Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Adam Karrillon >

Sechs Schwaben und ein halber

Adam Karrillon: Sechs Schwaben und ein halber - Kapitel 7
Quellenangabe
typereport
booktitleSechs Schwaben und ein halber
authorAdam Karrillon
year1922
firstpub1919
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleSechs Schwaben und ein halber
pages461
created20140209
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Der Schwabe Nr. 6½

Ebenich war nach wenigen Monaten schon der Ruhe am häuslichen Herde überdrüssig geworden und plante an neuen Reiseprojekten. Da fing es an in den Eingeweiden Europas herum unheimlich zu rumoren, wie bei einem Vulkan, bevor die Flamme aus dem Krater schlägt. Aber auch sie ließ nicht lange auf sich warten, und der Weltbrand war da. Aus dem Frieden ihrer 457 Wohnsitze aufgestöbert, fluteten die Völker halbverwildert und übereinander selbst erschreckend hin und her, den eizelnen mit sich fortreißend wie der Sturzbach den Strohhalm. Auch der Doktor schwamm auf dem empörten Lauf der unberechenbaren Weltgeschichte und wurde nach drei Jahren etwa ans Büfett des Münchener Hauptbahnhofs hingeschwemmt. Als er eben eine Tasse von Kathreiners alleinseligmachendem Malzkaffee zu sich nehmen wollte, klopfte ihm jemand von hinten auf die Schulter. Er drehte sich um und sah einen Sanitätsoffizier vor sich stehen, dem ein ausgefranster Zigarrenstummel verwegen im Mundwinkel steckte.

»Sie haben sich nicht zu Ihrem Vorteil verändert,« sagte Ebenich, »trotzdem erkenne ich Sie wieder an dem, was ihnen im Gesichte steckt. Ist der da zwischen Ihren Zähnen derselbe noch wie jener im Korallenmeer der Parazelsen?«

»Mit nichten,« entgegnete Herr Gruber. »Unter dem Baldachin meiner Nase haben seitdem schon mehr Zigarren gestanden, als Xenophon Soldaten hatte. Leider sind sie vergänglich wie Gras und Blume und wir alle. Mancher ist in den Staub gesunken, der vor einem Jahre noch den Kopf stolz auf den Schultern trug. O jemine, wo sind sie, die vom breiten Stein –«

»Was ist übrigens aus Ihrem Zwillingsbruder geworden?« fiel Ebenich dem Herrn Gruber in die Rede.

»Er war als Regierungsarzt ins Hinterland von Togo gegangen. Was im Kriege aus ihm geworden ist, vermag ich nicht zu sagen. Frau Hölderlin ist mir aber noch einmal als reiche Witwe über den Weg gelaufen. Denken Sie nur, Sie hat den Mister Griffin 458 in Neapel begraben und ist dann, einem bekannten Sprichwort folgend, fromm geworden. Ich wollte, ich wäre das Findelhaus, von dem sie einmal beerbt werden wird.«

»Nun, vielleicht denkt sie beim Niederschreiben ihres Testaments doch noch an Sie oder auch an den Zweiten, der dazumal ihr Herz erfüllte.«

»Das letztere ist ausgeschlossen. Der hat doch die Österle geheiratet, liegt aber auch schon eine gute Weile da unter dem Wasser, wo uns in jener Nacht der Taifun begraben wollte.«

»Holzkirchen, Schliersee. Bayerisch-Zell, sofort einsteigen!« rief ein blauer Schaffner durch die Tür in den Wartesaal herein. Diese Aufforderung trennte die kaum vereinigten Taifungenossen wieder und entführte Herrn Ebenich zur Leitung eines Sanatoriums bis beinahe an den Fuß des Wendelsteins. Er blieb da zwischen Betten, die mit Verwundeten und Kranken gefüllt waren, monatelang, bis ihn ein neuer Ruf nach ärztlicher Vertretung ins verräucherte Kohlengebiet des Ruhrtales hineinlockte.

Tagsüber im Spital nahm er am Abend sein Essen beim Wirte Dünnebacken ein, wo er mit Lehramtsassessoren zusammensaß, die trotz der Hotelkost keine Pausbacken geworden waren, denn der Krieg wütete und Schmalhans war Küchenmeister im Lande.

