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Sechs Schwaben und ein halber

Adam Karrillon: Sechs Schwaben und ein halber - Kapitel 4
Quellenangabe
typereport
booktitleSechs Schwaben und ein halber
authorAdam Karrillon
year1922
firstpub1919
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleSechs Schwaben und ein halber
pages461
created20140209
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Schwabe Nr. 4

(Der Kapitalschwabe)

»Ja, ja,« seufzte Herr Weißmann und zog die Schultern hoch, »den einen halten die Schulden fest, und den andern läßt der Reichtum nicht los. Da seh' ich eben einen über Queens Road mit Herrn Gruber zusammen aufs Haus zukommen, der längst ein Schloß am Rhein bewohnen könnte, wenn er wollte. Ist Ihnen nicht am Peak oben eine Villa im griechischen Stile aufgefallen mit einer Marmorbalustrade übers Dach hin?«

»Ist es da, wo die überschlanke Venus Kallipygos auf grünem Rasen vor den schwarzen Thujen steht? Respekt vor dem Manne, der seinen Reichtum so geschickt zu gebrauchen versteht,« entgegnete Herr Ebenich noch in raschen Worten. Schon war zu längerer Auseinandersetzung keine Zeit mehr. Herr Kleingarn, der glückliche Villenbesitzer, stand am Tische und wurde durch Herrn 158 Gruber vorgestellt. »Herr Kleingarn,« sagte er kurzhin, »junger Milliardär und alter Stuttgarter Bierbrauer.«

»Sie haben am Neckar gelebt?« nahm Herr Ebenich den Faden auf die Spindel. »Reizt es Sie nicht, wieder einmal vom Staufen über die Rauhe Alb hin zu blicken?«

»Der Gründe sind mancherlei, warum ein in der Fremde reich gewordener Deutscher im Alter nicht in die Heimat kann und mag. Sehen Sie, da sind zunächst die Weiber, Gattin und Töchter, die sich wie Tropenpflanzen nicht mehr nach dem Norden versetzen lassen. Mit ihrem Hofstaat von Dienerschaft sind sie in den deutschen Kleinstaaten schlechterdings nicht unterzubringen und dann, Herr Doktor, seien wir ehrlich gegeneinander, stößt doch das liebe Vaterland viele seiner abgewanderten Kinder von sich.«

»Zu meinem Bedauern kann ich Ihre letzte Bemerkung nicht ohne Widerspruch passieren lassen. Man freut sich im Gegenteil in Deutschland über jeden verlorenen Sohn, der heimkehrt, und wenn man ihm nicht gerade ein Kalb schlachtet, so –«

»Hetzt man ihm doch einen Polizisten auf den Hals. Ihren Patriotismus in Ehren, Herr Ebenich, aber Sie werden mich erst verstehen, wenn ich Ihnen eine wahre Geschichte erzählt habe. Ich bitte, hören Sie mir einen Augenblick zu.«

»Ein Farmer aus Kanada, Bekannter von mir, Deutscher von Geburt und Holzhändler von Profession, war zu einem schönen Vermögen gekommen. Grochmann hieß der Wackere, Grochmann. Er konnte die ersten Eindrücke seiner Kindertage nicht vergessen und wollte heim. Heim auf den Boden, der seinen Vater und 159 seine Mutter ernährt hatte und ihn selber bis zu seinem fünfzehnten Lebensjahre. Er verkaufte in Kanada, verkaufte gut und schwamm mit einem Kredit von zwei Millionen Dollar auf der Bank von England über die Heringspfütze. Zu Heidelberg im Darmstädter Hofe angekommen, kaufte er das Gütchen seiner Eltern auf und schuf es um, zu einer wahren Musterfarm. Was sag' ich, Musterfarm? Nein, nicht in jedem Sinne war sie das. Sie war es nicht für den, der auf Rentabilität einer Kapitalanlage sieht. Herr Grochmann hatte wohl den schönsten Viehstand im ganzen Badener Lande, aber der Schoppen Milch kostete ihn selber nicht weniger als die Flasche Champagner. Doch das war seine Sache. Bezahlen ließ er sich nur den Marktpreis, und nur seine Freunde hörten gelegentlich einmal, was Liebhabereien kosten. Die andern Leute aber konnten sich an Herrn Grochmann ein Muster nehmen und von ihm abgucken, wie man seine Bäume behandelt, seine Reben, seine Wiesen und sein Kartoffelfeld. Genug von diesem Faustus im I. Band. Und nun der Tragödie zweiter Teil: An einem schönen Tage stand Herr Grochmann, die kurze Pfeife im Munde und die Hände in den Hosentaschen, bei seinen Aprikosenbäumen und schaute voll stillen Glückes unter die goldenen Früchte der neuesten Ernte. Da trat mit der Amtsmiene eines Hofgerichtspräsidenten im Prunk seiner vollen Uniform ein Polizeidiener mit einem Zettel an ihn heran.«

»›Mann mit dem Sabel, was willst du?‹ redete Herr Grochmann den erhabenen Diener der heiligen Gerechtigkeit respektlos an, so daß der Beamte sich in seiner Würde vielleicht verletzt fühlen konnte.

160 »›Sie haben Ihr Zimmermädchen ohne Ortskrankenkassenbeiträge und Ihren Hund ohne Marke laufen lassen. Hier die Strafmandate für beide Vergehen,‹ sagte er barsch.«

»›Well und wozu bin ich da, wenn sich der Staat um meinen Hund kümmert und mein Dienstmädchen? Hab' ich ihn etwa um Futter angegangen für diese beiden? Mann, gegen Deinen Sabel habe ich zur Not noch einen Revolver in meiner Hosentasche,‹ und er faßte mit seinen kräftigen Händen den Uniformierten an beiden Schultern, drehte ihn und schob ihn wie einen Holzsoldaten aus einer Spielschachtel zur Gartentür hinaus.«

»Und was war die Folge der ungeheuerlichen schwarzen Tat? Natürlich ein Antrag der Oberstaatsanwaltsbehörde gegen pp. Grochmann in einer Beamtenbeleidigungsanklagesache. Und weiter! Schikaniererei, Schreiberei, Lauferei. Grochmann hat mir einmal gesagt: ›Mein lieber Kleingarn,‹ hat er gesagt, ›wenn ich ein Dutzend Hündinnen besessen hätte und alle zwölf wären gleichzeitig läufig gewesen, meine Hausschwelle hätte nicht schmutziger sein können, als sie es damals war. Nun gut, was hab' ich gemacht, um dem abzuhelfen? Meinen Hof hab' ich um siebzigtausend Mark billiger gegeben, als ich ihn gekauft hatte, und bin wieder nach Kanada gezogen, wo die Wilden die besseren Menschen sind.‹«

»Soweit mein Freund Grochmann. Und welche Lehre ziehen Sie aus dieser Geschichte, ich bitte Sie, Herr Ebenich?«

»Ich denke die, daß der Staat mit den Brillen 161 seiner Gendarmen nicht in jeden Suppentopf gucken sollte.«

»Ganz meine Ansicht. Sehen Sie, wer im Ausland gelebt hat, dem passen die deutschen Kinderschuhe nicht mehr. Er will nicht vom Subalternbeamten wie ein Hund am Bändel geführt sein, und deshalb kommt sein Reichtum der Heimat nicht zugute, und seine Kinder schon wissen nur vom Hörensagen, daß der Vater ein Deutscher war. Um zwölftausend Mark hat der Wegzug Grochmanns die Gemeindeeinnahme an Umlage verkürzt. Rechnen Sie aus, rechnen Sie aus, wieviel Schiefertafeln für eine solche Summe zu Gunsten notleidender Schulkinder hätten angeschafft werden können. Vestigia terrent. Verstehen Sie, warum es auch mich nicht allzu mächtig nach Deutschland zieht?«

Ebenich, dem die Ansichten dieses in mehr als einer Beziehung hervorragenden Kapitalschwaben imponierten, konnte und wollte diese Frage nicht beantworten, und er schwieg deshalb. Möglich, daß Herr Kleingarn das Gefühl hatte, er möchte sein Gegenüber in einem ihm heiligen Empfinden verletzt haben. Er wurde verlegen und suchte gutzumachen.

»Sie sind bei Ihrer Gesellschaft abgemustert, die Pantellaria ist fort. Nun werden Sie ein wenig ins Land hineinsehen wollen,« nahm er nach einer Verlegenheitspause wieder die Rede auf. »Wie wär's, wenn Sie sich mir anschließen würden? Ich habe vor, in den nächsten Tagen den Sikiang hinauf nach Kanton zu fahren. Es geht dies ohne allzu großes Risiko. Der Boxeraufstand ist im Abflauen begriffen. Meine Kenntnisse darüber verdanke ich dem amerikanischen 162 Konsulat, das mir die Reise als unbedenklich schilderte. Sie werden nun fragen: Warum wendeten Sie sich nicht an das deutsche? Nun weil man immer nur die Antwort bekommt: ›Wir können nichts für Sie tun. Sie handeln auf eigene Rechnung und Gefahr.‹ Nein, diese Büreaukraten sollten zu Hause bleiben. Sie schieben keine Saugwurzeln ins Innere des Landes vor. Sie verwachsen nicht mit der Fremde. Zwischen Dover und Calais haben sie schon auf der Herreise ausgerechnet, wieviel Pension sie nach fünfzehn Jahren Kolonialdienst haben, und mit diesem Gelde möblieren sie bereits eine Villa in der Sächsischen Schweiz, und ob China bei der Austeilung an Reuß-Greitz-Lobenstein oder an den Kirchenstaat fällt, ist ihnen gleichgültig. Doch wozu sich aufregen? Unsere Angelegenheit ist durch die Amerikaner geregelt, und ich denke, bis übermorgen fahren wir zusammen nach Kanton hinauf.«

»Und ich denke, wir könnten heute noch einen Bummel auf der Connaught Road machen, bevor die Sonne sinkt. Herr Ebenich muß doch Friedrichshafen kennen lernen, bevor er nach Stuttgart fährt.«

Der Vorschlag des Herrn Gruber fand Beifall. Man brach bei Weißmann auf und pilgerte nach der Uferstraße hinaus. Unter den Lauben hinwandelnd, begegnete man mancherlei Gesichtern, die nur durch den Umstand erträglich wurden, daß ein englischer Policeman mit einem Gummiknüttel überall in erreichbarer Nähe sich aufhielt. Die Uferstraße wimmelte von allerlei Menschen, weißen, gelben und schwarzen, in allerlei Kleidungsstücken, Hemden, Kimonos und Nankinganzügen. 163 Über den Häuptern der Fußgänger schwebten, von den Gummirädern der Rikschafuhrwerke fortbewegt, ältere Matronenkörper, die wundersam bemalte und herausgeputzte Riesenpuppen auf ihren Knien sitzen hatten. Frau Mama und Kind sahen steif und hölzern aus, als ob sie vom Herrgottschnitzer aus Oberammergau in die Welt gesetzt wären.

»Stellt das eine Maskerade vor?« fragte Ebenich.

»Warten Sie noch ein Weilchen, und Sie sollen sehen, welchen profanen Zwecken diese Heiligenbilder dienen,« sagte der Kapitalschwabe.

Unsere Spaziergänger bogen in eine Seitenstraße ein und betraten durch ein breites Schiebetor einen geräumigen Saal, aus dem die Klänge eines mehr lärmenden als melodischen Konzerts herausdrangen. So vollgepfropft mit Menschen war der Raum, daß man aus Platzmangel die wunderlichen Musikanten in einer Art von Holzkäfig an die Wand hinaufgehängt hatte. Vorn auf einem erhöhten Podium saßen in greller Gasbeleuchtung ein paar Dutzend solcher Puppen, wie sie soeben noch Herr Ebenich auf den Knien der vorüberfahrenden Matronen gesehen hatte. Ohne jegliche Bewegung und straff wie Wickelkinder waren sie auf die Sitze ihrer Stühle festgeschraubt, bis zuweilen ein Mann unter sie trat, mit prüfenden Blicken acht oder zehn der übermalten Marionetten heraussuchte und ihnen mit dem Finger winkte. Wer derart auserlesen war, erhob sich und schwankte auf den verkrüppelten Füßen, wie auf Stelzen gehend, schweigend dem Ausgang zu.

»Von denen hat morgen früh eine jede einen Champagnerkater im Kopf und einen Dollar in der 164 Tasche. Sie sind von einem Agenten ausgesucht, um durch ihre Gegenwart das Gastmahl irgendeines Mandarinen zu beleben. Da sitzen sie je eine zwischen zwei Männern auf niederen Taburetts, schlucken die Brocken, die ihnen von ihren Tischnachbarn in den Mund gesteckt werden, und nippen am Champagnerbecher, bis sie angeregt und zu allem zu haben sind, was den Herren der Schöpfung mit ihnen anzufangen beliebt. Sie müssen einmal ein solches Essen mitmachen, Herr Ebenich, um zu begreifen, welch raffinierte Genießer diese reichen Chinesen sind. Ein Diner im Hotel Adlon zu Berlin ist ein Hors d'oeuvre gegen einen solchen Chinesenschmaus,« bemerkte Herr Kleingarn.

»Ich werde die Gelegenheit beim Schwanze packen wie der Viehtreiber das Kalb. Aber lassen Sie uns jetzt aufbrechen, es ist schon spät, und bis ich zum Peakhospital hinaufkomme, wird's noch später sein.«

»Nach dem Peakhospital? Kein Gedanke dran. Da kommen Sie heute überhaupt nicht mehr hin, die Bahn geht nicht mehr, und man schließt dort zeitig das Tor. Am besten ist's, Sie bleiben bei uns hier in Viktoria im Hongkong-Hotel über Nacht,« eiferte der Tabakschwabe.

Ebenich war mit dem Vorschlag einverstanden, bestand aber darauf, daß man gehe, und man ging auch.

An der schmalen Fassade eines himmelhohen Japanerhotels stand die Haustür offen. Ein enges Stiegenhaus war leidlich gut beleuchtet, und was von den Waden eines schönen Kindes aus dem Lande der aufgehenden Sonne unter dem Kimono herausguckte, konnte man bei der Steilheit der Treppenanlage durch 165 vier Stockwerke hinauf bequem beobachten, da gerade eine Tochter Nippons schlafen ging.

Als diese Vorstellung kaum beendet war, bot sich auf der Straße ein neues Schauspiel. Eine übermäßig mit Blumen und Bändern verzierte Sänfte wurde von zwei wie Herolde maskierten Kulis vorbeigetragen. Im Schein der Straßenlaternen sah man hinter den Scheiben der Sänfte ein von allerlei Aufputz umrahmtes, hold lächelndes Mädchengesicht. Die Sänftenträger machten zuweilen mit ihrer Last einen kleinen Galopp und die Dame lächelte. Sie ließen den Kasten stehen und tanzten drum herum, und das Götzenbild hinter der Scheibe lächelte.

