Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Adam Karrillon >

Sechs Schwaben und ein halber

Adam Karrillon: Sechs Schwaben und ein halber - Kapitel 6
Quellenangabe
typereport
booktitleSechs Schwaben und ein halber
authorAdam Karrillon
year1922
firstpub1919
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleSechs Schwaben und ein halber
pages461
created20140209
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Der Schwabe Nr. 6

(Hutschwabe)

Mit diesen Gefühlen saß er am Frühstückstisch einem leeren Stuhl gegenüber, der noch auf seine Besetzung wartete. Da kam ein langer Herr mit bartlosem Gesicht, die Hände in den Hosentaschen, in Pantoffeln angeschlürft, verbeugte sich ohne Grazie und sagte: »Josefranz.«

»Josefranz?« wiederholte Ebenich. »Es müßte mit Wunderdingen zugehen, wenn Ihre Wiege nicht irgend wo zwischen dem Ulmer Münster und dem Dom zu Freiburg herum gestanden hätte.«

»Wenn's auf e paar Kilometer rauf oder runter nit ankommt, so dürften's annähernd das Richtige getroffen haben. Ich bin von Böblingen, hab' aber einen Vetter, dem sein guter Name genau mit denselben Buchstaben geschrieben wird wie der meine. Er wohnt am Kaiserstuhl und ist ein Wasserdoktor, während ich ein Hutmacher bin und für Borsalino reise.«

»Wenn Ihr Reiseziel China ist, so werden Sie voraussichtlich kein sonderliches Geschäft machen. Wie ich höre, hat die Revolution der halben Männerwelt die Köpfe abgeschlagen.«

»Freili, freili, und wenn die Rümpfe warme Füß' behalten sollen, würde ich am Ende besser für eine Strumpffabrik hausieren. Aber Sie dürfet nit vergesse, daß die, wo noch übrig sind, wie bei uns im Jahre achtundvierzig Heckerhüte tragen, nur daß die Fasson e bissel e andere 297 ist. Kleiner Rand mit steifem Kopfstück. Wenn ihrer ein Dutzend zusammenstehen, könnt' der Dreizehnte denken, es wäre Freitagabend, und die Synagog' wär' eben ausgegangen.«

Ebenich wußte jetzt, daß er einen Ersatzschwaben gefunden hatte, und er suchte ihn durch ein Gespräch an der Tafel festzuhalten. »Werden Sie sich in Tsingtau einige Tage aufhalten?«

»Ich denke nicht. Es ist heute Samstag, und falls ich einen Anschlußdampfer finde, will ich sogleich schon nach Tschifu weiterfahren. Ich kann von meinem Sitze aus durchs Bullenauge ins Weite sehen. Schon zeichnen sich die kahlen Berge des Lauschan im Fensterrahmen ab. Gegen Mittag werden wir am Kai festgemacht haben. Da bleibt nun gerade noch Zeit zu einem regelrechten Frühschoppen an Bord. Ein paar Yen habe ich noch in der Tasche. Wenn ich sie gegen Tsingtau-Dollars eintausche, so will die Bank noch einen Schnitt an mir machen. Ist es da nicht klüger, wenn ich mit vollem Magen und leerem Beutel in unsere Musterkolonie einziehe als umgekehrt?«

Ebenich seinerseits fand, daß dieser Vorschlag viel Vernünftiges für sich habe, und legte den Rest seines japanischen Geldes auf den Tisch, damit es sich in Moselwein umsetze. Da aber die Novembersonne es gut meinte und warm vom Firmament schien, so setzte man sich aufs Deck und guckte einstweilen auf die Felsenstirnen hinaus, die mit ihren Zacken und Kuppeln den westlichen Horizont begrenzten. Sobald aber die grünen Flaschen des Moselweines auf dem Tisch standen, sah man mehr in die geschliffenen Gläser hinein als in 298 die Gegend hinaus. So kam das Kap Jaeschke näher und der Yunuisanleuchtturm glitt an der Steuerbordseite des Schiffes langsam vorüber.

Man war in der Bucht von Kiautschau, und eine Uhr, die vom Lande herüber die Stunde anzeigte, hob eben zum elften Schlage aus, als die Sirene zu heulen begann und alle herbeirief, die Arme hatten, um beim Ausladen behilflich sein zu können. Wie angeklebt lag die Backbordseite am Pier. Man brauchte nicht einmal zu warten, bis die Laufplanke gelegt war. Ein beherzter Schritt genügte, um die beiden Frühschöppler ans Land zu bringen. Mit krummen Seemannsbeinen, die übrigens der Moselwein auch nicht gerade gemacht hatte, schritten nun, während das Gepäck nach dem Prinz Heinrich-Hotel gebracht wurde, Herr Ebenich und sein sechster Schwabe der Deutsch-asiatischen Bank entgegen, um sich Geld in den leeren Beutel zu schaffen. Ohne Mühe fanden sie den stattlichen Bau, der auch mit Türen genügend ausgestattet war, seltsamerweise aber mit keiner einzigen, die sich unseren Reisenden öffnen wollte. Man klingelte, klopfte, trat mit den Absätzen wider das Holz. Nirgends ein Geräusch neben dem, was man selber machte. Wenn hinter den stillen Mauern ein deutsches Dornröschen schlummerte, so mußte es einen gesunden Schlaf haben. Die beiden Männer aber brauchten Geld und konnten auf die Ruhe einer Märchenprinzessin keine Rücksicht nehmen. Sie gingen um eine Hausecke herum und fanden einen Hund an der Kette, der sprachlos vor Staunen war, als er die fremden Menschen sah. Gerade dieses befremdende Staunen war es, was unsere Freunde in Aufregung brachte. Sie 299 wollten, daß der vierbeinige Wächter aufschreien solle, als ob Räuber im Hause wären oder Mörder sogar. Sie reizten das Tier also mit ihren Stöcken, ohne jedoch seine Seelenruhe erschüttern zu können. Der geschwänzte Wächter zog sich in seine Hütte zurück und ließ von seinem Hundegesicht nichts mehr sehen als eine schwarze Nase und zwei Reihen fletschender Zähne, zwischen denen eine rote Zunge zuweilen zum Vorschein kam. Nun aber war dem Schwaben Numero sechs endlich die Geduld ausgegangen. Er hob ein Kratzeisen vor der Hintertür des Hauses auf und bearbeitete damit einen Dachkandel, der in einer Backsteinwand herunterlief. Diese zarte Musik brachte endlich Leben in die Bude. Aus dem Innern des Gebäudes rief eine keifende Weiberstimme nach einem Jeanbaptist, und dieser hinwieder fragte in zorniger Erregung: Was zum Teufel da draußen los wäre, und ob denn für einen armen Hausmeister weder im Sommer noch im Winter, weder bei Tag noch bei Nacht ein Stündchen der Ruhe übrig wäre.

»Bei Nacht schon,« erwiderte Herr Josefranz. »wenn Ihr nicht etwa der Nachtwächter von Tsingtau seid. Solltet Ihr aber zu den Angestellten der Bank gehören, so sagt mir wenigstens, an welchem von den vier Quatemberfasttagen im Jahre Euere Bank sich auftut, um zugereisten Landsleuten auf einen Kreditbrief Geld auszuzahlen?«

Indessen knirschte im Schloß ein Schlüssel, und ein kleines Männlein in Hemdsärmeln erschien in der Türspalte. Als er den großen Schwaben vor sich sah und seinen erhobenen Knotenstock, wurde der Kleine höflicher und erklärte nun den beiden mit vielen Worten, daß heute 300 ein Bankfeiertag sei, und daß von dem Dutzend Direktoren heute keiner auf seinem Bureau erscheinen werde.

»Da morgen ein Sonntag ist, und übermorgen ein Hagelfeiertag,« fuhr Herr Josefranz in diese Belehrung hinein, »so können wir vor Dienstag kein Geld bekommen. Ei, da soll doch ein Donnerwetter durch Sonn' und Mond durchschlagen. Alle vierzehn Tage nur einmal kommt ein deutscher Dampfer hierher. Das wissen die Beamten der Bank, und gerade auf einen solchen Termin legen sie ihren Bankfeiertag. Nun stehe ich da, habe kein Geld und kann fünf Tage warten auf das nächste Schiff, das nach Tschifu fährt. Wissen die Herren denn nicht, daß ein Teil ihres Gehaltes auch auf dem Steuerzettel eines armen Hutreisenden steht?« Und er schwang wütend seinen Stock durch die Luft, daß der Hausmeister wie der Tubus eines Fernrohrs in sich zusammensank und kleinlaut sagte:

»Leider bin ich nur der Hausmeister am Institut, nur das Bändel, das den Schuh schnürt, und nicht schuld daran, wenn Sie das Oberleder drückt, und ich bedaure lebhaft, daß ich in dieser Sache für die Herren nichts weiter tun kann.«

»Dann werden wir für uns selber tun, was recht ist,« entgegnete Josefranz und zog den Dr. Ebenich am Ärmel hinter sich her. Auf der Straße angekommen, fuhr er fort: »Nun stehen wir da und haben kein Geld, derweilen die Herren Beamten ihren Schießprügel im Lauschangebirge spazieren tragen. Muß man sich so was ruhig gefallen lassen? Ich denke nein. Kommen Sie, wir wollen an die Redaktion irgendeines der Käseblätter gehen und den Herren ihren Bankfeiertag 301 mit Druckerschwärze kräftig unterstreichen. Wir sind das uns selber schuldig und denen vor allem, die nach uns hierher verschlagen werden. Wann Ostern und Pfingsten ist, kann jeder wissen und sich danach einrichten. Ein Bankfeiertag aber ist kein Komet, dessen Erscheinen sich berechnen ließe, um so weniger, da wohl wir beide keine Sterngucker sind.«

Die Herren kamen auf das Redaktionsbureau und wurden freundlichst empfangen.

»Eine Annonce aufgeben? Nicht wahr, meine Herren? Tinte und Feder stehen anbei zu Ihrer Verfügung, und den Streusand bekommen Sie gratis geliefert wie den Senf zur Leberwurst,« bemerkte scherzhaft der Geschäftsinhaber.

Herr Josefranz griff zu und arbeitete drauf los, als ob er ein Konversationslexikon schreiben wolle, bis der Chefredakteur die Geduld verlor und schüchtern bemerkte: »Bedenken Sie, zehn Rin die Zeile, wird Ihnen die Annonce nicht doch zu teuer werden?«

»Es handelt sich nicht um eine Annonce,« bemerkte Ebenich, »sondern um ein Eingesandt. Mit Ihrer gütigen Beihilfe soll nämlich einem Übelstand abgeholfen werden, der heute uns in Verlegenheit bringt und morgen einen anderen.«

»Eingesandt und unentgeltlich unterm Strich gebracht? Übelstand, mein Herr, hab' ich Sie recht verstanden, Übelstand meinen Sie doch? Ja, sehen Sie, würden Sie da nicht besser tun, wenn Sie sich an unsern Konkurrenten in der Tapautauerstraße Nummero – – – Im übrigen, damit Sie nicht etwa denken könnten, unser Blatt hätte nicht den Mut, für jede gerechte Sache 302 einzutreten, die als solche erkannt worden ist, so darf ich vielleicht bitten, mir das Manuskript überlassen zu wollen, bis ich Zeit und Muße finde, es in Ruhe lesen zu können.«

»Oder einen Fidibus daraus zu machen,« herrschte ihn der Schwabe an. »Die gute Sache will sich nicht auf die lange Bank schieben lassen. Entweder Sie lesen gleich, oder wir wenden uns an den Gouverneur.«

»Nun ja, um drei Uhr des Nachmittags geht sein Bureau auf. Bis dahin . . . Im übrigen, wenn's denn doch Eile haben sollte . . . obwohl ich, unter uns gesagt, noch nicht gefrühstückt habe . . . so zeigen Sie denn einmal her,« und er griff nach dem Zettel in der Hand des Schwaben und fing mit bedächtiger Miene an zu lesen:

»Bankfeiertag,« stieß er nach einer Weile hervor. »Gewiß, Bankfeiertag. – – Schon mehr vorgekommen. Vor einem Monat schon einmal. Manuskript zurückgesendet. Offenbar ein Mißstand – – – Wissen Sie was, meine Herren, gehen Sie radikal vor und veröffentlichen Sie Ihre Beschwerden in der ›Norddeutschen Allgemeinen,‹ so werden die Mißstände zunächst dem Kolonialamt bekannt und um Ostern herum liest man die Geschichte dann auch hier, worauf Erfolg sicherlich nicht ausbleibt.«

»Und so lange verweilen wir in Tsingtau und warten auf unser Geld?« schnaubte der Schwabe los und riß den Rachen auf wie ein Krokodil, das einen Handwerksburschen verschlingen will.

»Verweilen am Ende nicht unbedingt nötig. Ich nehme an, die Herren haben gute Bekannte hier. Vielleicht könnte einer gutsprechen. Im übrigen habe ich ja nicht die 303 Ehre, Sie zu kennen. Wie käme ich dazu, in Ihrem Interesse mein Blatt zu kompromittieren! In zwei bis drei Tagen sind die Herren wieder über alle Berge. Ich aber habe ein Dutzend oder noch mehr verschnupfte Beamte wie die Trauben den Sauerwurm im Fleisch sitzen,« und er verneigte sich und ging.

»Da haben wir's,« sagte Josefranz: »Fange einer mit der Bande etwas an. Alle Tage treten sie wie Ameisen einander auf die Füße, wenn aber ein Hereingeschneiter mit einem Finger an den Haufen stößt, dann kommen sie aus allen Löchern hervorgekrochen und fallen mit Blutvergießen über den Störenfried her. Hätten wir wenigstens noch die paar Yen, die wir beim Frühschoppen vertrunken haben, dann wäre mir um ein Mittagessen nicht bange.«

»Ich hoffe, es wird sich eine mitleidsvolle Wirtsseele auftreiben lassen, die uns einen Kredit eröffnet auf unsere ehrlichen Gesichter hin. Probieren wir unser Glück im Hotel zum Prinzen Heinrich,« bemerkte Ebenich und zog den Schwaben hinter sich her auf die Straße hinaus.

Man ging um ein Dutzend im Bau begriffene Häuser herum. Man hatte die Aussicht auf bespritzte Speisbuben, tabakkauende Maurer und zuweilen auch auf das blaue Meer und die in ihm liegenden Felseninseln. Den Wirt zum Prinzen Heinrich traf man auf der Terrasse vor seinem Hause inmitten einer ganzen Anzahl von vornehm gedeckten Tafeln. Er hatte ein freundliches Gesicht unter seinem glattgescheitelten Schädel, aber auf seinen Lippen die harten Worte: Zu seinem Bedauern sei in seinem Hause bis unter die 304 Hohlziegelhypotheken hinauf alles besetzt. Er könne aber den Herren den Fürstenberger Hof empfehlen, wo der Kollege Daxel zu einer bürgerlichen Mahlzeit allerdings Donaueschinger Bier vom Faß verzapfe.

Also auf dem Absatz rechtsumkehrt gemacht und den Weg wieder zurück, den man soeben gekommen war.

Das Haus präsentierte sich von außen sehr vorteilhaft und Tische und Fußboden seiner Schenkstube waren so blitzblank, daß man ohne Bedenken von beiden herunter sein Mittagsmahl hätte einnehmen können. Doch die Sache hatte einen Haken, denn auf fast allen Tischen standen bronzene Bannerträger. Ebenich trat näher und beguckte sich die Fähnchen in den gepanzerten Fäusten dieser mittelalterlichen Gesellen. »Stammtisch für alte Burschenschafter,« war auf dem einen zu lesen; »Stammtisch für Korpsstudenten« auf dem anderen, und auf einem dritten und vierten stand: »Für Marineoffiziere« oder »Für Verwaltungsbeamte«.

»Da haben wir's,« lachte der Schwabe laut hinaus. »Den Zopf, den die Chinesen sich abgeschnitten haben, kleben die Deutschen sich an. Ist das nicht die Renaissance des Mandarinentums? Fehlen einzig die blauen, roten oder grünen Glaskugeln auf der Mütze:« »Und wohin, Herr Daxel,« rief er dem Wirt zu, »setzen sich die Leute, die Hunger und Durst, aber kein Geld zum Bezahlen haben, weil die Flagge eines Bankfeiertags über der deutschen Musterkolonie weht?«

»Nicht halb so schlimm, wie es sich ansieht,« gab der Wirt zurück. »Landsleute mit ehrlichen Gesichtern sind hier noch keine verhungert. Nehmen die Herren hier beim Büfett Platz und Sie sollen aus erster Hand 305 haben, was Küche und Keller zu bieten vermögen, und wenn Sie bis zum Montag Kredit oder Geld brauchen, so soll es Ihnen an beidem nicht fehlen.«

»Auch nicht an einem Zimmer?« fragte Herr Ebenich dazwischen hinein.

»Das freilich ist eine andere Sache. Meine wenigen Stuben sind leider besetzt. Indessen, lassen Sie sich den Appetit nicht verderben. In der Nähe hier steht die Pension des Fräulein Luther. Während Sie essen, werde ich mich telephonisch mit der Dame in Verbindung setzen und ich hoffe, daß sich die Zimmerfrage zu Ihrer Zufriedenheit ordnen läßt.«

Alles ging gut. Die beiden Fremden hatten nach dem Essen ein jeder zehn Dollar Geld vom Wirte in der Tasche und machten ihr Mittagsschläfchen auf den Stuben des Fräulein Luther.

Bevor die Nacht sich auf die Musterkolonie niedersenkte, blieb noch Zeit für Ebenich, sich einen Rikschakuli zu nehmen und sich von diesem nach dem Seebad hinausfahren zu lassen. Er war überrascht von der Glätte und Feinheit des Sandes, der wie eine silberne Sichel den leichten Wellenschlag des Meeres auffing. ›Das ist ein Seebad‹, sagte er zu sich. ›Ein Ostende am Stillen Ozean. Ob es wohl gut besucht ist?‹ und er fahndete nach dem Abdruck von Frauen- und Kindersohlen, die hier von den Sommermonaten her stehengeblieben sein konnten. Sein Spähen war umsonst, der Herbstwind hatte alles glattgebügelt, als er die Jalousien der Hotelfenster niedersenkte und den Schwarm fröhlicher Badegäste nach allen Himmelsrichtungen auseinander blies. Nur eins hatte er dagelassen, was 306 dauernder ist als Dünensand und Kurmusik, das ist der grüne Nadelwald, den der emsige Fleiß deutscher Forstleute aus dem steinigen Boden des ehemals kahlen Gestades herausgelockt hatte. Schon sind die jungen Fichten so hoch wie artige Weihnachtsbäume. ›Gott möge sie schützen, daß sie, zu Mastbäumen herangewachsen, noch immer deutsch sind. Er muß es tun, denn es wäre ein Wahnsinn, zu hoffen, daß deutsche Kanonen es jemals vermöchten, wenn Japan einmal Lust verspürt, da zu ernten, wo andere Leute gesät haben.‹ So dachte Ebenich allen patriotischen Gymnasiallehrern zum Trotz, die nur aus den Atlasblättern die Welt kennen, als sein Kuli, in dessen Wagen er wieder Platz genommen hatte, vor den Gasflammen eines Bahnhofkandelabers stillhielt und seinen Fuhrlohn verlangte.

Der Doktor stieg aus und zog den Beutel, und der Chinese zog mit lachendem Gesicht fröhlich von dannen. Ein Herr mit einem Zwicker auf der Nase und dem Hut auf dem Ohre hatte dagestanden und den Zwischenakt, ohne Eintritt bezahlt zu haben, mit angesehen. Gleichwohl redete er im Tone eines vollberechtigten Theaterbesuchers auf den Fahrgast ein: »Was haben Sie dem Faultier da gegeben?«

»Obgleich ich bezweifle, daß Sie berechtigt sind, mich darüber auszufragen, sollen Sie es doch hören. Ich habe ihm eine Mark gegeben.«

»Natürlich ein Globetrotter und wie's Recht ist, hineingefallen fürs Großtun. Wissen Sie, daß der Halunke nur fünfundzwanzig Pfennige zu fordern hatte? Allein man ist ja auf der Reise, man markiert den Gentleman und verdirbt die Preise für die Ortsansässigen.«

307 »Das erstere lag nicht in meiner Absicht so wenig wie das letztere. Allein ich bin hier fremd und lasse mich belehren,« entgegnete Ebenich.

»Wenn dem so ist, so lernen Sie von mir, wie man dies Gesindel behandelt und gleichzeitig seinen Beutel schont. Eine bezirksamtliche Verfügung untersagt den Rikschakulis bei Strafe der Konzessionsentziehung den Knoblauchgenuß. Sie werden sich vorstellen warum. Gut also, wenn Sie wieder einmal ein solches Fuhrwerk benutzt haben, so geben Sie seinem Lenker am Ende der Fahrt einen Tritt vor sein Hinterteil und bedeuten ihm einfach, daß Sie mit Zuhilfenahme Ihrer Nase wüßten, woran der Strolch genascht habe. Es ist nicht einmal nötig, daß Sie mit einer Anzeige beim Amt drohen. Sie werden sich überzeugen, daß ein solcher Zweifüßler nach solchen Worten mit einem Automobil um die Wette laufen kann, wenn es gilt, sich der Strafe zu entziehen.«

Der ungebetene Ratgeber verlangte kein Trinkgeld für seine Belehrung, putzte seinen Zwicker mit dem Handschuhfutter und ging.

Ebenich sah ihm nach und dachte: ›Diesen Menschenfreund muß hinterm Rücken seines Vaters nachträglich ein Schneider zum Kavalier gemacht haben. Die Sache 308 mit der Verfügung stimmt doch wohl nicht, vielleicht auch nicht der Kerl. Er scheint von einem Mausefallenhändler abzustammen‹, und mit diesen Gedanken ging er, und zwar auf dem kürzesten Wege nach dem Fürstenberger Hof zu. Seinen Schwaben traf er dort im Kreise einer fröhlichen Zechgesellschaft. Witze, die vor anderthalb Jahren in Stuttgart und Mannheim noch hors d'oeuvre waren, konnten hier als Nachtisch serviert werden und wurden mit schnalzenden Zungen hinuntergegessen. Überhaupt, Herr Josefranz hatte heute seinen guten Tag. Bei seinem Rundgang durch die Stadt hatte er in den Hutgeschäften für seine Firma gut verkauft, und heute abend, wo er für eigene Rechnung reiste, hatte er sich durch seine drollige Originalität die Herzen sämtlicher Tsingtauer Subalternbeamten erobert. Nicht genug damit, es kamen sogar von den benachbarten Feudalstammtischen Herren an ihn heran, die ihm dankbare Zuhörer waren und ihn sogar einluden, am folgenden Tage den Tsingtau-Klub zu besuchen, indem sie versprachen, ihn und seinen Reisegenossen Ebenich mit Beginn der Dunkelheit abzuholen.

»Wir werden da ohne den Smoking nicht auskommen,« sagte Herr Josefranz, als er mit Ebenich nach der Villa des Fräulein Luther emporstieg.

»Und ohne Hausschlüssel werden wir bei unserer Pensionsmutter nicht hineinkommen. Wer hätte aber auch denken sollen, daß es schon nach Mitternacht wäre,« fügte der Doktor bei. »Eine fatale Geschichte, wenn wir klopfen und ein ganzes Stadtviertel alarmieren müßten.«

»Keine Bange! Hören Sie nicht, daß da ›die Lore 309 am Tore‹ gesungen wird? Ich vermute, daß die Sänger in unserem Neste sitzen. Ich habe nämlich bei meiner Kundschaft heute erfahren, daß ein erstklassiger Klub von Marineoffizieren bei unserer Wirtin zu nachten pflegt. Die Gesellschaft nennt sich ›Siau-miau‹, der einsame Tempel, und soll gegen alles, was nur in Zivil auf Erden wandelt, so exklusiv sein, wie der Feuersalamander gegenüber dem Wassersalamander. Natürlich rächt sich die empörte Kanaille durch kleine Skandalgeschichten, die sie erfindet und eifrig weiterverbreitet. Ich hoffe, dieses Gekläff der Kleinstadtmeute soll uns beiden die Nachtruhe nicht stören, wenn nur erst das Singen aufgehört haben wird.«

»Wir dürfen schon eine Unbequemlichkeit mit in den Kauf nehmen,« bemerkte Ebenich, »dafür, daß wir die Haustür noch offen finden,« drückte auf die Klinke und sie traten in den Flur. Ein fröhliches Gelächter begleitete die Nachtschwärmer noch die Stiegen empor und bis in ihre nächtlichen Träume hinein.

Der nächste Morgen weckte dann den Schwaben zu seinen Kundenbesuchen und den Doktor zu Entdeckungsreisen durch die Stadt und ihre nächste Umgebung. In den Straßen des Europäerviertels begegnete er kleinen Mädchen, denen die Zöpfe lustig über den Schulranzen tanzten, und Gymnasiasten mit geschwollenen Backen, weil sie zu spät aufgestanden waren und infolgedessen ihr Frühstück auf dem Schulweg noch hinunterwürgen mußten. Zwischen die fröhliche Jugend waren griesgrämige Erwachsene beiderlei Geschlechts wie Gänse unter die Enten verteilt. Mit wackelnden Köpfen und schielenden Augen schienen sie dem Straßenpflaster zu 310 mißtrauen und der Heimtücke der Randsteine suchten sie mit Stöcken und Sonnenschirmen zu begegnen. Ein Bäckerjunge riß einem Gymnasiasten die Mütze vom Kopf und ein Schusterlehrbub bekam mit einem lateinischen Lexikon einen Schlag ins Genick, bevor er sich mit seinen Stiefeln noch rasch in ein Haus hinein retten konnte. Kurzum, am östlichen Ende des asiatischen Kontinentes war das frühmorgendliche Straßenbild genau dasselbe wie am westlichen auch.

Im Chinesenviertel Tapautau liefen die Handwerker in blauen Hosen und Leinenkitteln auf klappernden Holzschuhen herum und unterschieden sich in ihrer Hautfarbe vom Europäer ungefähr so, wie sich eine klare Fleischbrühe von einer Bouillon mit Ei unterscheidet. Die gleichen Gewerbe sind nach orientalischer Art in einer Straße zusammengedrängt und ein großer Rosenkranz von Schneidern hängt vom Diederichsberg bis ins Wasser des kleinen Hafens hinunter. Die zweistöckigen Häuschen sind nach der Straße zu offen, und man sieht vom gutgehaltenen Bürgersteig aus den Weber auf seinem Webstuhle sitzen und den rüstigen Schmied vor seinem Feuer stehen.

Wo ein Haus eine andere Bauart zeigt, so hat das irgend etwas zu bedeuten. Da türmt sich eine fensterlose, weißgekalkte Mauer. Ein schmales Pförtchen steht offen und über ihm streckt sich ein Eisengestell in die Luft hinein, das ebensogut ein Blitzableiter sein kann, wie ein Drudenfuß oder ein Kreuz. Dr. Ebenich vermutet hinter der Mauer eine Missionsanstalt und geht durch die Tür. Er kommt in einen menschenleeren Hof, in dessen Mitte ein magerer Holzbau steht, der ebensogut einen 311 Bet- wie einen Tanzsaal vorstellen kann. Da an der Innenseite der Umfassungsmauer kleine Klosterzellen angebaut sind, so vermutet der Doktor, daß es sich um das erstere handelt, und will eben auf das Rätsel zugehen, als ein forsches Weibsbild im Unterrock erscheint und eine Waschschüssel in den Hof ausleert.

Wie sie den Kopf mit dem wirren Wuschelhaar erhebt und des Fremden ansichtig wird, welscht sie mit ärgerlichen Gesichtszügen in einer fremden Sprache allerlei Unverständliches vor sich hin und verschwindet wieder in ihrer Zelle, die Türe hinter sich zuschlagend. Nicht lange, und es erscheint mit blondem Kopfhaar eine andere. Auch sie leert eine Waschschüssel aus und scheint wenig geneigt, sich auf eine Unterhaltung einzulassen.

»Ihr müßt am Abend kommen,« schreit sie mit keifender Stimme: »Von sieben Uhr ab kommen die Musikanten und es beginnt erst der Betrieb.«

Nun ging dem Doktor ein Licht auf, wo er hingeraten war, und er machte, daß er unter dem Drudenfuß hindurch in eine harmlosere Atmosphäre kam.

Ein ziemlich steiler Pfad führte hinter der Stadt zur Signalstation empor. Im Westen hat man nun die zerrissenen Gipfel des Iltisberges vor sich, während ostwärts der Spiegel des blauen Meeres von öden Inseln und Klippen zerdrückt und durchsägt wird. Weit draußen gegen die Koreastraße hin steht die Rauchfahne eines nordwärts steuernden Dampfers in der Luft, während die Fahrrinne nach Tsingtau herein öde und leer bleibt, obwohl die neugebaute Mole für zwanzig und mehr der größten Dampfer zum Löschen und Laden 312 Platz genug böte. Ob sich das bessern wird, wenn erst einmal der Panamakanal funktioniert oder die Bergwerke im Schantunggebirge eine brauchbarere Sorte Kohlen liefern? Wir wollen von beiden Möglichkeiten das beste erwarten, denn die dreißig Millionen, die vom deutschen Steuerzahler alljährlich für die Musterkolonie aufgebracht werden müssen, sollten endlich einmal anfangen, ihre Zinsen zu tragen. Schön gebaut und gut verwaltet wird in Tsingtau. Ob auch gut gerechnet, muß die Zukunft zeigen, wenn wir auf eine solche hoffen dürfen.

Ebenich nahm beim Abstieg von der Signalstation seine Wege nordwärts Taitungtschen und kam durch einen jungen Koniferenforst in eine Schlucht, die mit Kasernen und Kasematten überreich ausgestattet war. Schade, daß sich die Dirne Kultur, wenn sie auf Eroberungen ausgeht, in den Arm des Kriegsgottes hängen muß. Wenn sich nun gar noch in den anderen Ellbogen des Überweibes der Missionar drängt, dann wird der Anblick zum öffentlichen Ärgernis. Ginge es nicht doch vielleicht auch ohne Kanonen und Handgranaten?

Was füttert ihr mit Müh und Sorgen
Den Wechselbalg von heut auf morgen?
Ist Mars erst tot, was wollt ihr wetten,
Kein Mensch wünscht, daß wir ihn noch hätten.

Als Ebenich in Taitungtschen in einem Wirtsgarten einen Imbiß einnahm und einem Soldaten ein Glas Bier bezahlte, erfuhr er, was sonst Dienstgeheimnis ist, nämlich, daß in Tsingtau eine Garnison von 2500 Mann liege. Lauter handfeste Germanen versicherte 313 der Krieger, und das mußten sie auch sein, wenn sie den vorgeschobenen Posten halten wollten gegen die Japaner, die nach seiner Ansicht zwar Schwächlinge wären, aber an Zahl überlegen und zähe, daß man sie nicht so leicht aus dem Pelz scharren könne, wie der Jagdhund die Zwecke.

Den Rückweg nach der Stadt nahm Ebenich in der Richtung der Meeresbucht. Da es schon gegen Abend ging, so kamen ihm eine Masse Hafenarbeiter entgegen, die zur Nachtruhe nach ihren Dörfern heimkehrten. Über einen Wald von halbwüchsigem Unterholz ragte hier und da mit gewaltiger Höhe eine knorrige Menscheneiche hinaus. Diese Übermenschen stammen zumeist aus der Mongolei. Sie haben Füße wie Radschuhe und Hände wie die Nudelbretter. Auf den Schultern liegt ihnen ein struppiger Kranz von krausem Kopfhaar, dessen Blauschwarz fast unmerklich in eine Kopfbedeckung von Hundefell übergeht. Sie sind Elefanten der Stärke und schieben auf einräderigem Karren Lasten vor sich her, die kaum ein Pferd vom Platze ziehen würde.

Eben kommt ein ganzer Heustadel gefährlich auf den Doktor zu. Der Gute fürchtet, erdrückt zu werden, und weicht aus in die Furchen eines Bohnenfeldes hinein. Langsam, aber mit lautem Kreischen und Quieksen schwebt der Berg an ihm vorüber und erst, als er ihm nachsah, entdeckt Ebenich den herkulischen Mongolen, der seinen mit Maisstroh beladenen Schubkarren nach Hause brachte.

Nach diesem kommt ein anderer, der, wie es scheint, einen ganzen Gesangverein geladen hat. Männer, Frauen und Kinder sitzen auf dem Holzgestell, welches 314 schleifsteinähnlich ein starkes Rad umgibt, und lassen die Beine lustig über den Geleisen des Weges baumeln. Es ist unglaublich, wieviel Lasten ein solches Wagengestell zu fassen vermag, und noch unglaublicher anzunehmen, daß sie von der Kraft eines einzigen Menschen bewegt werden können. Und dabei genießt die Radachse kaum jemals die Wohltat einer Einfettung. Nicht etwa, daß es an Schweineschmalz oder Schmieröl fehlte, keineswegs, aber das Ohr will einen Kunstgenuß haben, und da der Kuli eine Oper von Richard Wagner nicht haben kann, so begnügt er sich mit dem, was sein Schubkarren ihm vorkreischt.

Immer dichter und dichter kommen indes die Klumpen der Arbeiter herangewälzt. Es ist, als ob ein Zirkus sein Kunstpublikum entlassen hätte. Schweigend gehen sie dahin und haben die Hände in den Hosentaschen. Ihre Finger zählen wohl den mageren Verdienst, den sie nach Hause bringen, und er ist gering genug. Mit dem, was der amerikanische Arbeitergentleman an Tabak verraucht und kaut, lebt der chinesische Kuli und bildet so durch seine äußerste Genügsamkeit in Wirklichkeit für die fünf Weltteile die »gelbe Gefahr«. Wehe den Industriezentren aller Länder, wenn die goldhungrigen Milliardäre Vertrauen gefunden haben zur Stabilität der chinesischen Regierung und die Produktion mit solch billigen Arbeitskräften an sich reißen. Man wird das Sonntagshemd um eine Mark kaufen und die Webstühle von Manchester werden altes Eisen und Brennholz sein.

Bevor das, was Ebenich mit seinem Geiste sah, Wirklichkeit wurde, war er mit seinen Beinen an der 315 Mole des einen Hafenbeckens angekommen. Ein kleiner schmutziger Dampfer hatte vor dem Hauptkran festgemacht, und die Ladebäume hoben aus dem Schiffsinnern an breiten Bauchgurten Pferde heraus und setzten sie ans Land. Es waren kleine struppige Tiere, und wenn ein deutscher Chevauxlegeroffizier mit langen Beinen auf ihnen saß, so erinnerte das Ganze lebhaft an den Spanier Cervantes und seinen berühmten Manchaner. Im übrigen remonstrierten die Meerkatzen von Pferdchen mit allen vieren aufs lebhafteste gegen jede Belastung ihrer Wirbelsäule, und wenn der deutsche Kavallerist gar nicht mit ihnen fertig werden konnte, so erbarmte sich schließlich ein mongolischer Straßenjunge, kam herbei und biß dem wilden Kind der rauhen Steppen so lange ins Ohr, bis es geduldig wurde wie ein Hering, der seit Monaten im Salz liegt. Wie es übrigens möglich ist, daß ein Schmerz den anderen zu beruhigen vermag, das bleibt ein Problem, mit dessen Lösung sich Herr Lämmlein befassen mag, wenn er wieder einmal eine neue Weltreise machen wird. Ebenich hatte dazu keine Zeit, denn der Abend war da und er mußte zu Fräulein Luther zurück, wenn anders er nicht auf die Einführung in den Tsingtau-Klub verzichten wollte.

