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Schwarzwaldau

Karl von Holtei: Schwarzwaldau - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchwarzwaldau
authorCarl von Holtei
year1856
firstpub1856
publisherExpedition des Albums
addressPrag / Leipzig
isbn
titleSchwarzwaldau
pages476
created20091220
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Fünftes Capitel.

Emil kehrte allein in's Schloß zurück. Franz hatte sich Bewilligung erbeten, in grüner Einsamkeit verbleiben und, was in ihm vorging, dort mit sich selbst abmachen zu dürfen. Es sei ihm unmöglich, 76 hatte er seinem Herrn erklärt, heute, mit dem Bewußtsein jüngst abgelegter Geständnisse, bei Tafel aufwarten zu helfen, und den Teller unterm Arm Derjenigen gegenüber zu stehen, deren vielleicht zufälliges, harmlosestes Lächeln ihm Spott über seinen frechen Wahnsinn dünken würde.

Emil kam dieser Bitte, die er sehr gerecht fand, gütig entgegen; wie er denn überhaupt von Minute zu Minute in bessere Stimmung gerieth. Während auf Franz die Enthüllungen eigener, persönlicher Zustände und Lebensverhältnisse niederdrückend und beschämend nachzuwirken anfingen, fühlte der wohlhabende Gutsbesitzer, dem sie gemacht worden, sich dadurch gehoben und frisch belebt. Wie gering, wie leicht zu besiegen und zu beseitigen, erschien doch jetzt, was er gestern nur mit dem Herzblute eines gequälten Lebens abschütteln zu können wähnte, im Vergleich zu des armen Jägerburschen gerechtem Gram! Eingebildete Leiden, gegen wirklichen, wahrhaftigen Schmerz! Je mehr Neigung Emil für den verirrten Jungen empfand, desto günstiger wurde die Rückwirkung. Liegt es nicht in der Natur des Menschen, auch des gefühlvollen, mitleidigen, daß der besten Freunde Leiden sogar aufrichtigster, aus Mitgefühl hervorgehender Betrübniß einen süßen Beigeschmack 77 verleihen? Ach, wer mag unseres Herzens Widersprüche ergründen? Wer, dessen Geheimnisse enthüllen?

Agnes, durch die Gegenwart ihrer Freundin beglückt; Caroline freudig überrascht, im gefürchteten ›Wehrwolf‹ einen angenehmen, mild-freundlichen Wirth kennen zu lernen; dieser, in der besten Absicht, dem Leben neue Lust und Kraft abzugewinnen! . . . es wären kaum drei Tischgenossen aufzutreiben gewesen, mehr geeignet für ein behagliches, wechselseitig anregendes Gespräch. Auch befanden sie sich so wohl dabei, daß Agnes ohne Zögern Emil's Vorschlag zu einer Spazierfahrt nach aufgehobener Tafel annahm. »Wir werden,« sagte sie zu Carolinen, »noch Ueberfluß an langen Tagen haben, um wie zwei kleine Pensions-Schülerinnen mit einander zu plaudern; weisen wir ja seine Galanterie nicht zurück; ich habe ihn ohnedieß sehr stark im Verdacht, das selbige nur den Tag Deiner Ankunft feiert. Sonst besinnt er sich lange, bis er mir Pferd' und Wagen anbietet.«

»Als ob Du jemals danach verlangtest?« erwiderte er, beinahe verlegen über solchen Vorwurf vor einer Dritten.

78 Und sie bestiegen den offenen, bequemen Stuhlwagen, den ein kräftiges Viergespann spielend durch Hain und Flur zog, als ob sie flögen.

Die an und für sich angenehme Empfindung, rasch einher zu rollen, wo wechselnde Naturbilder das Auge fesseln, wird noch gesteigert, wenn wir kaum erst einem Gefährt entstiegen sind, dessen Schneckengang uns quälte und ermüdete. Diese Steigerung machte sich bei Carolinen geltend. Sie kannte keine raschere Beförderung durch Pferde, als jene, die sie mit ihren Eltern zu theilen gewohnt gewesen; wo es der furchtsamen Mutter nie langsam genug gehen, wo der Vater nie fest und ruhig genug schlafen konnte. Die heutige Lustfahrt regte sie heftig auf. Die Kühle des Abends wehte ihr zauberisch entgegen und durchdrang sie mit einer Ahnung von Freiheit und Selbstständigkeit, die im Hause ihrer Eltern und deren Umgebung niemals bei ihr lebendig werden wollte. Sie sprach es mit mädchenhaftem, kindischem Wunsche aus: »Das ist prächtig! so möchte ich durch die weite Welt fahren!«

»An wessen Seite?« fragte Emil.

