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Sechs Schwaben und ein halber

Adam Karrillon: Sechs Schwaben und ein halber - Kapitel 5
Quellenangabe
typereport
booktitleSechs Schwaben und ein halber
authorAdam Karrillon
year1922
firstpub1919
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleSechs Schwaben und ein halber
pages461
created20140209
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Schwabe Nr. 5

(Photographierschwabe)

So standen sie denn auf dem Bahnsteig der Tokaidobahn und harrten dem Zuge entgegen, der sie nach Kyoto bringen sollte. Er kam aus Westen herangerasselt. Die Lokomotive hatte keine Schlitzaugen, sondern wie überall in der Welt große runde Laternenscheiben. Die Wagen aber zeigten auf ihrer Außenwand einen weißen, einen blauen oder einen roten Strich, je nachdem sie zur 225 Beförderung von erstklassigem oder minderwertigerem Menschensitzfleisch bestimmt waren. Ein wesentlicher Unterschied zwischen europäischem und japanischem Wagenmaterial war im übrigen kaum zu erkennen. Daß die Polsterbänke in der Längsrichtung des Zuges stehen, schafft der freieren Bewegung einen erfreulichen Raum und gestattet bei nicht zu großer Überfüllung der Wagen die Auswahl eines geeignet erscheinenden Sitzplatzes. Im übrigen rollen die Räder surrend um ihre Achsen und vor den Fenstern graben die Bauern in den Mais- und Hirsefeldern und magere Kühe grasen neben kurzbeinigen Mongolenpferdchen an den Wasseradern hin, die hier und da aus dem Bambusdickicht hervorbrechend dem nahen Meere zueilen.

Osaka, ein fast europäisches Industriezentrum, und Nara, die Stadt der roten Tempel, werden von der Bahn nur flüchtig gestreift, dann geht es weiter in hügeliger Landschaft durch Teefelder, Maulbeerwäldchen und Bambusdickicht dem Rom Japans, der ehemaligen Kaiserresidenz Kyoto entgegen.

Wer von Norden kommend sich dem italienischen Rom nähert, sieht bei Orvieto ungefähr über das Flachland der Campagna hin die gewaltige Kuppel der Peterskirche. Das aber will wenig bedeuten. Man sieht sie aus viel größeren Entfernungen. Man sieht sie von Berlin, von Moskau, von Washington.

Den Nishi-Hongwanji, den asiatischen Petersdom mit seinen breiten Doppeldächern, sieht man erst, wenn man den Bahnhof von Kyoto verlassen hat, trotzdem nicht weniger Augen auf ihn gerichtet sind als auf seinen Konkurrenzbau am Ufer des Tiber.

226 »Zur Zeit amtiert in Nishi-Hongwanji neben dem Buddha Amida sein irdischer Stellvertreter, der Erzabt Graf Otani,« bemerkte Herr Drillfinger, der Dolmetscher, der unsere zwei Reisenden von Kobe aus nach Kyoto begleitet hatte. »Dieser weitblickende Priester erstrebt den Zusammenschluß aller Buddhisten vom Quellgebiet des Brahmaputra über China hin bis in die Malaienstaaten und Vorderindien hinein unter japanischer Führung.«

»Damit wäre ja die Menschheit in Glaubenssachen wenigstens auf eine vereinfachte Formel zurückgeschraubt,« sagte Ebenich. »Hie Buddha, hie Jehova.«

»Im Wesen der Dinge ist sie es eigentlich schon lange, meine Herren. Achten Sie doch einmal darauf, wenn ich Sie heute durch die Tempel von einem Dutzend Sekten führe, ob Sie überhaupt einen Unterschied in den Kultusgebräuchen der Weltreligionen merken. Auf jedem Tempelschrein werden Sie mit untergeschlagenen Beinen einen Buddha sitzen sehen und neben ihm als himmlische Repräsentantin der Weiblichkeit mit tausend liebevollen Augen und tausend freigebigen Händen die Allvermittlerin Kwanon.« »Nennen wir, was Buddha heißt, Gott Vater, und was Kwanon heißt, Gottes Mutter, so könnten die Völker der Erde das Reisegeld für die Missionäre sparen, weil jedes schon hat, was ihm angeblich erst gebracht werden soll,« fügte Herr Marlott dieser Bemerkung bei.

»Ganz gewiß,« fuhr der Dolmetscher fort, »und auch die Throne werden überflüssig, wenn man rechts und links vom Ural ein klein wenig mehr nach württembergischem Muster demokratisch werden wollte.«

»Ich will nicht hoffen! Auch Sie aus dem Reich?« 227 scherzte Dr. Ebenich. »Der fünfte Württemberger nun schon auf meiner Reise! Wenn ich noch ein klein wenig Glück habe, so werde ich zwischen dem Suezkanal und dem Baikalsee demnächst die sieben Schwaben zusammengelesen haben.«

»Wenn da kein Wickelkind unter vierzig Jahren dabei sein sollte, werden Sie Gott danken, daß Sie nichts Dümmeres gefunden haben. Vom vierten Jahrzehnt ab hat zwischen Friedrichshafen und dem Graichgau von den Mannsvölkern zum mindesten ein jeder seinen Kopf auf dem richtigen Fleck.«

»Und die Weibervölker nicht minder, daß sie Euch Weltverbesserer fortjagen, bevor Euch der Hohen-Asperg freies Logis gibt und im Winter freie Heizung zum Dank für Hochverratsgedanken.«

»Auf die Gefahr hin hätt' ich schon noch eine Zeitlang in Tübingen bleiben können, wenn sich nicht alle Welt über Nacht in den Kopf gesetzt hätte, Photograph werden zu wollen. So wurde das Brot knapp und ich bin mit meiner Kamera in die Welt hinaus und nach Kobe gekommen. Anfangs ging alles gut, bis diese fingerfertigen Japsen mir die Sache abgeguckt hatten. So bin ich notgedrungen zur Hälfte Künstler, zur Hälfte Fremdenführer geworden.«

Man war im Hongkokujitempel angekommen und der Dolmetscher erklärte: »Hier verehrt man einen Brokatfetzen vom Kleide der berühmten Favoritin Yoki-Hi. Mich sollte es wundern, wenn in München nicht irgendwo noch die Unterhosenspitzen der Lola Montez gezeigt werden. Gibt es übrigens nicht in Berlin auch einen Enkeplatz?«

Im Weitergehen kam man nach der Higashi-Hongwanji-Tempelanlage. Sechsundneunzig ungeheure Säulen, 228 deren feiner Lacküberzug den Jahrhunderten Trotz bietet, tragen das schwere Dach, unter dessen Stützmauern man mit kaum geringerer Ehrfurcht tritt wie unter die Propyläen der Akropolis. Ein mystisches Halbdunkel umfängt den Beschauer, aus dem heraus sich die Umrisse eines goldenen Tabernakels langsam entschleiern.

»Was in dem Kasten steckt, heißt: Kenshin-Baishi. Man könnte schon fast eine Lupe brauchen, wenn man erkennen will, daß hinter der Glasscheibe ein heiliges Holzfigürchen verborgen ist. Oder ist es nur ein Knochen ähnlich wie in den Reliquienschreinen unserer Wallfahrtsorte? Daß Sie mir übrigens hier die Schranke nicht übersehen, die um das bißchen Heiligtum gelegt ist. Hinter ihr ist der Platz für die Priester und für vornehme Betende. Wer in der Eisenbahn dritter Klasse fährt und im Theater auf die Juhöh geht, hat außerhalb des Gitters zu bleiben, ›wie im Himmel, also auch auf Erden‹. Sie sehen, daß der Graf Otani armen Proletariern keine Erlösung schafft, wenn ganz und gar seine Ideen die Welt erobern sollten.«

Die beiden Doktoren waren im Begriff, den einen Tempel zu verlassen, um einen anderen anzusehen, aber der Dolmetscher vertrat ihnen den Weg.

»Nicht doch, meine Herren,« so wehrte er ab, »bevor Sie nicht noch eine Geschichte mit auf den Weg genommen haben. Für wenige Yen zeigt Ihnen hier der Tempeldiener einen Zopf, der aller Zöpfe erhabener Überzopf ist. Einhundertundzehn Meter ist er lang und sein Umfang sind vierzig Zentimeter.«

»Der sollte wohl einer Seiltänzerfamilie zum täglichen Brot verhelfen?« fragte Dr. Marlott.

229 »Fehlgeraten,« sagte Herr Drillfinger. »Vornehme Japanerinnen hatten ihn aus ihren abgeschnittenen Kopfhaaren herstellen lassen, damit man an ihm die Riesensäulen aufziehen könne, die Sie hier das Tempeldach stützen sehen.«

»Dem Himmel sei Dank,« entgegnete Ebenich, »daß es doch noch Dummheiten gibt, die man sich nicht braucht patentieren zu lassen, weil sie ohndies niemand nachmacht.«

»Übersehen Sie da nicht, daß in Europa neben jedem Nonnenkloster zur Ehre Gottes ein Haarlaß war. Gibt nicht sogar das Hermelin zum Haar auch noch das Fell her, damit unsere gefürsteten Halbgötter sich standesgemäß kleiden können?«

»Sie sind schlechterdings nicht zu widerlegen,« sagte Herr Marlott. »Das Haarlassen scheint eine gottgewollte Institution zu sein. Gibt nicht auch das dumme Schaf die seinen her, damit wir Proletarier uns nicht die Zehen erfrieren?«

Die drei gingen weiter und trafen zur Abwechslung von den sitzenden Buddhas in einem der vielen Tempel auch einmal einen himmellangen stehenden mit einer Nase von zwei Meter Länge. Dann kam man wieder in heilige Haine, und wo heilige Haine waren, da waren auch Götzenbilder, zum mindesten aber steinerne und bronzene Laternen und ungeheure Glocken, die von außen her mit einem Schwingklotz geschlagen werden müssen, wenn sie einen Ton von sich geben sollen. An einem heiligen Kirschbaum vorüber betrat man eine Brücke, die über eine wasserleere Schlucht hinüberführte. Als die drei auf der Höhe der Brückenwölbung angekommen waren, blieb der fünfte Schwabe stehen und fing an mit den Beinen zu wippen.

230 »Wenn dies Getänzel hier ein neuer Schwabenstreich sein soll, so ist es kein gelungener,« bemerkte Herr Marlott.

»Abwarten, bis die Kastanie aus der Kolte fällt, dann erst ist sie genießbar. Indessen spitzen Sie die Ohren einstweilen. Ich werde Ihnen ein Konzert geben, wie Sie noch keines gehört haben.«

Und in der Tat begann nach einer Weile ein allerliebstes Vogelgezwitscher geheimnisvoll aus dem federnden Gebälk der Brücke hervorzudringen. Dompfaffen, Finken und Meisen hatten ihre kleinen Vogelkehlchen den taktierenden Beinen des kunstbegeisterten Schwaben unterstellt und ein tausendstimmiges Zwitschern erfüllte die weiche, mit Jasmingerüchen erfüllte Abendluft.

»Haben Sie die Finkensänger zu unserem Empfang extra hierherbestellt?« fragte Herr Ebenich.

»Nachtigallen sind's, wenn man Sie einmal nach diesen Musikanten fragen sollte. Vergessen Sie nicht, Nachtigallen, denn nach ihnen ist auch diese Brücke hier benannt worden. Gleich werden Sie übrigens etwas minder Erbauliches zu hören bekommen. Dort in den Hallen des Chionin-Tempels hat soeben das Vespergeplärr der Jodomönche begonnen. Sehen wir zu, daß wir diesen Ohrenschmaus nicht versäumen.«

Der Dolmetscher wechselte einige Worte mit einem Tempeldiener, dieser drückte eine Schiebetür zurück und unser Trio stand in der »Halle der tausend Matten«. Nicht alle waren sie von Betenden mit Beschlag belegt, aber einige Hundert hatten doch in der Gebetsstunde die ihnen zukommende menschliche Belastung gefunden. Kleine Mönchsnovizen mit gelben Kapuzinerkutten saßen wie Briefbeschwerer da herum, bogen den Oberkörper 231 vor und zurück und plärrten vor einem Buddhabilde in einem fort ihr unvermeidliches: Ommane padme hum. O, du Geheimnis in der Lotosblume. Möglich, daß sie mit ganzer Seele beim Gebet waren, sicherlich aber waren sie mit ganzen Augen bei den drei Reisenden und mit allen ihren Händen bei den vielfüßigen Bewohnern ihrer Kopfhaare. Die Jodosekte hat nämlich das Gebot: »Du sollst nicht töten« in ihrer Gutmütigkeit auf alle Lebewesen ausgedehnt, und man kann sich denken, wie dieser Freibrief der Vermehrung von den menschlichen Parasiten über und unter der ehrwürdigen Kutte dieser angehenden Prälaten ausgenützt wird.

»Wenn Ihnen die Ohren wehe tun,« sagte Herr Drillfinger, »so brauchen Sie mich nur am Ärmel zu zupfen.« Und seine Schutzbefohlenen zupften ihn, als er kaum das erlösende Wort gesprochen hatte.

»Ganz unerträglich für Götter und Menschen, diese unausstehliche Wiederholung: O, du Geheimnis in der Lotosblume,« bemerkte Herr Marlott, als man wieder im Freien unter den Kirschbäumen war.

»Ist die tausendfältige Wiederkehr des ›o du elfenbeinerner Turm, o du goldenes Haus‹ in christlichen Litaneien etwa leichter auszuhalten?« fragte der Schwabe und wandte sich an Dr. Ebenich mit den Worten: »Nun sollen Sie hier in Japan auch einmal etwas kennen lernen, was man bei uns zu Hause nachahmen dürfte. Sie sollen nämlich alsbald die Gemächer betreten, die der Mikado zu bewohnen pflegt, wenn er sich zu frommer Einkehr in sich selber den Mönchen zu Gaste gibt. In der Zimmerreihe, die von dem Beherrscher des Reiches der aufgehenden Sonne bewohnt wird, befindet sich auch 232 eins, das dem Weisen oder Dichter reserviert ist, der stets in des Mikados Nähe sein muß. Ließe sich so was nicht in Wien oder Berlin durchführen?«

»Mancher Mächtige, der gut fahren wollte mit dem Volke, spannte vor seine Rosse noch – ein Eselein – einen berühmten Weisen,« zitierte Herr Ebenich statt jeder Antwort aus dem Zarathustra des Herrn Nietzsche.

»Was da, Hofnarren und Spaßmacher haben sich europäische Fürsten gehalten,« fügte Herr Marlott bei, »und wenn ihr Witz nicht einschlagen wollte, so schlug die Peitsche des Tyrannen ein.«

»Am schlimmsten ist jedenfalls das Volk dort dran, wo der Fürst weder von der Weisheit noch von der Narrheit sich leiten läßt, sondern von seinem eigenen viereckigen Kopf, wie man dies zwischen Frankreich und dem Böhmerwald erlebt hat,« sagte der fünfte Schwabe und trat über eine niedere Schwelle in das Kranichzimmer des Gebäudes ein. Von den Kranichen ging's zu den Störchen, von diesen zu den Rosen und Chrysanthemen, bis man am Ende einer prachtvollen Galerie endlich wieder im Freien war.

»Nun aber genug der Torii und der Tera,« sagte Ebenich. »Laßt uns einen der benachbarten Hügel besteigen und einen Blick auf die Stadt werfen.«

So schritten denn die drei zwischen den Bäumen und Sträuchern des Parkes weiter aufwärts. Aber sie blieben nicht lange allein. Eine Herde allerliebster kleiner Rehlein schloß sich ihnen an. So zahm waren die Tierchen und so durchaus an den Verkehr mit Menschen gewohnt, daß sie nicht einmal davonliefen, als Herr 233 Drillfinger seinen Taschenapparat auspackte und sie zu photographieren begann.