Seinen Schwaben traf er beim Lampenschein in gutgeheiztem Zimmer. Er hatte die Lackschuhe über die Hühneraugen gezwängt und saß, wie sich das in kulturlosen Ländern schickt, im Smoking mit hellfarbener Halsbinde auf dem Rande seines niedrigen Bettes, um die Herren zu erwarten, von denen er und sein Begleiter so freundlich eingeladen waren. Vielleicht daß ihn der Nackenknopf am Hemde zwickte, denn er tastete mit dem 316 Zeigefinger am Halse herum und sagte nach einer Pause ernsten Nachdenkens: »Bei dem Futtertuch, das meine Firma an jedem Chinesenhut spart, eine gute Flasche verdient doch jeder, der sich den Abend verdirbt und in einen Hemdkragen: ›Frankfurt und retour‹ hineinkriecht.«

»Sie können auf ›Forster Jesuitengarten‹ rechnen, wenn Sie gute Witze auf Lager haben,« tröstete Herr Ebenich, »nur werden Sie noch ein Weilchen warten müssen. Es ist auf meiner Uhr erst dreißig Minuten nach acht. Vor neun Uhr können wir nicht erwarten, daß die Herren bei uns vorsprechen werden.«

Es wurde neun Uhr und niemand ließ sich sehen. Gegen neun Uhr fünfzehn warf Herr Josefranz einen Zigarrenstummel in den Ofen und zwanzig Minuten später hing er seinen Smoking in den Schrank: »Wenn China eine Republik bleibt, dann trinke ich am Silvesterabend für eigene Rechnung die ganze Kreszenz des Jesuitengartens und aus der Liebfrauenmilch lasse ich mir Käse machen und verspeise ihn zum Nachtisch. Jetzt aber gehe ich zu Daxel und trinke Fürstenberger Bier auf das Wohl aller Revolutionäre und Königsmörder,« und er nahm seine Mütze und schickte sich an zum Gehen.

Herr Daxel hatte außer einem perfiden Lächeln noch ein Fragezeichen im Gesicht, als er seine Gäste kommen sah.

»Haben die Herren den Weg nach dem Klublokal nicht gefunden?« fragte er mit malitiöser Betonung.

»Bei Euerem Tsingtauer Trottoir, wo alle fünf Minuten eine Speisepfanne im Wege steht, so groß wie eine Pferdeschwemme, ist das ohne Begleitung eine 317 gewagte Sache, und etwas, was nach einem Fremdenführer ausgesehen hätte, hat sich nirgends blicken lassen.«

»Nun riech' ich den Braten, der in der Pfanne schmort,« lachte Herr Daxel hell auf. »Haben die Herren eine Ahnung, daß Sie im Verrufe stecken?«

»Weder daß wir drinn stecken, noch warum wir es sein sollten, ist uns bekannt,« bemerkte Herr Ebenich mit Verwunderung.

»Lachen Sie nicht, wenn ich's Ihnen sage: Als man Sie eingeladen hat, war noch nicht bekannt, daß Sie bei Fräulein Luther wohnen. Sie glauben nicht, welcher Geist kleinlichster Spießbürgerei hier in der Kolonie herrscht. Weil die Marineuniformen in der Villa kneipen und das Zivil ausschließen, rächt sich dieses durch üble Nachrede an der Besitzerin und ihrem Hause. Dem Fräulein Luther ist es gelungen, einen der Verleumder festzubinden und vor den Richter zu bringen. Durch Zeugen wurde dem Beschuldigten nachgewiesen, daß er gesagt hätte: ›Die Pension stünde besser in dem berüchtigten Viertel Tapautau als zwischen anständigen Häusern.‹ Die Folge war für den Angeklagten erstens Strafe wegen Beleidigung, zweitens Schadloshaltung wegen Geschäftsschädigung.«

»Und dem folgte der Verruf, unter dem Fräulein Luther zu leiden hat?« fragte Ebenich.

»Und Sie und ich, Ochs, Esel und alles, was sein ist,« antwortete Herr Josefranz, setzte sich dann aber nieder und trank mit gutem Appetit ein Bier nach dem andern.

»Siehe Neapel und stirb,« sagt ein altes Sprichwort. Beides kann ein gelernter Selbstmörder in einem halben 318 Tage abmachen. Um Rom kennen zu lernen, soll man zehn Jahre brauchen. Mit Tsingtau kann einer ganz gut in drei Tagen fertig werden, und wenn er weiß, daß die Chinesenmädchen rote Hosen tragen, die Frauen blaue und die Witwen weiße, so kennt er sich unter der holden Weiblichkeit während eines Spazierganges vom Bahnhof nach der Stadt besser aus, als einer, der in der Hansastadt Hamburg fünf Jahre lang die Pflastersteine getreten hat.

Ebenichs letzter Gang in Tsingtau führte ihn in der umgekehrten Richtung, nämlich in der Morgenfrühe nach dem Bahnhofe hin. Der Hutschwabe hatte sich entschlossen, die Reise zur See nach Tschifu aufzugeben und China für seine Firma auf dem Landwege zu erobern. Um sechs Uhr des Morgens geht ein Zug ab nach Tsinanfu, wer den versäumt, muß ohne Gnade und Barmherzigkeit bis zum nächsten Tage warten. Ängstliche Chinesengemüter kommen deshalb am Tage vorher schon, bringen ihre Matratzen mit und schlafen in und um den Bahnhof herum. Ebenich und sein Begleiter erreichten eben noch den Zug der Schantungbahn vor seiner Abfahrt. Noch einmal kam der kleine und große Hafen in Sicht, dann schnaufte das Dampfroß um das Südende der Stadt herum und brachte die Reisenden an die Küste der Kiautschaubucht. Man kann sich nichts Reizloseres denken als diese Gegend. Die Furchen der Äcker führen bis ins Wasser hinein, und das Meer ist an dieser Stelle so flach, daß man schwerlich ein Kaninchen darin ersäufen könnte. Einen Kilometer vom Lande ab sah man mit aufgeschürzten Hosen einen Bauer im Nassen stehen, der, wie es schien, 319 seinen Hausschlüssel suchte oder vielleicht auch den Ring des Polykrates. Dann lange Zeit, nachdem die Bucht hinter dem Zuge geblieben war, nichts wie Felder und Felder, über deren Stoppeln ein kalter Nordwind wehte, der Dorn und Distel wie mit einer Walze an die Scholle drückte. Alles grau in grau. Grau die Erde, grau der Himmel. Da erbarmte sich des öden Anblicks weit im Vorblick ein Fleckchen Schwarz, das beim Näherkommen dunkelgrün wurde und die Formen von Böcklins Toteninsel annahm. Und es war auch nichts anderes. Ein Kirchhof war's, auf dem lufthungrige Zypressen einander in die Höhe getrieben hatten. Dann kam wieder das graue Einerlei so langweilig, daß es dem Auge eine wahre Erholung war, als vor grauen Lehmmauern an einem grauen Stationsgebäude ein froschköpfiger Soldat mit schwarzer Uniform und gelben Litzen unterm Gewehr stand. Endlich nach stundenlanger Fahrt zeichnete sich links von der Fahrrichtung eine geschwungene Linie in die karpfenfarbigen Wolken hinein. »Das Schantunggebirge,« sagte der Hutschwabe und steckte seine dritte Cigarre in Brand. »Nun wird sich die Gegend beleben.«

Und wirklich, man sah im öden Felde einen Baum und an seinen Stamm einen Esel gebunden. Was das Tier da abweiden sollte, war nicht zu enträtseln. Vielleicht hatte der Graue irgendein Verbrechen begangen und sollte es mit dem Strange büßen und dazu noch selbst den Henker stellen. Als er nämlich den Zug sah, fing er an wie verrückt im Kreise um den Baum zu rennen, bis er endlich in den Vorderbeinen zusammenbrach und mit dem Kopf am Boden lag. Der Schnellzug bremste, aber nicht des Esels wegen, sondern weil 320 die Stadt Kiautschau erreicht war. Abermals graue niedere Dächer, aber diesmal standen mindestens drei schwarze Soldaten da mit gelben Litzen am Waffenrock und weißbehoste Witwen stelzten auf den verkrüppelten Füßen auf dem Perron auf und ab. Ein paar Menschen stiegen aus, andere ein und weiter raste der Zug an Dörfern vorüber mit zinnengekrönten Mauern, an brennenden Kalksteinöfen vorbei und über Flußbetten hinüber, in denen kein Tropfen Wasser war. Elstern hüpften mit gleichen Füßen über die Furchen, und eine Schar von Wildgänsen hing wie ein arabischer Siebener in der Luft. Von Menschen getretene Pfade führten durch die Felder. Ein ehrgeiziger unter ihnen verbreiterte sich zum Feldwege und man sah, von einem Esel gezogen, auf zwei Rädern ein kleines Kapellchen über ihn hinschwanken.

»Ich lass' mich hängen,« sagte der Hutschwabe, »wenn in dem Schäferhüttchen da nicht irgend ein frommer Bonze auf dem Bauche liegt, um sich von dem Grauen nach dem Grabe des Konfutse hinaufziehen zu lassen. Ein merkwürdiger Mann dieser Konfutius! Kam fünfhundert Jahre vor Christi Geburt auf die Welt, war der Sohn eines armen Soldaten und hat ohne Wunder und ohne daß er Aufsichtsrat der Schantung-Bergbaugesellschaft war, soviel hinterlassen, daß seine Nachkommen heute noch die Troddeln am Hute tragen und Herzöge sind. Bei mir zu Hause bringt's ein Soldatenkind, wenn's gut geht, zum Gendarm oder Unteroffizier.«

»Sie dürfen nicht vergessen, daß er ein Weiser und Religionsstifter war,« entgegnete Ebenich.

»Dann hätt' er's auf der Rauhen Alb zu einem 321 grauen Kopf und einem Haufen Kinder gebracht. Die Karriere kenne ich. Im Pfarrhaus meiner Eltern lagen wir elf Kinder in drei Betten und immer das kleinste war, wie der ägyptische Joseph, etwas Extraes und kampierte des Nachts in der Kommodenschublade. Diesen Vorzug genoß ich fünf Jahre lang, und ich wäre so krumm geworden wie eine Fastenbrezel, wenn nicht der Herrgott ein Einsehen gehabt und ein paar von meinen Vordermännern zu sich genommen hätte. Einen kahlen Kopf habe ich allerdings zum Andenken an das Nachtlager zu Granada zurückbehalten.«

»Aber ich bitte Sie, Herr Josefranz, Sie haben doch all Ihre Haare noch auf dem Kopfe.«

»Auf dem Kopfe habe ich sie und mein sind sie auch, nur, weil ich sie für teures Geld von einem Straßburger Friseur gekauft habe. Aber wir müssen nun gleich vollends in Tsinanfu sein. Schade, daß ich Sie mit meinem Geplauder verhindert habe, durchs Fenster zu sehen. Das letzte Stück der Fahrt ging durch eine reiche und romantische Landschaft. Burgen und Klosterruinen auf dem Rücken der Berge, und gesegnete Felder an deren Hängen,« bemerkte Herr Josefranz eben noch, stand auf und machte sich an seinem Handkoffer zu schaffen.

Da hielt der Zug und man trat vor den Bahnhof. Ein blaugrauer Bodennebel hatte die Stadt verschlungen und war eben dabei, auch die allernächsten Gebäude hinunterzuschlucken. Wer den Blick vor sich hinrichtete, sah wenig mehr wie gar nichts. Nach oben mußte man schauen und man hatte ein unerwartet seltsames Bild vor sich. Zwei Türme und die nächsten Bogen 322 einer hochgesprengten Brücke hatten das Nebelkleid von ihren Schultern gestreift und standen vergoldet von den letzten Sonnenstrahlen da, wie ein Gebilde aus Glas und Saphiren.

»Kreuz Türken und Teufel, die blaue Brücke über den gelben Fluß! Respekt vor den Gustavsburger Hammerschmieden. Haben die aber gearbeitet, seitdem ich nicht mehr hier war,« sagte der Schwabe. »Nun sparen wir unserem Rheumatismus die windige Überfahrt über den zugigen Fluß. Ans linke Ufer müssen wir heute unbedingt zu kommen suchen. Ich traue den Tsinanfu-Betten nicht und fürchte, wir sehen sonst morgen in der Frühe wie die Forellen aus vor lauter Flohstichen.«

Nun hieß es Erkundigung einziehen. Wer irgendwie einen Anschein von Intelligenz verriet, wurde zu Rate gezogen. Wann fährt der nächste Zug über die Brücke?

»In acht Tagen vielleicht.«

»Morgen kommen die Mandarinen der Abnehmungskommission.«

»Noch muß die Belastungsprobe vorgenommen werden.«

So die spärlichen Antworten auf Dutzende von Fragen.

»Und ist denn der da an den Seiten angehängte Fußsteig nicht zu benutzen?«

»Wo denken Sie hin? Ohne Belastungsprobe?«

»Und wenn die Brücke zusammenbräche?«

»Haben Sie eine Vorstellung, wie empfindsam der Koeffizient sein kann? Zwei Handwerksburschen, drei Zentner lebend Gewicht ungefähr. Und wenn die Brücke dies nicht trägt und in die Tiefe stürzt, und die zwei 323 Schelme kommen ums Leben? Welche Ansprüche würden dann nicht an die Eisenbahnverwaltung gestellt werden?«

So ging es zwischen dem Dr. Ebenich und den vorübergehenden Deutschen hin und her, bis der Schwabe die Unterhaltung satt bekam.

»Sie werden leichter den Orientexpreß mit einem Strohseil aufhalten, als Sie so einen deutschen Beamtendickkopf mit Vernunftgründen aus seinem Vorschriftengeleise heben. Gehen wir in Gottes Namen zum Fluß hinunter. Ich hoffe, wir werden einen Fergen finden, der uns ans andere Ufer rudert. In Logi drüben erwartet uns ein europäisch geführtes Hotel.«

So gingen denn die zwei nach dem Fluß. Wäre dem Dr. Ebenich nicht das Wasser in die Schuhe gelaufen, ich glaube, die Fremden hätten den breiten Strom nicht gefunden. Nebel und Wasser schienen ein dicker Brei geworden zu sein. Kaum daß man noch den Schattenriß eines Nachens sah, der von einem rostigen Anker im Kiesboden festgehalten wurde.

Aus vollem Halse schrie der Schwabe und formte die Hände zum Schallbecher vor dem Mund »Jokli hol über!« Er wiederholte seinen Ruf. Ein Jokli kam nicht. Dagegen kam eine alte Dame den Uferpfad herunter und an ihrer Seite schritt leichtfüßig wie eine Gazelle in einen warmen Mantel bis zu den Knöcheln gehüllt eine allerliebste schlanke Mädchengestalt. Sie trug einen Geigenkasten in der Linken und sah so aus, als ob sie eben aus einem Konservatorium entsprungen wäre.

»Bei der heiligen Dreifaltigkeit Wagner, Brahms und Beethoven, ich bitte Sie um alles, Hutschwabe, hören Sie mit Ihrem Jokligesang auf, Sie locken sonst 324 auch noch eine Baßgeige und Trommel herbei. Aber was hilft uns ein Stall voll Musikanten, wo wir einen Fährmann brauchen könnten zum Übersetzen.«

»Ein schönes Mädchen hat noch nie eine wüste Gegend verdorben,« gab er zur Antwort und wußte sich mit einer Grazie an die Damen heranzuschlängeln, die man einem Schwaben kaum zugetraut hätte. Auch Ebenich verbesserte nach Möglichkeit seine Haltung und trat, die Hand an den Mützenschirm erhoben, zuversichtlicher an die Damen heran, als die ältere soeben bemerkte: »Ich habe an Ihrem Rufen erkannt, daß die Herren Deutsche sind, und nehme an, daß Sie gleich uns nach Logi hinüber wollen. Aber nun dieser dicke Nebel, da wird kein Ferge sich aufs Wasser wagen. Ich glaube, es wird uns allen vieren nichts anderes übrig bleiben, als uns in Tsinanfu nach einem Nachtlager umzusehen. Ich habe mit dieser Notwendigkeit im voraus gerechnet und herausgefragt, daß in der Stadt ein deutscher Schlächtermeister namens Stein wohnt, bei dem man recht gut aufgehoben sein soll.«

325 »Und Jakob salbte einen Stein und legte ihn unter sein Haupt«, sagte der bibelfeste schwäbische Pfarrerssohn und schlängelte sich an das Fräulein heran, eifrig bemüht, den Geigenkasten zu tragen. So zog das deutsche Quartett durch die nebelgraue Straße der chinesischen Provinzialstadt und kam vor eine Haustür, über welcher eine Laterne ein Loch in den Nebel brannte.

»Hier muß der Platz sein, wo der Schlächter wohnt. Will nicht einer der Herren die Führung übernehmen?« fragte die alte Dame. Ebenich stellte sich an die Spitze des Zuges und trat ins gutbeleuchtete Gastzimmer. Sofort kam mit dem freundlichsten Gesichte von der Welt eine Chinesin auf ihn zugestelzt.

»Essen gefällig?« fragte sie im Tone eines Dorfschulkindes, das seinen Kathechismus hersagen soll.

»Essen gefällig. Gewiß meine kleine, schlitzäugige, stelzfüßige Schönheit, aber zuerst möchten wir wissen, ob Sie auch ein Nachtlager für uns besorgen können,« fuhr der Schwabe in die Unterhaltung hinein.

»Kommen Sie über den Hof, sehen Sie an, und wenn gefällt, werden Sie bleiben da,« lachte die niedliche Frau Stein, denn das war sie, klatschte vergnügt in die Hände und watschelte in der blauen Hose und der gleichfarbigen Jacke den Fremden mit einer Papierlaterne voran. Es ging über einen wohlgepflasterten Hof an einer zementierten Dunggrube vorbei, dann auf einer Holztreppe an der Außenwand eines zweistöckigen Backsteinbaues empor. Die Gesellschaft kam auf einen frischgedielten kleinen Korridor, von dem aus zwei Pitschbaumtüren in zwei kleine Zimmer führten.

»Sollte man nicht denken, man wäre in einer 326 Dorfschenke im Neckartal. Bei Herrn Bädekers Stern vor allen guten Gasthäusern! Gewürfelte Bettdecken und Federn in den Kissen, daß fast die Nähte platzen,« frohlockte Ebenich und sah freudig überrascht der kleinen Wirtin in die stolz funkelnden Augen.

»Gefallen den Herren, den Damen auch? Dann sollen sehen, daß Frau Stein gut kochen kann,« sagte das niedliche Tierchen siegestrunken und eilte die Holztreppe hinab, ihrer Küche zu.

Als nun das vierblättrige Kleeblatt sich in die Betten geteilt hatte und dann in der Gaststube saß und von einem bezopften Kuli mit tadellosem Flaschenbier bedient wurde, trat ein mittelgroßer Mann in einem blaßgrünen Jagdkittel zur Tür herein. Er hing eine Büchse an die Wand und neben diese sechs kleine Hasen, die in allem dem deutschen Hasen glichen, ausgenommen dem Umstand, daß sie nur halb so schwer waren wie diese. Der glückliche Nimrod, der diese Ungeheuer zur Strecke gebracht hatte, nahte sich jetzt den Gästen und sagte: »Guten Abend, ein fremder Besuch im Haus. Man könnt' fast denken, es wären Landsleut', was so da vor meinem Tisch sitzt. Ihr kommt doch nicht von Neckarau oder Käfertal?«

»Nicht ganz geraten, aber auch nicht weit neben der Wahrheit,« bemerkte Ebenich. »Jedenfalls sind Pfälzer unter uns.«

»Von Weinem am End' gar? Dort hab' ich gelernt beim Metzger Scheuermann. Gott sei Dank, daß mich der Kerl zum Städtle hinausgeohrfeigt hat. Es war mein Glück. Weil ich nach der handgreiflichen Kündigung nit gewußt hab', was ich vorläufig anfangen sollt', so bin ich Soldat geworden, bin mit dem Waldersee 327 nach China gekommen und hab's hier recht gut getroffen. Ich möcht' schon gar nie mehr nach Hause. Hier kann ich fischen und auf die Jagd gehen, soviel ich will. Kein Grünrock frägt nach einem Paß, und kein Hahn kräht danach. So wie meine Frau ist – Ihr werdet sie gesehen haben, die kleine Chinesin da – eine bessere hätt' ich im ganzen Odenwald nit gefunden, und wenn ich bis Hammelbach hintere freien gegangen wär'. Drum kann ich, so weh mir auch die Ohrfeigen ihrerzeit getan haben, dem Meister Scheuermann eigentlich nit gram sein.«

»Der Herr aber fügte es zum Guten,« zitierte der schwäbische Pfarrerssohn und er fügte bei: »Kein Schlag ist verloren außer dem, der daneben geht.«

»Wenn Sie dem Scheuermann seine Händ' gesehen hätten, mein Herr, und wüßten, was er damit für eine Handschrift schreibt, ich sag' Ihnen, Sie hätte auch keine Lust, nach dem verlorenen Streich zu suchen. Ja und wissen Sie, daß ich wegen nichts und wieder nichts die Ohrfeigen bekommen hab'? Ich war nur ein halb ausgewachsener Frischling, und er schickt mich eines Tages so um den zweiten Adventsonntag herum über Feld, um ein Kalb heimzuholen. Unterwegs gibt's Glatteis; und das Kalb fällt und bricht ein Bein. Gutmütig, wie ich war, häng ich das Tier mir über die Schulter und marschier, so langsam und mit vorsichtige Füß' bedächtig heim. Wie ich zum Laden hineinkomme, steht der Meister da, feuerrot vor Zorn im Gesicht. »Neckarschleimer,« sagt er, »verlumpter, lausiger, wo bleibst so lang, du Rind, mit deinem Kalb?«

»Ochs,« sag' ich bescheiden, »wenn Er mir 328 Strumpfsocken für das Kalb mitgegeben hätte, daß es bei Glatteis nicht gerutscht wär . . . Weiter kam ich nicht, denn schon hatt' ich dem Meister seine groben Finger auf dem linken Ohr sitzen, daß sie bis zum rechten hinübergeflogen sind. Das arme Kalb, meine Herren, war wie ein Stülpkäppchen von mir weg untern Hackklotz 'nuntergefahren.«

»Nun 's ist gut, dacht ich, der Gescheit'st gibt nach und am nächsten Tag waren wir auseinander. Aber wir schwätze und schwätze, meine Herrschaften, und die Supp' wird kalt. Hören Sie nit, wie im Nebenzimmer mein Cochinchinahinkel mit den Tellern klappert?«

Die Gesellschaft verfügte sich in den Nebenraum, sah Frau Stein am Servieren und aß mit vorbildlichem Appetit zuerst eine Nudelsuppe, dann Ochsenfleisch mit Beilagen und als dritten Gang: Gefüllte Tauben mit Kartoffeln und Endiviensalat. Gesegnet seien die Knochen der Henriette Davidis, wenn die Anregung zu solch einem Menu aus ihrem Kochbuch stammen sollte. Nach dem Käse, der allerdings besser schmeckte, als er roch, entfernten sich die beiden Damen, um ihr Zimmer aufzusuchen. Der Wirt, Ebenich und der Schwabe blieben allein.

»Hen Sie schon einmal zwischen dem Süd- und Nordpol ein appetitlicheres Tierle herumkrabbeln sehen, als wie dies kleine Marienkäferle da mit dem Geigenkasten? Hören Se, Herr Stein, ich wünsch' Ihnen zu Mannem auf de Planke ein Haus mit tausend Fenster Front und keiner Hypothek unter dem Dachfirst, wenn Sie mir sagen, wer dies Mädel ist.«

»Der Polizeidirektor von Tsinanfu bin ich freilich 329 nit, aber was ich vom Hörensagen weiß, will ich Ihnen mitteilen. Gestern war hier in der Stadt ein Geigenkonzert. Die Künstlerin, genannt von Wöllendorf, Wöllenweiler oder Wöllenstadt soll die Tochter eines hohen deutschen Beamten in Korea sein. Ich vermute, daß das Mädel und die Geigenkünstlerin in den Kleidern stecken, die wir da eben vor uns gesehen haben.«

»Na und die alte Dame?«

»Ich denke, die wird am besten untergebracht sein, wenn wir sie die Mutter sein lassen von so einer prächtigen Kreatur.«

Mit dieser Auskunft des chinesischen Schimmelpfennigs mußte der neugierige Schwabe vorläufig zufrieden sein und er war's ja auch. Er rauchte eine Manilazigarre und blies kleine Ringe durch die großen hindurch. Dann ging er mit Herrn Ebenich früh zu Bett.

Ein Nachtfrost hatte den Nebel zur Erde niedergedrückt, und ein kalter Wind strich durch die offenen Fenster, als das Reisekleeblatt am nächsten Morgen beim Frühstück saß. Herr Stein kam in rot und weiß gestreiftem Metzgerkittel an den Tisch heran.

»Die Herrschaften nehmen am besten die Dampffähre zur Überfahrt über den Fluß. Meinen Kuli mit Ihrem Gepäck habe ich bereits vorausgeschickt. Würste hab' ich ihm keine mitgegeben. Sie finden mein Fabrikat im Speisewagen des Zuges,« sagte er nicht ohne Selbstgefälligkeit. »Auf eines aber möchte ich Sie noch aufmerksam machen. Links vom Hwangho gilt nämlich nur noch der Tientsindollar. Sollten Sie noch Tsingtauer Papiergeld haben, so bin ich bereit, es Ihnen ohne Agio umzutauschen.«

Dieser Vorschlag des verständigen Mannes wurde 330 mit Dank angenommen, und die Gesellschaft trat vor die Tür der gastlichen Herberge. Im Weiterschreiten guckte Ebenich zuweilen hinter sich und sah noch lange das gestreifte Schlächterhemd, das den Landsleuten gerührt nachzuschauen schien, wie der Dichter den Schwalben.

Der Hwangho war aus seinem Bett getreten und hatte das Vorland mit flachem Wasser überschwemmt. Man hatte Kreuzböcke in die Flut gestellt und Bretter von einem zum andern gelegt. Für einen Seiltänzer wäre der Zugang zur Dampffähre eine kleine Aufgabe gewesen. Auch die Geigenkünstlerin löste das Problem mit tänzelnden Schritten. Die alte Dame aber schwankte zaghaft und brauchte eine führende Hand. Ebenich reichte ihr diese und erfuhr nun bei einer gegenseitigen Vorstellung, während man den Fluß kreuzte, daß der Name des reisenden Paares nicht Wöllendorf, sondern Wöllenstadt sei. Ein weiteres über das Woher und Wohin konnte nicht besprochen werden, da ein grausiges Schauspiel die Aufmerksamkeit der Fremden auf sich lenkte.

Am linken Flußufer lag nämlich ein mächtiger Schleppkahn, der mit prallgestopften Fruchtsäcken bereits bis über die Wasserlinie gefüllt war und immer noch neue aufnehmen mußte. Stämmige Sackträger liefen mit prallen Waden über eine Laufplanke und warfen ihre Lasten von den Schultern. Zwei von diesen Menschen waren nun in Streit geraten. Gellende Schimpfworte flogen herüber und hinüber, aber nicht länger, als bis sie von klatschenden Faustschlägen abgelöst wurden. Auch dieser Fernkampf befriedigte die Wut der Streitenden noch nicht völlig. Sie rückten sich einander direkt 331 auf die Pelze und wurden zu Klumpen. Die Finger vergruben sich gegenseitig in das wirre, stachelige Kopfhaar. Ein Konglomerat von zwei Leibern und vier Beinen schwankte auf dem ungleichen Boden der Fruchtsäcke gefährlich hin und her, bis beide Kämpfer mit einem Male das Übergewicht bekamen und ins Wasser fielen. Das war's, was jeder Zuschauer mit zitternder Seele gefürchtet hatte. Nun war's geschehen. Zwei Männer waren, von der eigenen Wut bestimmt, in den nassen Tod gegangen und nicht einer der stumpfsinnigen Zuschauer hatte auch nur einen Finger bewegt, um die Bestien auseinanderzureißen, so leicht dies möglich gewesen wäre. Im Gegenteil, ein lautes Lachen schallte über das Wasser hin, als die Flut die Kämpfenden verschlang. Frau Wöllenstadt und ihre Tochter preßten die Hände vor die Augen und wandten dem Schauspiel den Rücken zu. Ebenich war empört, und der Schwabe griff nach einem Kohlenbrocken und schleuderte ihn auf den Schleppkahn. Da, als alles schon das Ende einer Tragödie vor sich zu haben glaubte, schlug die Geschichte in eine Komödie um. Die Köpfe der Lastträger erschienen unerwartet wieder über dem Wasserspiegel. Kräftige Schultern und Arme folgten ihnen nach, bis schließlich zwei nasse Ungeheuer auf allen vieren ans Land gekrochen kamen und nun, als ob nichts geschehen wäre, mit triefenden Kleidern die Arbeit wieder aufnahmen, die sie fünf Minuten vorher mit trockenen verrichtet hatten. Nun freilich lachte auch unser Kleeblatt und ging dem Schalter der Tientsin-Pukoubahn zu, um da wieder ein Gesicht zu machen, das zwischen Weinen und Lachen die richtige Mitte hielt.

332 Als man nämlich Billetts gefordert hatte und bezahlen wollte, erklärte der Beamte, daß er zu seinem Bedauern das Tientsinpapiergeld nicht annehmen könne. Am verflossenen Abend nämlich sei von Peking das Telegramm mit dem Befehl eingelaufen, alle Tientsinscheine zurückzuweisen, da zuviel nachgemachte im Umlauf seien. Soweit war man in der Erkenntnis gekommen. »Was man nicht hat, das eben brauchte man, und was man hat, kann man nicht brauchen.« Ja, wenn man erst wieder das hätte, was beim Herrn Stein überm Fluß drüben in der Ladenkasse lag!

Was nun machen? Am nächsten Morgen um dieselbe Stunde ging wieder ein Zug. Aber dann hatte man vierundzwanzig Stunden verloren. Wie lange währte es noch, bis der heutige Zug abfuhr? Die Uhr aus der Tasche. Volle vierzig Minuten und vielleicht kamen noch einige Minuten Verspätung hinzu. Das konnte hinreichend sein, um das Geld zu holen. Da lag ja noch der Fährdampfer am linken Flußufer. Wo war denn nur der Kuli, der's Gepäck gebracht? Ja, da hatte er sich unter die Bettler gemengt, die um die Bahnhofstreppe lungerten. Geschwind herbei mit ihm. Alles Geld auf einen Haufen! Hier, Kuli, die Mütze herunter und die Scheine ins Futtertuch hinein. So, jetzt nun schnell zu deinem Herrn zurück. Hier drei Yen, dein Trinkgeld, wenn du rechtzeitig wiederkommst. Dann noch einen Blick aufs Zifferblatt der Uhr und nun los, was die Beine zu leisten vermögen, das mögen sie heute leisten.

Und der Kuli hatte begriffen und feuerte los. Mit einem kühnen Satz kam er noch auf die Fähre, die eben 333 die Trosse eingezogen hatte. Nun schwamm das Schiff, und die Mitte des Stromes war erreicht. Nun legte es drüben an, und von jetzt ab hatte man das Nachsehen, wenn es dem Kuli einfiel, nicht wiederzukommen.

»Ein Römer wäre umgekehrt und hätte sein Geld selber geholt,« sagte Ebenich, »und der frömmste Pietist käme nicht wieder, wenn er so leicht zum Geldverdienen käme,« fügte Josefranz hinzu.

»Und der Chinese kommt wieder, weil er sein Gesicht nicht verlieren will,« ergänzte Frau Wöllenstadt, mit Glaubensstärke erfüllt, die Berge versetzt.

Indessen liefen vier Menschen immerhin in begreiflicher Aufregung zwischen Fluß und Bahnhof hin und her und verteilten, weil sie die Götter günstig für sich stimmen wollten, ihr letztes Kleingeld unter die zahlreich versammelten Bettler.

Pfeifend strich der Herbstwind um das Bahnhofsgebäude, faßte den Hut des Herrn Josefranz und trieb ihn in die gefährliche Nähe des Flusses hin. Ein halbes Dutzend zerlumpter Menschen wälzte sich Hals über Kopf über den Ausreißer her. Schon schien es, als ob alle Mühe, den Flüchtling einzuholen, vergebens wäre, da hatte sich ein halberwachsener Knabe über ihn geworfen und ihn mit dem Bauche eingefangen. Triumphierend erhob sich der Kleine.

»Mein Gott, wie sieht der Kerl aus,« schrie der Schwabe aus. »Was ist er nur 334 eigentlich? Vom Hals bis zu den Schenkeln steckt er in einem Mädchenrock und weiter hinunter bis auf den Erdboden scheint weder Herren- noch Damenschneider länger für ihn arbeiten zu wollen.«

»O Jammer, und wie er friert,« sagte Ebenich. »Sehen Sie doch, wie seine nackten Beine zittern. Arme scheint er überhaupt nicht zu haben, trägt er nicht Ihren Hut zwischen den Zähnen?«

»Einen Augenblick Geduld und Sie sollen sehen, wie er sein Mundwerk zum Geldbeutel macht,« antwortete Josefranz und hielt dem Zerlumpten eine Silbermünze vors Gesicht. Im Nu fuhren zwei blaugefrorene Arme durch zwei Löcher des Wattröckchens, erhaschten die Münze und schoben sie in die rechte Backentasche, während die Zähne den Hut freigaben. Dann sank die ganze bedauernswerte Erscheinung zu einem zitternden Gebilde zusammen, das nicht höher war als ein Bienenkorb.

Trotz der Sorge um ihr gutes Geld und trotz des Mitleids mit dem armen Schlucker, hatten die Reisenden nun doch einen Grund zur Heiterkeit entdeckt und sie lachten wieder einmal aus vollem Halse, als der Kuli des Herrn Stein sich plötzlich einen Weg durch die Zuschauer brach. Da war er und mit ihm das Geld bis zum letzten Pfennig.

Nun rasch nach der Kasse und hinein in den Zug. Der fackelte nicht lange und fuhr los, hin gegen Tientsin. Eine endlose Ebene. Wohin das Auge blickt nur herbstgraue Felder und ab und zu die kahlen Ringmauern einer kleinen Stadt. So geht es stundenlang, bis der Beschauer müde wird und sein Magen hungrig.

