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Schwarzwaldau

Karl von Holtei: Schwarzwaldau - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchwarzwaldau
authorCarl von Holtei
year1856
firstpub1856
publisherExpedition des Albums
addressPrag / Leipzig
isbn
titleSchwarzwaldau
pages476
created20091220
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Viertes Capitel.

Frau von Schwarzwaldau stand an einem Fenster ihres Wohnzimmers, aus welchem die Dorfgasse, wo sie in die Schloßgasse einbiegt, zu erblicken ist; richtete ihre Augen jetzt auf den Weg, jetzt wieder auf eine Seite in Carolinens Briefe, die sie zum hundertstenmale las: ›Deßhalb, meine süße Agnes, rechne bald auf mich! Papa brummt und knurrt zwar noch immer, daß ein verlassenes, hilfloses Kind von schier zweiundzwanzig Sommern, (unter uns gesprochen; vor der Welt gesteh' ich die Zwei nicht ein) allein, ganz allein von Rumburg, oder eigentlich von 65 Schandau, denn bis dahin will er mit Mutter mich geleiten, nach Schwarzwaldau unter keiner anderen Schutzwache, als der ihres Lohnkutschers (aus Pirna) reisen soll! Doch sein Brummen gleicht dem Donner eines jenseits der Hügel vorbeiziehenden Gewitters: man hört ihn noch grollen und rollen, – geht aber ungehindert spazieren. Vielleicht treff' ich zugleich mit meinem Briefe, vielleicht vor ihm ein? vielleicht auch einige Tage danach? Je nachdem nun Post-Beamte und Boten wollen! Oder vielmehr, je nachdem die Pferde des Pirnaischen Lohnkutschers gesonnen sind, der einen Handelsreisenden hierherbrachte und dessen Erscheinen Mutter und ich die Kühnheit verdanken, mit plötzlichem Entschlusse des Vaters Einwilligung erlangt zu haben. – Wie ich mich freue, Dich wiederzusehen! Ausführlich, tagelang mit Dir zu plaudern! alle Details Deiner Ehe zu erforschen, über welche Deine Briefe mich im Unklaren ließen! Wie ich mich freue, Dich, meine liebste und geliebteste Mitschülerin als hohe Schloßfrau zu begrüßen! – Du hattest schon als kleines Backfischchen eine gewisse vornehme Haltung und wußtest vor dem wilden ungebärdigen Mädelvolk Deine Würde trefflich zu bewahren. Einige Besorgniß freilich läuft wie düst'rer Wolkenschatten durch den hellen Sonnentag 66 dieser meiner Freude: ich fürchte mich vor Deinem Herrn Gemal! Dem Bilde gemäß, welches ich mir, – nicht durch das, was Du schriftlich über ihn sagst, sondern vielmehr verschweigst, – von ihm entworfen habe, sieht er nicht danach aus, als würde er mich mit offenen Armen empfangen? Soll ich recht aufrichtig reden, so muß ich dieß bekennen: ich stelle mir unter ihm eine Art von Waldbär vor! – Sollte dieß Gleichniß Dich beleidigen, lies: loup-garou; das klingt gleich vornehmer. Kurz: Bär oder Wolf, ich fürchte mich ein Bißchen, daß er die Vertraute seiner Gemalin manchmal hart anlassen könne? Vorzüglich an Tagen, wo Seine Hochundwohlgeboren vielleicht ein schlechtes Gewissen haben. Denn, welcher Ehemann hätte das nicht zu Zeiten? Aber ich habe mir vorgesetzt, muck-mäuschenstill dabei zu bleiben und wenn er mich nur nicht geradezu zerreißt, auf einen Schlag mit der Tatze, auf einen Hieb mit der Kralle soll's mir nicht ankommen. Du drückst einen Kuß auf die Wunde – dann schmerzt sie nicht mehr. Wie ich aus Deinen Briefen entnehme, ist er selten im Schlosse; lebt mehr in Feld und Wald, als bei Dir. Lassen wir ihm seine Gewohnheiten. Meine Gegenwart soll ihn nicht derangiren. Sind wir Beide uns nicht genug? O wie 67 beglückend wird im ungestörten Austausch tiefinnerster Gefühle und Gedanken diese ländliche Stille auf mich wirken; auf mich, die ich in unserm kleinen Neste gezwungen bin, meiner guten Eltern furchtbar langweiligen Umgang zu genießen und im unaufhörlichen Verkehr mit dieser Philisterwelt Alles in mich zu verschließen, wovon Herz und Seele überquellen. Mache Dich gefaßt, in den ersten Tagen gar nicht zu Worte zu kommen. Bis ich von mir herabgeredet habe, was mich bedrückt, dann ist die Reihe an Dir. Auf baldiges Ersehen von Angesicht zu Angesicht!