»'s ischt ein internationales Gesindel. Sie nehmen was und von wem sie kriegen können,« bemerkte der Schwabe und verteilte ein Stück Brot unter die allerliebsten Bettler, weil sie, wie er lobend erwähnte, so brav stillgehalten hatten.

Nachdem die Höhe erstiegen war, lag die vom Kamogawa durchströmte Stadt zu den Füßen der Wanderer. Hunderte von Straßen, die sich alle im rechten Winkel schneiden, bilden ein gestricktes Netz, das von den ewig grünen Parkanlagen des kaiserlichen Palastes südwärts herunterhängt. Von hervorstechender Bedeutung an dieser Residenz ist nicht etwa ein architektonisch überragendes Einzelgebäude, sondern die mit einem Ziegeldach bekrönte hohe Umfassungsmauer, die ringsum, wie einen Adelsbrief, den Schmuck hochwohlgeborener kaiserlicher Parkmauern, fünf weiße Linien auf gelber Fläche trägt.

234 »Wer nicht seinen Namen im japanischen Hofkalender nachschlagen lassen kann oder einen extra ausgestellten Tokioter Erlaubnisschein in der Tasche hat, kommt nicht hinter diese Mauern, obwohl es ganz ausgeschlossen ist, daß man jemals einen Landesvater da ermorden könnte. Der Mikado wohnt nämlich niemals hier. Thron und Altar, so oft die zwei Worte auch miteinander verheiratet werden mögen, vertragen sich nämlich auch hierzulande schlecht miteinander.«

»Also im japanischen Rom nicht anders als wie im italienischen,« erklärte Herr Marlott.

»Und in Theben, dem weiland ägyptischen, wo die Apispriester den König Amenophis aus seiner hunderttorigen Stadt nach Chut-Aden, der Sonnenstadt drängten,« fügte Ebenich noch hinzu und fing an, langsam den Berg hinabzusteigen. Die anderen folgten ihm nach, und man kam in ein lustiges Stadtviertel nach Gion-Machi. Teehaus reiht sich hier an Teehaus, und wer keinen Durst hat, bekommt solchen, wenn er die bunten Schmetterlinge der Geishas unter den Türen stehen sieht, die mit ihren glutvollen Mandelaugen gar verführerisch zu locken verstehen. Der lockere Bruder der Sonnenkönigin Amaterasu hat hier in der Nähe seinen Tempel und immer noch wohnen heute wie vor Jahrtausenden im Schatten der Heiligtümer die Hetären.

Der Schwabe Nr. 5, der übrigens sämtliche japanische Weibervölker für ein Glas Neckarwein verhandelt hätte, war schläfrig geworden und verlangte zurück nach dem Hotel. Marlott und Ebenich waren von dem Allzuviel des Erlebten gleichfalls ermüdet. Schlaftrunken schlürfte jeder der drei Männer in 235 Holzpantoffeln nach seinem Bette und: »Daß mir keiner von euch beiden vor der Mittagsstunde auf meine Kammer kommt,« das war das Nachtgebet, das aus dreien Herzen inbrünstig zum Buddhahimmel hinaufstieg.

Zehn Jahre Zeit soll der sich gönnen, der Rom genießen will. Und doch ist der schon satt, der zehn Tage bei ihm zu Gaste war. Nicht anders geht es einem mit Kyoto. Das Halbdunkel der Tempel und der Modergeruch der Museen wird einem zuwider. Was sollen uns modernen Menschen Altäre, an deren Götter wir nicht glauben können, was Rüstungen, aus denen die Übermenschen herausgefault sind, wie die Schildkröte aus ihren Schalen? Tausende von Pflichtzentnern häuft die Gegenwart auf unsere Schultern. Warum sich noch belasten mit dem Gepäck der Vergangenheit?

Ebenich suchte nach seinem Erwachen das frisch pulsierende Leben des Alltags auf und stürzte sich ziel- und führerlos in die Gassen. Ganze lange Häuserfronten hinab sah er Dutzende von Hufschmieden die Pferde beschlagen, sah den Rauch der aufgebrannten Eisen zum Himmel steigen, während im schwarzen Hintergrund der Werkstätten die Eisen glühten und Blasebälge fauchten.

In einer anderen Straße wohnten die Wagenbauer zusammen. Die Speichen wurden in die Naben geklopft und der eiserne Reif legte sich dem ganzen Gebilde Halt und Stärke gebend um die Felgen.

Schuhmacher klopften, Schneider bügelten und Töpfer drehten die Scheibe vor ihren Häusern. Wer ihnen zugucken will, ist willkommen, und neidisch sind sie nicht auf den, der ihnen allenfalls etwas abgucken könnte.

236 Ebenich hatte auf seinem Bummel haltgemacht und beobachtete mit Interesse die Geschicklichkeit eines Elfenbeinschneiders, als er ein Zupfen an seinem Ärmel verspürte und hinter sich die Stimme des Herrn Marlott hörte: »Sie sehen sich diese Nippsachen an, Kollege? Sind sie nicht allerliebst?«

Ehe der Angeredete sich noch umdrehen konnte, antwortete eine andere Stimme: »Der Schwaben-Karle im Schloß zu Stuttgart kann sie nicht schöner auf seinem Nachttisch stehen haben. Indessen würde ich den Herren raten, ihre Einkäufe hinauszuschieben, bis sie nach Yokohama kommen. Sie haben eine noch reichere Auswahl und zahlen geringere Preise als hier am Ort.«

»Ob wir aber dort einen sachverständigen Führer finden, der uns vor die richtige Schmiede bringt, ist mehr als zweifelhaft,« bemerkte Marlott, »es sei denn, Herr Drillfinger, daß Sie sich entschließen könnten, mit uns zu reisen.«

»Abgemacht,« war die resolute Antwort des Schwaben. »Der Mikado wird nicht gerade in der Zwischenzeit kommen und von mir photographiert sein wollen.«

Ein Mann, ein Wort. Zwei Tage später stand der Landsmann von Hegel und Schelling mit dem Rucksack auf dem Rücken an der Brustwehr des Dampfers und sah zu, wie die Hotels und Lagerschuppen von Kobe immer kleiner und kleiner wurden und schließlich rasch hinter dem Horizont verschwanden.

Denn kaum im tiefen Fahrwasser angekommen, wirbelte die Schraube wie unsinnig unter dem Heck. Die Maschinenkolben stampften und quietschten. Die Schoten schwankten und die Masten zitterten bis über 237 das Bramsegel hinaus, daß ihre Wimpel klatschten. Wie ein von Hunden verfolgter Eber arbeitete sich der Dampfer durch das hochaufspritzende Bugwasser hindurch. Bestürzt standen die Reisenden auf dem Deck herum und mit ängstlich fragenden Blicken schaute einer den andern an. Ebenich ertrug die Erregung seiner Nerven nicht länger. Trotz der Aufschrift: »Zugang untersagt!« flog er die Treppe hinauf zur Kommandobrücke. Er fand alles wie sonst. Der Steuermann stand am Rad, der zweite Offizier am Ausguck und der Alte streckte sich bequem in einem Liegestuhl und rauchte eine Zigarre. Am liebsten wäre der Doktor bei diesem Bilde tiefsten Friedens spurlos wieder verschwunden, wenn nicht bereits der Kapitän aus seinen Gesichtszügen die innere Seelenangst herausgelesen hätte.

»Wollen Sie nicht fragen, ob wir etwa das Schiff durch eine Kesselexplosion in die Luft jagen wollten?« bemerkte er scherzhaft. »Nur keine Angst. Der Grund, warum wir heute mehr Dampf aufmachen als sonst, ist einfach nur eine japanische Flottenparade, die übermorgen in Yokohama stattfinden soll.«

»Und was hat unser schlichter Zivilkahn da unter den martialisch aufgetakelten japanischen Panzerkolossen zu tun?«

»Immerhin etwas. Wenn wir noch rechtzeitig am Pier landen, dann stellen wir uns den verehrlichen Japanern zur Verfügung und lassen sie durch unsere Operngläser ihre geliebten Ungetüme bewundern. Wenn sie sich sattgesehen haben, so werden sie sich auch sattessen und -trinken wollen und bei alledem kommt Geld in unsere Schiffskasse.«

238 Durch diese Erklärung war Ebenich beruhigt und durch ihn wurden es die anderen Reisenden auch, nicht aber das Schiffspersonal und die Maschinen. Unablässig drehten sich die Ladebäume und hoben Wein- und Champagnerkisten aus dem Bauch des Schiffes zum Sonnenlicht empor. Der Küchenmeister stand mit aufgeschürzten Ärmeln wie ein Nachrichter am Hauklotz und weder »Lamm noch Stier« vermochten ihre natürlichen Zusammenhänge vor der Schärfe seines Beiles zu bewahren. Dies alles wäre noch erträglich gewesen, wenn nur nicht aus allen Ecken und Enden aus langen Schläuchen Wassersäulchen emporgestiegen wären, und wenn nicht nasse Scheuerlappen die Beine der Reisenden erfaßt und wie mit Stricken aneinander gebunden hätten. Zu den Unstimmigkeiten an Bord gesellte sich noch ein verdrießlicher Nebel, der das Übersehen des Nächstliegenden erst recht unmöglich machte. Verschleiert waren die nächsten Inseln und weder ihre Wälder noch ihre terrassierten Teegärten zauberten eine Abwechslung auf die nebelgraue Atmosphäre, die wie ein Zirkuszelt das Schiff umspannte.

Na, endlich, als es schon gegen Abend ging, im Vorblick eine weiße Brandung und über ihr mit ruhigem Lichte der Leuchtturm der Felseninsel Mikomoto, bis dann die Nacht auch ihn verschlang mitsamt dem Lärm des Hackmessers und dem Gerassel der Kranenkette.

Der nächste Tag ließ sich besser an als sein Vorgänger. Der Nebel war zerrissen und geisterte in Fetzen an den nahen Bergen hin. Fischerhütten waren zu sehen und langhingestreckte Dörfer wollten beachtet sein. Doch nur flüchtig verweilte das Auge auf ihnen und der 239 Sinn überhaupt gar nicht. Er war gefangen genommen von einer Schiffsgasse, zwischen deren Behausungen der »York« eben hineinfuhr. Zur Rechten wie zur Linken reich beflaggte und bewimpelte Kriegsschiffe, deren Deck von Soldaten wimmelte. Kommandoworte schwirrten durch die Luft und Trompetensignale riefen die Mannschaften auf ihre Posten. Überall war man damit beschäftigt, die letzte Hand anzulegen, damit ja alles klappe, wenn das Flaggschiff der Admiralität die lange Gasse passieren würde.

Indessen glitt der »York« zwischen den Ungetümen durch, und Dr. Ebenich sah nicht ohne gehörigen Respekt zu den dampfenden Drachen hinüber, die in unglaublich kurzer Zeit in der Koreastraße die russische Flotte vernichtet hatten, als Herr Drillfinger an ihn herantrat mit den Worten: »Das, was Sie da rechts und links der Fahrrichtung liegen sehen, hat einen erhabeneren Zweck, als Sachschaden anzurichten und Menschen zu ersäufen. Es sind zwei Leuchtschiffe, die den Weg durch den Wellenbrecher zum inneren Hafen zeigen. Gott sei Dank, daß es doch im Walde noch Bäume gibt, die zu einem vernünftigeren Zweck ihre Äste gen Himmel gestreckt haben, als sich in Bretter sägen zu lassen und Unheil anzurichten. Ich denke mir übrigens, Herr Doktor: Sie werden doch morgen diesen Nationalrausch verrückter Patrioten nicht mitansehen wollen. Solch ein Futter können Sie billiger bei Gelegenheit einmal in Kiel oder Wilhelmshaven genießen, und wie verknalltes Pulver riecht, werden Sie sich vorstellen können. Muß es nicht überdies für einen gefühlvollen Hund eine Tortur sein, wenn er sich die Peitsche betrachtet, mit der er demnächst gezüchtigt werden soll? 240 Glauben Sie nur ja, diese Japsen wissen genau, von welchem Jahre ab der Sohn den Vater schlagen kann, und wenn das Schwert geschliffen ist, wissen sie es zu gebrauchen. Oder sollten Sie an den frommen Spruch glauben: Si vis pacem, para bellum? Nichts kann verlogener sein, als diese Sprichwörter. Wenn die Kanone erst gegossen und geladen ist, finden sich tausend Hände, die sie losschießen möchten. Ich weissage Ihnen, Doktor, Sie sehen einen Teil von Europas Henkern, wenn Sie die Flottenparade morgen mit ansehen.«

»Und welches neue Programm hätte Eure Weisheit in Vorschlag zu bringen, wenn ich mich entschließen wollte, auf die Besichtigung der Flottenparade zu verzichten?«

»Nun wohl, wir könnten nach Kamakura gehen zum Bildnis des großen Daibutsu und könnten uns bei unserer Rückkunft am Abend über die Brocken hermachen, die vom großen Nationalschmaus in den Straßen von Yokohama übriggeblieben sein werden. Zunächst werde ich Sie heute nach dem Hotel de Paris bringen, wenn wir uns erst durch das Menschengewimmel durchgearbeitet haben, das am Kai da die Gehwege füllt.«

Das Schiff hatte indessen festgemacht und die Passagiere drängten über die Laufplanken. Ebenich und der Schwabe Nr. 5 schlenderten an Zollschuppen und Lagerhäusern vorüber langsam nach der Stadt zu. Straßenfassaden und Parkanlagen unterschieden sich in nichts von denen einer rasch aufblühenden europäischen Kleinstadt. Billige Backsteinbauten, niedrige Stockwerke, kleinbürgerliche Vorhänge vor den Fenstern. Hier und da sollten eine ausgesparte Nische oder ein vorspringender Erker Kunstgeschmack oder auch Wohlhabenheit 241 vortäuschen. An uniformierten Polizisten fehlte es nicht, kurz und gut, wären die schiefstehenden Mandelaugen in den Gesichtern nicht gewesen und eine Sorte langhaariger Hunde, wie man sie bei uns nicht zu Gesicht bekommt, so hätte man denken können, man wäre in Ludwigshafen am Rhein oder zu Duisburg oder Witten an der Ruhr. Auch was so in den Schaufenstern der Läden lag, fesselte durch Originalität das Auge kaum.

Man konnte ohne Herzeleid von diesen Dingen Abschied nehmen und sich zum Abendessen ins Hotel begeben. Der wackere Schwabe war müde und ging zu Bett. Ebenich sah noch eine Zeitlang einigen Billardspielern zu und begab sich dann gleichfalls, von dem französischen Hotelbesitzer geführt, auf sein Zimmer.

Am nächsten Morgen ging's zum Bahnhof.