335 Man drückt auf die elektrische Klingel und der Boy erscheint mit einem Teller voll Wurst aus der Steinschen Metzgerei. Die Damen Wöllenstadt tauchen für einen Augenblick im Speisewagen auf, verschwinden aber zum Leidwesen unserer Freunde alsbald wieder. Da, mit einem Male an einem krummen Mastbaum ein viereckiges Segel direkt über den Stoppelfeldern. »Nanu,« fragt Ebenich, »ein Pflug im Wasser und ein Schiff in den Kartoffelfurchen, wenn das mit rechten Dingen zugeht, dann will ich mir einen Hering in der Luft und einen Sperling im Mühlbach gefallen lassen.«

Josefranz lachte: »Sie werden diese geflickten Lappen heute noch öfter sehen. Sie schweben über dem Kaiserkanal. Eine wunderbare Sache dieser Kanal, und hier in einem Lande, wo wir nur Rückständigkeit und Unkultur zu vermuten gewohnt sind. Wissen Sie, daß dieser Wasserfaden von Peking, der Nordstadt, bis über den Yangtse hinaus tief in das südliche China hineinreicht? Zwölfhundert Kilometer ist er lang und gegraben ist er wahrscheinlich von Leuten, die mit Abrahams Ururgroßvater zusammen beim Turmbau zu Babylon Mörtel rührten. Ist es nicht eine wunderbare Sache, daß die Wasserbaukunst so früh entwickelt war, und daß sie fast gleichzeitig in Ägypten, Mesopotamien und hier hinten am Ende des europäisch-asiatischen Kontinents ihre Wunderwerke schuf? Sollte man da nicht am Ende doch annehmen, daß die verschiedenen Menschenrassen einmal an einer gemeinsamen Stelle unseres Planeten, vielleicht auf dem iranischen Plateau gelebt, und daß sie bei ihrer Trennung die Kunst des Kanalbaues mit sich genommen hätten in alle Richtungen der Windrose hinaus?«

336 Dem Dr. Ebenich kam diese Frage äußerst überraschend, und statt sie zu beantworten, half er sich mit der Gegenfrage: »Wie kommen Sie nur zu diesem seltsamen Gedankengang?«

»Einfach genug. Wenn mein Vater in seinem weltvergessenen Pfarrhaus auf der Rauhen Alb nicht gerade seine Leichenreden präparierte oder ein paar Bauernburschen für den Maulbronner Geniestall zustutzte, dann saß er oft mit der Pfeife im Mund vor seinem Globus und sinnierte so vor sich hin über Dinge, die das Konsistorium nicht zu wissen brauchte. Weil er aber doch das Bedürfnis hatte, sich auszusprechen, so besuchte er zuweilen einen buckligen Apotheker, der zwei Stunden von seiner Pfarrei weg am Sitze des Oberamtes wohnte. Wenn ich die ›Dreiundzwanzig auf ein is die masculini generis sind,‹ fehlerlos hergesagt hatte, dann nahm er mich zuweilen mit, und ich durfte Süßholz kauen, während der Apotheker Pillen drehte und sich mit meinem Vater über derlei gelehrte Dinge unterhielt. Sehen Sie, daher stammt meine Weisheit, und sehen Sie weiter, da schwebt eben wieder solch ein Segel über die Rübenäcker hin.«

Ebenich strengte seine Augen an, aber er sah nur einen viereckigen Schatten, der sich mit dem Zuge nordwärts voranbewegte. Der Tag ging zur Neige. Es fing schon an dunkel zu werden. Es überkam ihn ein Gefühl der Ängstlichkeit. Man kam in eine fremde Stadt, von deren Straßen man nicht eine kannte, zu Menschen, von deren Sprache man nicht ein Wort verstand. Mußten sich da nicht Verlegenheiten ergeben, vor denen man sich fürchten konnte?

337 »Haben Sie an das Astorhaus telegraphiert, daß es einen Wagen nach dem Bahnhof schickt, da wir doch so spät in Tientsin ankommen?« fragte der Doktor aus diesem Gedanken heraus.

»Gott straf mich, das han i vergessen,« sagte der Schwabe und kratzte sich verlegen mit der Hand hinter dem Ohr.

»Und in welchem Stadtteil das Hotel liegt, und wie lange man zu fahren hat, bis man hinkommt, das wissen Sie auch nicht?«

»'s ischt mer unbekannt. Das einzig, was ich weiß, das isch, daß man so an dreiviertel Stunden brauchen wird, bis man zum Astorhaus kommt. Übrigens, wenn alle Stränge reißen, so haben wir ja die Damen Wöllenstadt im Zuge, von denen die ältere das Chinesische vollkommen beherrscht. Sie werden uns Wickelkinder nicht im Dreck liegen lassen.«

Hier und da sah man ein Licht durch die Scheiben glänzen. Bald wurden deren mehr, und nun führten die Flammen Rundtänze auf vor dem Zuge. Die Bremsen kreischten auf und man hörte den schrillen Ton kleiner Sackpfeifen. Menschenstimmen ließen sich hören. Die Lokomotive fuhr langsam und machte verschnaufend halt.

»Nun aber hinaus und jetzt geschwind, daß wir das Wildbret nicht verpassen. Die Wöllenstadts meine ich,« sagte der Schwabe und sprang mit seinem Genossen aus dem Zug. Da standen sie, die Reisegenossen in einem Menschenstrom, der sie mit sich fortzureißen suchte. Sie reckten die Hälse, sie stellten sich auf die Zehenspitzen, Umschau zu halten. Es war alles umsonst. Die Erde mußte Mutter und Kind verschlungen haben, wenn sie nicht an einer 338 früheren Station den Zug verlassen hatten. Leerer und immer leerer wurde der Perron. Bald war er nur noch von zwei Bediensteten belebt, von denen der eine den Boden kehrte, während der andere die Lampen auslöschte. Wenn der Besen näher kam und ein Mann, der mit Schlüsseln klimperte, war an ein Bleiben unter den schützenden Bahnhofsdächern nicht mehr zu denken. Und beide kamen näher. Schon kratzte der Reisigbesen an der Lederhandtasche des Schwaben. Nun wurde es Zeit, sich wegzuschleichen. Also los, ein jeder sein eigener Dienstmann! Fort mit dem Gepäck und hinaus auf die Straße. Die Scheiben klirrten empört, als die Tür hinter den Abziehenden ins Schloß geworfen wurde.

Da standen nun die beiden auf einem freien Platze vor dem Stationsgebäude. Drei oder vier Laternen taten, was sie konnten, um Helle in die Nacht zu streuen. Über ein Halbdunkel brachten sie es nicht hinaus. Und in diesem verdächtigen Zwielicht bewegten sich allerlei verdächtige Gestalten, die in verdächtige Nähe kamen und mit verdächtigen Fingern den Fremden nach den Rockkragen tasteten, nach der Westentasche und nach dem Handgepäck. Immer enger wurde der schmutzige Menschenring, der sich um die Fremden legte. Er erweiterte sich ein wenig, wenn der Schwabe zur allgemeinen Erheiterung mit den Beinen um sich trat, aber er schloß sich automatisch wieder, wenn er mit dieser Muskelübung nachließ.

Vielleicht, daß man bei diesem Volke mit guten Worten weiterkommt als mit Grobheit, dachte Ebenich, zog einen der zerlumpten Menschen an sich heran und schrie ihm das einzige Wort »Astorhaus«, für das er 339 ein Verständnis voraussetzen konnte, ins Ohr. Eine allgemeine Heiterkeit war das Resultat dieses Annäherungsversuches. Die Zugereisten schrien, strampelten mit den Beinen, fuchtelten mit den Armen. Es war alles umsonst, eine Auskunft war nicht zu erlangen. Ebenich und sein Begleiter befreundeten sich langsam mit dem Gedanken, daß sie auf ihren Gepäckstücken sitzend die Nacht im Freien verbringen müßten. Aber die Nacht war kalt, und schon stieg ein zitterndes Frösteln von den Zehen hinauf nach den Knien. Steif wie ein Besenstiel mußte man voraussichtlich sein, bis die Sonne sich erbarmte und mit warmem Scheine über den nahen Golf von Tschili herüberguckte. Da, in der höchsten Not, hörte man den Huftritt eines lendenlahmen Pferdes und das Schlagen ausgefahrener Achsen über abgenutzten Rädern. Nun hielt keine Gewalt der Erde mehr den Schwaben an seinem Platze fest. Er war aufgesprungen, hatte den Menschenknäuel durchbrochen und saß neben einem Droschkenkutscher auf dem Bock, als er nach fünf Minuten wiederkehrte. Im Nu war nun das Gepäck im Wagen verstaut, und seine Eigentümer saßen dabei und fuhren glückselig dem sicheren Ziele zu, weil sie annehmen durften, daß das Wort Astorhaus glücklich verstanden worden sei.

»Waren Sie schon öfter in einer so peinlichen Situation, wo bei allem guten Willen infolge von Sprachunkenntnissen eine Verständigung absolut ausgeschlossen ist?« fragte Ebenich mit erleichtertem Aufatmen seinen Schwaben.

»Ich wäre achtzig Jahre alt und hätte den doppelten Verstand, wenn es mir im Jahr nur einmal passierte. 340 Zum Glück bin ich nur ein Hutreisender, und die Welt geht nicht aus dem Leim, wenn ich einmal an einem Vormittag nichts verkaufe. Allein ich möchte nicht Vizekönig von Indien werden und in Dehli wohnen, ohne ein Herodot zu sein an Sprachkenntnissen. Ich kann mir nun einmal nicht vorstellen, wie man so weitgedehnte Länderstrecken regieren will, ohne ihre Bewohner zu verstehen oder von ihnen verstanden zu werden. Deutschland sollte auf diesem Gebiete in der Ausbildung seiner Kolonialbeamten mehr leisten, als es seither getan hat. Wo man sich verständigen kann, braucht nicht gleich bei jedem Streit ein Aug' aus dem Kopf zu hängen.«

»Aber zum Teufel, Herr Josefranz!« unterbrach ihn an dieser Stelle Dr. Ebenich. »Sehen Sie denn nicht, daß der Rosselenker uns aus der Stadt hinaus und mitten ins Feld hineingefahren hat? Wenn ich mich nicht irre, sind da rechts und links von uns statt der Häuser nur Kartoffelkraut und Steckrüben.«

»Keine Furcht. Der Peiho macht in Tientsin eine verdrehte Figur wie ein zappelnder Blutegel und die Straßen folgen ihm, wie ich aus der Karte weiß. Passen Sie auf, der Bürger Kutscher gehört zu den Intelligenten seines Volkes. Bemerken Sie nicht, daß er Republikaner ist und einen von meinen Hüten auf dem Kopfe trägt? Ich vermute, er schneidet ab, indem er uns übers Feld führt.«

Und wie der Schwabe geweissagt hatte, kam es. Die Droschke schaffte sich aus dem Dunkel heraus und näherte sich einigen Laternen. Hohl klang der Hufschlag des trabenden Rößleins. Man war zwischen dem Gitterwerk einer Brücke, und mit einemmal, Wunder über 341 Wunder, strampelte gar ein feuriger Radfahrer auf feurigem Stahlrad über eisernem Fachwerk hoch in der rabenschwarzen Nacht.

»Nun sieh mir diese Duckmäuser von Chinesen an,« sagte der Schwabe. »Ob wohl in Stuttgart oder München schon ein Fahrradhändler auf die Idee gekommen sein wird, in der Art wirksam für sein Geschäft Reklame zu machen?«

Dem Gedanken weiter nachzugehen war keine Zeit. Schon hielt der Rosselenker vor dem Astorhaus. Warme Gänge führten in warme Zimmer, und ein warmes Abendessen mit gutem Rheinwein senkte sich belebend und anregend über die Zunge hinweg in die Eingeweide hinunter. Als man zum Abschluß des Diners die Zigarren entflammte, sagte Ebenich auf einen früheren Gesprächsstoff zurückgreifend: »Nach Ihrer Ansicht, Herr Josefranz, wäre also Deutschland zurzeit nicht imstande, die Verwaltung des britischen Kolonialreichs zu übernehmen. Man wird diese Ihre Auffassung in der Heimat nicht teilen und sagen: England verwaltet diese Länder doch auch.«

»Ganz Ihrer Ansicht. Aber bedenken Sie, England hatte hundertfünfzig Jahre Zeit, um sich vom Krämer zum Großkaufmann herauszuentwickeln. Wir aber sollten von heut auf morgen die Leitung einer Weltfirma antreten. Woher den Kopf nehmen und woher Arme und Beine, um den Koloß zweckdienlich zu bewegen? Wieviel Hilfskräfte und Unterbeamten wären nötig, um Strauße zu ziehen, Zuckerrohr zu pflanzen und Elefanten abzurichten? Würde das preußische Junkertum, wenn es Lust dazu hätte, auch nur in der Zahl ausreichend sein?«

342 Diese Frage beantwortete Ebenich weder sich noch einem anderen. Er war zu müde, ging zu Bett und schlief zehn Stunden an einem Rosenkranz herunter, so daß er noch beim Frühstück saß, als der Schwabe von einem seiner Kundengänge ins Hotel zurückkam.

»Gute Geschäfte gemacht, man sieht es Ihren Augen an,« bemerkte Ebenich über den Rand seiner Kaffeetasse hinüber.

»Bin zufrieden, Gott segne die chinesische Revolution und alle Revolutionen, die den Hutbedarf steigern. Wenn nicht so viele geköpft worden wären, könnte ich mir heute schon am Rheine eine Villa kaufen und eine kleine Frau hineinsetzen, wenn ich eine hätte.«

»Ich denke, die Künstlerin, die wir vorgestern kennen gelernt haben, hat es Ihnen angetan. Wenn Sie wüßten, wo sie aufzufinden ist, wollten Sie da nicht einmal Ihr Glück probieren?«

»Ob ich das will? In allem Ernste, ich bin dazu sogar fest entschlossen, und was mich im Augenblick in eine so gute Laune versetzt, das ist der Umstand, daß ich auch schon weiß, wo ich sie finden kann. Denken Sie nur, die Diva gibt heute abend in der Stadt ein Konzert. Ich werde natürlich hingehen und damit ich nicht mit leeren Händen komme, habe ich mir ein Geschenk für die Herrliche ausgedacht, gekauft und gleich mitgebracht. Da sehen Sie her, ein Elfenbeinfächer und von einem altchinesischen Künstler geschnitten, dünn wie Papier und doch so haltbar, als ob er vom dicksten Stahl wäre.«

Bei diesen Worten hatte er einem mit Samt ausgeschlagenen Etui einen Fächer entnommen, faßte ihn ehrfurchtsvoll, wie der Priester die Hostie faßt, und hielt 343 ihn in die Luft. Wie eine Blindschleiche ringelte sich die kostbare Arbeit von den Fingern nieder, aber sie hielt und brach nicht.

»Damit werden Sie Furore machen. Wie ich die Frauen kenne. wird unter tausend etwa nicht eine sein, die nicht in einen solchen Apfel beißt.«

»Ist das wirklich Ihre Ansicht, dann soll es mich freuen, aber sehen Sie, wenn einer verliebt ist, dann quälen ihn auch gleich so mancherlei Schrullen. So ist mir z. B. der Gedanke gekommen, der Wert des Geschenkes könne noch durch ein paar gereimte Worte gesteigert werden. Wenn ich in Stuttgart wäre, wüßt' ich schon so einen halbverhungerten Hans Sachs oder Hans Narren aufzutreiben, der für Geld und gute Worte so ein Verslein zusammenschustert. Aber hier, wie sollt' ich hier zu einem Reimschmied kommen?«

»Darf ich mir einmal in Ihrem Dienste den Kopf zerbrechen?«

»Sie würden mich glücklich machen, wenn neben den Scherben noch etwas Gutes herauskommt. Aber probieren Sie es immerhin einmal.«

Ebenich riß ein Blatt aus seinem Notizbuch und schrieb darauf:

Möchten dieses Fächers Falten
Deiner Lippen Wächter sein!
Daß sie sich zum Kuß gestalten
Einzig mir und mir allein.

Als er nun dem Schwaben das Papier unter die Augen hielt, war dieser hochentzückt von der Arbeit, lud den Doktor zu der Hochzeit ein und behauptete, daß ihm bis zum Beginn des Konzertes nur noch übrig 344 bliebe, daß er sich bei einem Barbier in Reparatur gäbe, um seinen äußeren Menschen so gut wie möglich herrichten zu lassen.

Da auch Ebenich seit acht Tagen kein Rasiermesser mehr auf seinen Backen gefühlt hatte, so steuerten die beiden los auf gut Glück in das unendliche Straßengewirr von Tientsin hinein. Nicht lange und sie sahen das japanische Wappen wie eine aufgehende Sonne über einer niedrigen Glastür leuchten und traten in eine vorbildlich saubere Barbierstube hinein. Ebenich trat vor die offenen Arme eines gepolsterten Stuhles hin, deutete auf seinen Kopf und machte mit zwei Fingern eine Bewegung in die Luft, als ob er eine Schere in Bewegung setzen wolle. Der Chinese hatte verstanden. Er packte seinen Kunden wie ein Wickelkind in blühend weiße Leinwand ein und fing an, ihm die Haare zu schneiden. Dann rasierte er ihn und stäubte ihn ein mit wohlriechenden Essenzen. Herr Josefranz schaute derweilen durch die Scheiben in das Straßenleben hinein. Als der Doktor abgetan war, tauschten beide die Rollen, und Ebenich beobachtete, was auf der Straße vor sich ging. Ein Geldwechsler hatte einen Haufen Menschen um seinen Tisch versammelt. Ein Zwiebelhändler nahm seinen Korb vom Kopf und bediente seine Kundschaft, und ein Fischer holte Muscheln aus einem Netze heraus und bot sie den Vorübergehenden zum Kaufe an. Das ganze Bild, mit Hunden, Gänsen und Gockelhähnen durchsetzt, war eine originelle Straßenszene, die den Doktor derart fesselte, daß er seinen Reisegenossen vollkommen vergessen hatte. Er war deshalb nicht wenig erschrocken, als er den Herrn Josefranz 345 plötzlich aufschreien hörte, als ob einer im Begriffe wäre, ihm die Gurgel glatt abzuschneiden. Mit Entsetzen drehte er sich um und sah nun, was er nie zu schauen für möglich gehalten hätte. Zitternd am ganzen Leibe stand der bezopfte Chinese da. Voller Entsetzen hielt er die Schere in die Luft, von der ein behaarter Fetzen wie ein frisch erbeuteter Indianerskalp niederhing, während der umwickelte Schwabe wie Banquo's Geist drohend vor ihm stand. Er mußte sich in der Tat in ein Gespenst verwandelt haben, denn Ebenich kannte ihn beinahe selber nicht mehr. Sein Schädel war so kahl wie eine Gießkanne und warf wie Firnschnee einen weißen Reflex ins Land hinaus. Sein Gesicht aber glühte wie ein hohler Kürbis, in dem ein Licht brennt.

»So ein Quadratlackel,« dies Wort war die erste Schlacke, die von dem Vulkan seiner Wut aus dem Krater geschleudert wurde, dann kamen als Lavabrocken die Sätze: »Jetzt meint so e Viech von Gottes Gnaden, er müsset allen Leut' die Haar schneiden, weil er sie Ihnen geschnitten hat. Wenn doch nur e Feuer vom 346 Himmel runter so eine Kreatur in den Grund des Erdbodens schlagen möcht'. Jetzt schauen's nur mal meine Perück' da an. Is es nit zum Heulen, wie sie da von der Scher' herunterhängt? Wenn's a nur zum wenigsten noch ganz ist!«

Mit dieser Hoffnung im Herzen riß er an sich heran, was einst sein Stolz und seine Freude gewesen. Aber o wehe, leider fehlte ein Fetzen von der Größe eines Fünfmarkstückes. Nun wurde der Schwabe blaß im Gesicht, und der Doktor fühlte, daß er ihm mit Trostgründen unter die Arme greifen müsse.

»Sie sind nicht der einzige schöne Mann, der eine Tonsur trägt,« sagte er mit erheuchelter Zärtlichkeit. »Vergessen Sie den Klerus nicht, und wie edel ein Kahlhieb sein kann, wenn er nur an der richtigen Stelle sitzt.«

Nun unterzog der Schwabe seinen Skalp, vor dem Spiegel sitzend, einer näheren Besichtigung. Leider hatte der Zufall es gewollt, daß der unleidliche Defekt gerade hinter das rechte Ohr fiel, und daß die kahle Wüste durch keine Zwangsanleihe von anderswoher gedeckt werden konnte. Wie sehr Herr Josefranz auch strich und klebte, immer blieb eine klaffende Leere, die um Erfüllung zum Himmel schrie.

»Wenn ich selbst das Ohr an den Kopf nageln wollte,« schrie er endlich ungeduldig geworden auf, »es hilft nichts. Die Lücke bleibt auf meinem Schädel, was der Bodensee ist im Schwabenland: eine leere Stelle. Wer vorbeigucken will, sieht sie erst recht auf der Landkarte so gut wie in der Wirklichkeit selber. Was fang' ich nur mit dem Vierzeiler an und mit dem Elfenbeinfächer? Das Geld hätt' ich mir sparen können. 347 Welches Mädel heiratet einen mit einem Pflaster hinterm Ohr, und dazu, wenn er noch e Schwab ist und Josefranz heißt?«

»Sie sollten mit mehr Respekt von sich selber reden, wenn Sie von anderen Respekt fordern,« suchte Ebenich zu begütigen. »Übrigens läßt sich doch ein Haarvirtuose vielleicht auftreiben, der den Schaden auszubessern vermag.«

»Hier unter diesen Mongolen, wo jedes Mannsbild mehr Haare auf dem Wirbel hat, als des Rößlewirts Gaul am Schwanz! Ausgeschlossen. Ich gehe auf mein Zimmer zurück, leg' mich schlafen und träume mir den Kopf der Hochzeit zu meinen Freiersfüßen.«

»Aber rasieren könnten Sie sich doch zuvor noch lassen, da Sie doch einmal da sind. Er wird Ihnen nicht auch noch aus Versehen den halben Schnurrbart herunterschaben.«

»Wie Sie den da ansehen, der ist wie ein gelernter Mörder zu allem fähig. Der nimmt mir auch die halbe Nase noch mit und verkauft mich dann als Sehenswürdigkeit an ein Panoptikum. Heim geh' ich und nichts wie heim.«

Von jetzt ab war alles weitere Verhandeln umsonst und Ebenich mußte, wenn er Tientsin kennen lernen wollte, ohne Lotsen in See stechen. Er tat das, indem er zunächst den Peiho aufsuchte. Am sicheren Bande dieses Ariadnefadens wollte er sich in das Labyrinth der Stadt hinein- und wieder herausfinden. Den Strom zu entdecken war trotz seiner Breite nicht so ganz einfach. Hohe Berge von Kasten, Kisten und Ballen waren am Ufer entlang ohne irgendeinen Dachschutz 348 aufgestapelt. Wohl sah man über dieses Randgebirge hinüber die Rauchfahnen der Dampfer im Winde wehen, wohl hörte man von allen Seiten das Krachen und Rasseln der Ladeketten. Ans Wasser heran aber schien nirgends ein Pfad zu führen. Und doch flutete eine geschäftige Menschenwelle fortwährend hin und her. Ebenich ließ sich forttreiben und kam zwischen gefüllten Reissäcken hindurch auf schmalem Gange endlich an den Fluß. Nun war er orientiert. Nach Osten streben, wenn auch träge, die trüben Wellen. Also mußte die Chinesenstadt im Westen zu finden sein, wenn man nur geduldig stromaufwärts ging. Der Doktor tat so und ließ das Fremdenviertel hinter sich. Nicht lange und er sah auf einem Brückenkopf einen Radfahrer in der Luft schweben.

Nun also, da war ihm ja auf einmal ein alter Bekannter in den Weg getreten. Aber wie sah der feuerige Reiter der Apokalypse vom gestrigen Abend heute so schäbig aus. Zwei Räder und ein blecherner Kavalier in einem mageren Holzgestell! Ja das Sonnenlicht, das erbarmungslose Sonnenlicht, wieviel erborgter Herrlichkeit hatte es nicht schon die glänzende Maske vom Gesicht gerissen! Ebenich ging ohne Respekt unter dem leeren Phantom hindurch, indem er für sich dachte: ›Als Ansteuerungspunkt war er gestern gut genug.‹

Am lehmigen Flußufer machten sich einige europäische Gebäude breit. Es waren Banken oder Konsulate. Man wundert sich über ihre prätentiösen Fronten weniger, wenn man bedenkt, daß das Hinterland der lebhaften Handelsstadt die Größe von Europa hat. Noch einige hundert Schritte voran, und Ebenich war die protzigen 349 Repräsentanten westlicher Kultur los und stand vor einem Konglomerat kleiner chinesischer Bauten, das nach allen Richtungen der Windrose hin von schmutzigen Straßen durchschnitten wurde. Wohin sollte nun vom Fluß hinweg der Doktor seine Schritte lenken, mit einiger Hoffnung, daß er sich wieder zurückfinden werde? Aber da glänzten ja zwischen seinen Füßen die Schienen einer Straßenbahn. Die konnten ihn nicht in die Irre führen, brauchte er sich doch schließlich nur umzudrehen und auszuschreiten und er mußte zum Flusse zurückkommen und seinen Orientierungspunkt, seinen Radler, wiederfinden. Ebenich ging zu und fand, was er früher schon in Shanghai und Kanton gefunden hatte und was jede chinesische Stadt immer wieder bietet: barfüßige Kinder, Holzpantinen und verkrüppelte Frauenfüße auf klebrigem Pflaster. Wirbelnde Papierfetzen, Hunde und fliehende Hühner und Enten in halber Höhe. An den Straßenkreuzungen die Tische der Geldwechsler und die Haltestellen der Rikschakulis. Zwiebeln, Krautköpfe, Sellerieknollen und Knoblauchzöpfe hinter den Scheiben der Grünzeughändler. Ausgezogene Hämmel und ihres Pelzes entkleidete Kälber an den Eisenhaken der Schlächter.

Nein, da mußte es doch noch Dinge von größerer Originalität geben als diese Alltäglichkeiten. Wenn sonst nichts zu sehen war, dann hätte er ja auch bei seinem Schwaben können sitzen bleiben und abwarten, bis diesem die Haare an seiner Perücke wieder gewachsen wären. Er mußte einen größeren Sprung tun und sich ins Zentrum der Verwirrung hineinwagen.

Da kam ja eben die Straßenbahn angefahren. Der 350 Doktor sprang auf und hielt dem bezopften Schaffner eine Handvoll Scheidemünzen entgegen. Beherzt griff dieser zu und nahm vermutlich soviel, daß der Fahrgast nicht an die Luft gesetzt worden wäre, wenn er auch einen ganzen Monat lang der besseren Übersicht wegen auf dem Perron stehen geblieben wäre. Aber was half alle Fernsicht, wenn rechts und links nichts anderes stand als Rasierstuben, Branntweinschenken und Trödlerläden. Nach einer Viertelstunde bereits war der noble Zahler abgesprungen und stand zwischen den Schienen. Das Auffinden des Rückweges konnte ja keine Schwierigkeiten machen. Immer nur den Geleisen entlang und Ebenich mußte an den Fluß kommen. Ohne die Straßenfassade noch eines Blickes zu würdigen, lief er und kam auf einen kleinen freien Platz. O wehe, da lief mit einem Male der Strang in ein halbes Dutzend Stränge aus. Welches war der richtige, der nach dem Fremdenviertel führte? Wer hätte den Doktor verstanden, wenn er sich hätte befragen wollen? Er mußte es wagen und aufs Geratewohl zugehen. Er ging eine halbe Stunde, fand aber keinen Fluß. Auf und zurück und auf den zweiten Schienenstrang. Eine halbe Stunde des Voranschreitens und wieder kein Fluß. Abermals zurück. Schon aber fingen die Beine an müde zu werden. Ein Wink mit dem Finger und ein Kuli stand mit seinem Rikscha vor dem Doktor. »Astorhaus, English settlement,« raunte er dem Lasttier auf gutes Glück ins Ohr.

»Yes, master, yes« sagte das Echo.

Nun, Gott sei Dank, Ebenich war verstanden und das Wägelchen rollte zu. Aber bei allen Erzengeln 351 und Holzengeln in welcher Richtung! Ebenich wäre, wenn er auf demselben Wege weiterreiste, eher an den Ganges gekommen, als an den Peiho. Das sah er ein, und er trat deshalb seinem Kuli auf den rechten Hinterschinken, daß er anhielt. Aussteigen und auf den Tisch eines Geldwechslers zueilen, war für den Verirrten das Werk eines Augenblicks. ›Wenn irgendein Wort der Verständigung mit irgendeinem Menschen möglich ist, dann wird's bei dem sein, den alle Welt befragt,‹ dachte Ebenich und rief dem Alten zu: »English settlement!« Der Sadduzäer schüttelte das Haupt mit dem grünen Turban und wurde nachdenklich. Plötzlich aber sah man, wie ein erlösender Gedanke den weißbärtigen Kopf durchfahren haben mochte. Er rief den Rikschaführer zu sich heran und gab ihm mit allerlei Handbewegungen die umständlichsten Instruktionen. Dann kreuzte er die Arme über der Brust und neigte das ehrwürdige Prophetenhaupt vor dem Doktor. Dieser war wieder aufgestiegen und vorwärts ging es, abermals in das Häusergewirr Tientsins hinein. Der Weg führte über eine Brücke und Ebenich brachte durch das nun genugsam beschriebene Haltesignal sein Fuhrwerk zum Stehen. Er lehnte sich über das Geländer des Fußsteigs und sah fragend nach dem Wasserspiegel nieder, indem er zu sich selber sagte: ›Ja, wenn ich nur erst wüßte, in welcher Richtung der Fluß fließt, dann wollt' ich mich ohne Rikscha leicht nach dem Hotel zurückfinden.‹ Er guckte und guckte, das Wasser regte sich nicht. Er riß ein Blatt aus seinem Notizbuch und warf es in den Strom. Der Papierfetzen stand unter ihm wie angenagelt. Von jeder Kartenschlägerin hätte er mehr 352 erfahren, als von diesem verschwiegenen, unbeweglichen Wasser. Also abermals aufs Rikscha und der Gnade Gottes überliefert und der Spürnase des Kulis. Dieser warf mit neuem Eifer die Beine unter der Scherendeichsel vorwärts und zurück, bog plötzlich links ab und lenkte unter einem Torbogen hindurch in einen gutgepflegten Ziergarten hinein. Ein Priester in langer Soutanella ging betend auf und ab. Gerade vor seinen Füßen ließ der Kuli die Deichsel fallen. Ebenich erhob sich und redete den Betenden in französischer Sprache an.

Er hatte es richtig getroffen und der Geldwechsler hatte ihn weise beraten. War er auch nicht nach English settlement gekommen, so war er doch in ein englisches Missionshaus geraten, wo man den Kuli jetzt bezüglich seines Zieles unterweisen konnte. Als Ebenich sich wieder setzte, schienen alle Schwierigkeiten des Rückweges überwunden zu sein. Und doch verlief die Reise immer noch nicht ganz glatt.

Mit einer befehlenden Armbewegung stand plötzlich ein uniformierter Polizist im Wege und gebot halt. Der Kuli drehte sich um und machte seinem Fahrgast ein Zeichen, daß er aussteigen solle. Da Ebenich neugierig war und wissen wollte, wieso und warum, so gab es eine Pantomime, in der außer ihm, dem Kuli und dem Polizeisoldaten noch eine ganze Reihe von Rikschakulis lärmend mitspielten, bis der Doktor endlich begriff, daß er an einer Routenzone angekommen war, über die sein Fuhrmann nicht hinaus dürfe, ohne in die Interessensphäre anderer ehrenwerter Kollegen hineinzupfuschen.

Der vielgewanderte Ebenich hatte nun einen neuen Führer zu nehmen und die ganze Odyssee hätte von 353 vorne angefangen und Gott weiß wo geendet, wenn nicht ganz unerwartet aus der vierten Dimension die Hilfe gekommen wäre. Wie sich der Doktor nämlich umguckte, sah er im Durchblick der Straße seinen alten Freund, den Radler, in der Luft schweben. Welches Wiedersehen konnte gelegener kommen? Nun war er orientiert, nun brauchte er keinen Führer mehr. Er ging sofort am Flußufer entlang, fand glücklich den Engpaß durch die Getreidesäcke hindurch und kam bei schon drohender Dunkelheit eben noch rechtzeitig mit scheidender Sonne vor dem Astorhaus an. Im stillen dachte er bei sich, daß sein Schwabe recht habe, und daß ein Volk, welches die fremden Zonen beherrschen wolle, mehr kennen müsse, als die Verba auf mi und den Accusativus cum infinitivo.

Herr Josefranz, der leider für sein Loch am Kopf keinen Schneider gefunden hatte, war damit einverstanden, als Ebenich ihm am nächsten Morgen den Vorschlag machte, er möge seine Geschäftsreise vorläufig einmal unterbrechen und mitreisen nach Peking.

Man fuhr nach dem Mittagessen mit einem Zug der nordchinesischen Bahn ab und abermals ins flache, reizlose Land hinein. Wie sehr der Zug auch raste, er kam, wie alle seinesgleichen, zu spät, und es war stockdunkel, als seine Räder im Bahnhof zu Peking zur Ruhe gebracht waren.

Ebenich und der Schwabe sahen bunte Lampions an dünnen Stangen um sich schweben. Ihr Licht war gerade ausreichend, um in einer riesendicken Mauer eine kleine Pforte zu beleuchten, durch deren engen Spalt sich alles hindurchdrängte, was mit dem Zuge gekommen 354 war. Kein Pferd, kein Wagen weit und breit, kein Zuruf, kein Geschrei. Schweigend bewegten sich schwarze Gestalten im Prozessionsschritt durch den finsteren Tunnel des sogenannten Wassertors, und die über den Menschenköpfen tanzenden Papierlaternen zeichneten phantastische Schatten in die feuchtschimmernden Wände. Der ganze Einzug hatte etwas Geheimnisvolles, Feierliches und erfüllte den Pilger mit einem frommen Schauer, geradeso, als ob er durch das Jaffator ins Innere des irdischen Zions, Jerusalem träte. Die Schritte hallten von den Wänden wider, und dann und wann fiel ein Tropfen Wasser aus dem Gewölbe nieder und netzte Hände oder Gesicht der Wandernden.

»Kommen wir nicht bald ins Freie?« flüsterte Ebenich seinem Schwaben zu. »Mir ist's, als ob ich in die Kasematten einer Festung hinein sollte.«

»So schlimm ist es zurzeit nicht, obwohl schon mancher in die Stadt geschritten ist, um sie nie mehr zu verlassen. Im Augenblick müssen wir zu unserer Rechten die Lichter des Schlafwagenhotels sehen. In seinem Foyer wird uns eine behagliche Wärme über den Buckel und, wie ich hoffe, auch ein guter Tropfen über die Zunge laufen.«

Wie der Hutschwabe es vorausgesagt hatte, so gestalteten sich die Dinge. Man soupierte in fürstlich geschmückten Sälen, um sich dann beim Duft einer Havannazigarre neben einem Seidel Münchener Bieres an den Strand der Isar hinüberzuträumen, ohne Verlangen, ohne Sehnsucht, ja ohne Heimweh sogar, hatte man doch alles, was man brauchte, zumal da einem sogar die ungewöhnlichsten Kunstleistungen noch auf dem 355 Präsentierteller entgegengebracht wurden. Zwischen den Tischen trieb sich nämlich ein barfüßiger Junge herum. »Schweinebilder, Master, Schweinebilder,« mit diesen Worten, dessen Sinn er offenbar nicht ahnte, hielt er dem Doktor eine Papierrolle unter die Nase. Ebenich entfaltete sie und fand die Abbildung eines obszönen Frieses, der sich angeblich im Sonnenpalast befinden sollte. »Nichts Neues unter der Sonne,« sagte der Schwabe, der seinen Kopf über die Rolle gebeugt hatte. »Etwas ähnliches können Sie am anderen Ende der Welt zu Rom sehen im Speisezimmer des Papstes auf der Engelsburg, und was man in Berlin wegen der Polizei im Bild nicht zeigen darf, das kann man dort in natura genießen.«

Der Knabe ging an einen anderen Tisch und wiederholte sein Angebot: »Schweinebilder, Master, Schweinebilder,« als schon ein anderer Mann auf den Brettern stand, die die Welt bedeuten.