»Darüber, wahrlich, hab' ich nicht nachgedacht; wüßte auch nicht, wen ich an meiner Seite wünschen möchte, außer Agnes? Für den Augenblick ist es nur 79 die Freude am raschen Fahren mit schönen Pferden in gründuftiger Abendkühle, die mich beglückt; die mir etwas Neues ist; um deren täglichen Genuß ich euch beneiden werde, wenn ich erst wieder mein bürgerliches Stübchen in Rumburg bewohne!«

»Und dennoch,« antwortete Emil, »werden Sie vielleicht beneidet, und mit Recht, um die stille Zufriedenheit, die in jenem Stübchen weilt und welche Andere weder mit feurigen Pferden erjagen, noch in hohen, prächtigen Sälen finden?«

Agnes that, wie wenn sie dem Gespräch nicht folgte; sie machte sich mit ihrem Umschlagetuch zu schaffen, dessen Zipfel von einem Rade gestreift wurde.

Caroline war mit der Ueberzeugung, sie werde eine unglückliche Ehe finden, in Schwarzwaldau eingetroffen; wir wissen schon, daß sie in Agnesens Gatten einen mürrischen, ungefälligen, plumpen, nur auf öconomischen Ertrag gerichteten Landjunker zu sehen fürchtete! Sie kam in der heimlichen Erwartung wider solchen ›Wehrwolf‹ mit ihrer Freundin ein Bündniß einzugehen; die Allzuduldsame vielleicht ein Bißchen aufzuhetzen? –

Statt dessen findet sie einen zuvorkommenden, nachgiebigen, eleganten Mann, mit feinsten Formen, 80 dessen ganze Erscheinung zwar keinen Glücklichen verkündet, – aber noch weniger, was man einen Haustyrannen nennt? Im Gegentheil: er sieht aus, als ob er unter dem Drucke innerer, tiefgefühlter Lasten seufze? Agnes dagegen, wenn auch nicht freigebig mit Versicherungen häuslicher Glückseligkeit, die sonst jüngere Frauen ihren unverheiratheten Freundinnen gern in vollstem Maße ertheilen, zeigte nichts von unterjochtem Märtyrerthum; verdrehte weder klagend ihre Augen, noch gab sie durch Seufzer zu verstehen: ich habe Dir fürchterliche Dinge zu enthüllen; laß uns nur erst wieder allein sein! Sie bewahrte den heiteren Ernst, die milde Ruhe, wodurch schon das zehnjährige Kind sich vor seinen Gespielinnen ausgezeichnet.

Caroline wurde irre in ihren Voraussetzungen. Neugierde begann mit der Lust am Spazierenfahren zu streiten und behielt fast die Oberhand. Schon versank die Erwartungsvolle in schweigendes Nachsinnen über ein ihr unerklärliches Verhältniß. Doch Emil, der seine unüberlegte Aeußerung sichtlich bereute, ließ ihr keine Frist zu stummen Grübeleien und mit der geistigen Gewandtheit, welche ihm zu Gebote stand, erweckte er alsobald das hinschlummernde Dreigespräch. In des Mannes Redeweise lag ein 81 eigener Zauber, dem sich so leicht kein Ohr verschloß; der sogar Agnesen bewegte, ihre Stimme dazwischen tönen zu lassen. Sie beendeten in wieder auflebendem Austausche oberflächlich-geistreicher, mit pikanten Bemerkungen durchwobenen Fragen und Antworten – was man auf Deutsch: ›interessante Conversation‹ benennt, – ihre Abendfahrt und langten von kühler Luft erfrischt, munter genug im Schlosse an. Kaum saßen sie am Theetisch, so bezeigte Caroline durch unverkennbare Zeichen des Erstaunens, die bis zur Unruhe übergingen, daß irgend etwas sie befremde, – ja in Verlegenheit setze. Agnes sowohl, als Emil nahmen das wahr und befragten sie um die Ursache? Sie erzählte, halblaut, ihre vormittägliche Begegnung am kleinen Waldsee und gestand, es mache ihr einen peinlichen Eindruck, nicht in's Klare darüber zu kommen, ob jener Mensch, den sie als Livreejäger gekleidet, jetzt einigemale an der Seite des Tafeldeckers durch's schwacherleuchtete Vorzimmer gehen sah, wirklich derselbe sei, gegen den sie sich heute, aus ihrer Kutsche heraus, eine Unart erlaubt habe?