»Ob sie morgen früh noch lächelt, ist fraglich,« bemerkte Herr Gruber, als er eben wieder einmal eine Zigarre ansteckte. »Das Wachsfigürchen ist eine Braut, die jetzt ins Haus der Schwiegereltern geschafft wird, um den ihr zugedachten Bräutigam zum ersten Male zu sehen. Wir wollen hoffen, daß sie mit dem Ochsen zufrieden sein wird, den man für sie herausgesucht hat.«

166 Man war vorm Hotel angekommen und hatte den Portier herbeigeklingelt. Auf der Treppe trennten sich die Nachtwandler, indem jeder sein Lager aufsuchte, um in den überheißen Zimmern zu schlafen, so gut es eben gehen möchte.

Am nächsten Morgen machte sich Herr Ebenich allein auf den Weg, um einen Barbier zu suchen. Gleich neben dem Hotel sah er die Kopfbedeckung des berühmten Manchaners, den Helm Mambrins in der Sonne leuchten. Er trat in einen mit Palmen und Rasierstühlen reichlich ausgestatteten Raum und fühlte alsbald die Augen von mehr als einem Dutzend weißbekutteter Verschönerungsathleten prüfend auf sich gerichtet. Unglaublich, welch eine Fülle von Menschenkenntnis in der Uniform von Hotelportiers und in Rasierkitteln zu stecken vermag. Der Mann, der, den Doktor salutierend, aus der weißgekleideten Front hervortrat, war ausgerechnet ein Deutscher. »Nehmen Sie getrost Platz, Herr Doktor,« sagte er. »Der Stuhl, dem Sie sich anvertrauen, wird Sie von selbst in eine bequeme Lage bringen.«

Und, Wunder über Wunder! Kaum hatte der Doktor sich gesetzt, so streckte sich hinter ihm das Gestell und brachte Ebenichs Körper in eine liegende Haltung. Ein Fußpolster wuchs aus dem Boden empor und stützte seine Unterschenkel. Seine Augen starrten nach einem Glasdache empor, über das soeben der Schatten einer Katze spazieren ging, als schon das Messer um des Opfers eingeseifte Gurgel zu schaben begann. Um sich mit dem Manne, dem er auf Gnade und Ungnade überlassen war, auf guten Fuß zu stellen, sagte Ebenich: »Sie sind ein Deutscher?«

167 »Ja, aus Stettin.«

»Und sind als Schiffsbarbier hierhergefahren?«

»Nein, immer zu Fuß, der sibirischen Bahn entlang. Nur von Kaulun nach Viktoria hier herüber habe ich die Ferrylaunch benutzt. Sechs Jahre habe ich zu der ganzen Reise gebraucht. Natürlich habe ich zwischendrein gearbeitet, jedesmal, wenn mein Geldbeutel leer war.«

»Nun, und von hier aus –, wohin werden Sie von hier aus weiterwandern?«

»Nach Melbourne in Australien möchte ich noch und dann nach Stettin zurück. Aber da liegt der Hase im Pfeffer. Das Meer hat keine Balken, und ich hab' kein Geld, um die Wasserfahrt zu bezahlen.«

Die Katze auf dem Glasdach machte einen Buckel, als der Streichriemen diese Beichte ablegte und Herr Ebenich aus dem Faust zitierte:

»Der Pudel merkte nichts, als er hereingesprungen,
Nun sieht die Sache anders aus.
Der Teufel kann nicht aus dem Haus.«

»Sie sind auf eine Insel geraten. Da gibt's ohne Geld kein Weiterkommen. Trösten Sie sich, mein Verehrter, mit mir. Ich bin so übel dran wie Sie. Die Deutsch-Asiatische Bank will meinen Kreditbrief vom Weinheimer Vor- und Nachschußverein leider nicht anerkennen. Wenn Melchers & Comp. von der Lloyd-Agentur nicht für mich gutsprechen, dann rasieren wir beide hier in Hongkong bis zum Jüngsten Tage weiter.«

Die Katze hatte einen Sprung übers Glasdach gemacht, und der frischrasierte Ebenich trat mit sauber gewaschenem Haarboden auf die Straße hinaus.

168 Wie von der Vorsehung herbeigerufen, standen die Schwaben zwei und drei da, eben im Begriffe, in den Tabakladen eines malaiischen Händlers einzubrechen.

»Der Vormittag ist wie zum Wandern geschaffen; was fangen wir an, meine verehrten Taifungenossen?« sagte Ebenich.

»Ich schlage vor, wir gehen zu einem Photographen und lassen unsere drei Hohlköpfe auf gehacktem Haberstroh nebeneinander fixieren und dann damit ins Raritätenkabinett der Universität,« sagte Herr Gruber.

»Der Universität? Was sollen unsere Bilder und wir in der Universität? Die langweilige äußere Fassade kennt jeder, der in die Meerenge hereingefahren ist, und sonst ist eine chinesische Universität kaum anders als eine deutsche, nur daß hier den Studenten der Zopf im Nacken hängt, während er bei uns zu Hause den Professoren den Rücken hinunterbaumelt. Laßt uns zur Markthalle gehen.«

»Der liebe Gott, der einst mit Noah zusammen die Arche gebaut hat, muß auch den Plan zu diesem Gebäude entworfen haben. Mehr lebendes und totes Getier unter einem Dache vereint kann selbst im Himmel nicht angetroffen werden,« behauptete Herr Gruber und richtete seine energischen Schritte westwärts.

Die beiden folgten und bald stand das Kleeblatt am Centralmarket. Der vielstöckige Bau erhebt sich von einem freien Platz da, wo der Peak mit steiler Böschung nach dem Meere zu abfällt. Dieser glückliche Umstand erlaubt von künstlich aufgeführten Rampen aus den ebenen Zugang zu verschiedenen Stockwerken. Man marschiert ins Parterre hinein und ist in der 169 heringduftenden Gesellschaft sämtlicher Wasserbewohner. Im ersten Stock umblöken einen alle Ein- und Zweihufer. Im zweiten wird man von der gesamten Vogelwelt umzwitschert. Im dritten und vierten ist man von allen Blüten und Früchten aus Wald und Garten umduftet, und umstunken ist man in allen Stockwerken von den Ebenbildern Gottes, die mit dem Sammelnamen Mensch bezeichnet werden. Wahrhaftig, mit dieser Sorte geht es dem Herrn Ebenich wie mit den Gänsen. Er zieht die toten den lebendigen vor. Ihn trieb es fort aus der Gesellschaft. Er verlangte und setzte durch, daß man die Sonnenhitze des Nachmittags im Hotel verträumen und den nächsten Tag in Happy Valley, dem Tale der Seligen, verbringen solle.

Der Weg nach dem stillen Friedhof führt durch verrufene Straßen an den Sirenenhöhlen vorbei. Und in der Tat riefen diese Wasserjungfern aus mehr als einer der Hunderte von lattenverzäunten Grotten heraus: »Komm Innseit, komm Innseit!« Wer die ganzseidenen American girls kennen gelernt hat, wird von den Vorstadtreizen dieser Baumwollbibernen kaum angezogen werden. Unser Odysseus Ebenich brauchte seine Genossen nicht anzubinden. Alle dreie kamen sie nach einigem Wandern an eine stille Mauer, hinter welcher in Tausenden von Gräbern nebeneinander Mohammedaner, Christen, Parsen, Buddhisten, Juden, Schintoisten und Konfuzianisten friedlich nebeneinander schlummern. An einem Kreuzweg der Friedhofsanlage streckt ein gekreuzigter Heiland die Arme nach allen aus, und in der Tat, er ist der einzige, der dies tun darf, weil er ohne Unterschied von Farbe und Rasse jeden geliebt hat, 170 der ein menschlich Antlitz trug. Wer von allen seinen Nachfolgern darf von sich das gleiche sagen?

Leben und Tod sind wie Genie und Narrheit in der ganzen Welt nur durch eine dünne Wand getrennt. Auch an das Happy Valley, Tal der Seligen, schließt sich unmittelbar das Tal der Fröhlichen an, und Tennisschläger und Fußballspieler tummeln sich in vertrackten Sprüngen auf dem kurz geschorenen Rasen herum. Herr Ebenich mit seinen Schwaben hatte sich in einem der vielen Restaurants, die da im Schatten von Steineichen und Maulbeerbäumen herumstehen, einen Platz ausgesucht, der ihm einen bequemen Ausblick auf den ruhigen Spiegel des Meeresarmes gestattete. Seine Blicke hingen träumend an dem englischen Kommandantenschiffe, das da mit seinen weißen Sonnensegeln verankert im Strome lag, als ihm eine breite Hand plötzlich auf die Schulter schlug.

»Sie werden die Störung entschuldigen,« sagte Herr Kleingarn, »ich wollte nur fragen, ob Sie den verabredeten Ausflug nach Kanton nicht vergessen haben? Eine Depesche von der Insel Schamien meldet mir, daß die Boxer noch immer unruhig sind, doch unter der grimmen Faust von fünfunddreißigtausend Soldaten die unsinnigen Schießereien in den Straßen eingestellt haben. Die Fahrkarten habe ich bereits besorgt. Werden Sie übermorgen des Nachmittags um vier Uhr an Bord des Dampfers Kiri-Shan sein?«

»Mit Manschetten an den Armen, dem Opernglas über der Schulter und mit Vertrauen auf Ihre Führung im Herzen werde ich eine halbe Stunde vor der Abfahrzeit auf dem Dampfer stehen und nach dem Sampan 171 ausschauen, der Sie ans Fallreep des Kiri-Shan bringen soll.«

Machen wir's kurz und melden wir, daß Herr Ebenich seinen Schwabenfreunden bis auf ein baldiges Wiedersehen Lebewohl gesagt und mit Herrn Kleingarn eine gemeinsame Schiffskabine bezogen hat. Dann ging der Anker hoch und der Dampfer schwamm zwischen den Inseln Mahwan und Lantao in die Mündung des Kantonflusses hinein, der Bocca Tigris entgegen. Diese ist eine Art Porta guestphalica, der kahlen Küste mit ihren zersetzten Bergeshäuptern vorgelagert. Hinter der Enge gelangt man auf einen Arm des Sikiang, den man den Perlfluß heißt. Er ist so stark etwa wie der Rhein in seinem mittleren Laufe und an seinen Ufern mit Dörfern, Pagoden und Landhäusern reichlich besäumt. Unzählige Dschunken und Sampans beleben seinen Spiegel, und viele verwegene Führer dieser leichten Boote verstehen es vortrefflich, mit langen Bambushaken ihren Kiel an der Brustwehr des Kiri-Shan festzuhaken und sich nachschleppen zu lassen. Ebenich, dessen Auge sich an den reichen Mais- und Reisfeldern, den Bananen- und Maulbeeranlagen des Flußtales bereits satt gesehen hatte, fand es reizend, die Insassen dieser Dschunken zu beobachten, wie sie mit verschmitzten Augen auf das hohe Deck des Dampfers heraufschauten, immer in Sorge, daß ein schwerer Kohlenbrocken auf ihr Schifflein niedersausen, oder ein Beilhieb den Bambusstab zerschneiden könne, der ihnen eine so billige Fahrgelegenheit vermittelt.

So ging die Zeit herum und der Abend kam heran. Am Fockmast war das weiße Licht hochgefahren und die Buglaternen warfen ihren roten und grünen Schein 172 in mächtigen Kegeln über den gurgelnden Strom hin. Die Dämmerung war niedergesunken und hatte bereits die fernen Berge und die nahen Ufer verschlungen, als Gongschläge aus dem Schiffsinnern heraus ertönten. »Nun wird es Zeit, Toilette zu machen,« sagte Herr Kleingarn zu Ebenich. »Ohne Lackschuhe und Smoking geht es nicht. Es sind Engländer an Bord und die bestimmen den Ton, der an der Tafel herrscht. Ich will nur sehen, wie unsere beiden japanischen Reisegenossen, der Herr und die Dame dort, untergebracht werden. Ihrer ganzen Erscheinung und ihrem Auftreten nach sind es sicher vornehme Leute; aber der Brite stellt nun einmal nicht mit einem Farbigen zusammen die Beine untern Tisch.«

Neue Gongschläge, diesmal andauernder und intensiver als zuvor. Helles, fast blendendes Licht flutet aus den Gängen und dem Salon. Das Schiff scheint in einen Gasthof umgewandelt zu sein. Befrackte Kellner mit weißen Baumwollhandschuhen werden sichtbar. Eine weißbeschürzte Hebe trägt noch rasch einige Blumensträuße nach dem Speisesaal, und dann erscheint der erste der Angelsachsen auf dem Plan. Mit hoheitsvollen Stechschritten wirft er die spiegelnden Lackschuhe vor sich in den Saal, läßt gelassen seinen schwarzbefrackten Oberkörper nachfolgen und setzt sich selbstbewußt an die Tafel. Noch zwei Vertreter seiner Rasse folgen, und dann kommen in Smoking zwei Germanen, Kleingarn und Ebenich. Nicht ganz fair ist ihr Rauchkittel, aber er ist zugelassen, und die Suppe kann serviert werden. Dieser Befehl wird nur mit den Augen gegeben. Überhaupt ist vieles stillschweigend Sitte geworden und 173 braucht nicht mehr angeordnet zu werden. Daß man den Japanern an einem Katzentischlein extra serviert, erregt kein Aufsehen mehr. Das Essen ging vor sich und hat allen gemundet, auch den beiden Japanern, die Ebenich nach seinem unmaßgebenden Urteil für Vater und Tochter hinnahm, auf dem englischen Strafbänklein. Ob sie's waren oder nicht, wurde nicht aufgeklärt. Klar war nur, daß wegen der Pariabehandlung von Seiten der Söhne Albions ein Stachel im Herzen der Asiaten zurückgeblieben sein mußte. Der vornehme, schlitzäugige Herr, der, nebenbei bemerkt, ein tadelloses Deutsch sprach, wandte sich nach Tisch den beiden Germanen zu. Man sprach über Gleichgültiges, über Dinge, die für Heiden- und Christenmägen gekocht und beiden Sorten bekömmlich sind, und erst als Herr Kleingarn die Frage aufwarf: »Ob wohl die beiden Herrschaften der gemeinsamen Tafel deshalb ferngeblieben seien, weil ihre Hände, an den Gebrauch von Elfenbeinstäbchen gewöhnt, mit Messern und Gabeln sich nicht befassen wollten,« wurde der Japaner etwas unruhig. Er räusperte sich verlegen, fand aber bald für das, was er sagen wollte, die richtigen Worte.

»Die Engländer sitzen den Deutschen näher auf dem Pelz als uns Asiaten, und doch scheint es mir, als ob Sie den Hochmut dieser Übermenschen noch nicht kennen. Uns ist er hinlänglich zum Bewußtsein gekommen, aber wir tun so, als ob wir zu dumm wären, um etwas zu merken.«

»Sie sollten das nicht tun, wer sich zum Schemel macht, bekommt natürlich die Absätze zu spüren,« eiferte Herr Kleingarn.