Deine Lina.‹      

Wenn Agnes diese echt mädchenhaften Zeilen wieder durchflogen, belächelt und mit gutmüthig-spöttisch verzogenen Lippen gelispelt hatte: »das schmeckt noch recht nach der Pension!« – dann schaute sie nichts desto weniger ungeduldig nach dem Wege aus, ob es dem Pirnaischen Lohnfuhrmann nicht bald belieben würde, links einzubiegen, wo der Wegweiser seinen Arm ›Nach dem Schlosse‹ ausstreckt? Sie hatte gut ausschauen und harren; es zeigte sich nichts, was einem Lohnwagen aus Pirna, oder aus irgend einem andern Orte ähnlich sah. Wir dürfen nicht vergessen, daß wir im ersten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts mit unserer Geschichte stehen. Schnellposten 68 gingen wohl schon in Deutschland, aber nur zwischen bedeutenderen Städten, auf großen Kunststraßen. Ob bereits zwischen Dresden und Berlin? weiß ich kaum; keinesfalls hätte Vater Reichenborn Carolinen gestattet, einen öffentlichen Wagen zu besteigen, wo sie den Zufälligkeiten übermüthiger Reisegesellschaft ausgesetzt war. Er hatte sie dem Kutscher aus Pirna, einem alten Bekannten aus früherer Zeit, anvertraut, wie er in jenen Tagen, bevor er aus activem Kauf- und Handelsstande in den passiven Stand ruhig-beschaulicher Zurückgezogenheit getreten war, dem soliden Hauderer manche kostbare Kiste feinster Leinewand anvertraut hatte, ›zu prompter Bestellung,‹ wobei es auf etliche Tage früher oder später nicht ankam. Die väterliche Fürsorge befand sich dabei gut, denn auf des Kutschers Redlichkeit durfte Reichenborn bauen, Caroline wurde so sicher behütet, als ob sie eine Kiste Leinewand sei. Nur mit dem Unterschied, daß eine solche Kiste keine Langeweile kennt, mag es noch so langsam gehen; daß dagegen Caroline in der langweiligen Kutsche schier verzweifelte. Das ließ den Pirnaer kalt, wie wenn sein Herz aus heimischem Sandsteine bestände; er begnügte sich mit der Peitsche zu knallen, wenn irgend etwas, einem jüngeren Manne Aehnliches in der Nähe sich zeigte; 69 wodurch er gleichsam ausdrückte: »Nichts für Euch, mein guter Freund, was ich hier als Frachtstück führe!« wodurch aber seine Pferde niemals veranlaßt wurden, den tiefen Sand in schnellerem Schritte zu durchwaten. Einigemale hatten sie sich auch, während ihr Lenker schlummerte, vom richtigen Wege verlaufen; hatten sich aus den trockenen Steppen allgemeiner Heerstraße nach irgend einer seitab-liegenden grünlich-lockenden Oase gezogen; und durch derlei leicht verzeihliche Irrthümer, waren manche Stunden versäumt worden. Die letzte dieser versäumten Stunden ist gerade die, wo wir Agnes lesend und harrend an ihrem Fenster beobachteten. Dicht an der Grenze von Schwarzwaldau, an welche ein ebenfalls bedeutender Grundbesitz sich lehnt, läuft ein schmaler Streifen Waldes, zu dem kleinen Landgute ›Thalwiese‹ gehörig, als Enclave zwischen durch, in einen von wirklich schönen und sehr alten Weidenbäumen umstandenen Tümpel mündend, den sein Besitzer eitlerweise ›Waldsee‹ genannt wissen will. Emil hatte sich bei Uebernahme väterlicher Erbgüter sehr angelegen sein lassen, diese vereinzelte Parzelle an sich zu kaufen; wobei er um so sicherer auf Herrn von Thalwiese's Entgegenkommen rechnete, als dieser bekanntlich in Geldnoth, das fragliche Stück Landes ursprünglich 70 zu Schwarzwaldau gehörig gewesen, und vor einem halben Jahrhundert durch seinen (Emil's) eigenen Großvater dem jetzt noch lebenden Nachbar als Pathengeschenk unter's Taufkissen geschoben worden war. Doch der fünfzigjährige Täufling stellte Emil's Unterhändlern hartnäckige Zähigkeit entgegen; fand sich durch die Anfrage schon beleidiget; erklärte: so schlimm stehe es noch nicht mit ihm, daß er ›seine Wälder verschachern müsse;‹ was denn zur Folge hatte, daß zwischen den Häusern Thalwiese und Schwarzwaldau fortwuchernder Groll, deßhalb auch gar kein Umgang statt fand.