Eine Eisenbahnfahrt in Gesellschaft von vornehmen Japanerinnen ist eine Sache, die immerhin die Tinte wert ist, die man auf ihre Beschreibung verwendet. In reichen bunten Kleidern sitzen sie einem mit untergeschlagenen Beinen wie Buddhabilder gegenüber. Das matte Elfenbeingelb ihrer ovalen Gesichter ist von pechschwarzem Haar umrahmt, und kunstvoll legen sich die Zöpfe wie Bänder übereinander, während zitternde Käfer und Schmetterlinge aus goldener Filigranarbeit sich in diesen gefährlichen Netzen gefangen zu haben 242 scheinen. Auch kleine Blumen, aus Rubinen und Saphiren hergestellt und an lange Nadeln festgespießt, beleben abwechslungsreich genug das schwarze Dickicht, das in anderen Weltteilen nur für Läuse reserviert zu sein pflegt. So ist es keine Frage, daß es sich für empfindsame Seelen lohnt, stundenlang auf diesen Haarschmuck hinzuschauen und die reiche Phantasie zu bewundern, mit der die Natur die japanischen Haarkünstler ausgestattet hat. Im stillen bedauert man lebhaft, daß soviel Kunst nur zu so kurzem Dasein geboren sein kann, und begreift das Opfer, das die Bewohnerinnen Nippons sich und anderen bringen, indem sie ihren Nacken beim Schlafengehen auf einen polierten Holzklotz betten, um den kargen Lohn, daß Männeraugen mit Wohlgefallen auf ihren Köpfen weilen. Während der Schwabe ein wenig nickte, säumte Dr. Ebenich nicht, seinen Mitreisenden den Zoll seiner stillen Bewunderung reichlich zu zahlen, und nur gelegentlich einmal fand er die Zeit, einen Blick durch die Scheiben ins Freie zu werfen, wo Maisfelder, Pinienwäldchen und Bambusdickicht in raschem Wechsel vorüberflogen. Nicht lange konnte er sich dem Genusse der landschaftlichen Reize hingeben. Eine der Frauen hatte nämlich derweilen eine Orange geschält. Mit spitzen Fingern berührte sie bescheiden des Doktors Knie und bot ihm ihre Gabe an mit so frommem Gesichte, wie von den drei Heiligen Kaspar, Melchior und Balthasar vor der Krippe von Bethlehem kaum einer eins fertig gebracht haben mag. Ebenich griff natürlich zu, und als er kaum gegessen hatte, streckten sich ihm ein halbes Dutzend Hände entgegen, die mit zitternden Fingern Seidenpapier zum Abtrocknen 243 des Orangensaftes anboten. Wie verzaubert fühlte sich der Doktor von so viel Aufmerksamkeit, und er bedauerte nur, daß aus Mangel an Sprachkenntnissen alles eine stumme, fast peinliche Pantomime bleiben mußte, bis plötzlich der fünfte Schwabe erwachte, einen Blick durchs Fenster warf und erklärte, daß Kamakura erreicht sei. Ein tiefer Bückling des Doktors, ein sanftes Neigen der schönen Frauenköpfe, dann das gewöhnliche Stoßen bremsender Eisenbahnzüge und das ganze Idyll war durcheinandergeschüttelt und beendet.

»Kamakura, die alte Hauptstadt Japans, ist jetzt ein stilles Bauerndorf an der Sagamibucht,« erklärte der Schwabe. »Man sollte hier eine Brennerei gründen und Kirschwasser herstellen; die halbe Menschheit könnte man dann am Delirium sterben lassen, und die Ärzte wären nicht mehr in Verlegenheit, wenn es sich darum handelt, was sie als Todesursache auf die Sterbescheine 244 zu schreiben hätten. Schauen Sie sich nur einmal um. Kirschbaum neben Kirschbaum. Zur Blütezeit findet man kaum den Daibutsu heraus, obwohl dieser sitzende Bronzelackel immerhin fünfzehn Meter über sein Sitzbrett hinausragt.«

Man war durch Kirschbäume und Pinienwälder, vorüber an einem Lotosteiche, vor dem ungeheuren Götterbilde angekommen. In stiller Majestät sitzt es da und schaut über die Kirschbaumwipfel hinweg auf die Meeresbrandung hernieder, die sich mit kräuselndem Schaum schmeichelnd um die Küste schlängelt und ihm doch zweimal schon so übel mitgespielt hat.

»Seine ursprünglichen Erbauer hatten es gut mit dem Götzen gemeint,« erklärte der Schwabe, »und sie hatten um seine Figur herum einen Tempel gebaut, damit sein Kahlkopf vor dem Sonnenbrand geschützt sei. Da kam bei Gelegenheit eines Erdbebens im Jahre 1369 eine Springflut und schwemmte den Tempel weg. ›Warum achtet er nicht auf seine Sachen und läßt sich vom Meere sein Haus wegreißen?‹ sagten einige der Leute. ›Mag er nun zusehen, was in Regen und Sonnenglut aus ihm wird.‹

Andere, die gutmütiger waren, sagten: ›Vielleicht, daß er gerade geschlafen hat, als Emma-Ö, der Höllenfürst, kam und ihn überraschte. Laßt uns nachsichtig mit ihm sein, da er unser Herrgott ist, und stellen wir ihm sein Haus noch einmal wieder her.‹

Und jene, die da beten: ›Und vergib uns unsre Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern‹, behielten recht und man baute den Tempel wieder auf.

»So ging's, bis im Jahre 1494 der Daibutsu wieder schlief und eine Springflut abermals den Umbau seines 245 Sitzes zerstörte. Nun war auch den Gutmütigen der Faden der Geduld gerissen. ›Was man doch für einen Kummer mit seinen leichtsinnigen Göttern erleben muß,‹ sagten sie nun. ›Statt daß sie für die Erde sorgen, machen sie sich's bequem und lassen die Erde für den Himmel sorgen. Mag er nun frieren, wenn der Nordostmonsun heult, und schwitzen, wenn der Wind von Süden weht.‹ Und sie bauten die Mauern um das Götzenbild nicht zum drittenmal auf.«

»Ein kritisch veranlagtes Volk, diese Kamakuresen,« bemerkte Ebenich. »Wenn die königlich württembergischen Schwaben kein Kirchenregiment hätten, ich glaube, sie würden gegebenenfalls zu keinem anderen Schluß ihres Denkens kommen.«

»Schwaben oder Moskowiter. Westwärts vom Ural sind wir alle gleich dumm. Wir haben es unseren Göttern zu bequem gemacht. Wenn sie die sachverständige Behandlung der Kassenärzte nicht fürchteten, würden sie sich noch in die Ortskrankenkassen aufnehmen lassen und mit medizinischem Beistand der Lazarettärzte ein Herrenleben als Simulanten führen. Machen wir übrigens, daß wir fortkommen, Herr Doktor. Es ist noch mancherlei hier zu sehen. Da gleich nebenan ein Taubentempel von Tausenden von geflügelten Bewohnern, so zahm wie jene vor der Markuskirche zu Venedig. Und dann müssen wir doch auch nach Enoshima hinüber, wo die Glücksgöttin Benten wohnt, die es wie ihre Kollegin Austria machte und heiratete, wenn sie nicht siegen konnte.«

Die beiden benutzten nun eine elektrische Straßenbahn, die längs der Sagamibucht hinläuft. Weithin 246 die blaue Fläche des Meeres, belebt von kleinen Fischerbooten, deren gebauchte Segel den Bambusmast krümmten und den Kiel mit Windeseile durch die scheppernden Wellen zwangen. Immer gefesselt von irgendeinem Gegenstande, kamen Ebenich und sein Führer vor der Insel an. Ein äußerst primitiver Steg, der wie ein Waschseil im Winde schwankte, führte vom Festland über den flachen Meeresarm nach dem Inselchen hinüber. Nun geht's auf Stufen und Serpentinen aufwärts durch kleine Wäldchen, kleine Gärtchen, an kleinen Tempelchen vorüber zu kleinen Teehäuschen, wo kleine Geishamädchen mit verführerischen Augen zu einem kleinen Tiffin einladen. Wer kein Unmensch ist, widersteht so eindringlicher Höflichkeit kaum. So saß denn auch Ebenich mit seinem Schwaben bald vor einem Gläschen Kalifornierwein und schaute bald den trippelnden Mädchen in die elfenbeingelben Gesichtchen, bald durch die Scheiben hinaus aufs Meer, wo die Abendsonne eine breite goldene Straße baute schlankweg von der Erde fort in die Hallen der Ewigkeit hinüber. Welcher Genuß in diesem Halbschlummer, der leider durch die Stimme des Schwaben gestört wurde.

»Seltsam,« ließ dieser sich hören, »und ausgerechnet die Glücksgöttin muß mit einem Drachen verheiratet sein. Ich denke mir, das merkwürdige Ehepaar muß miteinander gelebt haben wie Judith und Holofernes.«

»Und sie hat ihm mit dem Kochlöffel den Schädel eingeschlagen,« gab der Doktor ärgerlich zurück. »Oder wünschen Sie, daß der Drache noch grausamer aus der Welt geschafft wird?«

»Sie können ihn meinethalben auch leben lassen,« 247 lenkte Herr Drillfinger ein. »Vergessen wir nur nicht, daß der wackelige Steg da drunten nur auf einer Seite ein Geländer hat.«

»Daß man also nicht auf zwei Seiten betrunken sein darf,« erklärte der sachverständige Doktor und erhob sich zum Gehen. In die Höhle der Glücksgöttin warfen die Wanderer nur einen kurzen Blick und konstatierten, daß das Loch zurzeit mit kleinen Jahrmarktsbuden gefüllt war, in denen liebliche Verkäuferinnen niedlichen Krimskram als Reiseandenken feilzubieten pflegen. Ungeschröpft kam man an ihnen vorbei und ungefährdet über den Steg, und doch war man halbtot, als man bei einbrechender Dämmerung mit der Kleinbahn in Yokohama ankam.

Der Flottenparade sollte sich eine Straßenbeleuchtung anschließen. »Auf nach der Hafenstadt,« war die Losung aller derer, die noch nicht dort waren. So war das Bähnchen überfüllt. So wimmelten auf dem Meere die Nachen, auf den Wegen die Fußgänger, und wer auch nur eine Scherbe von Fuhrwerk hatte, setzte sich hinein und kutschierte mit Hunden und Ziegenböcken als Vorspann nach der Feststadt zu. Da war denn nun allerdings ein gefährliches Gedränge in den Gassen, Gäßchen und auf den sogenannten freien Plätzen. Die letzteren waren nämlich nichts weniger als frei. Sie waren mit Karussells besetzt, Schießständen und Verkaufsbuden. An allen Ecken und Enden baumelten bunte Papierlaternen im Winde. Die Menschenwoge krümmte sich zwischen Ehrenpforten hindurch und brachte deren Holzgerüst ins Schwanken. Böllerschüsse ließen die Erde erbeben. Raketen stiegen auf und machten die Lüfte 248 erzittern. Kurzum, was nur immer beweglich war, bewegte sich auch, und was nicht freiwillig mitmachte, wurde zur Mitbewegung gezwungen. Zu den letzteren gehörten auch Herr Ebenich und sein Fremdenführer. Sie schwammen wie Kork auf der Menschenwoge und wurden geradezu gegen ihren Willen vor die Schiebetür eines dünnwandigen Holzhäuschens hingeschwemmt. Aus dem Innern heraus hörte man das schwächliche Geklimper eines Saiteninstrumentes und eine kleine rote Laterne über dem Türchen kündete an, daß, wer eintreten wolle, willkommen sei.

»Es wird eine Straußwirtschaft sein wie auf dem Dürkheimer Wurstmarkt,« bemerkte der Schwabe. »Das Leben kostet's auch nicht, wenn wir eintreten. Den Hunger bringen wir mit und außer dem Gezitter werden wir wohl auch eine Platte mit gebackenen Fischen finden.«

Er klopfte ein wenig mit dem Finger an die Mattentür. Es war, als ob man innen nur auf das Zeichen gewartet hätte. Ein lichter Spalt tat sich auf, gerade breit genug, um einen mäßig korpulenten Menschen durchzulassen. Einer hinterm andern traten Ebenich und sein Begleiter ein und befanden sich nun einem kleinen Podium gegenüber, auf dessen Brettern vier allerliebste Geishas als Finken kostümiert einen kleinen Tanz aufführten. Fünf Schritt vor, fünf Schritt zurück. Die Hände erhoben wie altägyptische Königstöchter und immer das Profil dem Beschauer zugekehrt, so wallten sie auf, so wallten sie ab, nach einem gewissen Rhythmus, der ihnen von den Klängen einer Mandoline vorgeschrieben wurde.

249 Plötzlich schwieg das Instrument und plötzlich war die Bühne leer, als ob die vier Finken, von einem Steinwurf erschreckt, in die Lüfte geflogen wären.

Nur eine kleine Weile und nun gaukelten, wie Bilder aus einer Laterna magika, vier bunte Schmetterlinge in dem lichten Raume hin und her. Allerliebst bewegten sich die niedlichen Köpfchen, zitterten die schillernden Flügelchen und griffen kleine Ärmchen in die Luft hinein. Ein paarmal hin, ein paarmal her, ein paarmal auf, ein paarmal ab, wieder nach dem Klang der Saiten und auch diese Metamorphose war verschwunden, um einer noch schöneren Platz zu machen.

In ihren breiten Kimonos standen vier schwarzäugige, gleichgroße, gleichschwere Japanerinnen da. Dämchen wie man sie vereinzelt wohl auch auf den Straßen sieht, zu einem Quartett vereinigt aber wohl nie. Und diese vier stellten sich zu einem neckischen Spiele einander gegenüber.

Die Mandoline tönte und nun fuhren acht kleine Händchen aus den bauschigen Ärmeln der Kleider heraus, und je ein Paar patschte mit Kastagnettenklang wider das Paar der gegenüberstehenden Tänzerin. Schwache, aber melodische Menschenstimmchen gesellten sich den Mandolinenklängen bei und, wer genauer hinhörte, konnte die Worte unterscheiden:

»Yokohama,
Nagasaki,
Hakodade,
Hyogo.«

»Han Sie's verstanden, was das bedeuten soll?« fragte Herr Drillfinger leise den Doktor.

250 »Nein,« war die ebenso leise gesprochene Antwort.

»'s isch das, was man in Schwaben auch macht. Ein Spiel mit schwer auszusprechenden Silben. Sie kennen's doch sicher, haben's vielleicht als Kind wohl hundertmal selber versucht, das zungenzerbrechende Geplapper:

»Im hintersten Hanse Haase Haus,
Da hängen hundert Hemde raus;
Hundert Hemde hängen raus
Im hintersten Hanse Haase Haus!«

»Aber nun passen Sie auf! Zu schön ist's, was das Mädchen tun muß, das von den vieren nachklappt.«

Ebenich strengte Augen und Ohren an und vernahm von der Bühne herunter zunächst ein kicherndes, schalkhaftes Lachen. Und dann sah er, wie die eine von den Tänzerinnen ein Stück ihrer leichten Seidengewandung blitzschnell vom Körper streifte und hinter die Soffiten warf.

Aufs neue setzte der Singsang an:

»Yokohama,
Nagasaki« usw.