»Kennen die Herren vom Schriftsteller Alfons Daudet 174 die ›Briefe aus meiner Mühle‹?« fragte der Sohn Nippons mit schlauem Lächeln und ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er fort: »In den kleinen Novellen kommt ein Maulesel vor, der dem Papst Bonifaz gehörte, einem von denen, die zu Avignon im Exil residierten. Dieses Tier wurde eines Tages von Tistet Védène, einem verhätschelten Troßbuben seiner Heiligkeit, vor aller Welt lächerlich gemacht. Nur scheinbar vergaß der kluge Esel die angetane Schmach. In Wirklichkeit sparte er sieben Jahre lang seinen Haß zusammen und als er im achten Jahre seinen Beleidiger einmal so stehen hatte, wie er ihn sich wünschte, da erst schlug der Esel aus. Und der lange aufgesparte Fußtritt war von so gewaltiger Wirkung, daß von dem Günstling des Papstes nichts übrig blieb, rein nichts, als eine wirbelnde Staubwolke, in deren Zentrum die Pfauenfeder schwebte, die ihm seine apostolische Majestät auf der Mütze zu tragen erlaubt hatte.«

Der Asiate wünschte eine gute Nachtruhe und ging. Die beiden Europäer suchten ihre Schlafkabine auf und legten sich in ihren Betten so, daß sie beim Schein der Glühbirnen einander in die Gesichter sehen konnten.

»Ob wir den Tag noch erleben, wo der Günstling des Glückes sich in eine Staubsäule verwandeln wird?« fragte nach langem Nachdenken Dr. Ebenich.

»Schwerlich,« gab Herr Kleingarn zurück, »aber kommen wird er; ich müßte denn die Heimtücke des Japaners nicht besser kennen, als ich die verhaltene Rachgier der Maulesel bis heute gekannt habe.« Und er kehrte den Kopf nach der Wand und schlief.

Auch Ebenich schlief – schlief, bis ihn ein wüstes Konzert von Sirenengebrüll und menschlichem 175 Angstgeschrei aufweckte. Mit gleichen Füßen sprang er aus dem Bett. Der Kapitalschwabe machte ihm das Kunststück nach, und in der nächsten Minute schon standen beide Herren in Unterhosen und Sommerüberziehern auf dem Promenadendeck und guckten mit entsetzten Gesichtern auf den Wasserspiegel des Flusses hinunter. Wer China gesehen hat, weiß, daß auf jeden seiner Flüsse Millionen von Menschen gedrängt sind, für die das Festland keinen Platz hat. In Hunderttausenden von Dschunken und Sampans überdecken sie namentlich in der Nähe von größeren Städten die Wasserspiegel der Flüsse. Kaum noch, daß ein Karpfen zum Luftschnappen in die Höhe fahren kann, ohne mit der Schnauze an irgendeinen Kiel zu stoßen. Und in diese gebrechliche Stadt hölzerner Wohnschiffe hatte der Kapitän des Kiri-Shan den stählernen Kiel seines Schiffes getrieben. Man denke sich den Schrecken und das Geschrei, das entstehen mußte, als die Leutchen erwachten und mit Entsetzen sahen, wie das Nachbarschiff stieg und über das eigene Verdeck herüberrollte. Wie Rahen und Masten ineinanderfuhren, als ob sie ein Turnier ausfechten wollten. Wie die Steuerbordseite, zum Wasser niedersinkend, Kiel wurde und das Backbord Verdeck. Bretter rissen sich los und trieben mit der Strömung. Halbnackte Männer standen verzweifelnd auf den Bootsrändern und suchten ihre Sampans loszustoßen von den grausamen Stahlwänden der Kiri-Shan. Wehe ihnen, wenn ihr Bemühen keinen Erfolg hatte. Erbarmungslos drehte sich unterm Heck die Schraube, und wo sie auf ein Boot traf, verwandelte sie es im Nu zu Kaffeeholz. Dem Dr. Ebenich und seinem 176 Begleiter standen die Haare zu Berge bei solch einem Anblick. Entsetzt liefen sie so, wie sie waren, zur Kommandobrücke und keuchten die Treppe hinauf.

»Ums Himmels willen!« schrien sie wie aus einer Kehle, »Herr Kapitän, sehen Sie nicht, was Sie anrichten?«

»Habe ich nicht die vorschriftsmäßigen Sirenenzeichen gegeben? Mögen sie verrecken, die Hunde, wenn sie die Fahrrinne nicht freimachen wollen,« gab er zur Antwort und schob die Hände noch tiefer in seine Hosentaschen hinein, als sie ohnehin schon darin steckten. Was waren ihm Chinesenleben.

Rasch gewöhnt sich der Mensch im Osten an das Ungeheuerliche, und er findet kaum noch etwas dabei, wenn er sehen muß, mit welcher Lammesgeduld ein Millionenvolk von Asiaten die Brutalitäten weniger entarteter Europäer erträgt. Auch Ebenich und sein Schwabe sahen kaum noch zu dem hinunter, was sich auf dem Wasser abspielte. Sie hatten die Augen 177 vorwärts über den Klüverbaum gerichtet, vor dessen kleiner Fahne Kanton auftauchte mit seiner französischen Kathedrale, seinen Pagoden und Wachttürmen, seinen Speichern, seinen niederen Holzhütten und seiner Unmasse von jämmerlich geflickten Dächern. Als Ninive und Babylon noch die Kulturzentren der Erde waren, stand Kanton schon auf seinem Platz. Es ist auf unserm Planeten die älteste Stadt, aber so sieht sie auch aus.

An einem Kai, den acht bis zehn am Flußufer arbeitende Steinhauer erst zu einem solchen umschaffen sollen, macht der Dampfer fest, und so gut es gehen will, wird eine Laufbrücke vom Deck nach einem der erratischen Blöcke hinüber konstruiert, die da herumliegen. Kulis bringen eine Sänfte an Bord und stellen sie vor der Lukenkappe ab. Ihr entsteigt in vollem Ornat ein bezopfter Mandarin, der die Arme vor der Brust kreuzt, sich tief verneigt und schließlich gebeugt und abgemagert vor Herrn Kleingarn steht wie eine Johannisbrotschote. Er nimmt die mit einem Mandarinenknopf verzierte bunte Kopfbedeckung ab, legitimiert sich als der vom amerikanischen Konsulat uns zugesandte Führer. Kulis für die Tragstühle hat er mitgebracht. Ebenich und der Schwabe nehmen in den leichten Gestellen Platz. Vier Träger stemmen die Schultern unter die langen Bambusstangen, und fort geht es, immer die Sänfte des Mandarinen voran, durch meterdicke Zyklopenmauern in das Halbdunkel enger, von Kokosmatten überschirmter Straßen hinein. Drangvolle Enge, wohin man sah. Kam zufällig ein beladener Esel des Weges daher, so wußte niemand, wohin er ausweichen sollte. Die Klügsten retteten sich an den die Matten tragenden Stangen 178 in die Höhe, oder sie krochen dem hochgeborenen Vierfüßler unter den Beinen durch. Ein zwiebelbeladenes Fuhrwerk konnte den Straßenverkehr auf eine halbe Stunde hinaus zum Stocken bringen. Ganze Stadtviertel, in denen die Schuster unbarmherzig auf Sohlen loshämmerten. In anderen traten die Töpfer ihre Drehscheiben, zogen die Schmiede ihren Blasbalg, warfen die Weber ihre Schifflein durch den Zettel. Überall die verblüffendste Offenherzigkeit. Bis in die sekretesten Zellen hinein ist das Haus durchsichtig. Dinge, die man kaum riechen sollte, darf man hier unentgeltlich sehen.

Hier und da ein Trüpplein schmächtiger Soldaten mit langen Schießprügeln. Sie haben einen Verbrecher zwischen sich, dem Kopf und Arme in ein Joch geklemmt sind. Wer ihnen bis zum nächsten freien Platz folgen will, kann der Zeremonie einer Enthauptung beiwohnen.

Vor offenen Tempeln stehen Priester und laden mit ermunterndem Zureden wie Schaubudenbesitzer zur Besichtigung ihrer Sehenswürdigkeiten ein. Sagenumsponnene Teufelsfiguren mit feuerspeienden Drachenmäulern als Wächter vor den Toren und hinter ihnen in langen Reihen fünfhundert mehr oder minder angeheiterte Götzenbilder. Unter diesen eines mit breitem Schlapphut in einem Gesicht, zu dem ein holländischer Heringfänger Modell gestanden haben könnte. Die Büste soll den berühmten Venezianer Marco Polo vorstellen. »In seiner Heimat dürfte ihm kaum ein Platz unter den Kalenderheiligen vergönnt sein. Hier ist er unter die Götter versetzt,« bemerkte der weise Kapitalschwabe.

179 Geheimnisvoll vor einem fetten Buddhabilde üben schlaue Mönche das Heilgewerbe aus. Wer auf dem Gebetsteppich niederkniet und einige Münzen um sich streut, kann Heilkräuter und Heilsprüche erhalten, für sich oder jeden andern, der ihm Geld mitgegeben hat.

Vermummte Wahrsager werfen eine glatt durchsägte Wurzel auf die Erde. Je nachdem sich ihre Hälften legen, ob auf die Schnittfläche oder die Außenseite, fällt das Orakel aus, gut oder schlecht. Corriger la fortune ist erlaubt, wenn man aufs neue zahlen will.

Von den Tempeln geht's nach den Pagoden. Von der »Blütenpagode« wird unser Paar nach der »nackten« getragen, vom Tor der Tugend nach dem des Lasters. Die Sänftenkulis schwitzen und wischen sich mit ihren Rockärmeln den Schweiß aus dem Gesicht. Zuweilen schneuzt sich einer, und dann fahren sich die Europäer mit den Taschentüchern hurtig ins Gesicht und die Träger mit den Fingern langsam an die Nasen.

Man ist an einem Totenhaus angekommen. Seine kleinen Zellen sind an ein Buddhistenkloster angebaut, und jeder der niedlichen Räume enthält einen oder mehrere monumental gearbeitete Särge. Ein kostbarer Lack überzieht sie in all ihren Nieten und Fugen. Ein Geruch nach Santelholz erfüllt die Zellen. Nirgends etwas, was die Geruchsnerven beleidigt oder an Verwesung erinnert. Der Mandarin mag deshalb immerhin das mitgebrachte Essen auspacken und auf den Särgen servieren. Haben doch diese Toten selber keinen andern Tisch als ihren Sargdeckel. Der fromme Sinn der Hinterbliebenen verschafft ihnen in regelmäßigen Intervallen geradezu lukullische Mahlzeiten. Wer diese 180 ißt, darüber würde man leichter von den frommen Mönchen eine Auskunft erlangen können als von den Eingesargten.

Die Herren Kleingarn und Ebenich aßen vorsichtshalber und weil sie hungrig waren, ihre Mahlzeit selber und tranken ihren Wein dazu. Dann verabschiedeten sie sich von ihren toten Quartiergebern mit dem Wunsche, daß die Priesterschaft bald einen ameisenfreien Platz gefunden haben möchte, wo ihre Leiber dann unter der Erde der Seligkeit entgegenharren können. In den Boden hinein will nun einmal ein jeder Chinese, und an sich hat ja niemand was dagegen, daß dieser Wunsch in Erfüllung gehe, bis auf jene, denen am Beerdigungstage die Kirchensteuer entgeht. So weiß denn die schlaue Priesterschaft unter allerlei Vorwänden den Toten über der Erde zu erhalten und Lagergeld von ihm zu erheben. Bald sind es Ameisen, die seine Ruhe stören sollen, bald Maulwürfe, und so arbeitet die unschuldige Kreatur, hier wie auch sonstwo mit der Dummheit assoziiert, im Dienste frommer Müßiggänger.

Die Mahlzeit war beendet, die Glieder ausgeruht, und so brachte der Nachmittag die Reisenden auf die Stadtmauer, an die Wasseruhr, den weißen Wolkenberg und hundert andere Sehenswürdigkeiten.

Der Abend lockte sie unter den Schatten der Kastanienalleen der Insel Schamien. Der Weg dahin führt durch die Umfassungsmauer Kantons über eine moderne Zugbrücke. Zwei chinesische Soldaten, die ein einziger pommerscher Landwehrmann im Tornister fortgetragen hätte, patrouillierten mit aufgepflanztem Seitengewehr vor einem mit Speiseresten gefüllten Mülleimer auf und ab und schienen keinen andern Lebenszweck zu 181 kennen als den, die Hunde wegzujagen, die mit hungrigen Blicken vorschriftswidrig nach dem Eimer schielten.

»Sollte man denken, daß so etwas in China möglich wäre, wo doch Deutschland allein in der Welt das Recht hat, in militärischen Angelegenheiten als vorbildlich zu erscheinen?« bemerkte boshaft der Kapitalschwabe und verabschiedete auf der Brücke für heute den Mandarinenführer.

Schamien ist in europäischem Stile mit rechtwinkligen Straßen angelegt, und da es nicht viel mehr Häuser besitzt, als ein genügsamer Mensch Knöpfe an den Hosen hat, so ist ein Verirren so gut wie ausgeschlossen. Die ganze jetzt allerdings ummauerte Schlammbank mitsamt ihren deutschen, amerikanischen, französischen und englischen Bewohnern hätte einen durchaus langweiligen Eindruck gemacht, wenn nicht eine Sandsackmauer mit ausgesparten Schießscharten an den kaum erledigten Boxeraufstand erinnert und dem Eiland einen formidablen Charakter aufgedrückt hätte. Was die Sandsäcke in der Art verdarben, machten übrigens die Blumenschiffe wieder gut, die rings um die Häusergruppe verankert lagen. Keine Frage, die Chinesen sind gutmütige Menschen und schlaue Geschäftsleute. Sie wissen, daß ein erschlagener Engländer oder Deutscher sie jedesmal eine ganze Provinz kostet, deshalb gehen sie dem Streit aus dem Wege und geben dem Ausländer alles, woran sie selber Überfluß haben: Ihre ansteckenden Krankheiten, ihre Läuse und in den hochbordigen Blumenschiffen sogar ihre holde Weiblichkeit umsonst.

Wer einen Tag in Kanton war und nicht gerade 182 Stoff sammelt zu einem Liebesroman, hat alles gesehen und kann am Abend wieder abreisen. Herr Ebenich und Kleingarn taten dies nicht, weil der Dampfer Zucker, Reis und Papier lud und seinen Bauch noch nicht gefüllt hatte. Über Tag standen oder trieben sich die Freunde in den Werkstätten der Goldarbeiter, Ziseleure und Elfenbeinschnitzer herum und sahen zu, wie diese Miniaturkünstler mit Lupen auf dem Nasenrücken Kunstwerke schufen und sich die Augen verdarben. Nachts schliefen sie auf dem Kiri-Shan, bis dieser am vierten Morgen die Ladebäume einzog, kehrtmachte und den Perlfluß abwärts dampfte.

Die Reisegesellschaft im Salon war bei der Heimfahrt wesentlich verringert. Die Engländer fehlten, und es fehlte auch das Japanerpaar. Trotzdem war der Katzentisch besetzt. Diesmal mit einem einzigen schwarz gekleideten Herrn, der einen Stehkragen am pastoral zugeschnittenen Leibrock trug und nur durch zwei weiße Streifchen rechts und links von einer schwarzen Diplomatenhalsbinde ahnen ließ, daß er auf der Haut ein weißes Hemd trüge. Wie ein abgegriffenes Brevier wälzte er »Geroks Palmblätter« zwischen seinen Händen hin und her, wenn er nicht gerade damit beschäftigt war, seinen schwarzen Vollbart aus dem Gesichte zu streichen.