Jener ›Waldsee‹ zog des Pirnaer's Zweigespann kurz vor Ablauf seiner Fahrt noch einmal vom Pfade der Pflicht und Tugend ab. Es spürte Durst und schlug selbstsüchtig den Irrweg täuschenden Genusses ein, der aber so schmal unter Bäumen sich durchwand, daß der von Carolinens Geschrei aus dem Schlummer geweckte Kutscher keinen andern Rath wußte, als bis an eine Stelle zu fahren, wo Raum vorhanden sei, wieder umzulenken. Sie gelangten also zum Tümpel, – an dessen schilfbewachsenem Ufer ein junger Mann, neben sich eine Flinte, lang ausgestreckt in tiefem Schlafe lag; so tief, daß ihn der durstigen Pferde sehnsüchtiges Gewieher nicht erweckte.

71 »Der kann's besser wie ich,« meinte der Kutscher, »und ich weiß doch auch etwa, was schlafen heißt!« Dann machte er das kleine hölzerne Gefäß, welches ein ächter Hauderer aus jener Zeit niemals daheimließ, vom Stricke, der es mit unzähligen andern hoch aufgepackten Reise-Utensilien verband, langsam los und äußerte: »Weil wir denn doch einmal hier sind, wollen wir den Pferden ihren Willen thun; auf ein Viertelstündchen früher oder später kommt Sie's ja nicht mehr an, mein gutes Mamsellchen?«

»So erkundigt Euch wenigstens,« sagte Caroline ärgerlich, »um den nächsten Weg nach Schloß Schwarzwaldau, damit wir nicht unnützerweise noch einmal die Richtung verfehlen.«

»Das können Sie ja thun, mein sehr gutes Mamsellchen; unterdessen werd' ich Sie Wasser schöpfen und meine Pferde tränken; der junge Herr giebt gewiß lieber Auskunft, wenn ihn eine schöne Dame fragt. Ei ja, mein gutes Mamsellchen!«

Und der Pirnaer überließ es Carolinen, den Schläfer aus tiefster Ruhe aufzustören. Sie wußte nicht, wie sie es anfangen sollte, obgleich die Kutsche dicht neben ihm hielt, und sie ihn mit ihrem Sonnenschirme hätte berühren können, wenn sie sich weit genug über den Schlag gebogen hätte! Vergeblich 72 hustete sie zu verschiedenen Malen. Es wäre gewissermaßen eine Beleidigung für sie gewesen, hätte von ihrem zarten Geräusper aufwachen wollen, den das Wiehern Pirnaischer Lohnkutscherpferde nicht zu sich brachte. Sie versuchte weiter und begann erneuerte Zwiesprach mit dem Kutscher, wobei sie sich Mühe gab zu schreien, daß sogar der faule Sattelgaul die Ohren spitzte. Nichts da! . . . . ein Mundwinkel verzog sich allerdings im Antlitz des schönen Schläfers; doch das geschah, wie sich bei näherer Betrachtung zeigte, – denn wir leugnen es nicht länger: Caroline betrachtete sehr genau! – das geschah nur, weil ein fliegendes Insect in jener Gegend des Gesichtes saß, offenbar in der Absicht, die erst mit einem Anfluge von Bart sparsam umkränzte Lippe anzustechen. Und das wollte Caroline verhindern. Vielleicht hatte sie gelesen von Fliegen, die den Leichnam einer an Milzbrand gestorbenen Kuh verließen und das Gift des Todes auf den nächsten Menschen übertrugen, den sie im Fluge berührten? Sie fürchtete für den Unbekannten, dessen Züge sich ihr nun genugsam eingeprägt hatten, um ein Bild des Schlafenden mit sich zu nehmen. Wer wird ihr verübeln, daß sie zu erfahren wünschte, wie sich das edle Antlitz ausnehmen werde, wenn geschlossene Augen sich öffneten? 73 Und von welcher Farbe mochten diese Augen sein? – Und diese häßliche Fliege dazu, die immer noch um die Lippen kriecht! –