Diesmal hatte eine andere nachgeklappt und nun flog ein Stück von ihrer Gewandung über die Bühne hin. Und so ging es weiter, bis vor den Beschauern ein Bild weiblicher Reize stand, wie es Paris gesehen hat und wie es der Meißel von Phidias oder Dannecker auf dem reinsten aller Marmorblöcke nicht schöner hätte herausarbeiten können. Man muß ein solches Bild raffiniert zusammengesuchter Schönheiten mit eigenen Augen geschaut haben, um begreifen zu können, daß Ebenich und der Schwabe auf ihre Platte gebackener 251 Fische gerne noch ein Weilchen warteten. Schließlich kam aber auch ihr Hunger zu seinem Recht, und, ohne nur aufzusehen, arbeiteten sie unbehilflich genug mit Elfenbeinstäbchen auf ihren Tellern herum, als plötzlich ihre kulinarische Abendandacht durch die folgende Anrede unterbrochen wurde:

»Mahlzeit, Mahlzeit, Mahlzeit! Haben sich die Herren auch hierher verirrt? Freut mir, freut mir ungemein, daß die Geschichte mit den schönen Seelen ihre Richtigkeit hat, wie gesagt, freut mir außerordentlich.«

Bei diesen Worten hatte der Schwabe Nummer fünf seine Augen erhoben, und diese leuchteten voller Schalkhaftigkeit, als er die Anrede erwiderte: »Sind Sie nicht Herr Lämmlein, unser Reisegenosse vom Dampfer her? Und welcher Satan, Beelzebub oder Höllenfürst hat denn Sie nun ausgerechnet hierhergebracht in diesen Tempel der Verführung? Oder reisen Sie gar im Auftrag von einem Detektivbüro?«

»Ich bitte mir aus. Sehe Se, gucke Se, warum soll nicht auch ein alter Backsteinfabrikant auf die eigenen Kosten reisen können, wenn er Geld hat?«

»Ist mir nicht auch der Trieb nach dem Schönen mit den Kuhpocken ins Blut geimpft worden? Sehe Se, gucke Se ein wenig, und Sie werden entdecken, daß ich aus einer Künstlerfamilie stamme; hat doch mein Vater dem Thorwaldsen die Backsteine geliefert zur Fundamentierung seiner Grabdenkmäler. Wissen Se, daß der Meister, wie er zu Mainz den Gutenberg aufgestellt hat, öfter in unser Haus gekommen ist und daß er mich gut ausstehen gekonnt, als ich noch in den Windeln lag? Liebste, hat er zu meiner Alten gesagt, aus dem Kind 252 wär' schon mal was zu machen, wenn es Talent hätte. Was sagen Sie nun dazu?«

»Ich sage dazu, Herr Lämmlein, daß Sie mit vollstem Recht eine Weltreise angetreten haben, um Ihre künstlerischen Anlagen zu vertiefen und daß Sie mithin von einem guten Stern geleitet waren, als Sie in diesen Schönheitstempel hier hereinfielen.«

»Hereinfielen? Nicht so übel dieses ›hereinfielen‹. Haw'n Sie schon etwas blödsinnigeres gesehen als wie hier, wo sie vier Grazien hinstellten, während doch Thorwaldsen überhaupt nur drei gemacht hat?«

»Hat denn Thorwaldsen Grazien geschaffen?« redete Dr. Ebenich dazwischen. »Verwechseln Sie da nicht etwa den Thorwaldsen mit Canova oder mit einem anderen?«

»Warum sollte ich das verwechseln? Wenn der eine Bäcker Brezeln backt, warum soll's der andere nicht auch tun. Freilich hat Thorwaldsen Grazien gemacht. Auf die Grabsteine hat er sie gemacht, aber keine vier zusammen, sondern drei, versichere ich Ihnen, immer nur drei zusammen auf einen Haufen, und hier stellen sie viere auf die Bretter, diese japanischen Kunstbanausen. Ist's nicht zum Lachen, rein zum Lachen?«

»Aber ich bitt' Ihnen Herr Lämmlein,« ließ Drillfinger sich hören, »es waren ja keine Grazien. Drescher waren's, Drescher! Haben Sie nicht den Viertakt herausgefühlt, als sie die Hände widereinander schlugen? Hat Ihnen da Ihr musikalisches Empfinden nicht vorgegaukelt, daß Sie hinter dem Holunderbusch einer Schwarzwälder Scheune ständen?«

»Wollen's mir zum besten halten?« erboste sich Herr Lämmlein. »Was reden Sie da gegen mir von 253 Dreschern? Habe ich doch ganz genau hingeguckt. Glauben's vielleicht, daß ich den Bock nicht von der Geiß unterscheiden kann? Wenns einen zum Frotzeln brauchen, dann müssen Sie sich schon einen Dümmeren suchen, wie ich einer bin,« begehrte Herr Lämmlein auf, und er schlug mit der Faust auf den Tisch, daß die abgegessenen Fischgräten vor Entsetzen von der Platte sprangen.

Um dem gelehrten Kunstgespräch zu einem guten Ende zu verhelfen, erhob sich Ebenich und forderte den erregten Herrn Lämmlein zu einem gemeinsamen Spaziergang durch die Mondscheinnacht auf, die mit tausend zwinkernden Sternlein über die kleinen Scheiben des Holzhäuschens hereinlugte. Durch diesen Akt der Höflichkeit war der aufgebrachte Backsteinfabrikant sofort wieder besänftigt, und er versicherte, daß ihm nichts erwünschter sein könne als diese Aufforderung, daß er aber durch eine ältere Verabredung gezwungen sei, im Teehaus zurückzubleiben. Ein Herr Griffin nebst Gemahlin habe ihn hierherbestellt, und diese Herrschaften wolle er hier erwarten.

»Griffin,« sagte Herr Ebenich, »habe ich recht gehört, Griffin? Wie kommen Sie mit diesem Ehepaar zusammen?«

»Auf natürlichem Wege. Die Leute sind auf einer Weltreise wie ich. Sie wohnen in dem gleichen Hotel wie ich und haben das Bedürfnis sich zu unterrichten wie ich.«

»Und nun kommen sie hierher, wie Sie, Herr Lämmlein, hergekommen sind mit einem Rikschakuli. Na denn auf Wiedersehen ein andermal, Herr Lämmlein!« sagte Ebenich und reichte dem Backsteinfabrikanten die Hand.

Da der Schwabe das gleiche tat, so schieden drei 254 Männer voneinander ohne Herzeleid, wie sie sich ohne Herzensfreud' gefunden hatten.

Schweigend schritten nun die zwei durch die immer noch belebten Straßen dem Hotel zu. Schweigend trennten sie sich auf dem Hausflur, und schweigend trat Ebenich in sein Zimmer, wo er mit einem Male ganz Bewunderung wurde. Er stand nämlich in der stillen Mondnacht einem Bilde gegenüber, das er sich für den Himmel träumen, für die Erde aber schlechterdings nicht denken konnte.

Die Vorhänge eines breiten Schiebefensters waren zurückgezogen und nun stand in dem so geschaffenen Rahmen in all seiner überzuckerten Pracht, groß und in majestätischer Ruhe da der Berg ohne gleichen: der Fuji-no-Yama. Wie ein silberner Schleier rieselte das flimmernde Licht des vollen Mondes an seiner Eispyramide herunter, während ungezählte Sterne demütig zur Seite traten und sich damit begnügten, den Hintergrund zu schmücken, von dem dieser schönste aller Erdenberge in imponierender, schneeweißer Herrlichkeit sich abhob. Zerschlagener nicht kann Moses vor dem brennenden Dornbusch gestanden haben, aus dem Gottes ganze Herrlichkeit hervorleuchtete, wie Ebenich vor diesem Bilde 255 stand. Es dauerte schon eine Weile, bis er nur den Mut fand, sich des erhabenen Anblicks zu freuen. Und bis er zu dem Entschluß kam, einen Fuß vor den anderen zu setzen und sich seinem Bette zu nähern, mochte immerhin eine halbe Stunde vergangen sein. Ganz sicher ist soviel, daß der Mond von dem Scheitel des Berges schon weit nach Westen abgerückt war, als der Doktor auf dem Bettrand sitzend endlich die Kraft fand, seine Unterschenkel auf die Matratze heraufzuziehen. Wohltätig kam endlich der Schlaf. Aber auch er wischte das Bild des schönen Berges nicht von der Tafel des Gedächtnisses herunter. Noch in den Träumen der lauen Tropennacht leuchtete und funkelte die schneeige Spitze des Fuji-no-Yama.

Das erste, was Ebenich am nächsten Morgen tat, nachdem seine Füße den Weg in seine Pantoffeln fanden, war, daß er zu dem Schwaben hinunterlief und ihm erklärte, daß er beabsichtigte, dem verzuckerten Riesen, soweit wie möglich, auf die Glatze zu steigen.

»Bis auf die Schultern vielleicht,« bemerkte Drillfinger mit einem skeptischen Lächeln um die Mundwinkel. »Bereits ist es im Kalender die zweite Hälfte des November und in der Temperatur da oben weit unter Null. Sollten wir nicht den Herrn Lämmlein mitnehmen und ihn am Krater oben festfrieren lassen?«

»Wenn Sie im Ernst daran gedacht haben sollten, ihn einzuladen, so muß ich dagegen Einsprache erheben. In seiner Gesellschaft befinden sich, wie Sie gehört haben, Herr und Frau Griffin, und ich für mein Teil möchte lieber scheintot in einem Massengrab liegen, als mit der letzteren noch einmal zusammen zu treffen. 256 Lassen wir lieber diese allerliebste Dreifaltigkeit ihre eigenen Wege gehen. Sie mögen sich über Menschheitsprobleme unterhalten und, wenn Herr Lämmlein sich mit der deutschen Grammatik auf einen erträglichen modus vivendi geeinigt haben wird, – wer weiß – vielleicht, vielleicht kommt seine Weisheit einmal in der ›Woche‹ wieder.«

»Verstehe, verstehe; wir beide ersparen uns das Patengeschenk. Los denn also mit der Bahn über Fujisawa nach Odawara. Den Sagamigawa überschreiten wir auf der Brücke bei Kawadawa und kommen nach Heratoaka. Wenn wir bis dahin uns an dem Anfangsbuchstaben des Alphabetes noch nicht sattgegessen haben, dann können wir am Ufer des Hayakawa entlanggehen und in Miojioyumo zum Nachtisch auch noch einige dumpfe Vokale aufzehren.« Nach diesen Worten warf der Schwabe Nummer fünf den Rucksack über die Schulter, stieß die Pendeltür mit einem energischen Fußtritt auf und wäre beinahe in einen Leichenkondukt hineingefallen, der vorm Hotel geräuschlos seine stille Straße zog.

Hochaufgebaut und mit weißen Chrysanthemen überschneit schwankte der Leichenwagen langsam dahin. Hinter ihm her, in die Farbe der Trauer ›Weiß‹ gehüllt, bewegten sich viele schweigsame Gestalten, die mit gesenkten Köpfen, vom Kummer gebeugt, sich kaum aufrechtzuerhalten vermochten. Kein Glockengeläute in den Lüften, kein Klagegesang, kein Schluchzen, kein Weinen, ja nicht einmal ein Fußtritt war vernehmbar. Wie ein Schattengebilde längs den Ufern des stygischen Flusses zog der Tote mit seinem trauernden Gefolge vorüber, ins Nirwana hinein.

Ebenich und Drillfinger ließen die Prozession an sich vorübergleiten, dann nahmen sie ihren Weg nach 257 dem Bahnhof in Eilschritten wieder auf. Der Billetkauf, das Zwängen durch das Drehkreuz und das Aussuchen eines bequemen Sitzplatzes, alles gelang soeben noch mit knapper Not, da setzten sich die Räder schon in Bewegung, und der Zug fuhr ins Land hinaus.

»Seltsame Menschen, diese Japaner,« nahm nach einer Pause des Verschnaufens der Schwabe die Unterhaltung wieder auf, »sie glauben an eine Vernichtung des Individuums durch den Tod, und doch heben sie die Beziehung zum Jenseits nicht auf. Sie sollten einmal ihr Totenfest miterleben und Sie würden glauben, daß Sie am Allerseelentage auf einem italienischen Campo santo ständen. Lichter, Lampions, Laternen auf allen Gräbern. Schon wochenlang vor dem Tage werden in Stadt und Dorf, landauf, landab Jahrmärkte abgehalten. In den Verkaufsbuden sind die merkwürdigsten Dinge zu sehen. Teuere und billige Schiffe von Papier für arme und reiche Seelen, Pferde, Kamele und Esel aller nur denkbarer Rassen, alle aus Papier und in neuester Zeit sogar Luftballons und Zeppeline aus dem gleichen Material. Es ist erstaunlich, welch große Summen dieses sonst so nüchterne Volk einer geradezu barocken Idee opfert. Können Sie sich vorstellen, daß sogar Tausende von Ochsen und Schafen zugunsten der Toten ihr Leben lassen müssen, und daß die Backöfen vor dem Totenfeste kaum mehr kalt werden?«

»Wenn ich mir einbilde, daß alle Leichenschmäuse von dem Kamm der Vogesen aus bis ins bayrische Gebirge hinein an einem Tage gefeiert würden, und mir vorstelle, daß ein Bratenduft entsteht, der den Löwen der Bavaria auf der Münchener Festwiese von der Strippe 258 reißt, komme ich dann dem nahe, was Sie mir nun erzählen wollen?«

»Respekt vor Ihrer Phantasie,« fuhr der Schwabe fort, »sie weiß mit dem großen Löffel zu schöpfen. und doch guckt sie von der verkehrten Seite ins Opernglas. Bedenken Sie, bei uns wird doch nur für die Lebenden gekocht, hier aber sogar für solche, die schon seit hundert Jahren begraben sind, und sowas multipliziert die Zahl der Esser. Ist es nicht so, daß man bei uns zu Lande nach dreißig Jahren bereits ein Grab verfallen läßt und den Toten vergißt?«

»Jedenfalls hat die Gemeinde das Recht, den Kirchhof nach einer solchen Frist aufs neue in Benützung zu nehmen.«

»Nun gut, hierzulande leben die Toten hundert Jahre im Gedächtnis der Familie weiter, und jährlich einmal, am Totenfeste, werden sie in ihrer alten Behausung zu Gaste geladen. Man deckt eine große Tafel auf der Matte, stellt jedem der Verewigten seinen Teller und sein Glas hin, füllt die Schüsseln bis zum Überlaufen und verläßt das Haus, nachdem man alle Türen weit aufgesperrt hat. Wer seine Beine noch irgendwie zu gebrauchen versteht, geht heute ins Freie und verlebt in Gesellschaft von Nachbarn und Freunden einen vergnügten Tag auf dem Meere, dem Fluß oder im Waldesschatten.

»Und Gebratenes vom Mittagsmahl ist abends kalte Platte?« fragte Ebenich.

»Wehe dem Hause, dem so etwas begegnen sollte. Es wäre verfemt, wie ich Ihnen zeigen werde. Fast ausnahmsweise finden die Heimkehrenden Schüsseln und 259 Teller wie ausgeleckt vor, und dann freuen sie sich und patschen in die Hände, weil die Toten da waren und weil es ihnen gut geschmeckt hat.«

»Wenn Sie mir jetzt vormachen, daß die Verewigten die Mahlzeit gegessen, so werde ich mir den Hals abschneiden, um in Japan hundert Jahre tot sein zu können.«

»Gemach, Sie bekämen auch dann nichts zwischen die Zähne. Alles, was aufgetragen wird, verzehren nämlich die Armen, und sie vollstrecken damit eine Art Gottesgericht. Dort, wo man durch dreihundertundvierundsechzig Tage den Bettler von der Schwelle wies, bleibt er am fünfundsechzigsten weg, und die Familie ist gezeichnet, die ihr Totenmahl am Abend unberührt wiederfindet.«

»Ich muß bekennen, daß dies eine Art von Haberfeldtreiben vorstellt, und zwar in der feinsten Form, die sich denken läßt. Da wird schließlich mancher Reiche am Ende des Totenfestes erlöst dastehen, als ob er aus dem Beichtstuhl käme.«

»Und ob! Der Abend schließt mit einer Himmelfahrt für beide Teile, für Lebende und Gestorbene. Die letzteren wollen natürlich noch vor Mitternacht in ihren Himmel zurück, und daß auch dieses möglich ist, dafür hat die Munifizenz der Familie gesorgt, und zwar durch Ankauf von Papierdrachen, Schiffen und Ballons. Was von diesen Dingen schwimmen oder fliegen kann, wird mit Lampions behängt und auf den Fluß gestellt oder auch in die Lüfte geschickt. Die kleinen Lichter brennen hernieder, und schließlich löst sich das ganze leichte Machwerk in Rauch und Flamme auf. Kein glücklicherer Moment für die Hinterbliebenen als dieser. Denn nun 260 sehen sie mit den eigenen leibhaftigen Augen, wie die geliebten Toten auf der flammenden Rauchsäule wieder hinauffliegen in die Wohnungen der Seligen.«

»So schön diese Totenfeier an sich ist, so hat sie nach meiner Ansicht doch erstens etwas Feuergefährliches an sich und zweitens setzt sie eine so naive kindliche Denkungsweise voraus, daß man sie mit unseren europäischen Vorstellungen kaum vereinbaren kann.«

»Was die Feuergefährlichkeit angeht, so kann ich zur Förderung Ihrer Seelenruhe mitteilen, daß diese Preußen des Ostens bereits mit ihren groben Polizeifingern in den heiligen Brauch hineingegriffen haben. Es ist, dem Teufel sei's gedankt, eine Verordnung herausgekommen, daß Schiffchen, Ballons und Drachen fernerhin mit Lichtlein nicht mehr besteckt werden dürfen. Das naive Denken ist vorläufig noch zugelassen, zumal da es im Abendlande an gleich kindlichen Vorstellungen sein Analogon findet. Oder lassen wir nicht etwa zu Ostern die Hasen Eier legen und stellen wir nicht auf den Weihnachtstisch als die Gaben des Christkindchens Dinge, die zehn Minuten vorher ein Radler aus dem Spielwarenlager abgeholt hat?«

Ein starkes Rauschen, das durch die offenen Fenster ins Innere des Wagens drang, machte die weitere Unterhaltung der beiden Reisenden fast zur Unmöglichkeit. Der Schwabenphotograph steckte den Kopf ins Freie und sagte: »Wir sind im Tale des Hayakawa. In einer Viertelstunde bereits werden wir in Yumoto sein, und das Bimmelbähnchen hat ein Ende. Daß Sie sich ja nicht einfallen lassen, in dem Dorfe einen Laden zu betreten. Die schlitzäugigen Schelme von Holzkünstlern 261 machen dort so reizende Kleinigkeiten von Schächtelchen, daß man sich leichter von seinen Hosenknöpfen trennt, als von diesen nichtsnutzigen Lumpendingern.«

Die Bahn hielt, und trotz der Warnung seines Führers war Ebenich in eine der kleinen Holzbuden eingetreten. Als er wieder ans Tageslicht kam, sah er aus wie ein Schwarzwälder »Ilsaßgänger«, von vorn und hinten mit Kisten und Kasten behängt.