»Ich wette, daß dieser chinesische Bonifacius dem Baseler Missionshaus Krischona entsprungen ist,« sagte Herr Kleingarn zu Ebenich, »er riecht den Liberalismus aus uns beiden heraus, wie das Wildschwein die Trüffel riecht. Er setzt sich allein, dem Wort der Bibel folgend, die da sagt: Sitze nicht, wo die Spötter sitzen!«

»Den Eindruck habe ich von den Männern seiner Zunft 183 nicht gewinnen können,« entgegnete Ebenich. »Ich denke vielmehr, daß diese Leute, die zumeist aus den ärmeren Ständen hervorgegangen sind, sich des Mangels an gesellschaftlichen Formen bewußt sind und sich deshalb allein wohler fühlen als in Gemeinschaft mit solchen, die ihnen an Weltgewandtheit überlegen sind.«

»Weltgewandtheit,« griff der Schwabe dies Wort auf, »ja, was man darunter versteht, das geht diesen Harmlosen sicher ab. Ihre Beine haben oft die halbe Erde durchwandert, aber in ihrem Herzen sind sie Kinder geblieben. Sie glauben, daß man die Welt mit Bibelsprüchen und frommen Traktätchen erobern könne und damit, daß man den Leuten die Armut als Gottesgnade anpreist, weil doch kein Reicher in den Himmel käme. Wissen Sie, was ich einmal einen armen Kuli zu einem Missionar sagen hörte? ›Einen armen Buddha, aus dem nichts herauszuschlagen ist, haben wir schon, und nun bringt Ihr uns noch den armen Nazarener dazu. Bringt doch einen Herrgott, der reich ist und der wenigstens etwas zum Geben hat, wenn ihn einmal eine gute Laune anwandelt!‹«

»So könnten demnach alle, die in China das Christentum predigen, einpacken und nach Hause fahren, und dennoch höre ich, daß die amerikanischen Missionare viele Proselyten machen sollen.«

»Die, ja, diese schlauen Yankees allerdings, die haben Erfolge aufzuweisen, nicht aber, weil sie den Gekreuzigten predigen, sondern weil sie nebenbei mit Nähmaschinen handeln. Sie glauben nicht, welch unwiderstehlichen Reiz eine Nähmaschine auf die Chinesin ausübt. Um ein solches Maschinenwunder einzuhandeln, würde sie 184 den Mann versetzen und noch ein paar Kinder dazu. Da werden Sie doch wohl begreifen, daß sie ihren Buddhismus leichten Herzens als Dreingabe zulegt.«

»Ich höre aber auch, daß die Jesuiten auf gute Bekehrungsresultate hinweisen können.«

»Auch die, aber bei einer andern Sorte von Menschen. Diese feinen Herren wollen die Himmelskneipe nicht mit Proletariern vollstopfen. Sie keilen wie die Bonner ›Borussen‹ nur in den vornehmen Familien, und die Mittel ihrer Propaganda sind in der Tat hochfeudale. Auf den Wein ihres Christentums kleben sie die imponierende Etikette der Wissenschaft. Und was sie leisten, ist in die Augen springend und Hunderttausenden zum Segen. Was ein Taifun bedeutet, haben Sie ja zur Genüge kennen gelernt. Und gerade diesen Teufel haben die Väter bei den Hörnern gefaßt und vor ihren Wagen gespannt. Von ihrer Hauptniederlassung Zikawei aus haben sie mit Hilfe ihrer Missionsstationen im Großen Ozean ein Netz von Telegraphendrähten bis nach Japan hin gespannt. Hunderte von Beobachtungsstationen belauschen einen entstehenden Taifun und berichten telegraphisch weiter über dessen Radius, Geschwindigkeit, Richtung usw., so daß dieser Übeltäter gewissermaßen unter Kontrolle steht wie ein reisender Vagabund. Jeder Kapitän, der mit seinem Schiff aus einem Hafen will, guckt vor der Ausreise auf eine Litfaßsäule und richtet die Zeit seiner Abfahrt nach dem ein, was er da heruntergelesen hat. Die große Masse des Volkes natürlich ist viel zu stumpfsinnig, um zu begreifen, welch große Wohltat ihm hier geboten wird. Die gebildeten Chinesen aber schätzen die Herren von der Gesellschaft 185 Jesu hoch ein und der Einfluß der Jünger Loyolas ist weit übers Land hin bis Peking hinauf bemerkbar.«

»Und hinter den Jesuiten kommen dann die Franziskaner und lesen aus dem Erntefeld des Herrn das auf, was ihre Antipoden liegen gelassen haben.«

»Sie laufen wie die Hunde hinter allem her, was vor ihnen durchgeht. Hab' ich doch sogar einen gekannt, der sich aus zwei Fässern ein Floß zurechtzimmerte und es in den Fluß setzte, um einem Kranken die Sterbesakramente zu bringen. Es war Nacht und ein Sturm auf dem Flusse, daß kein Fährmann sich aufs Wasser traute. Gewiß, diese mutige Tat imponierte denen, die sie miterlebten, obwohl die meisten der Ansicht waren, daß das, was er über den Strom gebracht hatte, die sog. Wegzehrung, die Mühe der Überfahrt nicht gelohnt habe.«

»Diese Chinesen, Herr Kleingarn, und wohl auch Sie selber haben zeitlebens den theologischen Kreisen zu fern gestanden, um eine Vorstellung von dem zu haben, was die Sterbesakramente für den Katholiken bedeuten,« bemerkte Dr. Ebenich.

»Den theologischen Kreisen ferngestanden? Ich denke, Sie würden diese Worte nicht sagen, wenn Sie wüßten, daß ich im württembergischen Geniestall Maulbronn großgewachsen bin.«

»Ein Schwabe sind Sie, das wußte ich schon,« betonte Ebenich. »Ich werde Sie zu den drei anderen mit einer Stecknadel in meine Schwabenschachtel spießen. Wenn ich nun das weitere Vierteldutzend noch treffen sollte, die zur heiligen Zahl Sieben gehören, so werde ich euch alle zusammen unter ein Glas setzen und an die Wand hängen.«

»Wird Ihnen nicht schwer fallen, den Rest noch 186 aufzutreiben, denn die zweibeinigen Schwaben sind beinahe gerade so weit über die Erdkugel verbreitet wie ihre Namensvettern aus dem Geschlechte der Tausendfüßler. Wie ist's, wollen wir übrigens nicht einmal an Deck gehen, um die portugiesische Spielhölle Macao zu betrachten? Der Dampfer muß in Sichtweite dran vorüberkommen. Das alte Nest mit seiner abbröckelnden Schlängelmauer ist immerhin wert, daß man es anschaut.«

Ebenich war vom allzuvielen Sehen übersättigt. Er brauchte Einsamkeit, damit seine Seele verdauen könne. Er flüchtete nach dem Puppdeck und legte sich in einem der Rettungsboote flach auf den Rücken. Die Nacht kam mit Sternen angezogen. Vertraulich sahen die stillen Himmelslichter zu dem müden Doktor aus ihrer Höhe herunter. Mit einem Male tauchten seitliche Funken auf. Ansteuerungslaternen vom Peak herunter, Sprungfeuer vom Gestade, Feuerschiffe und Leuchtboyen, die vom Wasserspiegel aus den Schiffer warnten und zurechtwiesen.

›Alles wie in Hamburg, Neapel oder New York,‹ dachte Ebenich, ›wer sollte denken, daß wir im Lande einer verarmten Kultur, in China, wären?‹

»Hab' ich Sie endlich entdeckt? Ich fürchtete schon, Sie seien über Bord gesprungen oder in einer Luke verschwunden,« ließ die Stimme Kleingarns sich hören. »Was liegen Sie da wie der Wurm in der Nußschale und beschäftigen sich womöglich mit Völkerpsychologie? Haben Sie herausgebracht, warum immer einer den anderen einen Barbaren nennt, wo im Grunde genommen alle doch entweder Wölfe oder Esel sind? Kann es einen großen Kulturabstand bezeichnen, ob einer eine 187 Lauseallee von der Stirn bis zum Nacken oder einen Zopf trägt? Ob einer mit Messer und Gabel ißt oder mit Elfenbeinstäbchen, ob einer auf einem Rohrstuhl sitzt und der andere mit untergeschlagenen Beinen und der Fortsetzung seiner Wirbelsäule auf dem Fußboden? Wenn der Asiate vielleicht einen Dachziegel mit einem Nürnberger Lebkuchen verwechselt, so weiß der Europäer hinwiederum nicht, ob er ein Schwalbennest oder einen Tabaksbeutel gegessen hat. Schwärmt der eine für faule Eier, so tut's der andere für faulen Handkäs. Hammel und Rindskoteletts sind eine allen gemeinsame Liebhaberei. Warum also erhebt sich ein Volk über das andere?«

»Und ein Anathema schmettert den Hund nieder, der nicht mit den Wölfen heult,« bemerkte Ebenich.

»'s wär' zum Lachen, wenn's nicht zum Heulen wäre,« fuhr Kleingarn fort. »Aber glauben Sie mir nur, lieber Doktor, dieser Unverstand hängt bei uns Deutschen nicht etwa wie ein Stearinflecken nur oben drauf, nein, er ist durchgewoben, durch den ganzen Stoff hindurch, und wenn man unsere Landsleute wendet, so sind sie auch auf der anderen Seite gesprenkelt, naiv, kindisch und kleinlich. Werden Sie es mir glauben, daß zu meiner Studienzeit ein Korpsbursche der Saxosilesia exkludiert wurde, weil er die gotteslästerliche Idee vertrat, daß ein Korpsbursche der Saxochinesia gleichfalls ein erstklassiger Bürger sein könne?«

»Daß ich ein Pendant neben Ihr Bild hänge,« unterbrach Ebenich, »ich erlebte, daß ein Unterlazarettgehilfe nicht zum Oberlazarettgehilfen befördert wurde, weil sein Großvater mit Knoblauchwürsten 188 hausieren gegangen war. Wo steht nun die Welt auf dem Kopf und wo liegt China?«

»Trotz der elektrischen Sonne da drüben und trotz der Signalfackeln, mein Verehrter, liegt es hier gerade vor uns. Geben Sie acht, daß Sie nicht nach hinten überkippen, denn im Moment wird der Dampfer an die Landungsbrücke anlaufen.«

Wie vorausgesagt, so war's gekommen. Das Schiff hatte festgemacht, die beiden Reisenden abgegeben und eine Barkasse hatte sie in rascher Fahrt über die Meerenge hinüber ans Gestade von Hongkong gebracht. Alles war noch, wie die beiden es vor einigen Tagen verlassen hatten, am selben Fleck. Sogar Gruber und Huber, die Schwaben, saßen noch bei Weißmann. Als Neuestes wußten sie zu berichten, daß Frau Hölderlin mit ihrem Amerikaner nach Schanghai abgereist sei, und daß sie selber morgen wieder in See stechen würden. Der eine war einem nach Manila fahrenden Schiff zugeteilt, der andere sollte nach Tonkin fahren. Vier Männer reichten sich nach Mitternacht noch einmal die Hände unterm Sternenzelt, und keiner von ihnen wußte oder ahnte auch nur, wie das Land aussehen würde, das seine Füße demnächst betreten sollten.

Drei Tage später schwamm Ebenich auf dem Dampfer York zwischen China und der Insel Formosa, ohne von beiden Ländern auch nur das geringste zu sehen. Spielende Delphine auf dem Wasser und raschfliegende braune Möwen in der Luft waren das einzige, was dem Auge Abwechslung verschaffen konnte. Bei lebhaft bewegter See war man über den Wendekreis des Krebses hinübergeglitten, ohne einen Ruck oder Stoß zu 189 verspüren, und man näherte sich am vierten Tage dem Leuchtturm der Gützlaffinsel vor der Mündung des Yangtseflusses. Es war Abend geworden und die Sonne war hinter den westlichen Horizont hinunter gesunken. Ihre feuerroten Strahlen überkleideten die vielen felsigen Eilande, die da ganz vegetationslos im Meere herumliegen, mit Purpurmänteln, so daß sie mit dem Brandungsschaum um ihre Füße in stummer Feierlichkeit fremdartig dastehen, wie Gebilde aus einer andern Welt.

Kaum hat das Abendrot ausgeglüht, so macht sich eine weiße kleinere Lichtquelle nordwärts bemerkbar. Es ist das Tungschafeuerschiff vor der Einfahrt in die Yangtsemündung. Hier steigt der Lotse an Bord, tut aber zunächst nichts weiter, als sich krötenbreit an den Tisch zu setzen und mit seemännischem Appetit ein paar Beefsteaks mit Portweinblut hinabzuschwenken. Das Schiff hat auf dem flachen Grund den Anker fallen lassen und bleibt über Nacht liegen. Erst am nächsten Morgen soll es den Huangpu aufwärts bis vor Schanghai gesteuert werden.

Eine Trompete schmettert in die Morgenluft hinein und eine sonore Männerstimme singt:

»Freut euch des Lebens,
Weil noch das Lämpchen glüht,
Pflücket die Rose,
Eh' sie verblüht,«

während das Schiff an chinesischen Kanonenbooten vorüber den Fluß aufwärts strebt. Die Ufer sind flach. Reisfelder rechts und links, soweit das Auge schauen kann. Maulbeerbäume folgen den Straßendämmen, und über Zuckerrohr herüber gucken lange Schornsteine. 190 Noch sieht man von Schanghai nicht mehr als in weiter Ferne eine wirre Gebäudemasse. Da fällt der Anker wieder in den Fluß. Eine Barkasse wird im gleichen Augenblick an der Steuerbordseite festgemacht, und ein Mann von kleiner Statur mit einer Hakennase im Gesicht ruft nach der Kommandobrücke herauf, ob Dr. Ebenich an Bord sei.