Ein Greis mit weißem Barthaar unter dem grünen Turban war mitten ins Foyer getreten und hatte einen bunten Teppich vor sich ausgebreitet. Er streckte die mageren Arme wie zum Gebet in die Luft und fing plötzlich einen Zauberstab auf, den ihm ein Luftzug zugetragen haben mußte. Mit diesem Holze zwischen den Fingern war er nun wie Amerika der Herr der unbegrenzten Möglichkeiten geworden. Mit einem Zauberspruch und einer sazerdotalen Armbewegung holte er einen alten Regenschirm aus der Luft und schlang ihn hinunter, dann ein paar Schwerter, eine Ziehharmonika und der Himmel weiß, was er sonst noch alles verschlang. Als der Biedermann nun derart seinen Magen zu einer Art 356 Pfandhaus umgestaltet hatte, holte er aus der Luft herunter eine Zeitung, zündete sie an und schickte sie lichterloh brennend dem verschluckten Hausrat nach.

»Wird er jetzt vor unseren Augen zu einem Haufen Asche niederbrennen?« fragte Ebenich.

»Ein Schwarzwälder würde es tun, bloß um eine Versicherungsgesellschaft zu ärgern. Passen Sie auf, der Chinese wird sich in einer anderen Weise zu helfen wissen.«

Und in der Tat, der Zaubergreis klopfte mit dem Stab an seine Nase und es floß Wasser heraus wie aus einem Brunnenrohr. Dann spritzte das flüssige Element aus den Augen, aus den Ohren und aus den Fingernägeln hervor, bis eine Badewanne, die er inzwischen aus Fließpapier geknetet hatte, bis zum Überlaufen gefüllt war. Eben, als man dachte: ›Nun tropft es auf den Teppich nieder,‹ griff der Alte in seinen Rachen, holte den Regenschirm, die Ziehharmonika und die brennende Zeitung hervor, machte einen Scheiterhaufen daraus und ließ die zwei feindlichen Elemente, Feuer und Wasser, in der Zeit von fünf Minuten einander aufzehren. Dann hob er die papierene Badewanne auf, knetete sie wie Fensterkitt zu einer Kugel 357 und steckte sie in die Westentasche. Als er nachher den Lohn für seine Mühe auf einer silbernen Platte eingesammelt hatte, machte er seinem Publikum ein tiefes Kompliment, hob seinen Teppich auf und ging.

»Wenn mir einer das, was ich mit eigenen Augen hier gesehen habe, vorerzählte, so würde ich sagen: es ist verlogen,« bemerkte Ebenich.

»›Und 's ist aber doch nit wahr,‹ pflegt man bei uns auf Ihre Bemerkung zu sagen. Wissen Sie was, Herr Doktor, schweigen Sie überall und gegen jedermann von Ihren Erlebnissen in China. Man kann nicht wissen, wie man einmal Vertrauen braucht, nachdem das Geld vertan ist. Welcher Krämer borgt Ihnen noch das Lorbeerblatt zu einer Kartoffelbrühe, nachdem von Ihnen bekannt geworden ist, daß Sie solche unglaubliche Geschichten zum besten geben.«

Nach dem einen großen Zauberer kam ein noch größerer und führte den Doktor in das Reich der Träume hinüber. Er lag im behaglich gewärmten Zimmer des fünften Stockes und schlief, bis die Morgensonne mit ihren hellen Strahlen sich an sein Bett herantastete. Als er die Augen aufschlug und sich aufsetzte, sah er sich bis über alle Häusergiebel Pekings hinausgehoben und sein Blick schweifte selbst über die Zinnen der Stadtmauer hinweg bis dahin, wo ein zackiges Gebirge mit tausend kahlen Gipfeln sein Gesichtsfeld begrenzte. Von der Straße herauf hörte man das Gekläff der Hunde und von irgendeinem Exerzierplatz herüber klang der Signalruf eines Waldhorns. Ebenich stand auf, kleidete sich an und eilte aus dem Hause. Sobald das Tor des Schlafwagenhotels hinter ihm ins Schloß 358 gefallen war, hatte er zu seiner Linken die Südseite der gewaltigen Stadtmauer, durch deren kleines Pförtlein er gestern im Dunkeln gekommen war. Er vermied es, unter dessen Gewölbe zu treten, sondern benützte eine Rampe, die mit starker Steigung zur Mauerkrone hinaufführte. Oben angekommen, traf er zwischen den Zinnen auf eine gutgepflasterte Straße, breit genug, daß zwei Heuwagen aneinander vorbeifahren konnten, selbst dann noch, wenn eine neapolitanische Orangenverkäuferin, zentnerschwer, wie diese Sorte einmal ist, dazwischengesessen hätte. Auf der Mauer ging ein deutscher Soldat, das Gewehr über der Schulter, auf und ab.

»Wie verirren Sie sich nach Peking, Landsmann?« fragte Ebenich.

»Bon jour auch, die Prüße sind's, die mi hergeschickt haben in das Drecknest. Zweiesiebzig Tag von heut ab sind's auch noch; dann den Schießprügel an den Nagel und heidi, hast mi nit gesehen, heim nach Hinterweiher bei Rapperswiel.«

»Sie sind also Elsässer?«

»Ja, und e Mußpreuß oben draufnauf. 's is kein G'spaß, in dene Lumpen drin zu stecken und alle drei Tag Wachtdienst hier oben zwischen Himmel und Erde, wo einer zur Abwechslung des Morgens die Leut' zählen kann, die in der Stadt kein Häusle haben. Da schauen's nur hin. Da sitze se in langen Reihen und sorgen dafür, daß es dem Sellerie nit am Dung fehlt. Ist unsereiner extra dadafür auf die Welt kommen?« Ebenich folgte der Aufforderung des Mußpreußen und schloß aus dem, was er sah, daß es der chinesischen Residenz allerdings noch an einem Kanalschwemmsystem 359 fehlen müsse. Dieser Mangel kommt aber dem Acker zugut, und ein Volk, das ausschließlich von dem zu leben gezwungen ist, was der Boden hervorzubringen vermag, darf dem Kreislauf des Stoffes gar nichts entziehen, nicht einmal seinen Körper. Aus dieser Erwägung heraus läßt der Chinese zumeist seine Leiche auf seinem Acker verscharren und er hält den Europäer für einen unsinnigen Verschwender, wenn er aus Rücksichten für sein Geruchsorgan seine Dungstoffe leichtfertig dem ersten besten Wasserlauf zuführt, der sie nutzlos ins Meer trägt.

Gewiß, Ebenich wußte dies alles und respektierte auch die Gründe, die den Bewohner Pekings zu einem Morgenopfer im Freien zwingen, aber er wandte doch gerne die Blicke ab von dem gehässigen Soldaten und einer so wenig ästhetischen Schaustellung und der Tatarenstadt zu. Da lag sie mit einem unglaublichen Wirrwarr von Dächern, eingezwängt von Mauern, die der Ewigkeit getrotzt hätten, wenn nicht Granaten erfunden worden wären, die sie heutzutage hinwegwirbeln wie der Märzwind den Chausseestaub.

Nach seinem Abstieg vom Bollwerk vermied Ebenich das Gesandtschaftsviertel. Er drückte sich an der Mauer hin und kam nach dem Kaisertor, einem Bau, der die Tatarenstadt von dem Chinesenviertel scheidet. Die Türflügel waren weit geöffnet, wie es der Anstand erfordert, wenn alle Augenblicke ein kaiserlicher Prinz hereinkommen kann oder auch eine Kamelkarawane mit Häckselsäcken beladen. Kleine Soldaten, die aus einer Spielwarenschachtel zu stammen schienen, liefen mit vergnügtem Lächeln da herum, und keine Miene in ihren Gesichtern verriet, daß sie vorgestern erst in einem 360 grausigen Trauerspiel unter den geschweiften Dächern mitgewirkt hatten.

Lebt da in einer stillen Ecke des weiten Reiches der Gouverneur einer Provinz. Weiß Gott, wer ihn im Yamen angeschwärzt haben mag, daß er ein Gegner der herrschenden Regierung sei. Er bekommt eines Tages einen Brief aus der Residenz, daß die Regierung seine Dienste zu schätzen wisse und ihn einlade, zur Entgegennahme des Ordens der drei Ähren nach Peking zu kommen.

Hoch erfreut reist der gute Mann ab, nimmt noch einen oder den anderen seiner Vertrauten mit und verläßt das Eisenbahnkupee am Tschiën-mönnbahnhof. Von da bis zum Kaisertor sind es nur wenige Schritte, die der Gouverneur vor einem Spalier präsentierender Soldaten zu Fuß zurücklegt. Voller Leutseligkeit grüßend, schreitet er durch das zum Empfang geschmückte erste Portal. Als sich dies hinter ihm schließt, wird er stutzig, als aber auch die Türflügel des zweiten Portals vor ihm ins Schloß fallen, weiß er, daß er in eine Falle gegangen ist. Nun hat er die letzten fünf Schritte seines Lebensweges zu machen. Sie führen ihn an die Mauer. Den Rücken gegen die Quader gekehrt, steht er dort. Zehn Kugeln lösen sich los aus zehn Gewehrläufen und am Boden liegt einer, »dem gestern noch umsonst die Welt sich widersetzt«. Wer ihn lieb hatte, trägt einen blauen Knopf auf der Mütze zum Zeichen der Halbtrauer, und die chinesische Göttin der Gerechtigkeit trägt eine Binde vor den Augen und tut, als ob sie nichts gesehen habe.

Ebenich tut, als ob er nichts gehört und nichts 361 gesehen habe, und schreitet auf der breiten Tschiën-mönnstraße weiter. Halblahme Esel und Maultiere kommen daher gewankt. Sie sind mit Gemüsekörben beladen und hinter ihnen her hinken Bauern mit dicken Knüppeln in den Händen. Die Straße scheint noch über die Unendlichkeit hinauslaufen zu wollen, denn ihre mit Bäumen besetzten Ränder berühren sich auch dort noch nicht, wo sich alle Parallelen schneiden. Eine Sänfte wird vorübergetragen. Ein mit Pferden bespannter Landauer trabt vorüber, ja sogar ein Auto rattert vorbei und läßt ein stauberzeugtes Ungetüm hinter sich, das wie das chinesische Wappentier selber den Rücken sträubt und den Schwanz ringelt.

Drei Kilometer weit mochte der Doktor in südlicher Richtung vorangeschritten sein, da kam er an eine Mauer, über deren Krone weitgeästete Zedern und Pinien herüberschauten. Ein Gittertor stand weit offen und schien jedermann einladen zu wollen, daß er beherzt und zuversichtlich eintrete. Breite Kieswege, auf denen Gras wuchs. Hier und da ein vom Winde niedergewehter Ast, ein Rechenstiel und ein zerbrochenes Schubkarrenrad waren die sichtbaren Zeichen äußerster Verwahrlosung. Im Geäst der Kryptomerien saßen ganze Schwärme von Raben und Krähen und niemand wehrte ihnen, wenn sie die roten Tempeldächer mit einem weißen Spritzbewurf übermalten. Aus dem verrosteten Tor eines Heiligtums traten zwei schwarze Schafe heraus, sahen den seltenen Gast und fingen verlegen an zu plärren. Zwei, drei vertrackte Sätze ins Gebüsch und schon haben sie den seltenen Besuch vergessen und weiden gierig vor einer Terrasse auf dem 362 Felde, das vordem in jedem Jahre einmal vom Kaiser selber höchst eigenhändig gepflügt worden war. Hier vor dem Tempel des Ackerbaues begannen zur Kaiserzeit die Frühlingsfeste, zu denen die Zehntausende des gläubigen Volkes zusammenströmten. Hier streute der Halbgott aus dem Hause der Mandschu den Samen in die Furchen und segnete die brünstige Erde, daß sie fruchtbar sei.

Wo ist der schöne Brauch hingekommen, und wohin der kostbare Pflug aus edler Bronze? Ja, die Republik, sie hat mit dem alten Aberglauben aufgeräumt, und wahrhaftig, die Erde hat Korn und Weizen getragen, auch ohne daß der Kaiser die Aussaat gesegnet hätte. Ein bißchen Poesie ist weniger auf der Welt. Doch wer vermißt die denn?

Dem Tempel des Ackerbaues gegenüber liegt der Himmelstempel. Wie die Ägypter den Pyramidenfimmel hatten, so finden wir bei den Chinesen den Mauerfimmel. Fünftausendsiebenhundertundfünfzig Meter ist die Mauer lang, die ihre Arme schützend um die ganze Anlage herumstreckt. In dieser äußeren Umfassungsmauer steckt noch einmal eine innere, kleinere Mauer darin. Wer ans Heiligtum herantreten will, muß demzufolge durch zwei Tore hindurch. Von der einen Pforte zur andern führt eine Allee von alten Zypressen. Sind es Rabennester, was in ihrem Geäst hängt, oder ist es die Wasserstandsmarke, die aus den Tagen der Sintflut da oben hängen geblieben ist? Ja schon vor Noah schienen die Baumriesen dagewesen zu sein, und wenn man das abgestorbene Holz in ihren Kronen eine Zeitlang betrachtet hat, würde man sich 363 nicht mehr wundern, wenn plötzlich zwischen den Stämmen Saurier dahergewandelt kämen.

Hinter dem zweiten Tore sah Ebenich von einem Graben umzogen einen Bau, der einer deutschen Wasserburg aus den Tagen des Faustrechts ähnelte. Es ist die Halle der Enthaltsamkeit. Nur wer den Hunger kennen gelernt hat, weiß, wie köstlich das Brot schmecken kann. Nicht alle Kronenträger kennen dieses süße Geheimnis, das in diesem Satze schlummert. Die Herrscher des Reiches der Mitte müssen es kennen lernen, so verlangt es die Sitte. Hier vom Wassergraben vor der Versuchung geschützt, hat der Kaiser vor Beginn des Frühlingsfestes ohne Weib, Wein und Gesang sich zu kasteien, bevor er sein Opfer bringt am weißen Marmoraltar (Nan-t'an). Sieben Terrassen bauen sich kunstvoll übereinander auf. In den weitgeschweiften Bögen drängt 364 sich nach seiner Rangordnung abgestuft alles, was zum Hofe und zu der Regierung gehört, vom Prinzen bis zum Torwächter. Die oberste Plattform ist dem Kaiser selber reserviert. Er muß allein und dem Himmel am nächsten sein in dem Augenblick, wo er für sein Volk betet. Auch Moses war allein auf dem Sinai, als er mit dem Herrn verhandelte über Juda. Chinas erhabener Herrscher kann und darf mit keinem Sterblichen verwechselt werden, auch in dem Augenblick nicht, wo er im Begriff ist, mit Leib und Seele in den Himmel einzufahren. Aus dieser Erwägung heraus entsprang ein Gesetz, das jedem Untertan verbietet, im zweiten Stock seines Hauses zu weilen in der Zeit, wo die Leiche des verblichenen Herrschers auf hohem Katafalk durch die Straßen der trauernden Hauptstadt gefahren wird.

Während der Kaiser auf der obersten Plattform seine Andacht verrichtet, ertönt von uralten Instrumenten eine weihevolle Sakralmusik. Aus neuen Kupferbecken, die um den Fuß des Altares stehen, schlägt die Flamme von brennenden Seidenstoffen auf, und ein duftender Rauch steigt in die Höhe und hüllt die Majestät in einen weißen Wolkenschleier ein.

Daß dieses Schauspiel Tausende von Menschen anlockt, läßt sich denken. In Rudeln kommen sie schon am Tage vorher, übernachten in den Tempelhäusern oder auch in Zelten, die sie sich mitgebracht haben. Nun begriff Ebenich, warum die Tschiën-mönnstraße in so ungeheuerer Breite angelegt ist. Ja, welcher Münchener bliebe denn zu Hause, wenn's auf der Theresienwiese »a Gaudi« gibt, zumal wenn hintennach noch ein Ochs 365 gebraten wird, einer von den fetten, die man voll und rund im Lauf des Jahres zwischen den Zederstämmen weidend, mit lüsternem Gaumen beobachten konnte.

Außer dem Schlachtopfer pflegten, ganz wie im Alten Bunde, auch Getreideopfer dargebracht zu werden. Der Nordaltar ist diesem Dienste gewidmet, und damit des erhabenen Opferpriesters Füße die niedere Scholle nicht zu betreten brauchen, führt eine breite Marmorterrasse von der einen Kultstätte zur anderen. ›Wahrhaftig, wenn China nichts anderes aufzuweisen hätte, als diese heiligen Haine mit diesen Altären und Tempelanlagen, so hätte der sein Geld nicht umsonst ausgegeben, der am Bahnhof Friedrichstraße zu Berlin ein Billett nach Peking kauft. Ein Esel aber ist jeder, der mit hochgezogener Nase von den Chinesen als einem Volke kulturrückständiger Barbaren spricht.‹ So dachte Ebenich, als er auf der breiten Tschiën-mönnstraße gegen Peking zurückging und in dem wirbelnden Novemberstaub vielleicht Teile von der Asche Djingis- und Kublai-Khans einatmete, Herrschern, deren Standbilder man vielleicht mit größerem Rechte nach Amerika exportieren könnte als das von Friedrich, dem Hohenzollernsprößling.

Als der Doktor mit solchen majestätsverbrecherischen Gedanken belastet wieder durchs Kaisertor in Peking einzog, deutete trotz alledem der Zeiger der Sonnenuhr auf zwölf und Ebenich ließ sich gerne von ihm belehren, daß es Zeit sei zum Mittagessen. Er lenkte seine Schritte dem Hotel der Schlafwagengesellschaft zu und traf dort seinen Hutschwaben wieder.

»Ich nehme an, Sie kommen von der Stadtmauer,« sagte dieser. »Sie haben rote Backen und blaue Ohren. 366 Beides kann man da oben an einem Novembertage unentgeltlich haben und man darf noch froh sein, wenn einem der Wind den Hut nicht mit fortnimmt.«

»Dafür genießt man von da aber auch eine herrliche Aussicht nach dem Nan-kou hin und vor allem über die Stadt oder vielmehr über die Städte, denn es sind ja deren mehrere ineinandergeschachtelt.«

»Und einige ausgeschachtelt, seitdem im Jahre 1900 und 1901 die amerikanisch-europäischen Kulturapostel mit ihren Granatengeschenken da waren. Haben Sie die öden Plätze gesehen, rechts und links von der Hadamönnstraße? Sie waren vordem stark bevölkerte Stadtteile, und wir Deutschen haben nach Kräften mitgeholfen, sie vom Erdboden wegzufegen. Bei allem, was wahr und heilig sein sollte, unsere mitleidsvollen Landsleute haben hier in Peking schlimmer gehaust als der Tientsiner Rasieraffe in meiner Perücke.«

»Sie müssen zugeben, daß die Chinesen den kaiserlichen Gesandten von Ketteler ermordet hatten. Kann ein Volk, das auf Ehre hält, sich derartiges ruhig gefallen lassen?«

»Schalten wir die Ehre einmal ruhig aus, Herr Landsmann, und sind wir ohne Ehre einmal ehrlich genug, daß wir uns sagen: ›Baron Ketteler, dieser Mortimer, starb uns sehr gelegen.‹ Sehen Sie, damals, als man hoffte, das chinesische Reich werde wie ein überreifer Schüsselkäs auseinanderlaufen, da wollte jeder seinen Fetzen davon haben. Karl Moor hätte einfach zugegriffen. Franz Moor suchte nach einem Grund zum Streit und fand ihn glücklicherweise – möchte man sagen – in dem Tode seines Geschäftsträgers. Als 367 dieser Curtius in den Abgrund gesprungen war, stopfte man das Loch im Strumpf der deutschen Ehre mit Kiautschau und dem Schantunggebirge. Ich will nichts weiter sagen, aber nachdem der Löwe dies Rind gefressen hatte, hätte er satt sein können.«

»Ich denke, er war es doch auch. Wenigstens wüßte ich außerdem keinen Kartoffelkorb voll Erde zu nennen, der dem Deutschen Reiche noch zugefallen wäre.«

»Erde sagen Sie? Um Erde, den Verlust von Erde hätte China nicht getrauert. Es konnte zur Not noch ganze Provinzen entbehren, wenn man es nur nicht so tief gedemütigt hätte. Sie dürfen mir glauben, jeder Kuli hat Tränen des Ingrimms geweint, als ein Prinz aus dem erhabenen Hause der Mandschus gezwungen wurde, nach Berlin zu reisen und dort vor dem Herrscher Deutschlands Kotau zu machen.«

»Verkennen Sie nicht, daß doch die Hohenzollern nachher mit dem Pekinger Hofe auf gutem Fuße lebten.«

»Schon recht. Auf gutem Fuße, so wie der Fuchs mit dem Hahn auf gutem Fuße lebt.«

»Ist nicht Prinz Heinrich in der verbotenen Stadt empfangen worden, und hat er nicht mit dem Herrn des Reiches der Mitte auf dem gleichen Podium gestanden?«

»Und das gerade war die ungeheuere Dummheit, die Deutschland machte, während Japan, England und Amerika sich ins Fäustchen lachten. Können Sie sich einen Begriff davon machen, wie empört das Volk war, als es vernahm, daß neben dem Sohne des Himmels zum ersten Male ein Mensch auf der gleichen 368 Plattform stand! Vom ersten Kaiser Huang Ti, zwölfhundert Jahre vor Christi Geburt bis zum heutigen Tage, war eine solche Demütigung noch nicht vorgekommen. Erfahren Sie durch mich, daß das Volk sagte: Ein Kaiser, der nicht lieber stirbt, als eine solche Schmach hinzunehmen, der ist nicht würdig, fernerhin das Reich zu regieren. So hat ein Prinz von Preußen die chinesische Revolution entfesselt. Ein Hohenzoller, ein Revolutionär! Sieht das denn nicht aus, als ob ein Versicherungsagent dem anderen das Haus ansteckte, während doch alle, die von Gottes Gnaden sind, laufen und Wasser tragen sollten, wenn's mal irgendwo brennt. Immerhin, wer selber Kohl baut, sollte dem anderen keine Raupen wünschen. Die Tierchen kriechen weiter.«

»Sie werden trotz ihrer vierzehn Beine lange brauchen, ehe sie von Peking bis Berlin kommen.«

»Unnötig, daß sie sich auch nur auf die Reise wagen. Schon sind auch in Europa die Eier gelegt, aus denen der Schmetterling der Republik herauskriechen wird, und wenn dies geschieht, dann wird man hier in Peking den Geßlerhut umtreten, den Deutschland in der Form eines Tores in die Hadamönnstraße gesetzt hat.«

»Sie meinen den sogenannten Kettelerbogen. Steht der nun an der Stelle, an der des Deutschen Reiches Gesandter ermordet wurde?«

»Er steht dort, wo Ketteler gestorben ist. Ermordet kann man nicht sagen. Während der Schießerei im Boxeraufstand ließ sich der unvorsichtige Mann – ich will die Wahl haben, ob in einem Landauer oder in einer Sänfte – nach dem Waiwupu (Auswärtigen Amt) 369 bringen. Niemand wußte, wer in dem Vehikel saß. Eine Kugel verirrte sich durch seine Wände und tötete den Gesandten. Selten ist eine Leiche so teuer bezahlt worden wie die seine. China hat eine seiner besten Provinzen dafür gegeben. Aber der Handel hat viel böses Blut gemacht und manches gute Geschäft verdorben.«

»Sie dürfen nicht vergessen, daß China recht bedeutende Arbeiten an deutsche Firmen übertragen hat.«

»Gewiß, aber nur, weil der Kopf kleiner Leute das Loch flickte, das vom Hinterteil unserer hohen Diplomatie in die Reichshose hineingesessen war. Da hab' ich z. B. heute von meiner Kundschaft erfahren, daß hier im Schlafwagenhotel ein gewisser Sekurius aus Elberfeld oder Barmen verkehre, dessen Beziehungen zu dem Prinzen Pu-lung gar manchen Hasen in die deutsche Küche jagten. Der Mann war Elektrotechniker, Mechaniker oder etwas derartiges, als der Boxeraufstand losbrach. Zufällig war er mit einigen seiner Arbeiter im Hause des Prinzen beschäftigt, als die Rotte der Aufständigen durch die Pforten drang. Auffahren, nach dem Hammer greifen und den Kerlen zwischen die Hörner schlagen, das war seiner und seiner Untergebenen kurz getane Arbeit. So gründlich hatten sie dieselbe verrichtet, daß einige der Angreifer das Wiederkommen ganz vergaßen und andere damit warten wollten, bis am Hammer kein Stiel mehr wäre, oder am Stiel kein Sekurius. Der Prinz war einer großen Gefahr entgangen und war seinem Helfer aus der Not dankbar. Man soll die beiden wie die siamesischen Zwillinge immer Seite an Seite sehen, und wenn auch die Familie der Mandschu vom Throne gestoßen ist, so hat das eine oder andere 370 Mitglied doch immer noch einen großen Einfluß, und der kommt zurzeit durch den Herrn Sekurius den Deutschen zugute.«

Die Suppenteller waren eben abgetragen und Ebenich und Josefranz machten sich an einem Fischgericht zu schaffen, als neben einem hohen breitschultrigen Manne in gelben Ledergamaschen und Touristenanzug ein schmächtig Männlein mit verkümmerten Gesichtszügen in den Saal trat. Der kleine Herr stak in einem schwarzen Gehrock und schien kurzsichtig zu sein, denn seine Blicke hafteten am Boden, während seine Hände sich von Stuhllehne zu Stuhllehne weitertasteten.«

»Der Prinz,« sagte der bezopfte Boy, der Ebenichs Tisch bediente, und ließ fast die Fischtunke fallen, die er in den Händen trug.

»Da haben wir's, dann ist der Breitschultrige daneben sicher der Sekurius. Man kann's nirgends bequemer haben, als im Schlafwagenhotel zu Peking. Alles was das chinesische Reich an Zelebritäten hat, vom Präsidenten bis zum letzten Kuli taucht hier auf, leuchtet ein wenig und verschwindet wieder wie die Sternschnuppe in der Nacht.«

»Und so werden auch wir verschwinden, Sie und ich?«

»Ich ja, sobald ich meine Kundschaft abgekloppt habe werde ich südwärts fahren, gegen Nanking zu.«

»Und Sie werden nicht auf die Schöne warten mit der Geige im Arm? Soviel ich erfahren habe, wird sie hier im Hause ein Konzert geben. Welch' schöne Gelegenheit versäumen Sie da, Ihr Elfenbein anzubringen.«

»Mein Elfenbein? Meinen Sie das im Etui oder das 371 hinterm Ohr? Das letztere würde ich sicher für weniger als einen Hosenknopf losschlagen und noch ein paar Ohrfeigen als Dreingeld einstecken, wenn ich es los werden könnte. Im übrigen bin ich nicht so übel dran wie der Vollmond. Ich kann über meine Glatze noch eine Pelzkappe ziehen. Nun aber muß ich meinen Geschäften nach. Leben Sie wohl, Herr Landsmann, bis zum Abend und vergessen Sie nicht, die Hatamönnstraße abzuschreiten.«

Damit entfernte sich der Schwabe.

Dr. Ebenich trank sein Glas aus und ging durchs Gesandtschaftsviertel der Hatamönnstraße entgegen. Als er in seinem Rücken ein Geheul und Gejohle hörte, drehte er sich um. Es kamen vier Rikschas hinter ihm her. In jedem saß ein Soldat als Repräsentant der vier Weltteile, die unter der Führung Englands den fünften zu knechten versuchten. Mögen die sauberen Vier es sonst noch so wenig sein, heute waren seine uniformierten Vertreter einander sprechend ähnlich. Sie waren nämlich alle vier so betrunken, daß sie die Köpfe nicht mehr heben konnten. Dem Amerikaner war die Mütze vom kahl geschorenen Schädel gefallen. Ebenich dachte mit Schrecken an die Folgen, die das Fehlen eines ärarischen Uniformstückes für einen Soldaten haben könne, lief in seiner Gutmütigkeit hinzu und ruhte nicht eher, als bis der Abgesandte der Vereinigten Staaten seine Mütze wenigstens wieder auf den Schenkeln liegen hatte. Ob der Trunkenbold sie in die Kaserne brachte, konnte von Ebenich nicht beobachtet werden, da er links in die Hatamönnstraße einbog und die Soldaten aus dem Auge verlor.

372 Die genannte Straße führt in schnurgerader Richtung von Süden nach Norden durch die ganze Mandschustadt und ist stellenweise noch belebter als die Friedrichstraße zu Berlin. Reiter, Fußgänger, Wagen, Fahrräder, Autos, Lastkarren, Kamele, Ochsen, Pferde, Esel, alles drängt sich von Zeit zu Zeit zu dicken Klumpen zusammen und wird nur langsam vorwärts geschoben bis zu dem Tore des Kettelerbogens hin, nach dessen Passage man sich den Frack aufbügeln lassen kann, wenn man unvorsichtig genug war, einen solchen anzuziehen. Ebenich kam zu einigen Kalkflecken an seinem Lodenanzuge und säuberte noch an sich herum, als er schon die Zypressen in den Höfen des Confuziustempels bewundert hatte und die Seelentafeln des Kungfutse oder des großen Lehrers. Nach dem Tempel, der Palast der vollendeten Harmonie oder die 373 Klassikerhalle. Neue Autoren sind es, die von den Chinesen als Klassiker anerkannt werden, und der authentische Text ihrer Werke ist in weißen Marmortafeln eingegraben in der Ruhmeshalle aufgestellt.

Wer in Peking einmal A gesagt hat, muß auch B sagen, aber er wird mit allen Tempelsehenswürdigkeiten noch lange nicht fertig sein, wenn U und V und X, Y, Z längst schon hinter ihm liegen.

Nun zur Abwechslung einmal aus dem Schatten der Heiligtümer heraus und auf den Paukenturm hinauf. In alten Tagen wurden hier Alarmsignale geschlagen, wenn irgendeine Gefahr der Hauptstadt drohte. Seit der Invasion von 1900 sind Pauken und Trompeten spurlos verschwunden. »Der Soldat stiehlt nicht,« sagt jede Nation. Und doch, man könnte Museen füllen mit dem, was so als »fromme Erinnerung an die Chinaexpedition« in der Welt herumhängt.

Ebenich bummelte weiter. Er hatte den Plan der Stadt in seinen Schädel hineingearbeitet. Wer derartig vorbereitet ist, kann wohl zuweilen einen Umweg machen, aber er kann sich nicht verirren. Er kam vor die roten Mauern der Kaiserstadt. Sie verbergen heute in den Tagen der Republik keine Majestäten mehr vor den Augen ihrer Völker, aber hinein kommt man halt doch nicht. Am Tore stehen Posten unterm Gewehr, und ob ein demokratischer oder königstreuer Finger sich unterm Flintenschlosse krümmt, ist einerlei, sobald er es tut, fliegt zum Flintenlauf eine Kugel hinaus und der ist schwerlich zu beneiden, dem sie sich in die Baucheingeweide hineinverirrt. Ebenich war kein Prinzipienreiter. Stand das Tor an 374 irgendeiner Stelle nicht offen, so wurde es mit Hilfe eines Trinkgeldes zu öffnen versucht. Führte das zu keinem Resultat, so machte der Doktor kehrt und schlängelte sich um die Ecken. So kam er von einem Felde des Schachbrettes aufs andere. Von der verbotenen nach der Mandschu- und Tatarenstadt. Er kam an klaren Teichen vorüber und übelduftenden Wassern, auf denen die geheimnisvolle Lotosblüte schwamm. Halbmetertiefe Fahrgeleise stellten sich ihm entgegen, und mancher Umweg mußte in kleisterzähem Schlamm gemacht werden, bis wiederum das Schlafwagenhotel erreicht war, in dessen sicheren Mauern die Kachelöfen brannten, während das elektrische Licht mehr noch als bloße Tageshelle in alle Winkel und Ecken streute. Mit seiner Hilfe hatte auch der Doktor den Hutschwaben nach kurzem Suchen wieder aufgefunden. Er saß an dem gewohnten Tische und hatte eine wochenalte Zeitung zwischen sich und die übrige Menschheit aufgestellt.

»Im Begriff zu speisen?« fragte Ebenich.

»Noch nicht. Ich wollte auf Sie warten, um Sie auf einen neuen Stern aufmerksam zu machen, der an unserem chinesischen Himmel aufgegangen zu sein scheint. Denken Sie nur: Zwei Menschen sind mir auf der Treppe begegnet. Ob sie ein Ehepaar sind oder nicht, vermag ich nicht zu sagen. Ich vermute nur, mit mancherlei Gründen, daß sie Deutsche sein mögen. Ja, bei ihm glaube ich in dieser Annahme schon ganz sicher zu sein, während an ihr die Eleganz der Toilette mich stutzig macht, ob nicht eine Pariserin in der Bluse und den Röcken steckt.«

»Sie scheinen einen neuen Gegenstand der 375 Verehrung für das Liebesbedürfnis Ihrer Persönlichkeit gefunden zu haben.«

»Nur für die linke Seite meiner Persönlichkeit. Sie wissen, daß meine rechte zurzeit noch zu wenig repräsentabel ist, um Eroberungen machen zu können. Aber wer weiß denn, Doktor, wohin die Hasen laufen. Könnte sich so ein nettes Tierlein nicht auch einmal in Ihren Krautgarten verirren?«

Eben rollte die Schiebetüre leise hinter eine Samtportiere. Die gegenüberstehende Wand hatte sich geteilt, und in dem hellen Lichtspalt erschien, wie eine fromme Heilige auf Goldgrund, im eng anliegenden Seidenkleide eine Dame von mehr als alltäglicher Schönheit. Die schlanke Gestalt mit den sanft geschwungenen Hüften und den lieblichen Rundungen zu beiden Seiten des Brustbeines war von einem Blondköpfchen bekrönt, wie keines je schöner gemalt auf den Schultern eines Weibes gesessen hatte. Ein träumerischer Mondscheinzauber ging von diesen Zügen aus und zwang ein jedes Menschenkind in eine schwärmerische Sehnsucht hinein, etwas zu umfassen und zu umarmen, am liebsten den Gegenstand selber, der die Ursache solch seltsamer Gefühle war. Im ganzen Saale gab es keine einzige Persönlichkeit, die nicht aus ihrem Alltagsbehagen herausgerissen wurde von dem Liebreiz dieser Erscheinung. Selbst die hungrigsten Augen lösten sich von dem Kaviar der Vorspeise los und schwelgten eine Weile wenigstens im Genusse so überirdischer Schönheit. Daß ein Mann hinter diesem Weibe stand, wurde kaum bemerkt, und die kleine Gestalt schien einzig nur zu dem Zweck geschaffen worden zu sein, dem Relief der schönen Frau die nötige Tiefe zu geben.