»Wo nehmen wir jetzt einen Elefanten her, daß er all diese Dinge durch die steile Schlucht nach Mijanoshita hinaufschleppt?« fragte der Führer, und er schüttelte ärgerlich den Kopf.

»Sie sind aber auch zu reizend, all diese Kleinigkeiten,« bemerkte Ebenich, um sich zu entschuldigen. »Da sehen Sie nur einmal diese Zigarettenkiste an. Ohne das Geheimnis ihres Verschlusses zu kennen, würden Sie mit dem Bauen einer Pyramide eher zu Streich kommen, als mit dem Hervorheben eines einzigen der kleinen Glimmstengel.«

»Und Sie würden mit leeren Schultern eher in Moskau ankommen, als mit diesen Koffern auf dem Rücken an der Quelle des Hayakawa. Wenn Sie jetzt nicht den Hagen spielen und den Nibelungenschatz in den Fluß werfen wollen, so weiß ich mir keinen anderen Rat, als einzukehren, eine anständige Zeche zu machen und den Wirt zu bitten, die Dinge als Zahlung zu nehmen, bis wir wiederkommen und sie auslösen. In der Weise sichern wir uns die Möglichkeit, daß wir verschwinden und ihn anschmieren können. Im anderen Fall schmiert er uns an.«

Gesagt, getan, und nach einer halben Stunde stiegen 262 zwei vom reichlichen Bordeauxgenuß angeheiterte Gesellen die enge Schlucht des Flusses empor. Der Weg ist gut gepflastert, und wer eine mit Dollarscheinen gespickte Brieftasche mit sich trägt, kann ihn sogar mit einem Zweispänner befahren. Zur Rechten schäumt der Fluß in springenden Kaskaden dem Meere zu und zur Linken dehnen sich grüne Matten mit kurzem Grasbestand aus, auf denen der Abendsonnenschein so warm und behaglich sich lagert, daß einen die Lust anwandelt, sich zu den Ziegen zu gesellen, die da übersatt auf dem Bauche liegen und ihren knebelbärtigen Unterkiefer wiederkäuend in einem kleinen Kreise laufen lassen. Hier und da steht mit goldenen Früchten beladen ein Orangenbäumchen am Wege, und ein Bauer, der den Spaten auf der Schulter aus dem Felde kommt, fordert die Wanderer auf, zuzulangen und sich beherzt die saftige Gabe schmecken zu lassen.

Eine Straßenserpentine baut sich über der anderen auf. In der Tiefe des Flußtales reiht sich Kessel an Kessel, und immer zwischen zweien hängt das weiße Band des aufschäumenden Hayakawa. Die Luft ist feucht, vom Wasserstaub kühl, und mit jedem Schritte aufwärts wird sie heller und klarer. Fünfhundert Meter über sich kann man noch die Papierscheiben zählen am Teehaus Mihazashi.

Jetzt, mit einem Male hat man zur Linken prachtvoll gepflegte Parkwege vor sich, Rosenbeete, Koniferen und Bambusgruppen und über diese hinwegsehend die Dächer und Giebel einer ganz modernen Sommerfrische. Wer mit verbundenen Augen in diese Spalte eines vulkanischen Ringwalles hineingestellt plötzlich von seiner 263 Binde befreit wäre, würde wohl schwerlich auf den Gedanken kommen, daß er im Reiche des Mikado weile, so durchaus erstklassig und komfortabel ist diese ganze Häusergruppe. Breite Veranden, eine neben und über der anderen. Große Spiegelscheiben und mit blitzblanken Vorhängen verschleiert. Weite Säle, auf deren blütenweißgedeckten Tischen neben übervollen Blumenschalen sich die feinsten Kristallgläser und Flaschen sehen lassen können. Alles ist vornehm gegeneinander abgestimmt. Das einzige, was nicht in den eleganten Rahmen passen wollte, waren Dr. Ebenich und sein Begleiter. Sie waren nicht so sehr Bärenhäuter, daß sie dies nicht gefühlt hätten. Sie zogen sich also mit ihren Touristenschuhen und ihren Lodenanzügen vor den Smokings und Fräcken der Badegäste zum Abendessen in ein kleines Nebenzimmer zurück. Dort entdeckten sie an einem Tischchen in der Fensternische zwei Herren, die sich die Zeit mit Brillenputzen vertrieben, und deren blöde Augen deutlich dafür sprachen, daß ihre derzeitigen Inhaber ein deutsches Gymnasium von der Sexta bis zur Prima abgesessen haben mußten. Jeden Zweifel über die Herkunft der einsamen Männer zu beseitigen, grüßte Ebenich dieselben mit: »Guten Abend« und erhielt die Antwort: »Groß Dank«.

»Sollten die Herren zwischen Durlach und Offenburg zu hause sein?«

»Von Achern,« war die Antwort.

»Na, denn also keine Komplimente weiter und setzen wir uns nebeneinander, als ob wir uns zu Baden-Baden im Krokodil getroffen hätten.«

Über diesen Vorschlag brauchte nicht abgestimmt zu 264 werden. Die Gläser klangen widereinander, und der Zigarrenrauch kräuselte in der Luft.

»Die Herren sehen zwar nicht darnach aus, als ob sie vom Rheumatismus hier herauf an die heißen Quellen getrieben worden wären,« bemerkte einer der Badener, »allein Sie sollten doch heute abend noch die Thermalbäder ausprobieren. Sie werden sich dann überzeugen, daß, wer immer von einem westeuropäischen Weibe noch nicht über den Löffel barbiert wurde, hier von einer Ostasiatin über die Wurzelbürste eingeseift werden kann.«

»Wir sind nicht Joseph genug, um vor einer Potiphar die Flucht zu ergreifen, allein heute sehnen wir uns nach Ruhe, denn ehe die Sonne nach der Quelle des Hayakawa herunterblinzelt, wollen wir auf dem Wege sein nach dem Hakonesee, und so wünschen wir denn unseren verehrten Landsleuten eine gesegnete Nachtruhe.«

Damit verabschiedeten sich die beiden und fanden in einem Seitenbau des Tujiahotels Betten, wie man sie im ersten Gasthof in Montreux nicht besser zu finden vermag.

Wer gerne aufsteht, dem braucht der Hahn nicht vor dem Fenster zu krähen. Der leise Katzentritt der Zimmermädchen hatte unsere Wanderer schon vor der Sonne aus dem Bett gescheucht, und noch war der Tau nicht von den grünen Matten weggeleckt, so standen sie schon und strebten mit energischen Schritten aufwärts, dorthin, wo der Frühschein bereits die Bergeshäupter vergoldete. Man kam über einen mit Koniferen umfriedeten Kirchhof. Dann ging es durch jungen Bambuswald, von dessen lanzenförmigen Blättern der Morgentau 265 in dicken Tropfen zur Erde niederfiel. Hinter dieser Anlage machte der Pfad den Schlechten. Er verließ die Wanderer, und diese wurden unsicher, ob sie einem kleinen Grasbande folgen, oder umkehren und sich einen Führer mitnehmen sollten. Als sie noch in ihren Zweifeln dastanden und überlegten, kam aus einer Waldschneise ein Bauer mit einem Pferd und einem kleinen Ochsen seine Straße gezogen. Er hielt vor einem in der Furche stehenden Pfluge still und machte Miene, seine Zugtiere in die Siele zu spannen. Ebenich eilte auf den Mann zu und sagte, indem er mit den Armen eine große Geste nordwärts machte: »Hakone, Hakone, geht's da raus?«

Der Bauer spitzte bei diesen Worten die Ohren wie ein Jagdhund, lächelte ein wenig und sagte zur Verwunderung unserer Freunde: »Deutsch? In der Schule gelernt, aber wieder vergessen.«

»Nun soll mir noch einmal einer vorreden, daß wir Europäer die Bildung gepachtet hätten,« polterte jetzt der Schwabe Nummer fünf los. »Meine Photographschaft dem, der mir einen deutschen Bauer bringt, der gerade soviel japanische Wörter kennt, wie dieser Japaner deutsche.«

»Und daß sie genügen, uns auf die richtige Fährte zu stellen, das ist doch jetzt wohl die Hauptsache,« fügte Ebenich hinzu.

Und sie genügten. Ja, sie wußten sogar noch mitzuteilen, daß der Weg am Grabdenkmal eines Schinderhannes und seiner Geliebten vorüberführe. Was will man mehr? Räuberromantik sogar hier oben im zerklüfteten Ringwall eines erloschenen Vulkans. Man 266 kann sich denken, daß es nun ein frohes Händeschütteln gab und bald darauf ein frohes Aufjauchzen, als man die Wasserscheide erreicht hatte, der Pfad sich abwärts senkte und von unten herauf mit bläulichem Schimmer sich eine stille Fläche zeigte, die nichts anderes sein konnte, als der Hakonesee.

Ein Spaziergang freilich war der Abstieg immerhin noch nicht, denn der Pfad verkroch sich, einer Schlange gleich, nur allzuoft ins Bambusdickicht, und daß man an seinem Rande dem Schutzheiligen der Reisenden einen Felsblock geweiht hat, spricht wenig für seine sonstige Güte und Beschaffenheit. Doch man kam ohne Beinbruch und Knöchelverrenkung unten am See an, und nun wanderte man im willkommenen Schatten einer tausendjährigen Kryptomerienallee dahin, denn schon stand die Sonne hoch und ihr Bild, aus dem unbewegten Seespiegel zurückgeworfen, blendete die Augen.

Hühner, die im Sande scharrten, waren die ersten Wesen, die an die Gegenwart vom Menschen erinnerten. Dann kam ein Hund und stellte sich mit lautem Gebell vor den Wanderern mitten auf den Weg. An einem Nachen, der am Seeufer befestigt war, schlappte zuweilen eine müde Welle schläfrig in die Höhe. Jetzt ein Wäldchen von weitgeästeten Kirschbäumen. Dann eine Trockenmauer, die den Versuch machte, so etwas wie ein Gärtchen abzugrenzen, und nun gar hinterm Gebüsch verborgen eine kleine Hütte.

Von der Landseite her kann man, ohne das Knie zu beugen, zu ebener Erde in sie hineintreten. Nach dem See zu aber steht sie auf Stelzen und bietet so an Regentagen den Ziegen und Hühnern einen trockenen 267 Unterstand. Ebenich näherte sich dem niederen Strohdache und versuchte es, durch die Papierfenster ins Innere des Häuschens zu sehen. Er konnte kein menschliches Wesen entdecken. Er klopfte an die dünnen Holzwände. Aber niemand gab Antwort. Aus der Ferne hörte man, wie ein leichter Schmiedehammer pink, pink, pink flüchtig auf den Amboß klopfte. ›Dort also, gegen Westen zu müssen doch endlich Menschen aufzutreiben sein,‹ sagten sich die beiden und schritten durch die Kyptomerienallee wacker voran. Sie kamen an einem kleinen japanischen Infanteristen vorbei, der vor einem anspruchslosen Eisentore unter Gewehr stand. Der Mann in Waffen sah derart ungefährlich aus, daß die Fremden es wagten, näher zu treten und durch die Eisenstäbe hinter das Tor zu gucken. Sie gewahrten eine leidlich saubere Kiesstraße in einem anspruchslosen Garten und den Hintergrund abschließend einen schlichten zweistöckigen Mittelbau mit einstöckigen Seitenflügeln. Die Läden waren geschlossen, als ob sie ein großes Geheimnis zu bewahren hätten. Und in der Tat steckte ein solches dahinter.

»Lassen Sie uns auf dem Damm weitergehen. Ich bemerke dort am Wasser ein Teehaus, von dessen Terrasse wir jedenfalls einen besseren Überblick gewinnen über die hier vorspringende Halbinsel und über den See, der sich nach Osten auftun muß«, brachte der Schwabe in Vorschlag.

So gingen denn die beiden und kamen in den leeren Schenkraum des Teehauses.

»Wirtschaft Malvolio, Wirtschaft!« rief der Doktor aus und trat mit dem Absatz so energisch auf den Fußboden, daß die Wände zitterten. Da verrückte sich 268 plötzlich eine Schiebetür und in dem lichten Spalt erschienen genau übereinander gestellt zwei wohlfrisierte, rabenschwarze Geishaköpfe, um mit allen Zeichen eines ungeheuren Schreckens gerade so plötzlich wieder zu verschwinden, wie sie aufgetaucht waren.

»A very peak man, der Daibutsu von Kamakura,« hörte man noch hinter der Holzwand flüstern, dann war die Welt wieder so still und schweigsam wie vor dem ersten Schöpfungstage.

»Da sieht man, was ein Meter fünfundsiebzig unter Umständen für eine Wirkung auslösen kann. Vor Ihrer Körperlänge, Herr Ebenich, sind diese Gazellen ausgekniffen. Wie wollen wir es ihnen nun beibringen, daß man groß sein kann und gleichwohl keine Kinder zu fressen braucht? Will sehen, ob meine Kürze wieder gutmacht, was Ihre Länge verdorben hat.«

Mit diesen Worten drückte sich Herr Drillfinger 269 durch die Schiebetür nach der Veranda hinaus und er beruhigte die Mädchen in der Tat so weit, daß sie ihre Scheu vor des Doktors Länge überwanden und ihn einluden, zu ihnen ins Freie herauszukommen. Auf den Knien rutschend stellten sie nun ihr Teegeschirr nebst den dazugehörigen Flaschen vor den Fremden auf, zogen sich aber sofort wieder zurück, indem sie immer noch den Doktor mit scheuen Blicken musterten.

