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Schwarzwaldau

Karl von Holtei: Schwarzwaldau - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchwarzwaldau
authorCarl von Holtei
year1856
firstpub1856
publisherExpedition des Albums
addressPrag / Leipzig
isbn
titleSchwarzwaldau
pages476
created20091220
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Dreißigstes Capitel.

Emil hatte gethan, was in seinen Kräften stand, die unheimlichen Erinnerungen an den Todten durch lebendige Beweise aufrichtiger Neigung zu verwischen, Carolinens störende Einbildungen zu beschwichtigen und die beunruhigte Frau in den Zustand des Friedens zu versetzen, der einem gesunden Schlummer Förderung verspricht. Wie die Wärterin dem schreienden Kinde alle möglichen Spiele und Näschereien für den künftigen Tag zusagt, damit es nur endlich die Augen schließe und ihr gestattet sei, ihre Augen von dem lästigen kleinen Tyrannen ohne Verantwortlichkeit ab- und eigener häuslicher Beschäftigung zuwenden zu dürfen; so lullte und sang er sein großes 160 Kind, seine gewaltige Tyrannin mit süßen Weisen erlogener Liebe ein, indem er gelobte, morgenden Tages mit ihr gemeinschaftlich zu berathen, was ihrerseits geschehen könnte, die vergeblich auf Rache harrenden Manen Gustav's zu versöhnen. Sie entschlief in seinen Armen, mit schlaftrunkenen Sinnen und lallender Zunge ihn ›Gustav‹ anredend, wo sie ›Emil‹ sagen wollte; den Ermordeten mit dem Mörder verwechselnd. Emil schauderte zusammen, doch er hielt sich und zeigte nichts von Entsetzen. Er führte seine schwere Aufgabe durch, bis die letzten Küsse auf des ermatteten Weibes Lippen hinstarben ohne Erwiderung; bis sie leblos lag. Dann stellte er auch allerlei Versuche an, ob es auch schon der ›echte, rechte Reichenborn'sche Familienschlaf‹ sei, der sie überkommen? Einer nach dem andern fiel befriedigend aus. Zuletzt begann sie zu schnarchen.

»Der ganze Vater!« murmelte Emil, wendete ihr den Rücken, kleidete sich wieder an und eilte, wohin finstere Vermuthungen ihn zogen, in die Finsterniß hinaus, die sich aber, als er nur einige Schritte in ihr gethan, für ihn sogleich in eine, von Myriaden leuchtender Sterne erhellte Dämmerung umwandelte; so daß er jeden dürren Grashalm, jede abgeblühte Blume unterscheiden konnte.

161 »Zu Agnesens Grabe!« flüsterten die im Nachtwind sausenden Zweige der hohen Bäume; »Gustav's Geist, oder – den Andern? Du findest diesen wie Jenen bei ihrem Grabe, wenn Einer von Beiden auf Dich wartet!«

Die Bäume hatten gut flüstern, säuseln und geisterhafte Klänge lispeln. Emil wußte, wer seiner wartete; es konnte nur Franz Sara sein. Doch als unter den Thränenweiden am See nun wirklich die von Carolinen beschriebene Gestalt sich bewegte und mit dem heiseren Ausrufe: »bald hätt' ich die Geduld verloren!« einige Schritte vorwärts that, da stockte Emil's Blutlauf und seine Haare sträubten sich auf dem Kopfe, denn er wähnte, den Ermordeten vor sich zu haben. Doch Franz ließ ihn nicht in Zweifel, wer er sei:

»Nicht wahr, jetzt gleiche ich ihm entschiedener als sonst? Ich habe mir Bart und Haupthaar gefärbt, bin geschniegelt und gelockt wie er, trage mein Halstuch nach seinem Muster und befleißige mich seines Ganges! Es freut mich, daß Sie mich erkennen, werther College. Aber für Sie ist die Täuschung nicht berechnet. Sie gilt lediglich dem dummen Volke hier und in Thalwiese; denn ich habe verschiedene Gründe, mir die Leute möglichst weit vom Leibe 162 zu halten und das wird niemandem leichter, als dem Gespenst eines Verstorbenen; besonders wenn mit dessen Tode so allerlei kleine, pikante Nebenumstände verbunden waren, wie bei dem charmanten Herrn, auf dessen Namen ich umzugehen und zu spuken trachte. Nun, willkommen im deutschen Vaterlande, Emil! da Sie mir diesen freundlichen Gruß nicht bringen, so muß ich ihn zuerst aussprechen; es ist aber unhöflich von Ihnen.«

»Ich glaubte Dich in Amerika?« – weiter brachte Emil nichts heraus.