376 »Alle Wetter, wer mag denn dies Madle sein? Boy, haben Sie noch nicht die Nase ins Fremdenbuch gesteckt, um herauszubringen, aus welcher Windrichtung dies Paar herbeigeweht wurde?«

»Sie sind vor zwei Stunden angekommen, wohnen auf Nummer zwanzig und einundzwanzig,« sagte der bezopfte Aufwärter, griff nach den leeren Suppentellern und ging.

Als er den Saal durchtanzend mit der Fischplatte wiederkam, setzte er seiner vorigen Rede den Nachsatz bei: »Die neuangekommenen Herrschaften wollten von mir wissen, ob Sie Deutsche wären. Wollen Bekanntschaft machen mit Sie und fragen, wo Sie pflegen Ihr Bier zu trinken.«

»Sagen Sie, Boy, nach dem Souper im Foyer und wir würden uns freuen, wenn die Fremden uns die Ehre ihrer Gesellschaft schenken wollten,« sprudelte Ebenich mit leidenschaftlichem Eifer heraus und aß, was jetzt noch kam, einfach nur hinunter, ohne daß weder sein Geschmacks- noch Geruchssinn um ein vorläufiges Gutachten ersucht wurden. Er sehnte sich, wie er dem Schwaben sagte, nach einer Zigarre, in Wahrheit aber nach der schönen Frau, von der er gerne etwas mehr genossen hätte, als nur die stumme Anbetung, die man schließlich vor jedem hölzernen Heiligenbilde anbringen kann. Endlich war die lange Esserei zu Ende, und die zwei Freunde saßen auf der Diele beim Glase schäumenden Bieres. Der Boy erschien mit einer Visitenkarte auf einer silbernen Platte: ›Fr. Thiele, Direktor des Hanyang Arsenales in Hanyang‹ stand darauf.

»Die Herrschaften wären außerordentlich willkommen,« ließ Ebenich zurückmelden.

377 Und sie kamen und waren da und man suchte von beiden Seiten die Übergänge von der banalen Höflichkeit zu einer gemütlichen Unterhaltung.

»Werden Sie längere Zeit in Peking bleiben?« fragte Ebenich, seine Blicke tief in die blauen Augen der Frau Thiele versenkend.

»Mein Gemahl vielleicht ohne mich, ich vielleicht ohne ihn. Wir sind in seltsamer Unkenntnis über das, was uns erwartet. Er ist für morgen beim Präsidenten der Republik zum Diner geladen, und ich bin vorläufig noch ratlos darüber, was ich anfangen werde, wenn er von meiner Seite genommen ist.«

Den Doktor durchzuckte es wie die Ahnung eines schweren Unheils. Er dachte daran, daß mit hohen Herren nicht gut Kirschen essen ist. Er dachte an den Gouverneur und sein Ende zwischen den Pforten des Kaisertores, und ein quälendes Frieren lief ihm gruselnd von Wirbel zu Wirbel am Rückstrang herauf. Und doch hinwieder welch günstige Gelegenheit war ihm nicht durch die hohe Ehre der Einladung geboten, in Abwesenheit des Gemahls seine Dienste der schönen Frau zu bieten. Man könnte, während der Direktor beim Beherrscher des Landes speiste, die Frau Direktor im Landauer von Tempel zu Tempel fahren, den Duft ihrer Persönlichkeit einatmen, den Schmelz ihrer Stimme hören und sich erwärmen im milden Schein ihrer bezaubernden Augen. Nein, eine solch wunderbare Gelegenheit war mit einer Gefahr, die zudem zunächst doch nur anderen drohte, nicht zu teuer erkauft. Ebenich war entschlossen, den Vorteil auszunützen, der sich ihm bot.

»Und kennen die gnädige Frau Peking bereits? 378 Sie sollten es nicht für verlorene Zeit halten, seinen Kunstwerken innerhalb und außerhalb der Mauern nachzugehen,« bemerkte er.

»Ach Gott, so allein, ohne meinen Mann, ohne einen ortskundigen Führer. Ich würde auf solch einem Ausflug wenig Freude und kaum eine Bereicherung meiner geringen Kenntnisse erleben,« war die bescheidene Antwort.

»Anzunehmen, daß ich allenfalls Ihr Wissen vermehren könnte, wäre anmaßend von mir, und ich würde mich mit der Rolle begnügen, Ihr Wegweiser zu sein, wenn die gnädige Frau es mir erlauben wollten, Sie morgen abzuholen.«

»Wie denkst du darüber, mein Gemahl?« fragte Frau Thiele mit freundlichem Augenaufschlag.

»Ich denke, du solltest zugreifen, wenn sich die Gelegenheit bietet, die Stadt unter so kundiger Führung kennen zu lernen. Wer kann wissen, zu welchem Zweck der Präsident der Republik mich hierher beschieden hat? Vielleicht schickt er mich an die Quellen des Brahmaputra hinauf und mir ist keine Zeit gegeben, mich um dich zu kümmern.«

»Und um welche Stunde gestatten Sie nun, meine Gnädige, daß ich Sie abhole, nachdem Ihr Herr Gemahl die strittige Frage zu meinem Vorteil entschieden hat?« fragte Ebenich.

»Gegen zehn Uhr, wenn Sie bis dahin ausgeschlafen haben.« Bei diesen Worten erhob sich Frau Thiele gleichzeitig mit ihrem Manne und beide verabschiedeten sich von Ebenich und seinem Schwaben.

»Sie sind verstimmt, mein Lieber, und machen ein 379 Gesicht, wie ein Sonntagsjäger, der mit leerer Tasche ins Dorf kommt.«

»Allen Grund dazu. Mir steht der Kettelerbogen im Wege, ganz einerlei, in welchem Sträßle ich mich auch 'rumtreiben mag. Und dann die Geschichte mit dem Sühneprinzen. – Sie war kein Meisterwurf unserer Diplomaten, nur ein Kieselstein ins Wasser und trotzdem: Hurra die Enten! Der deutsche Geschäftsmann steht da und guckt ihnen auf die Schwänze. Und da ist dann noch das verfluchte Wort: ›The Germans to the front!‹ Von einem Engländer ging es aus. Der Wind hat's durch die Welt getragen und wie Unkraut ist's im deutschen Garten aufgegangen. Schickt die Wölfe in die Hammelherden, wenn ihr haben wollt, daß kein Schwanz und keine Klaue mehr übrig bleibt. So ist dieser Ausspruch in Asien gedeutet worden. Was nun auch an Grausamkeit von den Söldnern der ganzen Welt geschah, alles wurde aufs deutsche Konto gebucht. Vorläufig steht's ja da gut und schadet höchstens uns Kleinen. Aber wer kann's denn wissen; die Weltlage kann sich einmal ändern, und wenn uns China auch keine Kanonen schicken kann, seine Sympathien könnten uns doch einmal von Vorteil sein.«

»Das sind doch eigentlich kindische Kleinigkeiten, von denen man doch kaum annehmen sollte, daß sie eine so tiefgehende Wirkung ausüben können,« unterbrach Dr. Ebenich.

»Kleinigkeiten? Ja, Kleinigkeiten. Ein Gallenstein wiegt auch keinen Zentner, aber der Lebendige, der ihn hat, weiß, daß er ihn mehr noch drückt als den Toten sein Grabstein.«

380 »Lassen wir für heute das unerquickliche Thema der hohen Politik. Ich hoffe, Sie werden morgen wieder als ›galantuomo italiano‹ ein gutes Hutgeschäft machen und schon jetzt in bessere Laune kommen, wenn ich Ihnen sage, daß demnächst Fräulein Wöllenstadt im Hotel sein wird. Man hört, sie sei von Juan-chi-kai eingeladen, um vor ihm zu spielen.«

»Ich wollte, ich hätte das Mädchen auch so einladen können, wie der fette Chinese, als ich noch meine unversehrte Perücke hatte. Jetzt, wo ich nur noch mit der einen Seite meines Kopfes Staat machen kann, würde ich ein steifes Genick bekommen, wenn ich immer nur das Profil zeigen müßte. Nein, Herr Doktor, ich werde morgen südwärts reisen. Leben Sie wohl. Es wird noch eine Weile dauern, bis wir uns im Schwabenlande vielleicht einmal wiedersehen. Wenn ich Ihnen einen Rat gehen darf, der mir aus dem Herzen kommt, so ist es der, daß Sie am Schlusse Ihrer langen Tour über Stuttgart mit dem Dampfer ›Käthchen von Heilbronn‹ den Neckar abwärts bis nach Heidelberg fahren sollen. Ich bin überzeugt, daß Sie dann erst mit vollem Recht sagen können: Sie hätten eine schöne Reise hinter sich.«

Noch ein freundliches Neigen des Kopfes, noch ein biederer Händedruck, und der Doktor war leider seinen sechsten Schwaben los.

Kalt und trocken fuhr der Wind am nächsten Morgen vom Nan-kou-Gebirge herüber und rüttelte an den hohen Fenstern des Schlafwagenhotels. Der Doktor streckte den Kopf unter der weichen Steppdecke seines Bettes hervor und konstatierte mit Behagen, daß aus dem 381 Türspalt des Kachelofens ein warmer Feuerschein hervordrang, und daß der Zeiger seines Weckers erst auf acht Uhr stand. Nan-kou, heulte der Wind vorm Fenster und blies über alle Dächer Pekings hinweg eine graue, kalte Staubwolke, in der Papierfetzen mit Strohhalmen tanzten. Fester wickelte sich Herr Ebenich in seine Hüllen, und selbst der Gedanke, daß er mit der reizvollsten aller Frauen in einem Polsterwagen durch die Stadt fahren dürfe, hatte bei solch einem Novembersturm viel von seiner anziehenden Kraft verloren.

»Poch, poch,« machte es in diesem Augenblick. Gewiß, der Wind hatte ein Stückchen Holz wider die Scheiben gejagt. Noch einmal »poch, poch.« Die Annahme mußte falsch sein. Der Doktor setzte sich auf und rief: »Herein!« Ein Kammerkätzchen mit weißem Lappenschürzchen vor der schwellenden Brust war im Türspalt erschienen und hatte zu melden: »Die Herrschaften Thiele vom zweiten Stock des Hauses bäten, entschuldigen zu wollen, daß die verabredete Rundfahrt leider unterbleiben müsse, da nämlich auch die Frau Direktor nachträglich vom Präsidenten zu Tisch befohlen worden sei. Vielleicht, daß sich später Gelegenheit böte, das jetzt Versäumte nachzuholen.«

382 Es gibt Augenblicke, wo einem das Bett lieber ist als das interessanteste Abenteuer. Ein solcher war bei dem Doktor gekommen. Er ließ die Dame Dame sein und heulenden Wind Wind, wickelte sich in seine Decke und schlief. Als er abermals erwachte, schlug die Uhr auf dem Korridor die elfte Stunde. Nun aber heraus aus den Federn und in die Kleider hinein. Das Mittagessen war bald verzehrt und in der fremdsprachigen Gesellschaft des Speisesaales fühlte Ebenich sich ohne seinen Schwaben vereinsamt. Er verließ das Hotel und trat auf die Straße. Ein kalter Nordwind, der vom Baikalsee kommend die Wüste Gobi durchfegt hatte, machte sich über ihn her und versuchte es, ihm die Kleider vom Leibe zu reißen. Ebenich fühlte, wie er mit kalten Fingern an den Knöpfen seiner Weste zerrte, wie er sein Halstuch packte und den Knoten zu lösen versuchte. Den Hut wollte er dem Wandersmann vom Kopfe reißen, und einen armen Rikschakuli hatte der Grausame in eine Mauerecke gedrückt und er schüttelte ihn, daß man das Schlottern der Knochen in den blauen Hosenröhren zu hören vermeinte. Während der Unerbittliche die Luft mit Staub und trockenem Kamelsdünger füllte, war er säuberlich genug, wenigstens einmal die Pekinger Straßen zu kehren. Ebenich stellte den Mantelkragen und eilte der südlichen Stadtmauer entgegen. Mit diesem seinem Entschlusse schien der Wind einverstanden zu sein, denn er schob aus Leibeskräften von hinten an dem Doktor und warf seine Beine nach vorne, sobald sich nur die Stiefelsohlen vom Straßenpflaster losgelöst hatten. Jetzt war die Mauer erreicht. Eine Rampe stemmte sich dem Sturme entgegen. Ebenich bückte sich tief unter den schützenden Vorsprung des 383 Geländers und strebte mit keuchendem Atem nach oben. Als er die Mauerkrone kaum erreicht hatte, wühlte schon wieder der Nordsturm in seinem Haar und rieb ihm die Finger, daß sie zu glühen und glänzen anfingen wie Münchener Bockwürstchen. Der Frierende steckte sie so tief wie möglich in die Taschen seines Mantels, obwohl er über diesem Geschäfte allmählich so krumm wurde wie ein Radschuh. Nun schlug er die Augen auf und suchte sich über Nähe und Ferne einen Überblick zu verschaffen. Der vielbetretene Spazierweg auf der Stadtmauer war vollständig vereinsamt. Keine faulenzende Miß war zu sehen und keine Lady. Kein Kindermädchen und kein Kind, ja nicht einmal ein Soldat der internationalen Besatzung stand auf seinem Posten. Sie hatten sich wie Schnecken in die Schilderhäuschen verkrochen, und wenn man überhaupt etwas von den Männern in Waffen sah, so war es eine tröpfelnde Nase, die aus dem engen Schlitz eines hohen Mantelkragens herausguckte.

Noch verzweifelter als die Nähe sah die Ferne aus. Vom Nan-kou-Gebirge, das doch höchstens acht bis zehn Kilometer von der Stadtmauer entfernt sein konnte, war keine Spur zu sehen, und ein grauer Vorhang, vor dem Krähen mit Zeitungsfetzen zusammen um die Wette flatterten, das war alles, was man von der Residenz Kublai Khans selig und Dschingis Khans zu sehen bekam. Und wie's da oben heulte und schrie! Gerade so, als ob alle Toten wach geworden wären, die seit vier Jahrtausenden vor diesen Mauern verbluteten, als ob sie aufgestanden wären, um Rache zu nehmen an denen, die einst vorzeitig ihnen ein blutbeflecktes Grab bereitet hatten.

384 Ebenich machte seine Hände frei. Er wollte die Mütze über die Ohren ziehen, um nichts hören zu müssen. Und dennoch hörte er. Hörte deutlich, was einst der Satan zum Heiland sagte, als er ihn auf die Zinne der Tempelmauer gelockt hatte. »Wenn du Christus bist, dann stürze dich da hinab. Versuch' es nur, versuch' es mit kühner Zuversicht. Das dichte Grau, das dich wie Schneehimmel umgibt, es wird dich tragen, wird dich wie durch einen Haufen von Flaumfedern gleiten lassen und unversehrt wirst du deinen Fuß wieder aufs Pekinger Pflaster stellen.« Der einsame Grübler sah wirklich von grausiger Schwermut gelockt über die Zinnen hinaus. Aber da faßte ihn ein unbeschreibliches Entsetzen vor dem grauen Einerlei, das ihn wie Schirting von allen Seiten umwickelte. Die Angst packte ihn und er floh von der Mauer herunter, und trotz den heftigen Stößen des Windes arbeitete er sich bis zu seinem Hotel zurück und nach seiner Stube empor. Dort saß er einsam vorm lauwarmen Kachelofen und dachte mit Sehnsucht im Herzen an die fernen Ufer des Rheines. Ja wahrhaftig, wer nie gefühlt, was Heimweh ist, den bringe man einmal im Novembersturme nach Peking, und wie ein Kind nach der Mutter weint, wird er um ein verlorenes Paradies trauern, das seine Phantasie mit Eichen- und Buchenwäldern umsäumt, ihm zwischen Hardtgebirge und Odenwald vor die Seele zaubert.

»Froh im Morgenschimmer
Zieht der Wandrer aus.
Aber abends immer
Wär' er gern zu Haus.«

385 Und bei Gott schon war es Nacht geworden. Ebenich hätte nur auf den Knopf zu drücken brauchen und er hatte Licht. Aber wozu? Auch ohne Helle konnte er an Fernes und Liebes denken. Gestalten aus seinen Kindertagen tauchten auf und machten anderen Platz. Gelehrte Professoren mit Brillen auf den Nasen, und ausgelassene Studenten mit Schmissen auf den Backen. Dann kamen Seeleute mit wiegendem Gang, die nach fernen Welten steuerten, Kellnergesichter mit trinkgeldlüsternen Blicken, und mit einem Male stand auch der Hutschwabe leibhaftig wieder da, und Herr und Frau Thiele marschierten an seiner Seite auf. ›Wie es ihnen heute beim Beherrscher der dreihundert Millionen Chinesen ergangen sein mag?‹ dachte Ebenich. Da klang von unten herauf durchs weite Treppenhaus der Ton eines geschlagenen Gongs und rief zum Abendessen. Der Grübler beeilte sich, in den Speisesaal zu kommen, viel weniger, weil ihn der Hunger trieb, als weil er der Einsamkeit mit ihrem gestaltenreichen Drang entfliehen wollte. Er traf die Herrschaften an der Tafel. Die Dame war noch in gewählt feiner Gesellschaftstoilette und Herr Thiele in Frack und Klack. Aber die Augen wollten so gar nicht zu den Festgewändern passen. Sie lachten nicht, obschon sie auch nicht weinten. Sie waren nicht fröhlich, obwohl sie auch nicht traurig waren. Sie glichen einem Tage im April, der den Sommer im Leibe tragen kann, aber auch den Winter.

»Sie leben noch und das ist die Hauptsache,« begann Ebenich die Unterhaltung. »Wer in die Höhle des Löwen geht, weiß nie, ob er mit heilen Gliedern wieder ans Tageslicht kommt.«

386 »Gebissen hat es uns nicht, das Ungetüm, gekratzt auch nicht. Im Gegenteil, es war freundlich und katzenhöflich,« erwiderte Herr Thiele.

»Und hat uns sogar einen Orden geschenkt,« fuhr seine Frau fort. »Den Orden von den drei Ähren, den einzigen und höchsten, den die Republik zu vergeben hat. Hier schauen Sie her, da liegt er im Etui von weinrotem Samt wie alle seine Brüder. Ich bin neugierig, wie er meinem Manne zu Gesicht stehen wird, wenn er damit in Berlin unter den Linden spazieren geht.«

»Ich denke, er wird ihn zunächst einmal in Peking tragen, damit sich übungshalber ein paar Neidhämmel hier bereits zu Tode geärgert haben, bevor in Berlin bei seinem Anblick das große Sterben beginnt.«

»Das ist's ja gerade, und auf dem Bein lahmt die Kuh. Ich soll den Orden in Deutschland tragen. Die Republik muß sparen. Sie kann nicht mehr so hohe Direktorengehälter auswerfen wie seither. Außerdem haben ja nun die chinesischen Beamten des Arsenals gelernt, wie man die Mausergewehre macht. Mit einem Worte, man hat mir nach fünfzehnjähriger, sauerer Organisationsarbeit ein Blech an den Hals gehängt und mich entlassen. Man hätte mir auch noch einen Ring in die Nase machen sollen, weil ich so ein Ochse war und hierher nach China gegangen bin,« bemerkte Herr Thiele mit Bitterkeit.

»Sie haben allerdings einen weiten Umweg gemacht, um zu lernen, was Sie auch bei uns hätten lernen können, nämlich daß der Mohr gehen kann, wenn er seine Schuldigkeit getan hat. Allein, ich denke das Leben 387 im Westen wird, wo es sich für Sie künftighin auch abspielen mag, Sie reichlich für das entschädigen, was Sie hier allenfalls verlieren können,« tröstete Ebenich.

»Da legen Sie den Finger an die wunde Stelle. Das, was Sie voraussetzen, trifft bei uns nicht zu und bei tausend anderen auch nicht. Selten, daß ein Deutscher aus freier Wahl in seine Heimat zurückgeht. Wer einmal aus der preußischen Polizeijacke herausgewachsen ist, dem stehen die Fäuste weit über die Rockärmel hinaus und er will die Finger zu anderem gebrauchen, als die Blätter eines lutherischen Gesangbuches damit umzuwenden. Weder meine Frau noch auch ich selber gehen gerne nach Deutschland zurück. Das Vaterland täte gut daran, wenn es sich einmal fragte, ob nicht doch vielleicht an ihm selber die Schuld liegt, wenn seine Kinder nicht mehr zu ihm zurückwollen und dazu Eroberte erst recht nicht bei ihm bleiben wollen.«

Ebenich spitzte die Ohren. Die Melodie, welche da gesungen wurde, hatte er schon einmal vernommen. War es nicht einer seiner Schwaben, der das gleiche mit anderen Worten gesagt hatte? Hatte nicht auch Stein, der Metzger in Tsinanfu, eine ähnliche Ansicht zum besten gegeben? War es da nicht Zeit, daß man die Heimat aufklärte über das, was die Fremde dachte? Aber merkwürdig genug, daß auch er – Ebenich – selber als Kosmopolit, in seiner Heimat mit Mißtrauen betrachtet wurde, wenn er irgend etwas Rühmenswertes vom Ausland berichtet hatte. War man wirklich zu Hause so klug, daß man von der Fremde nichts mehr zu lernen brauchte? Ach, dann war's schlimm genug bestellt ums Vaterland. Ebenich war von dem Gedanken bedrückt und mochte das Gespräch 388 nicht fortsetzen. Er sprang ab und fragte nur so obenhin: »So werden wir denn morgen zu dreien die Entdeckungsreise durch die Stadt machen?«

»Wenn Sie auf meine Frau und mich als zweiten und dritten von der Partie rechnen, so müssen wir Sie leider enttäuschen. Uns bleibt nur übrig, nach Hanyang zurückzufahren, unsere Sachen zu packen und ein Billett auf der sibirischen Bahn zu lösen.« So sagte Herr Thiele und er stand auf, steckte den Orden in die respektlos hintere Fracktasche und schickte sich an, das Zimmer zu verlassen. Da seine Frau ihm folgte, so war der Tisch bald leer, und Ebenich beendete den trüben Novembertag gerade so einsam, wie er ihn begonnen hatte.

Wahrhaftig, es war am nächsten Morgen der Wind, der unleidlich scharfe, trockene Novemberwind, der durch die Ritzen der Fensterbekleidung pfiff und dem Doktor mit kaltem Atem übers Gesicht hauchte, zu einer Stunde, wo Christenmenschen sonst noch nicht ans Aufstehen dachten. Das ging nun doch übers Bohnenlied. Ebenich sprang aus den Federn und überlegte sich während des Anziehens: ›Hier halt' ich's nun nicht länger aus, und doch dauert es noch vierzehn Tage, bis mein Zug geht. Nach der großen Mauer hinauf wollt' ich doch und nach Kalgan ebenfalls. Von dort sind es, wenn ich die russische Post benutze, durch die Wüste Gobi gehe, nur acht Tage bis Kjachta. Einmal in dieser Stadt angekommen, wird sich Gelegenheit finden, den Wasserweg der Selenga zu benützen und so am Baikalsee die sibirische Bahn zu erreichen.‹

Als der Gedanke einmal geboren war, wollte er in die Tat umgesetzt werden. Ebenich rannte die Treppe 389 hinab und fing, im Flur des Erdgeschosses angekommen, mit dem chinesischen Portier zu unterhandeln an. Der Mann mit dem dünnen Bärtchen auf der Oberlippe schüttelte den bezopften Kopf, fuchtelte mit den Armen aus den weiten Schlappärmeln seines Seidengewandes heraus und erklärte zu guter Letzt: »Ja, wenn es noch früher wäre in der Jahreszeit, wenn nicht schon der November zur Neige ginge, nicht schon Schnee in den Schluchten der Berge läge, und die Wölfe hungrig um die Lager schlichen, dann ja, dann hätte sich wohl eine Reisegesellschaft finden lassen, die den gleichen Weg zog. Aber jetzt, jetzt, wo nur noch der Karawanentee auf dem Rücken hochbeiniger Kamele über die kahle Hochebene zieht, jetzt wird sich kaum noch jemand auftreiben lassen, der seine Knochen vor die Wolfs- und Hyänenzähne werfen möchte. Indes, er will sehen. Er will sich erkundigen. Er wird Nachricht geben, wenn er was gefunden hat.«

Diese Rede war vielleicht noch nicht ganz soweit gesprochen, als sie hier geschrieben steht, da fragte eine sonore Männerstimme über Ebenichs Schultern herüber:

»Wo wollen Sie hin?«

»Nach der großen Mauer zunächst,« antwortete der Doktor und sah sich verwundert um.

»Darf ich Sie vielleicht einladen, sich uns beiden anschließen zu wollen. Wir sind dann drei Deutsche zusammen und können einen Gesangverein gründen oder eine Dienstboten-Krankenkasse aufmachen. Wenn Sie näheres über unsere Personen erfahren wollen, so kann ich dem Lebenslauf beisetzen, daß wir Ingenieure sind von den Eisenwerken der Gustavsburg bei Mainz und 390 daß wir die Brücke über den Hwang-ho fertiggestellt haben.«

»Schade, dann hätten wir uns vielleicht vor zehn Tagen schon einander vorstellen können. Ebenich ist mein Name. Ich bin aus Baden und übernachtete vor ungefähr zwei Wochen in Ihrer Nähe, beim Metzger Stein in Tsinanfu.«

»Zu seltsam! Wenn Sie eine gute Nase haben, so können Sie den Selleriesalat seiner Gattin noch aus unseren Kleidern herausriechen. Lindner und Tierbach sind unsere Namen. Wir sind bei Steins in die Kost gegangen. Seit fünf Jahren schon schuften wir an der Brücke herum. Nun, wo sie fertig und übergeben ist, wollen wir uns vor der Rückfahrt noch etwas das Land der Mitte ansehen, damit wir etwas klüger heimkehren, als wir ausgezogen sind.«

Da standen sie nun, drei rüstige, unternehmungslustige Deutsche und schauten einander vertrauensselig in die Augen. Aus diesen unergründlichen Büchern lasen sie heraus, daß sie einander treue Weggenossen sein wollten, und ganz von der letzten Seite herunter, daß sie alle dreie Durst hätten und einen Schnaps trinken könnten. Man ging also ans Büfett und weil es kalt war, so trank man zwei Schnäpse, nur eben, weil es kalt war. Während des Trinkens besprach man den Reiseplan und setzte als Termin des Aufbruches den nächsten Morgen fest.

»Was aber beginnen wir mit dem heutigen Nachmittag?« fragte Ebenich. »Es fehlt wenig, und der unleidliche Wind von Peking hätte mir schon beinahe die Seele aus dem Gehäuse des Leibes geblasen.«

391 »Ich würde den Vorschlag machen, wir brechen sofort auf und fahren nach dem Kaisersommerpalast hinaus. Ein geschlossener Wagen kann durch die Hotelleitung besorgt werden. Wenn's denn auch noch unter uns rüttelt und schüttelt, wir sind doch vor dem Winde geschützt und ehe der Abend die Aussicht raubt, sind wir wieder zurück im Schlafwagenhotel.«

Dieser Vorschlag des Herrn Lindner fand den Beifall der beiden anderen Herren. Ehe eine halbe Stunde vergangen war, humpelte das vorsintflutliche Gestell eines gebrechlichen Landauers, von zwei struppigen Mongolenpferdchen gezogen, an der roten Mauer der verbotenen Stadt vorüber und zum Hsi-Dschi-mönn-Tor hinaus, nordwärts in die Ebene hinein.

Ebenich erhob die Augen und sah neben dem Kutscher einen vor Kälte zitternden Chinesen auf dem Bock sitzen. »Was soll der Zopfträger?« fragte er.

»Es ist unser Dolmetscher. Wenn Sie Ihre Reise durch die Wüste Gobi antreten, können Sie ihn mitnehmen. Ich fürchte aber, er wird Ihnen 392 zusammenfrieren. Sehen Sie nur, wie er zittert. Diese Südchinesen sind der Kälte gegenüber wie junger Spinat – sie kommen nicht vom Platz, werden braun und schrumpfen zusammen. Sie tun auch nichts, um sich Wärme zu verschaffen. So einer setzt sich still in eine Ecke und erfriert. Daß er Holz lesen und ein Feuer anzünden könne, das kommt ihm nicht in den Sinn. ›Inschalah‹, sagt er wie der Inder, drückt die Augen zu und schläft ins Nirwana hinüber,« berichtete Herr Tierbach, während der Wagen auf glatter Straße sanft dahinrollte.

Ja, diese Pflastersteine der Straßen, sie sind wie alles, was zum Hofe gehört, glatt. Wer wollte auch ruppig sein, wenn er von den Hufen kaiserlicher Maulesel getreten wird? Ob sie sich übrigens gegen den Fußtritt anderer Zwei- und Vierfüßler auflehnen würden, wenn sie könnten, steht noch dahin. Indes, von dem Gefährt unserer Ausflügler ließen sie sich alles gefallen und nach einer Stunde etwa standen die Räder still vor dem kaiserlichen Sommerpalast. Wer sich unter diesem Namen ein einziges mehrstöckiges Gebäude mit Seitenflügeln und Terrassen vorstellen wollte, würde weit an der Wirklichkeit vorbeischießen. Man hat sich vielmehr eine ganze Stadt zu denken mit Hunderten von baulichen Anlagen, die durch Treppen und Rampen verbunden, aus der Ebene herauswachsend, Bergesgipfel ersteigen und in Schluchten hinuntersinken. Gärten, Bäche und Seen legen sich zwischen Tempel, Altäre und Pavillons, und allen diesen Dingen ist nur eines gemeinsam: die Schlängelmauer nämlich, die sie umarmt. Mauern und Tore sind füreinander geschaffen, wie 393 Knopf und Knopfloch. Ohne den ersteren wäre das letztere überflüssig. Am Tore des Sommerpalastes steht nun eine Schildwache, die mit gefälltem Bajonett jedem Menschen den Eingang verwehrt. Wozu eigentlich hat man dann das Tor geschaffen?

Ebenich und seine neuen Freunde dachten über das Problem nach, während sie in einem, den Palästen nahestehenden Hotel einen Käs aßen und eine Flasche Wein dazu tranken. Da kam überm Trinken dem Herrn Lindner ein erlösender Gedanke. Er rief den Dolmetscher herbei, drückte ihm einen halben Dollar in die Hand und sagte zu ihm: »Paß wohl auf, Boy. Dies da zeigst du der Schildwache, so daß sie denken kann, sie bekäme es, wenn sie dir zu Willen lebte. Du wirst sehen, sie läßt dich dann ein. Hinter dem Tore findest du dann mit aller Sicherheit irgendeinen Mandarinen oder Bonzen. Dem gegenüber spielst du dich als den Gebieter auf und erklärst: »Die großen Herren sind da, sie, die über den gelben Fluß die große Brücke gebaut haben. Sie sind gekommen und befehlen, daß das Tor geöffnet werde.«

»Yes,« sagte der Dolmetscher, kreuzte die Arme vor die Brust, neigte den Kopf und ging.

Nach zehn Minuten stand er in der gleichen Haltung wie vorher abermals vor Herrn Lindner, der ihm die Frage vorlegte:

»Und was hat der Mandarin gesagt?«

»Master, er hat gesagt, er kann die großen Herren nicht einlassen.«

»Und da bist du gegangen, Dummkopf? Gleich kehrst du um und sagst: Die großen Herren sind 394 die Freunde des Herzogs Kung und sie verlangen Einlaß.«

Der gleiche Abgang des Dolmetschers, die gleiche Wiederkehr und die gleiche Frage des Herrn Lindner.

»Was hat der Mandarin jetzt gesagt?«

»Er hat gesagt, daß er nicht öffnen dürfe und daß er erst neulich gestraft worden sei, weil er einen Japaner eingelassen hatte, der auch ein Prinz gewesen sei!«

»Und damit hast du dich abspeisen lassen und bist gegangen, du Esel? Gehe hin und frage, wieviel Strafe er hat bezahlen müssen für das Einlassen des Japaners.«

Der Dolmetscher ging und kam mit der Antwort wieder: »Fünfzehn Dollar.«

Jetzt mischte sich Ebenich in den diplomatischen Gang der Unterhandlungen mit dem Vorschlag: »Es solle denn in Gottes Namen ein jeder fünf Dollar geben. Man werfe die gleiche Summe doch auch zuweilen vorm Schalter eines Musentempels auf das Zahlbrett, um das Gebrüll von einem Operngroßmaul zu hören.«

»Nichts da,« wehrte Herr Tierbach mit Entschiedenheit ab. »Geh hinüber, Boy, und erkläre dem Mandarinen: Die hohen Herren muteten ihm keinen Schaden zu. Sie seien geneigt, einen Teil seines Risikos zu tragen und sie ließen ihm zwei Dollar anbieten.«

Wiederum ging der geduldige Bote und wiederum kam er zurück, und zwar mit der Antwort: »Die Erbauer der Brücke und Freunde des Herzogs möchten kommen. Der Mandarin wünschte weiter mit ihnen zu unterhandeln.«

»Soweit wären wir denn,« bemerkte Herr Tierbach. »Nun hinüber zu dem Spitzbuben. Im Prinzip ist 395 nun die Frage gelöst, es handelt sich nur noch darum, was wir zahlen müssen.«

Die viere brachen auf nach dem Palast. Der Posten stand stramm und präsentierte das Gewehr, so ausgiebig, wie man das für einen halben Dollar nur tun kann. Das schwere eiserne Tor knarrte und fiel hinter den Eintretenden ins Schloß. Unter weitgeästeten Bäumen eine Art von Pförtnerwohnung und unter deren Tür in seinen buntseidenen Gewändern, die Arme ergebungsvoll über die Brust gekreuzt, der Mandarin.

Sein breites Kürbisgesicht glänzte von erheuchelter Unterwürfigkeit, während er die zehn Finger von sich streckte und so zu verstehen gab, daß er ohne ebensoviele Dollars unmöglich den Eintritt in die Sommerresidenz gestatten könne.

Herr Tierbach, dessen energievolle Initiative nun ganz die Unterhandlungen beherrschte, streckte dem Bezopften fünf Finger entgegen. Der Chinese tat, als ob er in Ohnmacht fallen wolle, und machte mit der Hand eine Bewegung an den Hals, um anzudeuten, daß er die seidene Schnur zu gewärtigen habe, wenn er um so wenig Geld selbst den Hochgestelltesten dieser Erde auch nur in die Gärten hineinsehen ließe. Als aber Herr Tierbach zu den fünf Fingern seiner linken Hand noch den Daumen der rechten dreingab, da wurde der Chinese voller Fröhlichkeit und eilte den Fremden voran die Allee entlang, während sein langer Zopf wie wütend von einem Schenkel auf den andern pendelte.

Was man nun alles in den vielen Einzelbauten der kaiserlichen Gebäude sah? Zugeschlagene Kisten, verhüllte Bilder, mit Stroh umwickelte Vasen. Die 396 Chinesen waren vorsichtig geworden seit der Waldersee-Expedition.

»Ist hier viel gestohlen worden?« fragte Herr Lindner den Mandarin.

»Ja,« sagte der schlaue Herr, »aber nur von den Inglesis.«

Stellt ein Engländer die gleiche Frage, so bekommt er die Antwort: »Aber nur von den Italianos,« und wenn Vertreter aller europäischen Staaten die gleiche Frage gemeinsam stellen, so wird die Antwort lauten: »Aber nur von den Amerikanos.«

Indes, gestohlen hat immer nur der andere und was man so an geschnitzten Bettstellen, Paravents und Cloisonnéarbeiten in westeuropäischen Offizierswohnungen antrifft, das sind gekaufte Gegenstände, so deutlich auch der eingefügte kaiserlich chinesische Drache auf ihre Herkunft hinweisen mag.