»Ich wüßte kaum, wie Franz um die von Ihnen bezeichnete Stunde an die Thalwieser Grenze 82 gerathen sein könnte?« entgegnete ihr Emil; »doch darüber wollen wir uns bald Gewißheit verschaffen.«

Ehe sie es noch zu verhindern im Stande war, hatte des Gebieters lautes: »Franz!« den Diener schon herbeigerufen, der wie mit Blut übergossen, glühendrothen Angesichtes gehorchte, und auf die an ihn gerichtete Frage eine kaum verständliche, verneinende Antwort stammelte; worauf er sich mit solcher Hast zurückzog, daß Agnes, die sich sonst um nichts zu bekümmern pflegte, was zwischen ihrem Gemal und dessen Dienern vorging, zu Carolinen gewendet flüsterte: »Wahrhaftig, trotz seiner Versicherung des Gegentheils, muß man glauben, er ist's gewesen, den Du aus tiefen Träumen schrecktest!?«

»Nein,« sagte Caroline beruhiget, »er war es keinesweges. Aber diese Aehnlichkeit ist das Merkwürdigste, was ich je von Aehnlichkeiten sah; gerade darum, weil es durchaus keine ist, und dennoch eine Verwechslung der Persönlichkeiten möglich macht. Bisher bin ich der Meinung gewesen, wenn man zwei verschiedene Menschen mit einander verwechseln solle, müßten sie sich an Gestalt und Zügen einander gleich sehen. Hier zeigt sich bei näherer Betrachtung keine Spur davon. Der Jäger trägt blondes, fast röthliches Haar, zeigt Anlage zum 830 Fettwerden, hat kleine graue Augen, einen großen Mund und jene glatt und plattumschließenden Lippen, die mir von jeher zuwider sind. Mein unbekannter Schläfer dagegen, dessen Oberlippe wirklich bezaubernd-trotzig emporgeworfen über dem schönsten Munde hervorragt; dem dunkle Locken um die edle Stirn wallen; dessen tief-blaue Augen – sogar noch halb schlaftrunken – mächtig-groß aufleuchten; dessen Gestalt, soviel ich bei seiner Lage am Ufer entnehmen konnte, schlank und groß, wenigstens um einen Viertelkopf höher sein muß, als jene des Jägers; . . woraus entspringt da der Irrthum: Einen für den Andern zu halten? wie ich doch auf einen Moment gethan?«

»Du hast Dir den Uferschläfer sehr genau angesehn, Caroline,« lächelte Agnes ihr zu. Und Emil sprach: »Mein armer Franz kommt bei dem Vergleiche ein Bißchen zu kurz. So übel ist er nicht, und von röthlichen Haaren gar keine Rede. Aber ich wäre begierig zu erfahren, wer und woher Ihr verschlafener Protegé sein mag? Wahrscheinlich irgend ein fremder Umhertreiber?«

»Ich bin fest überzeugt,« erwiderte Caroline, »wenn Sie morgen sich hinausbegeben wollen, finden Sie ihn noch schlafend an derselben Stelle. Er sah 84 mir aus, als ob er einen langen Schlaf zu thun gedächte.«

»Vielleicht,« warf nun Agnes ein, »ist er ganz einfach der Sohn unserer Nachbarsleute in Thalwiese, von dem ich bei meiner Ankunft in Schwarzwaldau mich erinnere gehört zu haben, er diene seine Soldaten-Zeit bei der Garde ab. Wahrscheinlich ist er heim gekommen und langeweilt sich zum Sterben im Hause der Eltern, die keine Mittel haben, ihm die große Stadt zu ersetzen!«

»Wie kann sich langeweilen,« fragte Caroline, »wer seine fünf Sinne und gesunde Gliedmassen besitzt?«

»Junge, hübsche Männer,« antwortete Agnes »ohne entschiedenen Beruf, welcher ihr Dasein hinreichend ausfüllt, haben das an sich. Und wohl ihnen noch, wenn sie das Talent besitzen, ihren Ennui zu verschlafen.«

Emil erröthete. »Was Du andeutest,« meinte er, »trifft nur Diejenigen, die im Ueberfluße leben. Wäre Deiner liebenswürdigen Freundin Unbekannter in Wahrheit, wie Du vermuthest, der Sohn aus Thalwiese, dann hätte dieser keinen Grund über Mangel an Beschäftigung zu klagen; die gänzlich vernachlässigte Wirthschaft seiner verkümmernden Eltern böte 85 ihm reichliche Gelegenheit, eines gelangweilten Daseins Leere auszufüllen.«

»Und wenn er das nicht mehr vermag? Wenn es ihm an Energie fehlt, sich aus seinen lethargischen Träumen emporzuraffen?«

»Einem jungen Manne soll es an Energie fehlen können?« rief Caroline ungläubig aus. – Agnes bewegte nur noch, wie unwillkürlich, die Lippen, doch äußerte sie nichts mehr. Auch Emil schwieg; das Gespräch stockte. Erst als die Wanduhr Zehne schlug, murmelte er: »vulnerant omnes.«

Bald nachher wünschten sie sich: gute Nacht.

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