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Schwarzwaldau

Karl von Holtei: Schwarzwaldau - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchwarzwaldau
authorCarl von Holtei
year1856
firstpub1856
publisherExpedition des Albums
addressPrag / Leipzig
isbn
titleSchwarzwaldau
pages476
created20091220
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Drittes Capitel.

»Ich erwähnte schon,« fährt Franz wieder fort, »mit welch' kühnen Lebensansprüchen ich die Försterei verließ. Die niederbeugenden Erinnerungen an meine Schande waren verwunden, seitdem ich in Ueberlegung gezogen, daß sie sich an den Namen meiner Väter knüpften; daß das Gerücht, wenn es aus Mangel an pikanterem Stoffe zufällig auf meine Geschichte sich zurückwenden wollte, stets nur den jungen Baron Franz im Munde führen würde. Vom Jäger Sara wußten wenige Personen, daß er mit jenem Zuchthäusler identisch sei und diese hatten entweder gute Gründe, nicht davon zu sprechen, oder sie hatten ihn längst vergessen. Bis in diese Gegend zuverlässig war nichts gedrungen, was mich berühren könnte, so wähnte ich. Ein vollkommen Unbescholtener war ich in Schwarzwaldau und dieß Bewußtsein steigerte mein Selbstgefühl. Die Art, wie Sie mich empfingen und aufnahmen, trug wahrlich nicht dazu bei, mich herabzustimmen. Meine Eitelkeit empfand sehr wohl, welch' günstigen Eindruck ich durch mein Erscheinen auf Sie machte und ich verhehlte mir nicht, daß ich leichtes Spiel haben dürfte, mich Ihnen zu nähern und vorzugsweise vor allen 55 übrigen Dienern Ihre besondere Gunst zu erwerben. Nach diesem Geständnisse werden Sie seltsam finden, daß meinerseits weniger als nichts geschah, diese Auszeichnung, die Sie mir allerdings zu Theil werden ließen, noch zu steigern? Meine Erklärung dieses Räthsels lautet sehr einfach: ich verschmähte dieß. In den ersten Stunden meiner Anwesenheit hatte ich klar gesehen über Ihr Verhältniß zu der gnädigen Frau: ich war überzeugt, daß Sie in unglücklicher Ehe lebten. Nicht minder war ich es, daß Sie davon die Schuld tragen. Ich nahm Partei für Ihre Gemalin. Ich stellte mich auf die Seite der Unterdrückten. Ich fühlte Mitleid, Verehrung, Bewunderung, – ich begann sie zu lieben; ich liebe sie!«

Bei diesen Worten springt Emil zornig empor, kaum fähig, den Ausbruch seines Unwillens zu beherrschen.

Franz rührt sich nicht aus der bequemen Lage, die er am Boden eingenommen. »Sie begehrten die genaueste Erörterung,« spricht er; »ich gehorchte nur Ihren Wünschen. Gefällt es Ihnen nicht, weiter zu hören, so lassen Sie uns von dannen gehen.«

Emil's erste Aufwallung hat sich bald beschwichtiget. Langsam setzt er sich wieder zur Erde. Nach 56 einem Weilchen murmelt er: »Ganz recht; ich wünschte die Wahrheit zu hören; nimm keine Rücksicht auf diese Störung. Ich rege mich nicht mehr.«

Und Franz begann abermals: »Liebe sie mit all' der feurigen Gluth, die mich, um Luciens Besitz erkaufen zu können, in wahnsinniges Verbrechen trieb; liebe sie mit wildem Pulsschlage eines ungebändigten Herzens, welches vier Jahre des Zwanges in scheinbarfreiwilliger Entsagung überstanden hat und nun keinen Druck mehr dulden, keine Fessel mehr achten, sich selbst nicht mehr schonen will. Erhörung will es, Erfüllung, Gegenliebe, – oder aufhören zu toben, zu leiden, zu leben.«

»Weiß Agnes davon?« fragte Emil, der den jungen Mann und dessen an Raserei streifende Verzückung halb mit Abscheu, halb mit Wohlgefallen anstaunte.

