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Schwester Olives Geschichte und andere Erzählungen

Selma Lagerlöf: Schwester Olives Geschichte und andere Erzählungen - Kapitel 6
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typenarrative
authorSelma Lagerlöf
titleSchwester Olives Geschichte und andere Erzählungen
year1908
translatorMarie Franzos
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Eine Geschichte aus Jerusalem

In der alten, ehrwürdigen Moschee El Aksa in Jerusalem befindet sich in einem Seitengang, der hinter der eigentlichen Tempelhalle weiterführt, eine sehr tiefe und breite Fensternische. In dieser Nische liegt ein alter, zerfetzter Teppich ausgebreitet, und auf dem Teppich sitzt tagaus, tagein der alte Mesullam, der Wahrsager und Traumdeuter ist und gegen ein geringes Entgelt den Besuchern der Moschee ihr zukünftiges Schicksal prophezeit.

Nun begab es sich an einem Nachmittage vor einigen Jahren, daß Mesullam, der wie gewöhnlich an seinem Fenster saß, bei so schlechter Laune war, daß er nicht einmal die Grüße der Vorübergehenden erwiderte. Niemand ließ es sich jedoch einfallen, über seine Unhöflichkeit beleidigt zu sein, denn man wußte, daß er sich über eine Demütigung grämte, die ihm an diesem Tage widerfahren war.

Jerusalem wurde nämlich um diese Zeit von einem mächtigen Fürsten aus dem Abendlande besucht, und am Vormittage hatte der hohe Fremdling mit seinem Gefolge El Aksa durchwandert. Vor seiner Ankunft hatte jedoch der Vorsteher der Moschee in allen Winkeln und Ecken des alten Gebäudes fegen und abstauben lassen und zugleich befohlen, daß Mesullam sich von seinem Platze fortpacken solle. Er hatte es ganz unmöglich gefunden, ihn während des hohen Besuches da sitzen zu lassen. Nicht genug, daß sein Teppich sehr zerlumpt war, und daß rings um ihn eine Menge schmutziger Säcke aufgestapelt waren, in denen er sein Hab und Gut verwahrte: Mesullam selbst war auch nichts weniger als eine Zierde für die Moschee. Er war ein unglaublich häßlicher alter Neger. Seine Lippen waren ungeheuer dick, der Unterkiefer weit vorspringend, die Stirne sehr niedrig, und die Nase glich ehesten einem Rüssel. Wenn man dazu nimmt, daß Mesullam eine grobe, verrunzelte Haut und einen dicken, klumpigen Körper besaß, der notdürftig mit einem schmutzigen, weißen Schal umwickelt war, so kann man sich kaum wundern, daß ihm verboten wurde, sich in der Moschee zu zeigen, so lange der gefeierte Gast sich dort befand.

Der arme Mesullam war sich wohl bewußt, daß er bei seiner Häßlichkeit ein überaus weiser Mann war. Deshalb fühlte er sich bitter enttäuscht, daß er den hohen Reisenden nicht zu Gesicht bekommen sollte. Er hatte gehofft, ihm Proben des großen Wissens zu geben, das er in verborgenen Dingen besaß, und so seinen Ruhm und sein Ansehen zu mehren. Seit diese Hoffnung fehlgeschlagen war, saß er Stunde für Stunde trauernd, in seltsamer Stellung da, die langen Arme emporgestreckt, als riefe er den Himmel um Gerechtigkeit an, und den Kopf weit zurückgebogen.

Als der Abend herankam, wurde Mesullam aus diesem Zustande betäubenden Schmerzes dadurch geweckt, daß eine fröhliche Stimme ihn anrief. Es war ein syrischer Dragoman, der, von einem einsamen Reisenden begleitet, an den Wahrsager herantrat. Er sagte ihm, daß der Fremdling, den er begleitete, gewünscht hätte, eine Probe morgenländischer Weisheit zu sehen, und da habe er ihm Mesullams Gabe, Träume zu deuten, gerühmt.

Mesullam antwortete keine Silbe, sondern verharrte unbeweglich in seiner früheren Stellung. Erst als der Dragoman ihn noch einmal fragte, ob er die Träume, die der Fremde ihm zu erzählen wünsche, hören und deuten wolle, ließ er die Arme sinken, kreuzte sie über der Brust, und indem er die demütige Haltung eines Mannes, dem Unrecht geschehen, annahm, antwortete er, seine Seele sei an diesem Abend so von seinen eigenen Kümmernissen erfüllt, daß er über das, was einen anderen berühre, nicht klar zu urteilen vermöge.