»Ich glaubte mich selbst schon dort! Ich dachte schon, wie Sie wissen, an meine Farmen, Blockhäuser und Heerden; dachte schon an die Namen, die ich meinen Besitzungen verleihen wollte; dachte und dachte. Doch wie der Berliner so richtig und tiefsinnig sagt: ›Dachte sind keine Lichte!‹ es ist ein großes Wort. Mein Licht ist mir ausgegangen und zwar in London. Ich machte daselbst nähere Bekanntschaft mit einem Ehepaare, dem ich bei der Ueberfahrt begegnet war. Es wollte auch in die neue Welt. Der Mann war schon einmal drüben gewesen, kannte die Gelegenheit, hatte sich ein junges Weib in Deutschland geholt und schlug mir vor, in Compagnie mit ihm zu treten. Er nahm meine Gelder in Verwahrung, traf die 163 Vorbereitungen zur Reise, besorgte die nöthigen Einkäufe und ich hatte unterdessen die Obhut über seine schöne Hälfte. Es war eben ein Compagniegeschäft; – wie dergleichen öfter vorkommt; Sie wissen – Nur mit dem Unterschiede, daß er sich heimlich einschiffte, mein Capital mitnahm und seine Frau mir überließ. Das ging, so lange es dauerte. Und als es nicht mehr gehen wollte, ging ich, und hier bin ich. Sehr erfreut, Sie frisch und munter zu finden. Doch ich bemerke mit Leidwesen, daß Ihre Freude über meine glückliche Ankunft größer sein könnte. Sie ließen mich lange hier auf sich warten und ich hatte doch schon vor Sonnenuntergang alle möglichen Zeichen und zuvorkommende Winke nach Ihrem Arbeitszimmer hinauf gegeben, wo ich Sie am Fenster sah?«

»Diese Winke hab' ich nicht bemerkt; habe Dich nicht gesehen.«

»Nicht? Ei, das überrascht mich! Was hat Sie dann veranlaßt, mich aufzusuchen?«

»Meine Frau sagte mir . . .«

»Ihre Frau? Sie sind zum Zweitenmale in den Stand der heiligen Ehe getreten? das ist sonderbar! Das ist, wenn Sie erlauben wollen, unbegreiflich! Nach Ihren Erfahrungen . . . doch darf ich mir erlauben, zu fragen, wer die Glückliche ist, die . . .«

164 »Seine Braut. Caroline Reichenborn wurde Frau von Schwarzwaldau.«

»Ach, mein Compliment! Das ist, was der Mann meiner lieben Frau in London den großen coup nannte. Vorzüglich! Sie haben Fortschritte gemacht während meiner kurzen Abwesenheit. Speculationen waren sonst Ihre Stärke nicht. Im Gegentheil, bei Geldsachen pflegten Sie immer den Kürzeren zu ziehen. Exempla sunt odiosa. Darum hegte ich einige Besorgnisse, meinen an Sie zu richtenden Forderungen dürften sich mancherlei Hindernisse entgegenstellen, die nicht so leicht zu beseitigen wären. Diese Besorgniß schwindet nun. Reichenborn's Schwiegersohn reitet auf einem großen Goldsack und er braucht diesem seinem Roß nur in's Maul zu greifen, so hat er volle Hände und kann ausstreuen nach allen Seiten hin. Sie werden einsehen, daß ich Geld brauche – und viel! In Europa kann und will ich nicht bleiben. So groß es ist, für uns Beide ist es gewissermaßen doch zu klein; wir würden uns immer wieder begegnen; danach sehnen Sie Sich nicht und mir liegt nichts daran. Auch sind meine schriftlichen Ausweise bei der übereilten Abreise von London etwas mangelhaft geworden, so daß eigensinnige Polizeibehörden daran mäkeln könnten. Für uns Beide ist es besser, 165 wenn ich meine Rolle als revenant so bald wie möglich schließe. Geben Sie mir dazu die Mittel und knickern Sie nicht. Was sind zehn- – sagen wir: fünfzehn Tausend Thaler für Reichenborn's Erben?«

»Ich gab Dir schon, über meine Kräfte. Du hast es schmählich vergeudet in wenigen Monaten. Jetzt bin ich selbst in drückenden Verlegenheiten und es ist noch gar nicht entschieden, ob Carolinens Vater sich bewegen läßt, mir beizustehen? Ich kann über solche Summen nicht gebieten. Ich habe sie nicht, – aber wenn ich sie hätte, ließe ich mir von Dir nichts mehr abtrotzen. Gehe, oder bleibe! Thu' was Du magst. Dein Kopf sitzt nicht fester, als der meinige. Ich fürchte Dich nicht!«

