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Schwarzwaldau

Karl von Holtei: Schwarzwaldau - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchwarzwaldau
authorCarl von Holtei
year1856
firstpub1856
publisherExpedition des Albums
addressPrag / Leipzig
isbn
titleSchwarzwaldau
pages476
created20091220
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Neunundzwanzigstes Capitel.

Es ist noch kein volles Jahr vergangen. Der mildeste, reinste Herbst schmückt Wald und Flur mit bunten Blättern, Früchten, Beeren. Herr und Frau von Schwarzwaldau gehen im Park umher, heute, seit ihrer Verbindung zum Erstenmale in ehelichem Zwiste begriffen, der aber nicht von ihnen ausgeht, sondern von Thalwiese herübergedrungen ist und sie, ohne ihr Zuthun, ergriffen hat.

Die Erwartung, daß der reiche Schwiegervater mit vollen Händen einschreiten werde, Emil's verworrene und seit seiner langen Abwesenheit nicht mehr in's Geleise gebrachte Geldverhältnisse zu ordnen; – eine Erwartung, die, wie wir nicht verschwiegen, auch ihren Antheil am Abschluß der Heirath mit Carolinen hatte, – ist noch nicht in Erfüllung gegangen. Wäre bald nach der Hochzeit ehrlich darüber gesprochen worden, oder noch besser: kurz vorher, gewiß hätte nicht die geringste Weigerung von Seiten Reichenborn's Statt gefunden. Doch das ist unterblieben; Emil hat von Woche zu Woche das peinliche Gespräch hinausgeschoben; und seitdem hat der sonst angebetete Eidam die Gunst des alten 151 Herrn verscherzt. Denn ach, das Gesuch um Verleihung des Adels, von Emil aufgesetzt, durch seine Freunde in der Residenz befördert, durch alte Gönner und Jugendgenossen seines verstorbenen Vaters bevorwortend eingereicht, ist abschlägig beschieden worden; und in einem so determinirten, dabei fast spöttelnden Style, daß jede Hoffnung für Gelingen eines zweiten Anlaufes abgeschnitten bleibt. Je sicherer Reichenborn sich auf des Schwiegersohnes Einfluß verlassen hat, um desto verdrüßlicher macht ihn dieser niederschlagende Ausgang und er hat mit der gekränkten Eitelkeit eines alten Mannes zu verstehen gegeben: wahrscheinlich wären die Anstalten zur Erfüllung seines sehnsüchtigsten Wunsches absichtlich vergriffen worden, weil man ihm den Adel nicht gönne! Ueber diese alberne Aeußerung hat Emil nicht ohne Bitterkeit gescherzt; Caroline hat solche Scherze, in des Vaters Seele hinein, übel genommen und es sind bei dieser Gelegenheit die garstigen Geldfragen im Allgemeinen zur Sprache gekommen. Caroline sieht ein, daß Emil sie und die Eltern über seine Vermögensumstände getäuscht habe. Er kann seine Verlegenheiten nicht mehr verheimlichen. Sie macht ihm Vorwürfe wegen seines Mangels an Vertrauen; er entgegnet: »Wenn man die 152 einzige Tochter eines anerkannt so reichen Mannes heirathe, verstehe sich die Hilfe durch den Schwiegervater von selbst und es sei nicht nöthig vor der Hochzeit diplomatische Verhandlungen darüber zu pflegen.« Sie leitet aus dieser Behauptung die Möglichkeit her, Emil habe wohl gar die Ehe nur jener unentbehrlichen Hilfe halber geschlossen? Darüber spielt er den Beleidigten, oder ist er es in der That? Und der schöne Herbsttag verdüstert sich für die Schloßbewohner Schwarzwaldau's.

Wunder genug, daß der Friede zwischen ihnen fast zehn Monate hindurch gedauert! – Bei diesem Zündstoff, diesem Kriegsvorrath auf beiden Seiten! – Nur Emil's feige Gewandtheit vermochte so lange den Ausbruch hinzuhalten.