»Wollen Sie ihn nach der Stadt hinaufbringen?« fragt ihn der Kapitän. »Er wird alsbald zu Ihrer Verfügung sein.«

Ebenich kam und erfuhr von dem Fremden, daß ein Landsmann namens Haas ihn bitten lasse, bei ihm einzukehren, und daß der Gastfreund ihm die Barkasse geschickt habe, damit er so schnell wie möglich nach der City käme. Ohne Säumen folgte der Doktor der liebenswürdigen Einladung, und eine Stunde später bereits saß er auf der Kaimauer des sogenannten Bundes in einem Rikscha und fuhr mit seinem Cicerone in das Chinesenviertel Schanghais hinein. Im Gewühl der Eingeborenen kamen zwei europäisch gekleidete Männer unsern Ausflüglern auf den gleichen allerliebsten 191 Fuhrwerken entgegen, und Ebenich hörte folgende Unterredung: »Kennst du die Vorüberfahrenden?«

»Nur den einen. Es ist der Meyer aus Deutschland.«

Der »Meyer aus Deutschland«, Ebenichs Führer, wandte sich nach rückwärts an diesen: »Haben Sie gehört, Herr Doktor? Ich bin der Meyer aus Deutschland. Als ob Deutschland jetzt keinen Meyer mehr hätte, nachdem ich abgereist war. Mannheim, versichere ich Ihnen, allein hat mehr als diese beiden Schnösel zählen können; Meyer genug und von allen Sorten mit ei und ai, ohne jene, die ihren Namen mit y schreiben. Meyer in allen Ständen und Berufen. Meyer sogar im Konversationslexikon, und zwar, entgegen der alphabetischen Ordnung, gleich auf der ersten Seite. Man nehme die Meyer weg mitsamt ihren Verwandten, den Niemeyern, den Immermeyern und den Übermeyern, den Korn-, Raps- und Rübenmeyern, und die Kirchen stehen leer. Der Kartoffelpreis auf der ganzen Erde sinkt, weil plötzlich keine Esser mehr da sind. Ich kenne nur einen Ort, wo keine Meyer sind, und das ist der Gothaer Hofkalender, und in dem sind die Judenhasser auch nicht zu finden, die soeben an uns vorübergefahren sind. Und gesetzt, auch sie wären drinnen, so könnten sie nur unter den Druckfehlern sein, denn der eine hat ein verdrucktes Gesicht und der andere ist von oben bis unten ein verdrucktes Luder. Könnte er sonst einen Menschen verlachen, dem zum Christen nichts weiter fehlt als ein Stückchen Haut und das nicht einmal im Gesicht? Ich habe mir übrigens den Kerl gemerkt und werde ihm zeigen, daß die Juden auch noch Leute haben, die einen Buben zu ohrfeigen verstehen.«

192 Mitten in dieser Rede drinnen stoppten plötzlich die Rikschakulis. Sie ließen beide die Scherendeichseln auf die Erde fallen, drehten sich gegen ihre Fahrgäste um und verlangten ihren Lohn. Ebenich griff in seine Tasche, um zu zahlen. Herr Meyer aber hinderte ihn daran und verwickelte sich nun rasch in einen erregten Disput mit den beiden Chinesen. Lebhaftes Gestikulieren und viel Geschrei, dann aber plötzlich, wie aus donnernden Wolken die Blitzstrahlen, fallen zwei Faustschläge des Herrn Meyer auf die bezopften Schädel der beiden Kulis nieder. Ein Schwanken, ein Krachen, und

»Zur Rechten sah man wie zur Linken
Einen ganzen Heiden zur Erde sinken,«

so daß die Scherenbäume der leichten Fuhrwerke nur so zusammenkrachten. Ein unerhörtes Geheul, ein Zusammenlaufen von Hunderten von Menschen, ein wirres Durcheinanderklingen der verschiedensten Sprachen, drohende Fäuste, funkelnde Augen. Die anfänglich rein persönliche Meinungsdifferenz schien zu einer Nationalangelegenheit ausgewachsen zu sein. Ebenich hätte zwanzig Dollars bezahlt, wenn sein Rücken in diesem Augenblick im Schrank eines Versatzamtes untergebracht gewesen wäre. Eben wollte er seine Arme gebrauchen, um sich aus dem enger und enger werdenden Menschenring herauszuschaufeln, als der Gummiknüppel eines englischen Policemans auf die Chinesenschädel niedersauste. Im Nu war das Forum reingefegt von allen denen, die nur die müßigen Zuschauer machen wollten, und Kläger und Angeklagter standen ihrem behelmten Richter in der gelben Khakiuniform gegenüber. Die Verhandlung war kurz: Herr Meyer zahlte die 193 vorschriftsmäßige Fahrtaxe, und die Kulis nahmen diese aus der Hand des Polizisten nebst der Dreingabe eines Fußtrittes entgegen und torkelten dem Frankenviertel zu, aus dem die beiden soeben gekommen waren.

Meyer und Ebenich wanderten nun zu Fuß weiter. Nachdem sie die Umfassungsmauer der Chinesenstadt hinter sich gebracht hatten, rückten die gebrechlichen Häuser der Eingeborenen so nahe aneinander heran, daß sie kaum noch dem Fußgänger Platz ließen zum Durchkommen. Zelte, offene Läden und Jahrmarktsbuden engten die freien Plätze ein, und Papierfetzen, abgetretene Bambusmatten, Zitronen- und Bananenschalen bildeten ein zwar weiches, aber immerhin gefährliches, schlüpfriges Pflaster. Noch schwieriger gestaltete sich das Vorwärtskommen dadurch, daß Hühner, Schweine und langhaarige Ziegen sich den Wanderern zwischen die Beine drängten und verelendete Krüppel mit verstümmelten Händen sie an den Hosen zupften und winselnd wie Hunde um ein Almosen baten. Soeben hatte sich die Firma Meyer & Ebenich wider den Kessel eines Garkochs gedrückt, um eine Sänfte an sich vorüberziehen zu lassen. Die Träger staken in einer Art von Heroldskutte, die mit allerlei Litzen wie mit heraldischen Emblemen übernäht war. Als der leichte Kasten heranschwankte, dachte Ebenich, es könne irgendeine hohe Persönlichkeit aus dem Hause der Mandschukaiser hier ihres Weges ziehen und sah seinen Begleiter mit fragenden Blicken an. Herr Meyer begriff sofort. »'s ist eine deutsche Ärztefirma,« sagte er trocken, »Müller, Schultze und Bilfinger machen eine Office auf und stecken ihre Sänftenträger zu Reklamezwecken 194 in eine Phantasieuniform, und die Sache zieht und Heinrich Heine, der Judendichter, hat wieder einmal unrecht.«

»Ich bitte Sie, was hat der Dichter der Lorelei mit der Schanghaier Ärztefirma zu tun?«

»Mehr, als Sie denken. Hat er nicht gesungen:

Die alte Zeit ist nun vorbei,
Die Zeit der Ritter und Knappen.
Im Herzen trugen sie die Treu'
Und auf dem . . . . das Wappen.

Da sehen Sie nun, daß er im Unrecht ist mit seiner Reimerei. Überhaupt, obschon ich Meyer heiße, ich mag ihn nicht, den Judendichter mit der Banalität seiner Phrasen. Wie fängt doch nur gleich sein Singsang an, der den sentimentalen Deutschen zum Hohenliede geworden ist? Ja richtig: ›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten.‹ Klingt das nicht, als ob ihm ein badischer Grünrock einen Nachtragssteuerzettel unter die Nase gehalten hätte? Die Düsseldorfer haben recht gehabt, daß sie diesem Knoblauchfresser kein Denkmal gesetzt haben. Wo wären wir Süddeutschen hingekommen, wenn so etwas am Niederrhein geschehen wäre? Hätten wir nicht dem alten Schwartenmeyer eine Pyramide bauen müssen, zumal da er noch in seiner hinteren Hälfte ein Namensvetter von mir ist?«

»Die Zeit ist übrigens vorgerückt,« fügte er der literarischen Belehrung bei und sah auf seine Uhr. »Lassen Sie uns nach dem Tempel der Stadtgötter gehen, lieber Doktor, und dann nach einem Frühstück ins Zentralviertel.«

Sie gingen, bis ein viereckiger, fast grüner Sumpf 195 ihnen den Weg versperrte. Über das übelduftende Wasser führte eine wackelnde Holzbrücke, die wie ein gezackter Blitzstrahl mit spießigen Ecken von einem Ufer zum andern reichte.

»Seltsam,« sagte Ebenich, »warum hat der Erbauer dieses Kunstwerkes den geraden Weg vermieden und den krummen eingeschlagen?«

»Seltsam nur dem Anschein nach,« entgegnete Meyer. »Er tat es der ehrlichen Seelen wegen. Anders als bei uns zu Hause wandeln nämlich hierzulande die bösen Geister auf den geraden Wegen. Deshalb hat man diese Zickzackbrücke nach dem Tempel der Stadtgötter gebaut, damit Geiz, Habsucht und die andern der sieben Todsünden den Weg nicht finden nach der reinen Götterwohnung. Was meinen Sie, mein Verehrter, sollte man nicht der Gerechtigkeit zulieb in Deutschland 196 einmal seine Ansichten ändern und nach den Rathäusern solche krummen Brücken bauen?«

Meyer und Ebenich waren während dieses Gespräches über den Sumpf gekommen, fanden aber in dem Heiligtum nur eine Anzahl Leute beiderlei Geschlechts, die nicht zum Beten an diesen Ort gekommen waren, sondern nur um etwas dazulassen, was sie nicht weiter mit sich schleppen wollten, und um das sich weder gute noch böse Geister reißen, sondern höchstens die Schmeißfliegen und der Zuckerrübenbauer.

Man ging gerne und kam an Tempel mit leeren Buddhanischen. »Die Revolution hat mit dem stumpfsinnigen, ewig lächelnden Göttergesindel aufgeräumt und die Vernunft auf die Altäre gestellt,« erklärte Herr Meyer. »Nach den Chinesen müssen wohl erst noch die Russen kommen und die Botokuden nach ihnen, ehe Deutschland an die Reihe kommt, mit seiner Rumpelkammer aufzuräumen.«

»Vorerst arbeitet man bei uns noch mit sozialem Husten und Schnaufen der Revolution entgegen, und wehe dem Menschen, der nicht an den alleinseligmachenden Staatssozialismus glaubt,« bemerkte Herr Ebenich.

Meyer schüttelte den Kopf, indessen man in Stadtviertel gekommen war, die ihre geraden Glieder dem Winkelmaß und der Wasserwage verdankten. Eine Stalltür stand offen, Meyer trat ein und mit der Hand auf zwei scheckige Pferdchen deutend, sagte er: »Hier mein Rennstall. Es sind noch keine vierzehn Tage her, seitdem ich mit diesem da auf dem Sportplatz den zweiten Preis gewonnen habe.«

Herr Ebenich wunderte sich, wie es möglich sei, mit 197 solchen Meerkatzen einen Sieg zu gewinnen, und noch mehr darüber, wie ein einfacher Geschäftsangestellter zu derartig feudalen Passionen komme, und kleidete seine Neugier seinem Begleiter gegenüber in die vorsichtige Frage: »Um wieviel Hosenknöpfe ist in China ein Rennstall zu kaufen?«

»Hier darf man sich über nichts wundern,« sagte Herr Meyer. »Vor dem Boxeraufstand konnte man in Schanghai das Geld vom Boden auflesen wie in Deutschland die Eicheln nach einem Septemberregen. Das war die goldne Zeit, wo der deutsche Concordia-Klub seinen Renaissancepalast, den schönsten in ganz Ostasien, hinstellte. Sie müssen ihn kennen lernen. Er hat Millionen gekostet. Zurzeit freilich steht es um die Gesellschaft nicht zum besten. Handel und Wandel liegen darnieder, und ich glaube, der Klub hätte bankrott gemacht, wenn sich die Engländer nicht samt und sonders als Mitglieder hätten einschreiben lassen.«

»Solch werktätige Nächstenliebe hatte ich, ehrlich gesprochen, von unsern Vettern nicht erwartet.«

»Vielleicht war es dies auch nicht. Vielleicht war es sogar nur ein wohlberechneter Akt der Selbstsucht, der diesen Kaufleuten den Beutel öffnete. Macht der Deutsche bankrott, so mögen sie kalkuliert haben, so hat der weiße Mann in den Augen des gelben sein Gesicht verloren. Ohne ehrliche Visage kein Kredit, ohne Kredit kein Geschäft. Wer einen Pfeil ins Leere schießt, lernt mindestens die Armbrust kennen. Aber immerhin: Großmut oder schlaue Berechnung, den Deutschen kam der Akt zugute, und ich denke nicht edel genug von meinen Landsleuten, um anzunehmen, daß sie unter 198 anderen Umständen gerade so gehandelt hätten wie diese Briten.«

Man war einer Restauration nahe gekommen, trat ein und ließ sich das Essen und Trinken gut schmecken. Beim Nachtisch schlug Herr Meyer vor: »Ich habe mir vorgenommen, Sie im Laufe des Nachmittags nach Longhua zur siebenstöckigen Pagode zu bringen, damit Sie von deren oberstem Stockwerk einen Überblick gewinnen über all die reichen Fluren, die den Huangpu wie ein einziger Garten umsäumen. Man muß diese Ebene gesehen haben, wenn man sich die Unart abgewöhnen will, den Chinesen einen Barbaren zu nennen. Auch den Jesuiten in Zikawei könnten wir bei dieser Gelegenheit auf einem kleinen Umweg einen Besuch abstatten. Daß ich es aber nicht vergesse: mein Bureauchef, Herr Haas, läßt Sie durch mich zum Abendessen in den deutschen Klub laden.«

Das Mittagsprogramm des Herrn Meyer hatte sich abgewickelt, und Ebenich stand vor der Renaissancefassade des imposanten Prachtbaues der Concordia-Gesellschaft. Die tiefstehende Abendsonne legte ein leichtes Rosa auf Säulen, Halbsäulen und Pilaster des behaglichen Baues, und als die Türen sich öffneten, floß in weichem Strome ein goldenes Licht auf die Marmorstufen eines fürstlichen Treppenhauses. Bunte Freskogemälde zauberten die Heimatreize des Rheinsteins und der Heidelberger Schloßterrasse an die gegipsten Wände, und da nirgends die Hypotheken durchschimmerten, die auf dem ganzen Bau ruhten, so konnte man sich ohne Gewissensbisse dem Eindruck überlassen, daß man in einem reichen Fürstenpalast zu Gaste sei. Ganz dementsprechend war 199 auch die Tafel hergerichtet. Ebenich war herzlich froh darüber, daß Herr Haas bei der Begleichung der Rechnung die Hauptrolle spielte und daß er selber nach dem Essen nur den stummen, aber dankbaren Zuschauer zu stellen brauchte.

Es war schon reichlich spät, als die Tischgesellschaft auseinander ging, und doch schien Herr Meyer noch keinen Schlaf zu haben.