»Der Käse ist ausgegangen und einen Apfel zum Nachtisch gibt's nicht mehr,« bemerkte eines Tages der Oberlehrer, »aber heute soll uns ein Geigenkonzert serviert werden, auf das ich gespannt bin. Die Künstlerin ist in der Berliner Philharmonie aufgetreten, was viel 459 heißen will, überschwengliche Zeitungsbesprechungen gehen ihr voraus, überhaupt hat der Name Wöllenstadt in den Kreisen der Kunstverständigen einen guten Klang.«

»Wöllenstadt? Ist die Dame schon im Hause?« fragte Ebenich die Kellnerin, die soeben einen Krautsalat auf den Tisch stellte.

»Sie ist mit ihrer Abendtoilette beschäftigt und kann im nächsten Augenblick schon die Stiege herunterkommen,« war die Antwort.

Nun hielt das Essen den Doktor nicht länger am Tisch. Er ging ins hellerleuchtete Stiegenhaus und pflanzte sich am Fuße der Treppe auf. Nicht lange und er hörte einen leisen Tritt auf dem Teppich des ersten Stockwerkes. Dann kam ein feiner Saffianschuh zum Vorschein, von weißen Spitzenvolants umflattert und umschmeichelt. Ein heller Abendmantel und über diesem aus einer wallenden Federboa herauswachsend der schöne Kopf der Künstlerin.

Ebenich erkannte sie wieder auf den ersten Blick. Es war das liebe Bild anspruchsloser Bescheidenheit, das er so manchmal im Kupee der sibirischen Bahn bewundert hatte, nur glänzte es heute aus einem prunkvollen Rahmen heraus. Fast zu strahlend, so daß der Doktor hätte vergehen mögen. Aber schon hatte ihn das Fräulein gesehen und war voll freudiger Erregung auf ihn zugeeilt.

»Welch ein Wiedersehen,« sagte sie, »und hier am Ufer der öligen Ruhr im Rauch und Dampf der Kohlenzechen! Wer hätte auch das gedacht? – Nun aber, damit Sie mir nicht wieder aus den Augen kommen, wie am Bahnhof zu Moskau, sollen Sie mir der größeren Sicherheit wegen den Geigenkasten schleppen, und 460 zwar an meiner Seite auf dem ganzen Wege zum Konzertsaal.«

Ebenich gehorchte gerne. Voller Andacht hörte er dem lieben Spiel der Geige zu und freute sich für die Künstlerin, als frenetischer Beifall des Publikums den Saal durchbrauste. Mehr noch aber war er beglückt, als er am Arm der Verehrten den stillen Weg nach dem Gasthaus zurücknehmen konnte.

»Schwere Zeiten liegen hinter uns,« seufzte die Künstlerin auf. »Wissen Sie vielleicht, was aus den Grafs geworden ist?«

»Nichts weiter,« antwortete Ebenich, »als daß sie nach Argentinien ausgewandert sind, aber sicher können Sie mir sagen, wo der blonde Däne hingekommen ist, der Ihnen so ausgiebig zu Gefallen lebte? Er war ein lieber Mensch, und offen gestanden, mein Fräulein, ich verstehe nicht, warum Sie das Flehen seiner blauen Augen nicht erhören wollten.«

»Sie verstehen das nicht? Nun so will ich Ihnen mit kurzen Worten sagen: ›Weil ich dazumal bis über die Ohren in einen anderen verliebt war!‹«

»Und dieser andere, hat er darum gewußt und hat nicht zugegriffen?«

»Ich weiß es nicht. Aber verzeihen Sie die Gegenfrage, wollten Sie nicht ein Buch schreiben, das den Titel tragen sollte: ›Die sieben Schwaben‹?«

»Ja, aber ich habe nur sechs gefunden und also muß ein anderer Name gefunden werden.«

»Eine kleine redaktionelle Abänderung kann Sie aus der Verlegenheit reißen. Nennen Sie das Werk: Sechs Schwaben und ein halber. Als der letztere funktionieren 461 alsdann Sie. Denn, bei Amors verbundenen beiden Augen, wenn Sie mit mehr als vierzig Jahren nicht Verstand genug haben, einen ganzen Schwaben vorzustellen, so dürfte Ihre Dummheit doch gerade ausreichend sein, einen halben wenigstens zu markieren.«

 


 

 << Kapitel 6 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.