Aber der Fremdling, der ein sehr lebhaftes und gebieterisches Wesen hatte, schien sich nicht um seinen Widerspruch zu kümmern. Da kein Stuhl zur Hand war, stieß er ganz einfach Mesullams Teppich beiseite und setzte sich in die Fensternische. Darauf begann er mit klarer, deutlicher Stimme seine Träume zu erzählen, die dann der Dragoman dem alten Wahrsager übersetzte.

»Sage ihm,« sagte der Reisende, »daß ich mich vor einigen Jahren in Kairo in Ägypten befand. Da er, wie du sagst, ein gelehrter Mann ist, weiß er natürlich, daß es dort eine Moschee namens El Azhar gibt, die die berühmteste Stätte der Gelehrsamkeit des Morgenlandes ist. Ich ging eines Tages hin, sie zu besichtigen, und fand das ganze ungeheure Gebäude, alle seine Gemächer und Arcaden, alle seine Gänge und Tempelsäle von Studierenden erfüllt. Da waren alte Männer, die ihr ganzes Leben der Erforschung der Weisheit geweiht hatten, und Kinder, die gerade im Begriffe waren, die ersten Buchstaben schreiben zu lernen. Da waren hochgewachsene Neger aus dem Herzen Afrikas, schöne, schlanke Jünglinge aus Indien und Arabien, weitgereiste Fremdlinge aus der Berberei, aus Turan, aus allen Ländern, deren Völker den Koran verehren. An den Säulen – man sagte mir, daß es in El Azhar ebensoviel Lehrer wie Säulen gebe – saßen die Unterrichtenden auf ihren Schaffellteppichen zusammengekauert, und ihre Schüler, die sich in einem Kreise rings um sie niedergelassen, folgten eifrig ihrem Vortrag, während sie sich hin und her wiegten. Und sage ihm, daß, obgleich El Azhar in keiner Weise den Vorstellungen entsprach, die wir uns im Abendlande von einem großen Zentrum der Gelehrsamkeit machen, ich doch über das, was ich sah, erstaunte. Und ich sagte zu mir selbst: Sieh, das ist die große Burg und Wehr des Islam. Von hier ziehen Mohammeds junge Kämpen aus. Hier in El Azhar werden die Weisheitstränke gebraut, die die Lehren des Koran frisch und lebenskräftig erhalten.«

Das alles sagte der Reisende beinahe in einem einzigen Atemzug. Nun machte er eine Pause, damit der Dragoman es dem Wahrsager übersetzen könnte. Dann fuhr er fort:

»Sage ihm nun weiter, daß El Azhar einen so mächtigen Eindruck auf mich machte, daß ich es in der nächsten Nacht im Traume wiedersah. Ich sah den weißen Marmorbau mit den vielen Studenten, alle in schwarze Mäntel und weiße Turbane gekleidet, wie es in El Azhar der Brauch ist. Ich durchwanderte Säle und Höfe und erstaunte aufs neue, welche Burg und Festung dies für den Islam war. Endlich kam ich im Traume an den Fuß eines Minaretts, das der Gebetrufer zu ersteigen pflegte, um den Gläubigen zu verkünden, daß die Stunde des Gebets geschlagen habe. Ich sah die Treppe, die sich zum Minarett emporschlängelte, und ich sah, wie ein Mollah sie eben hinanstieg. Er trug einen schwarzen Mantel und einen weißen Turban, wie alle andern, und wie er so die Treppe hinaufging, konnte ich zuerst sein Antlitz nicht sehen. Aber als er eine Windung der Wendeltreppe erstiegen hatte, kehrte er mir sein Antlitz zu, und da sah ich, daß es Christus war.«

Der Sprechende machte eine kurze Pause, und seine Brust hob sich in einem tiefen Atemzuge. »Niemals kann ich vergessen, obgleich es nur ein Traum war,« rief er, »welchen Eindruck es auf mich machte, Christus die Treppe des Minaretts in El Azhar hinangehen zu sehen. Es ergriff mich so heftig, daß er in diese Festung des Islam gekommen war, um die Gebetstunden auszurufen, daß ich aus dem Traume auffuhr und erwachte.«