Ebenich hatte indessen ganz was anderes zu tun, als auf die Mädchen zu achten. Er war ans Geländer zur Veranda getreten und starrte in die Gegend hinaus. Über ihm in weißer Schneehaube stand der Zuckerhut des Fuji-no-Yama im lichten Himmelsblau. Unter ihm im klaren wellenlosen Spiegel des Sees stand er gleichfalls. Keine Schrunde, keine Rille, kein Baum, kein Strauch war im Spiegelbilde vergessen oder auch nur nebelhaft oder unklar. Wer wollte sagen, was rechts, was links, was oben oder unten war? Niemals hat eine Schildwache jemals unbeweglicher vor einer Majestät gestanden, als Ebenich vor diesem Bilde stand, und vielleicht stünde er wie Lots Weib am Toten Meer heute noch, wenn ihm nicht Herr Drillfinger auf die Schulter geklopft und zu ihm gesagt hätte: »Und dieses Bild, mein Lieber, hat der Herrgott vor sich und noch einer, der nicht minder einsam ist wie der Allmächtige. Der Kaiser von Japan ist es, den ich meine. Daneben in dem kleinen Schlößchen weilt er in den Sommermonaten. Am Fenster steht sein Schreibtisch. Über ihm und vor ihm der Fuji-no-Yama. Eine seltsame Auslese diese drei. Aber jedes einzig in seiner Art. Ein Unvergleichlicher unter den Bergen. Ein Herrscher im 270 Himmelszelt und über kurz oder lang nur noch ein Kaiser auf Erden, denn Europa ist verrückt genug, sich selbst zu zerfleischen und alle Macht dem Mikado in den Schoß zu werfen.«

Als eben das Gespräch ins Politische hinüberschillern wollte, ließ sich im Rücken der Sprechenden eine Stimme hören: »Sehe Se, gucke Se, hab' ich mir's nicht gleich gedacht, daß wir die Herren da oben wiederfinden werden? Und über was sind Sie am Dischkurieren? Nun natürlich über den Berg der Berge, und Sie zerbrechen sich die Köpfe geradeso, wie ich mir den meinen seit einer Stunde bereits zerbrochen habe. Hat' ich mir's doch vorgenommen – nehme Sie mir's nicht übel, Erdbewegung schlägt in mein Fach herein – also gucke Se, ich hat mir vorgenommen herauszurechnen, wieviel Körbe – Weidenkörbe meine ich natürlich – nötig wären, um den Fuji-no-yama da hinten abzutragen.«

»Und darf man fragen, wieviel Milliarden Sie da zusammengerechnet haben, Herr Lämmlein?« bemerkte Dr. Ebenich.

»Milliarden meinen Sie,« versetzte der Backsteinfabrikant, »weit neben's Ziel geschossen. Zwei, sag' ich Ihnen, gucke Se, zwei genügen hinlänglich, nur muß natürlich jeder der beiden so groß sein, daß die Hälfte des Berges in ihn hineingeht.«

»Daß doch der Mann sich auf einen Igel gesetzt hätte, der zuerst sich anschickte, eine Logarithmentafel zu schreiben. Sie aber, Herr Lämmlein, sollten mit Ihren beiden Körben nach Panama gehen. Ich bin überzeugt, der Kanal würde mit Ihrer Beihilfe in vierzehn Tagen vollendet sein.«

»Sehe Se, gucke Se. Kann ich nicht sein, wo ich will? Hab' ich nicht Geld, daß ich machen kann, was ich mag? 271 Bin ich Sie nit sogar ultramontan, erstens aus Überzeugung und zweitens, weil die Geistlichkeit Backsteine braucht zum Kirchenbauen. Gucke Se, hundert Morgen Wiesen haben wir ausgegraben, daß sie ein See geworden sind. O, Sie gefallen mir. Sehe se, Sie sollten zu mir kommen an den Niederrhein und dann essen wir eine Wildente zusammen. So alt ich bin, versichere ich Ihnen, ich schieße die Tiere über meinen Lettelöchern herunter, als ob es Kürbis wären, die am Spalier hängen. Daß ich's Ihnen nur gleich eingestehe, Griffins haben mir zugesagt, Griffins kommen auch.«

»Griffins kommen auch?« fragte Ebenich und ein gelinder Schreck fuhr ihm durch die Glieder.

»Griffins kommen auch? Ne, Herr Doktor, mit Verlaub zu sagen: Griffins kommen nit. Gucke Se, da hör' ich eben Pferdegetrappel vor der Tür. Griffins brauchen nit zu kommen. Griffins sind schon da. Er auf dem Reittier, sie in der Sänfte. Sie – – –«

Ehe er noch den Satz ganz vollendet hatte, ging die Schiebetür, und Griffins standen leibhaftig dahinter. Jetzt blieb nun freilich nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen, und so setzte sich denn die ganze Gesellschaft auf die Matte nieder, um ein japanisches Diner einzunehmen, das von den zwei dienenden Geishas auf den Knien umrutscht wurde.

Während man aß und trank, war ein kleiner Junge ins Zimmer getreten, der Strohschuhe zum Kaufen anbot.

»Strohschuhe?« fragte Frau Griffin und blickte dem Herrn Drillfinger mit fragenden Augen ins Gesicht.

Der verstand und beantwortete die unausgesprochene Bitte dahin, daß der Abstieg nach Hata wohl über 272 hartes, schlüpfriges Lavagestein führen werde, und daß es deshalb für Fußgänger angebracht sei, sich mit solchen Überschuhen zu versehen. Wer allerdings mit einer Sänfte reise, könne diese Dinge leicht entbehren.

Nun begeisterte sich Frau Griffin mit einem Male für die Strohschuhe und Fußtouren, und der Bettelbube machte ein gutes Geschäft.

Als die Gesellschaft durch den Zwergbambus der Paßhöhe entgegenschritt, war die Sonne schon im Sinken und übergoldete südwärts zwischen kahlen Bergeshängen hindurch einen dreieckigen Ausschnitt des Stillen Ozeans, während das Auge beim Rückwärtsschauen zum letzten Male den »Berg ohnegleichen« begrüßte und mit stillen Tränen auf ewig von ihm Abschied nahm.

Rasch und steil ging es nun in eine tiefe Schlucht hinunter. Noch war keine Stunde vergangen, und die ersten Strohschuhe hingen in Fetzen um die Stiefel. Ein Glück war's, daß sie ersetzt werden konnten, denn Frau Griffin hatte reichlich eingekauft.

Der dünne Wasserfaden, der die Wanderer seither begleitet, wuchs rasch in die Breite und wurde ein mutwilliger, rauschender Bach. Der Zwergbambus streckte sich zu langen Angelgerten und wurde schließlich von Steineichen erstickt, die mit mächtigen Armen das Sonnenlicht abfingen. Hier und da eine einsame Hütte. Ab und zu Beilschläge aus dem Forst heraus und das schabende Geräusch einer Säge. Dann hörte man das Klappern einer Mühle, und als die letzten Sandalen auf dem spitzigen Lavapfade eben zertreten waren, stand man über dem kleinen Städtchen Yumoto, auf dessen grauen Dächern nur die Steine fehlten, um dem Ganzen 273 das malerische Gepräge einer Tiroler Landgemeinde aufzudrücken. Auch die Kälte fehlte nicht, die mit dem Abendschatten sich in die Täler senkt. Beim Tiffin hatte jeder der Reisenden zu seiner Rechten wie zur Linken eine Kohlenpfanne stehen, die durch einen milden Weihrauchgeruch zu ersetzen suchte, was ihr an behaglicher Wärme abging.

Eine Nacht noch unter einem Dache. Eine Fahrt noch zwischen den Holzwänden eines Eisenbahnwagens und das Straßengewirr von Yokohama hatte die fünfköpfige Reisegesellschaft wieder in zwei ungleiche Teile zerrissen.

Es regnete am nächsten Morgen, und als Ebenich und sein Genosse in Gummimänteln das Hotel verlassen wollten, trat ihnen, so wie er im Riesengebirge leibt und lebt, mit verschmitztem Gesicht der Rübezahl entgegen. Ein flacher Teller aus Wirrstroh bedeckte den Schädel, vom Halse an schützte ein Mantel aus Langstroh Rumpf und Oberschenkel, während ein Paar nackte Plattfüße lustig in den Pfützen patschten.

»Sollten Sie dieses wandernde Gartenhäuschen, an dem die Ziegen naschen, nicht kennen? Es steckt in ihm der Rikschakuli, der uns seither immer gefahren hat. Heute präsentierte er sich uns einmal in dem landesüblichen Regenkostüm,« sagte Drillfinger und kitzelte die Vogelscheuche mit dem Spazierstock ein wenig in der Magengegend, so daß der Kuli auflachte und ein wahres Goldbergwerk auf seinen Kinnbacken zeigte.

»Er trägt seine Uhrkette im Munde spazieren,« fuhr der Schwabe fort. »Es ist unglaublich, welchen Luxus diese Kerle mit ihren Gebissen treiben. Seinen ganzen Jahresverdienst bringt so ein Kuli zum Zahnarzt hin, 274 bis er schließlich ein vergoldetes Loch im Kopfe hat wie ein Abendmahlskelch.«

»Was Sie an dem Luxus auch auszusetzen haben mögen, er wirkt nicht unschön.«

»Kein Wunder! Japan hat die besten Zahnärzte der Welt. Sie können mir glauben, daß Tausende von Amerikagirls einen Bummel über den Stillen Ozean machen, um sich hier im Lande der aufgehenden Sonne ihre Kauwerkzeuge reparieren zu lassen. Die japanische Fingerfertigkeit feiert auf diesem Gebiete der Kleinkunst wahre Triumphe. Während Deutschland jeden Zahnathleten zu einem Universalgenie herausbilden möchte, erzieht sich der praktische Japaner für seine Bedürfnisse einen Fingerkünstler. Stellen Sie sich vor: Man schlägt dem fünf- bis sechsjährigen Knaben schon kleine Holzzapfen in ein Brett und hält ihn nun an, diese mit den Fingern herauszuziehen. Durch jahrelange Übung erstarken die Muskeln der Finger derart, daß die Zahnzange hierzulande ein fast überflüssiges Instrument geworden ist. Zu der vollendeten Technik gesellt sich nun noch bei diesem Volke die Freude an allem, was nach Betrug aussieht, und wie der richtige Berliner das Klavier stilgerecht an die Wand malt, so setzt der Japse die falschen Zähne ins Gesicht, daß man schon Anatomie studiert haben muß, wenn man sie von den richtigen unterscheiden will.«

»Ich denke, wir sollten jetzt einsteigen und den Kuli in Sicherheit bringen, bevor ihn die Schafe fressen, die eben des Weges kommen,« bemerkte Ebenich zu Drillfinger.

»Aus dem Fahren kann für heute nichts werden. Wir gehen zur Hundertstufentreppe, dann über den Damm 275 nach der Mississippibucht. Der Kuli müßte schon sein Rikscha auf den Rücken hängen, wenn er uns auf diesem buckligen Wege begleiten wollte.«

Eine Abwehrbewegung mit der Hand, und der Strohwisch von Japaner entfernte sich wie ein nach Hause geschickter Jagdhund, indem er zuweilen stehen blieb und mit bettelnden Augen rückwärtsschaute, ob nicht etwa die Herren sich erbarmen und ihn doch noch mitnehmen wollten. Doch der Schwabe war unerbittlich. An der Seite Ebenichs stieg er den steilen Flußdamm empor und brachte, nach Süden voranschreitend, seinen Schutzbefohlenen durch Pinienwälder zum Ufer des Stillen Ozeans. Doch der war heute noch stiller als zu andern Zeiten. Kein Wellenrauschen. Kein Mast, kein Segel war zu sehen. Über die ganze weite Strecke zwischen der Halbinsel Sagami und Kalifornien hing ein melancholischer grauer Nebelvorhang, an dessen Fuß die fallenden Regentropfen eine blasige Spitze gehäkelt hatten. Es ist unmöglich, daß es einen noch traurigeren Anblick gibt als das Meer im Regen. Nirgends Farbe, nirgends Licht, nirgends eine Spur von Gegenständlichkeit, an die sich irgendeiner der Sinne festhängen könnte. Einsam streicht der Komet durch die unendlichen Weiten des Weltraumes. Aber er kann sich doch noch selber seine Pfade erhellen. Um wie vieles einsamer ist der Albatroß, der im Nebelgrau mit den stahlgrauen Fittichen die weite Einöde des Stillen Ozeans durchqueren muß.

Naß und fröstelnd war Ebenich an diesem Tage ins Hotel gekommen, und er beschloß, sein Zimmer zunächst nicht mehr zu verlassen, denn selbst Japan kann an schlechten Tagen häßlich sein. Als aber am nächsten 276 Morgen die Sonne freundlich durch die Scheiben schien, stand unser Tobias auf und weckte seinen schwäbischen Gabriel. Eine Stunde später dampften die beiden zum Bahnhof Yokohama hinaus. Der Blick durch die Scheiben aufs wohlbebaute Gelände wäre ein erfreulicher, wenn nicht an allen Ecken und Enden Tafeln stünden, die mit kräftig gezeichneten Ideogrammen ankündigten, daß bei irgendeinem schlitzäugigen Mey & Edlich Strümpfe, oder bei einem Carabadi um billigen Preis Zigaretten zu kaufen wären.

Glücklicherweise braucht man sich über diese aufdringlichen Gesellen nur etwa vierzig Minuten zu ärgern und ist dann bereits am Shimbashi-Bahnhof Tokio. Viktoriawagen, Landauer, Automobile, Straßenbahnen hier wie überall vor den Bahnhöfen. Wer sich aber ein bißchen besser umsieht, findet bald zwischen Rädern und Pferdebeinen eingekeilt den geliebten Rikschakuli wieder. Nur hat er hier in der Residenz ein bedeutend frecheres Gesicht als in den Provinzstädten. Da man glücklicherweise während der Fahrt nur die Kehrseite seiner Medaille zu Gesicht bekommt, und auch diese nur in züchtiger Umhüllung, so ist es auch hinter solch einem Teufelsbraten auszuhalten, zumal wenn die Sonne nicht zu heiß scheint und ihn zum Dampfen bringt. Sein gleichmäßiger Hundetrab gibt übrigens dem Reisenden Zeit und Gelegenheit, in der ebenen Stadt die unendlich langen Reihen einstöckiger Häuschen, die unabsehbar hingestreckten Kirschbaumalleen, die mit himmelhohen Kryptomerien geschmückten Gartenanlagen und die mit winzig kleinen Soldaten vollgepfropften Exerzierplätze ausgiebig zu bewundern. Ab und zu hält das zweibeinige 277 Zugtier vor einem eisernen Gittertor und gibt durch eine Pantomime zu verstehen, daß man aussteigen und eintreten solle. Ein Spalier von Stein- und Bronzelaternen führt den Wanderer zum Tempel irgendeiner Gottheit. Bald ist es Shogun Hidetada, bald Asakusa Kwannon oder sonst ein Herrgott, der von den greulichen Gestalten der Teufel bewacht hinter dem Goldlack ungeheurer Holzsäulen den Gläubigen seine himmlischen Gnadenmittel austeilt.

War die eine Hälfte der festbestimmten Zeit im Schatten der Altäre hingebracht, so sollte die andere dem Glanz der Throne gewidmet sein. So wurden denn Ebenich und sein Führer hinter ihren Kulis her über Brücken, Straßen und freie Plätze geschleift, vom O-Shiro-Palast nach dem Monopark, von West nach Ost, von Süd nach Nord, an Theatern, Museen, Kasernen und Lotosteichen vorüber, nur um die eine Tatsache zu konstatieren, daß auch im Reiche der aufgehenden Sonne die geheiligte Majestät des Kaisers sich hinter Mauern, Wällen und Gräben verbergen muß.

»Nein, ich möchte nicht der Mikado sein,« seufzte Herr Drillfinger, als man wieder einmal vor dem stinkenden Wassergraben einer solchen Kaiserburg stand.