»Was sie wüßte, könnte sie nur errathen haben durch jenen Scharfsinn, der wohl auch die tugendhafteste Frau nicht im Stiche läßt, wo es darauf ankommt, Wirkungen wahrzunehmen, welche ihre Schönheit hervorbringt. Ueber meine Lippen ist keine Silbe des Geständnisses gedrungen; sogar die Augen, damit sie nicht mehr sagen sollten, als ich entdecken will, schlage ich nieder, ihr gegenüber. Was 57 hilft es mir, daß sie ihren Gatten nicht liebt, daß sie von ihm nicht geliebt wird, – bis ich nicht weiß, ob sie groß genug denkt, feurig genug fühlt, mich anzuhören, nicht wie einen Dienstboten, sondern wie einen . . . .«

»Jungen Baron?« ergänzte Emil, nicht ohne Bitterkeit.

»Gewiß, Herr von Schwarzwaldau; den würde ich schon geltend gemacht haben, hielte mich nicht die Besorgniß zurück, eingestehen zu müssen, daß er sich im Zuchthause verlor, um als Jäger Sara wieder unter andere Menschen zu kommen. Da sitzt's! Deßhalb wollte ich gestern ein Ende machen. Ständ' es nicht so mit mir, – es gäbe vielleicht einen bessern Ausweg. Denn ganz ohne Hoffnung auf Erwiderung bin ich nicht! – bleiben Sie sitzen; ich bitte, stellen Sie Sich nicht an, als müßten Sie außer Sich gerathen! Warum sollen wir Beide noch Scenen mit einander spielen, die uns nicht aus der Seele kommen? Wer sich, wie wir, am Eingange in die lange finstre Höhle begegnete, . . . . Geben Sie Sich nicht die Mühe, zornig zu thun, über eine anmassende Aeußerung des Livreejägers, die Sie aus dem Munde des nächsten besten Grafen gleichgiltig anhören würden; sogar dann, wenn jener Graf mehr 58 dazu berechtiget wäre, als ich es vielleicht bin. Denn Sie machen Sich nichts daraus, ob eine Gattin, welche Ihnen fernsteht, einen Andern liebt! Nur möglichen Skandal fürchten Sie! Den haben Sie von mir nicht zu besorgen. Um Ihnen und ihr dergleichen zu ersparen, wollt' ich gestern das Feld räumen. Ich war der fortdauernden Verstellung satt und müde. Heute kommt es mir vor, als würd' ich das Leben wieder tragen können, seitdem ich wenigstens gegen einen Menschen nicht mehr zu heucheln brauche; und daß dieser Eine mein Herr, daß er der Gemal Derjenigen ist, die ich vergöttere, wirkt zu meiner Beruhigung mit. Versuchen Sie, auf gleiche Art Ihren Busen zu erleichtern. Auch Sie werden die Wohlthat empfinden, die volles Vertrauen gewährt; gestehen Sie mir, wodurch Sie zum Selbstmorde getrieben wurden! Es giebt kein besseres Mittel wider mögliche Rückfälle, als fortdauernde Nähe eines vollkommen Eingeweih'ten. Machen Sie mich dazu, – wenn ich Ihnen nicht zu schlecht bin, und wenn Sie das Mißtrauen besiegen können, als trachtete ich nach Ihren Geheimnissen, um Vortheil daraus für meine Leidenschaft zu ziehen.«