Hier machte, der Reisende wieder eine Pause, um den Dragoman sprechen zu lassen. Mesullam saß die ganze Zeit ohne Teilnahme da und wiegte sich mit halbgeschlossenen Augen hin und her. Er schien dadurch ausdrücken zu wollen: »Da ich diesen hartnäckigen Menschen nicht entkommen kann, will ich ihnen wenigstens zeigen, daß es mir nicht einfällt, das, was sie sagen, anzuhören. Ich werde versuchen, mich in Schlaf zu wiegen. Das ist die beste Art, ihnen zu zeigen, wie wenig ich nach ihnen frage.«

Der Dragoman deutete auch dem Reisenden an, daß alle ihre Mühe vergeblich sei, und daß sie kein kluges Wort von Mesullam zu hören bekommen würden, so lange er in dieser Laune wäre. Aber der europäische Fremdling schien sich in Mesullams unglaubliche Häßlichkeit und seine seltsamen Gebärden verliebt zu haben. Er sah ihn mit demselben Vergnügen an, mit dem ein Kind ein wildes Tier in einer Menagerie betrachtet, und er hatte nicht die geringste Lust, die Unterredung abzubrechen.

»Sage ihm, daß ich ihn nicht damit belästigt haben würde, diesen Traum zu deuten,« sprach er, »wenn er sich nicht in gewisser Weise noch einmal wiederholt hätte. Lasse ihn wissen, daß ich vor ein paar Wochen die Sophiamoschee in Konstantinopel besuchte. Nachdem ich das ganze herrliche Gebäude durchwandert hatte, trat ich auf eine Empore, um einen besseren Überblick über den schönen Kuppelsaal zu gewinnen. Sage ihm weiter, daß man mich während des Gottesdienstes in die Moschee gelassen hatte, so daß sie voll Menschen war. Auf jedem der unzähligen Gebetteppiche, die den Boden der Mittelhalle bedecken, stand ein Mann und verrichtete sein Gebet. Alle, die an dem Gottesdienst teilnahmen, machten gleichzeitig dieselben Bewegungen. Alle sanken zugleich auf die Kniee, warfen sich vornüber und richteten sich wieder gleichzeitig empor. Alle flüsterten ihre Gebete ganz leise, aber aus den fast unmerklichen Bewegungen so vieler Lippen entstand ein geheimnisvolles Rauschen, das zu der hohen Wölbung empor stieg und für eine Weile erstarb. Dann kam es, von fernen Gängen und Galerien schwebend, in melodischem Flüstern zurück. Es war so seltsam, daß einem der Gedanke kam, ob es nicht Gottes Geist sei, der durch das alte Heiligtum brauste.«

Der Reisende machte wieder eine Pause. Er achtete genau auf Mesullam, während der Dragoman seine Rede übersetzte. Er sah wirklich aus, als bemühte er sich, durch seine Beredsamkeit die Aufmerksamkeit des Wahrsagers zu erzwingen. Es hatte auch den Anschein, als sollte ihm dies gelingen, denn Mesullams halbgeschlossene Augen funkelten einmal auf, so wie Kohle, die anfängt, Feuer zu fangen. Aber halsstarrig wie ein Kind, das sich nicht unterhalten lassen will, ließ der Wahrsager rasch den Kopf bis auf die Brust sinken und begann sich noch ungeduldiger hin und her zu wiegen.

»Sage ihm,« begann der Fremde aufs neue, »sage ihm, daß ich nie Menschen mit solcher Andacht beten gesehen habe. Es däuchte mich, daß es die heilige Schönheit des wunderbaren Baues war, die diese Stimmung der Ekstase hervorrief. Wahrlich, dachte ich bei mir selbst, dies ist noch ein Bollwerk des Islam. Hier ist das Heim der Andacht. Von dieser mächtigen Moschee geht der Glaube und die Begeisterung aus, durch die der Islam eine Großmacht ist.«

Hier hielt er wieder inne und verfolgte während der Übersetzung genau das Mienenspiel in Mesullams Antlitz. Das zeigte keine Spur von Interesse, aber der Fremdling war offenbar ein Mann, der sich gern sprechen hörte. Seine eigenen Worte berauschten ihn, er wäre verzweifelt gewesen, wenn er nicht hätte fortfahren dürfen.