Ebenich und seine Genossen wanderten von einem Bau zum andern. Sie traten sich die Beine müde auf Kieswegen und asphaltierten Terrassen. Sie kamen zum Palast des großen Ch'ieng Lung. Er ist 1867 von den vereinigten Engländern und Franzosen nicht nur vollständig ausgeplündert, sondern sogar, wie der Hutschwabe sagen würde, dewaschtiert worden.

An fürstlichen Sommersitzen vorbei gelangt man zu dem »Park des Altersfriedens«. Auch dieser Auszugsbau wurde 1861 von den Engländern und 1900 von den gesamten Kulturträgern Europas zerstört und ausgeraubt, nicht weniger als das »Haus des ungetrübten Glanzes«. Wohin man blickt, sieht man Trümmer, denen nur ein Jeremias fehlt, der sich darauf setzt, die Saiten seiner 397 Harfe schlägt und Klagelieder in die Winde singt. Wahrhaftig, alle diese großartigen Anlagen gleichen einer Stadt, über deren Straßen und freie Plätze soeben ein Volksaufstand hingegangen ist. Leere Fensterhöhlen, eingestürzte Giebel, zerschlagene Türen, Vorhänge und Portieren, die im Winde flattern. Zerrissene Kulissen in halbzerstörten Theatern.

Instrumente stehen da herum und Notenpulte, und da liegt auch der Taktstock eines Kapellmeisters, aber niemand ist da, der ihn dirigiert. Keine Menschen weit und breit, kein Leben, keine Bewegung. Auch der See, in den man seltsamerweise aus Marmorblöcken ein Dampfschiff hineingebaut hat, liegt schwer und unbeweglich da, als ob Sodom und Gomorra auf seinem Grunde schliefen. Selbst die vielgerühmte und vom Dichterkaiser Kang-Hsi besungene Nephritquelle vermag nicht jeden zu begeistern. Sie stürzt sich nicht mutwillig rauschend über Stein und Klippen weg, und nach Münchener Bier schmeckt ihr Wasser gerade so wenig, wie das der Isar ober- und unterhalb der bayrischen Hauptstadt.

Nicht weit von dem Wasserlauf, der die Teiche der kaiserlichen Gärten speist und späterhin den Weißen Fluß, liegt das »Kloster der nephritgrünen Wolken«. Seine Gründung reicht ins dreizehnte Jahrhundert zurück, und es war späterhin der Lieblingsaufenthalt der frommen Mongolenkaiser aus der Yuan-Dynastie. Sie waren vorsichtige Leute, und wenn sich bei uns die gläubigen Seelen mit vierzehn Nothelfern begnügen, so hatten diese Herren deren fünfhundert zu ihrem Schutze nötig. Sie sind aus Lehm gebildet und mit 398 Gold überzogen und sie stehen und sitzen in einer eigenen Halle. Aber trotz guter Verpflegung regten sie wie echte Heilige weder Hand noch Fuß, als es in den Sommerresidenzen drunter und drüber ging. Sie sind allerorts nur ein geringer Schutz des Hauses, so wie die gemalten Hunde vor dem Atrium altrömischer Paläste.

Hölle und Paradies, die in einer anderen Halle dargestellt sind, machen mit ihren achtzehn Martern für die Bösen und neun Belohnungen für die Guten keinen Eindruck auf den Fremden, zumal nicht auf den Deutschen, der aus reicher Erfahrung ohnedies weiß, daß man leichter für eine kleine Übeltat zwei Strafzettel einheimst, als für eine edle Handlung eine Belohnung.

Möglich, daß der Sommerpalast auch im Sommer gesehen sein will. Im November, wo die grauen Töne der flachen Ebene mit den grauen Steinmassen des baumlosen Gebirges zu einer fast wollüstigen Stimmung von Melancholie zusammenfließen, ist er das Golgatha aller Lebensfreude.

Und dieser Eindruck einer trostlosen Öde wird für den um nichts gemildert, der die Geschichte all der grausamen Männer und Mannweiber kennt, die in diesen Mauern seit Anbeginn der Geschichte bis zu unseren Tagen gelebt, gehaust, gewütet, aber auch unendliche Werte geschaffen haben. Mag sein, daß die Republik einmal ein rechter Segen wird für die dreihundert Millionen Chinesen sowohl, als auch für die übrige Menschheit, aber es wohnt sich vorerst doch nicht gemütlich bei einem, der seine alten Möbel zum Fenster hinausgeworfen und neue noch nicht angeschafft hat.

399 Der Tag ging zur Neige und man mußte an die Rückfahrt nach Peking denken. Bei seiner Ankunft im Hotel erwartete den Doktor eine liebe Überraschung. Fräulein Wöllenstadt saß im Speisesaal und empfing ihn mit strahlendem Gesicht. Sie hatte gut fröhlich sein. Ihre Kunst hatte ihr an einem Nachmittage soviel eingetragen, daß sie das ganze Niederwalddenkmal in Seide einwickeln konnte, wenn sie wollte. Juan-chi-kai, der Präsident, hatte sie wie weiland Saul den kleinen David eingeladen, vor ihm zu spielen und ihm die Sorgen zu vertreiben, und er hatte ihre Kunst mit dem Geschenk eines Ballens Rohseide bezahlt.

»Das war schön, meine Gnädige,« sagte Ebenich, »aber sind Sie sich denn nicht vorgekommen wie das Lamm, das in einen Löwenkäfig gegangen ist? Haben Sie nicht gebebt vor der Willkürlaune einer so machtvollen Persönlichkeit?«

»O gar nicht. Ich hatte es äußerst bequem. Ich spielte, was ich wollte, und hörte mitten in der Fuge auf, wenn ich müde war. Ich bin überzeugt, daß die Klänge meiner Geige kaum die Haare in seinen Gehörgängen bewegt haben. Geistesabwesend und teilnahmslos saß er da und strich den Knebelbart. Vor einem, der nicht zuhört, klingt der Blechtopf so schön wie die Geige.«

»So werden Sie doch die Sehnsucht haben, nach Europa zu kommen und Ihre Geige vor verständigeren Ohren ertönen zu lassen?«

»In einigen Tagen werde ich mit meiner Tournee zu Ende sein. Wie ich höre, lautet Ihre Rückfahrtkarte auf den neunten Dezember. Würden Sie nicht 400 das Geschick preisen, wenn es uns im Luxuswagen zusammenführen wollte, damit wir uns gegenseitig die langen Stunden verkürzten, die eine sechzehntägige Eisenbahnfahrt eben mit sich bringt?«

Ebenich gelobte alles zu tun, was möglich wäre, um einen so schönen Traum in Wirklichkeit umzusetzen. Aber als er die Treppe nach seinem Schlafgemach emporstieg, hatte er gleichwohl das wehmütige Empfinden, daß er das schöne Mädchen zum letzten Male gesehen habe. Doch es kam glücklicherweise anders.

* * *

Die Herren Lindner und Tierbach waren unternehmungslustige Frühaufsteher. Gestiefelt und gespornt standen sie am nächsten Morgen vor Ebenichs Tür, den sie aus dem Schlafe getrommelt hatten. Man mußte machen, daß man nach dem Bahnhof der mongolischen Bahn kam, denn in einem Lande, wo am Tage nur ein einziger Zug geht, kann sich die Versäumnis von einer Minute gar grausam rächen. Bald war das Frühstück im Hotel hinabgeschlungen, und die sechs Schenkel von drei Rikschakulis waren in eifrigem Bemühen, das Reisekleeblatt um all die Mauerecken der umrahmten Stadt herumzuschlenkern und an die Zugabfahrtstelle zu bringen. Von einem Bahnhof wird man kaum reden können. Denn, was sich da an kleinen Backsteinbauten neben zwei Schienengeleisen vor dem Hsi-Dschi-mönn-Tor zusammenfindet, verdient diesen Namen kaum. Man war natürlich zu früh gekommen. Der Zug wurde eben erst zusammengestellt und die alten Eisenbahnmenschen Lindner und Tierbach hatten 401 reichlich Gelegenheit, sich über die Unbelehrbarkeit und Indolenz des chinesischen Bahnpersonals zu ärgern.

»Da sieh' nun einer wieder einmal diesen Kalmücken zu. Sollte man's glauben, daß es unmöglich ist, diesen Kerlen beizubringen, daß die Schlußlaterne des Zuges auch am letzten Wagen angebracht sein muß, wenn sie einen Zweck haben soll? Da wursteln sie sie soeben wieder mitten in den Zug hinein. Viel ist's schon, wenn sie sie überhaupt mitnehmen und wenn sie es tun, so geschieht es nur, weil sie die Strafe fürchten, die auf dem Vergessen steht. Daß das rote Licht unter Umständen andere warnen muß und ein Eisenbahnunglück verhüten kann, dafür haben diese Wasserköpfe kein Verständnis und bekommen's auch all ihr Lebtag nicht,« wetterte Herr Tierbach los, während Herr Lindner besänftigend beifügte: »Was willst du dich um Kleinigkeiten sorgen, die dich hier nichts angehen? Wenn nur der Wagenboden unter unseren Füßen nicht durchbricht, dann werden wir schon, bevor noch die Sonne einmal um die Erde herumgelaufen ist, da droben an der chinesischen Mauer sein.«

Der Zug war endlich zusammengestellt. Die Lokomotive ließ einmal das große Schwungrad schnurren, und dies war das Zeichen, daß sie Ernst machen und losfahren wollte. Nun stellten sich die drei Europäer auf die Trittbretter und schauten in den leeren Raum eines Güterwagens hinein. Kein Stuhl, keine Bank, überhaupt keine andere Sitzgelegenheit als jene, die einer in Form eines Handkoffers mitgebracht hatte, oder der nackte Fußboden. Dagegen stand ein kleiner Kanonenofen inmitten des Raumes in lieblicher Glut und kochte 402 für das Bahnpersonal einen Kaffee, der, seinem Geruche nach zu urteilen, kein schlechter sein konnte. Ab und zu kam ein schmutzstarrender Mongole, dem Kopfhaar und Pelzmütze zu einem wüsten Dickicht zusammengewachsen waren, schneuzte sich auf den Boden und trocknete die feuchten Nasenlöcher an dem glänzenden Spiegel seines blauen Rockärmels. Dann ergriff er den Henkel der dickbauchigen Kaffeekanne und ließ den Inhalt in eine Kürbisschale und von da über seine Zunge gleiten. Der Wagen schlug und humpelte über die Weichen. Der Kaffee schwappte über den Schalenrand und verkroch sich zum großen Teile in den Kleidern des Trinkenden. Wie Gott will. Einerlei, von wem der heiße Trank geschluckt wird, wenn er nur wärmt, ob von innen oder außen ist ganz egal.

Indessen, der Zug rollte mit Energie nordwärts ins flache Land hinein. Nach zwei Stunden etwa kamen die Berge des Nankouschan in Sicht und der Blick durchs halbgeöffnete Schiebetor wurde lohnender. Man passierte die Station Nankou und kam in ein rostfarbiges Gebirgstal hinein. Vielleicht, daß zur Regenzeit auf seinem Grunde ein munterer Bach von Felsterrasse zu Felsterrasse springt, jetzt aber war kein Tröpflein Wasser im trocknen Bett und nur ein langer Zug schwerbeladener Kamele arbeitete sich schwankenden Schrittes im Rinnsal zur Wasserscheide empor. Die gleiche Aufgabe hat übrigens auch unsere Lokomotive zu lösen, und so windet sie sich denn auf hohen Futtermauern um abgesprengte Felsen herum, kriecht durch Tunnels hindurch und setzt auf schmalen Brücken dampfend über Abgründe hinüber. Hie und da schwebt der ganze Zug 403 über den kupferbraunen Mauern eines armseligen Dörfchens, und wenn's gut geht, auch einmal über einem grünen Fleck, auf dem zwischen herbstlich kahlen Bäumen ein paar angepflöckte Schafe weiden. Immer steigend und steigend hat endlich der Zug mit einer langen Schleife die Station Tsching-lung tchiao erreicht, und Ebenich und seine Genossen verlassen den Wagen. Wie sie sich umschauen, befinden sie sich in einem Felsenkessel, dessen oberster Rand von den Zinnen und Türmen einer gewaltigen Mauer phantastisch genug bekrönt ist. Man stelle sich eine Ritterburg vor, die mit den gezackten Ringmauern von Basel bis Köln reicht und weit, weit darüber hinaus und man hat einen schwachen Begriff davon, was ungefähr die große chinesische Mauer für einen Eindruck macht. Natürlich hat nie ein Menschenauge das Ganze übersehen. Denn immerfort auf der Schneide des Gebirges hinlaufend, bildet das gewaltige Werk bald Schleifen wie eine geschwungene Peitschenschnur rings um den Beschauer herum, bald läuft es geradeaus wie ein Lineal. Es steigt mit abgetreppten Stufen in Abgründe nieder und erhebt sich aus Schluchten wieder in den gleichen, fast gotischen Stufenformen. Edeldamen mit Falken auf dem Finger und eisengepanzerte Reiter gehören zwischen diese Türme und Zinnen hinein und ein Stück Mittelalter würde vor unsern Augen aufleben, wie es romantischer nicht gedacht werden kann. Statt all dessen aber steht in dem Felsenkessel nur ein armseliges Bahnhöfchen, das seine Existenzberechtigung nicht einmal durch ein danebenstehendes Wirtshaus, um wie viel weniger durch eine Ortschaft nachweisen kann.

404 Da unsere Viere die Paßhöhe ersteigen mußten, um einen Überblick zu gewinnen, so marschierten sie auf dem Bahnkörper rüstig bergauf. Die Gefahr des Überfahrenwerdens ist bei dem geringen Zugverkehr auf der mongolischen Bahn keine große. Man kann gemütlich zwischen den Geleisen spazierengehen und auch stehen bleiben, um sich alles genau zu betrachten. Die Herren Lindner und Tierbach taten dieses natürlich mit fachmännischem Interesse, und sie versicherten übereinstimmend, daß diese Bahn, die erste, die ausschließlich von Chinesen – Ingenieure mit eingeschlossen – durch ein sehr schwieriges Terrain gebaut sei, von keinem Volke der Welt schöner und solider hätte ausgeführt werden können.

»›Laßt den Riefen schlafen,‹ sagte Bismarck einmal, da war er aber schon wach und gebrauchte Arme und Beine, und er wird sie noch besser gebrauchen, und die Welt wird einsehen, daß es ein Fehler war, den Goliath in seiner Ruhe zu stören,« bemerkte Herr Tierbach, während Ebenich seine Blicke zu den Felswänden hinaufrichtete, an deren Zacken hier und da kleine Käfige hingen, die an die Mönchszellen buddhistischer Klöster oder an Haremsbauten erinnerten. »Was bedeuten diese Holzkästen?« fragte Ebenich den Herrn Tierbach. »Sind es etwa Höhlenvorbauten für Wüstenheilige?«

»So etwas wird's wohl sein,« antwortete der Gefragte. »Einsiedler hausen genug da herum im Gebirge, ob aber hinter jedem von ihnen ein Zarathustra steckt und wie sie in diese Hühnerkäfige da hinaufklettern, das ist's, was mir ewig schleierhaft bleibt.«

Man war an einer Stelle angekommen, wo die 405 Schienen mit silbernem Glanze sich in die schwarze Tiefe eines Tunnels hineinstreckten, weil sie nicht über die Paßhöhe hinüberwollten. Unsere Wanderer mußten also den Bahnkörper verlassen und turnten die kupferbraune Böschung hinauf. Als sie oben waren, sahen sie alte Kanonenrohre da herumliegen. Halb waren sie in die Erde hineingesunken und halb waren sie von Dornen und Unkraut überwuchert. Ihr Äußeres macht einen pockennarbigen Eindruck und sie sehen kränklich und nicht so aus, als ob sie jemals einen Menschen getötet hätten. Offenbar haben sie früher einmal auf der großen Mauer gestanden, und ihre Mündungen waren drohend nordwärts gerichtet gegen die Mongolei zu. Da kam ein Erdbeben, packte die »acht größten Berggipfel« und spaltete die »Weiße Wand«, so daß die gefährlichen Dinger auf die Erde rollten und da liegen blieben, damit die Spatzen in ihnen ihre Nester bauten. 406 So kam's, daß die Unholde ihren Beruf verfehlten, berichtet die Sage.

Als man über die Kanonen hinweggeklettert war, stand man auch schon vor der »Großen Mauer«, dem mächtigsten Bauwerk der Erde. Vor seiner ungeheuren Größe flacht sich die ungeheure Kuppel der Hagia sophia ab, und die Pyramiden verkriechen sich im Wüstensand. Beinahe 2500 Kilometer ist dieses Bauwerk lang, bei einer Höhe von sechzehn Metern und einer Dicke von etwa acht Metern. Vom Golf von Liau-Tung ausgehend, streckt sie sich bis fast an die Grenze von Tibet hin. Zur Zeit der Punischen Kriege begonnen, um die räuberischen Einfälle nördlicher Völker vom fruchtbaren Süden des chinesischen Reiches fernzuhalten, wurde sie die unmittelbare Ursache der Völkerwanderung. Denn Hunnen und Mongolen, vor einem solchen Grenzwall zurückschreckend, suchten nun, vom Hunger getrieben, einen Ausweg nach Westen. Sie fluteten vor, über das Kaspische und Schwarze Meer hinaus, und die gewaltige Springflut ebbte kaum erst ab an der Quelle der Donau. Den modernen Geschützen gegenüber hat diese Völkerscheidewand freilich ihre Bedeutung längst verloren. Staunend aber steht der Spätgeborene noch heute da, und mit Bewunderung fragt er sich, wie mag der Schädel ausgesehen haben, in dessen Gehäuse eine solch gewaltige Mauer als Gedanke geboren werden konnte. Wer in aller Welt hatte den Mut, ihn weiterzudenken und ohne Logarithmentafeln in die Wirklichkeit umzusetzen? Welch ein Mirakel macht nicht unsere Zeit aus dem Suez- und Panamakanal und was sind sie gegen die »Weiße Wand«? Wunder über Wunder, und wie sie 407 gebaut ist! Feingehauener Quader neben feingehauenen Quader gesetzt, so wird sie ohne Mörtel den Jahrtausenden trotzen und erst mit der Erde selber am gleichen Tage sterben.

Ebenich winkte, während er im Begriffe war, neben dem Patalingtor zur Plattform der Mauer emporzusteigen, den Dolmetscher zu sich heran. Er hätte gern von diesem erfahren, ob nicht im Volksmund alte Sagen und Erinnerungen an die Riesen jener Bauperiode sich erhalten hätten. Der Gefragte wußte von nichts, ließ sich aber mit einem struppigen Gesellen, der da vor der Paßhöhe die mageren Herbstgräser mähte, in ein Gespräch ein und erfuhr dabei, daß man sich in den Dörfern erzähle: Fünftausend Männer seien einmal in einer einzigen Winternacht erfroren.

Mit dieser mageren Ausbeute des trockenen Mongolen mußte Ebenich wohl oder übel sich zufrieden geben und er tat es auch, als eine herrliche Aussicht zwischen den Zinnen der Brustwehr hindurch ihm die Mühe des schwierigen Aufstieges lohnte. Weit hinaus über die ummauerte Stadt Ch'a-tao lag das offene Land nordwärts da, gegen Kalgan zu von einem Gebirge begrenzt, das wie eine graue Wolkenwand die dunstige Ebene begrenzte. Fast komisch nahm es sich aus, daß durch die graue Fläche sich mit schwarzer Rauchfahne das Züglein durcharbeitete, das vor einer Stunde ungefähr die Reisegesellschaft bei dem Bahnhof Ching-lung-chiao abgesetzt hatte.

Ebenich wendete sich vom Patalingtor westlich und stieg zwischen mannshohen Zinnen auf breiten Stufen zu den Resten einer Burg empor. Ihre Gelasse und 408 Gewölbe sind noch heute, wie sie vor tausend Jahren waren, und wer wieder Glasscheiben in die Fensterrahmen setzen wollte, hätte sich mit wenig Unkosten eine der romantischsten Wohnungen geschaffen, die sich nur denken lassen. Freilich, der Wind pfeift elend durch die Basteien, und wie Herr Tierbach sich auch stellen mochte, er hatte nach zehn Minuten eine Schachtel Schweden verstrichen, ohne daß er seine Manila in Brand zu setzen vermochte. Auch der Versuch, ein Feuer anzustecken und ein warmes Mahl auf der Mauer zu bereiten, mißlang gänzlich. Man mußte sich mit kalter Kost und einer Flasche Wein begnügen, die man von Peking mit auf den Nankouschan geschleppt hatte.

Nach der Mahlzeit wanderten die viere das Tal hinunter, das sie vor mehreren Stunden aufwärtssteigend passiert hatten. Ab und zu begegneten sie Kamelkarawanen, denen ein kleiner Esel vorantrabte. Schwarze, verwilderte Kerle mit rotbraunen Gesichtern, denen man nicht gerne zwischen Tag und Dunkel begegnen möchte, hatten die geduldigen Wüstenschiffe am Schwanze gepackt und ließen sich von ihnen an den steilen Wegstellen emporziehen. Wer denkt bei uns zu Hause, wenn er den duftenden Karawanentee mit Behagen schlürft, daran, daß die gleichen Tiere das köstliche Kraut viele Wochen lang vom Peiho nach dem Baikalsee schleppen?

Die gedankenvoll talwärts schreitenden Wanderer hatten allen Grund, auf die Steine am Wege zu achten, damit sie nicht zu Fall kamen. Sie erschraken deshalb, als sie unvermutet hinter sich in der Höhe den Abendzug von Kalgan her rauschen hörten. Jetzt nur rasche 409 Schritte machen, um die nächste Station zu erreichen, hieß es, bevor er über Schleifen und Brücken hinweg in die Tiefe gedonnert war. Es glückte eben noch, und alle waren froh, als sie mit einbrechender Nacht in Nankou waren und im neuen Railway-Hotel bei der Eisenbahnstation Unterkunft fanden.

Die Speisekarte versprach von exotischen Genüssen Soleier, Kälberbraten und Salat und lieferte diese auch. Beim Schlafengehen sah der schlaue Hotelbesitzer seine Gäste, die dem Weine gut zugesprochen hatten, noch einmal prüfend an, und ließ dann dem Dr. Ebenich durch seinen Dolmetscher sagen: Er komme auf eine Matratze zu liegen, auf der vor fünf Tagen erst ein Prinz genächtigt habe.

Als Ebenich ihm bedeuten ließ: Ihn geniere dies nicht weiter, vorausgesetzt, daß sein Vorgänger kein Ungeziefer zurückgelassen habe und ihm kein höherer Preis berechnet werde, wie jedem anderen auch, verschwand der Wirt und kam strahlend vor Stolz mit dem aufgeschlagenen Fremdenbuch wieder. Da stand denn in der Tat auf einer frischen Seite mit großen kraftvollen Buchstaben hingemalt: »Waldemar, Prinz von Preußen.«

»Ein gefährliches Nachtlager,« sagte Herr Tierbach. »Werden Sie sich nicht eine Krone auf den Kopf träumen und morgen früh an Größenwahnsinn leiden? Zwei Paar Stiefel übereinander anziehen, bei Tag im Bett liegen, Senf mit dem Löffel essen und Zunder rauchen?« »Keine Angst, Herr Tierbach, ich werde mich zu beherrschen wissen,« entgegnete Ebenich. »Ich hoffe einzig nur, daß das Bett nicht nach dem Schnupftabak des großen Friedrich riecht, dann wäre ich 410 allerdings nicht sicher, ob ich schlafen kann, weil ich zu leicht niesen muß.« Und er streckte sich auf der elenden Pritsche aus und schlief unter der Decke eines Kameltreibers traumlos, bis er gegen sechs Uhr des Morgens das Klappern von Hufeisen auf den Pflastern des Hofes hörte. Er öffnete das Fenster und schaute in den kalten, klaren Herbstmorgen hinaus. Über den Gipfeln des nahen Nan-kou-schan lag ein rosiger Schein und versprach einen hellen, sonnigen Tag zur Reise nach den Minggräbern. Die sechs Esel, die mit drei Treibern im Hofe standen, sahen gut genährt und stark aus und schienen wohl geeignet, sechs Reiter, die nicht allzu beleibt waren, zehn Kilometer weit nach den Kaisergräbern hinzutragen. Einer der Grauen streckte sich und fing an zu schreien. Gleich nach ihm hörte man im Hausgang die Stimme des Herrn Lindner, der nach seinen Stiefeln verlangte. Ein Kuli lief mit einer Milchkanne über den Hof und ein leiser Mokkageruch drängte sich durch die Türspalten. Die Eseltreiber beobachteten alle diese Zeichen des nahen Aufbruchs genau, hörten auf zu gähnen und schnallten am Sattelzeug der Esel herum. Herr Tierbach war zuerst mit seinem Frühstück fertig geworden, trat mit der Reitpeitsche in den Hof und schwang sich in den Sattel. Herr Lindner und der Dolmetscher taten's ihm nach. Ebenich wollte seine Schenkel vor dem Reitweh bewahren und zog es deshalb vor, zu Fuß zu gehen. Zwischen Wohnhaus und Stall führte ein Rattenwinkel direkt ins Feld hinaus.

Rüben zur Rechten, Rüben zur Linken, wer will es den Eseln verdenken, wenn ab und zu einer von 411 ihnen mit dem Kopf auf die Erde langte und solch delikates Futter mit den Zähnen am Schopfe faßte? Die Sonne war indessen im Osten als feurige Kugel emporgestiegen und leuchtete über die unendliche Fläche hin, die nur nordwärts durch den Nan-kou-schan eine Begrenzung fand. Wie die kleine Karawane langsam so durch die Felder hinzog, verlegte ihr ein breites Flußbett plötzlich den Weg. Ein flaches Wasser drängte sich, mit großer Umständlichkeit in viele Rinnsale geteilt, zwischen größeren und kleineren Sandbänken durch. Wer die Hosen bis übers Knie emporgeschürzt trug, hätte wohl mit trockenen Kleidern ans andere Ufer gelangen können. Allein, wer mochte das wagen in der zweiten Hälfte des November, wo schon der Tau als feine Glasperlchen im Gestricke der Spinne schaukelte. Aber wozu hätte man denn auch den Esel mitgenommen. Ebenich überwand seinen Widerwillen gegen das Reiten und trat in den Steigbügel. Er setzte sich in den Sattel, als ob er eine Dame wäre, und ließ beide Beine an der rechten Brustseite des Langohrs herunterbaumeln. Das wurde ihm zum Verhängnis. Zwar ging das Tier still und geduldig seinen Schritt durch das Flußbett, als es aber die jenseitige Böschung ersteigen mußte, holte es zu einem energischen Anlauf aus. Damit hatte Ebenich nicht gerechnet. Er schwankte haltlos im Sattel und fiel zur Erde. Wäre er nun nicht mit dem rechten Fuß im Steigbügel hängen geblieben, so hätten er und sein Reittier ohne große Kosten geschieden sein können. So aber konnte er sich nicht vom Sattel lösen, und der Esel schleifte ihn wie einen Mantelsack hinter sich her. »Hilfe, Hilfe!« schrie der Doktor auf und 412 brachte mit den für chinesische Eselsohren ungewohnten Lauten den ungelehrten Grauen vollständig aus dem Konzept. Er fing an zu laufen und als er auch dadurch sein Anhängsel nicht los werden konnte, feuerte er mit den Hinterbeinen in die Luft, bis zum Glück für Dr. Ebenich der Bauchgurt riß, und er, der weitgereiste Mann, neben seinem Sattel in den Rübenfeldern liegen blieb.

Als die gesamte zwei- und vierbeinige Reisegesellschaft endlich versammelt war und dem Gefallenen auf die Beine geholfen hatte, stellte es sich heraus, daß der Schaden kein allzugroßer war. Die Hosen waren am Unterschenkel aufgerissen und über der Kniescheibe fehlte ein Stückchen Haut, so groß ungefähr, daß man daraus ein Brillenfutteral hätte machen können. Einerseits dieser Wunde wegen, andererseits deshalb, weil der Esel, den die Kaisergräber nicht interessierten, kehrtgemacht hatte und in seinen Stall nach Nankou zurückgelaufen war, mußte Ebenich jetzt unabänderlich zu Fuß gehen. Hinkend und nicht ohne Schmerzen kam er hinter der Kavalkade her in einem kleinen Gehöfte an, das vor dem ersten Torbogen an der Gräberstraße liegt. Die Häuser waren planlos ins Feld hineingestellt. Straße war, was menschlich und tierisch Gebein von einer Haustür zur andern in den mageren Lehmboden hineingetreten hatte. Im Schatten eines Buchsbaumes hatte der Doktor sich niedergelassen und versuchte mit Hilfe eines Taschentuches sein Knie zu verbinden. Da kam ein Hammel des Weges, blieb stehen, sah dem Verwundeten zu und plärrte in die Luft hinein. Bald kam zu dem einen Schaf ein zweites, ein drittes, bis es 413 zuletzt eine ganze Herde war. Auch der Hirt ließ nicht lange auf sich warten. Er winkte mit seinem Stabe nach einem Gehöfte hin, und Weiber stellten sich ein und betrachteten die seltsame Kreatur, die so bleich und zitternd, gottverlassen mit blutendem Knie da vor ihnen saß. Neugierige Leute, die eines so mageren Schauspiels wegen ihre Arbeit im Stich ließen. Wäre es aber bei uns vielleicht anders, wenn in irgendeinem verlorenen Erdenwinkel einmal ein hilfloser Chinese auf einem Stein sitzen würde? Wie seltsam, daß der Mensch seinen Bruder, den Menschen, anstaunt, wenn er zufällig in einer anderen Livree steckt! O Vater Adam und du, Stammutter Eva, wie müßt ihr doch das Feigenblatt verfluchen, das als erster Anfang einer Bekleidung all euere Kinder so himmelweit voneinander getrennt hat.

Da Ebenich nicht abwarten mochte, bis das ganze Dorf um ihn versammelt war, so erhob er sich und humpelte seinen Genossen nach, dem Torbogen entgegen. Er war vom Anblick dieses feinen Marmorbaues im höchsten 414 Grade überrascht. Dieser Bogen konnte ebensogut an den Ufern des Arno oder der Seine stehen, wie in der tatarischen Einsamkeit. Groß und mächtig in der Anlage seiner Sockel steigt er zu einer erhabenen Höhe empor, während fünf gewaltige Gewölbe die Straße überspringen. Wer sich zwischen die Pfeiler der mittleren Wölbung stellt und nordwärts blickt, hat eine schnurgerade Straße vor sich, die von einer Anzahl kleinerer Tore überbrückt wird. Wie in dem Tubus eines ausgezogen Fernrohres legt sich Ring hinter Ring, bis ganz am Ende der Perspektive in einem kleinen Kreise das säulenreiche Bild eines Grabtempels erscheint.

Wandert man auf der Straße der Toten Kaiser weiter, so kommt man an eine verfallene Brücke, die den letzten Kaiser aus dem Hause der Mingdynastie nur als Ruine überlebt hat. Steinfließen bedecken von jetzt ab den Boden. Ohne große Erschütterung des Wagens konnte von hier an die verblichene Majestät ihren Weg nach der ewigen Ruhe fortsetzen. Rechts und links sind steinerne Wächter am Wege aufgestellt. Löwen zuerst, dann Einhörner, Kamele, Pferde und zu guter Letzt Soldaten, Mandarinen und Priester. Wenn man die kolossalen Monolithe ansieht, aus denen die Bilder gefertigt sind, so muß man sich wundern, wie es möglich war, daß sie aus meilenweiten Fernen vielleicht an diese Stelle verbracht werden konnten. Manche der schweren Kolosse sind zur Hälfte schon in die Erde gesunken. Andere stehen schief und der nächste Platzregen kann ihre Fundamente unterwaschen und die ungefügigen Riesen zu Fall bringen.

Ebenich ging durch diese seltsame Allee hindurch mit 415 dem Gefühle, daß alle Anstrengungen, auch der Mächtigsten dieser Erde, umsonst sind, sich im Gedächtnis der Menschen zu erhalten. Wer in aller Welt kennt auch nur die Namen jener Herrscher, die, von Sphinxen bewacht, im Niltal unter Pyramiden schlummern? Verlorene Liebesmühe, sich mit Tigertatzen an der Erde festkrallen zu wollen. ›Das Schicksal setzt den Hobel an und hobelt alles gleich,‹ summte Ebenich vor sich hin und humpelte seinen Genossen nach, die mit ihren Eseln schon am grünen Saume eines der Vorberge harrten, die, mit üppigem Nadelholz bewachsen, aus dem grauen Talkessel aufsteigen. Rote Dächer, mit schweifringelnden Drachen bekrönt, steigen hinter Ahornbäumen und Zedern in die Luft hinaus, während rote Mauern sich durch Buchsbaumdickicht schlängeln und eine Totenstätte von der anderen trennen.

Man schlägt wider den Gong eines Eisentores und ein Wächter kommt die Treppen herunter, um zu öffnen, nachdem er die Silbermünzen zwischen den Fingern der Einlaßbegehrenden gesehen hat. Nun beginnt hinter dem Davoneilenden her ein steiler Anstieg die vielen 416 Stufen empor, die nach dem Grabtempel Yung-Los des großen Kaisers hinaufführen. Im Jahre 1425 ist er hier zur Ruhe gegangen und mehr noch als seine Untertanen hat der Wald des Nan-kou-schan um ihn getrauert. Viele Hunderte seiner Zedernstämme mußte er hingeben, bis die hehre Säulenhalle erstellt war, über deren Architraven sich eine getäfelte Kassettendecke breitet von seltener Schönheit. Licht flutet herein und beleuchtet eine weiße Ahnentafel, die viel Rühmliches von verblichenen Geschlechtern zu berichten weiß. Aber es zeigt auch mit betrübender Deutlichkeit die Löcher im Fußboden, die Spinnweben an der Wand und viel welkes Ahornlaub, das wie Fledermäuse durch den leeren Raum hin- und herflattert. Wehe dem Diener, der es versäumt hätte, dem lebenden Herrn die lästige Fliege mit dem Pfauenwedel von der Hand zu scheuchen. Und wer fragt nach dem toten Herrn, wenn die Grabkammer undicht ist und die Ratten sein Gebein benagen?

Höfe schließen sich an die Hauptallee des Grabtempels an. Torbogen, Vasen, Altäre und bronzene Laternen sind darin aufgestellt. Der weitgeöffnete Rachen eines Fabeltieres droht von der Dachkante herunter.

»Machen wir, daß wir fortkommen,« mahnte Herr Lindner. »Sie sind ein schlechter Fußgänger heute, mein verehrter Doktor, und die Nacht steigt schnell von den Schluchten nach den Bergesgipfeln.«

Die Reisegesellschaft trat aus dem Tempel mit den rotlackierten Säulen heraus und stand im Vorhof. Rechts und links auf den bewaldeten Vorbergen sah man rote Dächer über glänzenden Säulenstellungen schweben. Das alles sind Gräber von Kaisern, deren dreizehn in dem 417 einsamen Tale schlummern und trotz der kaiserlichen Ohren die Stimme nicht hören, die im Frühling sogar dem Engerling zuruft, daß es Zeit wäre, aufzuwachen und ein Maikäfer zu werden.