»Daß Du mir nicht zu schlecht bist, Franz, Deiner abhängigen, dienenden Stellung wegen, dafür 59 sollte Dir mein bisheriges Betragen gegen all' meine Untergebenen, gegen Dich insbesondere, schon Bürge sein. Ich habe Dich doch wohl mehr wie einen jüngeren Freund, als wie einen Livreejäger behandelt. Wähnst Du aber, Deine Bekenntnisse hätten Dich in meiner Ansicht verschlechtert, so bist Du zweifach im Irrthum. Was ist gut? was ist böse? Was sind wir Alle, jeder in seiner Art? Einem Menschen von Deiner Schulbildung darf ich des Dichters ernstes Wort citiren: ›Sehe Jeder wo er bleibe, und wer steht, daß er nicht falle!‹ Ich habe nie daran gezweifelt, seitdem ich denkend beobachten und beobachtend denken lernte; ja der gestrige Abend hat mich auf's Neue in dieser Ueberzeugung befestiget, und Deine Geständnisse haben ebenfalls dazu beigetragen: unsere geistigen Anlagen und Fähigkeiten, unsere sogenannten edlen und schlechten Triebe, unsere göttlichen Eigenschaften, unsere thierischen Leidenschaften, unser ganzes Seelenleben . . . . . . Alles ist ein Erzeugniß körperlich-individueller Organisation. Von dem Bau des Erdenleibes, von der Mischung unserer Säfte geht Alles aus. Wer dieß läugnen wollte, wäre ein Blinder, oder ein Thor. Wer dagegen läugnen will, daß wir mit einer freien Willenskraft begabt sind, Jene aus leiblicher Mischung hervorgehenden 60 Naturtriebe zu regeln, zu veredeln, zu beherrschen, ist ein Vieh, oder ein Verbrecher an Gott. Darüber sind wir einig. Nur über Eines bleib' ich im Dunkeln: in welchem Verhältnisse dieser angepriesene, geistig freie Wille zu eben jener leiblichen Mischung steht, deren Regungen er überwachen und bewältigen soll? Ob er nicht gleichfalls aus ihr entspringt und der größere oder mindere Grad seiner Kraft von ihr abhängig wird? Darüber scheinen Philosophen, Aerzte wenig; Theologen und Juristen nichts zu wissen, nichts wissen zu wollen und legen deßhalb Letztere in der Praxis an die verschiedensten Naturen einen und denselben Maaßstab, wobei sie, wie mir scheint, im Namen der Religion und des Gesetzes oft sehr ungerecht verfahren. Ich erkenne mich selbst genug, um in solche Härte gegen meinen Mitmenschen nimmer zu verfallen. Gegen Dich gewiß am Wenigsten. Deßhalb magst Du Dir die Frage und mir die Antwort ersparen, ob Du mir ›zu schlecht‹ seist? Auch Mißtrauen setz' ich nicht in Dich. Wenigstens in so fern nicht, als ich befürchtete, Du strebest mich auszuhorchen, damit Du dann auf freche Weise bei Agnesen geltend machtest, was Du mir über sie und mich abgelockt? Das besorg' ich nicht. Aber es giebt Dinge, die man nur dem innigsten Freunde, und 61 auch diesem nur mit heiliger Scheu enthüllen könnte. Mich zu schonen kommt mir nicht in den Sinn. Dir einzugestehen, daß ich mir viele, viele Vorwürfe nicht erlassen darf, wird mir nicht schwer fallen. Ueber Agnes laß' uns für jetzt schweigen. Welchen Antheil sie und ihr Wesen haben an meinem gestrigen Anfalle sündlicher Verzweiflung, – oder vielmehr an den ersten Keimen, aus denen er sich giftigem Unkraut ähnlich entfaltete, – das geziemt mir nicht auszusprechen. Am Wenigsten vor Dir, den ich wahrlich nicht gering schätze, den ich lieb gewinnen möchte, dem ich doch aber erst heute näher trat, – und der mir in's Angesicht zu sagen wagte, daß er meine Gemalin liebt! Ich liebe sie nicht, behauptest Du? Und dieser Dein Glaube gab Dir den Muth zu reden, – einen Muth, der unter andern Umständen ruchlose Frechheit heißen dürfte. Ich nenne es nicht so. Ich erkenne die Eigenthümlichkeit unserer Lage an; ich ehre Deine Ehrlichkeit; ich fühle mich nicht abgestoßen von Dir; im Gegentheil, mir ist zu Sinne, als könnten wir Freunde werden. Werden – sag' ich. Und wenn wir diesen einsamen Platz auch anders verlassen, als wir ihn betraten, so gehen wir doch heute noch wie zwei Menschen davon, die sich nur näher rückten, um sich erst 62 näher kennen zu lernen. Eine Gewißheit nimm heute schon mit Dir: wenn ich meine Frau nicht liebe, wie Du die Liebe verstehst, so ist sie mir gleichwohl über Alles werth und theuer; ist und bleibt sie der Gegenstand meiner unbedingten Verehrung; die sanfte, verständige, wohlwollende, nachsichtige Genossin meiner trüben Existenz; die großmüthige Dulderin und Erdulderin meiner wandelbaren Launen, meiner oft unerträglichen Verstimmungen: bleibt mir eine geliebte, angebetete Freundin. Wer sie kränkt, beleidiget, verletzt, der stirbt von meiner Hand, oder ich von der seinigen! Mag sein, daß ich sie nicht liebe! Ich thue mehr: ich erkenne sie; ich lasse ihr Gerechtigkeit widerfahren, – und mir auch! – Jetzt komme, Franz. Vor den Leuten wollen wir wieder Herr und Diener sein. Was wir uns werden können unter uns, mag die Zeit lehren.«