»Darüber läßt sich noch streiten, edler Gebieter. Wenn ich so dumm wäre, hinzugehen und bei Gericht zu deponiren: Ihr wünscht zu wissen, wer den jungen Thalwiese abgeschlachtet? Ich will's Euch entdecken: ich hielt ihn fest, mein Herr führte den Dolch und so weiter . . . nun, dann wär' ich passabel dumm, das ist klar. Denn mich würden sie gleich festhalten und dann erst auf Sie fahnden. So sehen Sie den Stand der Dinge an und deßhalb fürchten Sie mich nicht. Wie aber, wenn ich ein Briefchen einsendete, 166 ein Briefchen erst jenseits der großen Salzpfütze geschrieben, worin ich alle nöthigen Nachweisungen ertheilte, Punct für Punct auseinandersetzte, und den Herrn Criminalisten die ganze, schöne Begebenheit, sammt ihren bisjetzt unauflöslichen Widersprüchen erklärte? Meinen Sie nicht, daß Ihnen ein solches Briefchen Unbequemlichkeiten zuziehen müßte? Sie würden anfänglich leugnen, ich geb es zu. Doch auf die Länge verwickelt man sich; die Rechtsgelehrten wissen ihre Fragen so verdammt schlau zu stellen . . . und die gute Wirthin von Neuland würde nicht zögern, sich Ihrer liebevoll zu erinnern! Und Ihr Lohnkutscher . . . und die Postillone . . . und so fort bis Hamburg . . . Sie glauben gar nicht, wie neugierig so ein Untersuchungsrichter fragt, wie unermüdlich er forscht, wie ein Amt dem andern in die Hände arbeitet, wie naiv die Zeugen antworten, ach, und welchen Kummer es mir in fernen Landen verursachen würde, müßt' ich hören, oder gar lesen: meine armselige Feder habe solchen garstigen Brei eingerührt.«

»Auf Ehre, Franz; ich habe kein Geld; weiß keines aufzutreiben; war niemals ärmer als jetzt. Ich lebe in einer Abhängigkeit . . .«

»Na, das klingt besser, wie zuvor. Sie trotzen 167 nicht mehr; sind bereit guten Rath anzunehmen. So wollen wir denn unser gemeinschaftliches Interesse zwei vernünftigen Männern gleich wahrnehmen. Sie haben kein Geld? Ich glaub's Ihnen. Caroline wird welches haben.«

»Ich weiß es nicht!«

»Zuverlässig. Ohne Nothpfennig läßt ein Reichenborn seine einzige Tochter nicht vom Herrenschlosse in Schwarzwaldau Besitz nehmen. Sie wird doch eine Chatoulle mitgebracht haben? So eine aus altgebräuntem schweren Mahagonyholze gebaut, mit blanken Messingbeschlägen, künstlich versteckten Schlössern, nebst dazu gehörigem Schlüssel mit einem Barte, welcher den schönsten Hieroglyphen ähnelt. Wo diese Cassette steht, werden Sie wissen. Wo der Schlüssel liegt, werden Sie auskundschaften. Wie Sie dazu gelangen, wird Ihnen Ihr Talent sagen. Ist der baare Vorrath nicht genügend, so nehmen Sie zu Hilfe, was von Schmuck vorhanden. Richten Sie's geschickt genug her, an Schlössern und Schüben, daß Diebstahl durch Einbruch und Dietriche vermuthet werde. Morgen Nacht um diese Zeit bin ich wieder hier. Daß Sie nicht ausbleiben, dafür bürgt mein Briefchen in spe. Jetzt will ich mich aufmachen, mein Versteck zu erreichen: der Tag ziemt sich nicht 168 für Gespenster. Sie, mein süßer Neuvermählter, eilen Sie dem beglückenden Lager unserer Freundin Caroline zu!«

Emil blieb allein. Er lauschte ein Weilchen auf den im Gebüsche verhallenden Tritt seines ehemaligen Dieners. Dann warf er sich bei Agnesens Grabstein auf den Rasen und blieb liegen, wie ein Sterbender. Der furchtbare Zwang, den er sich um ruhig zu scheinen, anthun müssen, ließ jetzt auf einmal nach. Das volle Gefühl seiner Schande und Verworfenheit überkam ihn. Noch einmal bemächtigte sich seines Herzens eine dumpfe, trostlose Reue. Doch sie gelangte nicht zur rechten Herrschaft über ihn. Nach und nach gewannen böse, selbstsüchtige Regungen wieder die Oberhand und er fing an zu sinnen, wie er sich aus des Nichtswürdigen Krallen losmachen könne? Erst der frostige Hauch des heranbrechenden Morgens trieb ihn vom bereiften Grabe.

Carolinen fand er noch schlafend und er hütete sich wohl, sie zu erwecken. 169

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