»Nun,« sagte er, als die Reihe zu sprechen wieder an ihm war. »Ich kann nicht recht erklären, wie mir geschah. Es ist möglich, daß der leichte Rauch von den vielen hundert Öllampen im Verein mit dem dumpfen Geflüster der Betenden und ihren einförmigen Bewegungen mich in eine Art Betäubung wiegte. Ich konnte es nicht lassen, die Augen zu schließen, wie ich da, an eine Säule gelehnt, stand. Bald kam ein Schlummer, oder richtiger eine Betäubung über mich, sie währte wahrscheinlich nicht langer als eine Minute, aber während dieses Zeitraums war ich völlig der Wirklichkeit entrückt. In dieser Betäubung sah ich noch immer die Sophiamoschee vor mir und alle die betenden Menschen, aber jetzt merkte ich, was ich früher nicht gesehen hatte, daß sich oben unter der Kuppel ein Gerüst befand, und darauf standen einige Arbeiter, die mit Pinseln und Farbendosen versehen waren.«

»Sage ihm nun,« fuhr der Erzählende fort, »wenn er es nicht schon weiß, daß die Sophiamoschee ehemals eine christliche Kirche war, und daß ihre Gewölbe und ihre Kuppel von dieser Zeit her mit heiligen, christlichen Mosaikbildern bedeckt sind, aber daß die Türken alle diese Bilder mit glatter, gelber Farbe übermalt haben. Und nun im Traume schien es mir, daß die gelbe Farbe an einigen Stellen abgefallen sei, und daß die Arbeiter auf die Gerüste geklettert waren, die Übermalung zu ergänzen. Aber siehe da, als einer der Arbeiter seinen Pinsel hob, die Farbe aufzufüllen, bröckelte ein größeres Stück ab, und sogleich sah ich dahinter ein schönes Bild von Christus hervortreten. Der Arbeiter streckte abermals den Arm empor, es zu übermalen, aber der Arm schien gelähmt und kraftlos vor dem herrlichen Bilde herabzusinken. Zugleich fiel die Farbe von der ganzen Kuppel ab, und das Christusbild zeigte sich in seiner ganzen Herrlichkeit inmitten von Engeln und himmlischen Heerscharen. Da stieß der Arbeiter einen Schrei aus, und alle die Betenden in der Tiefe der Moschee hoben das Haupt. Und als sie den Erlöser sahen, von himmlischen Heerscharen umgeben, entrang sich ihnen ein Ruf der Verzückung, und sie streckten alle ihre Hände empor. Aber als ich diese Begeisterung sah, wurde auch ich von einer so mächtigen Bewegung ergriffen, daß ich augenblicklich erwachte. Da war alles wie zuvor. Die Mosaikbilder der Decke waren unter der gelben Farbe verborgen, und die Betenden fuhren fort, Allah anzurufen.«

Als der Dragoman dies übersetzt hatte, öffnete Mesullam ein Auge und betrachtete den Fremdling. Er sah einen Mann, der ihm allen andern Abendländern zu gleichen schien, die durch seine Moschee wanderten. »Ich glaube nicht, daß dieser bleiche Mann Gesichte gesehen hat,« dachte er. »Er hat nicht die dunkeln Augen, die hinter den Vorhang des Verborgenen blicken können. Eher glaube ich, daß er hergekommen ist, seinen Scherz mit mir zu treiben. Ich muß auf meiner Hut sein, damit mich an diesem verfluchten Tage keine neue Demütigung trifft.

Der Fremde sprach weiter. »Du weißt, o Traumdeuter,« sagte er und wendete sich jetzt unmittelbar an Mesullam, als hätte er das Gefühl, daß dieser ihn trotz seiner fremden Sprache verstehen könne, »du weißt, daß ein gefeierter Fremdling in diesen Tagen Jerusalem besucht. Die Machthaber hier suchen alles, was in ihren Kräften steht, zu tun, ihm zu gefallen. Es war sogar die Rede davon, um seinetwillen die zugemauerte Pforte in Jerusalems Ringmauer zu öffnen, die man die Goldene Pforte nennt, und die das Tor sein soll, durch das Jesus am Palmsonntag in Jerusalem einzog. Man erwog wirklich, dem hohen Reisenden die große Ehre zu erweisen, ihn durch dieses Tor, das seit Jahrhunderten geschlossen war, in die Stadt reiten zu lassen, aber man wurde durch eine alte Weissagung zurückgehalten, die verkündet, daß wenn dieses Tor geöffnet wird, die Abendländer durch dasselbe einziehen werden, um sich in den Besitz von Jerusalem zu setzen.