Indem Emil so sprach, reichte er dem Jäger die Hand. Dieser, der den Aeußerungen über Agnes mit feuchten Augen gelauscht hatte, zog die Hand an seine Lippen.

»Wie geschieht Dir?« fragte Emil.

»Ich hab' Ihnen Unrecht gethan; großes Unrecht. Habe Sie verkannt; Ihre Gesinnungen grundfalsch beurtheilt. Und deßhalb hab' ich mich und 63 meine Gefühle vor Ihnen herabgesetzt, weil ich Ihrer vermeinten kalten Selbstsucht nicht zutraute, daß Sie mich verstehen würden, wenn ich von einer höheren, reinen, mich läuternden Liebe zu Ihnen spräche! Nur Dieser gilt, was ich von Hoffnungen sprach . . . Jetzt darf ich es Ihnen sagen, ohne Furcht verlacht zu werden; jetzt, nachdem Sie mich gewürdiget, vor mir von Ihrer Gemalin zu reden, wie Sie geredet haben. Dank, tausendfältigen Dank dafür. Sie erwiesen mir eine große Wohlthat. Ich gehe minder unglücklich von diesem öden Raume fort; ich nehme eine Tröstung mit mir, die ich nicht schildern, nicht nachweisen kann, die ich darum doch nicht weniger preise. Ja, ich gehe besser fort: Neid, Groll, Haß, Trotz, verbissene Wuth gegen mich und Andere scheinen sich beschwichtigen zu wollen, – seitdem ich weiß, wie Sie von ihr denken.«

Emil sah ihm fest in die Augen: nein, Du heuchelst nicht! Du giebst Dich, wie Du bist und wenn Du bist, wie Du mir jetzt erscheinst, wirst Du bald das Rechte herausfinden! wirst mir die Möglichkeit gestatten, Dich um mich zu behalten; mich Deiner Gegenwart zu erfreuen; Dir hilfreich und förderlich zu sein auf jede Weise. Vielleicht war es gerade das, was mir fehlte? Vielleicht entbehrte meine 64 für Menschenwohl und brüderliche Freundschaft empfängliche Seele zunächst einen Gegenstand, auf den sie ihre Theilnahme, ihre Fürsorge richte, für den sie thätig wirken, und in dieser Thätigkeit Befriedigung gewinnen, mit dieser Befriedigung eine Leere ausfüllen kann, die müßiger Ueberfluß häufig hervorbringt? Vielleicht segnen wir Beide dereinst diese Stunde? Vielleicht . . . . . ?«

Und sie gingen schweigend neben einander her, in ernstes Nachsinnen vertieft.

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