»Lieber noch der König von Würtemberg, wenn Uhland seinen Schwaben nicht zu sehr geschmeichelt und die Geschichte von dem Essen im Wormser Kaisersaal ihre Richtigkeit hat.«

»Das hat sie, das hat sie,« eiferte Herr Drillfinger. »Wisset Se, wir Wüsteberger sind mit der Zunge verteufelt knitze Demokrate, im Herzen aber trägt das Schwabenvolk seinen König, wie der Apfel seinen Wurm 278 trägt. Wir fühlen wohl manchmal, daß uns da etwas beißt, aber wir sind zu faul zum Kratzen, und wenn gar der Most im Herbst geraten ist, dann denkt im Neckartal kein Mensch ans ›Revoluzzen‹.«

»Na, so denk' ich denn, daß auch wir zwei mal vorläufig aus dem Schwabenland keine Republik machen wollen, und schlage vor, daß wir ins Hotel gehen und uns ausschlafen, denn morgen ist auch ein Tag.«

»Gewiß ist morgen auch ein Tag, und zwar ein sehr wichtiger. Denken Sie ja nicht daran, aus Tokio wegzugehen, bevor Sie Yoshiwara gesehen haben. Man würde Sie sogar vom Darmstädter Dekanats-Stammtisch ausschließen, wenn Sie heimkämen, ohne berichten zu können, wie es in Yoshiwara aussieht. Ist doch Yoshiwara beinahe die einzige japanische Institution, für die man in Deutschland Interesse zeigt.«

»Und die Stammtischbrüder wissen nicht einmal, welchen Begriff sie mit dem Wort verbinden sollen, so wenig wie ich.«

»Wenn einer weiß, wo Barthel den Most holt, pflegt er übers christenlehrpflichtige Alter hinaus zu sein und kann sich mit Sexualpädagogik befassen, wie die Seminaristinnen sagen würden. Also los dafür. Yoshiwara heißt: Rohrgarten. Möglich ist schon, daß der Stadtteil, der heute diesen Namen trägt, einst nichts anderes war. Vielleicht hat man aufgefüllt und aus einem Sumpfe das gemacht, was heute einen so verfänglichen Namen trägt wie Eleusis und seine Mysterien. Kurz und gut, vom zwölfstöckigen Turme Yu-ni-kai überwacht, stehen dort in ganzen Straßenzügen die Mädchenhäuser. Ein Gitterwerk in jedem Stock gestattet den Einblick ins Innere, und wer vorübergeht, kann die 279 phantasievoll herausgeputzten Dienerinnen der Venus beliebig bewundern. Wenn es richtig ist, daß ägyptische Königstöchter hoch gepriesen werden, weil ihr verdienter Liebeslohn die Pyramiden erbauen half, so wird man auch vor solchen Mädchen Achtung haben dürfen, die hier mit dem Lohne der gleichen Tätigkeit eine arme Mutter ernähren oder einen Haufen noch minderjähriger Geschwister. Und in der Tat, der Japaner denkt auf diesem Gebiete frei genug, um solchen Wesen sogar einen Heiligenschein um den geschminkten Kopf zu geben. Die junge Männerwelt, Offiziere, Beamte und Studenten holen ihre Frauen nicht selten aus dem ›Rohrgarten‹ heraus. Die ganze Einrichtung hat für das japanische Volksempfinden nichts Abstoßendes, und sie hat in allen Städten unter dem Namen Yukaku ihre Nachahmung gefunden. Wenn wir also morgen unsern Weg durch 280 den vorzüglich überwachten Stadtteil nehmen, so sind Sie unterrichtet und brauchen sich nicht vor der Raubgier einer geldhungrigen Matrone zu fürchten noch vor dem Dolche eines Bravos, der in Berlin den gleichen Namen trägt wie in Frankreich der frömmste all seiner Könige aus dem Hause der Bourbonen.«

Die Rikschakulis waren abgelohnt und nach Hause geschickt, als der Schwabe Nr. 5 seinen Schutzbefohlenen in der Art vorbereitend unterrichtete.

Die Gaslaternen standen wie Soldaten in langen Reihen die geraden Straßen entlang und beleuchteten lustig die kleinen Häuschen, vor denen die kleinen Menschen herumwimmelten, um noch unter Dach und Fach zu bringen, was sie an Handwerksgeräten tagsüber auf den breiten Trottoirs gebraucht hatten. Schiebetüren flogen hin und her, und der Hausherr warf den Riemen des Schurzfells über den Kopf und schlüpfte in den Ausgehrock hinein. Im benachbarten Teehaus will er einen Whiskysoda trinken, oder in einer der nahen Parkanlagen unter tausendjährigen Nadelhölzern einen Abendspaziergang machen, während im Tempelhaine der Schwingklotz auf die Gebetsglocke niederschlägt.

Nichts in der Welt ist kosmopolitischer als der Hotelbetrieb. Auf allen Speisekarten der Erde finden sich die Schweins- und Hammelkoteletts und der Schweizerkäs mit seinen großen Augen begleitet den Reisenden auf allen Wegen dieses irdischen Jammertals. Auch die Betten haben durchweg in den Gasthäusern ein internationales Gepräge, und falls man dem internationalen Ungeziefer keine allzu große Empfindlichkeit entgegenbringt, schläft man allenthalben gut. Auch Ebenich 281 und sein Schwabe waren neugestärkt am nächsten Morgen erwacht, und was der Schlaf ihnen an Lebensenergie noch nicht gegeben hatte, fügte ein sehr substantielles Frühstück und Mittagessen noch hinzu. So wanderte denn Dr. Ebenich seinerseits äußerst erwartungsvoll am Ufer des Sumidagawaflusses hin und kam nach dem Wurstelprater der Gnadengöttin Asakusa Kwannon. Vielleicht sind's tausend Jahre her oder noch länger, da ist ihr Bild einmal aus den Wolken gefallen oder den Fluß herabgeschwommen, und das dankbare Publikum hat der Himmlischen einen Tempel gebaut und einen Vergnügungsgarten drum herum angelegt, in dem man fünfbeinige Kälber, dressierte Affen und Momentphotographen in frommer Tätigkeit bewundern kann. Ein heiligmäßiger Bonze findet sich ein, um gegen ein angemessenes Trinkgeld seinen Hochaltar zu zeigen. Als dieses Ansinnen abgelehnt wurde, übernimmt er es unentgeltlich und macht den Führer nach dem anstoßenden Yoshiwara hinüber.

Hölzerlipp, der Räuber, hatte eines Nachts einen Kassenschrank erbrochen und ein Päckchen Tausendmarkscheine zu sich gesteckt. Als er seinen Raub beim heraufziehenden Tageslicht betrachtete, hatte er ein Bündel Steuerzettel erwischt und er machte ein enttäuschtes Gesicht. Das gleiche Gesicht machte Ebenich, als er statt der Huldinnen, Maurer und Zimmerleute vorfand, die das durch Feuer zerstörte Yoshiwara wieder aufzubauen versuchten.

»Was werden nun die Kirchenräte sagen, wenn Sie von Yoshiwara nichts zu berichten wissen?« fragte mit schadenfrohem Lächeln der Schwabe Nr. 5, und er fuhr fort: »Mein Rat wäre, Sie nehmen Pars pro toto und 282 überlassen es der Phantasie Ihrer Zuhörer, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen. Da ist ja noch ein Exemplar von einem Venustempel übrig geblieben. Wollen Sie nicht einmal die Nase durch das Holzgitter stecken und in das Innere des Heiligtums hineinblicken?«

Ebenich tat, was man ihm geraten hatte, und entdeckte, in altjapanische Gewänder gehüllt, einige verschüchterte Gestalten, die aus Kassandragesichtern zu sprechen schienen: »Nos fuimus Trojes, und ob das neue Ilium dem alten gleichen wird, das wissen wir nicht.«

»Japans Land und Volk steckt mitten in einer Metamorphose darin. Wenn es sich nach europäischem oder amerikanischem Muster entwickeln sollte, so wird viel gottselige Naivität verloren gehen und viel höllenverdammte Heuchelei geboren werden«, bemerkte Herr Drillfinger und erinnerte ans Weitergehen zum Bahnhof.

Tokio und seine Hütten und Paläste lagen hinter den Reisenden, und die Bahn trug sie nordwärts der heiligen Tempelstadt Nikko entgegen. Zur Rechten sah man den Asama seine ewigen Rauchwolken nach dem Himmel schicken, während zur Linken eine saftgrüne Allee von tausendjährigen Zedern dem Bahnstrang parallel lief. Ja diese Daimios, kleine Duodezfürsten, wie es diese auch in Deutschland gab und noch gibt, auch sie hatten ihre gute Seite. Wenn sie für ihre Spazierfahrten den Schatten hoher Bäume brauchten und Alleen pflanzten, so kommt das jetzt erst recht den späten Enkeln zugut und selbst dem geduldigen Maultier, das schweigend ohne Geschichtskenntnisse seinen Karren zieht. Die Lokomotive freilich braucht die Kühle nicht. Immer die bewaldeten Höhen zur Linken stürmt sie voran und überspringt 283 auf eiserner Brücke den schäumenden Tonegawa. Schon hat sich die Sonne dem westlichen Horizont zugeneigt und lange Bergesschatten legen sich über die Schienengeleise. Kühl streicht der Wind durch die offenen Wagenfenster und die Japanerin, die dem Dr. Ebenich gegenübersitzt, verbirgt die frierenden Finger in den weiten Kimonoärmeln. Da, ein flüchtiges Reiben, ein hartes Stoßen und Zucken des Dampfrosses und es kommt zum Stillstand. Nikko ist erreicht.

Ebenich und sein Begleiter werfen die Rucksäcke über die Schultern und greifen nach den Stöcken. Vorm Bahnhofe stehen wieder die unvermeidlichen Rikschakulis. Sie müssen auf einen Verdienst verzichten, denn die Neuangekommenen ziehen es vor, den Weg nach dem Hotel zu Fuß zurückzulegen. Eine Baumallee nimmt sie auf und sie wandern die Dorfstraße entlang zwischen Holzbuden, gefüllt mit Nadelbüchsen, Briefbeschwerern, Papiermessern und Buddhabildern aus heiligem Holz. Geweihte Kerzen sind zu kaufen, Amulette, die vor Tod und Krankheit schützen und Krücken und Brillen für jene, denen die Amulette nicht geholfen haben. Alle Götter der Buddha- und Shintoreligion sind auf Postkarten zu erhandeln, und vermag man dem Heiligen keinen Geschmack abzugewinnen, so wird einem das Obszöne unter dem Ladentisch hervor unter die Augen geführt. Kurzum es ist zu Nikko, wie es überall ist und zu allen Zeiten sein wird. Trotz der Geißelhiebe des Nazareners nisten Krämer und Wechsler in den Vorhöfen des Tempels und ganz ungeschoren bleibt nur das Schaf, das schon längst keine Glaubenswolle mehr trägt.

Gott sei Dank, man ist den beutegierigen Blicken der Zöllner und Sadduzäer endlich entronnen. Eine Brücke, 284 die über den wildschäumenden Dayagawa hinüberführt, läßt keinen Platz für ihre Jahrmarktsbuden. Eine Zwillingsschwester der ersten Brücke aus rotem Holz führt gleichfalls über den Fluß, aber sie ist durch einen Schlagbaum für profane Füße unzugänglich gemacht. Nur die sakrosankten Sohlen des Mikado dürfen über ihre Bohlen zu den heiligen Tempelhainen hinüberschreiten. Als der Schwabe dem Dr. Ebenich dieses Verhältnis klargelegt hatte, begnügte sich der letztere damit, inmitten einer heimkehrenden Ziegenherde das linke Flußufer zu erreichen, um endlich das Nikkohotel zu betreten. In den Gängen herrschte schon eine müde Dämmerung, aber eine behagliche Ofenwärme entströmte den Türen, die nach den Zimmern führten. Kachelöfen in Japan! Nur wer den Notbehelf parfümierter Kohlenbecken kennen gelernt hat, weiß diesen aus Europa importierten Luxus zu schätzen, auch dann noch, wenn seine Füße über zolldicke Teppiche schreiten und seine Augen über Chrysanthemensträuße hingleiten, die aus bauschigen Porzellanschalen hervorquellen. Respekt übrigens vor solchen Gastzimmern, in denen der verwöhnteste Geschmack amerikanischer Multimillionäre sich noch behaglich fühlen würde. Allerhand Hochachtung auch vor dem Abendessen, das auf die späten Herbstgäste wartete, und nicht mindere Hochachtung vor dem seidenen Schlafrock und dem Schaukelstuhl, der sie nach der Mahlzeit in seine weichen Arme aufnahm. Weiß Gott, kein indischer Rajah südwärts des Himalaja kann mit größerem Behagen seine Wasserpfeife schmauchen, als unsere Reisenden die Manila in Asche verwandelten, die ihnen von ihrem Wirte geboten war. Und dies alles in der Vorfreude dessen, was der morgige Tag bringen werde, denn 285 ein japanisches Sprichwort sagt vielversprechend: »Gebrauche nicht das Wort ›großartig‹, bevor du Nikko gesehen hast.«

Noch regte sich nichts im Hause, da hatte Ebenich schon ausgeschlafen, saß zwischen Chrysanthemensträußen aus der Terrasse und schaute nach den schäumenden Kaskaden des Flusses hinunter. Nicht ohne Ungeduld wartete er auf sein Frühstück und den faulen Schwaben, den offenbar die mollige Wärme der Steppdecken nicht aus dem Bett ließ. Doch nach Verlauf von zwanzig Minuten war beides: Frühstück und Schwabe zur Stelle, und nun ging es hinein in die bunte Farbenpracht herbstlicher Ahornbäume, die von dem erloschenen Vulkan »Berg des Sonnenglanzes« wie ein bunter Farbenteppich zum Flußufer herunterhängen. Das Tagesgestirn war aufgegangen. Seine warmen Strahlen drängten sich in die Lücken des regenbogenfarbigen Laubdaches. Moosgrün, Sonnenflecken und buntes Herbstlaub am Boden mischten sich zu einer Farbenpracht, wie sie bunter und schillernder von keinem Kirchenfenster gotischer Dome niederstrahlen kann. Man hätte denken können, die Pforten des Himmels wären vor einem aufgetan, wenn nicht plötzlich ein gut gemästeter Bonze zwischen den Baumstämmen hervorgetreten wäre und mit einer Sammelbüchse in der Hand von den Fremden einen Obolus erhoben hätte. Mit ihm war die Schlange ins Paradies hereingekrochen. Ihr Gezüngel begleitete nun die andächtigen Schwärmer auf Schritt und Tritt, und als ob es nicht genug mit dem einen Amphibium wäre, kam später noch ein zweites hinzu.

Einem Abte ist die Aufsicht über die weiten Tempelanlagen empfohlen. Man besucht seinen Palast und 286 kommt durch hochstämmige Laub- und Nadelhölzer nach den Hallen der drei Buddhas. Mächtige Holzsäulen, von schwarzem Lack überzogen, spiegeln die Bäume des Waldes wider und fügen dem eigenen Glanze noch den ganzen Widerschein des absterbenden Herbstlaubes hinzu, während die Kapitäle mit den Strahlen der Sonne um die Wette funkeln. Einige Stufen führen zwischen blühenden Gesträuchern zum Altare empor, auf dessen Plattform der Lichtgott Amita sitzt, rechts von der mit tausend Händen ihre Gnade spendenden, links von der pferdeköpfigen Kwanon flankiert. Ein breit ausladendes Dach mit gemalten Sparrenköpfen über einem Konsolengesimse überspannt zeltartig das Heiligtum. Dahinter im Landschaftsgarten die kupferne Pfeilersäule, Sorinto, die den bösen Geistern wehrt und allem Unheil, das von Erdbeben und Donnerwettern dem Tempel droht.

Von da weiter zur granitenen Torü, zum Jeyasutempel und seiner hohen fünfstöckigen Pagode. Ein Baku, ein mißgestaltetes Fabeltier, das gegen böse Träume schützt, sperrt den Weg und eine in ein Ornamentband hineingearbeitete schlafende Katze zwingt unsere Sohlen leise aufzutreten, damit sie den Schlummer des samtweichen Raubtieres nicht stören. Löwen, Einhörner, Elefanten, Nashorn und Tiger aus Bronze, Stein und Holz beleben die Vorhöfe. Ställe für heilige Pferde und Schatzhäuser mit Affenschnitzereien, Weihwasserbecken aus Granit und Laternen aus Bronze. Steinlöwen und Drachen mit Ringelschwänzen, die sich über die Kanten geschwungener Dächer herunterwälzen. Trommeltürme und Glocken. Auf Säulenkapitälen und Architraven sieht man spielende Kinder, Drachenköpfe 287 und das fliehende Einhorn. In Seitenhallen erscheinen schwere Palankine, in denen die Geister verstorbener Helden im Prozessionsschritt einhergetragen werden.

