
»Holt mir die Flinte!« so rief er. Es brachten die Leute die Flinte.
Darauf ladet er rasch, legt an, zielt – zwar die Matrosen
Schüttelten drüber den Kopf, doch achtete jener darauf nicht,
Sondern er zielet und schießt und trifft auch einen der Störche,
Doch nicht so, daß er stürzt. In das Bein nur fuhr ihm die Kugel
Und zerschmetterte fast dem blutenden Thiere den Schenkel.
Rasch flohn sämmtliche Störche davon in wildem Getümmel.
Aber die Mannschaft sagte, das sei nicht recht, ja zu Hause
Würd' es sich keiner getrau'n und dem Adebar etwas zu Leid' thun.
Und sie besorgten sogleich, daß ein Unglück draus noch entstände. 103
Mag es nun sein, wie es will, aus war's mit dem günstigen Fahrwind.
Seitdem hatten sie immer mit widrigem Wetter zu kämpfen;
Lang und beschwerlich wurde die Reise zum anderen Welttheil,
Und sie hatten zuletzt schier Noth und Hunger im Schiffe. –
Bräuning, stehe doch still und laufe nicht immer im Kreise!
Ruhig! Ich will dir ja nur die Sommerfliegen verscheuchen,
Die in den Weichen sich dir festsaugen und übel dich plagen.
 
Walther.
Ist ein stattliches Rind. Doch, bitte, vergeßt nicht die Seefahrt.
 
Ewert.
Sieh, wie begierig sie nun an dem frischen und thauigen Gras rupft!
Ja, ein prächtiges Vieh! Doch wieder zu unseren Schiffern. –
Als sie das fremde Gestade nun endlich erreichten, da schien es
Weithin öde zu sein und kaum von Menschen bevölkert.
Nur ein einziges Haus war rings an der Küste zu sehen.
Um den Hunger zu stillen und Lebensmittel zu schaffen,
Ward ein Boot von ihnen bemannt, und sie stiegen an's Ufer.
Als nun die Bootsmannschaft in das einsam stehende Haus trat
Und nach dem Hausherrn fragte, so lag er da krank und zu Bette.
Nun, sie brachten bei ihm ihr Gewerb an, baten um Essen;
Aber der Herr schien mürrisch und nicht gastfreundlichen Sinnes, 104
Sagend, er hätt' im Hause nicht mehr, als er selber gebrauchte.
Doch sie ließen nicht nach und stellten beweglich die Noth dar,
Die sie gelitten im Schiff. Da bequemt er sich endlich: »Wohlan denn,
Nehmt Ihr vorlieb, so bewirth' ich Euch gleich nach meinem Vermögen.«
Wer war froher als sie? Drauf gab denn der Herr an die Leute,
Die ihn bedienten, sofort Aufträge in klappernder Sprache,
Unverständlich für sie. »Da setzet Euch nur um den Eßtisch!«
Sagte der Herr zu der Schiffsmannschaft. »Man trägt Euch sogleich auf.
Wenn mein Essen Euch nur auch mundet!« Sie sagten mit Lachen,
Ei, das hätte nicht Noth; denn es würze der Hunger die Speisen.
Also nahmen sie Platz um den Tisch, und es deckten die Diener,
Setzten die Teller umher, und es malte ihr knurrender Magen
Sich mit feuriger Kraft auf die Schüssel die köstlichsten Speisen.
Und alsbald ward auch von den Dienern ein großer verdeckter
Kumm' in die Mitte des Tisches gestellt, und es sagte der Hausherr:
»Laßt es Euch schmecken!« Die Gäste bedurften nicht dieser Ermahnung.
Als nun aber der Deckel gehoben ward von dem Kumme
Und sie gierigen Blickes hineinschaun, siehe da ist er
Mit Eidechsen und Fröschen gefüllt! Ein lieblicher Anblick!
Zornig sprangen sie auf und fragten, wie ihnen man solche 105
Speis' anbieten gedurft. Da entgegnete ruhig der Hausherr,
Der aus dem Bett zusah, wie die Eßluft ihnen versalzt ward:
»In Europa bekam auch ich nichts Andres zu essen!«
»»Was? Eidechsen und Frösche?«« versetzten die Schiffer; das wäre
Nimmer geschehn, das sei nicht an dem. »Das,« sagt er, »ist doch wahr.
Wir sind Störche und fliegen im Herbst zurück von Europa
Ueber das Meer; doch kommen wir hier in unserem Land an,
Werden wir wieder zu Menschen. Ihr habt mich schändlich behandelt.
Als ich über das Schiff wegflog mit meinen Gefährten,
Schoß ja der Schiffer auf mich und verwundete mich an dem Beine.
Seht, es ist noch nicht geheilt!« So streckt' er das Bein aus dem Bette,
Und da sahen sie noch die Wunde vom Schuß in dem Schenkel.
Also hat mir der Schiffer erzählt und sich theuer verschworen,
Daß es sich also begab. Was dünkt Euch? Kann man es glauben?
 
Walther.
O, wenn der Schiffer es selber erlebt, so muß es wohl wahr sein!
Drollig ist freilich die Sache; doch nun Du mir dieses erzählt hast,
Werd' ich bei allerlei Leuten vermuthen, sie wären am Ende
Nichts als Störche, da nichts sie versteh'n als Klappern und Plappern! 106
Sieh, wie die Sonne noch einmal aus dunklem Gewölke hervorblitzt
Und das bewaldete Thiessower Höwt wie mit Feuer bestrahlet!
Aber ich muß jetzt geh'n, Nachbar. Da kommt noch ein Schiff auf
Seewärts.
 
Ewert.
                Könnt Ihr es sehn?
 
Walther.
                                              Nein; aber die Stang' auf dem Höwte
Zeigt es mir an; denn es weht das Signal von der obersten Spitze.
Nah ist die Nacht, und das Wettergewölk heischt doppelte Vorsicht;
Darum loots' ich wohl selbst.
 
Ewert.
                                                So wünsch' ich Euch gute Verrichtung;
Aber mir ist nicht bang; da zünden sie schon auf der Oie
Pünktlich den Leuchtthurm an, und Ihr kennt ja den Weg auch im Dunkeln!

 


 

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