»Sie müssen das Lausenest auch bei Nacht kennen lernen,« war seine Devise. »Soll ich Sie zuerst zu den Singsong Girls, in ein Teehaus, oder lieber gleich in ein chinesisches Theater führen?«

Ebenich entschied sich für das letztere. Man durchstrich einige enge, aber mit Laternen reichlich ausgestattete Straßen und stand plötzlich vor einem größeren, scheunenhaften Bau mit vielen bogenförmigen Eingängen. Fetzen von Portieren flatterten unruhig im Winde und ließen aus dem Innern des Theaters heraus eine weiße Lichtwelle auf die Straße gleiten, in der ein unruhiger, vielköpfiger Menschenstrom sich nach dem Musentempel langsam vorwärts arbeitete. Die dumpfen Töne einer verschlafenen Trommel und das Klappern ungezählter Holzpantoffeln auf dem Straßenpflaster waren der ganze Schmaus, der den Ohren vorerst zubereitet war. Doch es sollte lebhafter werden. Herr Meyer hatte einen der Vorhänge gehoben, und plötzlich stand der Doktor im hellsten Lampenlicht inmitten einer tausendköpfigen Masse. Schwarzhaarige Menschen, wohin man sah. Schädel mit und ohne Zopf am Nacken. Köpfe, zwei und drei auf einem Schulternpaar. Wer sich von der lernäischen Schlange ein Bild machen will, muß in ein 200 chinesisches Theater gehen. Die lebendigen Früchte ganzer Stammbäume hängen aus den Schultertüchern der Frauen heraus. Wer wollte sich auch den Theatergenuß gestatten und die Kinder zu Hause lassen? Nein, die gehören mit hierher, und zwar nicht etwa als Zuschauer allein, nein, »sie spielen ohne Gage mit«. Sie heulen wie die Wölfe, wenn auf der Bühne einer geköpft wird, und lachen, wenn es Prügel setzt, und wenn sie durstig werden und die Mutter ihnen nicht das über die Schultern hinüber zuführt, worauf sie als Säuglinge ein unbestreitbares Recht haben, so trommeln sie mit den Händen auf die Mutter los. Über diesem Grundton des Kindergeschreis, der wie Meeresbrandung unabänderlich über dem Parterre steht, arbeitet sich das schrille Gejodel einiger Pfeifen hinaus, das von irgendwoher an das Ohr des Theaterbesuchers klingt. Es ist dem Auge keine leichte Sache, das Orchester aufzufinden. Wer weitsichtig genug ist, entdeckt es in einer Art von Gänsestall über der Bühne. Vielleicht ist diese Art, die Musik unterzubringen, im Interesse der Musikanten die geeignetste. Denn auf der Bühne kann man sich die Künstler nicht vorstellen, weil sie ihres Lebens nicht sicher wären. Fortwährend wird mit geraden und krummen Schwertern gekämpft, und kein Scharfrichter haut seinem Delinquenten den Kopf definitiv ab, wenn er ihm nicht vorher mit unzähligen Schwerthieben den Scheitel glatt rasiert und ihm so bewiesen hat, daß er der Meister seines Handwerks sei. Leben und Bewegung überhaupt beherrschen das chinesische Drama. Wer von den Bühnenhelden Grund hat, der heiligen Hermandad zu entfliehen, kriecht nicht etwa in den ersten 201 besten Kasten hinein, sondern überschlägt sich zwei-, dreimal in der Luft und dann erst fahren die Türen hinter ihm zu, die ihn dem rächenden Auge des Gesetzes entziehen sollen.

Wer unschuldig leidet, hat einen noch bequemeren Weg, sich vor der Niedertracht seiner Verfolger zu retten. Von der Bühne nieder führen nämlich zwei Rampen, Rosenwege genannt, mit starkem Gefälle ins Parterre hinunter. Keine liebende Gattin, die ein schwarzer Verdacht vor den Richter bringen soll, braucht zu verzweifeln. Sie kann ruhig über den Rosenweg hinunter ins Publikum hineinrennen und dieses, das die gemeine Intrige natürlich längst durchschaut hat, nimmt mit geballten Fäusten und lauten Protestrufen gegen die ungerechten Richter Partei. Es ist ein Schauspiel im Schauspiel für den Europäer, wenn er beobachten kann, wie dieses kindlich naive Volk mit Seelenwärme dem Gang der Handlung folgt und entscheidend in sie eingreift, sobald sein Rechtsempfinden durch irgendeinen Willkürakt verletzt wird.

In all der kritischen Zeit, wo unter Seiltänzersprüngen und Zwerchpfeifenklängen auf der Bühne das gute und das böse Prinzip miteinander rangen, hatte sich um Dr. Ebenich ein Dunst angesammelt, der wie ein Schlammbad auf seine Haut drückte und ihn fürchten ließ, daß er seine Beine nicht mehr vorwärts brächte, wenn er noch länger da aushielte, wo er stand. Er wollte jedoch nicht gehen, bevor er sich nicht in dem Theater noch einmal gründlich umgesehen hatte. Als er seine Augen nach den Galerien erhob, sah er, wie da droben die vornehme Frauenwelt in Logen saß, Tee trank und den Schweiß mit feinen Leinentüchern von den erhitzten 202 Gesichtern trocknete. Diese Creme der chinesischen Gesellschaft erscheint wie auch bei uns die gleiche Sorte erst im dritten Akt der Vorstellung, nimmt, wie es scheint, auf den Galerien ein Schwitzbad und verschwindet wieder in ihren Sänften, nachdem ihre sanften Mandelaugen mit diesem oder jenem eine stumme, aber doch leicht verständliche Rede gehalten haben.

Hinter ihnen her gingen nun auch Ebenich und sein getreuer Gabriel, aber nicht direkt nach Hause, sondern, um das Tagesprogramm gewissenhaft durchzuarbeiten, zu den Singsong Girls. Ein steifer Tanz herausgeschminkter Kleiderpuppen, ein Singsang, der denen zum Lachen war, die seine Worte enträtseln konnten, dann ein kleines Florettgefecht mit den schwarzen Glutaugen und die eigentliche Vorstellung mit ihren Mandolinenklängen war beendet. Wohl kamen die schüchternen Geschöpfe auch noch etwas an die Tische ihrer Gäste heran, wohl nippten sie an einem Weinglase und steckten eine Zigarette zwischen die kirschrot gefärbten Lippen, aber immer waren sie bescheiden und ohne jegliche Aufdringlichkeit. Wer diese Priesterinnen in Aphroditens Tempel mit ihren geldgierigen Kolleginnen in der deutschen Reichshauptstadt auch nur vergleichen wollte, der würde ums gefärbte Goldhaar der Berlinerinnen noch einen Heiligenschein malen.

Der nächste Morgen schon brachte das Abschiednehmen. Herr Meyer geleitete seinen Gast noch auf den Dampfer zurück und dieser trug ihn die Fluten des Huangpu hinunter, den japanischen Gestaden entgegen.

Ebenich, am Stern des Schiffes stehend, schaute nach Schanghai zurück und bedauerte im stillen lebhaft, daß 203 er diesen schlagfertigen Herrn Meyer nicht unter den Raritäten seiner Schwabenschachtel unterbringen konnte, weil seine Tatkraft zu sehr an die Makkabäer und seine Gesichtszüge an Joseph und seine Brüder erinnerten.

* * *

Hochgeschnäbelte Kriegsdschunken, deren Kanonen gar zu harmlos aus breiten Luken herausstehen, sind das letzte, was Ebenich von China vor der Yangtsemündung zu sehen bekam. Dann begann wieder die stille Öde des unendlichen Meeres.

Der Doktor fuhr diesmal, um Geld zu sparen, mit einem Billett der zweiten Kajüte. Er hatte eine Außenkabine bezogen und war eben daran, seine Koffer zu verstauen, als der Schiffsarzt des »York«, ein Dr. Marlott, zu ihm ins Zimmer trat.

»Der Kapitän ist seit einigen Tagen krank, würden Sie mir nicht den Gefallen tun und mit mir an sein Bett kommen?« fragte er.

»Von Herzen gern,« war Ebenichs Antwort und nach einigen Minuten schon waren beide Herren im Zimmer des Schiffskommandanten. Glücklicherweise war die Lungenentzündung bereits in das Stadium der Lösung getreten, und das Resultat des weisheitsvollen Konsiliums war, daß der Kranke die Erlaubnis bekam, das Bett zu verlassen. Nun saß Ebenich stundenlang bei dem Genesenden und Arzt und Patient vertrieben sich gegenseitig die Langweile mit dem Erzählen ihrer mannigfachen Reiseabenteuer. Als sie wieder einmal mitten in der Unterhaltung waren, klopfte ein weicher Finger von draußen an die Kabinentür.

»Beim Schnappsack, Doktor,« fuhr der 204 Schiffskommandant aus seinem Armsessel empor. »Ich habe ganz vergessen, Ihnen mitzuteilen, daß ich hier weiblichen Besuch erwarte. Wenn Sie mir versprechen, reinen Mund zu halten, so sperre ich Sie in die anstoßende Kammer ein und Sie mögen meinetwegen Ohrenzeuge von dem werden, was hier vor sich geht.«

Ebenich versicherte, daß noch kein steinerner Nepomuk schweigsamer auf seiner steinernen Brücke gestanden habe, als er sein könne, wenn es sich um die geheimen Schmerzen einer leidenden Frauenseele handele, und schlüpfte in die Schlafkammer des Kapitäns.

»Herein!« war das erste Wort, das zum Ohr des Arztes in sein Versteck drang. Dann ein Knarren der Tür in ihren Angeln und der dumpfe Ton eines Fußtrittes, vom weichen Teppichbelag der Diele fast zum Unhörbaren abgedämpft.

»Wählen Sie einen Stuhl, meine Gnädige. Ich habe mich Ihnen gegenüber leider einer unangenehmen Pflicht zu entledigen.« So klang die verlegene Einleitung der Männerstimme.

»Nehmen Sie all Ihren Mut zusammen und reden Sie meinetwegen auf eine Dame los, als ob Sie einen Rekruten vor sich hätten. Sie werden mir kaum etwas sagen können, was ich nicht schon einmal gehört hätte.«

»Nun denn, es sind Beschwerden der mitreisenden Ladies gegen Sie eingelaufen, daß Sie in allzu leichter, um nicht zu sagen unanständiger Bekleidung sich im Turnsaal des Schiffes sehen ließen. Ich muß Sie bitten, dies künftighin zu unterlassen.«

»Und ich muß Sie bitten, ihren Atem zu sparen, Herr Kapitän. Sie waren erst krank und sollten Ihre 205 Lunge schonen. Daß ich mit einem Billett erster Klasse reise und berechtigt bin, alle Räume des Schiffes zu benützen, wissen Sie ja wohl. Wenn es Leute an Bord gibt, denen ich etwa nicht gefallen sollte, nun gut, so brauchen Sie ja nur zu stoppen und die Damen aussteigen zu lassen. Darüber, wie ich mich zu kleiden habe, Herr Kapitän, entscheidet übrigens Mister Griffin, mein Gatte.«

Wieder drang das Schlürfen eines weichen Schuhes an Ebenichs Ohren, gleich darauf aber ein energischer Knall von der unsanft ins Schloß fahrenden Kabinentür.

»Verdammt schneidiges Frauenzimmer, diese Missis Griffin. Haben Sie gehört, Doktor?« sagte der Kapitän und drückte auf die Klinke der Schlafzimmertür.

»Ich habe freilich gehört und ich müßte mich schwer irren, Herr Kommandant, wenn ich die Stimme dieser Frau Griffin nicht schon vernommen hätte, als sie noch einer Frau Hölderlin aus dem Halse herausredete. Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, ließe ich die Gnädige gewähren. In kurzer Zeit sind wir in Nagasaki und Sie sind beide los, den Herrn und die Frau Griffin.«

Der Kapitän versprach, diesem Rate zu folgen, und Ebenich verabschiedete sich, denn der Tag war schon auf die Neige gegangen. In seinem Bette ausgestreckt, hörte der Arzt den Wind durch die Rahen und Masten heulen, die Maschine stampfte heftiger als sonst wohl, und freche Spritzwellen kamen wie eine Schar von Ratten angelaufen, kletterten mit tausend Füßen an der Backbordseite hoch und stürzten sich mit Fauchen und Pfeifen aufs Verdeck. An ein Schlafen war nicht zu denken, zumal da auch noch allerlei nichtsnutzige Gedanken kamen 206 und sich im Gehirn Ebenichs breit machten. Wie mochte nur Frau Hölderlin zu dem reichen Amerikaner gekommen sein? Hatte sie denn nicht vorgehabt, sich an Herrn Klein heranzumachen, den verlassenen Bräutigam des Fräulein Österle? Schon gut, der Gerechte und der Ungerechte können aus der Bibel etwas lernen. »Suchet und ihr werdet finden,« sagt sie irgendwo. Apropos, wer hatte mehr Grund zum Suchen wie Frau Hölderlin? Saul hatte nur einen Esel verloren und ging auf die Suche, wie konnte Frau Hölderlin ruhig zu Hause bleiben, da sie deren schon zwei eingebüßt hatte, ihren Mann und Herrn Seelengut?

Nun hatte sie das dritte Langohr auf die Streu gestellt. Das aber schien der reine »Esel streck' dich« zu sein mitsamt dem »Tischlein deck' dich« und dem »Knüppel aus dem Sack«.

Klatsch, ging wieder eine Spritzwelle über Deck und die Schiffsglocke glaste die vierte Morgenstunde. ›Bald muß der Tag kommen,‹ sagte sich Ebenich, erhob sich aus den Federn und ging an den Waschtisch. Vom Gange herein fiel durch ein mattes Kathedralglas soviel Licht, als eben nötig war, um Seife, Kamm und Zahnbürste zu entdecken. Mit diesen Gegenständen eben noch beschäftigt, hörte der Doktor, wie mittschiffs das Gong geschlagen wurde. Der sonore Metallklang kam näher und näher und die Stimme eines Matrosen wurde hörbar, die zum Aufstehen mahnte, weil die japanische Sanitätsbehörde sich auf fünfeinhalb Uhr zur Gesundheitsrevision angemeldet habe.

»Wer immer auf seinen Füßen stehen kann, hat auf Deck zu erscheinen,« rief eine befehlende Stimme in die Gänge zwischen den Kabinen hinein.

207 Ebenich war von allen Passagieren der erste, der auf dem Promenadendeck erschien. Fast zum Greifen nahe gewahrte er auf der Steuerbordseite eine schwarze himmelansteigende Masse, die sich nach oben unbegrenzt in den Nachthimmel verlor, während sie nach unten von einer weißen Brandungslitze wie ein Asternbeet scharf gegen die schwarze Meerflut abgestochen war.

›Wenn ich die Insel Kyushu vor mir haben sollte, so muß das Leuchtfeuer von Iwo Shinna sich sehen lassen,‹ dachte der Frühaufsteher und er hatte sich nicht verrechnet. Das Licht brach aus der schwarzen Finsternis hervor, geisterte geheimnisvoll über Land und Meer hin und verschwand wieder. In seinem Scheine wurden für Augenblicke waldüberdeckte Felsen sichtbar, und Fischerboote, die mit breiten Segeln über die Meerflut schwankten und wieder unsichtbar wurden. Aber nicht für lange. Ein heller Streifen am östlichen Himmel wuchs rasch in die Breite, wurde spiegelnd und warf die Silhouette von weitgeästeten Laubbäumen und spitzgegipfelten Kryptomerien ins Gesichtsfeld hinein. Und nun dauerte es nicht lange mehr, und das Grauweiße der Felsen war da und der schwarzgrüne Teppich überhängenden Buschwerks und wuchernden Mooses. Nach keiner Himmelsrichtung mehr konnte der Blick sich in das Grenzenlose des Horizontes verlieren. Überallhin sperrten Inseln und kleine Eilande die Perspektive ab. Fischerhütten bargen ihre Bambusdächer im Halbdunkel überhängender Zweige, und von Baum zu Baum spannten sich Seile, die mit Wäschestücken bewimpelt und beflaggt waren. Mehr und mehr wurden es der kleinen Häuschen am grünen Strand. Schon schien es, als 208 ob sie nicht mehr alle Platz auf der Erde fänden, denn eines hing sich mit seinem gefensterten Giebel über den First des andern herüber und guckte neugierig zum Wasserspiegel nieder, der sich übrigens zu einer großen runden Scheibe umgeformt hatte.