Man macht ein Weilchen halt, um seine Gedanken sammeln zu können. Der redliche Bonze will sein Trinkgeld abverdienen und redet einige japanische Worte. Da deren Sinn nicht erfaßt werden kann, so stören sie glücklicher Weise nicht mehr als etwa das Blöken eines Hammels oder das Gemecker einer Ziege.

Ebenich und Herr Drillfinger verließen Jeyasus Grab mit der berühmten Katze und kamen zum Tempel des Friedensgottes, der in seinen Händen die vom Rost zerfressenen Schwerter trägt. An Weihbecken und Bronzelaternen vorüber führen gedeckte Galerien zu immer neuen Gräbern und Tempeln. Bald schimmern ihre Säulen und Architrave in rotem Lack, bald in schwarzem. Bald stehen sie versteckt in Terrainfalten und bald blicken sie von niedrigen Anhöhen herunter auf kleine Rinnsale, die aus dem Waldesdunkel sich ans Licht drängen. Und welcher Glanz und welcher Formenreichtum strahlt von den Ornamentbändern hernieder, durch welche die Tempelhäuser über den Goldkapitälen gebunden sind. Pflanzen- und Tiermotive gehen in wunderbarer Abwechslung ineinander über, und mag die aufgerollte Streifenlänge auch nach Kilometern messen, niemals doch geschieht es, daß ein Motiv je wiederkehrte.

»Unglaublich fast, wie hier die Kunst, man möchte sagen: Im Kleinlichen sich auslebt und wie sie nicht die Kraft gefunden hat, nach hohen Aufgaben hinzustreben. Warum mußte die Architektur in den Kinderschuhen stecken bleiben, und konnten nirgends, wie an 288 den Ufern des Rheines, sich gotische Dome gestalten, die ihre Krabben und Kreuzblumen bis in die Wolken heben?«

»›Du kannst im großen nichts verrichten und fängst es nur im kleinen an‹, sollte dieser Faustische Spruch auf die Japaner geprägt sein?« bemerkte Ebenich.

»Kunststück, einen Dom zu bauen,« entgegnete der Schwabe, »wenn der Teufel selber alle Augenblicke an den Fundamenten rüttelt. Es vergeht doch kaum ein Jahr in diesem Lande, wo nicht ein Erdbeben die Bambushütten an irgendeiner Stelle durcheinanderwirft, daß ganze Dörfer daliegen wie die Bohnenstangen im November. Muß denn auch alles gleich ins Ungeheuere wachsen? Ist es nicht aller Ehren wert, daß dieses Volk der Zwerge uns Nippsachen geschenkt hat, die man sich wohl in einem Glasschrank denken kann, kaum aber unter dem freien Himmel mit all seinen Wetterlaunen. Möchte man denn nicht einen seidengefütterten Deckel über diese Tempelchen decken, damit ihnen über Nacht nichts passieren kann?«

Während die beiden so redeten, waren sie zwischen den Zedernstämmen ein gutes Stück vorangeschritten und kamen an einer Gruppe von Menschen vorüber, die am Boden saßen und mit ihren Taschenmessern eifrig am Skelett eines größeren Vogels herumschabten.

»Nun dreh ein lahmer Esel die Windmühle, Herr Lämmlein, sind Sie denn auch da und, wie ich sehe, eifrig damit beschäftigt, einem alten Gänserich das Fell über die Ohren zu ziehen?«

»Erpel, Erpel mit Verlaub, Herr Drillfinger, so nennt man so ein geflügeltes Ding bei uns am Niederrhein. Schaue Se, gucke Se, wäre Se früher gekommen, so hätte 289 Se mitesse könne, wenn's auch ein bißchen knapp hergegangen wär'. Aber nit wahr, Sie besuchen mich doch am Niederrhein und dann kann jeder von uns zwei, schaue Se, gucke Se, eine ganze Wildente für sich allein essen, so gewiß, als uns die Nasen zwischen den Backen sitzen.«

»Und Herr und Frau Griffin werden mit von der Partie sein?« fragte Herr Ebenich so obenhin, nur um nichts Unfreundlicheres sagen zu müssen.

»Leider nicht,« entgegnete die angeredete Dame. »Denken Sie sich nur, mein süßer Mann will mich nach Neapel schleppen. Ist es nicht ungeheuerlich, von einem feuerspeienden Berg zum andern und was tut nicht eine folgsame Gattin. Aber heute, Herr Doktor, dürfen Sie sich uns doch nicht entziehen. Ich denke, wir reiten zusammen zum Staubnebelwasserfall und nehmen dann das Diner in einem japanischen Teehaus. Überlegen Sie, wie reizend muß es sein, wenn wir alle mit untergeschlagenen Beinen um eine Fischroulade mit Kalbsaugen in der Mitte herumsitzen, und Herr Drillfinger ist so liebenswürdig und nimmt eine Photographie auf von der Gruppe.«

»Von Herzen gern, meine Gnädige, aber sagen Sie mir doch zuvor, Herr Lämmlein, ob Sie nur zu dem einen Zweck nach Nikko gekommen sind, um hier eine Ente zu essen?«

»Essen läuft bei mir so nebenher. Die Kunst ist die Hauptsache. Hab' ich nicht genug betrachtet: die Katze vom berühmten Hidari Jingoro, dem Holzschnitzer? Gucke Se, an so einem Tierchen kann ein vernünftiger Mensch seine Freude haben. Sehe Se, da liegt es, streckt den Kopf über die Pfoten und schläft so artig. Aber was tun bei uns zu Haus die Katzen? 290 Auf die Dächer laufe se und maunzen tuen se in die Nacht hinaus, daß kein Mensch mehr ein Auge zutun kann. Und gucke Se, das gerade meistens um die Fastenzeit, wo den Leuten ohnedies der Magen knurrt. Ja und nehmen Sie mir's nicht übel, können Sie mir vielleicht einen vernünftigen Grund angeben, warum die verfluchten Luders sowas tun?«

»Haben Sie sich nicht an die verkehrte Adresse gewendet, Herr Lämmlein, ich bin der Ansicht, Sie sollten diese Frage einem Tierarzt vorlegen.«

»Ganz Ihrer Meinung, sehe Se und es wär' auch längst geschehen, wenn man so einen gelehrten Herrn im Reisenecessaire herumtragen könnte, wie eine Zahnbürste. Gucke Se, wie mer sich zu helfen suchen muß. Sehe Se, en Gapitän hab' ich gefragt mitten im Suezkanal drin. Herr Gapitän, hab' ich gesagt, wissen Sie vielleicht zufällig, warum die Katze des Nachts auf die Dächer steige und stundenlang maunze!«

»Gucke Se, Herr Lämmlein,« hat er gegen mir gesagt, »den dieseren Grund weiß ich eigentlich auch nicht. Ich kann Sie aber auf Ehrenwort versichern, bei den Gamelen ist es gerade so.«

Nach diesem belehrenden Zwiegespräch machte Ebenich den verzweifelten Versuch, sich durch ein rasches Aufbrechen von der Gesellschaft loszureißen. Doch es mißlang das Vorhaben. Herr Lämmlein und die Griffins waren offenbar gesättigt und standen auf den Beinen, bevor noch der Doktor einen Schritt nach dem Staubnebelwasserfall hin gemacht hatte. Die verschlungenen Fäden eines verworrenen Knäuels waren nicht zu entwirren und so erstickte schließlich die begeisterte Morgenstimmung von 291 Nikko in einem banalen Abendgespräch über Spinat und Spiegeleier, das ein Japaner mit seiner Kochkunst veranlaßt hatte.

Der Frühstückstisch der Firma Griffin und Lämmlein war noch unbefleckt, als Ebenich und sein Begleiter das Nikkohotel verließen. So gingen fünf Menschen auseinander, ohne daß der unvermeidliche Trennungsschmerz einem von ihnen das Herz gebrochen hätte. Eine fünfstündige Eisenbahnfahrt brachte die Reisenden nach Tokio. Der Weg vom Ueno-Bahnhof bis zur Simbashistation wurde im Rikscha zurückgelegt, und bereits nach einer weiteren Stunde trennten sich auch Ebenich und der Schwabe Numero 5 in Yokohama, letzterer, um auf dem Landweg nach Kobe zurückzufahren, und der erstere, um bei der Reisefirma Cook ein Billet von Tsingtau über Peking nach Moskau zu verlangen. Kein Zweifel, es war der dreizehnte November, als dies geschah. Dreizehn gilt als eine Unglückszahl. Aber am Datum lag es nicht, daß seinem Begehren nicht entsprochen werden konnte, sondern an der Überlastung der sibirischen Bahn. Bis zum siebenten Februar des folgenden Jahres waren im Luxuszuge alle Plätze schon verkauft. Ebenich klopfte mit einem Fünfyenstückchen an seinen Gehirnautomaten und wartete, ob ein vernünftiger Gedanke herausfallen werde. In der Tat, es kam einer. Da die Erde eine Kugel ist, so muß jeder Pfad nach Hause führen, einerlei, ob der Wegweiser nach Osten zeigt oder Westen. Also frisch auf und hin nach dem Bureau der Toyo Kisen Kaisha. Dort erfuhr der Doktor, daß in drei Tagen ein Dampfer der Gesellschaft über Honolulu nach 292 San Francisco gehe. Drei Tage sind keine Ewigkeit. Man wird sie durchhalten können, auch wenn der rauhe Novemberwind schon durch die dünnen Wände bläst, und das magere Kohlenfeuer in den Kupferbecken nur eine so spärliche Wärme verbreitet, daß kaum die steifen Fingerglieder sich in ihren Gelenken zu bewegen vermögen. Mit diesem Vorsatz ging Ebenich zum Besitzer des Pariser Hofes zurück und setzte sich, da außer ihm keine sonstigen Gäste mehr da waren, mit der Familie zu Tisch. Man hatte eben die Suppe gegessen, als die Tochter des Hauses herantrat und berichtete, daß auf Cooks Reisebureau ein Billet zurückgegeben worden sei, und daß Herr Ebenich dies erwerben könne, wenn er sofort zugreife und seine Reise so einrichte, daß er am Abend des neunten Dezember in Peking sei. Das waren also noch so ungefähr vier Wochen Zeit. Die ließ sich benützen, um sich Tsingtau anzusehen, das Lauschangebirge und den nördlichen Teil von China, und wenn dann alles klappte, konnte man den Silvesterabend wieder in Deutschland feiern.

Also auf, zuerst bei Cook das Billet gekauft und dann nach dem Hafen, um eine Fahrgelegenheit nach China zu erspähen. Ein Dampfer des Norddeutschen Lloyd mußte fahrplanmäßig am Nachmittag zur Ausreise bereit liegen. Aber Eile tat not. Der Nachtisch blieb unberührt vor Ebenichs Teller liegen, und der Rikschakuli schleuderte sich fast die Beine aus dem Leibe heraus, als er unter der Einwirkung eines guten Trinkgeldes mit seinem Fahrgast über das Holzpflaster nach dem Hafen hinsauste. Schon sah man ein Stückchen vom Stillen Ozean, eben groß genug, daß man sich 293 einen blauen Mantel daraus hätte schneiden können. Nun noch um die Backsteinecke eines Zollschuppens herum, und der Dampfer mit der Schlüsselfahne am Heck mußte in Sicht kommen. Richtig. da lag er auch, und die Laufplanke, die von der Kaimauer zur Reling hinüberführte, schien freundlichst zur Mitfahrt einladen zu wollen. Ebenich entließ den Kuli und trabte mit seinem kleinen Handgepäck guten Mutes über die schwankenden Bretter. Wehe, wehe, ihm stand eine schmerzliche Überraschung bevor.

Als er eben das Schiff betreten wollte und sich schon gesichert auf deutschem Boden glaubte, eröffnete ihm der Zahlmeister mit dem Ausdruck eines schmerzlichen Bedauerns, daß es dem Schiffe nicht erlaubt sei, ihn mitzunehmen, da es nur den inländischen Gesellschaften zustehe, Passagiere von einem japanischen Hafen zum andern zu befördern.

Alle Wetter! Das war doch nun geradeso, als ob das Reich der aufgehenden Sonne den Dr. Ebenich um keinen Preis mehr hergeben, zum mindesten aber ihn überwintern wolle. Eine trübe Aussicht zu einer Stunde, in der ein kalter Nordwind vom Lande blies und den Doktor vorwärts trieb nach den warmen Schiffsschornsteinen, die 294 von einer grauen Rauchfahne bekrönt in ihrer Nähe ein warmes Plätzchen gar verführerisch in Aussicht stellten. Nein, ein so verlockender Wink durfte nicht unbeachtet bleiben. Ging's nicht auf ehrlichem Wege, so konnte ein unehrlicher vielleicht zum Ziele führen.

Ebenich verabschiedete sich also von dem Zahlmeister und tat so, als ob er sein vielgeplagtes Täschchen wieder nach der Stadt zurücktragen wolle. Am Lande angekommen, stellte er sich hinter einem Kohlenhaufen so auf, daß er, ohne selber gesehen zu werden, genau beobachten konnte, was auf dem Schiffe vorging. Er sah den Zahlmeister sich die kalten Finger reiben und dann in seinem Bureau verschwinden. Ein paar Matrosen wandten der Kaimauer den Rücken zu und rollten Fässer aufs Deck. Sonst war weit und breit niemand zu bemerken.

›Der Augenblick ist günstig. Nun vollend' ich's!‹ Mit raschen Schritten trat er über den Steg, suchte und fand bei der zweiten Kajüte den Raum, in dem sonst keiner länger bleibt, als er bleiben muß, und schob den Riegel hinter sich zu. ›Hier bin ich, und hier will ich der Dinge harren, die da kommen sollen. Wenn das Schiff nur erst auf hoher See ist, so wird man mich nicht wie eine alte Kiste über Bord werfen, auch wenn ich die Nippon Yusen Kaisha um einige Yen gebracht haben sollte,‹ dachte der Doktor und mit verhaltenem Atem lauschte er nun auf jedes Geräusch, das der Dampfer von sich gab. Ebenich schnaufte erleichtert auf, als er das Stampfen der Kolben fühlte und das Wühlen der Schraube im Wasser wahrnahm. Aber er erschrak auch wieder, als ein harter Finger lauter und immer lauter an die Türe seines Verstecks klopfte.

295 ‹Und wenn der da draußen Rizinusöl gefrühstückt haben sollte, ich werde nicht aufmachen,‹ dachte Ebenich und blieb unerbittlich gegen alles Telegraphieren. Erst als eine Stimme seinen Namen rief, öffnete er und erkannte den braven Schiffsarzt Marlott.

»Sie dürfen sich schon wieder in eine bessere Atmosphäre hereinwagen,« sagte der Gute. »Ich habe Sie zufällig auf Ihrer Weltflucht nach der stillen Klause beobachtet und Ihrethalben mit dem Kapitän gesprochen. Wenn die japanische Kontrolle in Kobe an Bord kommt, so sind Sie als zweiter Arzt in die Schiffsliste eingetragen, und von dort ab laufen wir dann keinen japanischen Hafen mehr an.«

Die Kontrolle kam in Kobe nicht. Ebenich aber behielt als blinder Passagier ein böses Gewissen, bis der Dampfer westwärts von Shimonoseki in der Koreastraße schwamm. Da kam erst Sicherheit über ihn, und aus dem blinden Passagier wurde einer, der wieder eine gute Meinung von sich selbst hatte und sich nach passender Gesellschaft umschaute. Nach seiner Ansicht hatte er seither von den Schwaben mancherlei Unterhaltung und Belehrung empfangen. Was war natürlicher, als daß er sich nach einem sechsten sehnte, nachdem der fünfte ihn in Yokohama verlassen hatte? 296

 

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