»Kutscher, gebt mir auch zu trinken!«

Sie reicht ihm Vater Reichenborn's aus Horn gedrehten Reisebecher, den die Eltern ihr sammt unzähligen andern lästigen Bequemlichkeiten aufgedrungen. Der Pirnaer gießt Thalwieser Waldsee-Wasser hinein mit der feinen Bemerkung: Das Gesäufte sei den Pferden zu schlammig, es werde wohl dem guten Mamsellchen auch nicht schmecken? Doch sie heuchelt unbesieglichen Durst, setzt heftig an, um noch heftiger absetzen und mit einem: pfui, wie abscheulich! den Inhalt weggießen zu können. Galt es der gefahrdrohenden Fliege? galt es den geschlossenen Augen, die sich öffnen sollten? Gleichviel; die Fliege wurde fortgeschwemmt, die Augen öffneten sich; die Lippen wollten es auch; glücklicherweise erstickten eindringende Tropfen des grünlichen Getränkes den schon zur ersten Silbe gebildeten Fluch. Dann erfolgte ein unwillkürliches Sprudeln, ein Griff nach dem Taschentuche, ein Abtrocknen des Mundes und der Wangen, ein halbes Sichemporrichten, endlich ein weites Aufreißen zweier großer dunkelblauer 74 Augen, die sich unter schwarzbraunen Locken vortrefflich ausnahmen.

»Wo Teufel kommt das Fuhrwerk her?« murmelte der Verschlafene, der noch zu träumen wähnte.

Caroline schilderte in zwei Worten die Situation und bat um gütige Zurechtweisung.

»Schwarzwaldau?« – Und eine Falte des Unmuthes zog sich über die jugendliche Stirn. – »Wieder zurück, dann g'rad aus!«

Kaum gesagt, warf er sich wieder in seine vorige Stellung, um nachzuholen, was er jetzt versäumt.

Caroline, die nicht wissen konnte, wie die von Thalwiese sich zu denen von Schwarzwaldau verhielten, fand sich sehr beleidiget. Um so mehr, je länger und aufmerksamer sie denjenigen betrachtet zu haben sich eingestehen mußte, der sie nur eines einzigen Blickes gewürdiget.

»Das ist Sie, mit Respect zu sagen, ein rechter Lümmel, mein gutes Mamsellchen!« versicherte der Kutscher, nachdem er erst umgelenkt und die Pferde wieder in Gang gebracht.

Als Agnes endlich den ersehnten Reisewagen aus der Dorfgasse in den Schloßweg einbiegen sah und ihrer Freundin bis an die unterste Stufe der breiten steinernen Treppe entgegen eilte, hatte diese 75 den Eindruck des Zusammentreffens am Waldsee noch nicht völlig verwunden. Sie klagte über Hitze, Staub, Müdigkeit, und bedauerte, sich der Freude des Wiedersehens nicht so lebhaft hingeben zu können, als sie gern möchte. Agnes führte die Theure in die für sie bestimmten Gemächer: »Hier, mein Linchen, erhole, erfrische, belebe Dich. Und frage ja nicht eher nach mir, als bis Du wieder Du selbst bist. Ich kenne nichts Dümmeres, wie wenn man sich in kindischer Ungeduld die Wonne erster Stunden durch Zwang verdirbt. Wer von langweiliger, einsamer Fahrt kommt, ist nicht aufgelegt zu schwatzen. Nimm keine Rücksicht auf mich. Hab' ich Dich ein Jahr lang erwartet, kann ich es auch noch eine Stunde. Nimm' Dir Zeit. Weiß' ich Dich doch unter einem Dache mit mir.«

Dabei verschwand sie aus Carolinens Zimmer und gönnte dieser, was sie bedurfte.

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