Caroline ist so ganz und gar der lebendige Gegensatz von der verstorbenen Agnes. Wo diese nichts von ihrem Gemal begehrte, als ungestörte Ruhe und Selbstständigkeit, begehrt Caroline eben nur Gattin, Eheweib, Besitzerin ihres Mannes zu sein. Wo Agnes in jungfräulicher Kälte nichts zu entbehren schien, was ihr versagt wurde, da fordert Caroline und macht ihre Rechte so lebhaft geltend, daß Emil, der ›das Joch der Liebe‹ freundlich zu tragen strebt, im Stillen doch nicht selten die Heirath 153 verflucht. Freilich aber genügt ein Rückblick auf seine schwarze That, ihn mit neuer Geduld auszurüsten und er seufzt in (oftmals schwererrungener) Einsamkeit: »Besser noch, ich beuge den Nacken unter's Joch, als über den Henkerblock.«

Deßhalb kommt es auch dießmal zu keiner Widersetzlichkeit; er fügt sich bescheiden; gesteht in Demuth sein Unrecht ein; und erkauft, theuer genug, durch erzwungene Zärtlichkeiten seiner Gemalin huldreiches Versprechen: sie werde mit Papa reden, um zu sehen, was sich thun lasse? Auch gelobt er heilig, Alles aufzubieten, daß ein zweites Gesuch glücklicher wirke und vielleicht doch das Adelsdiplom noch errungen werde?

Als er sich aus den Armen der endlich versöhnten Frau gewunden, begab er sich an den Schreibtisch, wo er Briefe über Briefe aufsetzte, die zu diesem Zwecke für die Residenz bestimmt waren. Wobei er in kaum verhaltener Wuth murmelte: »Welch' ein alter Esel, mein Schwiegervater! Wie dumm, ein neugebackner Edelmann werden zu wollen, ohne den einzigen Entschuldigungsgrund, daß er etwa einem Sohne mit vielem Gelde zugleich einen Schatten von Rang hinterlassen möchte! Mit ihm sterben, wenn wir ihn dazu machen, die Thalwiese's aus! 154 Er soll sich vorsehen! Er soll mich nicht auf's Aeußerste bringen, durch seine Zähigkeit, der alte Filz! die letzten Thalwiese sind nicht sicher vor mir. Sein Vorgänger starb von meinem Dolche; . . . ich muß wider Willen fortwährend an Franz denken, und an seine Hamburger Abhandlung über meinen Schauder vor Blut; wie er von dem Tode durch Gift redete . . . . Heiliger Gott, wohin gerath' ich?« –

Und er warf sich vor dem Schreibtisch wie vor einem Altar auf die Kniee und betete: »Vergieb mir die Sünde, barmherziger Schöpfer!«

Aber die Gedanken an Franz wollten nicht von ihm weichen. Seitdem er den gefährlichen Vertrauten vor einem Jahre zum Hafen geleitet, hatte er ihn nicht mehr so lebendig im Sinne gehabt, hatten sich ihm die gefürchteten Züge des Frechen nicht so aufdringlich vor die Seele gestellt, als an diesem Abend. Den unwillkommenen Gast seiner Phantasie zu verscheuchen, begab er sich vom Schreibetische nach dem Gartensaale, wo sie den Sommer über, bei offnen Flügelthüren, Thee getrunken, wo es Carolinen besser gefiel als sonst im ganzen Schlosse, von wo der Herbst sie noch nicht vertrieben, ja wo sie sich am Liebsten auch über Winter eingerichtet haben würde, hätten die Ofensetzer nicht erklärt, daß 155 sie den großen Raum zu durchwärmen sich nicht anmaßten. Es war ein großes Gefilde, dieser Saal, hineingebaut in den Park, mit Glasthüren versehen, die eigentlich nur Fenster waren und mit Fenstern, die man Glasthüren nennen durfte, denn es wäre ein Leichtes gewesen durch sie geraden Schrittes in's Grüne zu gelangen. Caroline hatte die Leere des öden Raumes, der dunkeln glatten Marmorwände mit Wäldern von Blumen und Gesträuchen füllen und bedecken lassen, die in blendend weißen Geschirren auf hohen Gestellen hübsch gruppirt günstigen Eindruck und den ursprünglich für ausgebreitetes Familienleben angelegten Aufenthalt auch für ein kinderloses Paar behaglich machten. Dort in der Dunkelstunde sie zu finden, darauf durfte der von bösen Gedanken und schwarzen Bildern Beängstigte sich verlassen. Und fürwahr: seine Gedanken mußten recht schlimm und die Bilder sehr schwarz sein, sollten sie ihn wiederum zurückscheuchen an die Seite Derjenigen, an die er sich, – was er vor wenigen Stunden erst so bitter empfunden! – an die er sich verkauft hatte, ohne doch durch den Handel sich aus allen Bedrängnissen befreit zu sehen. Zu seinem Troste fand er sie dießmal wenig geneigt, ihn entgelten zu lassen, welche Rechte sie an ihn habe. Auch sie schien Gedanken 156 hingegeben, die nicht der unmittelbaren Gegenwart gehörten; auch sie beschäftigte sich mit Bildern der Vergangenheit, auch in Trauerflor gehüllt, auch von Blut gefärbt. Sie war – bei Gustav. Bei dem einst Geliebten, dessen sie nicht ein einzigesmal Erwähnung gethan, seitdem sie in Schwarzwaldau lebte; den zu nennen, sie absichtlich vermieden. Heute empfing sie ihren Gemal mit der wunderlichen Versicherung: der Ermordete sei ihr erschienen; sie habe hier sitzend dem Spiele der gelben Blätter zugeschaut, die der Wind über den Rasen jagte und habe dabei, wie man so wachend träumt, goldene Münzen vor sich zu erblicken gewähnt, weil sie nachgesonnen, auf welche Weise sie den Vater am Leichtesten bewegen werde, Zahlung zu leisten; . . . »da ging er, jenseits der großen Wiese, den Thränenweiden zu, unter denen Agnes begraben liegt. Ich erkannte ihn deutlich, obwohl der Tag sich schon neigt; seine Gestalt hob sich auf dem Spiegel des See's scharf hervor. Er wendete sich dem Schloße zu und machte eine drohende Geberde hier herüber. Dann verschwand er hinter den Weimuthskiefern.«