Aber nun sollst du hören, was mir gestern nacht geschah. Es war herrlicher Mondschein, das Wetter prächtig, und ich war allein ausgegangen, um eine ungestörte Wanderung rings um die heilige Stadt zu unternehmen. Ich ging außerhalb der Ringmauer auf dem schmalen Pfade, der rings um die Stadt läuft, und meine Gedanken schweiften auf der Wanderung in so ferne Zeiten zurück, daß ich mich kaum mehr entsann, wo ich mich befand. Auf einmal begann ich jedoch Müdigkeit zu fühlen, und ich hätte gern gewußt, ob ich nicht bald zu einem Tor in der Mauer kommen würde, durch das ich in die Stadt zurückkehren könnte. Nun, wie ich gerade so dachte, sehe ich einen Mann ein großes Tor in der Ringmauer dicht, neben mir öffnen. Er öffnete es weit und bedeutete mir, ich möge hindurchgehen. Ich ging, wie gesagt, in meinen Träumen und wußte nicht recht, wie weit ich gewandert war. Ich staunte doch ein wenig, daß sich gerade hier ein Tor befand, aber ich dachte nicht weiter daran, sondern ging hindurch. Sobald ich durch die tiefe Wölbung gekommen war, schlugen die Torflügel krachend hinter mir zu. Da wendete ich mich um, hinter mir zeigte sich keine Öffnung, sondern nur eine vermauerte Pforte, gerade die, die hier in Jerusalem die Goldene genannt wird. Vor mir lag der Tempelplatz, das weite Haramplateau, in dessen Mitte die Omarmoschee thront. Und du weißt, daß keine andre Pforte von der Ringmauer hinführt als die Goldene, die nicht nur versperrt, sondern zugemauert ist. Du kannst dir denken, daß ich glaubte, ich sei wahnsinnig geworden oder ich träume, und daß ich versuchte, eine Erklärung zu finden. Ich sah mich nach dem Manne um, der mich eingelassen hatte. Er war verschwunden, ich konnte ihn nicht finden... Dafür sah ich ihn um so deutlicher vor mir in meiner Erinnerung, die hohe, ein wenig gebeugte Gestalt, die langen Locken, den geteilten Bart. Es war Christus, o, Wahrsager, wiederum Christus.

Und sage mir nun, du, der in das Verborgene blicken kann, was bedeuten meine Träume und Gesichte, was bedeutet vor allem dies, daß ich wirklich und wahrhastig durch die Goldene Pforte gegangen bin? Noch in dieser Stunde weiß ich nicht, wie es zuging, aber ich habe es getan. Sage mir nun, was diese drei Dinge zu bedeuten haben?«

Der Dragoman übersetzte dies Mesullam, aber der Wahrsager saß noch immer in derselben mißtrauischen, mürrischen Laune da. »Es ist gewiß, daß dieser Fremdling seinen Spott mit mir treiben will,« dachte er, »vielleicht will er mich mit allen diesen Reden von Christus zum Zorne reizen.«

Er hätte am liebsten gar nicht geantwortet, aber da der Dragoman beharrlich blieb, äußerte er ein paar Worte.

Der Dragoman zögerte, sie zu übersetzen.

»Was sagt er?« fragte der Reisende eifrig.

»Er sagt, daß er euch nichts andres zu erwidern habe, als: Träume sind Schäume.«

»Sage ihm dann von mir,« erwiderte der Fremdling ein wenig erzürnt, »daß dies nicht immer wahr ist. Es hängt ganz davon ab, wer sie träumt.«

Bevor noch diese Worte Mesullam übersetzt waren, hatte der Europäer sich erhoben und entfernte sich mit leichtem, elastischem Schritt durch den langen Gang.

Aber Mesullam saß still da und grübelte fünf Minuten lang, über die Antwort des Fremden, dann fiel er vernichtet auf sein Angesicht. »Allah, Allah, zweimal an demselben Tage ist das Glück an mir vorübergegangen! Was hat dein Diener verbrochen, daß er dir mißfällt?«

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