Sehensmüde war die Reisegesellschaft die Granittreppe hinuntergestiegen, und wer auch nur den Torso von einem Esel hatte, setzte sich darauf. In schärfster Gangart wollte jeder gegen Nankou hin davonreiten. Doch das ging nicht, weil man den armen Doktor mit seinem wunden Knie nicht zurücklassen durfte. So bewegte sich denn der Zug nur langsam durch die steinerne Allee dem Torbogen zu und von da in die Rübenfelder der Ebene hinein.

Die Eseltreiber drängten zur Eile. Sie wollten wenigstens beim Zwielicht noch den Fluß erreichen, um die Furt nicht zu verfehlen. Vergebliches Bemühen. Die Nacht war mit unheimlicher Geschwindigkeit hinter Menschen und Tieren her. Der Pfad über die Äcker war kaum mehr zu erkennen. Was zu Fuß ging stolperte. Doktor Ebenich nicht weniger als die Esel. Wie sollte das nun am Flusse werden, wenn man über die Böschung hinunter nach dem Wasserspiegel wollte und nun gar an einer verkehrten Stelle durch den Fluß zum andern Ufer hinüber?

Ob die Herren Tierbach und Lindner in diesem Augenblick ihr zufälliges Zusammentreffen mit dem lendenlahmen Doktor für ein Glück ansahen, kann mit Recht bezweifelt werden, obwohl sie höflich genug waren, sich nicht zu beklagen.

Da mit einem Male, was war denn das? Tanzten da im Vorblick nicht Irrlichter herum? Gelbe, rote 418 und grünliche Irrlichter, die sich zuweilen eines über das andere erhoben, sich verdeckten, verschwanden und wieder zum Vorschein kamen? Wer nicht an den Spuk der Irrlichter glaubte, nahm an, daß vielleicht eine Reisegesellschaft in der Nacht die Kaisergräber besuchen wollte, und freute sich des glücklichen Zufalls, der jedenfalls den Vorteil bot, daß mit seiner Hilfe die Furt ohne Schwierigkeit aufzufinden war. So steuerte denn die Karawane direkt auf die Lichter zu. Der Schein wurde heller. Was Punkt war, wurde Kugel und schließlich überzeugte man sich, daß man gerade am Flußufer große bunte Lampions vor sich hatte, deren Schein farbenfroh über die eilenden Wellen zu den Reisenden herübertanzte. Welche göttliche Vorsehung hatte nun gar unter die Lampions bezopfte Kerle gestellt, die sie an langen Stecken trugen, so daß sie ausgestreckt beinahe bis in die Hälfte des Wasserlaufes hineinreichten?

Es war gar keine Vorsehung, sondern der Wirt vom Railway-Hotel, der dem Himmel unter die Arme griff. Als der gute Mann merkte, daß die Nacht kam, und seine Gäste noch nicht zu Hause waren, wurde er besorgt um sie und schickte seine Knechte aus, ihnen über den Fluß zu leuchten. Um wie vieles altruistischer müßte ein christlicher Schwarzwaldwirt denken lernen, bis er sich zu einer solchen Tat ermannen könnte!

Ebenich fand sogar am Flußufer seinen Esel wieder. Die Knechte aus Nankou hatten den Ausreißer mitgebracht und der wegemüde Doktor hängte sich wie ein Zwergsack über den Sattel. So kam er trockenen Fußes nach Nankou und am gleichen Abend noch mit der Bahn nach Peking hinein.

419 Am nächsten Morgen schon hatte der Zug die beiden Ingenieure nach dem Süden entführt und Ebenich saß als einziger Europäer im fünften Stock des Schlafwagenhotels und langweilte sich nach allen Regeln der Kunst. Was hätte er anfangen sollen? Durch die Straßen fegte noch immer der eisige Nordwind und trieb alles, was Beine hatte, in den Schutz der Mauern hinein. Man glaubt es nicht, wie leer eine Stadt in der Kälte werden kann, wenn es ihren Bewohnern an warmer Kleidung und Schuhen fehlt, denn schließlich bleibt auch der zu Hause, der beides hat, weil er sich vor dem unheimlichen Widerhall seiner Tritte in den öden Gassen fürchtet. So gingen unter Schlafen, Lesen, Essen und Trinken für Ebenich fünf lange Tage herum, und der 9. Dezember war gekommen. »Abends um 8 Uhr wird der Zug vor dem Hadamönnbahnhof stehen,« sagte der Hotelmandarine. »Ihre Koffer sind bereits ans Gepäckbureau abgeliefert.«

Ebenich freute sich auf die Stunde der Abfahrt, obwohl die Gewißheit einer sechzehntägigen Eisenbahnreise wenig Verlockendes für sich hat. Da es stark finster war und der Weg noch zu dem niedrigen Tunnel der Stadtmauer führte, so schritten zwei Lampionsträger neben ihm her, weil es ohne diese immer noch möglich gewesen wäre, daß man den spärlich beleuchteten Bahnhof übersehen hätte. Wer mit dem Trinkgeld nicht geizt, hat auf der sibirischen Bahn bald ein gutes Abteil gefunden, denn die Schlafwagen und überhaupt alles rollende Material ist besser als bei uns. Das ist der Vorteil, der einem Volke in den Schoß fällt, das eine fremde Kultur fertig übernimmt, daß es deren 420 Entwicklungskrankheiten nicht mit durchzumachen braucht. Von den mehr als primitiven deutschen Sommerwagen der Anfangszeit bis zu den Pullmancars war's ein weiter Weg, den das rückständige China glatt übersprang. Ebenich war deshalb nicht wenig erstaunt, als er in dem ihm zugewiesenen Kupee ein sauberes Bett neben einem Nachttischchen fand, das von einer elektrischen Glühbirne überstrahlt war. Ein Gefühl des Zuhauseseins kam gar beseligend über ihn, als der Schaffner dem Doktor andeutete, er werde allein bleiben, er könne die Tür abschließen und sich niederlegen. Ebenich hatte gute Ohren, und Dinge, die man gern hört, brauchen einem nicht zweimal gesagt zu werden. Er streckte sich unter die seidenweiche Steppdecke, rauchte noch eine Zigarre zu Ende und schlief erst ein, als der Zug lange schon zwischen den Bäumen des kaiserlichen Wildparkes hinjagte.

Einige Stunden mochte er immerhin schon geschlafen haben, da wurde er durch ein ungestümes Rütteln an der Kupeetür geweckt und er merkte, daß der Zug auf einem größeren Bahnhof hielt.

›Sollte das Tientsin sein,‹ dachte er für sich, ›und sollte da irgendeiner versuchen, zu mir hereinzuwollen? Er wird wo anders nach einem Unterkommen suchen müssen. Bevor ich aus dem Bette gehe, müssen schon die Achsen brennen, um welche die Räder laufen,‹ und er merkte mit Freuden, daß das Pochen nachließ und der Zug weiterrollte und schlief wieder ein.

Als er abermals wach wurde, guckte die blanke Scheibe einer kalten Wintersonne durchs Fenster und beleuchtete rechts von der Fahrtrichtung die weißen Segel eines Fünfmasters, der offenbar auf den Wassern 421 des Golfs von Liau-Tung sich wiegte, ohne daß von der Meerflut auch nur eine einzige Schaumflocke zu sehen gewesen wäre.

Ebenich war seine Einsamkeit, jetzt wo er ausgeschlafen hatte, müde geworden. Ihn verlangte nach Menschen. Er hatte so das Gefühl, daß das Schicksal ihm noch einen siebenten Schwaben schuldig sei, als Nachtisch zu den sechs anderen, die er bereits genossen hatte. Er kleidete sich um und ging nach dem Speisesalon. Wen traf er da beim Frühstück? Frau Thiele nebst Gemahl. Der letztere hatte den Orden von den drei Ähren nicht im Knopfloch und sah auch nicht sehr glücklich aus, was man entschuldigen wird, wenn man weiß, daß er jetzt gezwungen war, sich aufs neue eine Existenz zu suchen. Ebenich fragte, ob die Herrschaften nicht wüßten, wer von Deutschen sonst noch im Zuge sei. Es sei doch wünschenswert, daß man sich gegenseitig kennen lerne. Nein, man brauche ja keinen Kegelklub zu gründen, aber die lange Reise mache doch ein landsmannschaftliches Zusammenhalten erwünscht.

»Wir selber sind mit unseren Mitreisenden noch wenig bekannt,« bemerkte Frau Thiele. »Allein ich habe heute morgen im Vorbeigehen an Nr. 12 einen Menschen lachen hören, der nur ein Deutscher sein kann. Er lachte, daß man fürchten mußte, es hagelte Hosenknöpfe. Ich bin über manchen Breitegrad unserer Erde hinübergeturnt, aber ich erinnere mich nicht, daß ich je ein so herzliches Lachen vernommen hätte, es sei denn im Neckartal auf einem Leichenschmaus. Vielleicht ist der Mann ein Württemberger.«

›Sollte das am Ende gar der siebente Schwabe sein, 422 der noch am Spieße fehlt?‹ dachte Ebenich und machte sich auf die Suche, den langen Gang hinunter, der in dem Harmonikazug an allen Türen vorüberleitete. Er war nur wenige Schritte gegangen, als ihm aus einer halbgeöffneten Tür eine neue Lachsalve entgegenschallte. Begierig, den vergnügten Herrn kennen zu lernen, ließ er das Futteral seiner Brille fallen, bückte sich danach und tat so, als ob er Schwierigkeiten hätte, es wieder aufzufinden. Während dieser fingierten Bemühungen hörte er, wie eine zarte Frauenstimme den Namen Ebenich nannte und leise hinzufügte: »Da wäre er ja, er eben ist der Verfasser.«

»Nun aber Platz gemacht und herein mit ihm in die gute Stube,« tönte eine breite Männerstimme. »So einer fehlt noch gerade. Nun sind wir sicher, daß wir nicht rostig in Berlin ankommen. Ihre Geige, Fräulein, und seine Erzählerkunst sollen uns blank halten, wie der Scheuerlappen die Kupferpfanne,« und bevor Ebenich noch seine Gestalt zu ihrer vollen Größe aufgerichtet hatte, fühlte er sich an den Schultern gefaßt und zu einer fidelen Gesellschaft ins Kupee hineingezogen. Er kam neben einen dicken Herrn zu sitzen, der sich als Ingenieur Graf vorstellte und unter Ausdrücken stürmischer Heiterkeit erklärte, daß er im Begriffe sei, seiner Frau und der übrigen Gesellschaft soeben ein Buch von einem Manne vorzulesen, der mit Ebenichs Zähnen kaue und mit seinen Augen in die Welt gesehen habe.

Man lachte natürlich über diese Bemerkung, und da der Doktor keine Ursache hatte, mitzulachen, so sah er sich die Gesichter seiner neuen Umgebung an.

»Sie hier, Fräulein Wöllenstadt,« jubelte es plötzlich 423 aus ihm heraus. »Hat man Sie in China ziehen lassen, und haben Sie Ihre Geige mitgebracht?«

»Beides trifft zu,« sagte Herr Graf, der Künstlerin die Antwort wegnehmend. »Ich schlage vor, wir gründen eine Schmiere, musizieren vor den Haustüren und legen unsere Verdienste des Abends bei den sibirischen Schankwirten in Talglichtern und Wutki an. So kommen wir, wenn's auch eine Weile dauern sollte, schließlich auch noch über den Ural hinüber.«

Man lachte abermals, während ein blonder junger Mann einen Geigenkasten öffnete und dem Fräulein Wöllenstadt mit dem Ausdruck einer stummen Bitte das Instrument überreichte. Die Künstlerin ließ sich nicht lange bitten. Sie griff nach dem Fiedelbogen und nun weinten und lachten in Schmerz und Freude, Sehnsucht und Liebe, wechselweise in dem engen Raume des Eisenbahnabteils auf und nieder. Herr Graf, der lustige Mann, wurde stumm. Er hatte die Hände über den gewaltigen Schenkeln ineinandergeschlungen und den Oberkörper in das Rückenpolster hineingepreßt. So saß er wie Buddha selber schweigend da, ganz nur Gefühl, ganz Rührung.

Diese erste musikalische Darbietung im Expreßzug der sibirischen Bahn hatte eine neue Reisegesellschaft zusammengeknetet. Ebenich lernte außer dem Ehepaar Graf in dem blonden jungen Mann einen liebenswürdigen Dänen kennen, der mit schwärmerischer Verehrung an der Künstlerin hing. Wenn Herr Graf an jeder Haltestelle den Zug verließ, um nach kurzer Zeit mit Wurst und Käse beladen wieder zu erscheinen, so kam der Däne mit Blumen wieder, oder mit einem 424 Nachtisch, der die Damen mit Entzücken erfüllte. So spielten sich von jetzt die Tage der langen Fahrt ab, ohne daß irgendein Mitglied des kleinen Kreises ihr Ende herbeigesehnt hätte.

Charbin war erreicht und brachte Menschenzuzug von Wladiwostok her. Russische Offiziere waren zugestiegen und hatten das gelegentliche Spiel der Künstlerin gehört. Nun war keine Ruhe mehr, bis sie sich auch einmal im Speisesaal nach der Abendmahlzeit hatte hören lassen. Kein Zweifel, der vornehme Russe weiß zu leben und er versteht es, den Rubel vornehm durch die Finger rollen zu lassen. Welches Nachtleben in der internationalen Gesellschaft des Speisesaales, wenn die Künstlerin den Raum verlassen hatte. Zum Knallen der Champagnerflaschen sang ein jeder, was die Heimat ihm an Liedern mitgegeben hatte, der Deutsche die Lorelei, der Italiener O Venetia, o benedetta und der Franzose die Marseillaise, und wenn es gegen den Refrain zuging, dann brüllten alle Nationalitäten im Chorus mit, und ohne Haager Friedenskonferenz war eine Völkerharmonie hergestellt, wie sie vertrauensseliger kaum gedacht werden kann.

Die geschäftigen Räder rollten bei Tag und Nacht und trugen das Reisepäck, einerlei ob es wachte oder schlief, lachte oder weinte, durch die kalte, verschneite Landschaft hin. Birkenwälder wechselten mit Nadelhölzern. China war im Süden liegen geblieben und man befand sich auf japanischem Boden. Mit der Station Mandschuria war die russische Grenze erreicht.

»Man wird längeren Aufenthalt haben,« flüsterte einer dem anderen verlegen zu.

425 »Sie werden die Koffer aufsperren, die Sachen herausreißen. Man wird einen Zoll zahlen müssen, der den Wert des Gegenstandes bedeutend übersteigt. O diese Russen, nein, wer nur erst dieses spitzbübische Mandschuria in seinem Rücken hätte,« so sagte mancher Biedermann, der die ehrliche Absicht hatte, den russischen Staat um ein paar Rubel zu betrügen.

Der Zug bremste, und die Grenzstation war erreicht. Mancher der Reisenden war unter einer Zigarettenwattierung zum Nilpferd angeschwollen, und manche Frau war guter Hoffnung geworden vom chinesischen Tee. So trat man verzagt und ohne Gottvertrauen auf den verschneiten Bahnsteig von Mandschuria. Ein majestätischer Herr, ein prunkender Pelzmantel, ein halber Großfürst, stand als Repräsentant des russischen Reiches da, um die Fahrgäste zu empfangen. Er legte die Hand zu militärischem Gruße an die Pelzmütze und fragte, direkt auf Ebenich losschreitend in tadellosem Deutsch: »Wünschen Sie, daß ich Ihr Gepäck verfrachte, verzolle usw., ohne alle Weiterungen für Sie, direkt Bahnhof Friedrichstraße Berlin?«

Der Doktor war von dieser Anrede höchstlich überrascht. Wer hatte den Mann beraten, daß er ihm das Nationale von der Nase herunterlesen konnte? Handelte er im Auftrage einer Behörde, oder trieb er sein Geschäft auf eigene Rechnung und Gefahr?

Da nirgends ein Fetzen von einer Uniform aus seinem Pelzmantel herausguckte, so war Ebenich geneigt, das letztere anzunehmen, und zögerte etwas mit der Antwort. Das bedeutete offenbar Zeitverlust für den hohen Herrn. Er hatte indessen einem Engländer in 426 seiner Muttersprache die gleiche Frage vorgelegt, einem Franzosen, einem Dänen und sie hatten yes gesagt und oui und ja. Nun hielt auch Ebenich mit seinem Ja nicht länger zurück und erhielt die Auskunft:

»Der Zug hat drei Stunden Aufenthalt. Sehen Sie sich in der Zeit die Stadt an. Eine halbe Stunde vor der Abfahrt finden Sie sich im Bahnhofsrestaurant ein, um Ihre Papiere in Empfang zu nehmen. Welche Bettnummer haben Sie übrigens?«

»Im Wagen sieben, Bettnummer sechzehn, aus vier Gegenständen besteht mein Gepäck,« war die Antwort.

Im Nu waren diese knappen Daten in ein Notizbuch eingetragen und Ebenich in Gnaden entlassen. Er bummelte ein wenig, wurde aber von einem steifen Nordostwind erfaßt und wie ein schwimmendes Segelboot zum Bahnhof zurückgetrieben. Unter dem Portale schon begegnete er dem erlauchten Zwischenhändler mit dem feudalen Pelzmantel. Huldvoll, als ob er den Stanislausorden aus der Brusttasche holen wollte, griff der Geschäftsträger in seine Kleider und überreichte dem Doktor einen mehrfach gesiegelten und überstempelten Ausweis über abgefertigte Gepäckstücke.

»Und für Verzollung, Transportgebühren und Ihre Bemühungen hätte ich zu zahlen?«

Der Biedermann nannte eine so geringe Summe, daß der Doktor in Versuchung kam zu fragen, ob denn für dieses Lausegeld nun auch richtig alles geschmuggelt sei, was er in seinem Koffer hatte, Seidenzeug, Cloisonnéarbeiten, Tee usw., besann sich aber noch rechtzeitig und verkörperte sein tiefes Dankgefühl in einem runden Rubelstück.

427 »Trinken Sie am Büfett den Regiewein Nr. 2,« sagte der ehrliche Makler noch, »er ist gut und nicht teuer,« griff an seine Mütze und verschwand.

Ebenich trat, um den guten Rat zu befolgen, in den Restaurationsraum und kam neben eine vornehme Dame zu sitzen.

»Ein merkwürdiges Volk diese Russen. Um sie ist mir nicht bange, wenn das Kindermädchen Polizei sterben sollte,« sagte die Fremde. »Haben Sie nun hier bei der Zollabfertigung einen uniformierten Beamten gesehen? Keine Dienstmütze, kein grauer Kragen und keine Spur von einem Säbel am Hosenbein, und doch versichere ich Ihnen, kommen die Reiseeffekten über tausend Meilen hin so sicher an ihrem Bestimmungsorte an, als ob sie von Berlin nach Spandau geschickt worden wären.«

»Sie mögen recht haben, meine Gnädige. Ich fürchte nur, daß am Ende der Staatssäckel der einzige Leidtragende da ist, wo diese Art von Ordnung im Lande herrscht.«

»Nun so lassen Sie doch die Staatskasse ein wenig zu kurz kommen. Allein, wer in aller Welt will denn bei Heller und Pfennig sagen, was billiger ist, ein wenig Freibeuterei oder ein komplizierter Beamtenapparat, der Tag um Tag von den Staatsraufen sein Futter herunterkaut? Wenn nur die Maschine gut läuft, mit welchem Öle sie geschmiert ist, kann uns einerlei sein.«

»Ganz mit einverstanden, nur darf dieses Schmierfett sich nicht nachträglich noch auf dem Steuerzettel unangenehm bemerkbar machen.«

»Niemand, der die Verhältnisse kennt, wird sagen, daß dies im Zarenreich der Fall ist. Sehen Sie, ich 428 bin geborene Amerikanerin und lebe gerne in Rußland. Mein Mann ist Staatsrat und wir zahlen von seinem Beamteneinkommen nicht einen Pfennig Steuer.«

»Man würde sich in Deutschland genieren, so etwas laut zu sagen, weil man der Ansicht ist, daß das Steuerzahlen zu den ersten Pflichten eines guten Patrioten gehört.«

»Gut und weil Sie dies zu sein glauben, machen Sie viele sinnlose Umwege. Warum soll mein Mann Steuern zahlen, wo er doch mitschieben muß, wenn der Staatswagen gut laufen soll? Ist das nicht, als wenn man dem Kondukteur zumuten wollte, ein Billett zu lösen, wo er doch den Zug begleiten soll? Nehmen wir einmal an: Deutschland zahlt einem Schulmeister tausend Mark jährlichen Gehalt und nimmt ihm davon wieder fünfundsiebzig Mark an Steuern ab. Wäre es da nicht einfacher gewesen, man hätte dem armen Teufel nur neunhundertfünfundzwanzig Mark gegeben. Wieviel Steuerbeamte könnten in Wegfall kommen, wieviel Schuhsohlen würden gespart, Federn und Tinte, wenn dieses Prinzip im Reiche zur Durchführung gebracht würde. Sie haben die soziale Gesetzgebung durchgeführt und tun so, als ob die Welt sie darob anstaunen müsse. Wer hat herausgerechnet, was der umständliche Apparat an Verwaltungskosten verschlingt? Nehmen wir an: Ein gesunder Arbeiter zahlt dreißig Jahre in seine Krankenkasse und im einunddreißigsten läßt er sich von seinem Bagatelldoktor einen Zahn ziehen. Wissen Sie, daß die Operation den Mann über zweitausend Mark kostet? Wenn Deutschland das Volk der Denker ist, warum kommt niemand auf den Gedanken, daß das 429 Dienstmädchen sein Geld am Samstag besser auf die Sparkasse tragen würde, wo man es ihm umsonst verwaltet und ihm sogar noch vier Prozent bezahlt? Sie wollen mich hier unterbrechen, weil Sie einwenden wollen: ›Aber sie wird es nicht tun.‹«

»Ist dem so?« Da Ebenich mit dem Kopfe nickte, fuhr sie fort: »Nun dann habt ihr die Milliarden für euere Schulhausbauten umsonst ausgegeben. Denn ich denke mir, einen Menschen erziehen, heißt doch wohl, ihn fähig machen, sein Geschick in die eigene Hand zu nehmen. Oder denken Sie, daß der Staat hinter jeden ein Kindsmädel stellen soll?«

Ebenich war herzlich froh, daß er diese Frage nicht mehr zu beantworten brauchte, weil der Schaffner kam und ausrief, daß der Train bereit stehe zur Abfahrt nach Tschita und dem Baikalsee. Rasch stieg er ein und legte sich, da es dunkelte, auf sein Bett. Eine Schraube schien sich in seinem Gehirn gelockert zu haben. Er merkte, seine Gedanken gingen nicht mehr wie das Pferd am Göpelwerk geduldig an der Stange. Die Fremde hatte ihm da eine Handvoll Nüsse mitgegeben, die schwer zu knacken waren. Gut, daß sie wenigstens nicht weiß, wieviel unrechtes Geld die Streikärzte im Jahre 1912 verschlungen haben und wieviel Millionen in die Taschen der Leipziger Advokaten geflossen sind; dachte er im Einschlafen.

Gar spärlich nur drang die nächste Morgenhelle durch die dickvereisten Scheiben. Ebenich mußte mit dem Fingernagel eine Lücke in die Eisblumen kratzen, wenn er von Transbaikalien irgend etwas sehen wollte. Als er aber mit seinem Guckloch fertig war, 430 überraschte ihn ein ungewohntes Bild. Einsam, im tief verschneiten Gelände, von allen Winden umstrichen, stand ein gewaltiges Kreuz, auf dessen rohgezimmerten Balken man den nackten Holzkörper des geopferten Gottmenschen aufgenagelt hatte. Wieviel tausend Male schon hatte nicht Ebenich von Kindesbeinen auf dieses Zeichen der Erlösung gesehen und wie war es ihm zu Hause so gleichgültig geworden. Wie anders wirkte dies Zeichen hier, wo er es kaum gesucht, ja kaum vermutet hatte. Hier stand es in seiner glorreichen Einsamkeit wie eine Völkermarke, die Weltanschauungen trennte. Hier Buddha, hier Jehova. Der Vorhof zu alten Tempeln stand offen. Ebenich brauchte nur einzutreten und er mußte sich wie zu Hause fühlen. Riefen da nicht auch die vertrauten Stimmen heimatlicher Glocken?

Und in der Tat, er hatte sich nicht getäuscht. Ein Summen drang an sein Ohr, das mit der Sprache der rollenden Räder nichts gemein hatte. Der sonore Klang weckte allzu beseligende Vorstellungen. Ebenich traute dem nicht ganz, was ihm seine Ohren sagten, er mußte die Augen mit zu Zeugen rufen. So hauchte er denn mit Leibeskräften gegen die vereiste Scheibe, bis er ein Loch erzeugt hatte, schier von der Größe einer Kegelkugel. Und nun gewahrte er auch, undeutlich zwar, aber doch mit keinem anderen Ding zu verwechseln, die weißen kettenbehangenen Kuppeldächer einer russischen Kirche auf dem Hintergrunde der öden, verschneiten Landschaft. Wie ein Gedanke huschte das Bild vorüber und der Wald setzte wieder ein mit Korkeichen, Birken und Buchen. Zuweilen trieb sich neben dem Bahnkörper ein Vierfüßer herum, den Ebenich, soweit sein enges 431 Guckloch ein Urteil erlaubte, für einen Wolf hielt. Möglich ist es immerhin, daß Meister Isegrim, dessen Fastenzeit in Sibirien ein halbes Jahr dauert, die Küchenabfälle der durchsausenden Züge aufzusuchen nicht verschmäht.

In romantischer Landschaft war man höher gestiegen und die Bahn hatte einen Tunnel durchfahren, der an seinem westlichen Eingang die Aufschrift trägt: »Zum Atlantischen Ozean« und auf seinem östlichen »Zum Großen Ozean«. Der Bergkamm, unter dem der Zug hineilt, bildet nämlich die Wasserscheide zwischen Jenissei und Amur. Weiter geht's, an Mongolen- und Burjätendörfern vorüber im Tale der Uda. Der Tag ist hell, die Sonne hat das Eis der Fensterscheiben heruntergeleckt, und man sieht den ausgelassenen Fluß zwischen waldigen Ufern hinschäumen. Nicht lange mehr und Myssowaja ist erreicht und der Baikalsee liegt vor den Reisenden. Es gibt einen längeren Aufenthalt. Die Lokomotiven der sibirischen Bahn leben von den Landesprodukten und werden bald mit Holz gefüttert, bald mit Naphtha, Steinkohlen oder Petroleum. Überall, wo ein solcher Nahrungswechsel eintritt, findet der Reisende 432 Gelegenheit, den Wagen zu verlassen und sich die eingeschlafenen Beine ein wenig in den Geländen um den Bahnhof herum munter zu treten. Herr Graf hatte die Führung der kleinen Reisegesellschaft aus dem engen Kupee heraus in die unendliche Weite eines schier unbegrenzten Horizontes übernommen. Da standen die paar winzig kleinen Menschen vor dem gewaltigen Silberspiegel des Baikal. Der Frost hatte seine Oberfläche in eine Marmorplatte umgestaltet, so daß keine Welle sich heben, kein Segel sich blähen, kein hungriger Fisch aus seinen Tiefen auftauchen konnte. Ja nicht einmal eine Fliege schwirrte übers Wasser hin, denn der Winter ist ein guter Insektenfänger. Leblos und starr liegt der See da, umrahmt von nackten Felsen, auf denen kein Strauch wuchert und kein Moos. Groß und gewaltig steht die rote Scheibe der Abendsonne über der Landschaft, aber auch sie ist tot und kalt und sie läßt uns im Zweifel, ob sie dem ersten Erdentage scheine oder dem letzten, wo des Bodens Gräber sich auftun werden, um ihre Toten herauszugeben. Wahrhaftig, man braucht sich nur den zürnenden Richter im wallenden weißen Barthaar in die kalte Himmelsbläue hineinzudenken und es ist einem ängstlich zumute, als ob der Tag der großen Abrechnung über einen gekommen wäre.

Myssowaja heißt die Station, von der aus man den Baikalsee in der Art überschauen kann und keiner wird diesen Namen je vergessen, der vor seinem unscheinbaren Bahnhofsgebäude jemals im Winterschnee gestanden hat. Ernst und von der Majestät einer solchen Landschaft gedemütigt, bestieg die Reisegesellschaft wieder die Trittbretter des Zuges und selbst der allzeit 433 aufgeräumte Herr Graf fand kein Wort der Laune oder des Witzes, um seine Umgebung aufzuheitern.

Die Räder rollten. Noch einen letzten Blick rechts hinaus über die unendliche Silberfläche hin und in die unendliche Sonnenscheibe hinein, dann zerhackten zweiunddreißig Tunnels der südlichen Gürtelbahn das imposante Bild, bis schließlich auch noch die Nacht kam und Erde und Himmel mit einem schwarzen Lack überpinselte.

Hell und Dunkel wechselten, derweilen die Reisenden wachten und schliefen, Skat spielten, Musik machten oder sich allerlei zu erzählen hatten. Wenn Ebenich kleine Schnurren vortrug, dann lachte Herr Graf, daß er blau wurde und von seiner besorgten Gattin geschüttelt werden mußte, während der blonde Däne immer zerstreut schien und mit seinen blauen Augen in den sanften Zügen der gottbegnadeten Künstlerin grasen ging. So hatte man Irkutsk hinter sich gebracht, den Jenissei und Ob auf hoher Brücke übersprungen und näherte sich im Steppengelände der ehemaligen Verbrecherkolonie Omsk. Über verschneite Bodenwellen herüber schauten niedere Holzbauten und die Zwiebeldächer der Kirchtürme armer Kosakendörfer, während eingefrorene Dampfer und Dschunken auf dem Eise des Irtysch überwinterten. Πάντα ῥεῖ sagt Heraklit und hat vielleicht überall recht mit diesem Ausspruch, nur in Sibirien nicht, wo im Winter sogar das Wasser das Fließen verlernt. Bei zwanzig Grad Kälte erstarrt der Irtysch bis auf den Grund zu einem soliden Eisblock und wird dann zur besten Straße, die es in allen Breitegraden der Erde nur geben kann. 434 Bei lustigem Schellengeläute fliegt die Troika mit dem leichten Schlitten hinter den dampfenden Pferden über das Eis hin der luftigen Wintermesse von Omsk entgegen, während der Muschik mit der Matuschka, die nicht gerade notwendig seine Frau zu sein braucht, sich im warmen Pelze aneinanderschmiegen. Ja, zu Omsk auf der Wintermesse geht es hoch her. Der Bauer setzt seinen Feldertrag in Geld um und einen Teil von diesem in Wutki und Grog. Dann kehrt er heim, bevor der »Tauwind kommt, ein wütender Stier, ein Zerstörer, der mit zornigen Hörnern das Eis bricht«, und lebt in den übrigen elf Monaten des Jahres von der Erinnerung an schöne Tage zu Omsk.

Was soll man sagen? Ist die Gegend milder geworden oder das Wetter? Die Schwarzerde guckt aus dem Schnee heraus, Steppenland, Moore und Salzseen lösen sich einander ab. Im wechselnden Bilde, das da draußen vorübergeschoben wird, erscheinen kirgisische Nomadenkarawanen, die zum Warenaustausch nach Petropawlowsk wandern und Tarantas für vornehmere Leute, die sich von struppigen Steppenpferdchen nach dem Markte in der Stadt ziehen lassen.

Tscheljabinsk ist erreicht, und der Chef du train verkündet seinen Fahrgästen, daß man Zeit habe, auszusteigen, da der Lokomotivwechsel mehr als vierzig Minuten in Anspruch nehmen würde. Vierzig Minuten! Man schenke sie einem, der gehängt werden soll, und er wird nach einem Priester schicken, um sich die Absolution erteilen zu lassen, als Billett zum Eintritt in die Himmelsseligkeiten.

Die meisten Insassen des Zuges hingen am Irdischen 435 und dachten noch nicht an die Himmelfahrt. Sie ließen sich, während der Zug ein anderes Vorspann bekam, und Graf und Ebenich Kaviar kauften, von geriebenen Tataren, Sarten und Baschkiren farbige Glasperlen für Uralsteine aufschmusen.

Der Schnee lag dichter als bei Omsk, aber er war nicht mehr so trocken. Die Kälte hatte nachgelassen und die Fensterscheiben waren den Schmuck ihrer Eisblumen glücklicherweise losgeworden. Man sah die schneebeladenen Fichtenäste des Uralgebirges sich unter ihrer weißen Last tief zur Erde neigen. Kaum daß sie Platz ließen für einen Holzschlitten, der mit seiner Last aus dem Winterwald herauswollte. Höher und höher kletterte der Zug ins Gebirge hinauf und man gewann einen Überblick über viele verschneite Gipfel hin. ›Das also ist der Ural, den ich mir in der Geographiestunde immer als eine wilde, von Bären durchzogene Einöde vorgestellt hatte‹, dachte Ebenich und betrachtete sich mit Befremden die Forstgärten, in denen die jungen Pflanzen standen, als ob sie in die Felder eines Schachbrettes hineingestellt wären. Dort zog sich ein schmaler Kahlhieb wie ein weißes Band über eine Bergeskuppe, aber er war rechtwinklig und fadengerade wie ein Stück Leinwand, das vom Webstuhl herunterläuft. Da und dort quälte sich ein klumpiger Rauch über das verschneite Dach einer niedrigen Hütte, von deren Haustür ein schmaler Pfad nach einem Heustadel hingetreten war. Kurzum, Ural und Schwarzwald glichen einander wie ein Ei dem andern gleicht, zumal in einer Zeit, wo beide gleich weiß sind.

Stunden des angenehmsten Schauens waren so 436 dahingegangen. Man saß im Salon vor einer Flasche Yaltawein, rauchte eine Zigarre und sah auf Bäume und Sträucher nieder, die unter einem Guß von weißer Schlagsahne ihre Wipfel neigten.

Nun konnte es nicht mehr lange währen, und die Station Urshum auf der Wasserscheide mußte erstiegen sein.

»Gleich kommen wir von Asien nach Europa hinüber. Merken Sie auf, daß Sie den Hopsa nicht verpassen, den die Bahn macht, wenn wir über den Graben fahren,« sagte Herr Graf und wurde mit einem solch grausamen Witz schier zum Mörder an sich selbst, denn sein Zwerchfell schien platzen zu wollen.