»Thorheiten!« sagte Emil.

»Warum? Kann er's nicht in Wahrheit gewesen sein? Du weißt, ich glaube nicht an Gespenster, 157 die Mehreren zugleich einen groben sinnlichen Spuk vorgaukeln. Wir sprachen oft über die Unmöglichkeit solcher Dinge. Aber ich glaube an die Fortwirkung abgeschiedener Seelen auf die unsrigen. Glaube, daß es bisweilen in ihrer Macht liegt, uns Mittheilungen zu machen, welche sich in Gestalt äußerlicher Erscheinungen kleiden, während sie doch von unserm Innern ausgehen.«

»Und da hätte Dein – Bräutigam bis heute warten sollen? Und warum gerade heute?«

»Weßhalb nicht? Kann er mir nicht einen Wink geben wollen, daß immer noch zu wenig geschehen sei, die Mörder zu verfolgen? Daß vielleicht jetzt Zeit und Gelegenheit günstig sind, sie zu entdecken?«

»Redest Du im Ernst, Caroline? Glaubst Du an Dein ›Weßhalb?‹ Ich denke, Du machst Dir einen Scherz, meine Leichtgläubigkeit auf die Probe zu setzen?«

»Nichts weniger! Mich erfüllt im Gegentheil die bestimmte Ahnung: es wird uns gelingen, in den nächsten Tagen, eine sichere Spur aufzufinden und ich rechne auf Deine Beihilfe.«

»Auf diese kannst Du rechnen,« sagte Emil mit einer Festigkeit, über welche er selbst sich erstaunen 158 fühlte. »Verfolgen will ich jede Spur, die sich darbietet, – aber finden mußt Du sie. Ich wüßte keine zu suchen.«

»Hatte, was ich zu sehen gewähnt, tiefere Bedeutung; war es nicht ein leeres Spiel getäuschter Augen, dann wird Suchen und Finden leicht; dann zeigt er mir den Weg.«

Sie sprachen noch lange für und wider, bis sie zu Bette gingen.

Caroline besaß, – eine Mitgift ihres Vaters, – den gesegneten Schlaf, dessen Jener sich erfreute. Sie konnte lange wach bleiben, wenn geistige, oder sinnliche Aufregungen sie belebten. Aber gab sie sich erst dem angeborenen Bedürfnisse hin, so schlief sie fest und unerwecklich. Kanonenschüsse, vor ihrem Lager losgebrannt, hätten sie nicht munter gemacht, ehe die Natur empfangen, was sie an Ruhe bedurfte. Diese Eigenschaft kannte Emil hinreichend. Sie war ihm zu Statten gekommen für manche Nacht, wo er sich vom Lager wegstahl, um nach alter Weise sein eigener Herr zu sein und nicht den Athemzug eines andern Wesens neben sich zu hören. Auf diese Stunden verwies er auch heute seine Ungeduld, die weit entfernt an einen Wink aus der Geisterwelt 159 zu glauben, die Veranlassung der Vision anders erklärte:

»Mit Boten aus jener Welt dürft' ich schon fertig werden; wenn es nur nicht ein Besuch aus dem Theile der Erdenwelt ist, die man die neue nennt! Wenn es nur nicht – –?« Er sprach den Namen nicht aus. Er zitterte schon, ihn nur zu nennen.

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