Mitten in diesem scheinbaren Binnensee stoppte der Dampfer, ließ den Anker fallen und das Fallreep zum Wasser niedergleiten. Ein Nachen kam herangerudert, und japanische Hafenbeamte, steifkorrekt wie königlich preußische Landgendarmen, kamen, mit häßlichen Wachstuchmützen überschirmt, die Stufen herauf. Diesen Miniatursoldaten gegenüber fuhr jede deutsche Hand trotz der Pergamentgesichter an die Hosennaht, und die ganze Passagiergesellschaft stand da wie eine Kompagnie beim Kommißbrotholen. Merkwürdig, wie lange es dauerte, bis diese fünf uniformierten Gernegroße ihre bebrillten Augen in der Schiffsliste gebadet hatten. Immer wieder und wieder wanderten Papiere in Oktav und Großfolio von rechts nach links und von links nach rechts durch zirka fünfzig behandschuhte Finger, bis einem alldeutschen Gymnasialprofessor der Geduldsfaden riß und er im Vertrauen darauf, daß man ihn doch wohl nicht verstehen würde, in halblautem Tone die Worte fallen ließ: »Na, werden diese gelben Affen nicht bald fertig werden?«

Wie auf ein Kommandowort blinzelten fünf Augenpaare über fünf Brillenränder, während ein einziger schaflederner Mund sich öffnete und die verblüffende Antwort gab: »Meine Herren, alles bleibt stehen, wo es steht, bis die gelben Affen in einer Stunde wiederkommen.«

209 Da standen nun Ebenich und seine Reisegefährten wie an einen Pfahl gebunden und jeder hatte die Wahl, entweder sich zu langweilen oder durch die offene Tür in den Speisesaal hineinzuglotzen und zu beobachten, wie die uniformierten Japsen in aller Gemütsruhe frühstückten.

An reich besetzter Tafel wird auch der Hungrigste einmal satt oder müde vom Kauen. Den japanischen Beamten ging's nicht anders. Sie erschienen wieder, guckten jedem der Passagiere ins Gesicht, überzeugten sich, ob er nicht die Mund- und Klauenseuche habe, und gaben ihm die Erlaubnis, an Land zu gehen.

Ebenich eilte das Fallreep hinunter und stieg in einen Nachen. Hinter ihm hergestürzt kamen noch fünf, noch acht, noch fünfzehn von denen, die alle in die seltsame Stadt Nagasaki hineinwollten. Auf den Bänken des kleinen Bootes berührten sich längst die Schenkel und das was zentralwärts an ihnen ins Reich des Namenlosen gehört, und immer noch fuhr der schlitzäugige Barkenführer nicht ab. Wer einen Kopf hatte, war für den Fährmann einen halben Yen wert, und wenn zehn Menschen dem Himmel noch mehr wert waren, so konnte der dafür sorgen, daß sie lebend ans Ufer kamen. Der Schiffer hatte nur die eine Sorge, seinen Nachen und damit seinen Beutel zu füllen.

Doch jetzt wurde es den Fahrgästen zu toll. Ein ungestümes Schimpfen und Fluchen ging los. Das Unglück wollte es, daß der, der eine deutsche Ansicht hören sollte, kein Wort von allem Räsonieren verstand. Er blieb von all den Lauten ungerührt. Erst als germanische Fäuste sich unter seiner Nase ballten, ließ er den Riemen 210 ins Wasser fallen und ruderte los. Ebenich selber und mancher seiner Reisegenossen, die dem himmlischen Richter etwas zu mißtrauen Grund hatten, hat auf dem kurzen Wege vom Dampfer York zum Strand von Nagasaki in aller Stille Reue und Leid erweckt, denn man brauchte manchmal nur noch an die Hosenschnalle zu greifen, um nasse Finger zu bekommen.

Die Stelle, wo der Schiffer seine Fahrgäste ans Land setzte, sah nicht nach einer Großstadt aus. Zwei Männer standen da und geigten mit einer gebauchten Säge an einem Baumstamme herum, während kleine Kochinchina-Hühner eifrig im Sägemehl scharrten. Gleichwohl schien dieser Rattenwinkel als Ansteuerungspunkt bekannt zu sein, denn Rikschakulis hielten da und warteten auf Fahrgäste.

Rikschakulis, und welche Prachtexemplare ihrer Sorte! Auf dem dicken Schädel eine Kopfbedeckung, die mit dem runden Laib eines Olfenthäler Bauernbrotes eine verblüffende Ähnlichkeit hatte. Unter diesem Dache ein stämmiger Kerl in blauem Hemd und mit prallen Waden, und der leibhaftige Steinpilz war fertig. Nun aber hinein in das Spielzeug seines Fuhrwerks und fort in die winkligen Straßen von Nagasaki. Wie der Schwammerling in der Scherendeichsel auf- und niedertanzte! Wie sein Zöpfchen auf dem Rücken lustig mitmachte! Wie die braunen Waden sich strafften und unter ihnen die Holzsandalen klapperten! O, es war eine helle Freude, so in den Morgensonnenschein und Schatten der kleinen Bambushäuschen hineinzufahren. Nein, nein, New-York ist es nicht, dies Nagasaki, dafür laufen zu viel Hühner und Ziegen und Schafe in 211 den Straßen herum und schwangere Mütter oft mit dreifachem Kindersegen auf dem Rücken. Aber originell ist sie, diese Stadt der kleinen Leute mit ihren kleinen Straßen, kleinen Häusern und kleinen Lädchen und den tausend Sächelchen hinter den kleinen Schaufenstern. Warum hält Ebenichs Kuli plötzlich still und läßt die Scherendeichsel fallen? Nun, weil er in Schweiß geraten ist. Fährt er sich nicht abwechselnd mit dem rechten und linken Ärmel übers Gesicht? Wer zweifelt noch, daß ihm das Wasser von der Stirne herunter in die Augenhöhlen rinnt? Er schwitzt. Am Felsen dieser Tatsache ist nicht zu rütteln. Aber warum schwitzt er gerade an dieser Straßenstelle, wo doch das Niveau so gar nicht steigt? Wehe dir, armer Ebenich, daß der Kuli an dieser Stelle schwitzt. Ist da nicht rein zufällig das Schaufenster eines Juweliers? Liegen da nicht hinter den Scheiben hundert kleine Kunstwerke von so eigenartigem originellem Geschmack, daß sie zu Hause in Europa getragen aller Augen auf sich lenken müssen? Ebenichs Nachen schwimmt vor dem Zauberfelsen der Lorelei, aber sein Insasse ist der Ritter ohne Furcht und Tadel. Einen Zwanzig Yen-Schein zwischen den Fingern und den festen Vorsatz im Herzen, unter keinen Umständen mehr auszugeben als diese Summe, betritt der starke Held den Laden des Japaners. Da liegt, wie ein Königskind in rotem Sammet gebettet, ein goldener Schmetterling. Wie er glüht und glitzert und in hundert Farben schillert! Der Werktagsberuf dieses Sonntagskindes ist es, ein Taillenband zusammenzuhalten. Sagen wir's in lauterer Prosa: Der Schmetterling ist eine Gürtelschnalle. Ebenich fragt nach dem Preis und 212 im Nu hat er das Zehnfache von dem geopfert, was er ausgeben wollte. Und immer noch kann er nicht aus dem Laden heraus. Da liegen Manschettenknöpfe mit goldenen Miniaturlandschaften auf dem Schild. Sie sind entzückend und niederschmetternd teuer. Man würde sie nicht kaufen, sicherlich heute nicht, wo man schon so viel ausgegeben, aber wo in aller Welt wird man ihnen wieder begegnen, wenn man sie heute liegen läßt? Da ist Perlmutter mit Elfenbeinschnitzereien. Wie lieblich sie sind und wie so durchaus originell. Man hat noch eine Frau zu Hause, eine Tochter, einen Sohn und eine ledige Tante, die mit Leichtigkeit die heutige Budgetüberschreitung ausgleicht, wenn sie einem den Gefallen tut, zu sterben und einen zum Universalerben einzusetzen, oder eigentlich umgekehrt. Und Ahriman, der Gott der Bösen, siegt und man kauft und ist ein paar hundert Mark los, ehe man sich die Sache noch so recht überlegt hat, was man kaufen will. Ein Glück für Ebenich, daß andere Reisende kommen und ihn vom Ladentisch wegdrängen. Mit einem Arm voll Gepäck erscheint er unter der Ladentür, vor der sein Kuli sitzt mit einem Gesicht so trocken wie eine Jerichorose und heiter strahlend wie eine Sonnenblume. Hat er etwa vorhin dem Goldarbeiter zulieb geschwitzt? So etwas wie ein grimmiger Verdacht wälzt sich drachenartig in die Seele des Doktors. Nein, wenn der Spitzbube wieder schwitzen will, soll er vor dem Laden eines Grünzeughändlers schwitzen!

Aber nun sich mal die Laune nicht verderben lassen. Auf denn, mein Heupferd, und an den Hängen der Berge hinauf in die heiligen Haine hinein. Fort zu den Tera und Torii, den seltsam gebauten 213 Triumphbogen und den kleinen Buddhatempeln mit dem Schmuck ihrer Blumen und Zwergbäumchen. Wer sie gesehen hat, diese Wunder der japanischen Gartenkunst, der steht da, greift sich staunend an die Stirn und sagt zu sich selber: »Ach, wie wär's möglich dann.« In einen Reisekoffer kann man sie samt ihren Kübeln bequem hineinsetzen, diese hundertjährigen Zedern und Eichen. Kinderklein sind diese Kretins der Pflanzenwelt, und doch tragen sie alle Kriterien des Alters an sich. Hervorquellende Wurzeln, einen rauhen, borkigen Stamm, absterbende Äste neben gut und üppig wuchernden grünen. Respekt vor dem Machtwort der kleinen schlitzäugigen Menschenrasse. Wer zur Kraft der Eiche sagen kann: ›Höher als ein Regenschirm darfst du in zwei Jahrhunderten nicht wachsen!‹ sollte der nicht auch am Ende sagen können: ›Sonne, stehe still über dem Tale Ascalon!‹

»Aber weiter, Kuli, weiter! Noch gibt es hier im heiligen Hain des Sehenswerten genug. Pferde, Siegestrophäen, Laternen aus Stein und Metall, Hallen, Opferplätze. Weiter, Kuli, an Bosketts und Rasenplätzen vorüber, und wenn du nicht mehr kannst, dann wollen wir am Teehaus dort unter den Kampferbäumen haltmachen!« befahl Ebenich.

Der Wagenfahrer schien von dem letzteren Vorschlag entzückt zu sein und nahm so ziemlich den geradesten Weg nach diesem lockenden Ziele zu. Eine solche japanische Schenke ist ein leichter Bau, zumeist aus Bambusstäben zusammengestellt. Man könnte das kleine Haus mit seinen zwei Gelassen im Innern auf einen Esel stellen und forttragen lassen, so gering ist sein Gewicht. Den Fußboden überdeckt eine 214 zartgeflochtene Matte mit geometrischen Mustern, denen zuliebe Männlein und Weiblein vor der Türe die Holzsandalen fallen läßt und sie nur mit weißen Strümpfen betritt, um sie nicht zu beschmutzen. Wenn man bedenkt, daß diese Matte zugleich das Tisch- und Bettuch der Landesbewohner vorstellt, sollte auch der Europäer ihr Achtung entgegenbringen und nicht mit schmutzigen Stiefeln herumlaufen, wo einer unserer Nebenmenschen seine Mahlzeiten einzunehmen gezwungen ist. Wer in einem Privathause gegen diese Rücksicht verstößt, ist in den Augen des Japaners ein Barbar, auch wenn er Geheimer Kommerzienrat sein sollte und in seiner Heimat den Fisch mit zwei Gabeln verspeist. In den Teehäusern allerdings hat man sich an die Rücksichtslosigkeit der Ausländer gewöhnt, und die Geishas bedienen auch den mit Kognak und Whiskysodawasser, der in gespornten Kanonenstiefeln vor ihnen steht. Was sich die ewig Lächelnde von dem Fremden denkt, das sagt sie nicht, und wenn sie es sagt, so versteht sie von hundert Menschen, die ihr zuhören, nicht einer. Sie ist nur stets aufmerksam und gefällig, und im Kimonoärmel hat die kindlich naive Maid ihr famoses Seidenpapier bereit, ob einer sich die Hände abwischen will oder sonst einen Teil seines Seelengefängnisses.

Gut war es, daß der Rikschakuli in dem Teehaus reichlich gegessen und getrunken hatte, denn nun führte der schmale Feldweg zwischen kleinen Wiesen und mageren Getreidefeldern steil hinauf bis zum Bergessattel und von da wieder steil ab nach dem kleinen Fischerdorfe Mogi am Golf von Obama. Katsutaro nennt sich ein kleines, am Strand gelegenes Hotel, in 215 dessen Gärtchen an sauberen Tischchen vor vollen Biergläsern einige deutsche Matrosen mit wettergebräunten Gesichtern saßen. Der eine dieser munteren Burschen kannte den Dr. Ebenich und redete ihn an. Man fragte sich gegenseitig aus über das Woher und Wohin, ließ die Gläser aneinanderklingen und trank auf ein beglücktes Wiedersehen in der Heimat.

Indessen sank die Sonne im Westen nieder und die Fischerboote aus dem Golf von Obama kehrten den Kiel ihren stillen Hütten zu. Der dichte Wald am Westufer warf einen schwarzen Schatten über das Wasser hin, und mit ihm kam eine feuchte Kühle, die zur Rückkehr nach Nagasaki mahnte. Bis zum Bergessattel lief Ebenich neben seinem Kuli her. Als aber die Straße nach der Stadt zu sich senkte, stieg er in das Rikscha ein und nun ging es in einem lebhaften Hundetrab bis zur Hafenstraße. Der Kuli erhielt seinen Tagelohn und verschwand, dem Winke eines Polizisten folgend, in einem durchaus nüchternen, kleinen Backsteinbau.

»Was denken Sie; was nun in diesem Häuschen vorgeht?« fragte der Schiffsarzt des »York« den Dr. Ebenich.

»Ich nehme an, daß die Polizei hier wie überall sich einen Teil vom Tagesverdienst des armen Teufels geben läßt,« war die Antwort.

»Das schon, aber es geschieht noch mehr. Der Kuli muß hier bis aufs kleinste Rechenschaft ablegen, wo er tagsüber mit seinem Fahrgast war, was getan und was geredet wurde. Keiner, der mit der heiligen Hermandad auf gespanntem Fuße lebt, sollte je nach Japan fliehen. Mit Hilfe gerade dieser Rikschakulis ist er auf Schritt und Tritt überwacht, und ein Weib, das 216 um Ehescheidungsgründe in Verlegenheit ist, braucht ihrem Manne nur das Geld für eine Japanreise in die Hand zu drücken und sie gewinnt den Prozeß. Im übrigen wird es Zeit, Herr Kollege, daß wir an Bord gehen. Schon wühlt die Schraube des Dampfers unterm Hintersteven und die Rauchfahne überm Schornstein wird schwarz und klumpig, ein Zeichen, daß die Maschinisten im Heizraume aufschippen.«

Rasch war der Nachen am Fallreep. Das Schiff drehte und seine Sirene brüllte der Hafenstadt den Abschiedsgruß zu. Lebt wohl, ihr kleinen Häuschen mit euerer stillen Genügsamkeit und euerem reichen Kindersegen unter den niedrigen Dächern! Unser Kurs ist wieder der Koreastraße zugewandt. Jetzt eben gleitet der Kiel an der Insel Takaboko mit ihren steilen Felswänden vorüber.