Ebenich lächelte nur, er war schon zu Schiff über die Wendekreise gefahren und kannte all die schnurrigen Bemerkungen, die auf Weltreisen gemacht zu werden pflegen. Aber er sah doch mit gespannter Aufmerksamkeit durch die Scheiben, um den Grenzobelisken nicht zu verpassen, der hier zwei Weltteile trennt. Aufgepaßt, da stand er ja unter schneegebeugten Fichtenästen. Langsam keuchte die schwer arbeitende Lokomotive an ihm vorüber und deutlich konnte man vom Zuge aus die Aufschrift lesen: »Europa – Asia.«

»Das war doch nun einmal ein gescheiter Gedanke, hier ein Denkmal herzusetzen,« bemerkte Herr Graf. »Da braucht keiner zu jammern: ›Vergeblich quälten sie den Stein.‹ Wie leicht könnte ohne seine Belehrung ein Handwerksbursche, ohne daß er es gemerkt hätte, in voller Unschuld von einem Weltteil in den anderen hineintreten. Durch solch ein Zeichen ist dies zur Unmöglichkeit geworden.«

Und Ebenich fuhr fort:

437 »Gewiß, und einzig durch diesen Stein weiß der Europäer, wo er anzufangen hat, den Asiaten geringzuschätzen. Woran sollte er es sonst wohl merken? Raben streichen durch die Luft und sie haben harte Schnäbel rechts und links der Grenze und schwarze Röcke. Füchse wechseln herüber und hinüber und haben scharfe Zähne, rote Haare und sind blutgierig und voll Hinterlist, und die Menschen sind ihnen gleich, weil man sie gelehrt hat, den zu hassen, der überm Graben wohnt. Liebet einander, hat einmal einer gesagt. Aber der war der erste Christ und, bei Gott dem Allwissenden, er war der einzige und er wurde mit Recht gekreuzigt.«

»Unter Pontius Pilatus,« fiel Herr Graf dem Doktor ins Wort. »Der Zug hält an der Station Urshum, wie wär's; wenn wir den Versuch machten, eine Tasse Bouillon zu ergattern?«

»Essenspause!« rief der Chef du train, und die ganze Reiseherde wälzte sich aus den Kupeetüren hinaus. Manche eilten zum Büfett, manche vergnügten sich mit Schneeballwerfen, und einigen anderen machte es Vergnügen, den Koloß von Rhodos zu übertrumpfen und den einen Fuß ins noch ältere Asien zu stellen, während der andere im alten Europa zurückblieb.

Ebenich hatte die Hände in den Pelzmantel gesteckt und pilgerte in hochgekrempelten Hosen im hohen Neuschnee auf und nieder, als er mit einem Male merkte, daß die schöne Künstlerin an seiner Seite gleichen Schritt mit ihm zu halten suchte.

»Kaum achtundvierzig Stunden noch und wir werden in Moskau sein,« sagte sie mit einem Zuge schmerzlicher Resignation um die sanften Augen.

438 »Und Sie werden sich von dem Dänen trennen müssen, der Ihnen gewiß auf der langen Fahrt ein lieber Genosse geworden ist.«

»Gewiß ist er dies, aber ich trenne mich nicht minder schwer auch von anderen Leuten. Da sind Herr und Frau Graf, die mir durch ihre Güte liebgeworden sind, und schließlich sind doch auch Sie noch da, den ich doch für immer verlieren muß. Wer so wie ich heimatlos ist und sozusagen wie ein verwelktes Blatt vom Winde des Zufalls durch die Länder getragen wird, der macht wohl hier und da den Versuch, an einer windstillen Ecke hängen zu bleiben.«

»Glücklich jener Mann, der in dieser Ecke stünde und zwei kräftige Arme hätte, wie ein richtiger Däne, um so eine kleine verirrte Mignon auffangen und festhalten zu können. Gestehen Sie's nur, mein Fräulein, Sie sind verliebt und wissen sich über dieses Ihr Gefühl noch nicht Rechenschaft zu geben.«

»Ach, daß es doch so schwer ist, die Menschen von einer vorgefaßten Meinung abzubringen. Dasselbe, was Sie unterstellen, glauben Grafs nämlich auch, und doch ist an der Sache, soweit ich daran beteiligt bin, kein wahres Wort,« sagte die Künstlerin und lenkte ihre Schritte etwas verstimmt dem offenstehenden Wagen entgegen.

Ebenich folgte ihr und saß kaum noch der schmollenden Schönen gegenüber, als der Zug anfing, sich zu bewegen und nun von den Höhen des Urals nach Europa hinunterrollte.

So eilig er es aber auch hatte, schneller noch als er lief die Nacht, und ehe er aus den bewaldeten 439 Tälern hinausgeschlüpft war, hatte sie ihn eingeholt und ließ ihn in einem dunklen Sack verschwinden.

Als man ausgeschlafen hatte, und es wieder hell wurde, war Samara im Winkel zwischen dem gleichnamigen Fluß und der Wolga erreicht. Eine halbe Stunde vielleicht ging es neben dem mit so vielen Fahrzeugen belebten Strome her, dann schlüpfte der Zug wie eine Ratte unter die gewaltigen Bogen der prächtigen Alexanderbrücke und erreichte das rechte Wolga-Ufer, das, wie seit vierzehn Tagen alles Land, unter einer weißen Schneehülle verborgen lag.

Tula kam und schwand, und ehe noch eine weitere Nacht ganz vorüber war, mußte Moskau vom Zuge erreicht sein. Schon machte sich in der Reisegesellschaft die Nomadenunruhe bemerkbar. Man fing an, die Zelte abzubrechen. Koffer wurden aus den Netzen heruntergeholt und Schlüssel wurden versuchsweise in die gewohnten Schlösser gesteckt. Riemen wurden an den Handtaschen festgeschnallt und hinter den Sitzpolstern angelten Finger nach entglittenen Zahnbürsten und Nagelscheren.

»Sie werden morgen um die gleiche Zeit gegen Petersburg hinausrattern, und Sie gegen Wien hinunter«, hörte man sagen, und hier und da trank einer den Rest seines Kognakbestandes aus und warf die Flasche durchs Fenster, um sich von überflüssigem Ballast zu befreien.

»Sie waren schon öfter in Moskau. Können Sie mir ein Hotel verraten, wo man gut und zu billigen Preisen aufgehoben ist?« fragte Ebenich einen französischen Unternehmer, der in Sibirien Bahnen gebaut hatte.

440 »Billig?« war die Gegenfrage. »Was verstehen Sie unter billig?«

»Nun, ich denke an ein Haus, in dem man für sechs bis acht Rubel ausreichend verpflegt sein sollte.«

»Dann gehen Sie zu Billo – Bolschaja Lubjanka. Unbedingt zu Billo. Denn sehen Sie, es gibt in der russischen Metropole Häuser, in denen das Geld von einem läuft, wie das Wasser vom Gletscher, wenn die Julisonne drauf brennt. Werden Sie mir glauben, daß ich und mein Kompagnon zusammen in Moskau schon einmal zwölfhundert Rubel für ein einziges Frühstück bezahlt haben?«

»Am guten Willen soll's nicht fehlen. Aber wenn Sie mir durch eine nähere Aufklärung die Höhe der Ausgabe einigermaßen wahrscheinlich machen können, so wäre ich Ihnen dankbar.«

»Von Herzen gern, nur darf ich wohl genügend Phantasie bei Ihnen voraussetzen, daß Sie sich ein Bild machen können, was es heißt, fünf Jahre lang Eisenbahnen zu bauen am Ussuri da unten, wo einen im Sommer fast die Schnaken fressen, während der Rauch der Burjätenhütten einem im Winter fast die Augen ausbeißt. Nun also, ausgedörrt und abgebrüht hat man ein solches Lustrum glücklich überstanden und kommt nun mit einem Sack voll Gold in eine Stadt, die nach Kultur riecht. Sie begreifen, daß man da einmal wieder Mensch sein möchte? Gut also, mein Kollege und ich kommen in Moskau an, zur gleichen Stunde etwa, in der wir morgen in der Kaiserstadt sein werden. Wir nehmen einen Schlitten und lassen uns nach einem der ersten Hotels hinfahren. Der leere 441 Frühstücksraum ist von einem breiten Kachelofen behaglich durchwärmt, und uns hat die Winterkälte durchfroren, aber auch durstig gemacht. Wir werfen uns in Fauteuils, bestellen eine Flasche Sekt und warten auf Gekochtes und Gebratenes. Es währt nicht lange, so streckt statt dessen so eine glutäugige Kaukasierin in duftiger Morgentoilette den schön frisierten Kopf zur Türe herein. Natürlich ist man höflich genug, sie zu einem Gläschen einzuladen. Sie nimmt mit Selbstverständlichkeit an, ruft aber, damit das Kleeblatt vierblättrig werde, noch eine Kollegin herbei. Wo Tauben sind, fliegen Tauben zu, und so werden aus zweien sechs, eine schöner als die andere, und es beginnt ein kleines Bacchanal. Geld spielt keine Rolle. Die Austernschalen springen auf, der Sekt schäumt über die Gläser, und am Ende des Gelages fliegt noch nach russischer Sitte das ganze Porzellan an die Wand. Begreifen Sie jetzt, daß Moskau auch bei niedrigen Fleischpreisen ein teueres Pflaster sein kann?«

Ebenich gab dies zu, versicherte aber, daß seine Tugend durch ein schwindsüchtiges Portemonnaie vor derlei Versuchungen mehr noch als ausreichend gesichert sei, und machte sich daran, auch sein Handgepäck auf Marschbereitschaft herzurichten. Wie er so all die Kleinigkeiten, Kämme, Seife, Kleiderbürste, verstaute und das vielvergriffene Wachsledertagebuch in die Brusttasche seines Rockes schob, fiel ihm ein, daß er nun bald vollends am Ende seiner Reise sei, ohne den siebenten Schwaben gefunden zu haben, nach dem er doch so eifrig gesucht hatte. Verdrießlich legte er den Kopf an das Rückenpolster seines Sitzes an. Der 442 ärgerliche Mangel an einem einzigen Württemberger, wo es deren doch ein paar Millionen gibt, hatte ihm einen schönen Plan vernichtet. In diesem Augenblick schweren Nachdenkens kam Herr Graf auf ihn zu.

»Wie denken Sie, mein verehrter Doktor,« sagte er mit strahlendem Gesicht, »unsere liebe Künstlerin hat uns auf der langen Reise so viele schöne Stunden bereitet, wollen wir ihr zu Ehren nicht heute abend eine kleine Abschiedsfeier veranstalten? Mit den russischen Reisebrüdern habe ich bereits gesprochen. Sie sind begeistert, die Franzosen entzückt, Italiener, Schweden und Spanier mit einverstanden, kurzum Europa war noch niemals in irgendeiner Frage so einig wie in dieser.«

»An mir soll's nicht fehlen,« erklärte Ebenich. »Wollte Gott, man wäre auf der Haager Konferenz so einig gewesen, wie wir es sind auf dieser Reise vom Stillen Ozean nach dem Atlantischen.«

Der Abend kam, wer Röllchen trug, drehte sie um nach der sauberen Seite. Andere schmückten sich mit der Feiertagskrawatte, bevor sie in den Speisewagen traten, und machten Sonntagsgesichter. Man schüttelte sich die Hände. Eines nötigte das andere zum Sitzen und schließlich aß man auch, während eine lebhafte Unterhaltung die Zeit ausfüllte zwischen den einzelnen Gängen. Auch Gläserklang wurde vernehmbar und steigerte sich zum Festgeläute sämtlicher Glocken, als ein geborener Festredner einen Toast auf die Künstlerin ausgebracht hatte.

Nun war es Zeit, daß die also Gefeierte zum Fiedelbogen griff, nachdem der gefällige Däne den Geigenkasten geöffnet und das Instrument dem Fräulein 443 überreicht hatte. Mit ernster Miene schob sie die Geige unter das runde Kinn und ließ den Bogen über die Saiten gleiten. Schön und rein und gefällig war jeder Ton, der sich unter dem Steg hervorarbeitete, aber es war keine Freude darin. Es war, als ob ein unerfülltes Sehnen sich wie ein banger, ewiger Rauhreif über den Garten der Seele legte und frostig die Veilchen knickte mitsamt dem hellgelben Laub der Maiglöckchen. »Ihr nagt ein Wurm am Herzen,« sagte Frau Graf ihrem Manne ins Ohr. »Ich fürchte, sie wird den Dänen schwer vermissen.«

»Den Dänen vermissen?« entgegnete dieser, »wo denkst du hin? Sie braucht sich ja nur nach ihm umzugucken, und er läuft ihr nach, wie das Kalb der Kuh. Ich wette, daß sie Zahnweh hat. Paß auf, wenn sie's nach einer Viertelstunde nicht selber sagt, dann kannst du mich, wie den Habakuk, zu den kleinen Propheten rechnen,« und er lachte wieder einmal, daß ihm schier der Atem ausging.

Dem Anschein nach behielt Herr Graf recht. Das Fräulein kam bald und flüsterte der mütterlichen Freundin irgend etwas zu. Dann war sie, um ihr Lager aufzusuchen, für immer aus dem Speisesaal verschwunden.

Als es eben wieder Tag wurde, donnerte der Zug in 444 den Nischnij-Nowgoroder Bahnhof zu Moskau hinein. Ein fürchterliches Wetter hatte sich aufgemacht, um die Reisenden zu empfangen. Es schneite von oben nach unten und von rechts nach links, von vorn nach hinten und sogar von unten nach oben. Wie man sich auch drehen und wenden mochte, sobald man nur die Augen zum Sehen gebrauchen wollte, hatte man eine Schneeflocke zwischen den Lidern sitzen. Was half's da, daß Ebenich sich ein paarmal um sich selber drehte, um Ausschau nach seinen Reisegenossen zu halten? Das einzige, was durch den Wintervorhang zu erkennen war, waren vermummte Gestalten, die ohne Hände schwere Gepäckstücke schleppten und sich mit verzogenen Gesichtern unter Dächer flüchteten oder in die erste beste offenstehende Tür hinein. Da war nun freilich an ein gerührtes Abschiednehmen nicht zu denken, und schöne Worte, die zu gefühlvollen Sätzen kunstvoll zusammengestellt waren, blieben leider ungesprochen. Ebenich warf sich in einen Schlitten hinein und rief dem Ifwoschtschik zu: »Hotel Billo!«

Das Schlittengeläute erklang, und los ging's in eine Großstadt hinein, von der man keine Häuser sah. Hätte nicht ab und zu die Straßenbahn den Kurs des Schlittens gekreuzt, man hätte glauben sollen, die Pferde trabten zwischen den Steppen hin. Endlich, nach manchem Schlängeln um Ecken herum, hielt das Gefährt vor einem unscheinbaren Gebäude, und der Kutscher nahm dem Doktor die verschneiten Pelzdecken von den Knien, um sie abzuschütteln. Ein Portier kam gelaufen und bezahlte die Fahrt auf einen Wink des Zugereisten hin. Welche auch immer von zwei Händen den Weg nach 445 der Hosentasche zurücklegen sollte, jede scheute sich vor dem Schnee, keine wollte aus dem warmen Pelzärmel heraus in die feuchte Kälte des Geriesels hinein. Nun waren die Formalitäten des Empfanges erledigt. Der Rosselenker war entlassen, und Ebenich stieg, nasse Fußspuren hinter sich lassend, das mollig warme Stiegenhaus empor. Ein befrackter Kellner wies ihm ein freundliches Zimmer an, aus dessen einer Ecke ein gewaltiger Kachelofen eine behagliche Wärme in die drei anderen hineinwarf. Ein paar Bilder an der Wand und eine braune Holzdecke verliehen dem Raume einen familiären Anstrich und ein aufgedecktes Federbett schien mit sanfter Frauenstimme sagen zu wollen: »Hier ruh' dich aus, du wandermüder Geselle! Die Erde wird sich auch, ohne daß du mitläufst, um ihre Achse drehen.«

Ebenich ließ sich von solchen Tönen leicht bestechen, und da die Fibrationsmassage einer vierzehntägigen Eisenbahnfahrt seine Nerven in eine zitternde Erregung versetzt hatte, so legte er sich ins Bett und deckte sich mit dem Vorsatz zu, am heutigen Tage überhaupt nicht mehr aufzustehen.

Er schlief und schlief, bis statt des Hahnenschreis in dunklen Gassen ihn das Wiehern eines Pferdes weckte. Er schlug die Augen auf und fand um sich die gleiche milde Dämmerung, unter deren müden Fittichen er eingeschlafen war. Er zog seine Uhr zu Rate und konstatierte, daß es sechs Uhr war, aber niemand und nichts war da, von dem er erfahren konnte, ob diese sechste einer Morgen- oder Abendstunde ähnlich sah. Auf gut Glück zog er sich an und stieg die Treppe hinunter. Im hell erleuchteten Vorraume des 446 Speisesaales hingen viele Pelzmäntel, und Dutzende von Gummischuhen standen wie nach einer Richtschnur aufgestellt an den Wänden entlang. Aus der Küche stieg ein berückender Bratengeruch herauf und Tellerklappern drang durch den Spalt der Schiebetüren an sein Ohr. Aus allen diesen Indizien folgerte Ebenich mit Recht, daß es Abend sein müsse, und er hatte sich in dieser Annahme nicht getäuscht. Als er in den Speisesaal eintrat, fand er viele wohlgenährte Gestalten vor, die mit breitem Rücken um wohlbesetzte Tafeln saßen und Messer und Gabel nicht schonten. Vielleicht hätte er diesen fleißigen Arbeitern noch eine Zeitlang zugesehen, wenn ihn nicht ein Kranz von befrackten Kellnern umstanden hätte, die alle seines Befehles harrten. Um diese erlauchte Gesellschaft nicht länger hinzuhalten, sah er sich nach einem leeren Stuhle um und bestellte in aller Harmlosigkeit ein Abendessen. Was man nun alles vor ihm auftischte, hätte genügt, um eine Kompagnie russischer Landwehrmänner sattzumachen. Ein Aal, so lang wie eine Säbelscheide, streckte Kopf und Schwanz noch über die Silberplatte hinaus, und eine braungebratene Gans war, wie der Altar des Propheten Elias, von einem Graben umgeben, in dem das Fett schwamm. Nun wußte Ebenich mit einem Male, warum die Staatsratsgattin von Mandschuria so für Rußland schwärmte. Und er wußte auch, daß die Zeitungsschreiber lügen, wenn sie von Zeit zu Zeit das arme russische Volk am Hungertyphus sterben lassen. Hatte er nicht überall auf den sibirischen Bahnhöfen die übervollen Metzgerläden bewundert, in denen man sich um den Preis von fünfzig Kopeken für zwei Tage 447 mit Fleischwaren verproviantieren konnte? Nein, Rußland ist ein reiches Land und Paul Rohrbach hat recht, wenn er sagt, ihm fehlen nur die eisfreien Häfen im Süden und es könnte die halbe Welt mit Nahrungsmitteln überschwemmen. O diese Zeitungsschreiber, man sollte sie neben die Karikaturmaler hängen, die immer dem russischen Bären die Deckelmütze schief aufs linke Ohr setzen und den Glauben erwecken, als ob er aus dem Schnapsrausch das ganze Jahr nicht herauskäme.

Von solchen Gedanken ließ sich Ebenich übrigens den Appetit nicht verderben. Er aß sämtliche Gänge bis zum Gorgonzolakäse durch und trank seine Flasche leer, ehe er, durch das Spalier ehrfurchtsvoller Kellner hindurchschreitend, wieder auf den Korridor kam.

»Ich finde, man treibt mit dem dienenden Personal in der russischen Hauptstadt einen gewaltigen Luxus,« redete er den Portier an. »Ein Drittel der Kellner wäre doch wohl ausreichend, die vorhandenen Gäste zu bedienen.«

»Sie mögen nicht unrecht haben. Übrigens ist unter dreien dieser Herren immer nur einer Kellner von Beruf. Die anderen sind Studenten, junge Kaufleute, Ingenieure oder etwas derart. Sie ziehen erst nach Schluß des Büros den Frack an, um in den Hotels auszuhelfen. Ihr Lohn ist von seiten des Wirtes ein freies Abendessen und von seiten der Gäste ein Trinkgeld. So etwas würden Sie sich an deutschen Studenten gar nicht herandenken können, und doch kann ich Ihnen versichern, daß auf dieser Leiter gar mancher arme Russe zu einflußreichen Staatsstellungen 448 emporgestiegen ist. Daß diese Herren nebenbei noch einen reichen Schatz von Sprachkenntnissen einsammeln, ist ein Nebenprodukt, das keineswegs gering zu veranschlagen ist.«

Als Ebenich mit einem so substantiellen Abendessen und mit solch neuen Gesichtspunkten beladen die Treppe nach seinem Zimmer emporstieg, kam ihm der Gedanke, er wolle seinen Aufenthalt in Moskau auf längere Zeit ausdehnen. Gewiß war hier viel Neues zu lernen, vor allem, wenn er noch einmal das Glück haben sollte, auf einen ortskundigen Schwaben zu stoßen, der dann gleichzeitig die heilige Zahl sieben vollmachte.

Zunächst schlief er aber einmal, und als am nächsten Morgen wieder einige Zentimeter Schnee gefallen waren, kaufte er sich ein Paar Galoschen und machte sich mit dem Stadtplan in der Hand auf den Weg, um den Kreml aufzusuchen. So einfach wie das bei der großen Ausdehnung dieser Anlage scheinen mochte, war es nun doch nicht, und Ebenich stand nach einer Viertelstunde nicht minder hilflos in Moskau, wie er vordem in Tientsin gestanden hatte. Nun fing er an die Vorübergehenden auf ihre Intelligenz zu mustern, und als er einen Herrn gefunden hatte, dem er von diesem Stoffe eine genügende Portion zutraute, redete er ihn zuerst in deutscher und dann in französischer Sprache an. Lächelnd, aber mit hilfsbereitem Gesicht schüttelte der Eingeborene den Kopf, während seine Augen in der Menge der Menschen suchten, die wie Treibholz auf dem Strom scheinbar ziellos dahintrieben. Plötzlich machte er einige entschlossene Schritte in den Menschenhaufen hinein, faßte einen aus der Menge mit starkem Griff und zog den alten Karpfen aufs Trottoir herauf.

449 Als Ebenich den Geangelten näher musterte, merkte er, daß ihm zwei schwarze Korkzieherlocken von den Ohren herunterhingen, während sein Skelett in einem spiegelnden Kaftan zu schlottern schien. Keine Frage, das, was der Menschenfischer da aus dem Feuchten gezogen hatte, war ein Jude. Eine krumme Nase, breite Hängelippen und zwei listige Äuglein bescheinigten genügend das Nationale, während eine mauschelnde Stimme fragte, ob der Baron nach dem Kaiserpalast, dem Kreml, hinwollte. Ebenich bejahte und nun war Rat geschaffen. Der Sohn Israels begleitete nicht nur seinen Schützling bis zur roten Mauer hin, sondern er gab ihm auch noch den guten Rat, er solle, wenn er wieder einmal mit seinen Sprachkenntnissen zu Ende sei, den ersten besten hakennasigen Hebräer beherzt am Genick packen. Er würde bei dieser Prozedur nicht gebissen werden, aber neunmal unter zehn Fällen Aufschluß über seine Fragen erhalten. Nach dieser Erklärung ging der Inhaber des schmierigen Kaftans seiner Wege und ließ den Doktor vor der »heiligen Pforte«, der zwanzig Meter hohen Zinnenmauer stehen. Modisch gekleidete Herren gingen vorüber und lüpften grüßend den Zylinderhut. Droschkenkutscher fuhren durchs Tor und schlugen ein großes Kreuz vom Kopf bis an den Nabel und über beide Schultern hin. Ein Pope kam in wallender Soutane und ließ sich gar trotz des tiefen Schnees mit über der Brust gekreuzten Armen auf beide Kniee fallen. Ebenich sah sich um, wem all der fromme Kultus gelten könne, und entdeckte dann über dem Tore ein Muttergottesbild, dem nun auch er eine tiefe Reverenz machte, bevor er seine Wanderung durch die weitläufige Stadt fortsetzte. Er 450 ging und kam an die Stelle, wo Anno neunzehnhundertfünf Großfürst Sergius durch Volksjustiz ermordet wurde. Aber wer kann auf dem Kreml an eine Stelle treten, wo nicht schon durch Tyrannenwillkür und Volkesrache Menschenblut vergossen worden wäre. Wohl ist der ganze Stadtteil unter den Schutz der heiligen Mutter Gottes gestellt. Aber wann und wo hätte je ein himmlischer Einfluß die Blutgier des menschlichen Raubtiers zu bändigen vermocht?

»Also hier streicht Er herum und gestern ist Er gesucht worden wie die Speckgriebe im Kartoffelsalat. Ja, mein lieber Doktor. Die beiden Grafs nebst der schönen Künstlerin – diese heilige Dreieinigkeit hat sich fast die Augen nach Ihnen blindgeguckt.«

Es war Herr Thiele, der dies sagte, und seine liebenswürdige Gattin bestätigte durch Kopfnicken die Worte des Gemahls.

»Jetzt sind sie wohl schon über die deutsche Grenze, und wer weiß, ob wir jemals eines von den Dreien wieder zu Gesicht bekommen,« fügte letztere bei und fuhr fort: »Mein Mann war schon des öfteren hier auf dem Kreml, wollen Sie nicht die Freundlichkeit haben, sich seiner Führung anzuvertrauen?«

Ebenich willigte mit Freuden ein und die kleine Gesellschaft stand nacheinander vor dem Denkmal des Zarbefreiers, vor der herabgestürzten Glocke, in den Gemächern des großen Napoleon und an den Silbersärgen ermordeter Despoten.

»Hier ruht neben den von seiner eigenen Hand erschlagenen Söhnen Iwan der Schreckliche. Möge Gott seiner Seele gnädig sein!« erklärte der weißbärtige Pope 451 in der Archangelskji-Kathedrale und sprach mit bebenden Lippen ein kurzes Gebet – als Geschenk des Armen für den Reichen – herunter für den toten Selbstherrscher aller Reußen.

»Wenn Sie das Untier in seiner ganzen Abscheulichkeit kennen lernen wollen, Doktor, dann kommen Sie nachher mit. Ich beabsichtige nämlich, meine Frau über die Moskwa hinüber nach der Tretjakowgalerie zubringen. Dort hängt er, wenn ich nicht irre, von Wereschtschagin gemalt. Es ist ein Bild, vor dem die Schweißhunde ausreißen, wenn sie nicht an die Kette gelegt sind,« bemerkte Herr Thiele.

Ebenich erklärte sich bereit, mit über den Fluß zu kommen, und die drei verließen den Kreml, schritten über das Eis der Moskwa und kamen nach der Galerie. Man brauchte nicht lange zu suchen, denn vor dem berüchtigten Bilde steht immer ein Haufen Menschen. Da hing er in breitem Rahmen, er, der sechzigtausend Nowgoroder Bürger hinmorden ließ, ohne mit der Wimper zu zucken, und der vielleicht auch damals nicht erbleichte, als er den mit der Flasche erschlagenen Sohn in seinen Armen auffing. Wer will sagen, ob der Maler ihm nicht vielleicht zuviel von einem Menschen ins Gesicht legte, als er die Züge dieses Scheusals mit einem schmutzigen Weißgelb ausstaffierte, wie wir es an alten Zuchthäuslern zu sehen gewohnt sind. Schlaff hängen die hohlen Wangen herunter und über ihnen, wie ausgestopfte Taschen, die gräßlichen großen Oberlider, umsäumt von einem schwarzen Kranz dichter Zilien. Die Augen sieht man nicht. Man vermutet sie nur hinter dem dunklen Lidspalt, denn das Entsetzen muß 452 sie wie Krebsaugen auf Stiele gestellt haben. Ein leichter Halbrundschatten auf den Lidern nur verrät, wo sie sind.

Eine gräßlichere Sprache noch als das Gesicht redet die linke Hand des Ungeheuers. Während die rechte, die ruchlose Verbrecherhand, müde am Gewand herunterhängt, bereit, das Instrument der unseligen Tat auf den Boden gleiten zu lassen, sucht die linke gutzumachen, was ihre Schwester verschuldet hat. Sie legt sich von hinten kommend auf die totenbleiche Stirn des getroffenen Sohnes. Aber man fühlt, auch sie ist nicht die weiche Hand eines Heilandes. Sie ist nicht gewohnt zu streicheln. Das sind Tyrannenfinger, die zermalmen, dort wo sie zärtlich sein wollen. Man hört unter ihrem Druck die Knochen des zertrümmerten Schädels knirschen. Ach, und dann das Blut, das strömende Blut. Es läßt sich auch von einer Kaiserhand nicht verwischen, nicht aufhalten in seinem Lauf. Zwischen den Fingern des entmenschten Vaters drängt's in dicken Tropfen hervor, sammelt sich zu kleinen Rinnsalen und läuft neben dem Ohre des sterbenden Sohnes nieder, ergreifend, erschütternd und um Rache flehend.

Versöhnend wirkt an dem Bilde nur ein kleiner Nebenumstand und der ist, daß es überhaupt dahängt. Nicht in jedem Lande, in dem der Absolutismus herrscht, würde man eine solche Anklage gegen das System und einen seiner Repräsentanten zur öffentlichen Ausstellung zulassen. Es wäre denkbar, daß die Knute Rußlands immerhin noch eine größere Bewegungsfreiheit zuließe, als der unleidliche Gänsekiel anderer Länder.

Ebenich hatte sich an diesem einen Bilde der 453 Tretjakowgalerie satt gesehen. Er warf nur noch flüchtige Blicke auf die Wände der einzelnen Säle und konstatierte mit Entsetzen, daß zur Schande der Menschheit viel vergossenes Blut mit roter Farbe festgehalten war auf verschneiten Stoppeln und in grünen Saatfeldern, vor Altären sogar und rauchenden Schafotten. Nun aber heraus aus diesen Räumen, deren Wände in kompendiöser Form die gar zu traurige Menschheitsgeschichte erzählten. Er stürmte hinaus aus dieser Hölle. Die beiden Thiele hinterher. Über der Straße winkte ein Kaffeehaus, dahin retteten sich die dreie.

»Werden Sie sich noch einige Tage in Moskau aufhalten?« fragte Frau Thiele den Doktor.

»Nein,« sagte dieser »das Heimweh hat mich gepackt, vielleicht, daß ich schon morgen reise.«

»So bleiben Sie wenigstens noch über Sonntag hier. Sie finden einen Tag später Berlin immer noch an der Spree gelegen und dürfen doch das Hochamt nicht versäumen, das morgen in der Erlöserkirche gefeiert wird. Sie hätten sich sonst um einen Kunstgenuß gebracht, wie ihn selbst die Sixtinische Kapelle mit ihrem Kastratenchor kaum zu bieten vermag.«

Ebenich ließ sich überreden und blieb. Am anderen Morgen erwartete er am Portal des Hotels Billo den Schlitten einer Frau Schubert, die ihn nach dem Gottesdienst zum Mittagessen eingeladen hatte. Er war nicht besonders guter Laune, denn das Bild Iwans des Schrecklichen hatte sich ihm in seine Träume gemengt, und außerdem fegte ein eisiger Wind durch die Straßen, der den Schnee verschwenderisch zu meterhohen Wällen auftürmte und noch soviel übrig behielt, daß er einem durch 454 die Knopflöcher hindurch eine artige Winterlandschaft auf die Sonntagsweste zeichnen konnte.

Es währte nicht gar lange, da kam der Schlitten angeklingelt und brachte die Pelze des verstorbenen Herrn Schubert mit. Ebenich wickelte sich hinein und dachte voll warmer Anerkennung an den Toten und nebenbei an die liebevolle Fürsorge seiner Gattin, als in vollem Lauf der Pferde von einem der nächsten Dächer eine Schneelawine niederging, die schier den zottligen Kutscher mitsamt seinem Glanzleder-Zylinderhut verschüttet hätte. Die Kräfte der kleinen Pferdchen waren eben noch ausreichend, den Schlitten wieder aus der Schneemasse herauszuziehen, da war man an der Moskwa angekommen, an deren Ufer die von Ton erbaute Kathedrale auf einem künstlich geschaffenen Hügel steht. Ein schneidender Sturm hatte das Pflaster der Rampen reingekehrt und er zeigte sich dem Doktor gegenüber noch in der Art gefällig, daß er ihm die schwere Pforte ins Gotteshaus öffnen half, aus dessen Innerem ihm ein molligwarmer Luftstrom wohltätig entgegenfloß. Mit der warmen Luft kamen aber auch die wogenden Luftwellen eines Männerchores auf den Doktor losgestürmt, wie er ihn herzerschütternder und schöner noch nie gehört hatte. Dazu kam dann noch, daß, von verborgenen Emporen ausgehend, sich in den höheren Regionen des Baues ein Engelchor von Sopranstimmen durch fünf Gewölbekuppeln fortpflanzte und wie Nachtigallenjubel in einer Juninacht von oben zwischen Weihrauchwolken aus den Hallen des Übersinnlichen herunterfiel. Fügt man dem noch bei den ganzen geheimnisvollen Pomp der griechischen Lithurgie, die Pracht der Gewänder und nicht zuletzt die 455 ehrwürdigen Gestalten weißbärtiger Kirchenfürsten, und man hat das ergreifende Schauspiel kirchlicher Pracht vor sich, das von Jahrhundert zu Jahrhundert fortlebend Millionen von Seelen mit seinen Fesseln zu umschlingen und ans Dogma festzubinden weiß.

Als Ebenich das hehre Gotteshaus betrat, hatte er die bestimmte Absicht, dasselbe nach zehn Minuten wieder zu verlassen. Daß diese Absicht erst nach anderthalb Stunden zur Ausführung kam, mag dem frierenden Kutscher und seinen Pferden im Buche der Gerechtigkeit gutgeschrieben werden, denn des Doktors Himmelslohn für seinen Kirchenbesuch war mit dem, was er an irdischem Ergötzen bereits eingeheimst hatte, reichlich ausgeglichen.

Die Schlittenfahrt durch den hohen Schnee vollzog sich diesmal ohne Zwischenfall, und am wohlbesetzten Tische der Frau Schubert traf Ebenich einen elfer Rauentaler, wie er ihn von gleicher Güte schon einmal im Hotel Viktoria zu Schlangenbad getrunken hatte. Als man sich noch eine Weile über die herrliche Gottesgabe unterhielt, stellte es sich heraus, daß auch der Wein der gütigen Gastgeberin seine Sturm- und Drangperiode im Hotel Viktoria erlebt hatte und nach Moskau ausgeführt worden war.

In der folgenden Nacht schlief Ebenich nicht sonderlich gut. Der Wein geisterte durch seine Adern, Iwan der Schreckliche durch seine Träume und vor seinem Fenster geisterte der ungestüme Schneesturm und verklebte die Scheiben derart mit weißen Flocken, daß kaum das Licht des neuen Tages sich ins Zimmer und an des Schläfers Bett hinarbeiten konnte. Vom Gange her schob jemand Holzscheite in den Kachelofen und man hörte, wie die 456 Flammen sich knisternd auf ihre neue Nahrung stürzten. Trotzdem wollte es in der Stube nicht warm werden. Fröstelnd zog der Doktor die Decke über den Kopf und eine heiße Sehnsucht nach einem milderen Himmelsstrich kam wie ein Schauer über ihn, bis er plötzlich mit beiden Füßen aus dem Bette sprang und zu sich selber sagte: ›Wozu hier immer noch sitzen und auf den siebenten Schwaben warten, während im Schwarzwald ein halbes Dutzend sich mit breitem Hinterteil um jeden Kachelofen herumflegelt,‹ und er fuhr rasch mit den Beinen in seine Hosen hinein und stand nach einer Eisenbahnfahrt von abermals zwei Tagen und zwei Nächten in der Morgenfrühe eines Dezembertages mit seinem Gepäckscheine zu Berlin vor dem Güterschuppen, um seine Koffer zu verlangen. Er fand sie alle und unversehrt, nur daß sie wie eine alte Hose mit neuen Papierlappen geflickt waren. Die Weiterreise nach Frankfurt war von jetzt ab keine riskante Sache mehr.

 

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.