»Da herunter sollen einst ein paar hundert Japaner gestürzt worden sein, weil sie Christen geworden waren,« sagte eine Stimme, und eine Hand klopfte dem Doktor auf die Schulter. »Heute kümmern sich diese Barbaren des Ostens wenig darum, was einer glaubt und zu wem er betet, wenn er nur Steuer zahlt und, wenn es sein muß, als Soldat für den Mikado in den Tod zu gehen weiß. Übrigens, Doktor, die Abendkühle greift den Kehlkopf an; würden Sie es nicht vorziehen, mit mir nach meiner Kammer zu kommen und eine Zigarre zu rauchen?«

»Mit allem Willen, Herr Kapitän,« sagte Ebenich, und bald saßen zwei Männer sich gegenüber, rauchten und ließen in stummem Schweigen ihre Daumen umeinanderkreisen.

»Haben Sie neue Reisende an Bord genommen?« unterbrach Ebenich das lange Schweigen.

217 »Wo denken Sie hin, nicht einen einzigen. Diese schlauen Japsen dulden nicht, daß ausländische Schiffe die Personenbeförderung von einem japanischen Hafen nach dem andern übernehmen. Was da immer von zwei- und vierbeinigen Wesen sich auf die Reise begibt, muß mit den Schiffen der einheimischen Dampfergesellschaften reisen. Wie käme uns da ein Zugang? Im Gegenteil. Abgänge haben wir gehabt. Mister Griffin und Gemahlin haben uns verlassen. Sie haben die Kyushueisenbahn benutzt, um nach Kobe zu reisen.«

»Sie werden dem verehrten Paare keine Träne nachgeweint haben.«

»So weit darf das Gefühl bei einem Manne nicht gehen, dem Empfangen und Abschiednehmen so alltäglich geworden sind wie die Linsen dem Stallknecht. Und doch, dies Weib, diese Miß Griffin, interessiert mich auf das lebhafteste. Wie hieß sie nur, wie hieß sie doch gleich, ehe dieser amerikanische Dollargötze sie zu seiner Himmelskönigin machte?«

»Frau Hölderlin,« ergänzte Dr. Ebenich.

»Und vordem Ganslin. Ich erinnere mich dessen, und ihr Vater saß auf einer fetten Pfründe da in den Vierlanden herum, als neben mir ein Hölderlin im »Rauhen Hause« zu Hamburg auf der Schulbank saß. Von diesem Gutedel wußte ich, daß er in den Ferientagen über des Pfarrers Gartenmauer stieg, um Birnen zu stibitzen und des Pfarrers Ganslin Töchterlein abzuschmatzen. Wenn dann die Vakanz zu Ende war und er wieder über den Logarithmen schwitzte, erzählte er mir diese interessanten Dinge, und er verschwieg mir nicht, daß er dem Pfarrerstöchterlein nicht so recht traue. Da sei 218 noch ein Försterssohn im Dorfe, dem sie in Jena schon einige Durchzieher ins Gesicht gehackt hätten und der infolgedessen den Weibern ungemein imponiere. Er aber wolle dem Juristen schon das Wasser vom Mühlrad abwenden, denn bevor jener sich noch zum Assessor durchgebüffelt habe, könne er längst das Leutnantspatent besitzen und bei einem Bareinkommen von fünfundsiebenzig Mark monatlich glücklicher Familienvater werden. Ich hörte mit halbem Ohr und gar keinem Glauben auf diese Dinge hin, so wie man auf eine Drehorgel hört, verließ schließlich die Schule und schwamm zwischen den Kontinenten hin und her. Gelegentlich kam ich auch mal wieder die Elbe hinauf und auf den Hamburger Jungfernstieg. Als ich eines Tages vollständig unbeachtet im Alsterpavillon saß, konnte ich eine Damengesellschaft belauschen, die überm Kaffeetrinken sich von ihren Männern unterhielt. Da gab's nicht eine drunter, die mit dem, was ihr das Geschick beschert hatte, so ganz zufrieden war. Der einen war der Mann zu fett, der andern zu mager. Wer einen Kahlkopf hatte, wünschte sich einen Krausschädel. »Aber Sie, Frau Hölderlin,« rief plötzlich, das Stimmengewirr übertönend, eine helle Frauenstimme, »Sie haben doch das große Los gezogen. Wie herrlich dem Ihrigen die Uniform kleidet und was er für eine Stirne hat, für eine Nase und für Augen!«

»Ach ja,« seufzte die Angeredete, »man brauchte ihm nur noch die Zitrone zwischen die Zähne zu stecken und der Kalbskopf im Metzgerladen wäre fertig.«

Ein helles Gelächter unterbrach die animierte Unterhaltung, nicht aber meine Gedanken. Kein Zweifel, »Frau Hölderlin« hatte ich genau gehört und die Sache 219 mit der Uniform würde doch auch auf meinen einstigen Schulkameraden stimmen. ›Armer Schlucker,‹ dachte ich bei mir selber, ›daß Fräulein Ganslin nicht warten konnte, bis aus einem Studenten ein Assessor geworden ist, der Umstand ist nicht zu deinem Vorteil ausgefallen.‹ So habe ich mir damals ein Bild gemacht. Allein, 's ist lange her, ich kann mich täuschen und dann, wer hat denn nachgezählt, wie viele Hölderlins in deutschen Uniformen stecken und wie viele Ganslins bereits im Himmel sind?«

»Und doch glaube ich nicht, daß des Kapitäns Kugel weit neben dem Zentrum eingeschlagen hat,« bemerkte Ebenich. »Aus dem Munde der jetzigen Frau Griffin weiß ich, daß ihr erster Mann sein Vermögen verjubelt und sein eigenes Kind mit den eigenen Pferden überfahren hat. Sie selber ist dann aufs Heuerbureau gegangen und ist Stuardeß geworden. Allzu wunderbar ist dieser Lebenslauf immerhin noch nicht.«

»Unrecht kann ich Ihnen nicht geben, zumal da das Weib mit seinen Neigungen zur Tierwelt im Rahmen des Bildes geblieben ist. Für den Kalbskopf hat sie doch nun in diesem Onkel Jonathan einen Ochsenschädel eingehandelt, dem sie hoffentlich noch zu Hörnern verhelfen wird, bevor sie stirbt und ein Spital zum lachenden Erben macht.«

»Des Himmels Gnade zu solchem Ende,« sagte Ebenich. »Indessen verschwätzen wir hier die Zeit und ich vergesse es, mir die Insel Tsushima anzusehen, wo der geriebene Admiral Togo die russische Flotte in den Grund bohrte.«

»Vergeblich, daß Sie ins Freie gehen. Sie werden das Eiland doch nicht sehen. Ich merke es an der Tourenzahl der Maschine, daß das Wetter unsichtig ist. Stehen Sie lieber morgen bei guter Zeit auf. Ich denke, wir werden 220 gegen fünf Uhr das weiße Leuchtfeuer der Insel Rokuren sehen und die Tonnen vor der Shimonosekistraße.«

Ehe noch die Sonne die Mastbaumspitze vergoldete, war Ebenich am frühen Morgen auf Deck. Kühn gemacht durch die Helle, rückte der Dampfer mit erhöhter Geschwindigkeit gegen die grüne Mauer vor, die sich wie eine Schwelle vor seinen Kurs zu legen schien. Wunderbar, wie sich der geschlossene Wall beim Näherkommen in hundert Teilchen spaltete. Da fiel von dem Massiv eine Insel ab und schwamm im Wasser. Dort tat's eine andere, und silberne Wasserströme blinkten in der Sonne und zeigten dem mutigen Schiff immer wieder einen neuen Weg. Entzückende Küstenbilder. Im Versteck lachender Buchten die dichten Buchsbaumwälder. An ihrem Rand die kleinen Holzhäuser der Eingeborenen. Auf dem Wasser tanzend die Fischerbarken mit den weißen Segeln an den schiefen Masten. Und all diese Dinge nebst Meer und Himmel gebadet im frischen Glanz eines Spätherbstmorgens, gibt ein Bild von so entzückender Schönheit, daß nicht einmal das Häusergewirr der Hafenstädte Moji und Shimonoseki, zwischen denen der Dampfer durchfährt, seine innere Harmonie zu stören vermag.

Eine halbe Stunde nur und der Kiel ist durch die Porta japanica durchgeschwommen und hat die Reisenden hineingetragen in das Eden der Binnensee. Rechts und links neben dem breiten Bande der Wasserstraße eng aneinander anschließend in fortlaufender Kette terrassierte Teegärten, steile Felsen mit überhängenden Zwergpalmen, zierliche Ebenen mit Reisfeldern, Pagoden auf Bergesspitzen, breit ausladende Tempeldächer, Torii und Tera unter den gewaltigen Ästen 221 jahrhundertealter Steineichen und Kryptomerien. Überall, soweit das Auge schaut, die reine ungeschändete Natürlichkeit, so wie sie aus Gottes gnadenreicher Schöpferhand hervorgegangen ist. So geht es fort, einen Tag und einen zweiten und einen dritten. Und nun kommt ganz hinten zum Abschluß dieses wunderbaren Seestückes er, der einzige, der Berg ohnegleichen, der Fuji-no-yama. Wo fängt er an, wo hört der Allgewaltige auf? Ist er vom Himmel gefallen? Ist er aus der Erde heraus ins Wolkengewirr hineingewachsen? Jeder Augenblick wird diese Fragen anders beantworten. Jetzt, wo heller Sonnenschein die ungeheure Pyramide umgleißt, steht der Berg mit breitem schwarzgrünem Fundamente aus dem blauen Meere herausgewachsen da, als ob Land und Meer, Berg und Tal nur der Schemel eines Göttersitzes wäre. Und im nächsten Moment, wo ein Wolkenschleier die Schultern des Riesen umkleidet, scheint seine silberweiße Spitze, von jedem 222 Zusammenhang mit der Erde losgelöst, die letzte Bekrönung des Himmelszeltes zu sein. Wer dieses wunderbare Bergmassiv gesehen hat, begreift, wie er die Kaaba, der heilige Stein des Japaners, werden konnte. Wie er, in der Kamera des Auges festgehalten, den Nipponsohn begleitet nach den ausgebrannten Prärieen von Texas und in die eisüberdeckten Wälder von Sibirien. Wie sein Bild auf jeder Streichholzschachtel, auf jeder Kaffeetasse, auf Pantoffeln und Pfeifenköpfen wiederkehrt und selbst den Sarg noch schmückt, in dem der Samurai und der Heimin, der Vornehme und der Geringe, zur Erde getragen wird.

Wer dieses vom Kulturfirnis noch wenig übertünchte Japan, das kindlich naive, in seiner Ursprünglichkeit noch sehen will, der säume nicht, sich auf die Reise zu machen. Schon ist über den Stillen Ozean hinüber und auf den Schienen der Transbaikalischen Bahn ein böser Geist unterwegs, der alles umgestalten wird. Bald wird die schmutzige Geldgier, die den Rhein mit ihren Schornsteinen verunziert und den Delaware mit Wolkenkratzern umsäumt hat, auch die Binnenlandsee zu einem Spargelfeld fauchender Schornsteine umgestalten. Laß dir's gesagt sein, du Bauer und Bürger Japans, glücklicher wirst du nicht werden, wenn dich der Geiz weniger vom Sonnenlicht verdrängt und in die dumpfen Schächte der Erde hineinzwingt. Fluch und dreimal Fluch dem Mammon! Er ist einer der apokalyptischen Reiter, der die Menschheit mit Skorpionen geißelt und das Schwert schärft, um sie unter dem Aushängeschild der Vaterlandsliebe auf blutgetränkten Schlachtfeldern zu Millionen hinzumorden.

223 Drei Tage lang hatten die Landschaftsbilder der japanischen Binnensee das Auge des Dr. Ebenich gefesselt, seine Gedanken in ihrem Bann gehalten und ihn für seine Umgebung ungenießbar gemacht. Daß der Schiffsarzt Marlott ihn derweilen ein dutzendmal photographierte, hatte er nicht gemerkt. Erst als der Gute ihn eines Mittags rüttelte und ihm ins Ohr schrie: »Morgen werden wir in Kobe vor Anker gehen. Würden Sie dann einverstanden sein, wenn ich Ihnen einen Ausflug über Osaka Nara nach Kyoto in Vorschlag brächte?« wurde er wach.

»Ich denke, wir sehen uns zunächst einmal Kobe an,« sagte Ebenich, »und wenn dann noch Zeit bleibt, können Sie mich mit guten Worten und einem substantiellen Frühstück im Rucksack hinlocken, wohin Sie wollen.«

Schön bewaldete Höhenzüge waren es, denen mit Sonnenaufgang der Dampfer entgegensteuerte. Am Meeresufer entwirrte sich aus einem leichten Nebel heraus lang hingezogen eine ansehnliche Stadt, deren Charakter aber durch keinerlei bedeutende Baulichkeiten irgendwie betont oder unterstrichen wurde. Kein Gedanke daran, daß das Schiff bis zur Uferstraße herangehen konnte. Das Meer ist zu flach. Eine Dampfbarkasse brachte Passagiere und Gepäck ans Land. Hotelbauten, die an ihrer äußeren Fassade ebenso wie an den Hammel- und Schweinkoteletts, die in ihrem Innern serviert wurden, einen internationalen Charakter trugen, waren das erste, was den Herren Marlott und Ebenich entgegentrat. Gleich hinter ihnen aber fing das unverfälschte Japan an, soweit man es nämlich sehen kann. Die Hauptverkehrsader der lebhaften Handelsstadt, die 224 Motomachi, wenigstens ist unsichtbar. Hunderte, ja Tausende von langen Fahnen mit Ideogrammen und Firmenaufschriften hängen vor den Häusern nieder und geben, unruhig im Winde hin- und herschwankend, dem Straßenbild einen fast liederlichen, kirmesartigen Charakter. Wer freilich näher an die Schaufenster herantritt, überzeugt sich bald, daß hinter den Scheiben geradezu Musterleistungen japanischen Fleißes und japanischer Kleinkunst aufgestapelt liegen. Wer an gestickten Gemälden und gemaltem Gesticke seine Freude hat, mag ruhig einige Tage verweilen. In den kleinen Teehäusern, die unter Kampferbäumen überall im Walde hin verstreut liegen, wird er gute Atzung und freundliche Gesichter finden.

Die Herren Ebenich und Marlott aber wollten heraus aus dem verwirrenden Treiben des fremdsprachlichen Straßenlebens.

 

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